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Der Mitläufer und vierundzwanzig weitere, oft politische, Imagenationen, spielen mit der Realität. Ist diese Wirklichkeit, oder doch nicht eher die Imagenation von den Phänomenen, den Dingen, ja gar den Ideologien. In der Imagenation wird die Wirklichkeit sichtbar, davon ist Quentin überzeugt.
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Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Meinen Kindern
Danny, John,
Mirjam, Girlvina,
Reymart, Elizabeth,
Stephanie und
Quentin jr.
gewidmet
Der Zahlenfresser
Der Ertaster
Der Nichtschwimmer
Der Mitläufer
Die Heimatfremdlerin
Die Akute
Der Machtlose
Der Reaktionär
Der Zwitscherer
Die Populisten
Die Grenzenlose
Das Burgfräulein
Der Patriot
Der Wortwäscher
Die Neun
Der Effizente
Die Baummenschen
Der Heuchler
Die Große
Der Empörer
Der Feigling
Der Erklärer
Der Wesentliche
Die Konferenz der Münzen
Der Handwerker
Quentin Quencher
Der Zahlenfresser ernährt sich von Zahlen, er ekelt sich vor allem, was nicht aus Zahlen besteht. Nur Zahlen möchte er verdauen. Aber davor hat er auch Angst, werden die Zahlen nämlich verdaut, lösen sie sich in ihre Einzelbestandteile auf und ergeben dann keinen Sinn mehr für ihn. Täglich steigt er auf die Waage und hat er ein wenig Gewicht zugelegt, beginnt er sich zu verachten. Von welchen Zahlen kommt der Speck oder waren wieder Wörter dabei? Wörter machen fett. Er untersucht seine Exkremente um herauszufinden, ob aus Zahlen Wörter geworden und verdaut worden sind. Findet er die Zahlen in den Exkrementen wieder, beruhigt ihn das ein wenig, doch ein paar sind verschwunden und wurden verwandelt und verdaut.
Aber er weiß auch, dass viele Zahlen mit Wörtern verunreinigt wurden, er kann noch so vorsichtig sein, irgendein Wort schleicht sich immer mit ein. Am schlimmsten sind gemeinsame Essen, in der Kantine kann er noch ohne großes Aufsehen die Zahlen von den Wörtern trennen, schlimmer wird es bei festlichen Zusammenkünften. All diese Vorspeisen und Getränke, höchstens als Dekoration sind noch Zahlen verwendet. Nur Wörter, Wörter, Wörter, schon der Gedanke daran lässt in ihm Ekel aufkommen.
Was sind das nur für traurige Gestalten, man sieht doch schon auf den ersten Blick, wie fett sie von den Wörtern geworden sind! Statt auf die Klarheit und Reinheit der Zahlen zu vertrauen, verschlingen diese Worte ohne sich der Gefahren bewusst zu werden.
Der Zahlenfresser ist Atheist, was soll man denn auch von einer Religion halten, die immer nur vom Wort faselt, sogar davon, dass am Anfang das Wort sei. Wenn es einen Gott gibt, dann ist es die Null, nur sie kann alles vernichten.
Der Ertaster ist nicht blind, im Gegenteil, er hat gute Augen und beobachtet sehr genau. Nur traut er seinen Augen nicht. Was wird ihm da nur wieder vorgegaukelt? Er will es fühlen, schmecken, riechen. Der Ertaster hat einen festen Tritt, dort wo er sich hinstellt, spürt er den Boden, er gibt ihm den Halt, den seine Arme und Hände brauchen um sich seine Umgebung zu ertasten. Böse Zungen behaupten, der Ertaster wäre eigentlich eine Pflanze, eine Schlingpflanze wie die Erbse, die ihre Ranken kreisend aussendet um zu erfühlen, an was sie sich fest halten könnte, um sich daran empor zu ziehen.
Nur was der Ertaster fühlen und fassen kann, ist wahr. All diese Illusionen die das Auge vorgaukelt, kürzlich hörte er, wie jemand nach den Sternen greifen wollte, so ein Blödmann, Sterne gibt es nicht, noch nie hat sie jemand betreten. Jeder der seine Hände danach ausstreckte, ist am Ende kümmerlich verreckt.
Der Nichtschwimmer liebt das Wasser und geht nie ohne seine Schwimmhilfe aus dem Haus. Diese hat er sich so anfertigen lassen, damit man nicht sieht, dass er eine trägt. Man muss sie sich etwa wie ein Furzkissen vorstellen, mit dem die Kinder auf ihren Partys ihren Spaß haben. Gleich einer Prothese trägt er diese Schwimmhilfe über der Schulter und der Brust und sobald er mit Wasser in Kontakt kommt, bläst sie sich auf, dann sieht er aus wie ein Gorilla. Deswegen musste er sich auch entsprechend lockere elastische Kleidung zulegen, um seine Größe, die ja ganz schön zunimmt, wenn er aufgeblasen ist, fassen zu können.
Es sind Zitate, irgendwo hat sie der Nichtschwimmer gefunden und sich angeeignet, mit denen er seine Schwimmhilfe füllt; sie geben ihm den nötigen Auftrieb, die Sicherheit sich im Wasser behaupten zu können. Dort stand dieses, hier wurde jenes berichtet. Er kennt sie alle auswendig und hat sie entsprechend programmiert, um sie in bestimmten Situationen aktivieren zu können. Wasser ist nämlich nicht immer gleich Wasser. Manches hat eine größere Dichte oder Temperatur, verschiedenen Salzgehalt, manches ist trübe anderes klar. Für jedes Wasser findet er die passende Füllung seiner Schwimmhilfe.
Nur vor Flüssen hat er richtig Angst oder überhaupt vor Strömungen. Dann wird er mitgerissen, er kann nicht dagegen ankämpfen, denn Schwimmen hat er nie gelernt. Da nützt alles aufblasen nichts, es macht es nur noch schlimmer.
Der Mitläufer trägt einen irreführenden Namen, er kann nicht laufen, wahrscheinlich hat er gar keine Beine. Genau weiß man es nicht, denn er trägt einen Umhang, oder einen Rock, der bis zum Boden reicht. Manche vermuten Beine darunter, doch laufen sehen, das hat ihn noch nie jemand. Vielleicht ist es nur der Rock oder der Umhang, der ihm eine gewisse Stabilität verleiht, dass er nicht umfällt. Bewegen kann er sich damit allerdings nicht. Doch Arme hat er, zwanzig Stück. Die sind elastisch und können bis zu mehreren Metern lang sein und an deren Enden befinden sich Saugknöpfe. So ähnlich wie beim Tintenfisch. Damit hält er sich bei denjenigen die Beine haben fest, bei denen die laufen können.
Doch er ist sehr misstrauisch, nicht überall hält er sich fest. Er könnte in eine Richtung gezogen werden, die ihm nicht behagt. Es ist allerdings nicht die Richtung selbst, die er beurteilt und nach der er seine Haltepunkte auswählt; von Richtungen hat er keine Ahnung, ihm kommt es auf die Dichte an. Es ist ja das Problem mit diesen Leuten, die die Beine haben, dass sie sich von der Masse manchmal entfernen, und dann, da sie nun allein sind, vielleicht stolpern und hinfallen. Was könnte er tun, hätte er sich an so jemanden ran gehängt? Da er keine Beine hat oder sie zumindest nicht zu benutzen weiß, müsste er irgendwo verhungern oder verdursten, weil er sich von seinem Platz allein nicht fort bewegen kann. Allen möglichen Gefahren wäre er schutzlos ausgeliefert.
Nur in der Masse, wenn Viele dicht beieinander stehen, oder wenn Viele in die gleiche Richtung laufen, dort fühlt er sich geborgen. Sein einziges Kriterium bei der Auswahl seiner Haltepunkte ist deshalb Redundanz. Viele müssen es sein, sie müssen sich gleichen und falls eine Bewegung erkennbar ist, müssen alle in die gleiche Richtung gehen. Welche Richtung, das ist egal, Hauptsache gleich. Nur aus diesem Grund, wegen der Redundanz, hat der Mitläufer so viele Arme. Und auch deswegen braucht er die Dichte; er wird von der Masse, dort wo sie am dichtesten ist, geradezu magisch angezogen. Nur da findet er die vielen Haltepunkte, die ihm letztlich die Sicherheit geben, nach der er begehrt.
Sollte er fühlen, dass einer seiner Haltepunkte sich anschickt auszuscheren, die Richtung der Masse zu verlassen, dann zieht der Mitläufer seinen Arm ganz schnell zurück. Zu groß ist seine Angst davor, den Kontakt zur Masse zu verlieren. Dieses Loslassen macht ihm nichts aus, die Bindungen, die er eingeht, sind nie emotional, sie dienen nur der eigenen Sicherheit. Schnell hat er einen anderen Haltepunkt gefunden, einen der genau wie die neunzehn anderen ist.
