Der perfekte Mann - Markus Fäh - E-Book

Der perfekte Mann E-Book

Markus Fäh

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Beschreibung

Dieses Buch handelt vom Irrweg der männlichen Selbsttäuschung und davon, wie er verlassen werden könnte. Vom angeschlagenen Mann, Top Shot oder Underdog, wie ihn Fäh – nicht nur in seiner Praxis – zunehmend resigniert und irritiert antrifft; gescheitert am Wahn, perfekt sein zu müssen. Markus Fäh hat den nötigen Furor und Humor, um den Leckgeschlagenen die Stange zu halten und Mut zu machen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 322

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Markus Fäh     DerperfekteMann

Dank

Ich danke meinen Freunden Rolf Hächler, Ronald Gramigna undAndreas Bückert für die vielen guten Gespräche zum Thema,und Bettina Kaelin für das unterstützende und inspirierende Lektorat.

Alle Rechte vorbehalten

Copyright Zytglogge Verlag, 2004

Lektorat: Bettina Kaelin

e-Book: mbassador GmbH, Luzern

ISBN 3-7296-0672-7eISBN 978-3-7296-2003-2

Zytglogge Verlag, Schoren 7, CH-3653 Oberhofen am Thunersee

[email protected] • www.zytglogge.ch

Inhalt

Es war einmal ein Junge …

Die Selbstabschaffung des Mannes

Der Plan von der Abschaffung des Mannes

Abgeschaffte Väter

Entsorgte Liebespartner

Die Verantwortungslosen

Der kastrierte Erzeuger

Der ausgelöschte Befreier

Der überflüssige Ernährer

Wozu brauchts den Mann?

Irrläufer in der postmodernen narzisstischen Beliebigkeitsgesellschaft

Warum steigen die Männer nicht aus?

Nobody’s perfect: Pseudolockerheit reicht nicht tief

Perfektionszwang und Mythomanie

Schablonen

Männerschaulaufen

Das perfekte Männerleben

Wut

Mythen

Mythos   1: Ein Mann kann alles

Mythos   2: Ein Mann ist Familienvater und erfolgreich im Beruf

Mythos   3: Ein Mann hat immer guten Sex

Mythos   4: Ein Mann zweifelt nie

Mythos   5: Ein Mann ist der Frau überlegen

Mythos   6: Ein Mann arbeitet 150 Prozent

Mythos   7: Ein Mann ist unzerstörbar

Mythos   8: Ein Mann kennt keine Schmerzen

Mythos   9: Ein Mann muss kämpfen

Mythos 10: Ein Mann ist vor allem keine Frau!

Mythos 11: Ein Mann ist einsam

Mythos 12: Ein Mann hat alles unter Kontrolle

Mythos 13: Ein Mann erfüllt alle Erwartungen

Mythos 14: Ein Mann hat keine Probleme

Mythos 15: Ein Mann ist nie Opfer

Wie funktionieren Mythen?

Der unerschütterliche Glaube

Der unaufhörliche Vergleich

Das permanente Training

Phantasmen

Mythomanie blockiert die lebendige Entwicklung

Der entfremdete Mann – ein Leben von der Rolle

Am Männlichkeitskult scheitern

Wie der Kontakt zum authentischen Selbst verloren geht

Die hartnäckige Mutteridentifizierung

Verblasste Väter

Elternraub und ewige Schuld

Hass

Im Würgegriff der gesellschaftlichen Zwänge

Selbstentfremdung am Abgrund postmoderner Beliebigkeit

Globalisierung und Bedrohung der Identität

Selbstentfremdung ist chronischer Stress

Kranke Männer

Subjektiv mehr leiden, dies aber weniger spüren

Der gewalttätige Mann

Der ungenügende Mann und seine Entlarvungspanik

Absturzangst an der Arbeitsfront

Endstation Familiensehnsucht

Geld und Macht sind geil

Der gnadenlose Liebesmarkt

Männliches und weibliches Gehirn

Fantasiertes Ungenügen – eine Tour d’Horizon durch die Brutstätten der Neurosen

Mogelpackung statt Lebendigkeit

Die Lust am Männerkastrieren

Der authentische Mann

Auf der Suche nach dem Männlichen

Das Männliche ist das Unbestimmte

Das Männliche ist das Unfertige

Was will der Mann? Zwischen Phallizität und Kolposwunsch

Der Mann braucht einen Mann

Haben Männer und Frauen die gleiche seelische Grundausstattung?

Männer lieben anders

Der Mann braucht eine Mission

Auf der Suche nach dem authentischen Selbst

1.  Der Weg aus dem Mythenwald beginnt auf einer Lichtung

Tretmühle oder Eigenprojekt?

Wa(h)re Liebe

Selbstsorge

2.  Dekonstruktion: Das Zertrümmern der Irrtümer

3.  Konstruktion: Die eigene authentische Männerpower finden und entwickeln

Sich neuen Erfahrungen öffnen: Lernen von Sensitivität und Kommunikation

Mit Self Work zu Self Competence

Self Management

Heiter, ernst und nicht verächtlich

Vom perfekten zum authentischen Mann

Der suchende Mann

4.  Grundübungen für mehr Authentizität

Keine falsche Scheu vor Gefühlen!

Keine Angst vor Nähe!

Tatkraft!

Wehre dich!

Die unbewusste Ablehnung des Männlichen überwinden

Die fünf Prüfungen

1.  Aggression und Schuld

Quellen der männlichen Aggression

Schuld annehmen und aushalten

Aggression kultivieren und kanalisieren

2.  Kastrationsangst und Impotenz

Impotenz als Selbstkastration

3.  Die Neidfalle

Die Frau als Neidobjekt

Das empfindliche männliche Ego

4.  Die Mutterfixierung

5.  Der Sebastianskomplex

Die masochistische Lösung

Eine Männerbewegung für die Männer!

1. Die Unzufriedenheit der Männer kollektiv analysieren und artikulieren

2. Vision eines guten Männerlebens in einer männer-freundlichen Gesellschaft vermitteln

3. Selbstvertrauen und Zuversicht der Männer stärken

4. Konkrete erste Schritte aufzeigen

5. Entschlossen an die Arbeit gehen und periodisch Bilanz ziehen

Politischer Ausblick

Plädoyer an die Frauen

Schluss mit der Entwertungslogik!

Der geordnete Rückzug aus unberechtigten Machtpositionen

Waffenstillstand

Fairer Handel

Gesprächskultur

Re-Erotisierung der Geschlechterbeziehung

Ein Gespräch unter Männern

Literaturhinweise

Markus Fäh

Es war einmal ein Junge ...

Es war einmal ein Junge, der sich gerne oben an den Rand der Schlittelwiese stellte und sang, dass es das ganze Quartier hörte. Der gerne rechnete und Aufsätze schrieb. Und viel lachte. Der Junge wollte Arzt werden, oder Pilot, oder Polarforscher, schrieb er in einem seiner Aufsätze. Seine Eltern waren stolz auf ihren klugen Jungen, der Klassenbester war und mit Leichtigkeit die Aufnahme ins Gymnasium schaffte. Dort fand er gute Freunde, und da ihm das Lernen leicht fiel, schaffte er auch das Abitur bravourös und ging an die Universität. Er studierte Physik und programmierte Computer. Er gehörte bald zu den Besten. Nach dem Studium fand er rasch eine Anstellung im Ausland, machte seinen Doktor. Dann gründete er ein eigenes Geschäft. Er fand schnell die Anerkennung seiner Mitarbeiter. Seine Kunden waren begeistert von seinen Produkten. Er arbeitete oft Tag und Nacht. Der finanzielle Erfolg liess nicht lange auf sich warten. Er heiratete seine langjährige Freundin, bald kamen ein Junge und ein Mädchen zur Welt. Ein Einfamilienhaus wurde gekauft. Alles verlief so, dass seine Eltern stolz sein durften. Auch er selbst konnte stolz sein.

Alles schien zu stimmen.

Da wachte er eines Morgens auf und konnte sich nicht mehr ausstehen. Er wollte seine vielen Verpflichtungen, die er sich aufgeladen hatte, nicht mehr ausüben, er hatte das Gefühl, er sei in einer Tretmühle. Jeder Tag war wie der andere. Der Erfolg, die Anerkennung von Freunden und Kollegen, sie freuten ihn nicht recht. Er fühlte sich falsch platziert an diesem Ort, den er doch selber gewählt hatte, als wäre es überhaupt nicht sein Platz. Aber wo war sein Platz? Er konnte es nicht sagen. Er wusste nur, so ging es nicht weiter.

War das sein Leben? Wars das?

Plötzlich erschien ihm alles in einem anderen Licht: Hatte er noch eben Stolz empfunden über seine Leistungen, hatte er sich noch gestern glücklich gewähnt mit seiner Familie, so sah er darin nun sein ganzes Versagen. Er hatte den Eindruck, er sei verstockt und verschlossen, seiner Frau entfremdet, ohne Draht zu seinen Kindern. Er wusste nicht, war nun alles wirklich so schlimm, oder bildete er es sich nur ein. Jedenfalls fühlte er sich völlig ungenügend. Auch der Körper streikte: Ein altes Rückenleiden meldete sich und führte zu mehreren Operationen und langwierigen Rehabilitationen. Er fühlte sich nicht mehr fit, geradezu invalidisiert. Er kam sich nicht mehr attraktiv und begehrenswert vor. Er wurde immer mürrischer, fühlte sich ungeliebt. Er flüchtete sich in den Rückzug, ins Schweigen. Er drohte im Strudel der Selbstzweifel und Schuldgefühle zu versinken. Es kam zur Trennung, er war am Tiefpunkt.

Als er eines Abends nach der Arbeit alleine dem See entlangspazierte, überwältigten ihn die Gefühle. Er fühlte sich grenzenlos allein und versank im Selbstmitleid. Alles verloren. Alles falsch gemacht, an allem selber schuld. Er dachte daran, mit allem Schluss zu machen, war voll Selbstverachtung, Scham, Wut.

Wo war der unbeschwerte, freche Junge von einst? Hatte er ihn verraten, alles recht zu machen versucht, sich falschen Männerbildern unterworfen, ein unfreies Leben gelebt?

Er erkannte, dass er die Situation, wie sie war, annehmen und schonungslos Bilanz über sich und sein Leben ziehen musste. Es war höchste Zeit, sich noch einmal völlig neu zu begegnen.

War er gescheitert? Wollte er perfekt sein? Wusste er, was er wirklich brauchte? Konnte er den Menschen um ihn herum nicht geben, was sie brauchten, weil er selbst nicht wusste, wer er war?

Er sah ein Ruderboot am Ufer. Nach kurzem Zögern setzte er sich hinein, löste das Tau und ruderte in der klaren Nacht in die Mitte des Sees hinaus.

Die Selbstabschaffung des Mannes

Der Mann wird abgeschafft. Und er paktiert mitdieser Entwicklung, statt sich zu wehren. Stattmannhaft zu sein, tut er alles, um zu genügen.

Der Plan von der Abschaffung des Mannes

Ursprünglich gab es nur das Weib. Der Mann ist eine Laune der Natur, die nur entsteht, wenn ein Spermium mit einem Y-Chromosom ein Ei, welches nur X-Chromosomen aufweist, befruchtet. Und auch dann entsteht nur ein vollständiger Mann, wenn genügend Testosteron zur Verfügung steht. Der Mann entsteht nur, wenn sich die Natur der Entwicklung zum Weib hin widersetzt.

Nehmen wir an, man habe höhern Orts beschlossen, es nun doch beim Weib zu belassen.

Nehmen wir einmal an, die Umsetzung dieses Plans sei bereits im Gange ...

Abgeschaffte Väter

Immer mehr Kinder wachsen nicht mehr mit ihren Vätern zusammen auf. Der Anteil allein erziehender Mütter nimmt weltweit zu. Die Väter werden aus der Gemeinschaft mit ihren Kindern entfernt oder sie entfernen sich selbst.

Auch die mit ihren Kindern unter einem Dach lebenden Väter bekommen oft zu wenig von ihnen mit, und die Kids haben oft einen emotional zu dünnen Kontakt mit ihren Vätern.

Diese Entwicklung wird kaum bedauert, man scheint sich damit abzufinden und das Beste draus zu machen. ‹Glückliche Scheidungskinder› heisst ein kürzlich erschienenes Buch des Kinderarztes Remo Largo.

Aber ist diese Entwicklung gut? Kinder wollen ihre Väter bewundern. Diese erfüllen eine ganze Reihe wichtiger Funktionen für die Entwicklung. Sie helfen den Kindern, sich von der Mutter abzugrenzen und zu lösen. Sie sind eine Pforte zur Realität, sie sind die wichtige ‹second opinion›, sie stärken der Autonomie der Kinder den Rücken. Sie sind weniger mit ihnen identifiziert, behandeln sie mehr als Gegenüber, sie sind nötig, um ihnen klare Grenzen zu setzen. Und da soll es nichts mehr ausmachen, wenn sie auf Wochenendväter reduziert und oft auch noch menschlich disqualifiziert werden? Wenn sie feige Fahnenflucht begehen?

Väter braucht es, um der Aggressivität der Kinder und Jugendlichen, dem Terror der unersättlichen Wünsche, die alle Kinder haben und die sie bändigen lernen müssen, standzuhalten. Väter sind notwendige Störenfriede. Sie scheuen die Auseinandersetzung nicht, sie ertragen Konflikte mit ihren Kindern und Jugendlichen, wenn diese ihre Wünsche rücksichtslos durchzusetzen versuchen. Kinder müssen sich weniger schuldig fühlen, wenn ihre Aggressivität beide Eltern trifft. Sie trauen sich oft nicht, die volle Wucht ihrer Rebellion, die unabdingbar ist, in die Beziehung einzubringen, wenn ein Vater fehlt.

Natürlich können auch Mütter Grenzen setzen. Allein erziehend sind sie damit jedoch oft am Rande der Kräfte. Die Präsenz des Vaters entlastet die Mutter. Und der Vater ist zudem oft weniger emotional verstrickt und nüchterner in der Beurteilung schwieriger Situationen. Wenn Kindern ein Vater fehlt, kann es zu zwei unglücklichen Szenarien kommen: Sie werden verwöhnt, alle Wünsche werden grenzenlos erfüllt, ihr Ich entwickelt sich nicht und bleibt schwach. Sie lernen nicht, ihre Triebe und Gefühle zu beherrschen und zu kanalisieren, Frustrationen zu ertragen, konstruktive Lösungen zu suchen. Sie werden süchtig oder nehmen sich mit Gewalt, was sie nicht bekommen können. Sie lernen nicht zu verzichten.

Oder die Kinder werden zwar nicht gerade verwöhnt, aber sie dürfen nicht rebellieren und zuhause ihre Aggressionen rauslassen, weil ohne Vater kein genügend starkes tragendes emotionales Klima da ist. Sie sind mit ihren Aggressionen und Frustrationen allein. Sie werden brave, stumme Kinder, die alles in sich hineinfressen aus Rücksicht auf Mama, die es so schwer hat, weil kein Papa da ist. Sie lernen nicht, ihre aggressiven und sexuellen Triebe und Wünsche zu akzeptieren und mit ihnen reif umzugehen. Sie lernen nicht, sich der Macht ihrer Triebe zu öffnen und sie zu beherrschen und ihre Befriedigung zu steuern, sondern sie verdrängen sie, wenden die aggressive Gewalt gegen sich selbst, werden anorektisch, depressiv, gehemmt, leistungsverweigernd.

Wenn Männer sich als Väter selbst abschaffen oder abschaffen lassen, lassen sie ihre Kinder im Stich und opfern einen natürlichen Teil ihrer Männlichkeit.

Entsorgte Liebespartner

Wir leben in einer Trennungskultur. Fast die Hälfte aller Ehen wird getrennt oder geschieden. Achtzig Prozent aller Trennungen und Scheidungen kommen auf Initiative der Frauen zustande. Der Mann als Liebespartner, als Langzeit-Lebensgefährte, als Ehe-Gespons wird abgeschafft.

Die Männer ziehen sich auch selber aus dem Liebesverkehr. Die amerikanische Soziologin Katherine Gerson hat in einer gross angelegten Feldstudie festgestellt, dass immer mehr Männer alleine leben und sich von den mühsamen Verflechtungen und Verstrickungen in festen Frauenbeziehungen zurückziehen. Starke Gefühle werden vermieden, es wird ‹love light› in unverbindlichen Kontakten oder gefühlsmässig wenig involvierenden Freundschaften gepflegt. InternetKontaktbörsen boomen. Immer mehr Frauen klagen, dass sich die meisten kontaktsuchenden Männer nur noch eine lockere Beziehung wünschten.

Tatsache ist: Die Liebesbeziehungen werden immer schwieriger. Das Selbstverständnis von Frauen und von Männern ist im Umbruch. Im Gespräch und im Bett ist es oft kompliziert. Man versteht sich nicht ‹automatisch›, nur weil Gefühle im Spiel sind.

Aber ist die Entsorgung des Mannes die Lösung?

Fazit der Trennungsorgien und Unverbindlichkeitsszenarien: Die Frauen leiden am Liebesfrust, die Männer an der Einsamkeit. Die Männer flüchten aus der Gefühlstiefe, weil sie Angst haben, nicht zu genügen, impotent zu sein, zu versagen. Sie weichen dem Problem aus und trösten sich in ihrer Einsamkeit mit Internet, Pornofilmen und Puffbesuchen. Nirgendwo bekommt man die abgeschaffte männliche Liebespower deutlicher mit als beispielsweise im Zürcher Vergnügungsviertel Langstrasse, wenn Freier durch die Strassen streunen und vor Salons rumlungern, um eine Viertelstunde Sex bei einer möglichst jungen Hure zu ergattern. Die Szenerie ist eher traurig. Männer verpulvern ihre finanzielle und sexuelle Potenz an Frauen, die sie verachten. Bankrott auf der ganzen Linie.

Wie viel männliche Liebeskraft liegt in unserer Gesellschaft brach? Ein Mann will für eine geliebte Frau da sein, sie umwerben, umsorgen, damit sie ihn liebt und sich ihm auch in voller Lust hingeben kann. So viele verlassene potente Männer, so viele starke einsame Frauen, so viele brachliegende Liebeslandschaften, die stumm nach einer neuen Saat schreien.

Die Verantwortungslosen

Wirtschaft und Politik, so möchte man meinen, seien noch immer fest in männlichen Händen. Dort werde der Mann nicht abgeschafft. Erst recht seit dem 10. Dezember 2003. Weit gefehlt! Wird hier denn echte Männlichkeit gelebt? Es ist doch wohl eher so: Wer Frauen nicht hochkommen lassen kann, ist ein unsicherer Mann. Echt selbstbewusste Männer haben es nicht nötig, Frauen zu unterdrücken und ihnen die gleichberechtigte Beteiligung an der Macht vorzuenthalten.

Ich sehe wenige Ehrenmänner, sondern – Ausnahmen bestätigen die Regel! – viele Ehrgeizlinge und Profiteure, die sich besonders gut für die eigenen Interessen und Vorteile engagieren können. Nichts gegen das gesunde eigene Interesse, wenn es mit Verantwortung fürs Ganze gepaart ist. Doch gerade dies ist immer weniger der Fall. Die viel gepriesene Verantwortung bleibt hohles Gerede, zuerst und vor allem schauen die ‹Verantwortlichen› in Politik und Wirtschaft für die eigenen Interessen, und dies immer unverschämter zum Schaden und auf Kosten der Allgemeinheit.

Die oberste Elite schanzt sich gegenseitig lukrative Mandate zu, die Vorgänge bleiben weitgehend undurchschaubar, die Öffentlichkeit wird getäuscht. Verantwortungslose Führungskräfte ruinieren ganze Firmen und sichern sich noch vor Bekanntwerden des Desasters einen goldenen Abgang und planen unverschämt das nächste Comeback.

Viele Männer, die gar keine Männer sind, sitzen an den Schalthebeln der Macht.

Sie handeln oft verlogen und verantwortungslos. Der moralische Schaden, den verantwortungslose Amtsträger, Manager, Politiker anrichten, ist viel grösser als der materielle. Das Vertrauen in die Führung von Institutionen generell, in die Ehrlichkeit der Chefs, in den guten Umgang mit Macht wird in Frage gestellt. In den Köpfen der Menschen krallt sich die Idee fest, dass Autorität an sich tyrannisch, despotisch, egoistisch sei. Dass «die da oben machen, was sie wollen».

Die Abschaffung des Ehren-Mannes ist so weit gediehen, dass gaunerhaftes Verhalten von Verantwortungsträgern keine Revolte mehr auslöst, oft vielmehr insgeheime Sympathie. Man denke an Berlusconi und Co.

Dabei ist der tiefere Sinn männlicher väterlicher Autorität demokratisch, antidespotisch.

Wir sind alle von despotischen Bildern erfüllt, wir alle haben als Babys und Kleinkinder die absolute Herrschaft der Mutter über uns erfahren und tragen das Bild einer übermächtigen Mutter in uns, die alles kann, alles hat, alles darf. Gegen dieses unreife Verlangen nach der despotischen Übermutter, dessen Befriedigung auf gesellschaftlicher Ebene letztlich in den Faschismus führt, hilft nur die korrigierende väterliche Autorität, die sich der Tyrannei der überhöhten und allmächtigen inneren Mutter entgegenstellt und das Kind befreit.

Den verantwortlichen, demokratischen Mann abschaffen heisst die gute, gerechte Gesellschaft abschaffen. Statt Solidarität und Verantwortung füreinander herrschen rücksichtsloser Egoismus, destruktiver Geschwister-Neid, regelloser Kampf. Alle gegen alle.

Der kastrierte Erzeuger

Die moderne Fortpflanzungstechnologie machts möglich: Bald braucht es den Mann zur Befruchtung des Weibes nicht mehr. Damit ist sogar die biologische Funktion des Mannes ausgehebelt, ausser einer Samenspende, die er leisten muss. Die symbolische und soziale Bedeutung dieser technischen Errungenschaft kann noch nicht ermessen werden. Jedenfalls liesse sich die Befruchtung und Fortpflanzung damit vollständig aus dem Liebesleben entfernen.

Es sind nicht mehr Mann und Frau, die ein Kind zeugen, zusammen neues Leben generieren, es ist die Frau, die sich eine Samenspende organisiert, einpflanzen lässt, das Kind austrägt, gebärt. Der Beitrag des Mannes wirkt lächerlich. Die Kinder werden zur reinen Frauensache. Der Mann wird nicht nur biologisch, sondern auch psychologisch als Mit-Erzeuger eliminiert. Wer in der Fortpflanzungstechnologie nur den technischen Aspekt sieht und meint, die Beziehungen, die Kultur, das Innenleben würden davon nicht berührt, verkennt die Macht der Phantasmen und Bedeutungen.

Wir alle kommen aus einer Mutter. Wir sind psychische Frühgeburten und erleben uns erst im Alter von etwa drei Jahren als abgegrenzte Wesen. Darum tragen wir übermächtige Mutterbilder in uns. Unsere Neid-, Eifersuchts-, Gewaltkomplexe stammen ursprünglich aus diesem Machtgefälle. Der Mann, der spätere Partner, der Vater kann diese Fallhöhe korrigieren.

Hat die innere übermächtige Mutter freie Bahn, fallen wir zurück in eine ungute Dynamik. Wir fühlen uns vielleicht geborgen, wenn alles gut geht, aber verraten und voller Hass, wenn etwas nicht stimmt. Alles ist überhöht, weil es nicht durch die korrigierende Macht des Dritten relativiert wird.

Die Funktion des Mannes ist es, die Macht der Frau im psychologischen Sinn zu relativieren. Wird der Mann als Erzeuger eliminiert, sind wir der inneren Mutter phantasmatisch total ausgeliefert. Dies mobilisiert destruktive innere Gegenkräfte, das seelische Leben wird zerrissen und aggressiviert. Der unbewusste Neid und Hass auf die Frauen steigt ins Unermessliche.

Der ausgelöschte Befreier

Wenn das Kind den Geschlechtsunterschied zum ersten Mal erkennt, mit etwa eineinhalb Jahren, erscheint der Vater als Befreier. Er ist der Andere, der dem Kind einen Weg in die Realität, weg von der Mutter, zu sich selber zeigt. Er ist der Befreier aus der Enge, aus der Abhängigkeit, aus der Ängstlichkeit. Das Kind erkennt, dass es reden, laufen kann, dass es mutig ist, dass es nicht nur von der Mutter weg, sondern auf den Vater, auf andere Menschen zulaufen kann, und dort ist es auch gut.

Der Vater ist der Befreier, der am anderen Ende der Brücke steht, auf das Kind zugeht, die Arme ausbreitet und es in der Mitte der Brücke in die Luft hebt, wenn sie sich begegnen.

Wird der Mann abgeschafft, wird auch die Idee der Befreiung durch den Vater aus unserem Innenleben verbannt. Es gibt nur noch Abhängigkeit von der einen grossen Mutter oder einsame Selbständigkeit, es gibt keinen Dritten mehr.

Dies hat weit reichende Konsequenzen für die geistige und moralische Entwicklung. Wer nicht frei sein darf, darf auch nicht denken: Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!, heisst es im Don Carlos von Schiller. Wenn der Mann, wenn die Differenz, das Andere, der Fremde psychologisch ausgelöscht wird, können die Fesseln der Vorurteile nicht mehr gesprengt werden, das Denken dreht sich im Kreis, es ist keine Kreativität mehr möglich.

Mentalisierung braucht Differenz, Leben braucht Differenz, sonst erstirbt alles. Wenn Männer als Anwälte der Befreiung ausgelöscht werden, verschwindet eine weitere natürliche männliche Funktion.

Der überflüssige Ernährer

Die wirtschaftliche Entwicklung hin zur totalen Flexibilisierung und Globalisierung sprengte die letzten kulturellen Fesseln des Kapitalismus. Für das Kapital macht es keinen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann die Arbeit macht. Ungerechtfertigte männliche Privilegien, einengende sachfremde Regelungen beschneiden den unternehmerischen Spielraum für die Profitmaximierung.

Zusammen mit dem politischen und rechtlichen Kampf der Frauenbewegung für gleiche Rechte am Arbeitsplatz sorgte die ökonomische Entwicklung dafür, dass die Arbeit keine exklusive Männer-Domäne mehr ist. Auch wenn in den oberen Chargen weiterhin zahlenmässig die Männer dominieren und gewisse Bastionen halten, sind alle Tabus gefallen: Jede Funktion in einem Unternehmen könnte auch von einer Frau erfolgreich eingenommen werden. Damit fällt auch die Legitimation für den Mann, arbeiten zu müssen. Arbeit allein macht ihn nicht mehr zum Mann. Frauen brauchen keinen Ernährer mehr, sie können sich und die Kinder selber durchbringen.

Wozu brauchts den Mann?

Die männliche Vormachtstellung gegenüber der Frau wurde in den letzten vierzig Jahren politisch attackiert und zurückgedrängt (ungeachtet sporadischer Schwankungen) und sie bröckelte unter dem Gesamteinfluss der ökonomischen, politischen und kulturellen Entwicklung. Der Mann ist in eine verhängnisvolle Schere zwischen zwei kulturellen Entwicklungen geraten: Einerseits wird er in seinen natürlichen psychologischen Funktionen abgeschafft, es wird ihm der Boden unter den Füssen weggezogen. Andererseits wird er mit neuen psychologischen Forderungen und Rollen-Erwartungen – überlastet, die er kaum erfüllen kann. Diese Schere zwischen Identitätsverlust und Erwartungsexplosion führt direkt zum ‹leeren perfekten Mann›, der innerlich kein Mann mehr ist, aber perfekt von aussen an ihn herangetragene oder verinnerlichte Männlichkeitserwartungen zu erfüllen versucht.

Der Mann, aller traditionellen Rollen beraubt, die ihn exklusiv legitimierten und ihm ein soziales Fundament für seine Identität bereitstellten – Lebenspartner, Vater, Beschützer, Ernährer, Befreier –, fällt zurück auf sein nacktes ursprüngliches Selbst. Wer ist er jenseits dieser traditionellen gesellschaftlichen Funktionen?

Irrläufer in der postmodernen narzisstischen Beliebigkeitsgesellschaft

Wir leben in einer Gesellschaft, in der ‹anything goes› (alles geht), es gibt keine absolut gesetzten Regeln mehr. Die Soziologen prägen den Ausdruck ‹Postmoderne› für diese Gesellschaftsphase. Wir leben in einer narzisstischen Kultur, in der Werte wie Solidarität und Gemeinsamkeit am Schwinden sind, das Ende des Zeitalters der ‹Egomanie› (Horst-Eberhard Richter) ist noch nicht in Sicht. Wir leben in einer Zeit der Flexibilität, in der es für viele Menschen keinen Sinn mehr macht, feste, langlebige Persönlichkeiten auszubilden. Die Menschen driften wie bausatzartige ‹IKEA-Persönlichkeiten› mit rasch umstellbaren Eigenschaften und Einstellungen durch ihr Leben. Sie wechseln Wohnung, Wohnort, Beruf, Partner, sexuelle Orientierung, politische Meinung, Haustiere, sie leben vor allem im Übergang.

Der Mann kommt in dieser Zeit unter die Räder, wenn er nicht an seiner Identität arbeitet. Viele Männer stehen der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung hilflos gegenüber. Sie sind Irrläufer im Dschungel der beliebigen Erwartungen und Chancen, versuchen zu funktionieren, ohne zu wissen, wer sie sind und was sie wollen. Sie haben nichts Eigenes zu sagen, sie gehen in ihren jeweiligen Funktionen auf, sind graue Herren im Dienst des jeweiligen Auftraggebers, konturlose Anpasser. Der identitätslose und traurige Auftragskiller, der als Figur in vielen Filmen den verlorenen Mann von heute symbolisiert, ist die Zuspitzung dieses Charakters, der nichts ist und für Geld und Anerkennung alles macht.

Ein Mann ohne Eigenschaften, nicht festzumachen, nicht festzulegen, nicht festzuhalten. Eine glänzende Männlichkeitshülse.

Die oberflächliche Perfektion kaschiert das Vakuum an Selbstentwicklung. Selbstabschaffung echter Männlichkeit und perfekte Pseudo-Männlichkeit gehen Hand in Hand.

Die gesellschaftliche Entwicklung der letzten dreissig Jahre zwingt den Mann immer mehr, sich mit vorgefertigten Männlichkeitsklischees zu identifizieren, statt ein eigenes starkes männliches Selbst auszubilden. Die fehlende körperliche Fundierung der Identität, die primäre Mutteridentifizierung, der mangelnde väterliche Rückhalt, die gesellschaftliche Demontierung führen zu einer Identitätsschwäche, zu einer chronischen Anfälligkeit für falsche Selbstkonstrukte und Männlichkeitsschablonen.

Die Entwicklung zum innerlich sicheren, autonomen und echten Mann bleibt auf der Strecke, die Übernahme männlicher Hüllen-Pseudo-Identitäten ohne männliche Kernidentität wird epidemisch: aussen perfekt hyper-männlich, innen unmännlich.

Warum steigen die Männer nicht aus?

Der heutige Identitätsstress – Supermann an allen Fronten sein müssen bei schwindender gesellschaftlicher Unterstützung – trifft die Männer an ihrer Achillesferse, ihrer versteckten Schwäche. Denn die traditionelle männliche Identität beruht u. a. auf einer unaufgelösten Mutteridentifizierung und einer mangelnden echten Männlichkeit. Der traditionelle normale Mann ist eine neurotische Konstruktion. Der heutige zusätzliche Stress macht aus diesem statistisch normalen Neurotiker nicht einen gesunden Mann, sondern greift sein Selbstgefühl verstärkt an.

Warum verweigern sich Männer nicht gegenüber den gesellschaftlichen Anforderungen, um sich zu entlasten? Warum steigen sie nicht aus, um seelisch zu gesunden? Warum kümmern sie sich nicht einen Dreck um das, was von ihnen verlangt wird? Warum versuchen sie stattdessen, sich perfekt den Männeridealbildern anzupassen?

Der Grund liegt in der narzisstischen Krise, die, solange es geht, vermieden wird. Es ist eine menschliche Grundeigenschaft, die Intaktheit des Selbstgefühls um jeden Preis zu verteidigen und aufrechtzuerhalten. Wenn das Gefühl, nicht zu genügen, sich meldet, versuchen wir in einer Art Reflex zuerst, unsere Anstrengungen, doch noch zu genügen, zu verdoppeln. Wir stellen nicht die Anforderungen, sondern uns selbst in Frage und versuchen, noch perfekter zu sein. Erst wenn wir mit den Kräften am Ende sind, kapitulieren wir und sind bereit, die grundsätzlich falsche Logik in Frage zu stellen. Deshalb ist die unmittelbare typisch männliche Reaktion auf die zunehmende Infragestellung und Überforderung nicht Protest oder Verweigerung, sondern ein verstärkter Perfektionszwang.

Nobody’s perfect: Pseudolockerheit reicht nicht tief

Leben wir nicht in einer Gesellschaft, die alles zulässt, Abweichung toleriert, auch Unperfektes akzeptiert? Gehört die lockere Haltung ‹Nobody’s perfect› nicht zum Repertoire jedes einigermassen normalen Zeitgenossen?

Tatsächlich wird der Zwang, ein perfekter Mann sein zu müssen, oft nicht laut propagiert. Im Gegenteil: Mann tut locker, gesteht sich vordergründig Schwächen zu. Doch diese tolerante Haltung reicht nicht tief. Sie ist oft blosse Attitüde. Der Perfektionspsychoterror sitzt tiefer: Im Innern verzeihen sich die meisten Männer nicht, wenn sie die Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht erfüllen. Und sie verachten Männer, die schlappmachen.

Die pseudo-toleranten Lippenbekenntnisse verdecken die erbarmungslose Härte der Forderungen und die Unnachsichtigkeit der Verurteilung männlicher Schwäche.

Männlicher Perfektionswahn wird meist diskret zur Schau getragen.

Nur wenn irgendetwas schief geht, zeigen die Selbstwertkrisen deutlich, wie grausam das eigene Urteil ausfällt, wenn mann mal nicht perfekt funktioniert.

Perfektionszwang und Mythomanie

Männer müssen perfekt sein.Sie identifizieren sich mit Männermythen,Männerbildern und mit den Erwartungen anderer,statt ihre eigene Identität zu entwickeln.

Schablonen

Steckbrief einer imaginären Figur: Der perfekte Mann ist erfolgreich. Er sieht gut aus. Er kommt bei den Frauen an. Er ist Unternehmer im weiteren Sinne des Wortes. Er nimmt sich, was er will, von unten her, von Grund auf. Er startet Projekte, er hat Frau(en), Kind(er), er lächelt, er formuliert gekonnt. Er will den Sieg. Unbedingt.

Und er bekommt ihn. Mag er nun Daniel Vasella heissen, Tom Cruise oder Ernesto Bertarelli oder Christian Gross. Der perfekte Mann kann alles.

Der perfekte Mann ist zufrieden, positiv, gesund. Er strahlt nichts Negatives aus. Er ist nicht vom Zweifel angenagt. Für ihn gibt es keine Probleme. Er denkt nur in Lösungen. Er kennt keine Unsicherheiten. Er strahlt Sicherheit aus. Er hadert nicht. Er ist überzeugt. Er sieht sich ständig im Spiegel. Wie war ich, wie wirke ich? Wenn er Schwächen hat, zeigt er die brillant. Hat er Zweifel, dann nur, um sie gleich zu überwinden. Auch negative Eigenschaften integriert er perfekt. Böse, hinterlistig, gemein? Vielleicht, aber perfekt dargestellt, perfekt kommentiert. Er hat eine strahlende Oberfläche. Eine glatte Haut, an der Kritik abperlt. Einen undurchdringlichen Panzer von Optimismus, Tatkraft und Entschlossenheit, der ihn gegenüber den bösartigen Einflüssen des Lebens immun macht. Dem perfekten Mann scheint nichts etwas anhaben zu können.

Der perfekte Mann ist nie krank, er kann es gar nicht sein. Er war vielleicht mal krank, hat die Krankheit aber besiegt. Der perfekte Mann siegt immer.

Der perfekte Mann ist beliebt, geliebt. Selbstverständlich von seiner Frau und seinen ihn bewundernden Kindern. Aber mehr noch: von seinen Mitarbeitern, von seinen Freunden, Partnern, ja, manchmal hat man den Eindruck, sogar von seinen Feinden. Eigentlich von allen.

Der perfekte Mann badet in Sympathie. Wo immer er auch auftaucht, er kann sicher sein, dass man ihm mit Freundlichkeit, Wohlwollen, Bewunderung begegnet. Der perfekte Mann ist jedermanns und jederfrau Liebling. Einfach so. Nicht dass er sich viel darum scheren würde. Er steht drüber.

Der perfekte Mann hat ein schönes Haus, macht tolle Ferien, geht seinen teuren und speziellen Hobbys nach. Er trägt dezente, exklusive Anzüge, er kann sich alles leisten, was sein Herz begehrt. Vielleicht ist er auch bescheiden in seinen Ansprüchen. Aber wenn er wollte, könnte er alles haben. Er fährt ein schönes Auto. Er sitzt auf sonnenüberfluteten Terrassen. Im Hintergrund ist unberührte Natur. Der perfekte Mann hat alles.

Der perfekte Mann steht mitten im Leben. Er geht nicht am Rand der Gesellschaft, sondern wirkt in ihrem Zentrum. Er trägt Verantwortung. Er entscheidet. Er gestaltet. Er ist ein Macher. Er bewältigt ein enormes Arbeitspensum mit Ruhe und Gelassenheit. Er hat alles unter Kontrolle. Der perfekte Mann ist stark. Er braucht kaum Schlaf und sieht nie übernächtigt aus. Die Life Balance hat er intus, er schafft alles, was er will, ohne Terminterror.

Der perfekte Mann ist auch ein perfekter Liebhaber. Er stellt seinen Penis der Frau als unübertrefflichen Joystick zur Verfügung. Der perfekte Mann befriedigt alle und wird dafür bewundert.

Gibt es diesen perfekten Mann? Oder existiert er nur in unserer Fantasie und in den Bildern, die die Massenmedien uns vorgaukeln? Oder in den Gesprächen unter Frauen, die seufzen, es gibt ihn schon, aber meiner ist es nicht? Was sind das für Männer, die dieser imaginären Figur entsprechen?

Viele Männer sind meilenweit entfernt vom Ideal des perfekten Mannes. Diese vergessenen Männer sind die Norm. Sie sitzen verschwitzt in unbequemen Anzügen, kämpfen mit ihrem Gewicht. Sie sind nur mässig glücklich in ihren Ehen, sie leben getrennt von ihren Frauen und Kindern in langweiligen Wohnungen, sie kämpfen um jedes bisschen Anerkennung und Liebe, das sie kriegen können. Sie leben in Angst, nicht zu genügen. Sie arbeiten zu viel. Sie rauchen zu viel. Sie kriegen mit vierzig ihren ersten Herzinfarkt oder eine Depression. Sie sitzen in Kneipen mit ausdruckslosem Gesicht. Sie treiben sich in oder vor Bordellen herum. Sie schämen sich dafür. Sie treiben kaum Sport. Sie bewegen sich zu wenig. Sie gehen an Fussballspiele und freuen sich wie die Kinder über ein Tor ihrer Mannschaft. Sie leiden an eigenartigen Krankheiten mit seltsamen Namen. Sie erzählen Witze, sie lachen, sie trinken Bier, sie bringen ihrer Frau zum Geburtstag Blumen, sie leiden darunter, dass sie zu wenig Zärtlichkeit erfahren. Sie spüren den Schmerz darüber möglicherweise nicht, und wenn, schlucken sie ihn hinunter.

Der ganz normale vergessene Mann ist nicht perfekt. Er hat weder Zeit noch Lust, über sich nachzudenken. Die ganze Geschlechterdiskussion überfordert ihn, er fürchtet sich vor selbstbewussten Frauen, meidet das Gespräch mit ihnen. Er will nicht flach herauskommen.

Er würde gerne etwas verändern, wenn er nur wüsste wie. Wenn es nur nicht damit anfinge, dass er wieder mal nicht in Ordnung ist. Dieses Gefühl kennt er zur Genüge. Vor diesem Gefühl flieht er, schottet sich dagegen ab, hüllt sich in Schweigen, Nichtverstehen.

Männerschaulaufen

Männer sind ständig auf der Bühne zusammen mit anderen Männern. Sie sitzen gleichzeitig immer im Zuschauerraum und kritisieren sich unablässig, wie sie im Vergleich zu anderen Männern auf der Bühne des Lebens agieren.

Männer leben situativ. Sie versuchen, in jeder Situation ihres Lebens perfekt dazustehen.

Perfekt kommt aus dem Lateinischen und heisst gemacht, gut gemacht, durchgeführt. Ein perfekter Mann ist ein Mann, der das Beste aus sich macht. Ein Mann, der sich selbst durchführt, zu sich eine Ding-Beziehung hat. Er zeigt eine glänzende Männerverpackung, die sein mangelndes Selbstgefühl verbirgt.

Ein Mann ist an und für sich noch nichts. Der grosse französische Psychoanalytiker Jacques Lacan meinte: «Die Frau ist, der Mann existiert.» Ein Mann ist erst etwas, wenn er etwas aus sich gemacht hat, seinen Mann stellt. Männer leben ihr Leben nicht von innen heraus, sie führen es nach den in der Gesellschaft, in Organisationen oder Gruppen herrschenden Zielvorstellungen und Plänen.

Der Mann braucht deshalb unentwegt ein Publikum, um zu überprüfen, ob seine Selbstdarstellung erfolgreich ist. Männer veranstalten Männerschaulaufen, in der Politik, im Sport, in ihren Beziehungen. Sie drehen Pirouetten und versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen. Was zählt, ist, wie sie wirken, nicht, wer sie sind.

Immer wichtiger ist dabei der Körper. Im Internet stösst man unter dem Stichwort ‹perfekter Mann› auf Websites zur neuen männlichen Körperkultur. Der perfekte Mann hat einen perfekten Körper, ist ein Adonis mit wohlproportionierten Muskelpaketen und einem Waschbrettbauch. Er präsentiert einen jugendlichen, knackigen Körper. Glänzende Haut wird mit Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Erfolg gleichgesetzt. Es herrscht ein Zwang zur Ästhetik, oder wie es der Trendforscher Peter Wippermann ausdrückt: «Der Schöne verdient mehr.»

Was ursprünglich nur für die Frauen galt, wird auch bei den Männern zur Norm: Wer schön ist, kommt weiter.

Der perfekte Mann beherrscht die Körpersprache. Er dominiert mimisch, gestisch, er setzt seinen Körper als Kampf-, Sex-und Dominanzmaschine ein.

Es gibt keinen Bereich im Männerleben, der nicht dem Leistungsgedanken unterworfen ist. Auch die sexuellen Beziehungen sind zu einem kapitalistischen Markt geworden, wo die Partner gehandelt werden und jede und jeder seinen Marktwert hat. Die Gesellschaft ist die Bühne für das immer währende Männerschaulaufen. Die Schönheitsideale, Leistungskriterien und die Punktrichter im männlichen Perfektionswettbewerb sind äusserst kurzlebig, konstant bleibt nur der Anspruch, eine perfekte Show abzuziehen.

Das perfekte Männerleben

Das perfekte Männerleben ist eine Idee in den Köpfen der Männer. Es ist eine Art Drehbuch, was zu einem Männerleben gehört, was alles in dieses Männerleben gepackt werden muss, damit mann als Mann nicht versagt hat. Das Gegenteil des perfekten Männerlebens ist das Leben als Versager. Ein Mann läuft sein Leben lang vor der Angst davon, als Mann zu versagen, als Familienvater, als Liebhaber, als Ehemann, als Berufsmann, als Freund, als ...

Der Versager ist das Negativbild des perfekten Mannes. Der Versager schafft es nicht, er packt es nicht! Er erfüllt die zahlreichen Rollenvorschriften ungenügend. Er ist eine klägliche Figur, lächerlich, klein, impotent.

Kein Mann möchte in irgendeinem Bereich versagen. Jeder fürchtet die Schmach, kein rechter Mann zu sein. Kaum ein Bereich, in dem Männer nicht von der Angst gejagt werden, als Mann nicht zu genügen.

Trennungen oder Scheidungen beispielsweise erleben Männer oft weniger als traurig, als Verlust, als Schmerz oder als unabwendbare Beziehungsentwicklung, sie erleben es eher als ein Scheitern, ein Versagen. Ein perfekter Mann scheitert nicht in seiner Beziehung. Er hat sie im Griff. Nur Versager scheitern. Perfekte Männer scheitern nie, stranden nie, taumeln nie, fallen nie. Wenn sie überhaupt fallen, dann nur, um gleich wieder aufzustehen.

Die Angst, ein Versager zu sein, und der Zwang, ein perfekter Mann zu sein, sitzen jedem im Nacken, gnadenlos. Im Kopf tagt permanent ein Gericht. Einziger Anklagepunkt: männliches Versagen. Strafe: Scham, Pein, Depression. Das grausame innere Gericht kennt nur die eine brutale Logik: Entweder du bist ein grossartiger Supermann oder ein klägliches Nichts.

Diese grausame Logik treibt viele Männer in eine ausweglose Spirale der Selbstüberforderung und Verzweiflung. Weil Rückschläge und Scheitern nicht zulässig sind, müssen sie permanent mit grosser Anstrengung verhindert werden. Diese Abwehranstrengung zehrt die Kräfte noch mehr auf, das Gefühl, es überhaupt nicht mehr zu schaffen, macht sich breit. Gegen dieses innere Abrutschen wird erneut Kraft mobilisiert, bis die Erschöpfung sich durchsetzt und gar nichts mehr geht.

Eine nüchterne Besinnung und Analyse des Missverhältnisses zwischen Kräften und Anforderungen bleibt aus, weil der Zwang, ein perfekter Mann sein zu müssen, dies nicht erlaubt.

Der krankhafte Perfektionswahn unter dem inneren Druck, sich fremden Bildern und Erwartungen anpassen zu müssen, ist nicht zu verwechseln mit dem lustvollen inneren Streben nach Perfektion. Das gesunde Streben, es immer noch besser machen zu wollen nach dem Motto ‹Ich bin o.k., ich will noch besser werden›, das japanische ‹Kai-Zen›, ist etwas ganz anderes als die sklavische Anpassung an Ideale, die einem selbst nicht entsprechen.

Wut

Ari ist 33 Jahre alt, ältester Sohn eines osteuropäischen Einwanderers und einer Schweizerin. Er hat vor zwei Jahren eine junge Afrikanerin geheiratet, ist seit fünf Monaten Vater. Sein Problem sind Alpträume, Schreckhaftigkeit im Alltag, Schweissausbrüche, plötzlich einschiessende gewalttätige Gedanken. Er ist tadellos gekleidet, formuliert ruhig und präzis seine Beschwerden. Es umgibt ihn eine Aura von Erstklassigkeit.

Sein Leben ist durchorganisiert: Sein Job fordert ihn 150 Prozent, daneben geht er in den Fitnessclub. Seine Frau ist anspruchsvoll, verlangt Präsenz an den Abenden, Leidenschaftlichkeit im Bett, teure Kleider. Er selber verlangt von sich Zärtlichkeit gegenüber dem Kind, Sensibilität in Beziehungen, gleichzeitig Durchsetzungsfähigkeit und Disziplin im Beruf. Auch die Beziehung zu seiner Herkunftsfamilie will gepflegt sein, Vater und Mutter sind alt und etwas kränklich, die Geschwister brauchen oft seinen Rat.

Ari ist der Prototyp des perfekten Mannes, der in allen Rollen – Ehemann, Vater, Sohn, Bruder, Manager, Sportsfreund – sich stromlinienförmig an die Erwartungen anzupassen versucht.

Herkules gleich trägt er alle Lasten.

Sein merkwürdiges Symptom, die einschiessenden gewalttätigen Fantasien, z. B. die Ehefrau zu strangulieren oder seinem Freund eine Lanze in die Brust zu stechen oder das Kind zu vergiften, zeigen ihm eine andere seelische Wahrheit: seine riesengrosse Wut über dieses angepasste Leben. Er will sie alle ermorden, diese ihn vergewaltigenden und fordernden Vampire! Wenn das ein Männerleben ist, dann will er darauf verzichten.

«Ich weiss ja gar nicht, wer ich bin und was ich will!», ist einer seiner ersten Sätze in der Analyse. Was er hingegen sehr gut weiss, ist, was ein Mann soll: keine Probleme haben, oder nur solche, die er umgehend löst. Privat und im Beruf erfolgreich. Humorvoll sein, stark, differenziert.

Mythen

Männer leiden an Mythomanie. Am zwanghaften Verlangen nach Mythen und Geschichten, an denen sie sich orientieren. Je schwächer die eigene männliche Identität entwickelt ist, desto mehr klammert mann sich an Männlichkeitsmythen. Im engeren Sinne sind Mythen Geschichten, in denen Idealfiguren, Sagengestalten oder Götter eine wichtige Rolle spielen. Wir orientieren uns – meist unbewusst – an Mythen und verwenden sie als Leitbilder, nach denen wir unsere Einstellungen und unser Verhalten ausrichten. Männer lieben Mythen. Mythen im weiteren Sinne sind folgenschwere Überzeugungen, denen irrationale Fantasien und nicht Fakten zugrunde liegen. Bernie Zilbergeld schreibt in seinem Buch ‹Die neue Sexualität der Männer›, dass die Mythen, welche Männer in ihren Köpfen haben, die Hauptverantwortung für sexuelle Probleme tragen. Ich möchte die Aussage erweitern: Der Glaube an bestimmte Mythen trägt die Hauptverantwortung für sämtliche Probleme, die Männer haben.

Mythen sind Glaubenssysteme. Sie ranken sich um Idealfiguren. Dem Einfluss der Mythen können wir uns nicht entziehen, jede und jeder von uns ist geprägt durch sie. Unsere Innenwelt wird durch unsere persönlichen Mythen strukturiert. Wir vergleichen das, was wir tun und erleben, ständig mit den Mythen in unserem Kopf, und dieser permanente Vergleich soll uns bei der Orientierung in unserem Leben helfen.

In der Sexualität beispielsweise glauben viele Männer laut Zilbergeld an folgende Mythen:

Mythos  1:

Wir sind aufgeklärte Leute und fühlen uns wohl beim Sex.

Mythos  2:

Ein wirklicher Mann mag keinen ‹Weiberkram› wie Gefühle und dauernd reden.

Mythos  3:

Jede Berührung ist sexuell oder sollte zu Sex führen.

Mythos  4:

Männer können und wollen jederzeit.

Mythos  5:

Beim Sex zeigt ein wirklicher Mann, was er kann.

Mythos  6:

Beim Sex geht es um einen steifen Penis und was mit ihm gemacht wird.

Mythos  7:

Sex ist gleich Geschlechtsverkehr.

Mythos  8:

Ein Mann muss seine Partnerin ein Erdbeben erleben lassen.

Mythos  9:

Zum guten Sex gehört ein Orgasmus.

Mythos 10:

Beim Sex sollten Männer nicht auf Frauen hören.

Mythos 11:

Guter Sex ist spontan, da gibt es nichts zu planen oder zu reden.

Mythos 12:

Echte Männer haben keine sexuellen Probleme.

Das Problematische am Mythenglauben ist, dass wir unsere Erfahrungen ständig mit diesen Glaubenssätzen vergleichen und uns ungenügend vorkommen. Bernie Zilbergeld (1996): «Ganz gleich, wie man ausgerüstet ist, welchen Partner man hat, was man macht oder was dabei herauskommt – niemand kann mithalten mit dem, was er gelesen und gehört hat. Guten Sex gibts immer anderswo und bei anderen.»