Der Omega Rebell - Lili B. Wilms - E-Book

Der Omega Rebell E-Book

Lili B. Wilms

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Beschreibung

Taisto Den Namen Rebellenanführer hätte sich Taisto nicht selbst gegeben, doch die Rolle wird er ausfüllen. Auch, wenn sein Leben früh vorbestimmt schien, lässt er sich nicht wie seine Eltern auf eine Insel verbannen. Er scheut weder sein Schicksal noch seine Berufung. Ihm war immer klar, dass ihn sein Weg in die Hauptstadt führt. Dort wird er dem Widersacher der Omegas und der ganzen Nation die Stirn bieten. Unerwartet trifft er dort aber nicht nur Verrat und Machtgier, sondern eine ausgestreckte Hand, die ihm alles anbietet, auf was er in seinem Leben hingearbeitet hat. Yasu Vom Vater verachtet, von der Mutter entfremdet lebt Yasu jahrelang in Internaten abgeschottet von der Welt. Sein Weg zurück nach seiner Ausbildung bringt Yasu erst mal nur Verwirrung. Das Einzige, was er mit Sicherheit weiß, ist, dass er ins Omegahaus muss. Dafür gibt es keinen Grund, es ist nur ein Gefühl, das ihn leitet. Aber kann er sich auf ein Gefühl verlassen, wenn alles, was er erfährt, ist, dass er von vielen im Land gehasst wird, für Verbrechen, die er nicht begangen hat? Er kann niemandem trauen, weder innerhalb seiner Familie noch außerhalb. Und der Drang, ausgerechnet dem Rebellenanführer so nahe wie möglich zu sein, wird immer größer. Der Omega Rebell ist eine Enemies to Lovers, Opposites attract, Strangers to Lovers – Geschichte, die mindestens eine Welt zum Einstürzen bringt. Omegas und Alphas in Ejdon: Romantasy, Suspense, Fated Mates Male pregnancy ist im Omegaverse der Ejdon-Reihe als Teil der Welt vorgesehen. Sie geschieht in keinem der Bücher on page. Alle Bücher enden mit einem Happy End für die Liebesgeschichte, einem Happy for now in der begleitenden Hintergrundgeschichte und enthalten keine Cliffhanger.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Lili B. Wilms

Der Omega Rebell

Omegas und Alphas in Ejdon Band 4

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2026

http://www.deadsoft.de

Für Fragen zur Produktsicherheit

[email protected]

Querenbergstr. 26

D-49497 Mettingen

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte: Mashkhurbek – stock.adobe.com

Surface Change – stock.adobe.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-851-1

ISBN 978-3-96089-852-8 (ebook)

Inhalt:

Taisto

Den Namen Rebellenanführer hätte sich Taisto nicht selbst gegeben, doch die Rolle wird er ausfüllen. Auch, wenn sein Leben früh vorbestimmt schien, lässt er sich nicht wie seine Eltern auf eine Insel verbannen.

Er scheut weder sein Schicksal noch seine Berufung. Ihm war immer klar, dass ihn sein Weg in die Hauptstadt führt. Dort wird er dem Widersacher der Omegas und der ganzen Nation die Stirn bieten. Unerwartet trifft er dort aber nicht nur Verrat und Machtgier, sondern eine ausgestreckte Hand, die ihm alles anbietet, auf was er in seinem Leben hingearbeitet hat.

Yasu

Vom Vater verachtet, von der Mutter entfremdet lebt Yasu jahrelang in Internaten abgeschottet von der Welt. Sein Weg zurück nach seiner Ausbildung bringt Yasu erst mal nur Verwirrung. Das Einzige, was er mit Sicherheit weiß, ist, dass er ins Omegahaus muss. Dafür gibt es keinen Grund, es ist nur ein Gefühl, das ihn leitet.

Aber kann er sich auf ein Gefühl verlassen, wenn alles, was er erfährt, ist, dass er von vielen im Land gehasst wird, für Verbrechen, die er nicht begangen hat?

Er kann niemandem trauen, weder innerhalb seiner Familie noch außerhalb. Und der Drang, ausgerechnet dem Rebellenanführer so nahe wie möglich zu sein, wird immer größer.

Der Omega Rebell ist eine  Enemies to Lovers, Opposites attract, Strangers to Lovers – Geschichte, die mindestens eine Welt zum Einstürzen bringt.

Omegas und Alphas in Ejdon: Romantasy, Suspense, Fated Mates

Vorwort

Siebzig Jahre nach dem Kriegsende in einer Welt, die der unseren gleicht, leben die Nachbarstaaten Ejdons, die nördlich davon hinter einem Gebirge ansässigen Wolfswandler und die östlichen Sitari-Inseln in einem angespannten Frieden.

Doch auch die Bewohner Ejdons, unter der Herrschaft einer Alphaoberklasse, leiden immer noch unter den Folgen.

In Geschichten erzählt man sich, dass es Seelengefährten waren, die unbeherrscht ihren eigenen Interessen nachgegangen sind, um bei ihren Omegas oder Alphas zu sein, und so den schrecklichen Krieg heraufbeschworen hatten.

Jedoch dienen diese Geschichten nur dazu, von den eigentlichen Gründen abzulenken. Orchestrierte digitale Berichterstattung und Geschichtsschreibung ließen die Leute einen eingeschränkten Blick auf die Vorkommnisse einnehmen.

Auch, wenn es immer wieder private Auseinandersetzungen über die Grenzen hinaus zwischen Seelengefährten, die unabhängig von Geschlecht oder Stand von den Göttinnen zusammengewürfelt worden waren, gab, lag der tatsächliche Grund des Beginns in der Gier der Ejdon-Alphas. Diese wollten sich einen wichtigen Teil des nördlich von Ejdon gelegenen Wandlerterritoriums einverleiben. Immer in der Hoffnung, von der Magie der Berge, die die beiden Völker auf dem Kontinent in der Mitte trennte und den Wandlern die Macht gab, ihre Form zu ändern, zu profitieren.

Doch auch die Verwicklung der Omegas auf den östlich gelegenen Sitari-Inseln brachte keine territorialen Veränderungen oder eine Entwicklung der Fähigkeiten der Bewohner Ejdons.

Das Resultat des Krieges waren unzählige Tote, Misstrauen auf allen Seiten, abgeriegelte Grenzen und das Gefühl in ständiger Bedrohung zu leben.

Nichts davon hielt die herrschenden Alphas in Ejdon davon ab, die Schuld für den Zustand, in dem sich die Region befand, den vermeintlich liebestollen und instabilen Omegas zuzuschreiben.

Nun sind alle Seelengefährten per Gesetz gezwungen, sich zu vermählen. Egal, wer die Parteien sind. Einmal verbunden, ist das Band unverrückbar. Wird es vernachlässigt, erleiden Omegas schwere physische und Alphas psychische Schäden. Doch dies wird in Kauf genommen, um die politische Stabilität in Ejdon zu garantieren. Individuelle Schicksale müssen hinter der Sicherheit des Landes zurückstehen.

Egal, ob Hofadel, Militäradel, Kämpfer für Omega-Rechte, Politiker oder Wohnungslose, alle müssen sich den Gesetzen beugen.

Trennungen werden von den Priestern nie durchgeführt.

Die Omegas, die über die östlich der Staatsgebiete Ejdons und der Wandler gelegenen Sitari-Inseln herrschen, haben sich von derartigen barbarischen Praktiken in Ejdon und den verfeindeten Nachbarn abgewandt. Sie leben isoliert auf ihrer Insel.

Die Wolfswandler und die Bewohner Ejdons, getrennt durch ein Gebirge, gehen aber nach wie vor einem Austauschprogramm nach, um den erkämpften wackligen Frieden zu halten. Wichtige Familien aus Ejdon schicken ausgewählte Omega-Kinder zu den Wandlern und diese im Gegenzug Alpha-Kinder als Bodyguards nach Ejdon, um sich gegenseitig zu erpressen und so den Frieden zu erzwingen.

Kontakt über die zugewiesenen Aufgaben hinausgehend oder gar Berührungen zwischen den Austauschmündeln und den Einwohnern Ejdons sind strengstens verboten. Freundschaftliche oder gar Seelenverbindungen sollen so strengstens unterbunden werden.

Doch auch in Ejdon kämpfen alle, die dort leben, um ihre Rechte und ihren Platz.

Der einst gewählte Präsident Kaneda schwingt sich zum Alleinherrscher auf.

Die Omega-Rechte werden weiter beschnitten, Hof- und Militäradel kämpfen um ihre Stellung im Alpha-Rat, der schweren Eingriffen in die Verfassung Ejdons zustimmen muss, und Kaneda schafft innen- und außenpolitisch Bedrohungen, wo keine wirklichen sind, um seine Macht zu legitimieren.

Während in der Hauptstadt Ejdon City Omega-Rechtler um ihre Rechte kämpfen, versucht eine Gruppe von Traditionalisten in der adeligen ländlichen Gegend des Landes, das Volk in eine ganz alte Zeit zurückzuführen.

Die Fronten verhärten sich.

Die unterschiedlichen Gruppierungen verfangen sich in gegenseitigen Vorwürfen.

Das Pulverfass droht hochzugehen.

Was bisher geschah:

Band 1: Bei einem Angriff auf das Haus des Alpha-Ratsmitglieds Keke Nurmi werden verborgene Staatsgeheimnisse gestohlen. Anhand der zurückgebliebenen Datenreste wird dem eingeschworenen Kreis um Keke klar, dass es sich um Ergebnisse der verbotenen DNA-Forschung am Band von Seelengefährten handelt. Eine Gruppe von Betas hatte noch in Zeiten vor dem großen Krieg versucht, das Seelenband in der DNA von Betas einzusetzen.

Band 2: Der Investigativjournalist Aiden Minato entdeckt aufgrund eines geheimen Tipps Forschungsdokumente. Kyle Nezu, der ihn auf seiner Flucht rettet, hilft ihm bei der Entschlüsselung des Inhalts. Anders als vermutet, handelt es sich nicht um Medikamentenforschung, sondern Ergebnisse von DNA-Tests.

Gemeinsam decken die beiden auf, dass Dr. McWonder diese Tests in seinem Anwesen durchführt, bei denen regelmäßig entführte Omegas zu Tode kommen. Sie hören, dass er einem Auftraggeber untersteht. Um wen es sich hierbei handelt, können sie nicht ermitteln.

Band 3: Nach einem Mordanschlag auf Shiro, Erbprinz der Omega-Inseln, wird dessen Seelengefährte Ren schwer verletzt. Als Täter wird ein fundamentalistischer Omega aus Ejdon ausfindig gemacht und Präsident Kaneda verschärft daraufhin die Gesetze gegen die Omegas in Ejdon. Er will die Basisgesetze abschaffen.

Shiro ist von der Beteiligung Kanedas am Attentat überzeugt und schwört Rache.

Wichtige Personen:

Yasu Kaneda: Sohn des Präsidenten und frischer Hochschulabsolvent

Taisto Lainen: Rebellenanführer, Leiter eines Omega-Hauses

Esa Lainen: Bruder Taistos und bester Freund Kyle Nezus

Millie: Mitglied der außerparlamentarischen Bewegung und Freundin von Taisto

William: Yasus Bodyguard, Wolfswandler im Austauschprogramm

Sasuke: Taistos Ex-Partner, Alpha und Mitglied der Rebellen

Aiden Minato: Investigativjournalist, Social Media-Person, Alpha, bester Freund Shiros, Seelengefährte Kyles

Kyle Nezu: Mitarbeiter im Omega-Haus, engagierter Aktivist für Omega-Rechte, Hundebesitzer, Seelengefährte Aidens

Keke Nurmi: Alpharatsmitglied, Militäradel, Träger von Staatsgeheimnissen, Seelengefährte Ryos

Ryo Nakatsun: Omega-Prinz aus dem Hofadel, IT-Spezialist, zweiter Ehegatte Kekes, Seelengefährte Kekes

Heta: erste Ehefrau Kekes, Pilvis Partnerin

Pilvi: Beta Wolfswandlerin, Hetas Bodyguard und Partnerin

Thor: Wolfswandler im Austauschprogramm, Mitarbeiter Kekes

Tammo: Wolfswandler im Austauschprogramm, Mitarbeiter Kekes

Ren Watanabe: Straßenganove und Spion zwischen den verschiedenen Gruppierungen, Prinz Shiros Seelengefährte

Shiro: Erbprinz von Sitari

Prolog

Unter Tränen klammerte er sich an seinen Omega-Vater.

Dieser strich über seinen Rücken. Doch die liebevolle Zuwendung reichte nicht.

In Taisto war etwas kaputtgegangen. Angst hatte sein kleines Herz gepackt.

Nein, es war keine Angst. Es war ein Gefühl, das er nicht kannte. Es war zu groß, zu unbekannt, zu bedrohlich.

Die »Ohs und Ahs« der Erwachsenen neben ihm hörten sich wie jedes undefinierbare Geplapper über den Kopf der Kinder hinweg an. Gerede, das er nicht verstand, das aber im nächsten Moment irgendeine Konsequenz für ihn hatte, weil bestimmt wurde, was der kleine Omega nun wieder zu tun hatte.

Gerade war doch noch alles in Ordnung gewesen. Er hatte mit den anderen auf dem Spielplatz gespielt. Und plötzlich war da dieser andere Junge.

Dieser Junge, der ihn jetzt über die Sandkiste hinweg neugierig anschaute.

Zwischen ihren Herzen wand sich und zuckte ein eisernes Band. Es war so kalt und quetschte ihm die Luft ab.

Doch der andere Junge schien das alles gar nicht zu bemerken. Immer noch starrte er Taisto an, während dieser das Gefühl hatte zu zerreißen. Als ob ihn etwas zu diesem Jungen zog, von seinem Vater weg. Weg von allem, was ihm vertraut war.

Sein Vater hielt ihn eng an sich gedrückt und rieb immer noch über seinen Rücken. »Alles ist gut, Taisto. Ich weiß, es fühlt sich ungewohnt an. Aber es ist etwas ganz Besonderes, was gerade passiert. Das ist dein Gefährte. Du hast so ein Glück! Er wird der beste Freund in deinem Leben sein. Alles wird sich für dich verändern.«

Alles veränderte sich.

Zuerst kamen die Briefe.

Dann die Vorladungen.

Dann die Flucht auf eine winzige Insel im Süden des Landes.

Sein Bruder wurde geboren.

Kapitel 1

Taisto

ὦμέγα – Ω

Ich schreckte auf und sah mit pochendem Herzen um mich. Verdammt und zugenäht. War es nicht möglich, wenigstens jeden zweiten Tag entspannt aufzuwachen?

Das Bett neben mir war leer.

Zum Glück. Ich hatte keine Lust auf Sasukes wohlmeinende Worte.

Erschöpft ließ ich mich zurück in die Kissen fallen und starrte an die Zimmerdecke. Draußen vor meinem Fenster kreischten die Möwen und das Rauschen des Meeres konnte man mit etwas Anstrengung erahnen. Ich lebte im Paradies. Und wachte doch auf, als wäre ich ein Gefangener in einem Kerker Kanedas.

Nicht, dass ich wusste, ob es in Kanedas Palast einen Kerker gab.

Regierungsgebäude – nicht Palast. Auch, wenn er sich wie ein Kaiser aufführte. Und schon steckte ich wieder in der schönsten wutgetriebenen Gedankenspirale.

Molasseartige Resignation breitete sich in meinem Magen aus und ich schwang die Beine aus dem Bett. Ich konnte genauso gut aufstehen.

Das Pochen hinter meinen Augen verstärkte sich in aufrechter Position. Ich hatte auf meiner Party zur fünften Freilassung aus der Untersuchungshaft etwas zu intensiv gefeiert.

Vielleicht war das der Grund für meinen schlechten Schlaf. Doch nicht mal ich konnte mich so gut belügen.

Die Erleichterung, dass es mir gelungen war, die Daten, die mir mein Bruder zur Aufbewahrung zugeschickt hatte, zu speichern und zu einer sicheren Auswertung weiterzuleiten, war größer als jede Sorge, ins Gefängnis zu gehen oder zu übertrieben Party zu machen.

Gähnend ging ich ins Bad und machte mich fertig.

Zurück in meinem Zimmer zog ich mir ein Hemd über. Viel mehr war nicht übrig in meinem Kleiderschrank. Alles war gepackt und stand zur Abfahrt bereit.

Ich schnappte mir das Telefon vom Nachttisch und ging nach unten, wo ich meine Eltern hörte.

»Guten Morgen!«

Mein Omega-Vater hob den Blick von seiner Zeitung und meine Alpha-Mutter drehte sich von der Spüle um. Sie trug bereits ganz geschäftsmäßig ihr Kostüm.

»Guten Morgen«, meinte sie mit deutlicher Überraschung in der Stimme.

»Wir hatten dich noch nicht erwartet«, setzte mein Vater hinterher.

Ich winkte ab und nickte meiner Mutter zu. »Schon auf dem Weg zur Uni?«

Sie sah an sich herab und schüttelte den Kopf. »Ich bin heute Gastreferentin bei einem Kongress.«

»Ein Philosophenkongress bei uns?«

»Nein, Wirtschaft. Vertreter der Wandlerinseln und von Sitari sind auch geladen. Selbst Wirtschaftlern schadet philosophischer Weitblick nicht.«

Es war überhaupt nicht erstaunlich, dass meine Mutter auf den Kongress eingeladen war. Egal, was Kaneda in der Vergangenheit versucht hatte, meine Eltern hatten sich eine riesige Reputation erarbeitet und wurden zumindest von ihrem akademischen Netzwerk geschützt.

»Und du?« Mein Vater sah mich verhalten an. In den Augen vieler ein typischer Omega, der gar nicht anders konnte, als sich um seine Brut zu sorgen. Doch ich wusste, dass es primär daran lag, dass er öfter bei uns zuhause gewesen war, da er nicht die renommierten Jobs ergattern konnte, wie meine Mutter. Obwohl er dieselbe Ausbildung hatte und noch in jedem ihrer Streitgespräche mithalten konnte.

»Ich breche heute auf!«

Er nickte und meine Mutter setzte sich zu ihm. »Du weißt, du kannst hierbleiben. Wir freuen uns, wenn du weiter mit uns lebst.«

Ich wandte mich zum Kaffeeautomaten, stellte eine Tasse darunter und sah dem doppelten Espresso beim Durchlaufen zu.

»Ich weiß. Aber die Arbeit wartet.«

Seufzend lehnte sich meine Mutter zurück. »Da löffelt man den Kindern ein Leben lang philosophische Weisheiten ein und dann gehen sie einfach dahin und werden Politiker.«

Mit hochgezogener Augenbraue drehte ich mich zu ihr. »Wohl kaum. Sozialarbeiter schon eher. Du hast Esa gehört. Sie brauchen alle, die ihre Zeit entbehren können. Nach den Razzien in den Omega-Häusern und der Einführung der neuen Gesetze sind die Omegas gerade in der Hauptstadt mehr denn je auf Hilfe angewiesen.«

»Das wissen wir natürlich«, schaltete sich mein Vater nun ein. »Aber es gibt einen Grund, wieso Betas die Leitung dieser Häuser innehaben. Nicht Omegas.«

Die altbekannte Wut stieg in mir hoch. »Du denkst, ein kleiner schwacher Omega wie ich?« Sofort hob ich abwehrend die Hände. »Tut mir leid! Ich weiß, ihr seid nicht die Feinde. Aber es macht es nicht besser, so was immer wieder zu reproduzieren.«

Kopfschüttelnd stand meine Mutter auf. »Wir sorgen uns nur um dich. Natürlich kannst du die Leitung des Hauses und die Koordination aller Häuser untereinander übernehmen. Du bist die am besten geeignete Person dafür, die ich kenne. Aber aktuell bringst du dich damit auch in Gefahr. Du hast es gerade so aus der U-Haft rausgeschafft. Ich bin mir nicht sicher, ob dir das ein weiteres Mal gelingt. Irgendwann kommt eine Anklage.«

»Das verstehe ich und weiß das ja. Aber ich kann nicht hier sitzen und darauf warten, dass sich mein Schicksal ändert. Ich habe die Erlaubnis meiner Alpha, dass ich umziehen und die Position in Ejdon antreten darf. Sasuke begleitet mich.« Das sollte wohl genug geballte Alpha-Power sein, um mich durch die Hauptstadt zu bringen.

Meine Eltern sahen sich an. Schließlich war es mein Omega-Vater, der das Wort ergriff. »Hast du noch mal darüber nachgedacht, wieso es dich so nach Ejdon City zieht? Was dies für dich bedeuten kann? Die Gefahren liegen nicht nur darin, dass du als Putschist festgenommen werden könntest.«

Nein, das weitaus größere Risiko lag darin, dass ich von der Straße wegverheiratet würde und in den Präsidentenpalast verschleppt wurde. Regierungsgebäude. Was auch immer.

»Natürlich«, presste ich knapp aus mir heraus.

»Taisto, rede mit uns. Klar ist es nicht garantiert, dass ihr eine Seelenverbindung habt, aber …«

Doch ich unterbrach meine Mutter. »Sie hätten wohl kaum versucht, euch außer Landes zu schaffen, wenn ich so unbedeutend gewesen wäre«, entgegnete ich.

Beide nickten wieder und sie redete weiter. »Nein, davon gehen wir auch aus. Und dein unaufhaltsames Streben nach Ejdon City …«

»… liegt daran, dass dort eben der Widerstand und die außerparlamentarische Bewegung stattfindet.«

»Ja.« Sie nahm sich ebenfalls Kaffee. »Ich frage mich manchmal, ob dein Drang in die City zu gehen, genauso groß wäre, wenn wir dir nie erzählt hätten, dass …«

»Mama, wirklich! Ich würde euch nie verzeihen, wenn ihr mir diese Tatsache verheimlicht hättet. Niemals! Egal, was passiert. Es ist mein Recht zu wissen, dass es meinen Seelengefährten gibt und dass ich diesen schon getroffen habe.«

Mein Vater seufzte. »Ja. Aber das haben wir uns nicht für dich gewünscht.«

»Und kein Omega in Ejdon hat sich gewünscht, dass ein Egomane wie Kaneda an die Macht kommt und alle in seinen Würgegriff nimmt. Und dennoch ist es so.« In einem Zug trank ich meinen ganzen Kaffee aus. Uff. War doch mehr als gedacht. Ich stellte mich aufrecht hin. »Ironischerweise kann ich nichts gegen mein persönliches Schicksal machen, aber ich kann für die Gemeinschaft der Omegas aktiv werden und etwas bewirken.«

»Es ist nicht das Eine oder das Andere, Taisto«, meinte meine Mutter. »Es ist nicht deine Aufgabe, diesen Kampf zu führen, weil …«

Weil ich mich machtlos fühlte. »Doch Mama, das ist es. Denn wenn ich nichts tue, gehe ich an meinen eigenen Gedanken zugrunde.«

Mein Vater stand auf und umarmte mich. »Wir wollten nur das Beste für dich, mit unserem Umzug hierher. Weg von der Hauptstadt, weg von deinem Gefährten hatten wir gehofft, dass du dich frei entwickeln kannst. Aber er hat dich nie losgelassen.«

Ich wollte aufstampfen und mich verteidigen. Es ging nicht um meinen Gefährten. »Es geht um gesellschaftliche Verantwortung. Dass er in Ejdon City ist, hat damit nichts zu tun.« Dessen war ich mir ziemlich sicher. »Vielleicht lebt er gar nicht mehr dort. Vielleicht zieht es mich deshalb dorthin, weil er weggezogen ist. Lebt im Ausland. Ist in den diplomatischen Dienst gewechselt und arbeitet in der Botschaft bei den Wandlern.«

Meine Mutter spitzte die Lippen. »Das wäre wohl durch die Presse gegangen, wenn sich der selbstgefällige Alpha nur einen Schritt aus dem Palast bewegt hätte.«

»Regierungsgebäude, Frau Mutter! Du weißt doch, wie sehr Kaneda auf den Begriff Wert legt.« Ich grinste sie an und sie winkte ab.

»Ja, du bist außerordentlich witzig.«

Als Antwort hob ich nur herausfordernd die Augenbrauen. Mit beiden Händen griff ich in meine langen, dunklen Haare und schlang sie zu einem Dutt hoch. Egal, was ich machte, sie sahen immer etwas zu wild aus. Nicht so elegant, tiefschwarz und glatt, wie es sich für einen ordentlichen Omega gehörte. Nein, sie hatten eine leichte Welle und waren mit hellen Strähnen gemischt, was dem Ganzen einen dunkelbraunen Anstrich gab. Meine Haare hatten meinen Spitznamen Rebellenanführer in jedem Fall verdient, denn so rebellisch, wie die sich auf meinem Kopf verhielten, konnte ich gar nicht sein.

Ein Regierungsumsturz war ein Kinderspiel gegen das Kraut auf meinem Haupt.

Unwillkürlich schnaubte ich. Von einem Umsturz träumte ich.

Weniger gewaltvolle, hassverherrlichende Sprache und Gesetze, die die Gleichbehandlung aller in Ejdon Lebenden statuierten, wären für den Anfang schon mehr als genug.

Aber die Daten, die über den Kumpel meines Bruders ans Tageslicht gekommen waren, ließen den Schluss zu, dass es dabei nicht bleiben würde. Kaneda hatte eine Umformung der Gesellschaft vor. Da war ich mir sicher. Wie und warum er das genau tat, wusste wohl nur er selbst. Das konnte ich meinen Eltern aber nicht anvertrauen. Diese waren durch meine leichtfertigen Aktionen genug belastet. Ich musste sie aus der Schusslinie bringen und mich näher an das eigentliche Geschehen.

Und den Lästigkeitsfaktor Seelengefährte würde ich schon irgendwie in die Knie zwingen.

»Es wird nichts passieren. Er verschanzt sich in seinen Gemächern. Ich bin unter den Omegas. Ein Treffen ist ausgeschlossen. Und selbst wenn. Eine Berührung zwischen uns ist undenkbar und niemand wird unsere Verbindung forcieren. Himmel – sie haben deutlich gemacht, dass es unsere Verbindung nicht gibt, weil es sie nicht geben darf. Ich gehe meiner Arbeit nach und er – keine Ahnung.«

Was machte das Präsidentensöhnchen Yasu Kaneda eigentlich?

Kapitel 2

Yasu

ἄλφα – Α

»Wieso noch mal kann ich nicht Wasserwerfer auffahren und das ganze Gesindel ins Meer spülen?« Mein Vater richtete die Frage an niemanden Bestimmten um uns herum.

Und doch fühlten sich alle angesprochen und jeder drückte sich vor einer Antwort.

»Weil es genau die sind, denen du helfen willst, Vater. Ihre Undankbarkeit hat ihren Ursprung offensichtlich in Unwissen und nicht in Bösartigkeit.«

Die Spannung in dem Raum war immer noch zum Greifen.

Dem Präsidenten zu widersprechen, das gab es selten.

Alle hatten ihren Blick auf den großen Bildschirm gerichtet und verfolgten die Aufzeichnung der Demonstrationen gegen meinen Vater.

»Bösartig vielleicht nicht. Aber wenn im nächsten Zug die Gesetze zur Präsidentenbeleidigung ausgeweitet werden, haben wir hier gleich ein paar Straftäter mehr unter uns.« Mein Vater deutete auf den Bildschirm und ich winkte ab.

»Schau doch. Ganz vorne sind Familien mit Kindern. Die plappern nur nach, was man ihnen medial vorsetzt«, widersprach ich ihm.

Ich kümmerte mich nicht um die Regierungsgeschäfte meines Vaters. Weder hatte ich Interesse daran, noch bezog er mich ein. Mittlerweile.

Früher hatte er es versucht, mich als seinen Nachfolger zu rekrutieren.

Mit einem Lachen hatte ich gesagt, dass da immerhin eine Wahl dazwischenstand, und mich wieder abgewandt.

Ich wollte nicht hören, was er dazu zu sagen hatte. Es hörte sich nicht wie ein Angebot für mich an, sondern wie eine Drohung. Und ich wusste, dass ich ihm nicht gewachsen war. Nicht mit dem ganzen politischen Apparat und seinen Freunden im Hintergrund.

Wie immer, wenn mir mein Vater seine Politikgeschäfte hatte nahebringen wollen, erschauderte ich. Zuerst hatte ich gedacht, dass sie mich nicht interessierten. Doch das beunruhigende Gefühl, das mir seine Erklärungen jedes Mal bereiteten, konnte ich irgendwann nicht mehr ignorieren. Also hatte ich mich zurückgezogen, um mich zu schützen.

Um mich nicht damit auseinandersetzen zu müssen.

Aber die Entwicklungen der letzten Wochen hatten auch vor mir nicht haltgemacht und ich verfolgte die Bewegung, die durch unser Volk ging.

Wieder mal konnte ich das, was ich bisher gesehen hatte, nicht so recht mit den sorgenvollen Reden meines Vaters in Einklang bringen.

Einerseits wollte ich mich deshalb erneut zurückziehen und ihn regieren lassen, andererseits ließ mir die Diskrepanz keine Ruhe mehr.

Also stand ich nun hier und versuchte, mir einen Reim darauf zu machen, was ich eigentlich tat. Wollte ich nun doch Politiker werden? Der Gedanke zog mir den Magen zusammen. Etwas in mir befahl mir, aktiv zu werden. Aber was sollte ich tun und wie? Ich hatte keine Kontakte und immer noch keine politischen Ambitionen. Ein sechsundzwanzigjähriger Uniabsolvent. Mehr war ich nicht.

Mein Vater legte mir seine Hand auf die Schulter. »Du bist zu weich, Yasu. Lass dich nicht täuschen. Das ist alles eine Fassade. Organisiert von Leuten, die uns unser Leben nicht gönnen. Leute, die sich an der politischen Macht in unserem Land bereichern wollen. Nein, nein! Sie gehören alle in ihre Schranken gewiesen. Alle Omegas.«

Seine Worte drückten mir die Magensäure in den Hals.

Die Lage im Land war so angespannt, wenn er so weiterredete, würde er das Pulverfass zum Explodieren bringen.

Ein Mitarbeiter wandte sich an meinen Vater. »Wir könnten weitere Spielkasinos eröffnen. Das Kreditlimit erweitern. Ein paar weitere Betäubungsmittel freigeben.«

Seufzend schüttelte mein Vater den Kopf. »Das wird nicht reichen. Sie sind zu satt, zu gierig nach mehr. Nach Dingen, die ihnen nicht zustehen. Das vergessen sie nur, weil man ihnen viel zu viel zugestanden hat. Wir müssen uns immer daran erinnern, wer unsere Feinde sind. Diese Kreaturen haben es auf uns abgesehen. Es wird Zeit für ein großes Beben. Ein echtes, das die Erde aufreißt, die Häuser zum Einstürzen bringt und die Leutchen ordentlich durchschüttelt, damit das Volk mit anderen Dingen beschäftigt ist, als an unserem Thron zu sägen. Dann haben wir auch wieder mehr Spielraum, um weiter vorzugehen.«

Ich lachte. »Na, ob eine Naturgewalt wie ein Erdbeben sich deinem Willen beugt und auf Knopfdruck losgeht, wage ich zu bezweifeln.«

Ein anderer Mitarbeiter riss den Kopf zu meinem Vater herum, doch dieser verzog keine Miene. »Du hast recht, die Unvorhersehbarkeit derer ist es, was sie so interessant macht. Und trotzdem ist es langsam wieder Zeit für einen Ruck durch unser Land.« Er lachte. Der Ton leise und kalt.

Ich wandte mich ab. Das war der Grund, warum ich mich nicht für Politik eignete. Nach jedem Treffen mit meinem Vater war ich emotional nur noch eine Hülle, fragte mich, wie ich in diese Familie gekommen war, und hatte das Gefühl hier falsch zu sein. Hilflos. Die Hände gebunden. Und trotzdem war ich wieder mal da. Ein Teufelskreis.

Meine Mutter stand am Ende des Raumes.

Meine Mutter.

Wie lange hatte ich sie nicht gesehen? An unser letztes Aufeinandertreffen konnte ich mich nicht mehr erinnern.

Alphas und Omegas hatten nichts miteinander zu tun, war das Mantra meines Vaters. Das galt auch innerfamiliär.

Eine Welle von Wärme und Sehnsucht durchzog mich. Es hatte eine Zeit gegeben, als sich meine Mutter und ich nahestanden. Aber ich war kein Kind mehr. Es war angebracht getrennte Wege zu gehen.

Dennoch lächelte ich ihr zu. Ihre weiche, sanfte Mimik wirkte angespannt, jedoch reichte ihre Ruhe wie immer bis zu mir. Mit einer schwachen Bewegung winkte sie mir zu und richtete sich dann aber sofort an meinen Vater. »Präsident.«

Er wirbelte herum und starrte sie voller Verachtung an.

Das Verhältnis meiner Eltern würde ich nie verstehen.

Sie waren doch Seelengefährten. Und angeblich waren diese Verbindungen das Fundament, auf dem unsere Gesellschaft gegründet war, heilig und erhaltenswert.

Zwischen meinem Vater und meiner Mutter war sie aber nur transaktionell.

»Was?«, raunte er sie an.

»Ich habe Sie seit zwei Wochen nicht gesehen …« Sie hob ihre zitternde Hand.

Mit einem unwirschen Laut zog er sie am Ellbogen aus dem Raum.

Wieder mal taten alle Beteiligten so, als ob sie nichts davon mitbekämen.

Ich sah ihnen nach.

Mein Vater schloss die Tür gar nicht hinter ihnen, sondern drückte meine Mutter mit seinen Händen an ihrem Hals einfach gegen die Flurwand. Bei der Berührung atmete sie erleichtert auf, griff seine Hände, strich über jeden Fleck seiner Haut, die sie erreichen konnte und soweit er es zuließ.

Diese Abhängigkeit.

Erschreckend.

Mein Vater schien etwas besser damit klarzukommen als meine Mutter.

Womöglich täuschte das aber auch nur.

Ihre körperlichen Ausfälle waren einfach offensichtlicher.

Seine mentalen Defizite hingegen - niemand würde es wagen, beim Präsidenten mentale Defizite festzustellen.

Nach außen hin waren sie das Vorzeige-Paar, das aufgrund seines Seelenbandes diese Macht ausleben konnte.

Beschämt senkte ich den Kopf und drehte mich wieder zu dem Video der Demonstration.

Ihre Beziehung ging mich wirklich gar nichts an.

Es waren wenige Minuten, bis mein Vater zurückkam. Mit einem kurzen Blick über die Schulter bestätigte ich, was ich wusste. Meine Mutter war verschwunden.

Zurück auf dem Bildschirm sah ich nun einen der Redner, dem die Menge frenetisch zujubelte.

Er sah aus wie ein Wilder. So als wäre er aus irgendeinem Dschungel der Wandler zu uns gekommen.

Die Haare zu einem kaum zu bändigenden Knoten auf dem Kopf zusammengebunden.

Seine Kleidung erinnerte an vergangene Zeiten, als sich jeder aus irgendwelchen Flicken Fetzen zusammennähte, die den Körper bedeckten. War das modern? Sollte das ein Statement sein?

Mein Vater auf der einen Seite und dieser Mann auf der anderen. Na bravo. Da konnten wir das Land direkt anzünden. Dieser Sprecher war genauso verbohrt wie der Präsident.

Wir brauchten Einheit. Nicht noch mehr Spaltung.

Kopfschüttelnd wandte ich mich an meinen Vater. »So jemandem kann man doch nicht überlassen, mit den Omegas zu reden.«

Zum ersten Mal seit Jahren schaute mich mein Vater an. Richtig an. In meine Augen. Musterte mein Gesicht. So als tastete er mich mit einem Laser ab und ein zufriedenes Grinsen setzte sich auf seine Lippen.

»Absolut meine Meinung!« Er nickte mir anerkennend zu.

Ein Lob von ihm war so selten wie – ich hatte gar keinen Vergleich. Das war ein Opening, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Wollte ich durch diesen Spalt, der sich mir geöffnet hatte, schlüpfen und meinem Gefühl, aktiv werden zu müssen, nachgehen?

»Deine Arbeit und Botschaft sind so wichtig, Vater. Ich denke, ich sollte mich daran beteiligen. Es ist Zeit, dass auch ich in die Öffentlichkeit gehe. Das Gespräch mit den Omegas suche, um klarzumachen, wie ein friedliches Zusammenleben stattfinden kann.«

Anscheinend hatte ich das Falsche gesagt. Der Präsident winkte ab. »Die fressen dich auf so einer Bühne.«

Doch so schnell gab ich nicht auf. Ich verfolgte vielleicht keine politische Karriere wie er, aber ich konnte meinen Beitrag zu dieser Gesellschaft als Vermittler meiner Familie leisten. »Nicht auf so einer Bühne. Ground work. Ich gehe richtig vor Ort. In diese Omega-Häuser. Zeige, dass der Präsidentenfamilie das Schicksal der Omegas wichtig ist und die Politik meines Vaters nur Gutes verfolgt.« Mir war nicht klar, wen ich mit den Worten überzeugen wollte. Meinen Vater oder mich selbst. Jeden von uns beiden wohl ein bisschen.

Dieser sah mich aus zusammengekniffenen Augen an, sah zum Bildschirm, wo der Redner mit erhobener Faust irgendetwas über die Menge brüllte und zurück zu mir. »Diesen Typ sollte man von der Bühne sprengen«, murmelte er gedankenverloren und mir wurde schlecht.

Mit einem gekünstelten Lachen winkte ich ab. »Das wird nicht nötig sein, wenn ich für dich das im Hintergrund erledige.«

Ein kühles Glimmen in den Augen meines Vaters bohrte sich in mich. »Vielleicht ist das keine schlechte Idee.« Nun grinste er. »Tu das, mein Junge! Geh zu den Omegas und sorge für Ordnung.«

Er drückte meine Schulter. »Ich will nur das Beste für alle. Das glaubst du mir doch?«

Ich sah in die Augen meines Vaters. Anerkennung und Zuversicht strömten aus ihm und er legte als Familienoberhaupt seine Alpha-Aura über mich. Mit gesenktem Kopf nickte ich.

Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu glauben. Oder?

Diese Ahnung von Zweifeln, dass sich hinter all den schönen Worten mehr verbarg, als ich sehen wollte, die mich seit Tagen quälten, regten sich wieder in mir. Der einzige Weg, dass sie mich einnahmen, war, aktiv zu werden.

In jedem Fall musste jemand diese Omegas beruhigen. Zweifel hin oder her – dorthin zog es mich.

Kapitel 3

Yasu

ἄλφα – Α

Die Beta unter mir wand sich, während ich in sie drang. Sie war wunderschön. Kleine feste Brüste. Ihr ganzer Körper schmal und drahtig. Seit einer Stunde hielt sie mit meinem unstillbaren Bedürfnis nach Berührung mit. Nur irgendwann würde ich kommen müssen. In wenigen heftigen Stößen trieb ich mich zum Orgasmus. Das namenlose Wesen stöhnte unter mir.

Doch wie immer kam nach dem Ziehen – nichts. Das Hoch blieb unerfüllt. Jeder Sex verlief gleich. Die Sucht nach Nähe trieb mich in das Bett eines oder einer Beta – nie eines Omegas. Doch jedes Mal verließ ich es unbefriedigt.

Was nicht an den sexuellen Fähigkeiten meiner Auserwählten lag, sondern an mir selbst. Die ganze Interaktion fühlte sich komisch an. Falsch.

Jedes Streicheln, jede Berührung wie der Abklatsch eines Traumes.

Ein böser Traum? Ein guter Traum? Einer Erinnerung an eine vergangene Zeit. Diffus.

Ein Sehnen nach Nähe. Doch je näher mir jemand kam, umso größer wurde mein Hunger nach Zweisamkeit.

Das Bett begann zu wackeln. Das Mädchen lachte. »Es stimmt also, was man sich sagt, du bringst die Wände zum Wackeln.«

Die anderen drei Beta-Männer neben uns in meinem Bett sahen sich ebenfalls um.

Lediglich eine Beta stand an meinem Schreibtisch und schaute mit hochgezogenen Augenbrauen zu unserer kleinen Orgie herüber. Lange braune Locken schlängelten sich in weichen Wellen über ihren Rücken.

Wie war noch mal ihr Name? Hatten wir gestern Abend Namen ausgetauscht, als wir die Party in meine Wohnung im Präsidentenpalast verlegt hatten?

Ein weiteres Wackeln ließ uns aufschrecken.

»Das bin ich nicht.« Ich sah mich um.

Das Gebäude wankte. Ein Erdbeben.

Shit. Wir sprangen aus dem Bett. Die Regale wackelten, die Bücher, Gegenstände auf meinen Ablagen klirrten und schepperten.

Ein Beta spreizte sich in den Türrahmen.

Ich kroch unter den Schreibtisch zu der Frau und in dem Moment ließ das Wackeln nach.

Wir harrten einige Augenblicke aus, doch alles blieb ruhig.

Nur ein kleines Beben also.

Die Beta, in der ich gerade noch gesteckt hatte, robbte unter dem Bett hervor und hob die Augenbrauen. »Puh. Das war mal ein Schlusspunkt.« Sie griff nach ihren Klamotten auf der Matratze und zog sich an.

Ich selbst schlüpfte nur in eine weite, traditionell blaue Leinenhose.

Die anderen warfen sich Blicke zu und verstanden die unausgesprochene Aufforderung, jetzt zu gehen.

In einer schnellen Bewegung zog meine Sexpartnerin den Reißverschluss des Jumpsuits hoch. »Ich gehe davon aus, wir sehen uns nicht mehr? Zumindest so nicht?« Sie deutete auf das Bett.

Ich schüttelte den Kopf. Was sollte ich auch sagen? Sie wusste Bescheid, jeder meiner wechselnden Bettgefährten wusste Bescheid.

Erklären konnte ich es mir nicht. Aber es war immer dasselbe.

Die anderen lächelten wissend und machten sich ebenfalls fertig.

»Ich muss jetzt auch los. In einer Stunde habe ich einen Termin.« Einen echten Termin hatte ich nicht. Aber ich hatte mit dem Fahrer und dem Bodyguard vereinbart, in einer Stunde loszufahren. Das Omega-Haus sollte überrascht werden. Ich wollte mir einen ehrlichen, unvorbereiteten Eindruck verschaffen.

Ich öffnete die Tür und alle gingen durch sie hindurch. Alle, bis auf die Beta vom Schreibtisch.

Langsam, so als wollte sie sich noch nicht trennen, ging sie hinterher.

»Alles okay?«

Mit überraschter Mimik öffnete sie die Augen weiter. »Natürlich. Ich bin schon verschwunden.«

»Ist etwas passiert, das … ähm. Mir ist dein Name entfallen.« Meine Erinnerung an den vergangenen Abend war – nebulös. Anhaltspunkte dafür, dass ich eine Grenze überschritten hätte, fand ich darin nicht. Jedoch wollte ich sichergehen, dass ich mir selbst nichts vormachte.

Sie schüttelte den Kopf. »Oh, nein. Alles gut. Es ist gar nichts passiert. Mach dir keine Sorgen.« Sie zögerte, öffnete den Mund. »Millie.«

Nickend lächelte ich. Erleichtert. »Ah. Gut.«

Ich deutete in den Flur. »Die Wachen bringen euch raus.«

Millie tippte ihr Telefon an und gab einen unwirschen Laut von sich. »Bin schon weg. Ich muss eh los. Das wird knapp.« Sie warf mir ein flüchtiges Lächeln zu. »Mach’s gut, Yasu.« Damit verschwand sie aus der Tür.

Sofort eilte ich ins Bad, im Wissen, dass sich der Sicherheitsdienst des Hauses darum kümmern würde, dass Millie auch sicher nach draußen kam.

Während meiner Dusche ging ich noch mal die Eckdaten des Omega-Hauses durch, das ich besuchen würde. Gründungsjahr. Zielsetzung. Neue Leitung unter Taisto Lainen. Der Wüstling aus dem Fernsehen.

Dass so jemand Verantwortung für ein Haus einer derart vulnerablen Gruppe tragen konnte, war unvorstellbar.

Das Ganze ließ mir keine Ruhe. Deshalb hatte ich die Betas nach der Party in einem exklusiven Club gestern mit zu mir genommen. Meine Nerven lagen blank.

Diese bekannte Unruhe in meiner Herzgegend hatte in den letzten Tagen zugenommen und nicht mal exzessivster Sport oder eine Party hatten sie merklich lindern können.

Die Berührungen der Betas waren angenehm gewesen.

Die Frage, wie ich je einen Partner oder eine Partnerin finden sollte, wenn ich allen Omegas auswich, als wären sie hinter meinem Erstgeborenen her, und Betas mein Interesse nicht halten konnten, wusste ich nicht.

Womöglich blieb ich für immer Single. Der Gedanke beruhigte mich auf eine gewisse Weise, denn diese Aussicht auf die Zukunft war mir lieber, als eine Beziehung einzugehen und dann so zu enden wie meine Eltern.

Der geplante Besuch des Omega-Hauses würde mir dabei auch nicht helfen. In nächster Zeit ging es darum, die Leute zu überzeugen, dass sie mit der Regierung kooperieren sollten.

In einem legeren Anzug setzte ich mich schließlich ins Auto zu einem Fahrer meines Vaters.

Ein Sicherheitsbeamter saß vorne neben diesem. Mehr Leute wollte ich nicht dabei haben.

Ich glaubte nicht, dass mir Gefahr drohte. Der Pessimismus meines Vaters rührte doch stark von seiner einseitigen Sichtweise der Politik her.

Die Fahrt in das abgelegene Stadtviertel dauerte deutlich länger, als ich vermutet hatte. Mit jedem Kilometer, den wir zurücklegten, wurden die Gebäude kleiner, heruntergekommener. Die großen, glänzenden Hochhäuser der Innenstadt ließen wir hinter uns und tauchten ein in ein völlig anderes Leben der Hauptstadt, als ich es gewohnt war.

Meine Unruhe nahm weiter zu. Wie lange war ich nicht mehr in Ejdon unterwegs gewesen?

Nach meinem Jurastudium, das ich Tausende von Kilometern entfernt absolviert und vor drei Monaten beendet hatte, war ich zurückgekommen, hatte aber noch nichts in Ejdon unternommen, außer zu joggen oder zu feiern.

Die Zeit im Ausland war fantastisch gewesen. Weg vom politischen Trubel, der meinen Vater umgab, hatte ich mich ganz auf mich und mein Studium konzentrieren können. Meine Ferien hatte ich auch nicht immer in der City verbracht. Und wenn, war ich nicht hierhergefahren.

Wir hielten vor einem umzäunten Gebäude, vor dem Wachen auf unseren Wagen sahen.

Der Fahrer senkte das Fenster und hielt der Alpha, die mit grimmigem Blick auf uns herabblickte, unsere Ausweise und Zugangsberechtigungen hin.

Mein Vater hatte alle Dokumente vorbereitet, im Wissen, dass Alphas in dem Institut eigentlich nicht zugelassen waren. Außer sie arbeiteten dort nach einer internen Sicherheitsfreigabe.

Die Alpha sah auf die Unterlagen und schüttelte den Kopf. Hinter ihr wurde ein klappriges Gittertor zugezogen, was uns faktisch ausschließen sollte.

Ich öffnete die Autotür, stieg aus und ging auf sie zu. »Guten Tag! Darf ich mich vorstellen, Yasu Kaneda, ich ...«

»Ich weiß, wer ihr seid. Ihr kommt hier nicht rein.«

Kopfschüttelnd trat ich noch näher an sie heran. Der mir zugeteilte Bodyguard war bereits an meiner Seite und sie wich zurück.

»Sie haben keinen Grund, hier zu sein. Gäste müssen angemeldet werden.« Sie murmelte irgendetwas Unverständliches in ihr Headset.

Also, das war doch ungeheuerlich. Ich hatte nicht erwartet, dass uns ein roter Teppich ausgerollt würde, aber sie sollten sich glücklich schätzen, dass der Präsident – wenn auch nur durch mich repräsentiert – Interesse an ihrem Haus hatte.

Meine Securitybegleitung drängte sich zwischen uns. »Lesen Sie die Papiere!« Er hielt sie der Frau unter die Nase. »Schwarz auf weiß finden Sie alles, was Sie wissen müssen. Wir können das auf die leichte oder die harte Tour machen.«

Sie hob das Kinn und sah ihn unumwunden an. »Nein!«

Am Eingang des Gebäudes hinter dem Tor traten Leute in den Vorhof.

Ein muskulöser Alpha mit zwei Betas im Schlepptau kam auf uns zu. Für ein Omega-Haus waren hier ziemlich viele andere Personen unterwegs. Und anscheinend legte man hier keinen Wert auf formelle Arbeitsuniformen. Anhand ihrer legeren Kleidung konnte ich nicht zuordnen, welche Aufgaben die Leute hier hatten. Sie konnten genauso gut Besucher sein.

»Kaneda-san!«, rief mir der Alpha zu. »Was für eine Ehre!« Er trat durch das Tor und verschloss es wieder. Lachend kam er auf mich zu. »Wir sind leider gar nicht auf Besuch eingestellt! Sie verstehen. Ein andermal gerne. Sie können sich direkt mit mir für einen Termin in Verbindung setzen.«

Aha. Offensichtlich kein Besucher, sondern Teil des Omega-Hauses. Mein unverbindliches Lächeln hielt so nicht mehr lange. Genau deshalb hatte ich mich nicht angekündigt. Um mir ein echtes Bild zu machen. »Mit wem habe ich denn die Ehre?«, fragte ich.

»Sasuke«, meinte der Alpha, so als würden wir uns privat begegnen. »Wie gesagt, einfach durchklingeln.«

»Sasuke-san«, setzte ich an. »Ich befürchte, das wird so nicht funktionieren. Wir sind hier in kleiner Besetzung, um gar kein großes Aufheben um uns zu machen. Und dabei würde ich es gerne belassen. Mir liegt wirklich nichts ferner, als den Präsidenten einzuschalten, um hier Zutritt zu erhalten. Sie wollen doch ein gutes Licht auf Ihre Organisation werfen!«

Er verzog den Mund leicht und senkte das Kinn. »Ich verstehe.« Er sah die Alpha am Eingang an und nickte ihr zu. Diese begann unter vorgehaltener Hand in ihr Headset zu reden.

Sasuke drehte sich wieder zu mir. Er war deutlich größer als ich. Keine Überraschung. Die meisten Alphas waren größer als ich. Ich überragte ja nicht mal alle Omegas. Ein Umstand, den mein Vater sehr bedauerte, wie er gerne wiederholte. Ich konnte es nicht ändern.

»Dann muss ich Sie aber jetzt auf unsere wichtigsten Sicherheitsvorkehrungen hinweisen. Normalerweise sind Alphas gar nicht erlaubt. Viele traumatisierte Omegas suchen hier Schutz. Durch Ihre Anwesenheit könnte der Erfolg ihrer Therapien vernichtet werden. Die Razzien im letzten Jahr haben viel Vertrauen zerstört, das für diese Häuser überlebenswichtig ist. Jetzt gelten die alten Regeln wieder. Alle Gefahren sind vom Haus fernzuhalten.«

»Ich bin nun wirklich keine Gefahr für einen Omega …«

»Das weiß nur leider das Gehirn eines misshandelten Omegas zum Beispiel nicht. Es muss die Informationen verarbeiten, das es erhält. Und das sind in Ihrem Fall nun mal Alpha-Ausdünstungen, die nicht in gesicherte Bereiche – wie der Klinikbereich des Hauses – gehören. Auch ich halte mich dort nicht auf«, setzte er sofort hinterher, als ich bereits seine Anwesenheit hinterfragen wollte.

»Kein Problem. Ich folge Ihren Anweisungen. Ich will mir nur ein Bild machen und mit der Leitung sprechen.«

Sasuke zog eine Augenbraue hoch. »Warum?«

»Weil ich mit der verantwortlichen Person reden will!«, beharrte ich.

»Das bin ich in dem Fall für Sie.«

Ich musterte ihn. Ein wunderschöner Mann, schoss es mir durch den Kopf. Alles an ihm sprach mich an. Seine dunklen Haare, die in einem modischen Schnitt sein symmetrisches Gesicht einrahmten. Das Selbstbewusstsein, mit dem er sich bewegte. Ein starker Geruch von Omega umgab ihn, was in seiner Position nicht erstaunlich war. Und dennoch hatte er etwas an sich, das mich störte.

»Nein, das ist die Leitung des Hauses. Und das sind nicht Sie.« Das hatte ich in meiner Vorbereitung definitiv noch gelernt.

»Mal sehen, ob Taisto da ist. Dann kommt doch erst mal rein.«

Ratternd öffnete sich das Tor und mein Fahrer fuhr durch. Ich ging mit dem Bodyguard hinterher und sah mich um.

Alles war ordentlich, offensichtlich alt und renovierungsbedürftig. Es wurde doch so viel Geld in diese Häuser gesteckt, wohin verschwand das alles?

»Esa, geh bitte schon vor«, meinte Sasuke und einer der Betas lief voran in das Gebäude.

Die Tür schloss sich hinter ihm und ich eilte hinterher.

Abgestandene Luft nahm uns in Empfang. Gemurmel drang aus dem Inneren und wie von Sirenengesang angezogen, folgte ich ihm.

»Ne, nicht hier. Komm bitte mit«, meinte Sasuke und deutete einen Gang entlang. Wie auch die Fassade war das Innenleben des Gebäudes in die Jahre gekommen. Wahrscheinlich war das ganze Ding renovierungsbedürftig. Ein einfacher Anstrich der Wände, um die Flecken zu verdecken, würde nicht reichen. Die abgeplatzte Farbe an den Fensterrahmen ließ die Räume wirken, als stünden sie vor dem Auseinanderfallen. Trotzdem wirkte alles ordentlich, sauber, funktional. Keinerlei Dreck oder Unordnung war zu sehen. Der Eindruck wurde durch den feinen Geruch von Desinfektionsmittel unterstrichen.

»Was ist hier?« Ich deutete auf die zwei Flügeltüren, hinter denen die Geräusche zu hören waren.

Sasuke schüttelte den Kopf. Ich ging einen Schritt auf die Geräuschkulisse zu.

Im nächsten Moment wurden die Türen aufgedrückt und der Rebellenanführer aus dem Fernsehen stand vor mir.

Die Haare genauso wild, die Klamotten so seltsam wie bei seiner Rede auf der Demonstration.

Alles zog mich zu ihm. Ich stolperte einen Schritt auf ihn zu und er wich zurück.

»Wir machen das hier nicht!«, fauchte er mich an.

Was meinte er denn mit das hier? »Ist ja gut«, versuchte ich zu erklären. »Ich wollte mich nur umsehen. Wieso kann ich hier nicht hinein?«

Taisto zog die Augen zusammen und sah hinter sich. »Wohin?«

Ich deutete auf die wieder geschlossenen Türen hinter ihm.

»Der Aufenthaltsraum?«

Ich zuckte mit einer Schulter. »Ja?«

Taisto kam auf mich zu und eine Energie pulsierte zwischen uns. Kraftvoll. Leidenschaftlich. Gefährlich. »Keine Spielchen!«, zischte er mir zu.

Ich schüttele den Kopf. Trotz seiner offensichtlichen Feindseligkeit ließ meine innere Unruhe nach. Taisto mit seinem wütenden Gesichtsausdruck und seinen ausschweifenden Gesten fing sie ein. Doch gleichzeitig verhinderte er, dass ich irgendetwas wahrnahm, was über seine äußerlichen Regungen hinausging. Was das sein sollte und wieso ich es bemerkte, konnte ich nicht erklären.

Die Gewissheit darüber war einfach da.

»Okay.« Langsam drehte sich Taisto um und schob die Tür auf. »Aber belästige keinen. Sprich am besten niemanden an.«

»Ich bin nur Beobachter.«

Sasuke folgte uns und schien die seltsame Stimmung zwischen Taisto und mir auch wahrzunehmen. Zumindest warf er uns irritierte Blicke zu.

Die Türen gingen auf und eine bunte Mischung aus Gerüchen wallte auf uns zu.

Essen, getragene Kleidung, viele Omegas. Ein mir völlig unbekannter Mix an Leben. Nicht vergleichbar mit dem sterilen Nichts aus dem Palast.

Esa, der Beta, den Sasuke vorgeschickt hatte, kam uns mit leuchtenden Wangen und gehetztem Blick entgegen. Er nickte Taisto zu.

Dieser ging zwischen den Tischen hindurch, an denen Omegas teilweise alleine, teilweise mit Kindern im Gespräch vertieft saßen.

Die meisten sahen mich neugierig an. Vermutlich wussten sie, wer ich war.

Niemand machte aber Anstalten, auf mich zuzukommen. Das mochte an dem Bodyguard liegen, der hinter mir herging und sicherlich abschreckte.

Freundlich lächelnd nickte ich allen zu, die nicht den Blick abwandten.

Zügig schritt Taisto durch den Raum. Am Ende öffnete er eine weitere Tür.

Dahinter verbarg sich eine Küche.

»Hier ist die Küche!«, meinte Taisto überflüssigerweise.

»Welche Räume gibt es sonst noch in dem Gebäude?«, wollte ich wissen und trat direkt neben ihn heran.

»Schlafräume, die Klinik, Kinderzimmer, Bäder. Verwaltung. Das ist wohl das Wichtigste. Das kannst du aber alles nicht sehen. Die Omegas, die dort untergebracht sind, dürfen nicht so überrascht werden, wie wir es wurden.«

Ein Stich schlechten Gewissens fuhr durch mich.

»Muss ja nicht sein«, lenkte ich sofort ein. »Was aber notwendig sein wird, ist ein Gespräch, Taisto!«

Er riss den Kopf zu mir herum. »Warum?« Wieder sah er mich aus seinen zu Schlitzen verengten Augen an. »Es gibt nichts zu bereden.«

Er war mir so nah, dass ich nicht nur die Schattierungen des Brauns seiner Iris erkennen konnte, sondern auch seine Wärme spürte und seinen Atem auf meiner Haut fühlte.

»Aber sicher gibt es etwas zu besprechen. Die Regierung wünscht eine bessere Kooperation der Omega-Häuser und einen engeren Austausch hinsichtlich der neuen Gesetze.«

Taistos Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. Einem gefährlichen, hämischen Grinsen. »Natürlich will die Regierung das. Und da schicken sie dich daher.« Er lachte leise. »Gar nicht so doof.« Sofort fiel seine Mimik wie eine Grimasse in sich zusammen. »Yasu, egal, was du dir ausgemalt hast, das wird nichts bringen.«

Er nannte mich Yasu. Nicht in einer förmlichen Anrede oder Kaneda. Yasu. So als würden wir uns kennen.

»Das sehen wir ja erst, wenn wir es versucht haben!« Ich setzte größten Aufwand in mein gewinnendstes Lächeln, doch es schien ihn nicht zu bewegen. »Es bringt nichts, sich zu zerfleischen. Ein Kompromiss muss her. Gegenseitiges Verständnis und Respekt. Ich bin als Vermittler hier.«

Ruckartig drehte er sich um und deutete auf eine weitere Tür. »Hier geht’s nach draußen. In den Garten.«

Sasuke, mein Bodyguard, Esa und ich folgten ihm.

Draußen war eine karge Rasenfläche, mit ein paar Picknicktischen, umgeben von einer eher blickdichten Hecke. In einer Ecke waren einige Spielsachen installiert, darunter auch Schaukeln. Vereinzelt standen Bäume auf der Wiese.

Diese seltsame Anziehung zog mich wieder an Taistos Seite. Es musste mir doch gelingen, irgendwie zu ihm durchzudringen, mir Gehör zu verschaffen.

Ich flog immer gerne unter dem Radar. Die Aufmerksamkeit, die mein Vater in der Öffentlichkeit genoss, war mir zuwider. Wieso musste ich alles daran setzen, dass mich Taisto wahrnahm?

Vermutlich hatte ich wirklich zu lange Zeit behütet in Internaten, abgeschieden von der Welt, verbracht.

Doch jeder Schritt, mit dem ich mich Taisto näherte, zog Sasuke hinterher.

Was waren die beiden füreinander, dass er so an uns – an ihm, an Taisto – kleben musste?

Ich deutete auf eine Bank weit weg vom Eingang des Gebäudes. »Wollen wir uns dort kurz unterhalten?«

Taisto nickte abwägend und ich gebot meinem Bodyguard, bei Esa zu warten.

Esa selbst starrte uns an, als wären wir ein Weltwunder. »Ich kann das Gespräch führen! Ich arbeite schon viel länger hier und habe alle Infos parat, die Sie interessieren könnten!«

Nein! Ich will nur Taisto!, war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf stob. Absurd! Dennoch würde ich mit niemandem sonst reden.

Ich schüttelte den Kopf. »Taisto ist der Leiter und damit mein Ansprechpartner. Sollte es notwendig werden, komme ich auf Sie zu.«

Esa sah mich gar nicht an, sondern kommunizierte mit Taisto über Blicke. Was redeten sie hier wortlos vor mir? In mir baute sich ein Grummeln auf, das ich mit einem Knurren loswerden wollte.

Heute war wirklich nicht mein Tag.

Taisto war anscheinend mit dem Austausch fertig und deutete auf die Bank. »Gehen wir.«

Sofort machte sich Sasuke daran, uns zu folgen. »Alleine!«, herrschte ich ihn völlig unangemessen an. Ich räusperte mich. Auch, wenn ich der Sohn des Präsidenten war, Sasuke war ein Alpha wie ich und wir uns ebenbürtig. Mein Blick huschte zu Taisto. Natürlich waren wir uns ebenfalls ebenbürtig. Der Gedanke, Sasuke so herauszustellen, hatte sich einfach verselbstständigt. Scham darüber setzte sich zu dem dringenden Bedürfnis, mit Taisto alleine zu sein.

»Ich möchte die Vertrautheit des Gesprächs wahren, Sasuke. Danke, wenn wir dich brauchen, wird dich Taisto rufen, oder?« Ich sah diesen an und er nickte.

»Na los. Bringen wir es hinter uns«, meinte er und ging auf die Bank zu.

Schnell holte ich ihn ein und deutete auf den freien Platz neben ihm. »Kann ich mich zu dir setzen?«