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»Vielleicht kannst du nicht glauben, was ich hier erzähle. Vielleicht kannst du es nicht verstehen, weil du nicht an Bord warst. Aber ich war drin und habe die Menschen gesehen. Und ich sehe sie immer noch. Das, was damals passiert ist, geschieht wieder und wieder …« So beginnt der Optiker von Lampedusa seine Geschichte und zugleich die von 47 Menschen, die er im Oktober 2013 vor dem Ertrinken bewahrte. Er ist ein einfacher Mann, ein Jedermann, der auf Lampedusa lebt, sich um seine Familie sorgt und erst im Strudel der Ereignisse zum Handelnden und Retter wird. Doch dieses Buch ist mehr als die Geschichte einer Rettung, es beschreibt den grundlegenden Wandel vom passiven Zeitgenossen zum engagierten Zeitzeugen. Eindrücklicher, ergreifender und erschütternder ist noch nie über die große Tragödie unserer Zeit, das fortdauernde Sterben im Mittelmeer, geschrieben worden.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
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Übersetzung aus dem Englischen von Paulina Abzieher und Hans-Christian Oeser
Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel The Optician of Lampedusa bei Penguin Books, London.
ISBN 978-3-8270-7932-9
© Éditions des Équateurs 2016
Deutschsprachige Ausgabe:
© Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017
Covergestaltung: zero-media.net, München
Covermotiv: plainpicture / Yann Grancher
Datenkonvertierung: abavo GmbH, Buchloe
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Für meine Eltern und für Denis
Ich weiß nicht, wie ich Ihnen beschreiben soll, was ich sah, als sich unser Boot der Quelle jenes schrecklichen Geräuschs näherte. Ich will es gar nicht beschreiben. Sie werden es nicht verstehen, weil Sie nicht dabei waren. Sie können es nicht verstehen. Ich glaubte nämlich, das Kreischen von Möwen gehört zu haben. Von Möwen, die sich um einen glücklichen Fang raufen. Von Vögeln. Einfach nur Vögeln.
Schließlich befanden wir uns auf offener See. Es konnte gar nichts anderes sein.
Noch nie hatte ich so viele Menschen im Wasser gesehen. Strampelnde Gliedmaßen, ausgestreckte Hände, schlagende Fäuste, schwarze Gesichter, die erst über, dann unter den Wellen aufblitzten. Schnaufen, Geschrei, Prusten, Gebrüll. Mein Gott, dieses Gebrüll! In den höchsten Tönen! Das Meer kochte und bebte, als sie um sich traten und um sich schlugen, als sie sich aneinanderkrallten, nach Treibholz griffen und bei dem Versuch, sich an Sturzwellen festzuklammern, nur eine Handvoll Wasser erhaschten. In rasender Verzweiflung sandten sie gellende Rufe nach uns aus und bemühten sich, die Aufmerksamkeit unseres kleinen Boots auf sich zu lenken. Und sie waren überallhin versprengt – wohin ich den Kopf auch wandte, erblickte ich sie, Hunderte von ihnen, wie sie tauchten, spuckten, flehten, einen hochgereckten Arm, der ins Wasser klatschte. Und während sich die Schiffsschraube schwerfällig einen Zickzackweg zwischen den Körpern hindurch bahnte, schluchzte meine Frau immer wieder meinen Namen.
Sie alle waren am Ertrinken. Ich dachte: Wie kann ich sie alle retten?
Ich spüre noch immer die Finger der ersten Hand, die ich ergriff. Wie sie sich in meine zementierten, Knochen, die an Knochen rieben, wie sie sich mit so eisernem Griff festkrampften, dass ich die sehnigen Adern des Handgelenks pulsieren sah. Die Kraft dieses Griffs! Meine Hand in der Hand eines Fremden, ein stärkeres und innigeres Band als jede Nabelschnur. Und wie dank der Kraft dieses Griffs mein ganzer Körper zitterte, als ich die Hand hinaufzog und den nackten Oberkörper den Wellen entriss.
Es sind zu viele. Zu viele, und ich weiß nicht, wie ich es bewerkstelligen soll. Ich bin Optiker; ich bin kein Lebensretter. Ich bin Optiker, und ich bin im Urlaub, und ich weiß nicht, wie ich es bewerkstelligen soll.
Ich werfe den Rettungsring aus, aber wie Wrackteile sind die Menschen in einem Umkreis von fünfhundert Metern verstreut, und sie alle rufen nach uns. Wieder und wieder beuge ich mich über den Hecktritt, doch so viele Hände schießen aus den Wellen hervor, so viele Hände greifen nach Luft. Meine Finger verschränken sich mit Fingern, und ich ziehe.
Sinken wir? Inzwischen liegt das Boot tief im Wasser. Jemand brüllt mir etwas zu, aber ich kann nicht innehalten und zuhören. Es sind zu viele Hände. Das Deck ist vollgestopft mit schwarzen Körpern, die sich übereinander erbrechen und entleeren. Ich spüre, wie das Boot unter dem Gewicht protestiert, wie es schlingert, wie es kurz davor ist zu kentern. Ich weiß, dass das Boot außer Kontrolle geraten ist.
Dort drüben! Noch eine Hand!
Ich wollte Ihnen diese Geschichte nie erzählen. Ich hatte mir geschworen, diese Geschichte nie wieder zu erzählen, weil sie kein Märchen ist. Es waren einfach zu viele. Ich wollte zurück, um nach ihnen zu suchen. Ich wollte zurück.
Verstehen Sie, was ich Ihnen sagen möchte? Vielleicht können Sie es nicht verstehen, weil Sie nicht in dem Boot waren. Aber ich war dort, und ich habe sie gesehen. Ich sehe sie noch immer. Weil es noch immer geschieht.
Der Optiker von Lampedusa joggt. Bei jedem Auftritt steigen von der rissigen Straße kleine Staubwölkchen hoch, und die winzigen Partikel wirbeln in einem feinen rostfarbenen Schleier um seine Knie. Heute geht nur ein leichter Wind, selbst auf der Küstenstraße; in trockenen, unregelmäßigen Stößen umweht er das Gesicht des Optikers, und dieser kann im salzigen Hauch des Windes den scharfen Geruch des Meers riechen. In der sengenden Herbstsonne ist es fast zu heiß, um zu joggen, aber er drängt voran, und der Staub, der sich mit seinem Schweiß vermischt, klebt ihm in Klumpen an den Beinen. Von irgendwoher, vielleicht vom Hafen am Ende der Stadt, hört er einen Hund jaulen. Zu jeder Tages- oder Nachtzeit, denkt er, kann man auf dieser Insel einen streunenden Hund kläffen hören.
Eigentlich ist die Insel eher Afrika als Italien. Hier beim Joggen, weit weg von den Gelato- und Cappuccino-Bars und den Souvenirläden der kleinen Stadt, kann man sich gut vorstellen, in Afrika zu sein, vor allem, wenn man an einem kleinen trockengemauerten Dammuso mit weiß getünchtem Dach vorbeikommt. Er kneift die Augen zusammen. Von hier aus kann man beinahe die afrikanische Küste erkennen. Tunesien, Lampedusas nächster Nachbar, ist zweimal so nah wie Sizilien.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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