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Ein Hund, ein Pony und eine Frau waren vier Monate lang auf Fernwanderwegen in Deutschland unterwegs. Gewandert wurde von Potsdam bis in den Schwarzwald auf dem E11 in Brandenburg und Sachsen-Anhalt, auf dem Hauptwanderweg und Rennsteig in Thüringen, auf dem Frankenweg in Franken und auf dem Schwäbische-Alb-Nordrandweg in Baden-Württemberg. Eine eigenwillige Erzählung aus drei andersartigen Blickwinkeln.
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Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Für meinen geliebten Liu Yong Zheng und in Erinnerung an Prinz
Wanderroute
Steckbrief der Wanderer
Kapitel 1: Startschusspanik
Kapitel 2: Und los geht’s!
Kapitel 3: Garten Eden
Kapitel 4: Die Wanderbewährung
Kapitel 5: Die phantastische Belastungsprobe
Kapitel 6: Opteamiertes Ringelreigen
Kapitel 7: Das große Hadern mit dem Ende
Kapitel 8: Nachbesprechung
Anhang
Nur noch drei Wochen und ich hatte eigentlich noch nichts Wesentliches vorbereitet. Vor einem Monat schien unsere Wanderung wegen Krankheit fast gestrichen. Gerade als ich im Begriff war, mir ernsthafte und konkrete Gedanken über die Durchführung zu machen, erhielt ich einen alarmierenden Anruf aus dem Stall: „Pengpeng sabbert, Pengpeng sieht schlapp aus und Pengpeng liegt demonstrativ am Boden und mimt überzeugend den sterbenden Schwan.“ Der gerufene Tierarzt sorgte sich über seinen schwächlichen Zustand. Da der Jüngling Peng mitten im Zahnwechsel war, konnten - ganz naheliegend - seine Zähne das Problem sein. Doch Peng fand trotz großer Schlappheit genügend Energie, sich mit verbissenem Eifer gegen eine Zahnuntersuchung zu wehren. Um ihn nicht noch mehr zu belasten, beschränkten wir uns lediglich auf eine Blutprobe und verschoben alles Weitere bis zum Eintreffen der Ergebnisse. Schlagartig erlahmten meine sämtlichen Planungsaktivitäten und wurden durch banges Warten, Sorge und Enttäuschung ersetzt. Es schien mir sehr unwahrscheinlich, dass der arme Peng mit seiner undefinierten Krankheit in einem Monat wieder fit sein und durch Deutschland marschieren konnte.
Pengs Blutbild zeigte eine starke Infektion an. Sehr beunruhigend war allerdings, dass der Ort des Infektionsherdes noch völlig im Verborgenen lag. Mit Hilfe eines Beruhigungsmittels wollte der Tierarzt diesmal einen genauen Blick in Pengs Maul werfen. Und er sah und roch das Grauen. Eine sehr scharfe Zahnkante hatte links seine Zunge von vorne bis hinten aufgeschlitzt. Die Wunde war stark entzündet und Teile des Gewebes waren schon abgestorben. Mit der bloßen Hand zog er einen abgebrochenen und vereiterten Backenzahn heraus. Es stank bestialisch! Eine Bagatelle war da ein Milchzahn, der sich vor den schon vorhanden neuen Zahn geschoben hatte und unmotiviert wackelte, ohne herausfallen zu wollen. Der unter Drogen stehende Peng ließ alles geduldig und irgendwie auch dankbar über sich ergehen. Ich war erleichtert, dass seine seltsame Krankheit so einfach zu kurieren war. Jetzt biss mich wegen meiner vernachlässigten Fürsorgepflicht mein Gewissen und ich kam mir absolut verantwortungslos vor. Schon ganz lange versuchte Peng, mich und alle Menschen um sich herum auf seine Schmerzen aufmerksam zu machen. Mit schief gehaltenem Kopf fraß er nur sehr mühsam und langsam. Doch im Gegensatz zu allen anderen in der Stallgemeinschaft schob ich sein auffälliges Fressverhalten leichtfertig auf einen ganz normalen Zahnwechsel. Ironischerweise wollte ich ihn sogar vor den Unannehmlichkeiten einer Zahnuntersuchung schützen.
Mein erster Gedanke an einen längeren Fußmarsch mit meinem Pony von Potsdam in den Schwarzwald lag schon über ein halbes Jahr zurück. Auslöser war die bevorstehende Einlösung einer schwesterlichen Abmachung. Vor fast drei Jahren wurde beschlossen, dass Peng - sobald er ins reitfähige Alter käme - in die Hände meiner jüngsten Nichte übergeben würde, um mit ihr zusammen den Spaß und die Freude eines Reitponys zu entdecken.
Der gute Peng ist Brite und ein lupenreines Welsh Mountain Pony. Mit einem Stockmaß von 1,20 m ist er leider viel zu klein, um von mir selbst geritten zu werden. Peng und ich hatten 2006 in England zueinander gefunden. Neugier und nicht Kaufabsicht hatte mich auf eine englische Pferdeauktion getrieben. Ich lebte schon über drei Jahre in Nordengland und nahm die Einladung meiner Bekannten zur Auktion in Clitheroe aufgeregt an. Es warteten bestimmt 20 Pferde und Ponys aller Größen und Rassen in den Auktionsstallungen. Das Ponyfohlen mit dem aufgeblähten Bauch und den ängstlich aufgerissenen Augen berührte sofort unsere Herzen. Sein Fell war struppig und lila. Mit seinem schmalen Kopf ähnelte er eher einem Lama als einem Pony. Bei der handgreiflichen Untersuchung durch meine Bekannte stand er starr vor Angst. Die Auktion selbst fand in einer Art Amphitheater statt. In den Rängen saßen Bauern, Pferdehändler und ambitionierte Reitersleute. Jeder lauerte auf ein gutes Schnäppchen. Es gab auch bloße Beobachter, zu denen wir uns zählten, eigentlich. Als drei stämmige Männer das hilflose Pony mit Gewalt und ohne Herz in den Ring zerrten und stießen, einigten wir uns schnell auf ein Mitsteigern bis 100 Pfund. Doch keiner hielt uns auf und wir wetteiferten mit einem düsteren Bauern. Schließlich erhielten wir bei 130 Pfund den Zuschlag.
Die strategischen Wanderentscheidungen über des Ponys’ Schuhwerk und die Art der Gepäckbeförderung reiften behutsam in mir. Es fiel mir schwer, mich endlich zu einem Entschluss durchzuringen, da die zu lösende Gleichung zu viele Unbekannte hatte. Die Argumente beider Seiten hielten sich aufgrund meiner spärlichen Erfahrung quasi die Waage. Die mehr oder weniger erfahrenen Ratschläger bildeten Fronten und natürlich war es allein meine Verantwortung, das Beste für des Wanderers Wohl zu entscheiden. Drei Monate vor Start stellte ich endlich die ersten Weichen. Pengpeng sollte wie bisher unbeschlagen laufen. Und zu Gunsten einer flexiblen Wegwahl würde das Pony einen Packsattel tragen und kein Fahrgerät ziehen. Ich war zufrieden und entschlossen.
Doch kurz vor Start war ich im Delirium des Reisefiebers und bereit, genau das Gegenteil zu tun. Und dass, obwohl die Durchführung des Antiplans natürlich zeittechnisch absolut unmöglich war. Zwei Telefonate brachten mich wieder auf Kurs. Pengs Hufschmied versicherte mir, dass Pengs Hufe für solche Strapazen geschaffen waren. Und als ich mich bei Pengs Hofherr nach einem kleinen Pony-Crash-Kurs im Kutscheziehen erkundigte, entwirrte er mich stattdessen mit dem Satz: „Wenn man eine Entscheidung getroffen hat, sollte man am Besten auch dabei bleiben, außer es sprechen triftige Gründe dagegen.“ Es gab keine triftigen Gründe und ich kehrte erleichtert zu meinem ursprünglichen Plan zurück.
Das Wesentliche und wohl auch Schwierige einer Wanderung ist die Auswahl der geeigneten Strecke. Ich träumte davon, auf engen und einsamen Pfaden durch Wald, Feld und Flur zu wandern. Ich wollte Fuchs und Hase Gute Nacht sagen und in unberührten Wäldern Feen und Elfen beobachten. Allerdings war sogar mir klar, dass ich eine solche Strecke dieser Länge niemals in nur drei Wochen planen konnte. Wahrscheinlich reichte da nicht einmal ein ganzes Jahr dafür! Hilfe kam von einer wandererprobten Arbeitskollegin. Sie riet mir zu vorgefertigten Fernwanderwegen und schwärmte besonders vom Rennsteig in Thüringen. Zuerst wehrte ich mich gegen diesen Gedanken. Ich hielt diese Fernwanderwege für überfüllte Wanderbahnen. Mir blieb aber keine andere Wahl und ich kürte vorab den Rennsteig als absolutes Highlight auf unserer gesamten Wanderstrecke. Für die Runst (Wanderer sind auf dem Rennsteig auf der Runst) nahmen wir einen enormen Umweg in Kauf. Unsere Wanderung sollte kein Wettrennen werden, sondern wir wollten unter dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ wandern.
Natürlich würde es auch wesentlich bequemer für mich sein, den beschilderten und wohldurchdachten Fernwanderwegen zu folgen, die uns quasi automatisch an den schönsten Flecken der Gegend vorbei führen würden. Die Beschaffung des notwendigen Kartenmaterials stellte ich mir sehr einfach vor: Ich spaziere in eine Filiale eines Outdoor-Experten, gebe meine Start- und Zielkoordinaten an und bekomme ein oder mehrere Vorschläge meiner Routen mit entsprechendem Kartenmaterial. Mein erster Versuch brachte mich unsanft in die Realität zurück. Doch immerhin wusste ich nun, welche Informationen ich für einen erfolgreicheren zweiten Anlauf vorweisen musste: Ich brauchte den Namen aller beteiligten Fernwanderwege und ihren Streckenverlauf mit Kartenangaben. Also durchforstete ich das WorldWideWeb nach »Fernwanderwege« und wurde unter www.fernwege.de und www.wanderkompass.de fündig. Die zweite Hälfte unserer Strecke stand erstaunlich schnell und einfach. Unserem ernannten Highlight, dem Rennsteig in Thüringen, schließt der Frankenweg in Bayern direkt an. Dieser wird in Baden-Württemberg vom HW1/Schwäbische-Alb-Nordrandweg abgelöst, der uns fast bis nach Hause in den Schwarzwald bringen würde. Für den Rennsteig und den Schwäbische-Alb-Nordrandweg gibt es Sonderkarten. Das Kartenmaterial für den Frankenweg muss leider aus insgesamt fünf Umgebungskarten und weiteren zwei topographischen Karten zusammengestellt werden. Doch wie würden wir von Potsdam zum Rennsteig kommen? Ich fand einen Hinweis auf den E11. Das ist ein europäischer Fernwanderweg, der von der Nordsee (Niederlande) bis in die Masuren (Polen) führt. Laut Computer sollte eine Teilstrecke von Belzig bis nach Coswig verlaufen, ins Grenzgebiet Brandenburg/Sachsen-Anhalt. Leider konnte ich weder den genauen Verlauf der gesamten Strecke noch Informationen über dazugehöriges Kartenmaterial finden.
Das Surfen im Internet ist nicht gerade mein besonderes Talent, denn erst jetzt beim Buch - schreiben fand ich den gesamten Streckenverlauf bei Wikipedia.
Keine Ahnung, auf welchen Pfaden wir durch Sachsen-Anhalt kommen würden... Meine weiteren Recherchen zeigten in Thüringen bei Bad Frankenhausen einen Hauptwanderweg, der uns nach der Durchquerung Sachsen-Anhalts quer durch Thüringen auf den Rennsteig bringen würde. Doch leider konnte ich wieder keinen genauen Streckenverlauf oder Kartenmaterialangaben finden. Meine Anfragen bei Touristikzentren und Landesämter für Vermessung und Geoinformationen ließen meinen Weg weiterhin unbeschrieben. Auch meine spärlichen Bemühungen um telefonischen Kontakt zu den jeweiligen lokalen Wandervereinen, die für die Ausweisung und Beschilderung der Wanderwege zuständig sind, blieben ebenfalls erfolglos.
Mit meinen streckenweise sehr lückenhaften Kenntnissen unserer Route wollte ich einen erneuten Versuch in die Welt der Outdoor-Experten wagen. Diverse Nachfragen lenkten mich zu einem speziellen Landkartenladen in Berlin, zu Schropp. Eine sehr kompetente Verkäuferin nahm sich mir und meiner Route geduldig an. Mit Freude entdeckte ich, dass der Verlauf sämtlicher Wanderwege auf den Karten eingezeichnet war. Mit Hilfe einer Übersichtskarte fanden wir meine Zugangskarte zum E11 in Belzig. Mit dem Finger folgten wir ihm auf der Karte, um die Anschlusskarte zu identifizieren. So arbeiteten wir uns tapfer von Karte zu Karte und zu meiner größten Erleichterung durch ganz Sachsen-Anhalt hindurch. Ich benötigte nur zwei weitere Karten, die uns den Weg von unserem tatsächlichen Wanderstartpunkt zum E11 zeigten. Bis nach Belzig war unser Weg durch überwiegend geplante Übernachtungen bei mehr oder weniger Bekannten vorgezeichnet. Fast nahtlos war der Übergang vom E11 auf den Thüringer Hauptwanderweg. Und auch hier fanden wir auf die gleiche Weise unseren Weg auf den Rennsteig. Nach fast einer Stunde im Laden hatte ich eine vollständige Liste aller benötigten Wanderkarten. Die meisten Karten waren vorrätig und die noch Fehlenden bestellte ich direkt bei den zuständigen Landesämtern. Obwohl ich mit dem festen Vorsatz den Kartenladen betreten hatte ihn genau so zu verlassen, hatte ich das Gefühl, Unmögliches vollbracht zu haben. NICHTS konnte uns nun mehr aufhalten!
Als eher ängstlicher Typ kam mir in den Sinn, einen Hund zu meinem persönlichen Schutz mitzunehmen. Selbst nur in meiner Vorstellung bekam ich ganz allein im Zelt kein Auge zu. Aber wer würde mir seinen Hund leihen? Auch ein Hund aus dem Tierheim war keine Lösung. Ich würde es nie übers Herz bringen, ihn danach wieder dort abzuliefern, und ich selbst wollte mir im Moment keinen Hund anschaffen. Wie so oft waren meine Augen für das Offensichtliche blind. Bis ich endlich Prinz - der Hund meiner Eltern - als meinen natürlichen Kandidaten entdeckte. Als großer weißer Schäferhund mit einer Abneigung gegen Fremde, schien er die besten Voraussetzungen für meinen persönlichen Schutzhund mitzubringen. Allerdings hatte er drei schwerwiegende Handicaps: Arthrosebedingt hinkte er am linken Vorderbein häufig mehr als weniger stark; er gehorchte nicht besonders gut und war sehr dominant; in der Gesellschaft von familieneigenen Pferden oder Ponys verhielt er sich neurotisch - konkret hieß das, unaufhörliches Bellen oder Fiepen kombiniert mit Zwicken in die Hinterbeine oder sonstige erreichbare Körperteile. Zwei seiner Handicaps beruhten auf einer versäumten konsequenten Grundausbildung in seiner Jugend. Die ersten Anfänge ertranken in einem Eimer Wasser, den der Hundetrainer als Erziehungsmaßnahme über den Welpen Prinz schüttete. Dies missfiel nicht nur Prinz, sondern auch meinem Vater und beide verzichteten auf weiteren Unterricht.
Im Gegensatz zu meinen Eltern war ich mir sicher, dass ich seine Handicaps in kurzer Zeit in den Griff bekommen konnte. Natürlich war ich nicht so naiv oder gar arrogant, dass ich annahm, das alleine zulösen. Ich entschloss mich, für alle Probleme Maßnahmen zu ergreifen. Bezüglich seiner Verhaltensproblematik baute ich auf die Hilfe einer Tierkommunikatorin. Nach einem Besuch in einem Tierkommunikationskurs hatte ich bei einem weiteren Übungstreffen mein Wandervorhaben erwähnt. Spontan wollte unsere Lehrerin eine kleine Teilstrecke mitlaufen und plante dafür um Pfingsten Zeit ein. Das gesundheitliche Handicap sollte er quasi weg wandern. Um aber jeglichen Komplikationen vorzubauen, ersteigerte ich einen Hundeanhänger bei eBay. Der geniale Hundeanhänger konnte einerseits dreirädrig als Jogger verwendet werden, oder andererseits mit einfachen Griffen in einen zweirädrigen Fahrradanhänger umgewandelt werden. In diesem Hänger sollte Prinz sich bei Bedarf ausruhen und entweder von mir oder meiner Wanderstartbegleiterin geschoben werden. Nach zwei Wochen wandern hoffte ich auf einen hinkfreien Prinz. Der Hänger sollte dann in die Obhut meiner Begleiterin wandern. Falls jedoch der Hund noch Laufbeschwerden hätte, plante ich zu improvisieren und daraus einen Pengpenganhänger zu basteln. Jedoch lag die letzte Entscheidung über Prinzens Wanderschicksal bei dem Hüter des Hundes, meinem Vater. Ich vermied, meinen Vater direkt darauf anzusprechen, da ich ihm Ruhe und Zeit geben wollte, über alles neutral - ohne gefährdende Vorargumentationen - nachzudenken. Allen mir entgegen gebrachten Bedenken und Hindernissen trotzend war ich gewillt, an das Unmögliche zu glauben - an die väterliche Zustimmung.
Unser Wanderstart rückte unaufhörlich näher. So langsam sollte ich mir Gedanken machen, was und vor allem wie wir das Notwendige mitnehmen. Pack- und Einkaufslisten wurden mit erfahrenen Camp- und Reiterfreunden diskutiert. Eine versierte Stallkollegin stellte mir eine homöopathische Notfallapotheke zusammen, inklusive der unverzichtbaren Notfalltropfen. Als mein letzter Arbeitstag gekommen war, räumte ich meine sämtlichen Habseligkeiten von meinem Zimmer in mein kleines Auto. Bei einem Zwischenstopp im Stall kam noch Pengs Zeug dazu. Bevor ich meine lange Autofahrt antrat, küsste ich mein baldiges Wanderpony noch zum Abschied aufs Mäulchen. Die Fahrt war unproblematisch und ausnahmsweise staufrei. Die entlang der Autobahn aufgestellten Hinweisschilder auf die von uns zu durchwandernden Landschaften ließen mich vorab träumen.
Ich hatte nur wenige Tage, um alles wanderfertig zu organisieren. Mein Rückreisetermin war festgelegt. Eine schon ziemlich alte Fügung veranlasste meinen nun ehemaligen Chef, seiner Mutter - genau in meinem Zeitfenster - einen Geburtstagsbesuch im Schwarzwald abzustatten. Er war sofort bereit, mich - auch mit Hund und Gepäck - zurück nach Potsdam zu bringen. Ich kaufte die noch fehlenden Dinge und bibberte auf die rechtzeitige Ankunft der noch ausstehenden Bestellungen: Der unverzichtbare Hundeanhänger und noch einige Wanderkarten. Bis jetzt hatte ich noch nicht gewagt, meinen Vater auf das Thema „Prinzens Wanderschaft“ anzusprechen. Zu meiner Überraschung brach die Ankunft des Hundeanhängers das Schweigen durch meinen Vater. Mit vollem Recht war er enttäuscht und verärgert, dass ich ihn bisher übergangen hatte. Zuerst erstellte er eine sehr lange Kontra-Liste um mir dann schlussendlich seinen Prinz doch unter bestimmten Voraussetzungen mitzugeben. Die wichtigste Bedingung war, dass ich Prinz abholen ließe, wenn er oder andere durch sein Verhalten gefährdet würden. Mit einer Umarmung und Tränen in den Augen bedankte ich mich. Ich wusste, dass mein Vater hiermit ein großes Opfer brachte. Nicht nur war Prinz ein Hund mit Schwierigkeiten, sondern schließlich auch sein Augapfel. Mit Prinzens Wandererlaubnis erfolgte die sofortige väterliche Teilnahme im familiären Wanderorganisationsteam. Mein Vater prüfte und improvisierte am Hundeanhänger. Auch Prinz besetzte und verteidigte denselben sofort, und demonstrierte damit seine absolute Wanderbereitschaft.
Am letzten Abend vor der Abreise wurden dann mit mütterlicher Hilfe zwei Packtaschen gefüllt. Eine Fahrradpacktasche sollte auf Pengs Sattel Platz finden. Sie war sehr geräumig mit vielen Einzelfächern, zwei davon hielten unseren Wasservorrat in Form von 1,5-Liter-Plastikflaschen. Und eine Sattelpacktasche, die hinten am Sattel befestigt werden sollte, wurde mit Futter und Essen gefüllt. Das Gewicht beider Taschen lag zusammen um die 25 kg. Also noch im Rahmen dessen, was ich für den noch ungeübten und jungen Peng vorgesehen hatte. Da waren auch noch fünf Kilogramm Zelt für Peng erlaubt. Ich sollte auch nicht leer ausgehen. Und mein großer 30-Liter-Rucksack war im Nu mit über 15 Kilogramm gefüllt. Viel zu schwer! Das konnte ich nie schleppen mit Hund und Pony an der Hand. Ich war erstaunt, wie viel ich tatsächlich mitnehmen wollte. War das alles wirklich notwendig? Ich erinnerte mich an meinen Wanderritt in meiner Jugend. Da hatte ich nur eine kleine Sattelpacktasche, in der sogar noch ein Spirituskocher Platz hatte. Alle Taschen wurden wieder entleert und ihr Inhalt genauestens auf seine Notwendigkeit überprüft. Die Multiplikate eines Artikels wurden stark reduziert, manche wurden komplett gestrichen. Schließlich wanderte ich ja nicht in der Wildnis und war nicht auf Vorrat angewiesen. Ich brauchte ja lediglich eine Streichholzschachtel zum Feuer machen und nicht zehn. Mein reduzierter Wanderrucksack erreichte mit 15 Litern Fassungsvermögen und sechs Kilogramm tragbare Ausmaße. Ein Luxusartikel war Prinzens Kumpel, ein Stoffhund, der ihn schon seit seiner Welpenzeit begleitete. Er sollte Prinz über das erste Heimweh allein in fremder Umgebung hinweghelfen. Prinz wusste zwar, dass ich zum Rudel gehörte, aber er kannte mich nur von kurzen Besuchen. Meine vorläufig letzte Nacht in einem richtigen Bett verbrachte ich fast schlaflos. Mein Herz raste, und in Endlosschleifen grübelte ich über unsere Gepäckfülle nach.
Das voll bepackte Auto ließ mich nicht mal erahnen, wie ich all das Zeug auf meinem kleinen Pengpeng verstauen sollte. Mein nervöser Aufbruch ließ mich leider die väterliche Anfrage auf einen Alles-an-Bord-Check ignorieren, dafür stellte sich langsam Erleichterung und Vorfreude ein. Viel zu früh erreichten wir den vereinbarten Treffpunkt, eine Autobahnab- bzw. auffahrt. Hier sollte unsere Übernahme von meinem ehemaligen Chef und weiteren Chauffeur stattfinden. Meine Gedanken waren schon auf der Weiterfahrt und bei der Wanderung, und erst als wir mein Gepäck und natürlich auch den Hundeanhänger von einem ins andere Auto luden, entdeckte ich das Fehlen meines Schlaf- und Rucksacks. Beide Stücke hatten zwar die Reise mit uns begonnen, wurden aber leider im Aufzug unbeachtet zurückgelassen. Für alle sehr ärgerlich ging die halbstündige Fahrt über kurvenreiche Sträßchen quer durch den Schwarzwald zurück ins heimatliche Dorf. Prinz fuhr noch in väterlicher Obhut, um die Trennung von Hund und Herrn etwas zu verzögern. Als dann endlich der Ausgangspunkt wieder erreicht war, wurden flott die vergessenen Dinge verstaut. Noch ein paar Umarmungen und der Hund stieg zu aller Erstaunen ohne zu zögern auf den Rücksitz des fremden Autos. Auf der Autobahn, wieder auf Kurs, entspannten sich die Nerven und wir stimmten uns auf eine gemütliche und lange Fahrt ein. Die Sonne brannte und alle drei Stunden oder auf Verlangen auch öfter hatte Prinz die Möglichkeit, Wasser zu- und/oder abzuführen. Leider sammelte er auf seinen Parkplatzrundgängen viele kleine Zecken-Freunde ein, die sich fest an sein Fell klammerten. Zum Glück waren die kleinen schwarzen Punkte ganz leicht auf dem weißen Fell zu entdecken und zu entfernen.
Am frühen Abend erreichten wir in überraschend ausgeruhtem Zustand unsere vorläufiges und Pengs bisheriges Zuhause. Das gesamte Wandergut wurde erstmal in der Sattelkammer verstaut. Dann stellte ich Prinz mit Sicherheitsabstand zum ersten Mal unserem Peng vor. Peng wieherte bei unserem Anblick sogleich. Auf eine Karotte hoffend kam er an den Zaun, bekam aber nur eine Streicheleinheit. Prinz war gleichzeitig interessiert, verängstigt und eifersüchtig und gab uns eine erste Kostprobe seiner Gesangskunst. Seine Lieder bestanden aus diversen Variationen von Fiepen und Bellen. Wir ließen Peng bei seiner Herde auf der Sommerkoppel zurück und gönnten uns nach der langen Fahrt einen ausgedehnten Spaziergang am lauen Sommerabend. Nun doch völlig erschöpft zogen wir uns auf das Matratzenlager in den Bauwagen zurück. Prinz hatte eigentlich ein offizielles Bettverbot, doch die Umstände sprachen zu seinen Gunsten. Nach einer Streichelmassage schnarchte er zufrieden neben mir mit seinem Stofftier zwischen den Vorderbeinen.
Fast drei Wochen lang war mein nervlicher Bogen durch unzählige Lastminuteaktionen bis zum Anschlag gespannt. Meine Batterien verbrauchten emotionellen Starkstrom und waren nun erschöpft. Ich lud sie wieder auf, indem ich meine weiteren Wandervorbereitungsaktivitäten komplett lahmlegte und mich mit Prinz faul unter den Sonnenschirm auf der Veranda des Bauwagens legte. Nur noch ein Tag bis zum Startschuss! Ich hatte weder einen Probepackversuch unseres Gepäcks mit Peng unternommen, noch Prinzens und Pengs Wanderfreundschaft gehbar gemacht. Auch konnte ich meine Mitwanderin - die erhoffte Hundebändigerin und Hundewagenschieberin - nicht erreichen. Ich befand mich in einer Art Wachkoma. Zum Glück erregte mein Zustand die Besorgnis und den Handlungseinsatz meiner lieben Stallfreundinnen, Chris und Cordula. Chris beorderte Peng vor Ort. Zum Improvisieren mit dem Hundeanhänger als Peng-Anhängsel blieb nun keine Zeit mehr und ich - als im momentanen Anschein alleinige Wanderin mit nur zwei Armen und Händen - konnte ihn nicht mitnehmen. Das gesamte Wandergut wurde ausgebreitet. Der erste Blick auf den gesattelten Peng machte klar, dass nur eine der zwei von mir vorgesehenen Taschen auf ihm Platz finden würde. Und zwar nur auf seinem Vielseitigkeitssattel. Ohne zu zögern wählte Chris die geräumige Fahrradtasche aus. Sie enthüllte noch einige Zusatzfächer, die mir zuvor nicht aufgefallen waren. Es wurde umgepackt, reduziert und verzichtet. Da waren noch das Zelt, der Schlafsack, die Isomatte und die Regencapes. Genial packte Chris die Zeltplanen auf den Sattel unter die Fahrradtasche. Das Ganze wurde mit einem Spanngurt, der unter dem Sattel verlief, festgezurrt. Für die seitliche Befestigung opferte Cordula zwei Kehlriemen ihrer alten Trensen. Sie verliefen unter dem Sattelblatt und den Sattelgurtriemen und wurden oberhalb auf den Seitentaschen festgezogen. Die Zeltstangen wurden meinem Rucksack zugeordnet. Chris beauftragte mich, wenigstens eine Strategie für die Beförderung meines Schlafsacks selbst zu entwickeln. Mit dem Gröbsten geschafft vertagte ich das Ganze. Mein sofortiger, aber ziemlich unrealistischer Notfallplan war, dass ich den ganzen Rest selber tragen würde.
Cordula nahm sich der Hundebändigung an. Als erfahrene Jagdhundeführerin hatte sie genaue Vorstellungen, an welche Regeln der liebe Prinz und ich uns zu halten hatten. Mit Peng an meiner rechten und Prinz an meiner linken Seite schickte uns Cordula zu einer ersten Einschätzung der Lage auf den Laufsteg. Prinz hüpfte mir und dem Pony bellend, fiepend und zwickend vor den Beinen herum. Peng zog Grimassen und schnappte zwischendurch nach Prinz. Und ich stolperte hin und her gerissen hysterisch schreiend in der Mitte. Unter anderen Umständen wäre die Situation komisch gewesen! Doch da wir am nächsten Tag unsere lange Wanderung beginnen wollten, handelte es sich hierbei eher um eine totale Katastrophe. Energisch und mit Zuversicht erteilte Cordula ihre ersten Anweisungen. Prinz durfte nur links an meiner Seite laufen und nicht die magische Grenze vor meinen Füßen überschreiten. Ein „bei Fuß“-Kommando sollte dies Prinz vermitteln. Doch entweder litt Prinz unter einer Art Hör-Dyslexie, oder er hatte einen enormen Widerwillen zu gehorchen. Nur nach wenigen Sekunden verblasste die Wirkung meines erteilten Kommandos. Absolute Konsequenz war hier nicht von Prinz, sondern von mir gefordert. Cordula ließ sich keineswegs entmutigen, sondern Prinz erhielt weitere Erinnerungshilfen. Ein Stöckchen markierte nun für Prinz deutlich sichtbar die magische Grenze. Und auch bei einer trotzigen prinz´schen Grenzüberschreitung behielt ich unbeeindruckt mein Gehrevier bei. Da kam es vor, dass meine Füße ab und zu Prinzens Pfote unter sich spürten. Nach einiger tierischen und menschlichen Übung zeigte diese Technik glücklicherweise Wirkung. Mit einer großen Kraft-, Konzentrations- und Stimmanstrengung meinerseits war es tatsächlich möglich, uns einigermaßen kontrolliert, aber lautstark fortzubewegen.
Völlig überraschend wartete bei unserer Rückkehr in den Stall ein festlich gedeckter Tisch. Die geheimen Pläne waren zuvor wirksam durch Abschiedsmanöver verdeckt worden. Nachdem Pony und Hund versorgt waren, nahm ich dankbar und tief berührt Platz. Fast die Hälfte der Stallbesetzung kam zu unserer Verabschiedung. Immer wieder wurde mir versichert, dass Peng von uns beiden wohl der größere Verlust in der tierischen UND auch menschlichen Herde war. Unter den Köstlichkeiten befand sich mein Lieblingsschokoladenkuchen, zu dem ich schon bei früheren Stallverköstigungen von der Extrembäckerin Silke verführt worden war. Es handelt sich hierbei um einen so genannten Blitz-Schokokuchen. Der Genuss dieses Kuchens sollte jedem Schokoladenfan vergönnt sein, deshalb gebe ich hier das genaue Rezept an. Die Zutaten könnten fälschlicherweise vermuten lassen, dass der Kuchen schwerer im Verdauungstrakt liegt, als er es tatsächlich tut. Ich kann ohne üble Nachgefühle zwei ordentliche Stücke verdrücken.
Die Schlemmerei konnte meine zunehmende Panik nicht neutralisieren. Ich hegte große Zweifel, ob ich in der Lage sein würde, über meine zwei Tiere und das Gepäck alleine Herr zu werden. Meine Mitwanderin hatte ich immer noch nicht erreicht und ich musste deshalb für mich alleine entscheiden. Ich wurde immer nervöser und mein Herz raste. Ein für mich ungewöhnliches, aber sehr beruhigendes Gedankenmodell, wurde von meinen lieben Stallfreundinnen erstellt. Sie gaben mir mehrere Optionen vor. 1. Ich musste morgen nicht losgehen, sondern konnte mehr Übungseinheiten absolvieren, bis ich mich sicher fühlte. 2. Ich könnte morgen als Testlauf losgehen, und bei Misslingen ein Notruf setzten, wieder an den Startpunkt gebracht werden und nach Optimierung von Gepäck und Tierdressur neu starten. 3. Könnte ich bei Verpflegungsproblemen zumindest zu Beginn der Wanderung auf ein Versorgungstaxi zählen. Als alle Unmöglichkeiten geplant waren, klingelte mein Handy und meine Mitwanderin bestätigte ihr morgiges Kommen. Plötzlich schienen meine derzeitigen Gepäck- und Hundeprobleme gelöst und eine schlafvolle Nacht ohne Grübeleien lag vor mir.
Eigentlich hätte es auch ein Pferdehänger geschafft, meinen guten Peng in den Schwarzwald zu befördern. Auf die Idee zu Fuß zu gehen brachte mich tatsächlich Peng selbst. Er hatte nach seiner vier - tägigen Reise quer durch England und kreuz durch Deutschland keine Lust mehr auf langes Stehen im Hänger oder Transporter. Doch um so einen wahnsinnigen Plan dann tatsächlich in die Tat umzusetzen, braucht es viel Mut oder viel Verzweiflung. Mein Mut war sicher nicht ausreichend, dafür hätte meine Verzweiflung auch für eine Erdumrundung, wenn nicht sogar für eine Reise bis ans Ende des Universums, ausgereicht. Eine wörtlich zunehmende fatale Fehlentscheidung meines Lebens führte meine wahre Liebe in den Tod und mich in eine demütigende und krankmachende Ehe. Als ich endlich beide Wahrheiten erkannte, war es mir nicht möglich, trotz höchsten Bemühungen den Fehler zu berichtigen. Ich habe den Glauben an mich und ein Happy-End verloren.
Insgeheim denke ich, ist dieser Glaube ans gute Ende in jedem tief verwurzelt, und ermuntert uns entweder immer wieder eine neue Straße ins erhoffte Glück zu beschreiten, oder still der Dinge zu harren.
Der Tod meines Liebsten lässt mich mit dem Schicksal und gar mit Gott und dem ganzen Universum hadern. Irgendwie hoffte ich, durch das Wandern auf eine Klärung meines ganzen Lebens; des Vorher, des Jetzt und des Nachher.
Eine gute Idee, das Wandern! Nein, ich wollte beim besten Willen nicht nochmal so lange im Hänger stehen! Selber laufen, das war super! Jeden Tag woanders, viele Tiere und Menschen treffen, viel zu sehen, viel zu reden, und vor allem bestimmt ganz viel verschiedenes Grünzeug zu knabbern. Das Gepäck würde ich mit links machen, das schaffte ich bestimmt. Nur der Hund ging mir auf die Nerven. Der würde sich ja wohl noch beruhigen! Ansonsten hatte ich keine Bedenken. Und am Ende wartete ein neues Leben auf mich. „Ja, lasst uns loslaufen!“
Ich musste unbedingt mit auf die Wanderung. Bürohundsein war langweilig und deprimierend! Das war nicht mein Ding! Und das mit dem Hinken bekomme ich bestimmt noch in den Griff. Ich gebe mir ja schon ganz große Mühe. Im Moment tat es ja auch gar nicht mehr weh! Und mein dauernder Durchfall war beim Laufen ja eh sch...egal! Da konnte ich ja immer, wenn ich musste. Da war ich ja IMMER draußen. Ob ich unterwegs auch nur das eklige Trockenfleischzeugs bekommen würde? Sonst würde ich mir halt selber was suchen!
Als es dann losging, da war ich ich tatsächlich dabei! Bin eher ein ängstlicher und unsicherer Typ. Hatte aber ein gutes Gefühl mit Pia und dem Pony. Da musste ich mir keine Sorgen machen, irgendwo am Straßenrand ausgesetzt zu werden, wenn ich nicht mehr konnte.
Und warum durfte ich das Pony nicht anbellen, nicht mal antreiben? Das war doch meine Aufgabe als Hütehund. Ich war doch ein Hütehund! Das würde ich noch klären! Ich blieb da hartnäckig! Ich konnte ganz schön stur sein, wenn es drauf ankam.
von Schenkenhorst bis Belzig in Brandenburg
Verlauf der Route in Brandenburg auf lokalen Wanderwegen von Schenkenhorst nach Belzig:
mit Wanderkarten:
Naturpark Nuthe-Nieplitz (Nr. 19)
Naturpark Hoher Fläming (Nr. 4)
Datum
Ziel
km
03.06.2009
mit dem Hänger von Schenkenhorst nach
13
Willenbruch
zu Fuß weiter nach Schlunkendorf
5
04.06.2009
Reesdorf
9
05.06.2009
Alt Bork
7
06.06.2009
Gömnik
10
07.06.2009
Baitz
5
08.06.2009
Belzig
11
Σ 6 Tage
Σ 60
Von einem kalten Morgen und bewölkten Junihimmel ließ ich mir meine frisch erworbene und noch anhaltende Zuversicht an unserem ersten Wandertag nicht nehmen. Auf Prinzens morgendlicher Toilettenrunde besuchten wir Peng, der uns auch gleich freudig zu wieherte. Es blieb ihm nur noch wenig Zeit, sich von seiner Herde zu verabschieden. Mit gefüllten Mägen reihte ich unter Prinzens kritischer Beobachtung all unsere Wandergepäck inklusive seines heißgeliebten Hundeanhängers vor der Sattelkammer auf. Und endlich holten wir nun Peng aus seiner Herde zu uns, seinem neuen Team. Der erste Tag war gemütlich geplant. Unsere erste Übernachtung hatte ich spontan zwei Wochen zuvor am Stallgatter bei einem zufälligen Gespräch mit einem Pferde züchtenden gebürtigen Baden-Württemberger angemeldet. Da die gesamte Strecke bis zu seinem Gestüt für unseren ungeübten Anfang zu lang war und uns die ersten zehn Kilometer hektisch entlang schnell befahrener Straßen führten, hatte ich unverkrampft rücksichtsvoll einen Chauffeur mit Pferdehänger gechartert. Ein guter Beginn für diese Wanderung, die leicht und rücksichtsvoll werden sollte, frei von meinem verbissen trägen Ausdauern.
Nur kurz nach Iljana - unserer physisch-psychologischen Wanderstarthilfe - tauchte unser Chauffeur auf. So luden wir Peng, Sattel, Taschen und den vollgepackten Hundewagen in den Pferdehänger und nahmen mit Prinz im Jeep platz. Unsere kurze Fahrt endete in Willenbruch. Nachdem alles entladen und unser Chauffeur entschwunden war, hätte mich meine und Prinzens Nervosität sofort auf den Wanderweg getrieben.
Ich bin sehr ungeduldig und beginne gerne sofort mit dem Vorhaben, anstatt den Beginn und auch die komplette Ausführung hinauszuzögern. Natürlich bestätigen sich die Regeln - auch für mich - durch Ausnahmen, wie zum Beispiel das Schreiben dieses Buches. Hiermit habe ich über ein halbes Jahr mit tausend lethargischen Ausreden herumgetrödelt und musste mich für das richtige Beginnen erst in das bayrische Allgäu zurückziehen.
Doch Iljana brachte unsere Truppe zum nochmaligen Durchatmen, bevor das Abenteuer Huf-Pfote-Fuß-technisch gestartet wurde. Als erfahrene Marathon-Kanutin wusste sie um die Notwendigkeit reichhaltiger Pausen und ließ sich durch nichts davon abhalten, oft und ausgiebig Pausen zu genießen und mit Leckereien zu verzieren. Sie und Peng waren meine Pausenlehrer. Ohne die beiden hätte ich wahrscheinlich ohne Pause und ohne nahrhafte Zwischenstärkung alle Hufe, Pfoten und Füße wund und platt gewandert. Also band ich den kläffenden Hund an die Laterne und mit großem Abstand den ruhigen Peng an einen Pfosten im Grünen. Iljana und ich setzten uns genau unter eine Laterne und quasi als Abschirmung zwischen die beiden. Wir hofften, dass die Laterne ein gutes Omen für die Wanderung sein möge und uns auf den rechten und sicheren Weg bringen würde. Alle möglichen Köstlichkeiten packte Iljana aus ihrem Rucksack aus. Und so langsam steckte mich ihre Ruhe an. Doch mein bellender Hund blieb davon unberührt. Und Peng trieb mich wieder auf, als er plötzlich unbedingt zu dem „besseren“ Gras auf der anderen Straßenseite wollte. Natürlich reichte seine Leine nicht über die Straße. Aber Peng versuchte sich beharrlich als Fesselungskünstler mit mir als seiner Entfesselungsassistentin.
Nach einem ausgiebigem Mahl führte uns Iljana in das Ritual des Wünschens ein. Ich formulierte dann an all unseren Wandertagen bei unseren ersten Schritten laut, was ich uns für das Wandern selbst und welche Anforderungen wir uns für die abendlichen Quartiere wünschten. Am ersten Wandertag schickten wir auch eine Art Bilanzwunsch für die gesamte Wanderung auf den Weg: Gesundheit, Entspannung und eine schöne Zeit für uns alle und noch eine vegetarische Extrawurst für mich: ein Finden und Weiterkommen auf meinem Lebensweg. Für heute wollte ich nur sicher, nicht allzu entnervt und trocken unsere Übernachtungsstation erreichen.
Unsere ersten Schritte wurden symbolträchtig von einer Schranke behindert. Weder Peng noch der Hundewagen konnten anatomisch bedingt die Schranke unterwinden.
Manchmal müssen fremde und/oder eigene Grenzen durchbrochen werden, um auf dem Weg voranzukommen. Doch glücklicherweise müssen Hindernisse, die sich einem in den Weg stellen, nicht immer über- oder unterwunden werden, sondern können oft leichter umwunden werden.
Mit vereinten menschlichen Kräften bugsierten wir den Hundewagen durch den Acker an der Schranke vorbei zurück auf den befestigten Weg. Natürlich hatte der geländegängige Peng mit dem Acker keinerlei Schwierigkeiten. So setzte sich unsere kleine Karawane nun zum ersten Mal in Gang. Gemeinsam mit Peng bändigte ich den wilden weißen Wolf und Iljana schob, uns folgend, den Hundewagen. Erfahrungsgemäß ereiferte sich Prinz über Peng unaufhörlich mit Bellen, Fiepen, Zwickversuchen synchronisiert mit kräftigem Ziehen an der Leine. Auch Peng wurde immer wieder von dem lockenden Gras am Wegesrand verführt und zog hin und wieder kräftig an seinem Führstrick. Schon nach kurzer Zeit schmerzten meine beiden Hände und entfärbten sich von den einschneidenden Führseilen.
Als wir nach kurzer Zeit den Seddiner See erreichten, leitete Iljana eine weitere Pause ein. Der Ort war günstig mit einer einladend hohen Wiese für Peng und Bäume, die den unbändigen Prinz in Schach halten konnten. Peng knusperte - mit mir im Schlepptau - vergnügt am hohen Gras. Währenddessen zog unser bellender Prinz wild protestierend an seiner Leine, mit der festen Absicht den Baum zu entwurzeln. Iljana entspannte sich gemütlich, unbeeinflusst von dem lauten und regen Treiben um sie herum, unter einem Baum. Ich folgte zuerst Peng durchs hohe Gras, bis mich Prinz mit seinem unaufhörlichen Gekläff zu sich rief. Ich war mir unsicher, ob Pengs Loyalität seiner neuen Herde - also uns - oder noch seiner alten Herde galt. So hetzte ich zwischen Peng und Prinz hin und her, in der Hoffnung, bald wieder unterwegs zu sein.
Doch der Wettergott gebot weiterhin Einhalt. Der Himmel verdunkelte sich und warnte vor einem heftigen Regenschauer. Auf der Suche nach einem trockenen Unterschlupf für alle vier entdeckte Iljana direkt am Ufer des Sees einen kleinen Holzpavillon mit einer überdachten Veranda rings herum. Das Gelände war allerdings eingezäunt und ein Schild wies ausdrücklich darauf hin, dass Tiere dort keinen Zutritt hatten. Dies war wohl der Badestrand und sollte natürlich von tierischen Hinterlassenschaften frei gehalten werden. Ich sträubte mich zuerst sehr - meiner regelhörigen Natur gemäß - mit Pony und Hund das menschenleere Gelände überhaupt zu betreten, geschweige denn mit allen unter das Dach des Pavillons zu flüchten. Doch der Gedanke, in wenigen Augenblick komplett durchnässt zu sein und bei dieser Kälte den Weg nassfrierend fortzusetzen und möglicherweise die Kleider bei dem der Jahreszeit völlig unpassenden kalten und regnerischen Wetter nicht mehr trocken zu bekommen, überzeugten mich. Ich warf die Regeln über Bord und wir bezogen Quartier.
Peng ging zwar mutig über den Holzboden, bestand aber darauf im Regen zu stehen. Ihm machte das Nasse nichts aus, ganz im Gegensatz zu dem Gepäck auf seinem Rücken. So holte ich das gut verstaute schwarze Regencape heraus und deckte die Taschen damit ab. Ich band Peng ganz kurz an das Geländer, zu kurz um Unfug zu treiben. Er akzeptierte seine Situation sofort und begab sich mit aufgestelltem linkem Hinterhuf in eine Dösphase. So konnte ich mich ganz auf Prinz konzentrieren und vielleicht sogar etwas Erholsames an dieser Pause finden. Den immer noch bellenden und jammernden Hund band ich in die andere Ecke, allerdings unter Dach. Ich setzte mich neben ihn und versuchte ihn durch streicheln, halten, reden und Reiki zu beruhigen. Doch mein Hund blieb unermüdlich außer sich.
Trotz all meiner wärmsten Kleider am Leib fror ich. Mit zitternden Händen zog ich das zweite schwarze Regencape über mich. Leider hatte ich keine warmen Kleider eingepackt, da der Mai sich schon mit sehr sommerlichen Temperaturen präsentierte. Der Kälte- und Regeneinbruch war so ganz gegen meine Wandervorstellungen und ich hatte damit so gar nicht gerechnet. Leider war ich vor Reisebeginn so gar nicht auf die Idee gekommen, mich über die Wetterprognose für den Sommer oder zumindest den nächsten Monat zu informieren. Deshalb war es auch um so wichtiger, dass ich und vor allem meine Kleider nicht nass wurden. Wäre Iljana nicht gewesen hätte ich dem Wetter getrotzt und wäre völlig durchnässt und mit ziemlich übler Laune weitergewandert. Wahrscheinlich hätte ich jegliche Mühe scheuend nicht mal die Regencapes ausgepackt, weil ich zu beschäftigt gewesen wäre, mich mit eingezogenem Hals über das Wetter zu ärgern.
Bei Nässe und Kälte beschleicht mich lähmende Trägheit. Ich scheue mich jede noch so sinnvolle Veränderung vorzunehmen, sondern harre der Dinge. Doch bei unserer geplanten Tour würde uns meine bisherige Taktik nicht ans Ziel bringen. Hier habe ich eine wichtige Lektion für einen zeltenden Langzeitwanderer begriffen: Trocken bleiben ist eines der wichtigsten Gebote und nicht vom Wetter abhängig.
Nach einem - meinem Empfinden nach - sehr langen Regenschauer riss endlich die Sonne den wolkenverdeckten Himmel auf. Ich freute mich schon auf ein Weiterziehen, doch Iljana begann nun ihre eigentliche Pause. Sie bereitet sich einen trockenen Liegeplatz auf dem Rasen und machte ein gemütliches Nickerchen in der wärmenden Sonne. Wäre da nicht mein fester Wille und meine vermeintliche Aufgabe als Tierverantwortliche gewesen, meinen fortwährend fiependen Hund zum zufriedenen Schweigen zu bringen, hätte ich es ihr womöglich gleich getan. Ich fand absolut kein Gehör bei unserem Prinz und stand kurz vor einem verzweifelten Ausbruch mit ihm zusammen zu tönen.
Ein nicht nur für mich geltendes interessantes Phänomen, dass die Toleranzschwelle des Ver - antwortlichen (oder verantwortlich-zu-sein-Glaubende) weit unter der des Unverantwortlichen liegt.
