Der Müßiggänger - Christian Günther - E-Book

Der Müßiggänger E-Book

Christian Günther

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Beschreibung

Arbeiten? Warum eigentlich, wenn man Hartz IV beziehen und in der Villa der Eltern wohnen kann? 'Der Müßiggänger' erzählt die Liebesgeschichte eines nicht mehr ganz jungen 'Privatiers', der wieder bei den Eltern eingezogen ist und in den Tag hinein lebt. Als Rainer sich dann jedoch Hals über Kopf in Jenny, eine junge Studentin, verliebt, verändert sich mehr, als ihm eigentlich lieb ist.

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Inhaltsverzeichnis

I Sommer

1 Schwimmbadgespräche

2 Privatier

3 Ein Tag im Leben des Rainer Dieterowitsch

4 Entspanntes Schweigen

5 Ljubóv

6 Möbelpacker

7 Wohngemeinschaften

8 Call me

9 Goodbye – Hello

10 Im Supermarkt

II Frühling

11 Anstandsbesuch

12 Pfannkuchen

13 Der Kurier des Zaren

14 Baba

III Wieder Sommer

15 Im Halbfeld

16 An der Leine

17 Tannhäuser

18 Nachtportier

19 Regrediert

20 Exe

IV Wieder Frühling

21 Leuchten

I Sommer

1 Schwimmbadgespräche

Ich parkte den Mercedes meines Vaters vor dem Arbeitsamt und ging in das Hochhaus hinein. Im Treppenhaus waren Fangnetze gespannt. In der langen Schlange, die sich vor der Annahme gebildet hatte, taten alle so, als seien sie erfolgreiche Arbeitnehmer und bestens integrierte Mitglieder der Gesellschaft. Ständig sahen sie auf ihre Armbanduhren und blätterten in Terminkalendern, um zu zeigen, was für viel beschäftigte Leute sie waren. Einige sprachen im Business-Ton in ihre Handys, andere reihten Bluff-erfahren in kleinen Gesprächen gekonnt Wörter wie „Arbeitsmarktnische“, „Bewerbungsprofil“ und „Promotionsstipendium“ aneinander.

Als ich nach einer dreiviertel Stunde an der Reihe war, sagte mir die Angestellte, ich solle mich in den Wartebereich setzen. Nun konnte ich die Schlange von der Seite betrachten. Es wäre ganz gemütlich gewesen, wenn mich die Lautsprecheransagen von Namen und Zimmernummern nicht immer wieder aufgeschreckt hätten.

Schließlich hörte ich meinen Namen und machte mich auf die Suche nach Zimmer 23. Als ich es gefunden hatte, klopfte ich an die Tür. Niemand antwortete. Ich klopfte noch einmal. Wieder kein Laut. Vielleicht hatte sich der Arbeitsberater gerade so in einen Zwischensnack verbissen, dass er nicht mal ‘Papp’ sagen konnte. Behutsam öffnete ich die Tür: Das Büro war leer. Ich schloss die Tür wieder und lehnte mich an die Wand. Erneut wurde mein Name durchgesagt. Also klopfte ich noch einmal. Diesmal rief jemand von drinnen „Herein“. Der Arbeitsberater saß auf seinem Drehstuhl, als hätte er schon immer da gesessen.

„Wo bleiben Sie denn? - Setzen Sie sich!“ Über Tränensäcken fixierten mich gerötete Augen. Seine Haut war gräulich und das Toupet leicht verrutscht. „Zeigen Sie mir mal die Bewerbungsschreiben, die Sie seit unserem letzten Termin verschickt haben.“

„Tut mir leid, die hab’ ich nicht dabei.“

„Was soll denn das?“ fuhr er mich an und bleckte seine kaffeebraunen Zähne. „Sie beziehen doch nicht erst seit gestern Hilfe zum Lebensunterhalt, Sie wissen doch, dass Sie uns Ihre Bemühungen um Arbeit nachweisen müssen.“

„Ich dachte, die Ablehnungsbescheide reichen.“ Ich begann, in meiner Papp-Mappe herumzukramen. Ich kramte und kramte - in der Hoffnung, er werde irgendwann abwinken. Aber er wartete. Als ich ihm schließlich doch noch ein Firmenschreiben aushändigte, warf er nur einen kurzen Blick darauf und ließ es dann wieder in meine Richtung segeln.

„Pressesprecher des Flughafens Köln/Bonn“ Verächtlich stieß er Luft durch seine polypenverstopfte Nase. „Sie haben doch keinerlei Erfahrung in diesem Bereich.“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Nein, so geht das nicht“, stellte er fest. „Wir lassen uns von Ihnen doch nicht veräppeln. Sie wissen, dass wir Ihnen die Bezüge sperren können, wenn Sie sich nicht bemühen. Also werden Sie mir am fünfzehnten kommenden Monats in mindestens zehn Fällen detailliert nachweisen, welche Anstrengungen Sie unternommen haben, um Arbeit zu finden.“

Er fasste dies als Ergebnis unseres Gesprächs schriftlich zusammen, druckte es aus und ließ es mich unterschreiben.

Vor dem Arbeitsamt waren Strafzettel wegen Falschparkens verteilt worden. Ich knüllte das Knöllchen zusammen, ließ das Schiebedach zurückschnurren, schaltete das Radio ein und gab Gas. Zu den Klängen von ‘Good Vibrations’ glitt ich im leise rauschenden Automatik-Benz durch die sommerheiße Stadt in Richtung Schwimmbad. Der Fahrtwind umwehte mich angenehm, und ich freute mich auf meine Freunde.

Es war nicht leicht, in der Nähe des Freibads einen Parkplatz zu finden, auf dem einem die überall herumschwirrenden Politessen nicht gleich ein Knöllchen verpassten. Seit Wochen trieb das heiße Wetter die Leute in die Schwimmbecken: Lückenlos reihten sich die abgestellten Autos der Badbesucher aneinander. Schließlich parkte ich den Wagen in einer abgelegenen Seitenstraße und begann, über den klebrigen Asphalt zu schlappen.

Das Freibad lag in einer Senke zwischen zwei baumbestandenen Hügeln. Schon von weitem war das Gekreisch der Badenden zu hören. Inmitten hübscher Mädchen, versponnener Studenten, Kühltaschen schleppender Väter, ermahnender Mütter und aufgeblasene Krokodile tragender Kinder schob ich mich durch das eiserne Drehgestänge. Schnell zog ich mich um. Auf den meisten Spannerlöchern in meiner Umkleidekabine klebte Kaugummi, die anderen waren, soweit ich erkennen konnte, unbesetzt. Nicht dass ich mir viel daraus gemacht hätte. In meiner pinken Bermuda und mit schnalzenden Flip-Flops machte ich mich auf den Weg zu unserem Stammplatz. Kichernd Fritten essende Bikini-Mädchen kamen mir vom Imbiss entgegen. Ich kaufte mir zehn saure Zungen am Kiosk und schob mir gleich eins der Fruchtgummis rein. Mann, war das sauer. Supersauer! Supergut. Dann fiel mir ein, dass ich meine Wertsachen noch verstauen musste. Also ging ich nochmal zurück, brachte sie im Schließfach unter und band mir den Schlüssel ums Handgelenk. Als ich am Sprungturm vorbeiging, legte ein Fetti gerade eine Arschbombe hin, um ein paar Mädchen am Beckenrand nasszuspritzen. Er schaffte es, und die Mädchen kreischten auf. Ich stieg die schattenlose Hangwiese hinauf: Gutgeölt ließen sich hier die Sonnenanbeter sardinenmäßig grillen. Drei oder vier Oben-Ohne-Mädchen heizten mir auf dem schweißtreibenden Anstieg zusätzlich ein.

Unser Stammplatz unter einem der Ahornbäume war noch frei. Von hier aus hatte man einen exzellenten Blick auf die gesamte Anlage. Ich legte mein Handtuch aus und schaute zur großen Uhr am Rand des 50-Meter-Beckens. Es war noch vor zwölf. Pitt und Back würden erst innerhalb der nächsten Stunde eintrudeln. Zeit, sich abzukühlen! Ich lief den Hang hinunter. Wunderbar, wie die Wassertropfen, die mir aus dem Duschkopf entgegenfielen, gegen den blauen Himmel glitzerten - ein Schock, wie kalt sie waren! Erfrischt hechtete ich mich ins Wasser und tummelte mich darin wie ein Seehund. Verspielt tauchte ich schönen Mädchen hinterher, schlug nahezu schwerelos unter Wasser Saltos und versuchte mich platschend im Delphin-Stil.

Später lag ich auf meinem Handtuch in flirrendem Halbschatten, lutschte an einer sauren Zunge und schaute zum Himmel hinauf. Wenn ich, ohne zu blinzeln, lange ins Blau hineinstarrte, schienen sich dort oben weiße Punkte wie Schneeflocken zu lösen und herabzufallen.

Strahlend blauer Himmel, ich saß im Schatten, Palmen rauschten über mir im heißen Wind, von Zeit zu Zeit fiel die pinkfarbene Blüte einer Bougainvillea in meinen Swimming Pool. Nun setzte ein Groove ein. Vor den Arkadenbögen meiner Villa schlenderten meine Backgroundsängerinnen auf hochhackigen Schuhen entlang. Bis auf ihre Tangas waren sie nackt. Ein schräges Sample erklang. Das war meine Musik. „All da bitches in da house?“, rief ich mit tiefer Stimme zu ihnen hinüber und zog an meinem Joint. Jetzt bewegten sie ihre geilen schwarzen Ärsche im relaxten Rhythmus meines Songs. „Yeah! Yeah!“ Meine beiden Lieblingsfrauen kamen auf mich zu. Ihre Brüste erzitterten leicht bei jedem ihrer Schritte. Ich schaute an meinem Körper hinunter: I’m black and I’m proud - yo! Tricia schob ihre Sonnenbrille in ihr geglättetes Haar, schmiegte sich an mich und kraulte meine dicht gekräuselte Brusthaarmatte. Sie kühlte ihren heißen Busen an meinem dicken Bizeps, ich liebte ihren Geruch. Jetzt steckte mir Latifah ihre rosafarbene Zunge in den Mund, sie wusste, dass ich ganz wild nach ihrem Geschmack war. Gleichzeitig spielte sie mit meinen Amuletten, einem Stück Stoff aus Afrika, das nie gewaschen wurde und einem Bild von der Madonna mit Kind.

Es platschte, und glitzernd spritzten Wassertropfen in den Himmel. Einen Augenblick lang standen sie still, dann fielen sie in einem prasselnden Schauer auf die Wasseroberfläche.

Ich hatte mich gerade umgedreht, um ‘Die Brüder Karamasow’ weiterzulesen, eine Schwarte, an der ich schon den ganzen Sommer über knabberte, als plötzlich zwei Füße neben mir auftauchten. Weil auf ihnen jede Menge dicke, schwarze Haare wuchsen, erkannte ich sie gleich als die meines Sandkastenfreundes Pitt.

„Weg mit dem Buch! Ist doch sinnlos. Und wenn schon, dann steig auf Hörkassetten um wie ich.“ Pitt war gut gebräunt, und seine Pläte spiegelte wie poliertes Mahagoni. Vom Kopf waren ihm die Haare auf die Brust gewandert. Wir nannten den Teppich da nur seinen ‘Flokati’.

„Na, du Tier.“

Pitt hockte sich bequem hin und drehte sich erstmal eine Zigarette. Genussvoll rauchend fragte er, wie es beim Arbeitsamt gelaufen war. Ich erzählte ihm von den Auflagen, die mir der Vermittler gemacht hatte. „Das kriegen wir schon hin“, meinte Pitt und musterte mich durch seine runde Brille mit seinen veilchenblauen Augen. „Ich kann dir ein paar Adressen von Läden geben, die dir den Eingang deiner Bewerbung sofort bescheinigen und dann schön schnell ablehnen.“

„Willst du nicht ins Wasser?“ fragte ich.

„Das hat Zeit.“ Gelassen ließ er den Blick über den Trubel schweifen. „In Italien gibt’s eine Organisation, die sich ‘Die glücklichen Arbeitslosen’ nennt. So was müsste man auch in Deutschland gründen. Die würden in deinem Fall dann den ganzen Bewerbungsscheiß für dich erledigen.“

„Krass.“

„‘Günter Krass’, würd ich sogar sagen.“ Pitt schmunzelte, wobei sich die niedlichen Grübchen in seinen B äckchen tiefer eindellten.

Eine Mutter kam mit ihrem nackten Töchterchen zu unserem Baum gelaufen, hob die Kleine hoch und hielt sie so, dass sie in schönem Bogen gegen den Stamm pinkeln konnte.

„Die Kleinen haben’s gut“, sagte ich. „Die müssen nicht in diesem stinkenden Klo strullen.“

„Wer geht denn hier überhaupt aufs Klo? Was meinst du, was ich gleich im großen Becken mache?“ scherzte Pitt.

„Ich hab gehört, Urin soll Haie anlocken. Das wär doch für Pinkler das Aus, wenn man hier ein paar Haie ...“

„Gute Idee. Ich sprech gleich mal mit dem Bademeister.“ Pitt legte seine Brille in einen Schuh und wollte losgehen. In diesem Moment fiel ihm aber eine Gestalt tiefer am Hang auf, die in einem absichtlich bescheuerten Watschelgang auf uns zueierte.

Schnaufend ließ sich Back ins Gras fallen, rupfte Halme aus und biss hinein.

„Nicht gefrühstückt?“ Pitt grinste.

„Bin direkt aus der Poofe hierher.“ Back spuckte die Halme wieder aus. „Schlechtes Gras.“

„Kommst du mit ins Wasser?“ fragte Pitt.

„Hab meine Badehose vergessen.“

„Ich geh dann schon mal.“

„Warum hat der’s denn so eilig?“, wunderte sich Back.

„Schätze, ihm ist heiß“, sagte ich.

Back raufte sich die roten Lockenhaare. „Wo krieg ich bloß auf die Schnelle eine Badehose her? - Vielleicht find’ ich ja eine.“ Er wuchtete seinen pummeligen Körper hoch. „Ich schau mich mal um.“

„Viel Glück.“ Eine Wespe hatte es auf die Fruchtgummis abgesehen. Ich verscheuchte sie mit dem dicken Taschenbuch und schnappte ein paar Unterhaltungsfetzen von zwei Mädchen nebenan auf. „Der is’ echt süß.“ - „Na ja ... ‘n geilen Arsch hat er.“ Ihre Hintern ruhten einträchtig nebeneinander wie zwei große Puddings: einmal Vanille, einmal Karamell. „Ich versteh’ nur nich’, dass er auf Tina, das Skelett, abfährt.“ Lautes Kaugummikatschen. „Was? Auf Tina? Da hab’ ich ja gestern der richtigen den Arm gebrochen.“ „Echt?“ „Ja. Nimm den Kaugummifaden da weg! Is beim Sport passiert.“ - „Heftig.“ - „Schmeiß mal die Chips rüber. … Die Chips! Nicht das Kaugummi, du Asi-Tusse!“ Kichern.

In diesem Augenblick stupste Back mich mit dem Fuß an. „Wie seh’ ich aus?“

„Wie abgepacktes Mett.“

Back stutzte. „So fühl’ ich mich auch.“ Die nasse Badehose, die er einfach irgend jemandem geklaut hatte, war viel zu eng. „Da reicht ein Blick auf ein paar Möpse“, murmelte er besorgt, „und das Ding platzt.“ Mit kleinen Schritten schlurfte er davon.

„He, Knack und Back!“ rief ich ihm hinterher. „Du schaffst das schon.“ Ich schlug das Buch auf und blätterte darin herum. Ungefähr an der Stelle, wo ich stehengeblieben war, las ich: ‘„... ich bin furchtbar froh darüber, dass es dich so zu lieben verlangt!“ rief Aljoscha aus.’ - Typisch, diese Euphorie, dachte ich und übersprang ein paar Zeilen. ‘„Die Hälfte deiner Tat ist getan, Iwan, und erreicht: du liebst es ja, zu leben. Jetzt musst du dich nur noch bemühen, die zweite Hälfte zu vollbringen, dann bist du gerettet.“ - „Da rettest du mich bereits, und ich bin doch vielleicht noch gar nicht zugrunde gegangen! Worin besteht aber diese deine zweite Hälfte?“ - „Darin, dass man deine Toten aufwecken muss. Denn sie sind ja vielleicht niemals gestorben. - Nun, jetzt lasse mir Tee bringen. Ich bin froh, dass wir plaudern, Iwan.“’ - Mit den Toten, ging mir durch den Kopf, sind wohl wichtige Leutchen der Menschheitsgeschichte gemeint. Der Kinderglaube an Gott und das Gute im Menschen verleiht dem jüngeren Bruder die Kraft, das Gespräch zu gestalten - bis hin zum Bestellen des Tees, haha.

Die Mädchen nebenan knüllten ihre leere Chipstüte zusammen. Über mir rauschten die Blätter in einer leichten Brise. Ich döste ein.

„Der macht Bubu.“ Das war Pitts Stimme.

Ein kalter Tropfenregen ging auf mir nieder, und ich schreckte hoch. Back schüttelte sich so, dass sein Oberkörper wabbelte. „He, Alter!“ rief er und schlang sich sein Handtuch um die Hüften. „Oh, diese Freibad-Luder! Ich sag dir, nichts wie raus aus der Bux hier!“

„Wenn ich mich hier so umsehe ...“, begann ich zu sinnieren.

„Horch, Back, er faselt wieder!“

„... frage ich mich ...“

„Ja?“ Pitt beugte sich vor.

„... ob ...“

„Wir sind ganz Ohr.“

„... alle diese hübschen Mädchen in festen Händen sind.“

„Jetzt ist es raus“, resümierte Pitt ironisch.

„Die 90-60-90 Geräte schon“, antwortete Back.

„Aber viele sind sicher auch solo. Was mich zu meiner zweiten Frage führt. Warum haben wir drei eigentlich keine Freundinnen?“

„Ach, die Frage.“

„Die ist nun wirklich nicht neu. Die stellen wir uns doch jeden Tag. Das heißt...“, schränkte Pitt ein, „ ... ich nicht mehr. Ich frag’ mich stattdessen: Was soll ich mit einer Freundin?“

„Ich glaub, ich hätt da ne Idee“, meinte Back.

„Dafür lohnt sich doch der ganze Aufwand nicht. Eine Frau bringt doch nur Stress. Aber wenn du unbedingt wissen willst, warum wir keinen Anhang haben, kann ich’s dir sagen.“ Pitt kam in Fahrt. „Frauen verachten arbeitslose Männer. Und das zu recht, denn wir sind Loser, die niemals eine Familie ernähren könnten.“

Back tat beleidigt: „Wenn ich wollte ...“

„Papperlapapp“, unterbrach Pitt ihn und fragte mich, wieviel ALG Zwei ich pro Monat bekäme.

„Weiß ich gar nicht genau.“ Ich überlegte. „370 Euro vielleicht.“

„Du Heiopei weißt nich mal, wieviel Arbeitslosengeld du kriegst? Und warum beantragst du nicht wenigstens Wohngeld?“

„Dann müsste ich ja wieder bei meinen Eltern ausziehen.“

„Eben! Schon mal drüber nachgedacht?“

„Wenn du mich so fragst ...“ Ich legte mich auf eine Seite und stützte den Kopf auf. Dann schob ich mir eine saure Zunge in den Mund und lutschte nachdenklich daran.

Pitt winkte ab. „Und du, Knack und Back, alter Südstaatenpflanzer? Hast wie immer nur deine Cannabisstauden im Kopf, was?“

„He, du bist ja gar nicht gut drauf! Lass uns mal ‘nen Zweiblatt aufbocken, Mann“, grinste Back, kam aber plötzlich ins Grübeln und teilte uns mit dumpfer Stimme seine Gedanken mit. „Vielleicht hab’ ich zuviel Wurzelstimulanz verwendet ... jedenfalls haben die Kleinen schlappgemacht. Muss die Tage mal nach Lo fahren, neue Samen holen.“ Er zeigte auf mich, verfinsterte den Blick und sagte, wobei er die Stimme so verstellte, dass sie wie die Satans in einem Horrorfilm klang: „Und du kommst mit.“ Dann langweilte er uns mit weinerlichen Überlegungen, was er sonst noch mit den Pflanzen falsch gemacht haben könnte: Schlechte Lampen, falsche Erde, zuviel Wasser ...

Pitt und ich stellten die Ohren auf Durchzug. Das alles hatten wir schon unzählige Male gehört.

Endlich unterbrach Back sich selbst: „Oh ja, Baby, das machst du gut, sehr gut. Seht ihr die Nixe, die sich da trockenrubbelt? ‘Frau Doktor’“, äffte er eine Szene aus einem Porno nach, „‘Frau Doktor, ich bin krank, sehr krank.’ - ‘Ja, was fehlt Ihnen denn?’ - ‘Ich habe Geilulitis, - oh ja.’“ Wir kannten Backs gesamtes Repertoire und lächelten nur matt.

Das Mädchen fühlte sich beobachtet und starrte ihn böse an.

Pitt hatte den Kölner Stadtanzeiger mitgebracht und las die Stellenanzeigen, ich den Sportteil. Back löste ein Kreuzworträtsel, um einen Kleinwagen zu gewinnen.

Irgendwann gingen wir ins Nichtschwimmerbecken und warfen uns dort einen Ball zu, den wir uns von einem kleinen Jungen geborgt hatten. So verging der Nachmittag.

Als ich gegen Abend in Richtung Kiosk ging, um eine Runde Capri-Eis zu holen, begegnete ich Dima, meinem russischen Freund, der in Begleitung einer hübschen Blondine gerade zum Ausgang ging. Sie fuhr sich mit den Fingern durch ihre feuchten, goldblonden Haare, die im Nacken eine Art Entenschwanz bildeten.

„Göh weg“, sagte Dima.

„Aber, Dima, warum?“

Dima, der aussah wie Nikita Chruschtschov in jung, lachte über seinen eigenen Witz und stellte uns einander vor. Jenny hatte Sommersprossen, grüne Augen, blaue Lippen und klapperte mit den Zähnen.

Die Fragen, ob sie zu lange im Wasser geblieben oder ob ihr kalt sei, erschienen mir zu dumm, aber etwas anderes fiel mir auch nicht ein. Mein Sprachzentrum schien blockiert, und verlegen stand ich vor ihr rum.

Dima rettete mich: „Jenny hat eingelegtes Gemüse gespielt, so lange war sie drin. ‘Willst du etwa ne Chlorgurke werden?’, hab ich immer wieder gefragt, aber sie hat nicht auf mich gehört. Ich musste sie rausziehen.“

„Chlorgurke - sehr charmant“, sagte Jenny und lächelte.

„Das stimmt doch. Zeig mal deine Hände. Aufgeweicht wie bei einer Wasserleiche.“ Dimas rollendes R verstärkte den dramatischen Effekt auf lustige Weise.

Jenny tat so, als wolle sie mich mit ihren ‘Wasserleichen’-Händen greifen. Ich wich einen Schritt zurück, und sie lachte.

Kurz darauf waren die beiden weg. Ich kaufte drei Capris, und als ich zurückging, wurde über Lautsprecher angekündigt, dass in einer Viertelstunde geschlossen werde.

Schließlich musste uns drei einer der Bademeister hinausdrängen. Wir hatten ja Zeit. Vor dem Schwimmbad verabschiedeten wir uns. Die beiden setzten sich auf ihre Schrotträder und ließen sich den Hang hinunterrollen. „Also übermorgen Grillen um sieben!“, rief ich ihnen noch hinterher. Meine Haare waren noch nass. Da war Pitts Glatze praktischer, dachte ich, während ich zum Auto zurückging. Als ich die Türen öffnete, um die heiße Luft herauszulassen, sah ich das Knöllchen. Wieder einmal hatte ich ein Parkverbotsschild übersehen.

Das Haus meiner Eltern lag im Villenviertel der Stadt. Unter knorrigen Robinien, die vor wertvollen Immobilien standen, schoben uralte blaublütige Damen ihre Rolatoren langsam vor sich her. Einige hatten ihr Schoßhündchen an das Gestell gebunden.

Im Salon stöckelte gerade meine Mutter auf Pfennigabsätzen über das Parkett. Seit der letzten Schönheits-OP sah sie aus wie eine Prostituierte. Wahrscheinlich war das der letzte Chic. Aus der zwischenzeitlichen Ladynase war ein freches Stupsnäschen geworden, und ihr Mund sah so aus, als würde er ein Dauerbussi geben. Ihre Augen wirkten größer und runder, nur leider konnte sie eins der gestrafften Lider nicht mehr ganz schließen. Deshalb musste sie ständig Tropfen in ihre Augen träufeln. Ihr Kullerbäuchlein hatte sie heute mehr schlecht als recht in einem Designer-Blazer verborgen.

„Ah, schön dass du kommst“, zirpte sie, als sie mich sah. Sie musste Gäste haben, denn sie befand sich im Konversationsmodus. Doch sofort schaltete sie auf Kommandeuse um: „Du kannst dich ausnahmsweise einmal nützlich machen. In der Küche stehen Tabletts mit Häppchen. Bring sie in den Garten.“

Schon von weitem war das Prosecco-Gelächter der Damenrunde zu hören. Ich ging über die Terrasse, trat auf den getrimmten Rasen und steuerte auf den Gartentisch unterm Birnbaum zu. Die alten Freundinnen meiner Mutter riefen „Ah“ und „Oh“, als sie mich sahen. Schnell und erleichtert stellte ich jedoch fest, dass ihre Ausrufe den Leckereien auf meinem Tablett galten. Trotz ihres abenteuerlichen Sommerhuts erkannte ich die beste Freundin meiner Mutter, ‘das Füllen’, sofort am Wiehern. ‘Die Ballettratte’ klemmte sich eine Blätterteigpastete zwischen die dritten Zähne und hüpfte feengleich im Gras umher, während das angesäuselte ‘Funkemariechen’ schon wieder Kusshände in alle Richtungen warf. Jetzt hörte es damit auf, knetete sich den Waranhals, um das Bindegewebe zu stärken, und sah mich an: „Sind Sie denn inzwischen in Brot und Arbeit?“

Ich verneinte.

„Ein junger Mann wie Sie ...“

„So jung bin ich auch nicht mehr.“

„Sie sehen aus wie 30.“

„Bin aber 40 und fühle mich wie 50.“

„Ich fühl’ mich immer noch wie ein junges Mädchen“, strahlte das ‘Funkemariechen’ mich an. Ich sah, dass irgendwie Lippenstift in die senkrechten Falten über ihrer Oberlippe geraten war.

„Und wie ein 10-jähriger“, hörte ich meine Mutter hinter mir sagen, „sitzt er bei den Eltern rum.“

„Hotel Mama“, krähte die ‘Ballettratte’ und stolperte beschwingt über einen Terracottakübel.

„Vollpension!“ Das ‘Füllen’ wieherte auf und wäre fast vom Klappstuhl gefallen.

Mir gefiel die Stimmung des Prosecco-Kränzchens gar nicht, also nickte ich der Runde zu und wollte mich dezent zurückziehen. Doch die altersfleckige Hand des ‘Funkemariechens’ klopfte gebieterisch auf den Stuhl neben sich. „Setzen Sie sich doch zu uns“, nuschelte sie, und im gleichen Moment packte mich die ‘Ballettratte’ mit eiserner Hand von hinten.

„Quatsch!“, fuhr meine Mutter dazwischen. „Du holst noch mehr Häppchen.“ Selten war ich ihr so dankbar gewesen wie in diesem Augenblick.

„Das kann ich doch machen“, schnaubte das ‘Füllen’ und wuchtete sich hoch.

Verzweifelt sah ich der dicklichen älteren Dame nach, die in Richtung Haus davontrabte.

„Immer auf die Haltung achten!“ Die ‘Ballettratte’ piekte mir mit ihren spitz zugefeilten Klauen in den Rücken.

Etwas schielend sah das ‘Funkemariechen’ zu mir auf. „Sie gehören doch gewissermaßen zu uns. Wir sind Brüder im Geiste sozusagen.“

„Typisch Pia! Jetzt hat sie wieder ihre Fünf-Minuten-Erleuchtung.“

„Gebt ihr Wasser.“

„Ruft schon mal das Taxi.“

„Also Pia“, sagte meine Mutter leicht genervt, „da vergallopierst du dich mal wieder. Ich sehe beim besten Willen nicht, was mein Herr Sohn mit uns allen gemeinsam haben sollte.“ Sie musterte mich ostentativ abfällig. „Dieser nicht mehr ganz junge Mann, der nicht arbeiten will, dem Staat Geld abzwackt und sich aus Kostengründen im Haus seiner Eltern eingenistet hat.“

„Aber das sag’ ich doch.“ Pia schloss ihre Augen, um sich zu konzentrieren. „Wir alle arbeiten nicht, die meisten von uns haben nie gearbeitet und wollen es auch nicht. Wir zwacken unseren Männern das Geld ab und haben uns in ihren Häusern eingenistet.“

„Das stimmt doch nicht“, wurde Widerspruch laut. „Ich zum Beispiel hab’ unser Haus mit in die Ehe gebracht.“

„Und ich hab’ geerbt“, sagte das ‘Füllen’ kopfschüttelnd und bot Häppchen an. Doch niemand wollte eins. Alle sprachen entrüstet durcheinander.

Ich nutzte die Gelegenheit, um mich davonzustehlen. Als ich auf Höhe der Johannisbeersträucher war, hörte ich noch, wie die ‘Ballettratte’ sagte, dass sie ihrem Mann noch etwas ganz anderes hätte abzwacken sollen. Ich war froh, als ich im Haus war, und ging die Treppe hinauf. Im ersten Stock fiel mein Blick in den Wintergarten, und ich war überrascht, meinen Vater dort zu sehen. Sich hinter der Zimmerlinde verbergend beobachtete er die Damenrunde im Garten.

„Warum setzt du dich denn nicht dazu?“, fragte ich ihn. Beim ersten Laut zuckte er ertappt zusammen.

„Die Frauen möchten bestimmt unter sich bleiben.“

„Aber ein alter Charmeur wie du ...“

„Deine Mutter würde mir den Kopf abreißen. Sie kann mein Kavalier-Getue nicht ertragen, sagt sie.“

„Na dann“, sagte ich aufmunternd, ließ ihn zwischen den Zweigen der Zimmerlinde stehen und ging in mein Zimmer hinauf.

2 Privatier

Am nächsten Morgen räkelte ich mich erst einmal ausgiebig. Dann legte ich das Comic-B ändchen, das ich gestern zu Ende gelesen hatte, auf einen Stapel und schlüpfte in meine Bermudashorts. Als ich den Kleiderschrank öffnete, um ein frisches Polohemd herauszuholen, fiel mein Blick wieder einmal auf die alten Fußballerbildchen, die ich als Sechzehnjähriger auf die Tür geklebt hatte, und ich musste lächeln. Dann dachte ich an Jenny und bekam dabei ein seltsam flaues Gefühl im Magen. Schmetterlinge im Bauch? Ich hatte diese Metapher immer gehasst und wahrscheinlich bloß Hunger.

Ich ging hinunter und stellte fest, dass das Haus leer war: Meine Mutter war sicher wieder mal beim Friseur, mein Vater bei seinem Finanzberater. In der Küche kochte ich mir Kaffee und stellte mir vor, ein schwer arbeitender Mensch früh um halb sechs zu sein. Draußen noch Nacht, Stille, nur hin und wieder das Geräusch eines vorüberfahrenden Autos, Stullen in Butterbrotpapier, Kaffee in die Thermoskanne ...

Abwechselnd von einem Toast abbeißend und einen Schluck Kaffee nehmend, blätterte ich behaglich die Zeitung durch. In etlichen Schulen der Stadt hatte man gesundheitsschädliche Stoffe gefunden, der Wasserstand des Rheins war auf ein Rekordtief gesunken, einige Stammspieler des FC Bayern München mussten verletzungsbedingt im heutigen Champions-League Spiel pausieren, und eine Tippgemeinschaft hatte den Lotto-Jackpot geknackt. Um das Kinoprogramm in Ruhe durchzuarbeiten, machte ich es mir auf der Terrasse bequem. Eine leichte Brise wehte, die Vögel zwitscherten, und hoch oben am azurblauen Himmel ließ ein Düsenjet seinen strahlend weißen Kondensstreifen zurück. Der Gartentisch war abgeräumt, also war die Haushaltshilfe schon dagewesen. Ich legte die Beine hoch, schloss die Augen und sog die duftende Luft tief in meine Lungen.

Das Klingeln des Telefons riss mich aus meinem Nickerchen. Ein Fuß war mir eingeschlafen, und ich humpelte zum Apparat. Es war Dima, der mich fragte, ob ich ‘My Summer of Love’ schon gesehen hätte. Ich verneinte gähnend und erwartete, dass er vorschlug, sich den Film gemeinsam anzuschauen.

„Schade“, war jedoch alles, was er sagte.

Was das heißen solle, fragte ich ihn.

„Ich wollte nur wissen, ob es sich lohnt, reinzugehen. Dann würde ich nämlich Jenny dazu einladen.“

„Du stehst doch auf große Dunkelhaarige mit Damenbart.“

„Stimmt eigentlich. Aber hat Jenny dir nicht gefallen?“

„Doch. Sehr gut sogar. - Deshalb wollte ich sie für morgen zum Grillen einladen. Du darfst auch kommen.“

„Du bist so gut wie tot! Ich mach Hack aus dir!“ Das waren so Dimas typische Scherze.

Ich beschrieb ihm die Stelle am Rhein, wo wir uns treffen wollten, und er sagte, er werde Jenny gleich anrufen. Dann aber erzählte er mir ausführlich von einem Traum, den er letzte Nacht gehabt hatte. Er wäre im Bett mit einer wunderschönen Frau gewesen, alles wäre gut gewesen, aber plötzlich habe sie angefangen, ihn mit ihren Brüsten zu ohrfeigen. „Ich war fertig, als ich aufgewacht bin mitten in der Nacht. Was soll das bedeuten? Was meinst du?“

„Gar nichts. Träume sind Schäume.“

„Na dann ist’s ja gut.“ Dima atmete erleichtert auf.

„Das heißt ... Es könnte auch sein, dass die Frauen sich dafür rächen wollen, was du ihnen angetan hast.“

„Aber ich habe ihnen doch gar nichts getan.“

„Wirklich nicht?“

„Na ja, zu einer war ich mal gemein und eine andere hab’ ich versucht, zu begrapschen.“

„Siehst du.“

„Oh je“, sagte Dima betrübt. Im nächsten Augenblick schien er aber wieder bester Laune zu sein: „Ich bring Dörrfisch mit!“

Ich beschloss, mit dem Fahrrad in die Stadt zu fahren. Dort wollte ich ein Mitbringsel für meinen ehemaligen Schulkameraden kaufen, bei dem ich am Abend eingeladen war. Bald waren ich und das Rad startklar. Los ging’s! Ich trat in die Pedale. Obwohl irgendetwas ein Schleifgeräusch erzeugte, genoss ich es, dahinzugleiten. Vor der Eisdiele spachtelten die Leute Eis, und ein paar Jugendliche standen herum, rauchten und spuckten aus. Meine zukünftigen Nachfolger als Langzeitarbeitslose? Nein, die hatten keinen Stil. Der Radweg führte an der Bahnlinie und an Schrebergärten entlang. Ein alter Mann pflückte Brombeeren. Bimmelnd senkte sich eine Schranke. Ich radelte an Blumenrabatten und Gebäuden verschiedenster Größe vorbei. Ein Mann im Anzug überholte mich auf seinem gut gepflegten Tourenrad.

Im Stadtzentrum ging ich erst einmal in einen Laden mit edel gestyltem Schnickschnack und schaute mir Feuerzeuge und einen singenden Fisch an. Gefiel meinem alten Schulfreund so etwas? Ich wusste nicht viel mehr über ihn, als dass er zwei Kinder hatte, verheiratet und seit Jahren erfolgreich im Bankgeschäft war. Ich schloss die Augen und zeigte irgendwohin: „Könnten Sie mir das einpacken?“ Es war ein Sektflaschenverschluss. Hatte er zwar bestimmt schon, aber davon konnte er vielleicht auch zwei gebrauchen. Danach ging ich in ein asiatisches Lebensmittelgeschäft, um mich inmitten exotischer Aromen zu entspannen. Ich kaufte Instant-Curry, Nelkenzigaretten und einen Glückskeks. Während ich das Gebäck knabberte, las ich den Spruch auf dem Papierchen. Soviel ich verstand, besagte er, dass ich mein Glück selbst in der Hand hatte. In Form von Kekskrümeln? Nein! Zu eigener Initiative angefeuert, überquerte ich die freie Fläche zwischen Siebziger-Jahre-Bauten, die echt für’n Arsch waren, und landete schließlich in der Universitäts-Cafeteria. An einem der vielen Automaten, die in der verqualmten Halle standen, zog ich mir einen Kaffee. Gerade hatte ich mich an einen der Tische gesetzt, als plötzlich Valeria hinter einem Automaten hervortrat. Sie kam aus dem Kioskbereich, wo sie sich ein Mars gekauft hatte. Ihre Haare waren orange gefärbt, und sie erfasste mich mit ihrem abwesenden Blick erst, als ich ihr zuwinkte.

„‘Mars bringt verbrauchte Energie sofort zurück’“, sagte ich.

„Hmm“, war alles, was sie antwortete. Wahrscheinlich kannte sie den Werbespruch gar nicht. Sie biss von dem Riegel ab, die Karamelfüllung zog Fäden, und ein bisschen blieb an ihrer Unterlippe hängen. Sie merkte es nicht. „Manchmal denke ich, ich bin wie die Fliege in diesem Horrorfilm. Ich mag nur noch Süßigkeiten.“

„Solange du das Zeug nicht auf dem Tisch einspeichelst ...“

„Süßes hat etwas Tröstliches.“

„Und der Zahnarzt freut sich.“

Gedankenversunken aß sie ihren Schokoriegel weiter.

„Ist doch Superwetter. Sollen wir uns nicht draußen auf die Hofgartenwiese setzen?“, schlug ich vor. „Hier ist es hässlich und stinkt.“

Sie blickte sich um. „Findest du?“

Draußen gingen wir an den Haschischverkäufern vorbei und setzten uns auf die von jungen Leuten bevölkerte Wiese. Valeria streckte sich im Gras aus und seufzte.

Ich sah ein paar Frisbeespielern zu und einem kleinen Hund, der der Scheibe nachjagte. Jetzt schnappte er sie im Sprung, landete aber in einer Gruppe, die einen Gitarrenspieler umgab. Als ich mich wieder Valeria zuwandte, sah ich, dass sie eingeschlafen war. Immer noch hing ihr Karamel an der Lippe.

Während die Schatten immer länger wurden, sah ich gelegentlich zu der Schlafenden hin. Manchmal zuckten ihre geschlossenen Lider, und ich fragte mich, wovon sie wohl träumte.

Die Sonne war schon hinter dem Universitätsgebäude versunken, und der Himmel hatte eine tief dunkelblaue Farbe angenommen, als sie sich plötzlich neben mir aufsetzte.

„Na, wie hast du geschlafen?“ fragte ich.

In ihren Haaren hingen Grashalme. „Das tat gut“, antwortete sie verschlafen. Ihre Stimme war ganz rauh. Sie reckte sich und sah mich an. „Ich muss los. Danke, dass du mich nicht geweckt hast.“

Ich begleitete sie noch bis zur U-Bahn.

Etwa um halb acht schwang ich mich auf mein Fahrrad und machte mich auf den weiten Weg zum Haus meines alten Schulkameraden. Georg wohnte in einem ruhigen, auf einem Hügel gelegenen Vorort. Die Straße war streckenweise so steil, dass ich schieben musste. Schweißgebadet erreichte ich die Wohngegend. Vor großen Einfamilienhäusern standen dicke Kombis und Geländewagen.

Margit, Georgs Frau, eine streng blickende Blondine, öffnete mir und wollte mir freudestrahlend die in ihren Kreisen üblichen Küsschen verabreichen. Im letzten Moment sah sie jedoch, wie verschwitzt ich war, und verzichtete darauf. Sie führte mich über das Parkett des geräumigen Wohnzimmers und auf die Terrasse hinaus. Dort blickte mich die Aperitif-trinkende Runde so an, als sei eben über mich gesprochen worden. Noch während Georg mich vorstellte, war mir klar, dass ich mir, wie immer bei solchen Gelegenheiten, keinen einzigen Namen würde merken können. Ich übergab ihm mein Geschenk. Er wog es in der Hand und blinzelte mir zu. „Ein Verschluss für Sektflaschen?“

Ich nickte, und alle lachten. Ohne es auszupacken, legte er das kleine Päckchen fort.

Auf der Gartenbank kam ich neben einer braungebrannten Löwenmähnigen zu sitzen, deren Busen, obwohl er ihrem anderen Nachbarn zugewandt war, mir einen Adrenalinstoß durch den Körper jagte. Sie lauschte den Worten dieses glatten Alain-Delon-Typs so aufmerksam, dass sie mich überhaupt nicht wahrzunehmen schien. Soweit ich erfuhr, arbeitete sie in Georgs Kanzlei, und er, ein ehemaliger Kommilitone von Georg, war Jura-Dozent an der Universität und stand kurz vor der Habilitation. Ich exte den Campari-Orange und erntete dafür von der Frau gegenüber, die wie eine Spitzmaus aussah, einen kurzen, angewiderten Blick. Gleich aber hörte sie weiter Georg zu, der ihrem Mann, offensichtlich seinem Arbeitskollegen, einen Fall schilderte.

Endlich bat Margit uns zum Essen hinein. Sie wies mir einen Platz ausgerechnet neben der Spitzmaus zu. „Ein wunderbar gedeckter Tisch“, sagte ich zu ihr, um für eine harmonische Atmosphäre zwischen uns zu sorgen. Bei dieser Bemerkung hätte ich es belassen sollen, aber der Alkohol war mir zu Kopf gestiegen und ich redete weiter. „Und das Porzellan ...“ Ich spürte den skeptischen Blick ihrer Knopfaugen. „Oder Steingut, Keramik, was auch immer, das Geschirr ... Ob es so gut schmeckt, wie es aussieht?“ Vor meinem geistigen Auge sah ich, wie ich in einen Teller hineinbiss und ergänzte: „Das Essen, meine ich.“ Die Spitzmaus wandte sich zur anderen Seite und hörte mir nicht mehr zu. Als Vorspeise wurde Carpaccio serviert, danach gab es Lotte.

„In Weimar“, scherzte ich und meinte zu sehen, dass ein Lächeln die Mundwinkel der Löwenmähnigen umspielte. Sie hatte inzwischen ihre Haare hochgesteckt, so dass ich unauffällig ihre wohlgeformten Ohren und ihren von zartem Flaum bedeckten Nacken betrachten konnte. Um einen weiteren Pluspunkt zu sammeln, beschloss ich, den Gastgebern eine interessierte Frage zu stellen, die mich als Freund der Familie auswies. Wo denn das Töchterchen sei? Fieberhaft überlegte ich, wie es hieß: Annika oder Nicola? Rucola oder Ricola, Schweizer Kräuterzucker?, ging es in meinem Kopf herum. Margit antwortete mit abweisender Miene, Karoline säße an einem Referat und würde später kurz herunterkommen.

Wie es mir gelegentlich geschah, geriet ich in eine träumerische Phase und schaute nur so vor mich hin.

In einem möblierten Zimmer lag ich auf dem schäbigen Sofa und betrachtete meine Turnschuhe. Die Brandenburgischen Konzerte liefen im Hintergrund, und ich hatte einen Gast. Wie ich hatte er noch Babyspeck im Gesicht, hatte allerdings die Haare sorgfältig gegelt. Er trug ein Polo-Shirt, ich einen Pullover mit V-Ausschnitt, darunter ein kariertes Hemd. Eine Kerze brannte. Wir tranken Limonade und diskutierten über unsere Zukunft. „Man muss etwas aus seinem Leben machen!“, sagte er mit Nachdruck. „Warum eigentlich?“, fragte ich aus Widerspruchslaune und sah nach draußen ins Dunkel, wo Glühwürmchen über Büschen hin- und herschwebten.

Ich merkte, dass mein Blick zu Georg hinübergewandert war. Babyspeck hatte er schon lang nicht mehr im Gesicht, und auf dem Kopf waren die Haare spärlich geworden. Damals hatte er mich zum letzten Mal besucht. Danach waren unsere Wege endgültig auseinander gegangen.

„Was machen Sie denn beruflich?“ Da war die Frage, auf die ich schon gewartet hatte, und sie kam von Georgs spießigem Kollegen zu mir über den Tisch geflogen.

Zum Glück hatte ich meine Standardantwort parat: „Ich bin Privatier.“

„Ich habe nicht gefragt, was Sie sind, sondern was Sie machen.“

Ein Kotzbrocken. „Ich sehe gewissermaßen nur noch der Vermehrung meines Geldes zu“, antwortete ich lächelnd und beobachtete, wie er mich auf mein Vermögen hin taxierte. Wenn er gewusst hätte, dass sich auf meinem Konto nur die Miesen vermehrten, hätte er mich keines Blickes mehr gewürdigt. Der Wein hatte meine Zunge gelockert, und während wir zum Dessert flambierte Feigen aßen, erzählte ich der vollbusigen Löwin meine bis zur Unkenntlichkeit geschönte Lebensgeschichte. Nach dem Studium sei ich für etliche Jahre an eine Universität in Finnland gegangen. Anschließend hätte ich einen Film gedreht und sei dann ins PR-Geschäft eingestiegen. Sie schien beeindruckt.

Nach dem Essen wurden wir wieder auf die Terrasse gebeten. Meine Nachbarin setzte sich neben mich. Die meisten Gespräche waren verstummt. Georg schmauchte eine Zigarre. Ich erzählte irgendwelche Geschichten, zum Beispiel die von dem betrunkenen Australier, der nachts durch eine Flussmündung geschwommen war und nicht gemerkt hatte, dass ihm ein Hai ganze Steaks aus den Schenkeln biss, und der deshalb überlebt hatte. Weil mir nichts anderes einfiel, begann ich danach das Loblied auf die Gastgeber zu singen. Das gute Essen, Georg als erfolgreicher Anwalt. Und was sie alles aufgebaut hätten! Die Familie mit Kind, das Haus ... Ich dagegen ...

Die Löwin rutschte näher an mich heran und sagte tröstend: „‘Privatier’ - das klingt doch auch gut.“

„Stimmt“, räumte ich ein.

Sie überlegte. „Aber was machen Sie wirklich?“

„Nichts“, flüsterte ich ihr zu. „Aber psst!“ Ich hielt mir einen Finger vor den Mund. Ich glaube, sie hätte meinen Finger im nächsten Augenblick an ihre Lippen gedrückt, wenn Margit nicht in meine Richtung gezischt hätte.

„Privatier! Ich kann’s nicht mehr hören!“

Georg versuchte, sie zu beschwichtigen. Aber scheinbar hatte auch sie zuviel getrunken. „Seit drei Jahren arbeitslos! Du kriegst doch kein Bein auf den Boden.“

Meine Nachbarin rückte von mir ab und warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Aber ich bin ein glücklicher Arbeitsloser“, verteidigte ich mich.

„Der dem Steuerzahler auf der Tasche liegt“, sagte Georgs Kollege verächtlich.

„Es ist nicht einfach heute“, brummte Georg.

„Der will doch gar nicht arbeiten!“, ereiferte sich Margit.

Der Uni-Dozent schüttelte nur den Kopf und murmelte: „Nicht zu glauben. Arbeitslos. Und erzählt uns den ganzen Abend von seinem tollen Leben.“

Ich ließ es mich nicht verdrießen und fragte in die Runde: „Kennen Sie den Fellini-Film ‘I Vitelloni’, die Müßiggänger? Darin lungern ein paar Jugendliche ...“

„Jugendliche, meinetwegen“, unterbrach mich Margit, „aber ein Vierzigjähriger?“

Ich fühlte die boshaften Blicke um mich herum.

„Ich wollte doch ...“

„Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, dass den ganzen Abend nur Sie reden?“ blaffte mich Georgs Kollege an. „An Ihrer Stelle würde ich mal die Klappe halten.“

„Lass ihn doch. Wenn von euch nichts kommt“, versuchte Georg mich zu verteidigen.

Aber weil ich spürte, dass niemand von den ‘Vitelloni’ hören wollte, schwieg ich. Georg besprach halblaut etwas mit seinem Kollegen, die anderen sagten nichts. Ich hatte allen den Abend vermasselt. Der Uni-Dozent sah auf die Uhr und nickte meiner Nachbarin zu. Als sie aufstanden und sich verabschiedeten, tat ich es ihnen nach.

Auf der rasenden Abfahrt den Hügel hinunter, während der Wind an meinem T-Shirt zerrte, musste ich aber schon über den Verlauf des Abends schmunzeln und freute mich auf das Grillfest und auf Jenny mit den grünen Augen und der Entenschwanzfrisur.

3 Ein Tag im Leben des Rainer Dieterowitsch

Ein Klopfen weckte mich am nächsten Morgen.

„Post für dich vom Arbeitsamt“, rief meine Mutter, öffnete die Tür und wedelte mit dem Umschlag.

„Warum sind diese Briefe immer so hässlich grau?“ seufzte ich und schloss die Augen wieder.

„Willst du ihn nicht gleich aufmachen?“

„Nein“, grunzte ich und drehte mich auf die andere Seite. Ich hoffte auf die Fortsetzung des spannenden Traums, den ich gehabt hatte. Und es ging weiter: Als Privatdetektiv war ich einer Zirkusakrobatin auf der Spur, die an Hochhäusern hochkletterte, in Chefetagen einbrach und alles durcheinanderbrachte. Auf einem schwankenden Reinigungsgestell verfolgte ich die über mir Kletternde. Sie war barfuß und stieg die glatte Wand hinauf, als seien dort unsichtbare Treppenstufen. Gerade beobachtete ich, wie sie sich durch einen Fensterspalt zwängte, als eine Stimme sagte:

„Vielleicht ist es wichtig.“

Meine Mutter stand jetzt neben meinem Bett. Ich wusste, dass ich sie nicht mehr loswerden würde. Also öffnete ich den Brief. Soweit ich schlau aus dem bürokratischen Kauderwelsch wurde, sollte ich mich auf eine freie Stelle bei einer Agentur bewerben. Genervt ließ ich meinen Kopf wieder auf das Kissen sacken.

„Na, dann los“, schnarrte meine Mutter.

Ich hoffte, dass die Zirkusakrobatin wieder erschien, und versuchte, sie mir im Dunkel unter meinen Lidern wieder vor Augen zu rufen. Es gelang. Ihre Beine im hautengen Gymnastiktrikot streckten sich vor mir, dann radierte sie jedoch die gellende Stimme meiner Mutter aus:

„Der Junge hat ein Stellenangebot!“, rief sie durch das ganze Haus meinem Vater zu.