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Die Weitung des Mundes markiert den Menschen grundlegend als aisthetisches Wesen. Daher ist es kaum verwunderlich, dass der offene Mund die Kultur- und Kunstgeschichte von der antiken Maske bis zur gegenwärtigen (Pop-)Performance durchzieht. Allerdings offenbart der geweitete Mund zuvorderst jene pathische Erfahrung, die sich weder auf Zeichen, Bilder oder Sprache reduzieren lässt. Wovon kündet folglich der offene Mund? Was geht aus ihm hervor? Anhand seiner vielfältigen und vieldeutigen Weitungen - Gähnen, Schreien, Heulen, Staunen, Sprechen, Lachen, Singen - beschreibt Lorenz Aggermann in seiner Studie den spielerischen Umgang mit den sonoren und affektiven Registern des Subjekts und etabliert derart eine anthropologisch grundierte Theorie der darstellenden Kunst. Zahlreiche Abbildungen bieten zudem eine kleine Phänomenologie des offenen Mundes.
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Seitenzahl: 536
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Lorenz AggermannDer offene MundÜber ein zentrales Phänomen des Pathischen
Recherchen 102
© 2013 by Theater der Zeit
Texte und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich im Urheberrechts-Gesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlages. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmung und die Einspeisung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
Verlag Theater der ZeitVerlagsleiter Harald MüllerIm Podewil | Klosterstraße 68 | 10179 Berlin | Germany
www.theaterderzeit.de
Lektorat: Sebastian KirschGestaltung: Sibyll WahrigUmschlagabbildung: Ingo Pertramer, Montage: Pascale Osterwalder.www.christophundlollo.com
Printed in Germany
Print ISBN 978-3-943881-08-0eBook ISBN 978-3-943881-47-9
I. EINE ‚LEERSTELLE‘?
UNRUHEHERDE
Eine anthropologische Konstante | Mögliche Metaphern und Belege
MÜNDLICHE WISSENSCHAFT
Die andere Seite der Hermeneutik | Ein Void im Diskurs des Performativen | Orale Episteme
II. BESONDERHEITEN EINER SIMPLEN WEITUNG
ZUR LESBARKEIT DES OFFENEN MUNDES
WIE DEM UNLESBAREN ANTWORTEN?
Phänomen oder Technik | Polymedialität und Sprache | Reales versus Realität | Spiel | Resümee
WILDE LAUTE. EIN SPIEL ABSEITS DER SPRACHE
III. EIN PHÄNOMENALES SPIEL MIT AUGE UND OHR
OGNI PENSIERO VOLA
Leerstellen in Syn- und Kinästhese | Eine Erscheinung | ‚Rohe‘ Sinne? | ‚Falschnehmung‘
DER MUND VOR DEM AUGE
Die Entflechtung des Subjekts aus den Dispositiven der visuellen Wahrnehmung | Blicken | „concetto spaziale“ | Vom Grotesken zum horror vacui | Begehren | Der chaotische Mund
DAS OHR IM MUND
Mögliche Dispositive der akustischen Wahrnehmung | Zum Beispiel: Lachen
STIMME. WEDER SPRACHE, NOCH PHÄNOMEN, NOCH KÖRPER
Sonifikation oder Signifikation | Nicht Phänomene, sondern Akuomene | Das Spektrum der Akuomene | Materialität und Rauheit der Stimme | Der akustische Spiegel | Resümee
IV. RÄSONIERENDES VERSUS ‚RESONIERENDES‘ SUBJEKT
BITTERE KONSEQUENZEN DER SPRACHLICHEN LOGIK
Sprache | Corpus | Klang
‚GOOD VIBRATIONS‘ – DAS SUBJEKT ABSEITS DER SPRACHE
Resonanz als Verweis | Resonanz als Verschiebung | Subjekt als Fragezeichen
V. BRÜCHE UND SCHWINGUNGEN.DER MUND ZWISCHEN PATHOS UND EMOTION
PATHOS. SUBTIL UND STETS VERSCHOBEN
Pathos | Diastase | Oszillation
AFFEKT – NUR PARTIELL MITTEILBAR
Eine Ontologie des Affektiven? | Vom Trieb zum Affekt … | … über das Virtuelle … | Zur Realität der Emotion | Resümee
AKUOMENE UND EMOTIONEN – DER MUND ALS BÜHNE
ANHANG
BIBLIOGRAPHIE
ABBILDUNGSNACHWEIS
DANKSAGUNG
VITA
Das Wort entschläft überall dort,wo eine Wirklichkeit totalen Anspruch stellt.
J. Améry
XERXES
Schreie nun gegentönend mir!
CHOR
Oioi Oioi
XERXES
Mit Jammer ins Haus geh!
CHOR
Io Io, Persis Land schwer gehbar
XERXES
Über die Stadt das Getön
CHOR
das Getön, jaja
XERXES
Jammert, geht leise
CHOR
Io Io, Persis Land schwer gehbar
XERXES
Ie ie, mit dreirudrigen, Ie ie, Schiffen zugrunde gegangen.
CHOR
Ich begleite dich mit schrill tönenden Klagen.1
Oi Oí, Otototoi, Iu Iu, Iuah, Aiaí: scharfe Schreie, schrill tönende Klagen. Mit diesen und ähnlichen Ausdrücken kommt die griechische Tragödie auf uns zu und sorgt für ein gewisses Maß an Unverständnis. Was für ein seltsames Getön. Doch das Druckbild täuscht nicht: Die onomatopoetischen Formeln sollen das markieren, was schlichtweg nicht zu fassen ist und wohl gerade deswegen zum zentralen Element der Tragödie werden konnte, im Text jedoch nicht anders als über Vokalfolgen wie „Oi“, „Iua“, „Ai“ oder „Au“, über Striche (–) oder Auslassungen (…) beschrieben werden kann. Diese ‚Leerstellen‘ geben, egal mit welchen Zeichen oder Lauten man sie füllt, ihren affektiven Gehalt nicht adäquat wieder, sie widersetzen sich einer sprachlichen, sprich syntaktischen wie semantischen Logik und reißen Löcher in den Text, da sich ihr Inhalt nicht adäquat erfassen, abbilden oder zur Sprache bringen läßt. In ihnen wird ein affektives Potenzial substituiert, das sich nicht bändigen läßt und das unmittelbar in Schrecken, Schaudern, Angst, aber wohl auch Freude und Lust umschlägt: zu intensiv in der Wahrnehmung und gleichsam zu wenig signifikant für die Darstellung beziehungsweise Artikulation. Gemeinhin wird dieser Sachverhalt mit dem altgriechischen Terminus πάθος‘ umschrieben, der auf jene Widerfahrnisse verweist, die dem Menschen zustoßen, ihm ohne eigenes Zutun entgegenkommen, ihn anrühren.2 Pathos ist jedoch nicht als ‚schweres Leid‘ oder ‚Leidenschaft‘ zu verstehen – diese Begriffe, mit denen pathos noch immer synonym gesetzt wird, implizieren bereits eine Wertung und nehmen dem ursprünglichen Terminus sein Potential – sondern als Voraussetzung für jegliche Art der Erfahrung und Wahrnehmung an sich, die sich stets aus einem ‚zu viel‘ speist und das menschliche Subjekt vor die Aufgabe stellt, diesem Überangebot Herr zu werden. Pathos ist somit eine zentrale Kategorie der menschlichen Existenz, „keine Grundschicht also, sondern ein Geschehen, in das wir wohl oder übel und auf immer verwickelt sind.“3 Als solches zeichnet sich pathos durch das ihm eigene Chaos aus, in welchem sich jeweils mehr beziehungsweise anderes zeigt, als sich beschreiben, darstellen oder bezeichnen läßt. Pathos muß folglich unweigerlich mit ‚Leerstellen‘ Hand in Hand gehen, da es die Sphäre des Menschen übersteigt, sich diesem nur als Chaos offenbart.
Diese Überforderung ist jedoch kontingent: Pathos appelliert an das Potential des Menschen, an seine Kreativität, und eröffnet ein Spiel – auf daß die ‚Leerstelle‘ nicht leer bleibe. Und so ist der Mensch stets bemüht, diesem ‚zu viel‘ habhaft zu werden, ohne dies letztgültig erreichen zu können; umgekehrt kann er seinerseits spielend ein ‚zu viel‘ hervorbringen, welches ihm wiederum zum Widerfahrnis wird. Allerdings wird er niemals zum Souverän in diesem Spiel: Der Mensch kann pathos nie vollends auflösen, restlos in Ausdruck oder ratio überführen. Folgt man dieser Überlegung, so ist es nur ein kleiner Schritt zu der Feststellung, daß das menschliche Subjekt nur mit Hilfe seiner Kreativität und Imagination leben kann;4 daß dies die unabdingbare Notwendigkeit für seine Auseinandersetzung mit der Lebenswelt darstellt. Pathos ist demnach ein Geschehen, das das menschliche Wesen treibt und determiniert, Kunst die Bezeichnung für den notwendigen spielerischen Umgang mit diesem Unfaßbaren. Damit ist eine erste leitende Prämisse der vorliegenden Studie benannt, für welche Aischylos’ Perser und die darin auftauchenden, eigentümlichen ‚Leerstellen‘ ein markantes Beispiel geben können. Denn auch die Exklamationen „Oi Oí“, „Ie Ie“, „Aiaí“ versuchen letztlich, eine Transformation von scharfem, schrillen Getön zu sonorer, verständlicher Klage zu gewährleisten und das pathos zu erwidern.
Doch wie lassen sich diese ‚Leerstellen‘ erfassen? Wie der spezifische Sachverhalt erörtern, daß etwas, das kein Zeichen haben kann, doch signifikant und hierdurch dem menschlichen Subjekt bewußt und rationell zugänglich wird?
Der Terminus ‚Leerstelle‘ ist eine notwendige Hilfskonstruktion, die auf den ersten Blick sogar widersprüchlich erscheint. In Auseinandersetzung mit der literarischen oder kunsthistorischen Tradition ließen sich, gerade wenn von Schrift und Text ausgegangen wird, vermutlich auch andere Termini finden. Zum Beispiel könnte man den gemeinten Sachverhalt als ‚Kluft‘ zwischen den Worten oder auch als ‚Schatten‘ der Worte umschreiben. ‚Kluft‘ böte sich insofern an, als sein französischsprachiges Korrelat ‚béance‘ in der Medizin die Öffnung des Kehlkopfes bezeichnet und über diese Linie auch Eingang in die psychoanalytisch inspirierte Kulturtheorie gefunden hat.5 Diese Metapher würde vor allem die physiologische und medizinische Dimension des Sachverhalts hervorheben und auf die scheinbar unbewußten akustischen und affektiven Regungen aufmerksam machen. Zugleich erscheint sie jedoch als zu einschränkend, zu sehr einer medizinischen Topik verpflichtet, der die oben aufgestellte These von pathos als permanentem Appell, als grundlegendem Geschehen widerspricht. Vom ‚Schatten der Worte‘ oder der ‚Aura der Schrift‘ zu schreiben, ließe wiederum die Nähe zu kunsthistorischen Theorien deutlich werden,6 die in der vorliegenden Arbeit durchaus vorhanden ist. Eine derartige Wortwahl würde indes die anthropologische Komponente des Sachverhalts zu kurz kommen lassen, da sie pathos vornehmlich vom Menschen unabhängigen Objekten zuschreibt. Insbesondere der Schatten ist nicht nur eine Frage der Beleuchtung von Kunstwerken, er haftet ebenso dem menschlichen Wesen und seinem Wirken an – mehr noch: Er schlägt ein Loch in dessen strahlendes Antlitz. Die etwas weniger eloquente Metapher der ‚Leerstelle‘ ist folglich, obgleich contradictio in adjecto, bewußt gewählt. Sie ähnelt dem, was die Astronomie im Begriff der ‚schwarzen Sterne‘ bezeichnet, die aus Antimaterie bestehen und nur über einen Umweg – die Krümmung des an ihnen vorbei strahlenden Lichtes – markiert werden können.
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