Der Rhein - Hans Jürgen Balmes - E-Book
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Der Rhein E-Book

Hans Jürgen Balmes

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Beschreibung

Eine poetische Natur- und Kulturgeschichte über den Rhein und die Seele einer Landschaft. Der Rhein entsprang einst an seiner heutigen Mitte, wo in einem tropischen Meer Seekühe lebten. Er schuf sich sein Bett stromauf und besitzt eine erstaunliche Geologie. Noch heute leben hier die ältesten Lebewesen Europas. Gleichzeitig ist der Rhein durchgehend geprägt durch Eingriffe des Menschen. Kein anderer Fluss versammelt so viele Widersprüche in sich – Grenze, Verkehrsweg, Fluchtroute und Lebensader. Hans Jürgen Balmes nimmt uns mit auf eine Reise entlang des Flusses. Wir begegnen Menschen, die wie William Turner den Rhein zu ihrer Sehnsucht und Lebensaufgabe machten. Wir sehen Wälder und Tiere, die in traumhaften Naturbetrachtungen und meditativen Bildern gegenwärtig werden. Ein Buch über den Rhein, der uns mit dem unerschöpflichen Fließen seiner Geschichten gefangen nimmt wie mit seiner Stille. Nature Writing at its best! Mit farbigem Bildteil, Karten und Zeichnungen

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Seitenzahl: 725

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Hans Jürgen Balmes

Der Rhein

Biographie eines Flusses

 

 

Über dieses Buch

 

 

Der Rhein entsprang einst an seiner heutigen Mitte, wo in einem tropischen Meer Seekühe lebten. Er schuf sich sein Bett stromauf und besitzt eine erstaunliche Geologie. Noch heute leben hier die ältesten Lebewesen Europas. Gleichzeitig ist der Rhein durchgehend geprägt durch Eingriffe des Menschen. Kein anderer Fluss versammelt so viele Widersprüche in sich – Grenze, Verkehrsweg, Fluchtroute und Lebensader.

 

Hans Jürgen Balmes nimmt uns mit auf eine Reise entlang des Flusses. Wir begegnen Menschen, die wie William Turner den Rhein zu ihrer Sehnsucht und Lebensaufgabe machten. Wir sehen Wälder und Tiere, die in traumhaften Naturbetrachtungen und meditativen Bildern gegenwärtig werden. Ein Buch über den Rhein, der uns mit dem unerschöpflichen Fließen seiner Geschichten gefangen nimmt wie mit seiner Stille.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Hans Jürgen Balmes, 1958 in Koblenz geboren, ist Lektor und Übersetzer. Für »Mare« schrieb er über die »Quellen der Meere«. Porträts und Aufsätze schienen u. a. in der »Neuen Zürcher Zeitung« und der »Süddeutschen Zeitung«. Aus dem Englischen übersetzte er John Berger, Barry Lopez sowie Gedichte von Robert Hass, W. S. Merwin und Martine Bellen.

Der Rhein spielte schon immer eine große Rolle in seinem Leben. Mehrfach wanderte er zu den Quellbächen in den Alpen, fuhr mit dem alten Faltboot seines Vaters den Rhein entlang, genoss die tiefe Stille und beobachtete die sich ändernden Farbspiele auf dem Wasser wie auch die Tiere am und im Fluss.

 

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Impressum

 

 

Originalausgabe

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2021 S. Fischer Verlag GmbH,

Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Lektorat: Corinna Fiedler

Zeichnungen: Alma Lucia Balmes

Karten vom Autor

Covergestaltung: Andreas Heilmann und Gundula Hissmann, Hamburg

Coverabbildung: Joseph Mallord William Turner, Pfalz / Agnew's, London / Bridgeman Images

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-491035-2

 

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Inhalt

[Widmung]

Auf, ins Boot

I Der Fluss der Zeit

1 BingenIn den Kribben

2 Die Grube MesselDas kleine Pferd

3 Zurück in den Kribben

II In den AlpenZu den Quellen

1 Zum UrsprungErster Versuch

2 Der Alpenrhein

3 Zum UrsprungZweiter Anlauf

4 Schalensteine

5 Die Ruinaulta und die Seeforellen

6 Zu den Quellen. Drei Wanderungen Lago Scuro – Lai da Tuma – Auf der Greina

7 Via Mala

8 Die Stimme des Wassers ist die Form der Berge

III Das große Fließen beginntAuf dem Hochrhein

1 Im Faltboot

2 Schaffhausen

3 Mit J.M.W. Turner am Rheinfall

4 Flussregenpfeifer

5 Der Koblenzer Laufen

IV Das Licht auf dem WasserJ.M.W. Turner am Rhein

1 My simmer

2 Die Dynamisierung des Blicks

3 A Picturesque Tour along the Rhine

4 Licht ist und so Farbe

V Die verlorene WildnisAm Oberrhein

1 Eine fließende Welt

2 Am Kühkopf

3 Lebendiges Wasser

4 In der Knoblochsaue

VI Zwischen den FlussläufenAm Inselrhein

1 Der fließende Horizont

2 Seekuh und Dinotherium. Die Entdeckung der Vorzeit

3 Dolmetscher des Steins

4 Steinhardter Erbsen

5 Schwimmen

VII Das Wilde GefährDurch das Rheinische Schiefergebirge

1 Das Wilde Gefähr

2 Im Schiefer

3 Seelilien

4 Im Gebirg

5 Die Rückkehr der Wanderfische

6 Loreley

VIII Kornsand

1 Taube Wanderer

2 Drei Brücken

3 Kornsand

IX Unterbrochenes LandAm unteren Mittelrhein

1 Am letzten Moselbogen

2 Unter Asche begraben

3 Eiszeitjäger

4 Rheinwiesenlager

X Schwimmende NesterAm Niederrhein

1 Der offene Horizont

2 Die fließende Landschaft

3 Trauerseeschwalben

4 Der Korridor

5 Im Schilf

XI Zwischen den WassernIm Delta

1 Der Mann von Domburg

2 Doggerland

3 NehalenniaDie in den Nebeln Verschwindende

4 Das verlorene Land

5 Der Augenblick Turners

XII Ferne GästeZur Mündung

1 Ferne Gäste

2 Transit Rotterdam

3 Der Hafen

4 Die Seeschwalben

5 Slufter

6 Die Mündung

7 Die Ankunft

Bildteil

Dank an alle Lotsen und Kapitäne

Anmerkungen

I Der Fluss der Zeit

II In den Alpen

III Auf dem Hochrhein

IV J.M.W. Turner

V Am Oberrhein

VI Am Inselrhein

VII Rheinisches Schiefergebirge und oberer Mittelrhein

VIII Kornsand

IX Unterbrochene Landschaft und unterer Mittelrhein

X Am Niederrhein

XI Im Delta

XII Zur Mündung

Literaturhinweise

Zum Rhein allgemein

Fluss der Zeit

Zu den Quellen und dem Hochrhein

Zu J.M.W. Turner

Ober- und Inselrhein

Oberer Mittelrhein / Rheinisches Schiefergebirge

Kornsand

Der untere Mittelrhein

Niederrhein

Delta

Mündung

Verzeichnis der Illustrationen

Register

Für John Berger,

der das Flüstern der Flüsse kannte,

für Monika Schoeller,

die danach fragte –

 

und für Maria,

die mit mir reiste

Auf, ins Boot

Manchmal besucht uns mitten im Leben der Wunsch, etwas Neues von Anfang bis Ende zu erfahren und es auf einer Skizze, einer Wegzeichnung festzuhalten. Gelänge uns so eine Landkarte, würde sie uns zeigen, wie wir in das Gewebe der Welt eingeflochten sind. Oft spüren wir diese Sehnsucht, aber wenn wir keinen Gegenstand finden, der unsere Aufmerksamkeit ganz auf sich zieht, vergessen wir den Anflug, bis sich wieder das Gefühl einer inneren Leere regt.

Als ich vor sechs Jahren begann, am Fluss zu wandern, hatte ich Kopien aus William Turners Skizzenbüchern von seiner Rheinreise im Rucksack und staunte, wie sehr die Landschaft auf seinen Blättern der sich vor mir ausbreitenden glich. Auf Hunderten von Exkursionen wollte ich einen Blick auf seinen ursprünglichen Zustand erhaschen, doch der Strom ist von seinen Quellen bis zur Mündung durch Eingriffe des Menschen geprägt.

Der Beginn des Rheins war ein Grabenbruch in der Erdkruste, wodurch ein Tal entstand, das er von der Mitte seines heutigen Laufs her immer weiter vergrößerte: Er wuchs seinen Quellen entgegen. Bergrutsche und Vulkane versperrten seinen Lauf. Erst nach der letzten Eiszeit vor 8000 Jahren fand er zu dem Flussbett, wie wir es heute kennen. Er ist einer der ältesten Ströme Europas, und doch ist sein Tal eines der jüngsten. Je mehr ich über seine Entstehung erfuhr, desto erstaunlicher wurde mir seine Biographie.

Auf den Reisen lernte ich Menschen kennen, die Schalensteine aus der Bronzezeit erforschen oder für Trauerseeschwalben Nistplätze bauen. Ich traf einen DJ in Schaffhausen, der zum Philosophen des Flow wurde, den letzten Lotsen von Sankt Goar und eine Frau, die in ihrer Jugend auf Fossilien stieß und noch im Alter davon leidenschaftlich erzählte. Und dazwischen war ich mit dem Fluss allein, seinem Rauschen und Fließen, den Tieren und Pflanzen am Ufer, seiner Stille.

Jedes Reisebuch versucht, einem Land wie zum ersten Mal zu begegnen. Unterwegs waren das seltene Augenblicke: im Faltboot auf einer Wildwasserstrecke, beim Beobachten bedrohter Vögel. Aber ich fand den Moment immer wieder auf den Bildern Turners, die die Landschaft topographisch genau wiedergeben und zugleich das Tal zum Ort eines kosmologischen Geschehens machen. Aus Licht und Luft, Fels und Wasser schuf er eine Atmosphäre, in der wir die Wildheit des Flusses spüren.

Kann man sich der Seele einer Landschaft nähern? Der Rhein wurde mir zu einem Strom, der seinen eigenen Beginn immer wieder einholen will, sein Tal zu einer lebendigen Gestalt, unerschöpflich wie sein Fließen.

IDer Fluss der Zeit

1BingenIn den Kribben

Mitten im Fluss sitze ich am Binger Loch auf einem der beiden längs im Flussbett liegenden Steindämme. Rheinkilometer 530, steht an der Tafel auf dem Ufer gegenüber. So viele Kilometer hat der Fluss von Konstanz bisher hinter sich gebracht, und noch einmal so viele liegen vor ihm bis zum Meer: Hier ist seine Mitte. Und hier war auch einmal sein Ende. Während links und rechts steile Berghänge schattig emporwachsen, reflektiert das Wasser vor mir das letzte Licht. Der Fluss steht hoch, und der schnell fließende Strom mit seinen Strudeln scheint fast über die Dämme zu schwappen. Hinter mir liegt zwischen den Uferverbauungen der völlig unbewegte Spiegel eines Auenteiches – als wollte das Wasser mir seine beiden Zustände demonstrieren: das Fließen und das Innehalten.

Die Dämme wurden gebaut, um den Rhein an dieser gefährlichen Biegung schiffbar zu machen. Das Binger Loch ist die Pforte, durch die sich der Fluss in das Rheinische Schiefergebirge drängt: Nach dem weiten Becken des Inselrheins, wie er von Mainz bis Rüdesheim heißt, verengt sich das Tal plötzlich. Stromauf, hinter dem mitten im Wasser stehenden Mäuseturm, ist noch etwas von dem breiten Flusslauf zu erkennen. Weil keine steilen Hänge es hindern, sammelt sich hier das Licht und lässt den Horizont in einem Glitzern unsichtbar werden. Dort liegen unter der Wasseroberfläche quer zum Strom Felsbänder, die bei Niedrigwasser sichtbar werden. Gleichzeitig mündet rechts die Nahe. Der Nebenfluss wird von einer Wand aus Rheinwasser gestaut und scheint auf den letzten Metern fast zu stehen, bis der Strom ihn wie ein rotbraunes Farbband an seinem Rand mitreißt. Erst nach ein paar Kilometern werden sie sich mischen.

Die Nahe entlädt Schutt und Geröll in den Rhein, Kiesbänke, auf denen sich bei Niedrigwasser Flussregenpfeifer und Möwen niederlassen. Den Schiffern bleibt so nur eine schmale Fahrrinne, und damit diese immer genug Wasser führt und es sich nicht am Rand staut, hat man die Dämme gebaut: Einer setzt am hinter der Nahemündung vorspringenden Rheinufer an, der andere mitten im Fluss stromab des berüchtigten Hardsteins, eines Felsbrockens, der selbst bei Hochwasser lange sichtbar bleibt, genauso wie flussauf der Mühlstein, an dem früher Schiffsmühlen vertäut lagen. Mehl wurde auf dem Fluss gemahlen. Heute trägt diese Klippe ein Kreuz und birgt in einer Kassette das Herz und Hirn eines Mannes, der der Landschaft über den Tod hinaus verbunden sein wollte: Niklas Vogt, der als Abgesandter am Wiener Kongress teilgenommen hatte. Ein Dichter und zugleich Historiker, wer sonst würde sich ein Grab inmitten einer der wichtigsten Verkehrsadern Europas wünschen? An einer Stelle drohenden Schiffbruchs oder dankbarer Erleichterung, wenn die gefährliche Passage gemeistert war und die kleinen hölzernen Barken wieder gegen größere, stabiler im Wasser liegende Frachtschiffe getauscht werden konnten.

Die Klippe des Hardsteins ist hingegen ein Vogelfelsen, der meist, wie auch heute Abend, von ein paar Kormoranen gegen kreischend anfliegende Möwen verteidigt wird. Hinter ihren Schreien brummen schwere Dieselmotoren. Lastkähne stemmen sich gegen die Strömung bergan, die den Gegenverkehr mit einer fast gespenstischen Leichtigkeit nach unten trägt. Endlos rasseln Güterzüge vorbei. Als Kinder verloren wir oft nach 110 Waggons den Überblick, weil die Finger nicht reichten. Für einen Moment ist es still. Ein Auto wartet gegenüber an der Ampel der Baustelle, es fährt an, und einsam tutet eine Lokalbahn, die um die Kurve biegt. Das Signal wird als Echo vom gegenüberliegenden Uferhang zurückgeworfen.

*

Einst ragte hinter dem Hardstein beim Rheinkilometer 530,8 quer zur Strömung ein Quarzit-Riff aus dem Fluss: das Binger Loch, eine gerade zwei Meter breite Lücke in diesem Felsband. Als natürliche Wehrmauer staute das Riff das Wasser in den Inselrhein zurück. Um dieses Loch knapp vor dem rechten Flussufer, wo die Strömung plötzlich anzog, zu passieren, mussten im Mittelalter die Güter zwischen Rüdesheim und Bacharach in kleinere Boote umgeladen werden. Im 17. Jahrhundert konnte im Auftrag von Frankfurter Kaufleuten eine vier Meter breite Scharte in das Riff gesprengt werden. Schon allein dadurch sank der Wasserspiegel im Rheingau so sehr, dass viele der Inseln trockenfielen und in Mainz die Eichenpfähle, auf denen der Dom ruht, nicht mehr im Grundwasser standen. Sie begannen zu faulen. Erst 1925 konnte man die Rettungsarbeiten an dem Fundament abschließen.

Von 1831 bis 1840 sprengte man den Durchlass Meter für Meter breiter. Aber auch das reichte nicht für die Dampfschlepper. 1894 maß die Öffnung schließlich dreißig Meter, und inzwischen war auch das einen Kilometer lange Parallelwerk entstanden, der zweite Steindamm im Fluss, der eine zweite Fahrrinne für die Talfahrt schuf. Es wurde sogar eine dritte Fahrrinne geplant, die aber, so die Befürchtung, den Inselrhein hätte vollkommen leerlaufen lassen. Obwohl das Riff zwischen 1966 und 1974 durch Unterwasserexplosionen beinahe vollkommen abgetragen wurde und die Öffnung heute wie das Flussbett des Rheins an der Loreley 120 Meter breit ist, konnte im Rheingau durch quer zur Strömung liegende Buhnen oder Kribben das Fließen so verlangsamt werden, dass der Fluss ein Strom blieb. Überall am Rhein ragen vom Ufer diese Wehre wie steinerne Stege in das Wasser. Das Rauschen des Binger Lochs, das man früher bis hundert Meter hoch an den Aussichtspunkten über dem Wasser hören konnte, ist verstummt.

Nachdem er die Engstelle passiert hat, schwenkt der Strom vor einem steilen grünen Hang nach Norden ab und gerät aus dem Blick. Es ist eine tückisch enge Kurve; kein Wunder, dass man bis in die achtziger Jahre Lotsen brauchte, die die Schiffe begleiteten. Seitdem hat jeder Radar.

*

Von dem Damm, auf dem ich sitze, führen in beinahe rechtem Winkel Steinwälle zum Ufer, die Kribben, die wie ein Fächer stromab immer etwas niedriger angelegt sind. Steht das Wasser hoch, schwappt etwas über die Steine, sammelt sich im ersten Becken und rieselt dann von Teich zu Teich. Am Ausgang der Verbauung hat sich zwischen Ufer und dem im Fluss auslaufenden Damm eine offene sandige Bucht gebildet. Unter den mit ihren Wurzeln in den Fluss ausgreifenden Weiden sollen Karpfen stehen, hofft der Angler, der einfach nicht aufgibt, aber seit Mittag nichts gefangen hat – und das mit drei Ruten.

Die Verbauung aus dem 19. Jahrhundert ist nun schon so alt, dass sie selbst zu einem Stück Natur geworden ist. Die obersten Becken sind völlig verlandet: sumpfige Parzellen voll riesiger Weiden und Pappeln, dazwischen ein versprengter Ahorn oder eine Eiche. Übereinandergestürzte Baumstämme, von Lianen überwachsen und mit Brombeergestrüpp überwuchert. Es ist ein Dschungel wie einst die Auenwälder am Oberrhein, die die Ingenieure im 19. Jahrhundert vertrieben: Der Fluss wurde dort zum Schifffahrtskanal. Aber hier pflanzte sich von selbst eine zweite Auenlandschaft, die uns zeigt, wie die Ufer einmal ausgesehen haben – und das so überzeugend, dass sogar Reiherenten aus Skandinavien hier statt auf weiten Altrheinarmen überwintern.

*

Flüsse stellen wir uns immer zwischen Mündung und Quelle eingespannt vor. Sie bestimmen den notwendig erscheinenden Lauf. Aber das Bild vom Rhein, das wir heute in Atlanten finden, ist nur die letzte Version von Hunderten, Tausenden. Der Fluss wuchs bergauf: Vom Kaiserstuhl bis in die Alpen erschloss er sich durch Rückwärtserosion immer neue Zuflüsse, bis endlich gegen Ende der letzten Eiszeit der Bodensee in seiner heutigen Form entstand und die beiden Quelläste, den des Vorder- und den des Hinterrheins, mit dem Strom verband. Gleichzeitig gab es die Mündung in der jetzigen Form nicht. Die Nordsee lag trocken und wurde von einer gewaltigen Ebene eingenommen, dem Doggerland, über das eiszeitliche Jäger riesigen Tierherden von Europa nach Britannien zu Fuß folgten.

Heute ist die ganze Natur am Rhein von der Mündung bis zum Fuß der Alpen und hinauf zu den Quellen vom Menschen geprägt. Eine Landkarte des Mündungsdeltas, aus dem um 600 n. Chr. friesische Kaufleute in die gesamte Nord- und Ostsee aufbrachen, aber auch auf dem Rhein hinauf bis Straßburg und Basel Handel trieben, wäre mit einer heutigen Karte nicht zu vergleichen – damals war es eine Sumpflandschaft, die Häuser standen auf morastigen Inseln und künstlich trockengelegten Anhöhen, deren Umrisse mit jeder Sturm- und Springflut neu gezeichnet wurden. Der Oberrhein, der in seinem mehrere Kilometer breiten Bett in unendlich vielen Schlaufen von Basel nach Mainz mäanderte, wurde vor rund 150 Jahren zu einer eingedeichten Wasserstraße kanalisiert, wodurch die Rheinschiffe zwischen Mannheim und Basel über hundert Kilometer sparten. Die Auenwälder an seinem Ufer sind heute nur noch spärliche Reste der einstigen Wildnis und wurden meist als Rückhalteflächen für Hochwasser neu angelegt. Eine renaturierte Szenerie, die den Anschein des Ursprünglichen weckt.

*

Die Entstehung des Rheins widerspricht so der einfachen Logik von Quelle und Mündung. Sein Anfang ist in der Mitte zu suchen, und es waren keine Quellen, die einen Wasserlauf entstehen ließen, sondern die Absenkung eines Geländes, die ihn ermöglichte. Die Bildung des Oberrheingrabens zwischen dem Schwarzwald und den Vogesen, dem Odenwald und der Pfalz begann vor 50 Millionen Jahren; das Tal reichte schließlich bis zum Kaiserstuhl. In diesen Trog ergossen sich von den nördlichen Schwarzwald- und Vogesenhängen Flüsse und Bäche und bildeten bei feuchtem, heißem Klima Süßwasserseen, die in trockenen Perioden durch die von den Zuflüssen eingeschwemmten Mineralien zu Salzseen wurden. Erst um 15 Millionen Jahre vor unserer Zeit sollte sich in diesem Graben aus den Gewässern und Seen der Ur-Rhein bilden. Träge und mit weit weniger Wasser als jetzt floss er von dem heutigen Kaiserstuhl bei Freiburg bis nach Worms, von dort mitten durch Rheinhessen über Alzey bis zum Binger Loch.

Keine vierzig Kilometer Luftlinie von hier bietet der einstige Vulkan der Grube Messel die Chance zu einer geologischen und evolutionären Zeitreise an die Ufer des späteren Ur-Rheins. Ein zweiter Krater aber macht den heutigen Rhein auch zum Fluss des Anthropozäns – des geologischen Zeitalters, in dem wir vielen Geologen und Klimaforschern zufolge leben. Es ist die erste Epoche der Erdgeschichte, die so vom Menschen geprägt ist, dass sich seine Spuren überall auf der Welt nachweisen lassen: der Niederschlag von Atombomben und Atomversuchen zwischen Erdschichten, die steigende CO2-Konzentration in Baumringen, Smog als feine schwarze Striche in Bohrkernen aus dem Eis der Antarktis. Diese zweite Grube liegt genau in der heutigen Mündung der Flusses. Der sogenannte »Slufter« ist ein von Menschen erbauter künstlicher Krater, der als Giftmülldeponie für den hochtoxischen Schlamm vom Grund des Rotterdamer Hafens dient. Seine Gefahr liegt nicht in der Tiefe, sondern an der Oberfläche.

Zwei Krater, zwischen denen sich die Geschichte des Flusses entfaltet.

2Die Grube MesselDas kleine Pferd

Östlich von Bingen gibt es ein einzigartiges Fenster in die Zeit, als die Landschaft in dieser Umgebung sich zu senken begann: der eigentliche Anfang des Rheins. Es bildete sich ein Graben, der nach einem Fluss benannt ist, der ihn erst Millionen Jahre später durchfließen würde, doch ohne ihn nie hätte entstehen können. Heute fährt man durch den nördlichen Ausläufer des Odenwalds dorthin. Vor 50 Millionen Jahren sollen sich hier Mangrovenwälder zwischen Salzwasserlagunen erstreckt haben, die der sinkende Meeresspiegel bis vor dem Taunus stehengelassen hatte. Eine Sumpflandschaft mit tropischen Pflanzen, von denen wir manche wiedererkennen würden: Schachtelhalme, riesige Lorbeerbäume, Eukalyptus, Vorfahren unserer Walnussbäume, Weinranken und lianenhafte Mondsamengewächse, deren Schlingen bis in die Baumwipfel reichten. Die Dinosaurier waren seit 20 Millionen Jahren verschwunden, aber entfernte Nachfahren von ihnen, Diatrymas, riesige, über zwei Meter messende Laufvögel, die mit ihren starken Schenkeln und riesigen Schnäbeln wie befiederte Tyrannosaurus Rex wirkten, durchstreiften den dichten Urwald. Und in den Tümpeln lauerten Krokodile auf eines der vielen kleinen Tiere, die sich durch die Bäume hangelten oder wie Rieseneichhörnchen zwischen den Kronen von Zweig zu Zweig glitten. Scheue Pferdchen, die kaum größer wurden als kleine Hunde, drückten sich verstohlen neben den Urahnen von Tapiren und Ameisenbären durch das dichte Unterholz.

Ameisen waren bis zu acht Zentimeter lang und hatten eine doppelt so große Flügelspannweite – als wären es Spatzen. Von den Vögeln würden wir den Wiedehopf wiedererkennen oder eine der vielen Rallen, kleine Stelzvögel, die das Ufer nach Insekten, Muscheln und Schnecken absuchten, zwischen kleinen Säugetieren, die sich wie Otter halb im Wasser, halb an Land bewegten, und nachtaktiven Fledermäusen, die sich mit Echoschall orientierten. Das Land lag damals in der heißesten Epoche der Erdgeschichte auf dem Breitengrad von Sizilien.

Durch die beginnende Absenkung des Oberrheingrabens vor 50 Millionen Jahren war die Gegend tektonisch unsicher. Gesteinsplatten rieben sich unterirdisch aneinander. In den Verwerfungen und Spalten stieg Magma aus dem Erdinneren; in der näheren Umgebung, dem heutigen Rhein-Main-Becken, gab es bis zu achtundfünfzig tätige Vulkane, die über einen langen Zeitraum hinweg ausbrachen. Wir wüssten nichts von dieser Welt, wenn nicht einer dieser Vulkanausbrüche mit einer riesigen Wasserdampfexplosion einhergegangen wäre, die vor ungefähr 47,8 Millionen Jahren einen mindestens einen Kilometer breiten Krater entstehen ließ. In ihm bildete sich schon kurz danach ein See, wie wir ihn von den Eifelvulkanen kennen, ein Maar, das Süßwasser enthielt und durch seinen hohen Uferkragen zunächst von Zuflüssen abgeschnitten war. Schnell war das Wasser voller Grünalgen, die abgestorben auf den Boden des Maars sanken und durch ihren Verfall den unteren Schichten des Sees völlig den Sauerstoff entzogen. Das Gewässer war so nur am Rand und an seiner Oberfläche belebt. Geriet ein Tier in den sauerstoffarmen, durch Cyanobakterien vergifteten Bereich, erstickte es und sank auf den Grund hinab, wie die Grünalgen selbst, die sich Jahr für Jahr jeweils in zwei noch heute deutlich erkennbaren Schichten am Seegrund ablagerten, wo sie sich durch den Druck der nachfolgenden Sedimente über die nächsten ein bis eineinhalb Millionen Jahre in Ölschiefer verwandelten jedes Jahr eine Schicht aus 0,14 mm.

40 Millionen Jahre später, als der Ur-Rhein sein noch heute erkennbares Flussbett bildete, war von diesem Krater nichts mehr zu erahnen. Vielleicht gab es noch eine leichte Senke in der Landschaft – aber die bis zu 300 Meter hohen Seitenwände aus Tuff waren abgetragen, der See lange verlandet und überwuchert. Und so wäre es geblieben, hätte man nicht in der Nähe Braunkohle gefunden, weitergegraben und wäre im einstigen Vulkansee auf Ölschiefer gestoßen. Ende des 18. Jahrhunderts baute man ihn als Brennmaterial ab, wobei er dazu nicht sehr taugte, denn er hinterließ große Schlackenreste. Aber wiederum ein Jahrhundert später erfand man ein Verfahren, dem Gestein Teer, Paraffin und Öl zu entziehen. Dreißig große Schwelöfen standen bald südlich des Dorfes Messel. Durch diese Verhüttung entstand hier 1924 ein Viertel der gesamten deutschen Ölproduktion, und ein Großteil der in den Weltkriegen notwendigen Öl- und Benzinvorräte wurde hier gewonnen. Schließlich kontrollierte bis 1945 die IG Farben die Herstellung, was zu der heute siebzig Meter tiefen Grube führte, deren Durchmesser sich nur halb so weit erstreckt wie der ursprüngliche Krater: die heutige Grube Messel.

Längst wäre das alles als Episode aus der Welt vor der Erfindung der Riesentanker, die das Erdöl aus Nahost zu uns transportierten, vergessen, hätte man nicht zwischen den Ölschieferplatten Fossilien entdeckt. Der erste Fund im Dezember 1875 galt Krokodilen, die nicht wie üblich als in den Stein gepresste Schatten überliefert waren, sondern deren Skelette so plastisch hervorstanden, dass man einzelne Kiefer und Knochen anfassen konnte. In den nächsten Jahrzehnten rissen die Fossilienfunde nicht ab.

Durch den Sauerstoffmangel konnten die in das Maar gesunkenen Tierkadaver nicht mehr verwesen. Immer wieder stößt man auf versteinerte Schildkrötenpaare, die beim Paarungsakt erstickten, als sie in die zur Oberfläche aufsteigende giftige Strömung gerieten. Neben ihnen und den Krokodilknochen liegen Insekten, Frösche, Schlangen, Vögel sowie, und das ist das Besondere, eine Vielzahl an Beispielen der frühesten Säugetiergenerationen. Es sind fast ausnahmslos kleine Tiere: Beuteltiere, so groß wie Meerschweinchen, Fledermäuse, Insektenfresser, Nagetiere, die ersten, nicht größer als Frettchen werdenden Raubtiere – und Ida, klein wie eine Meerkatze, eine frühe Vorfahrin der Primaten, unsere fernste Verwandte.

*

Von den Terrassen, entlang denen man einst den Ölschiefer industriell abbaute, ist bei der Begehung heute nichts mehr zu erkennen. Die Flanken sind zugewuchert, überall stehen Birken und Pappeln, und in dem dichten Gras bedeckt der Fingerhut ganze Abhänge. Der an manchen Stellen offen zutage liegende Ölschiefer ist anthrazit-schwarz und an der Luft rot oxidiert. Wenn der Wind in die Bäume fährt, flimmert die Grube von Grüntönen. An einer Seite hat die Firma Ytong unbrauchbare Steine über den Rand gekippt, eine kreidefarbene Halde, von Eidechsen und Schlangen erobert, die dem Anblick einen alpinen Charakter gibt. Sonst ist in der Grube nichts Dramatisches sichtbar, doch das Gefühl, auf Millionen Jahren zu stehen und vielleicht auf ebenso vielen Fossilien, lässt alles anders erscheinen.

Auf der sechzig Meter tiefen Sohle des Kraters, einer planierten Schotterfläche, steht ein rundes Wellblechsilo, das mit den beiden Bullaugen in der Kuppel einer Raumfähre gleicht. Die Ebene wurde angelegt, als man in den siebziger Jahren versuchte, aus dem großen Loch, das durch den Ölschieferabbau entstanden war, die größte Mülldeponie Südhessens zu machen. Die Straße, die sich am südlichen Kraterhang entlangzieht, war für Mülllaster gedacht, die hier unten mit dem Deponieren beginnen sollten. Doch beherzte Anwohner aus Messel gründeten eine Bürgerinitiative und kämpften engagiert und mit Einsatz ihres eigenen Vermögens dagegen. Fast zehn Jahre lang klagten sie von einer Instanz zur nächsten, bis am Schluss nicht allein die Vernunft entschied, den weltweit einzigartigen Fossilienfundort zu erhalten, sondern ein Fehler im Planfeststellungsverfahren. Die Grube wurde so gerettet und nur drei Jahre später schon von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

Als der Führer, der uns durch die Grube begleitet, die Geschichte hier unten noch einmal rekapituliert, lässt uns die Vorstellung, im Müll der frühen Achtziger zu stehen, erschaudern. »Aufgrund der Feststellung schwerwiegender inhaltlicher Mängel die elementarsten Teile der Deponie betreffend ist der Planfeststellungsbescheid als rechtswidrig aufzuheben.« Mit diesem Urteil hatte die Bürgerinitiative Recht erhalten. In Gedanken entzünden wir eine Kerze für den damaligen Umweltminister, nach dem nun eine kleine hier gefundene Würgeschlange benannt ist: Palaeopython {Joschka} fischeri.

Von diesen Jahren bürgerlichen Eigensinns und Ungehorsams hatte mir am Vormittag Ingeborg Voigt erzählt, die im Heimatmuseum in Messel an einem kleinen Tisch saß, erfreut über jeden Besucher. Die Fossiliensammlung in dem Fachwerkhäuschen bietet einen kurzen, aber vollständigen Gang durch die Schätze aus der Grube Messel. Um die großen, wunderbar plastisch präparierten Skelette von Urpferdchen und Tapiren, von Schlammfischen und Knochenhechten, von Insekten und Schlangen würde jede naturkundliche Sammlung der Welt sie beneiden.

Staunend stehe ich vor den zarten Abdrücken von Federn, deren Musterung zu erkennen ist, bewundere vor Jahrmillionen gepresste Käfer, deren Flügel noch blau irisieren, das Braun des Lorbeerlaubs und der Weinbeerenblätter, die genauso aussehen wie heute, die filigrane Zeichnung einer Palmenblüte, den verschlungenen Knoten des Fruchtstandes eines Mondsamengewächses. Dass selbst das Zarteste wie ein Blatt oder der Pelz eines Säugetiers einen Schatten im Stein hinterlassen hat, hat eine stille Größe, die sich, je kleiner und feiner die vom Auge entdeckten Details werden, immer weiter ausbreitet. Im Senckenberg ist bei einem Exponat zu erkennen, wie im Bauch einer Schlange eine kleine Echse steckt, und im Bauch der Echse in der Schlange ein Käfer. Ein grüner Schimmer auf dem Insekt. Und hier ein Wiedehopf. Der Fächer seiner Schwanzfedern zeigt die gleiche Zeichnung wie heute – eine Lichtpause aufgehobener Vergänglichkeit.

Ölschiefer besteht zu vierzig Prozent aus Wasser. Löst man etwas Gestein aus einem Block, trocknet es augenblicklich aus und zerfällt: deshalb müssen neue Funde ständig feucht gehalten werden. Zunächst legte man die Fossilien in Glycerin, um sie zu bewahren, in den letzten Jahren ist man aber dazu übergegangen, sie in Kunstharz zu konservieren, die Knochen selbst mit Kunstharz zu durchtränken und das überschüssige Gestein zu entfernen. Dadurch entstanden durchscheinende Exponate, als hätte man die Pflanzen, Vögel, Fische in Bernstein gegossen. Andere Fossilien konnte man sogar freitragend herauspräparieren, so dass sie dreidimensional als an Schnüren befestigte Plastiken frei im Raum hängen.

Im Museum lässt mich Ingeborg Voigt in Ruhe schauen, bevor sie mich auf das nächste Detail hinweist, die vier Zehen am Vorderlauf des Urpferdes, während es hinten nur drei sind. Die Tiere lebten auf dem Waldboden, der Huf wuchs den Pferden erst später, als sie den Wald verließen und zu Bewohnern der Grassteppe wurden. Da mussten die Beine länger werden, denn sie waren zu groß, um sich zu verstecken; sie wurden Fluchttiere. Aber das kleine Urpferd drückte sich noch ins Unterholz oder versteckte sich zwischen den Brettwurzeln der hohen Bäume, wie wir sie von Sumpfzypressen kennen. Von Funden in Mägen der Urpferde wissen wir heute, dass es sich von Laub und Weinbeeren ernährte. Manche der Fossilien sind mitsamt Verdauungstrakt so gut erhalten, dass das ganze Biotop als Lebensraum vor uns sichtbar wird. Der zu Beginn mit dem Urpferd verwechselte Tapir, der größte Säuger in Messel, ist heute ein Bewohner Lateinamerikas und Sumatras, aber in Europa ausgestorben. Und weil Sumatra vor 50 Millionen Jahren durch eine Meeresstraße von Euroasien getrennt war, muss es eine Landbrücke zum nordamerikanischen Kontinent gegeben haben, über die nicht nur die Tapire, sondern auch die Pferde gereist waren.

Ingeborg Voigt hat selbst hier gegraben, bis vielleicht 1984, erinnert sie sich. Eine Gruppe von Amateuren, von den sagenhaften Krokodilfunden begeistert, ging jeden Samstag in die Grube – eine Geste des Widerstands gegen die geplante Mülldeponie und gleichzeitig der verzweifelte Versuch, so viel wie möglich vor der drohenden Zerstörung zu retten. »In dem Krater war es ganz still.« Man wusste damals noch nicht sicher, ob es ein Vulkan gewesen war, aber viele vermuteten es schon. »Ganz still, nur die Flugzeuge hoch oben im Blau über dem grünen Horizont. Es hatte beinah etwas Heiliges.« Ingeborg Voigt hatte gleich am Anfang etwas Größeres gefunden, dann nichts mehr. Sie lebte anschließend viele Jahre im Ausland, aber dieses Erlebnis schien ihr zu folgen. Wenn sie erzählt, strahlt ihr Blick und vermittelt eine Ahnung davon, wie ein früher Fund in der Grube Messel einem Leben einen ganz anderen Klang geben kann. Später fand sie in der naturhistorischen Sammlung einer kleinen Stadt im Norden Mexikos zufällig ein Exponat von hier: »Messel ist überall.«

*

Graben darf man hier schon lange nicht mehr, mit Ausnahme der Forschergruppen vom Landesmuseum Darmstadt und dem Senckenberg-Museum in Frankfurt. Die Grube ist eingezäunt, und man darf nur in geführten Gruppen hinein. Von der Grubensohle aus sind die Zelte und Sonnensegel zu erkennen, die die Grabungsstellen markieren, wo jeweils von April bis September das Gestein Kubikmeter für Kubikmeter untersucht, mit GPS die Position jedes Fundes geortet und seine Koordinaten festgehalten werden. Durch diese akribische Dokumentation konnte man zum Beispiel anhand der Ausrichtung der Fischfossilien die Strömung innerhalb des Kessels und von möglichen späteren Zuflüssen bestimmen. Jeden Sommer findet man zwei- bis dreitausend neue Versteinerungen, die archiviert und im Winter ausgewertet werden. Nicht immer sind dabei so beeindruckende Funde wie das Urpferdchen oder der bis zu achtzig Zentimeter große Buxolestes piscator, eine Art früher Otter. Aber durch die Vielzahl sich wiederholender Funde wird unsere Kenntnis dieser wenigen Quadratkilometer aus einer Zeit vor 47,8 Millionen Jahren dichter und dichter.

Bevor er erodierte, wird der Kraterrand so steil gewesen sein, dass nur wenige oder keine Flüsse in das Maar mündeten und nur wenige Fischarten in ihm lebten. Am Ufer muss es einen Gürtel aus Sumpfpflanzen und Seerosen gegeben haben, der wie ein Filterkragen wirkte und Samen und Pollen aufgefangen hat, denn es sind nur wenige von ihnen im Ölschiefer überliefert. Das Ufer könnte ausgesehen haben wie heute am Amazonas, doch ab zwanzig Metern Tiefe war das Gewässer wegen des fehlenden Sauerstoffs tödlich. Auf manche Fischarten ist man auch in ungefähr gleich alten Fundstätten in Nordamerika gestoßen, wo sie aber zum Teil größer wurden – das Maar wird kein Eden gewesen sein, die Nahrungskette war dicht ineinander verzahnt und die Konkurrenz groß. Die vielen verschiedenen Krokodilarten, die man unter den Fossilien findet, haben jedoch vermutlich nie gleichzeitig am Ufer gelauert.

Pionierpflanzen aus Kiesgruben und Halden überwuchern die Hänge. Die breite Rampe, die für die Mülllaster gebaut wurde, musste bereits saniert werden, weil das Gestein keinen festen Halt bietet. Das Wasser wird aus der Grube abgepumpt, damit es die Fossilien nicht ein zweites Mal überschwemmt. Dazu dient der mysteriöse runde Wellblechschuppen mit den Bullaugen. Aber zwei, drei kleine Tümpel konnten sich am Grund bilden, um die Birken, Weiden, Zitterpappeln, Fingerhut, Disteln stehen. Auf den Wiesen dazwischen sind gleich fünf, sechs verschiedene Gräser zu entdecken. Zwischen den Binsen, dem niedrigen Schilf und der Entengrütze schwimmen Kormorane und Stockenten. Reiher wachen wie senkrechte graue Seismographen über die Reglosigkeit der Wasserspiegel, bis sie mit dem gleichen kantigen Regenschirmtanz aufsteigen wie die fossilen »Messel-Rallen«. Diese haben vermutlich ähnlich gelebt wie die Sandregenpfeifer, die zum Nisten wieder in die Grube gelockt werden sollen, weshalb auf der rotbraun-schwarzen Schotterfläche weiße Rechtecke aus Kiesel ausgelegt sind, um ihnen einen Brutplatz zu bieten.

2001 hat man über 4700 Meter tief nach unten gebohrt, um endgültig zu klären, ob Messel vulkanischen Ursprungs ist. Bei 365 Metern stieß man auf Lapillituff, ein Gestein mit vielen Einschlüssen, wie es nur in Vulkanschloten entsteht. Heute sprudelt aus dem Bohrloch ein artesischer Brunnen, um den wir Besucher bei unserer Begehung staunend stehen. Das Wasser war 14 Millionen Jahre unter Tage, es riecht leicht schweflig und schmeckt nach Eisen, wie die Sauerbrunnen in der Eifel oder dem Hunsrück, an denen man bei Sommerwanderungen seinen Durst und Puls kühlt. Das ist auch jetzt willkommen, denn der Stein reflektiert die Hitze und sammelt sie zugleich.

Wir versuchen in der Geröllhalde, die von einer offiziellen Grabung übrig geblieben ist, unser Glück als Paläontologen und zerpflücken einige der herumliegenden Ölschieferbruchstücke. Die Sedimentschichten sind mikroskopisch dünn und eng aufeinandergepresst. Mit wechselndem Geschick zwängen wir die Fingernägel zwischen die Lagen und ziehen sie wie einen scharfkantig vertrockneten Blätterteig auseinander. Als versuchten wir, die Seiten eines mineralogischen Buches der Zeit aufzuschlagen. Aber keiner in unserer Gruppe stößt auf etwas, und als wir später beim Aufstieg aus der Grube die Funde anderer Besucher sehen, können wir nur staunen: ein Blatt, das aussieht wie das der Weide unten am Teich, in Glyzerin eingelegte Insektenfossilien, bei denen man tatsächlich ein blaugrünes Irisieren feststellen kann, der schuppige Bogen vom Hinterleib eines Knochenhechts, der wie das geborstene Stück einer stumpf gewordenen groben, runden Stahlraspel wirkt. Und seltsame Kringel, die wir von Hand zu Hand weiterreichen. Keiner kommt darauf, was das ist. »Davon gibt es viele«, sagt unser Führer, »kommt nie einer drauf: Krokodilknödel.« Wir geben alles zurück, denn nichts darf den umzäunten Bezirk verlassen.

Aus dem letzten der quadratischen Wellblechcontainer der Forscher, die wie arktische Klimaforschungsstationen wirken und in denen das Grabungswerkzeug und die Funde zwischengelagert werden, nimmt der junge Geologe, der im Sommer durch die Grube führt, die lebensgroße plastische Rekonstruktion des bedeutendsten Fundes der Grube: des Urpferdchens. Es ist kaum größer als ein gedrungener Terrier, von dem der Modellbauer vielleicht die braunen Augen übernommen hat. Wegen der kürzeren Vorderbeine scheint sein Kopf knapp unterhalb der Kuppe des rehartigen Hinterleibs zu liegen, es muss den Kopf hochrecken, um unserem Blick zu begegnen.

Die frühen Generationen kleiner Säuger enthielten viele solcher großen Anpassungskünstler wie den eichhörnchenartig auf Bäumen lebenden »Langfinger«, Heterohyus nanus. Er besaß verlängerte Zeige- und Mittelfinger, mit denen er Käfer, Larven und Raupen aus dem Holz der Urwaldstämme pulte. Die vor 35 Millionen Jahren ausgestorbenen Tiere, die Lemuren oder Beuteltieren ähnelten, hatten so eine Nahrungsnische besetzt, die heute die Spechte nutzen. Detail für Detail entdecken Forscher die Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen den Tieren und zeichnen uns eine Welt wie durch ein umgekehrtes Fernglas, mit dem wir aus der Gegenwart heraus immer weiter in die Tiefe blicken.

Es ist paradox, dass uns das Fernste das Neueste ist und sich die Urzeit hier erst in den letzten hundert Jahren zu erkennen gab. Indem wir die Lebenswelt vor 48 Millionen Jahren rekonstruieren, öffnen wir aber nicht nur ein Fenster zur Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft. Denn wenn es stimmt, was Biologen beobachten, werden in den nächsten hundert Jahren alle Großsäuger bis auf Zuchttiere wie Rinder, Schafe, Schweine und Pferde ausgestorben sein. Die größten wildlebenden Säuger werden dann nicht größer sein, als ein kleiner Hund oder eine Hauskatze, wie sie zwischen den Gartenhäuschen hinter den Kribben bei Bingen durch die Hecken streicht. Vielleicht werden wir dem Blick des Urpferdchens bald wieder begegnen, eines Zeugen aus der Zeit, als die Erde sich senkte und den Graben schuf, den der Rhein heute durchfließt.

3Zurück in den Kribben

In der Dämmerung finden Hören und Sehen zu einer Balance. Eben noch schillerten die sich über das Wasser neigenden Weiden in allen Schattierungen von Silbrig bis Grün. Nachtigallen schlugen und riefen eine ganze Wolke aus Vogelrufen wach: Grasmücken, Amseln, Buchfinken, Stieglitze, Grünfinken, Mauersegler. Bachstelzen flogen flach und niedrig wie die Steine, die wir als Kinder über das Wasser flitschen ließen, auf den Strom hinaus und ließen sich knicksend wieder auf dem Damm nieder. Auf den glatten petrolfarbenen Spiegeln der Tümpel, die unter den Wasserläufern zitterten, sammelten sich Schwäne, Gänse und Stockenten auf grau gebleichtem Treibholz, das sich seit dem letzten Hochwasser hier gesammelt hat, und durchkämmten die grünen Teppiche aus Entengrütze, Algen und Seerosen.

Das Gelb der Seerosen, das Türkis der Libellen, das Blau der Färberdisteln und das Rosé des Frauenhuts waren als einzige Farben in dem Grün auszumachen, das nun in ein dunkles Oliv, in ein Grau, in ein Schwarz zurückfällt. Die Vogelrufe werden seltener, und in den Pausen hört man das Rauschen und Gluckern des Stroms, der am Damm vorbeizieht, und gleichzeitig ein silbriges Rieseln, mit dem das Wasser von einem der stillen Teiche in den nächsten rinnt. Die Geräusche werden spärlicher, das Pfeifen des Regionalzugs oder der Kuckuck im Hang gegenüber werden zu Markierungen zwischen langen Pausen – wie die Positionslampen der beinahe lautlos im dunklen Tal stromab gleitenden Lastkähne. Die einzelnen Geräusche sind wie das Futter in einem Mantel aus Stille. Sie legt sich auf die Dinge wie der Pappelsamen, der aus den mehr als haushohen Bäumen schwebt und sich wie ein Watteteppich über die Landschaft breitet. »Als hätte selbst der Mond geblüht.«

Die Schatten rücken näher und nehmen die Dinge in sich auf. Ein Reflex glitzert auf dem Wasser, wo ein Fisch sprang, und wieder ist alles schwarz. Die Stille verschiebt die Dimensionen, sie drängt sich zwischen Sehen und Hören, und es ist ein wenig so, wie wenn man sich im Fluss treiben lässt und die Ohren ins Wasser taucht. Man hört die Kiesel auf dem Grund, die Schraube eines Schiffes, das schon weiter ist als sein Geräusch. Alles scheint gleichzeitig näher und klarer und doch verzögert, wie sich ein Klang erst allmählich »aus der Glocke schält«.

Vielleicht machen die Stille und die Schatten es leichter, sich vorzustellen, dass sich statt des steilen Berghangs hier eine endlose Schwemmebene dahinzog, die bis an die Nordsee reichte. Auf dieser flachen Ebene floss der Ur-Rhein, wie die Ur-Mosel, in weiten Mäandern. Im Lauf von Millionen Jahren gruben die Flüsse ihre Schlingen und Schleifen immer tiefer in die sich erhebende Masse von Fels und Gestein: Sie schufen ihr Bett nicht durch ein Anrennen gegen Felsklüfte, sondern mit der Geduld der Erosion, dem Sand, dem Geröll und Jahrmillionen an Zeit.

Der Meeresspiegel änderte sich fortlaufend. Einmal begann die See erst hinter einem Landrücken, der heute die von der Nordsee überspülte Doggerbank bildet, so dass die Themse sich mit dem Rhein vereinigen konnte und zu seinem Nebenfluss wurde. Früher dachte man, das wäre irgendwo nördlich zwischen Jütland und Schottland geschehen, später fand man heraus, dass sich die beiden Flüsse weiter südlich trafen und in den letzten Zipfel des Kanals mündeten, der noch nicht vom Atlantik in die Nordsee führte, sondern als Meeresarm auf der Höhe des heutigen Calais endete.

Vielleicht ist die Zeit das Moment, das unsere Einbildung den Zweifel an solchen Vorstellungen nie ganz verlieren lässt. Wie in einem unendlich gestreckten Zeitraffer werden Dinge in einen Raum gestellt, die tatsächlich nie gleichzeitig an einem Ort existierten, in einer solchen Erzählung aber mit dem Abstand von Jahrmillionen nebeneinander stehen. Vielleicht kann die Stille ein künstlicher Horizont sein, der den Spalt zwischen der unmittelbaren Anschaulichkeit des Ortes und der Vorstellung von seiner allmählichen geologischen Entstehung schließt. Die Kontinente driften jährlich 20 Millimeter auseinander, aber das scheint schnell im Vergleich zu den sich immer noch hebenden Gebirgen: Einen Millimeter wachsen die Alpen wie manche Regionen des Rheinischen Schiefergebirges auch heute noch.

Landschaft ist ein lebendiger, wenn auch manchmal unendlich langsamer Prozess. Horizontal erstreckt sie sich in den Raum unserer Gegenwart, aber vertikal in die verschiedenen Erscheinungsformen, die sie in der Tiefe der Zeit angenommen hat – und die ihre jetzige Gestalt bestimmen, wie unsere Wahrnehmung von ihr.

IIIn den AlpenZu den Quellen

1Zum UrsprungErster Versuch

»Am Bach liegt noch Schnee«, hat der Hüttenwart am Vortag am Telefon gewarnt. Am Bach? Wo ich denn hinwolle, so früh im Juni? Zur Rheinquelle. Na, aber am Bach liege noch Schnee, doch mit richtigen Bergschuhen sollte es schon gehen. – In dem kleinen Laden im Dorf Hinterrhein kaufe ich eine Wanderkarte. Als ich mir die Route zeigen lasse, heißt es: »Na, da brauchen Sie aber Ski.«

Vom Dorf aus gesehen steht die weiße Pyramide des Rheinquellhorns hoch über dem engen Tal, zu dem ich unterwegs bin. Der Zapportgletscher zieht sich über die nordöstliche Flanke des Berges hin und blinkt unter dem schmalen schwarzen Granitband, das, gekrönt von einer weißen Feder, das Dreieck aus Weiß nach oben abschließt. Unter diesem Band verborgen liegt der Paradiesgletscher und an seinem Fuß der »Ursprung«, wie die Wanderkarte das Quellgebiet des Hinterrheins bezeichnet. »Früher war es schön da«, erzählt die Frau im Dorfladen, »da kam der Rhein direkt aus dem Gletscher. Doch in den letzten Jahren ist das Eis so weit zurückgegangen, jetzt sickert er aus der Moräne.« Wir stehen vor dem Laden, direkt neben der San-Bernardino-Autobahn. Dahinter erhascht man einen Blick auf den »Bach«, der hier, gerade zwölf Kilometer nach der Quelle, schon ein Fluss ist – so stark ist der Zustrom aus dem kurzen Gletschertal. Seinen Namen hat er vielleicht sogar schon hier gefunden: »rei« ist die indogermanische Silbe für »fließen«, aus der die Kelten »Rhenos« und vielleicht schon die Bewohner vor ihnen das rätoromanische »Rein« oder »Ragn« bildeten – ein Name, der über die 1230 Kilometer bis zum Meer von Sprache zu Sprache variiert wird, aber sich nie verliert. Hoch in den Bergen stehen wir schon am Rhein.

Am »Kiosk der Nationalstraße 13«, wie der Betonklotz am Eingang des San-Bernardino-Tunnels heißt, parke ich das Auto und schultere den Rucksack – vier Kilometer über den Panzerschießplatz, der fast den ganzen vorderen Talboden einnimmt, eine Gerölllandschaft, die bis vor ein paar Tagen noch unter Schnee lag. Am Hinterrhein blüht der Löwenzahn fünf Wochen später als im Flachland. Bulldozer und Bagger versuchen, wieder ihre Ordnung in das Gestein zu zwingen, das der Rhein jedes Jahr anders in die Ebene schiebt. Hier, mitten in Europa, denke ich und kicke ein geborstenes Granatenteil vor mir her. Vorne bei den Baugeräten kracht eine Sprengladung. Da wird mal wieder eine Million verlocht, hieß es im Dorfladen, alles unterirdisch.

Der Wind kommt vom Gletscher herab, wärmt sich aber über der sandigen Geröllwüste auf. Erst am Ende des Übungsgeländes, wo die Bergflanken so eng zusammentreten, dass das Tal vollständig vom Rhein eingenommen wird, wird es kühl. Gletscherwind saust einem um die Ohren, wenn man hochblickt zum Gipfel, der beim Weitergehen langsam hinter den steilen Hängen verschwindet, über die sich das Schmelzwasser in Sturzbächen ergießt. Ihr Brausen erfüllt das Tal, und erst hier in der Enge, wo der Rhein nicht mehr eingedämmt ist, hört man auch sein Tosen – ein Wildbach, der unter Bändern aus Schnee verschwindet und wieder auftaucht. »Der Schnee am Bach«, das sind Lawinenkegel, die zum Teil das ganze Tal zugeschüttet haben. Die ersten sind bereits eingebrochen und zeigen türkis schimmerndes Eis über dem ins Bläuliche spielenden silbrigen Oliv des Wassers, das zwischen grauen und schwarzen Granitbrocken seine Gischt schlägt. Weiter oben schieben sich Lawinenreste als Schneebretter über den Bachlauf: Denkt man sich die Grotte, die das Wasser durchfließt, vierhundert Meter höher unterhalb des Paradiesgletschers versetzt, hätte der Rhein wieder ein Gletschertor als Quelle.

Der zwischen Geröll und Schnee sich immer wieder verlierende Weg führt am Südhang vorbei, wo es über Mittag heiß wird. Zwischen den Schneekegeln fliegen Schmetterlinge und Insekten, unter einem überhängenden Felsen stiebt ein Rotschwänzchen hervor. Sein Nest sieht aus wie ein vom Hochwasser angespültes wirres Strohbündel, es muss nachts ein eisiger Ort sein, um hier zu brüten.

Auf einmal, ich stapfe gerade über Schnee, pfeift ein Murmeltier. Auf dem Panzerplatz war schon eines über den Weg gehuscht, im Winterkleid dürr wie ein Wiesel. Hier zwischen den Bergwänden ist der Pfiff aber von einer panikartigen Lautstärke. Eine Bachstelze fliegt auf – vielleicht ist mit dem Pfiff beabsichtigt, so viele Bewegungen auszulösen, dass sein Ursprung immer schwerer zu lokalisieren ist. Eine Strategie der Zerstreuung? Die Stelze flieht am Berghang entlang, wo sich oben rechts etwas regt. Zunächst traue ich meinen Augen nicht, doch, ein Steinbock, ein altes Tier steht dort auf einer felsigen Kanzel mit frischem, flaschengrünem Gras, misst mich mit stolzem, ruhendem Blick, wedelt mit dem Schwanz und legt sich nieder, vielleicht fünfzehn Meter im Hang über mir. Die mächtigen Hörner, mit dem Fernglas kann ich über vierzehn Ringe erkennen, das bernsteinfarbene Blinken der Augen. Auf dem Widerrist steht das helle Winterfell flauschig hoch, er legt den Kopf zurück und kratzt sich mit den Spitzen seiner Hörner am Rücken. Mit einem Auge schaut er hinunter zu mir, mit dem anderen sichert er von seinem Platz aus das in dem engen Seitentobel herunterkommende Rudel, zwei weitere Böcke und drei Weibchen, die Flanken nussbraun, die stämmigen Läufe dunkler, bei den Hufen fast schwarz. Die Geißen bleiben halb in Deckung, sie äsen, während sich der Wächter wiederkäuend sonnt.

Scheinbar gelassen, lässt er mich nicht aus dem Blick. Am Anfang, im ersten Erkennen, hatte ich kurz nach hinten geschaut. Ein Satz von ihm, und ich läge im Bach. So bleibe ich reglos, und die Gegenwart schnurrt zu unserem Starren zusammen. Es scheint still zu werden, der Bach, der Wind, nur noch das Sirren eines Insekts. Doch anders als auf der Pirsch läuft hier nichts auf eine Entscheidung zu, auf eine Tat. Das Unerwartete seines Auftretens hat mir die Beklemmung vor dem massigen Tier genommen. Bloße Aufmerksamkeit füllt den leeren Raum, den die Stille geschaffen hat. Dieser Moment umschließt uns, und ich versuche, für den Steinbock transparent zu werden. Im Bemühen, ja kein Geräusch zu verursachen, achte ich auf jede Regung meines Körpers, gerade so, als machte ich mich leicht, um jemanden in den Schlaf zu wiegen. Man ist anwesend, aber nicht die geringste Regung darf dies verraten – als wären wir in der Stille erst wirklich gegenwärtig.

Plötzlich rauscht wieder der Bach, und der Moment war – eine Lücke in der Zeit, an die sich keine Bedeutung heftet. Ein Staunen, ein verlegener Blick auf die Uhr.

Ich klettere den Schneekegel hinunter: Dort, wo eine dünne Schicht aus Löss und Steinen das Weiß bedeckt, ist er verharscht und spiegelglatt. Noch einmal entdecke ich eine Wegmarkierung, doch nicht oben im Hang, wo ich stehe, sondern unten am Bach. Die Fortsetzung des Weges lässt sich nur erahnen, etwas weiter bachauf verschwindet der Rhein unter dem nächsten Schneebrett. Ohne Steigeisen ist heute nichts zu machen. Ich setze mich ins Gras zwischen die gedrungenen Weißerlen und Weidensträucher, oben nickt im Wind eine kleine Birke, und betrachte das ovale Stück Kiesbett zwischen den Schneeschranken: den Rhein, das die Hänge hinunterrinnende Tauwasser, die sich über die Bergkante ergießenden Wasserfälle, die Frostrisse, die den Hang Jahr für Jahr aufklaffen lassen und die die Vegetation in dem kurzen Sommer wieder schließt. Auf dem Rucksack sonnen sich Fliegen, ein Tagpfauenauge wird vom Wind auf den Schnee getragen und schaukelt zurück, ein Vogel huscht vorbei.

In der Arktis gibt es eisfreie Stellen, die wie Oasen alles Leben in einem Gebiet anziehen. Verfehlt man den Ort, wirkt die ganze Landschaft unwirtlich und tot. Dort stehen die gleichen Pflanzen wie hier – Weidensträucher, Birken, Steinbrech –, eiszeitliche Pioniervegetation, die, den sich zurückziehenden Gletschern folgend, den ganzen Kontinent durchwandert hat, von den Küsten bis hierher ins Herz Europas, wo die Ströme entspringen.

In einigen Wochen werden hier Schafe weiden und die Steinböcke sich vor ihren domestizierten Verwandten und der Hitze höher in die Berge zurückziehen. Die Lawinenkegel werden bis in den August den Durchgang erschweren, und der Weg wird nach dem vielen Neuschnee, der bis in den März hinein fiel und seine Lawinen ins Tal schüttete, nur schwer wiederherzustellen sein. Bei Manövern wird das Tal gesperrt – ein Exil der Natur unter dem Phosphoreszieren der Leuchtspurgeschosse.

2Der Alpenrhein

Wie kam der Rhein zu seinen Quellen? Der Fluss wuchs ihnen bergauf entgegen, und der Teil, der im Atlas zuerst kommt, die Quellen, verbanden sich erst ganz zuletzt mit dem Strom.

Vor zwei Millionen Jahren floss der Ur-Rhein – um Orientierungspunkte auf unseren Karten zu geben – vom heutigen Baden-Baden nach Worms, von dort über Alzey nach Bingen. Durch weitere Absenkungen des Grabens bis zum Kaiserstuhl und schließlich bis zum Voralpenland hinter Basel verlängerte sich sein Bett. Damals gab es den höchstgelegenen Abschnitt des heutigen Stroms, den Alpenrhein, bereits. Gebildet hatte er sich aus dem Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein vor rund fünf Millionen Jahren. Schon damals trafen sich die beiden Zuflüsse – der eine aus dem Gotthard-Massiv, der andere aus dem Rheinwald kommend – etwas südlich von Chur bei Reichenau und flossen wie heute im gleichen Tal weiter. Bei Bregenz gab es aber noch keinen Bodensee. Der Alpenrhein floss damals nach Norden weiter. Über ein Flusstal bei Ravensburg und den Federsee bei Biberach erreichte er die Donau, um mit ihr nach Osten zu strömen. Auch die Ur-Donau hatte noch einen anderen Lauf: Sie entsprang nicht im Schwarzwald, sondern entwässerte den Alpenbereich, der später die Rhône und die Aare speisen sollte.

Doch auch die Wasserscheide verschob sich vor zwei Millionen Jahren. In den von den Eiszeiten umgeformten Alpen verlor die Donau den Anschluss an deren nördliche Gebirgsketten, die Rhône wie die Aare bildeten sich. Letztere orientierte sich nach Süden. Die Rhône durcheilte schon damals das Wallis und das Gebiet, in dem sich in den nächsten Eiszeiten der Genfer See bilden sollte, die Aare hingegen floss zunächst durch das Schweizer Mittelland und mündete in den Doubs, der durch den Jura ins Burgund floss und von dort weiter nach Süden, wo er auf die Rhône traf.

Erst vor eineinhalb Millionen Jahren fand die Aare den Durchbruch nach Norden und Anschluss an den Ur-Rhein, der sein Quellgebiet in der Zwischenzeit immer weiter in Richtung Basel nach Süden und Osten verschoben hatte. Durch die Vertiefung wurde sein Flussbett auch immer weiter; es kam zu einer rückwärtsgewandten Erosion, die Quellen fraßen sich weiter in das Land hinein und saugten andere Rinnsale und Bäche mit ihrem Lauf auf. So hatte er anderen buchstäblich das Wasser abgegraben und wanderte im Lauf der Jahrmillionen den südlichen Schwarzwaldrand entlang hoch, schließlich bis ins Gebiet der heutigen Aare-Mündung. Der Durchbruch der Aare zum Ur-Rhein hin ließ dessen Wassermassen so anschwellen, dass am anderen Ende des Stromes das Flussbett, das nicht über Mainz, sondern von Worms über Alzey bis Bingen führte, sie nicht mehr fassen konnte. Der Rhein schuf sich einen neuen Lauf, bog hinter Worms nicht westlich nach Rheinhessen ab, sondern floss weiter nach Norden, wo er sich mit dem Main traf und gemeinsam mit ihm Bingen zustrebte.

Gleichzeitig bildete sich zwischen den Alpen und der Schwäbischen Alb durch die andauernden Gebirgshebungen eine Mulde, die von Eiszeit zu Eiszeit durch die vorstoßenden und sich zurückziehenden Gletscher immer weiter eingetieft wurde. Aber erst der letzte Vorstoß des Rheingletschers in der vor 10000 Jahren endenden letzten Eiszeit schuf die heutige Gestalt dieser Senke, die zum ersten Mal Hochrhein und Alpenrhein miteinander verbinden sollte.

Dieser vor 29000 Jahren entstandene Rheingletscher kann mit den heutigen Alpengletschern nicht verglichen werden. Er hatte seinen Mittelpunkt über dem heutigen Chur und reichte zur Zeit seiner größten Ausdehnung bis nach Schaffhausen und Biberach. Er bedeckte im Westen den Gotthard, im Süden den San Bernardino, im Osten den Arlberg, war also über 150 Kilometer lang. Aus der Eiskappe ragten nur noch wenige Berge hervor: das Hörnli zwischen Zürich und Sankt Gallen, die Schesaplana gegenüber von Bad Ragaz, der Hochgrat oder der Hohe Ifen im Allgäu. Solche Inseln im Eis hatte man zuerst in Grönland beobachtet und sie nach dem Inuit-Ausdruck für »aus Land gemacht« »Nunataks« genannt. Auf ihnen überdauerten bestimmte Pflanzen Eis und Frost. Zur Zeit der größten Ausdehnung des Rheingletschers vor 24000 Jahren maß der Eispanzer über Konstanz 900 Meter, bei Chur gar 2000 Meter. Die Täler des Alpenrheins lagen vollständig unter Eis, der Fluss war unsichtbar. Doch der gewaltige Eisstrom schuf ihm ein neues Bett. Er hobelte die Senke zu einem riesigen, 63 Kilometer langen, 14 Kilometer breiten und bis zu 250 Meter tiefen Becken aus und füllte es mit Schmelzwasser: der Bodensee.

Mit dem sich zurückziehenden Gletscher kam der Alpenrhein wieder zum Vorschein, der nun den Bodensee füllte. Durch die hohen, heute den See umgebenden Moränen – Gesteinshügel und Schotterflächen, die der Gletscher vor sich hergeschoben und zurückgelassen hat – veränderte sich die Topographie grundlegend, und es entstanden die für das Voralpenland typischen Hügellandschaften, wie wir sie aus dem Appenzell oder dem Allgäu kennen. Viele sich früher nach Norden zur Donau orientierende Flüsse wurden durch diese Seitenmoränen nach Westen abgeleitet und mündeten nun wie die Töss und die Thur in den Hochrhein. Die Limmat fließt seitdem in die Aare und mündet gemeinsam mit ihr nur wenige Kilometer später in den Rhein. Die ihm durch die beiden Flüsse beim Schweizer Koblenz zufließende Wassermasse ist manchmal größer als die des Stromes selbst.

Durch die Tiefenerosion des Rheins erhöhte sich der Wasserabfluss aus dem Bodensee; sein Spiegel sank. Der Untersee trennte sich vom Bodensee, so dass man auch von zwei nur durch den kurzen Lauf des Seerheins verbundenen Seen sprechen kann. Die letzten Reste des Rheingletschers, die den Alpenrhein speisten, lagen schließlich bei Andeer im Schams oberhalb der wilden Schlucht der Via Mala. Während hier, knapp vor dem Gletschertor, die ersten Pionierpflanzen in den Kiesbetten und zwischen dem vom Gletscher glattgeschliffenen Granit wurzelten, drangen vom Bodensee die ersten Menschen in das Tal ein – steinzeitliche Jäger, die erst vier oder fünf Jahrtausende später sesshaft werden, die Täler besiedeln und über die Pässe auf die andere Seite wandern sollten. In die Granitplatten bei Andeer wie an vielen anderen Stellen werden sie später schalenartige Vertiefungen schlagen, Linien ritzen, Löcher bohren, um den Aufgang der Sonne zu markieren wie deren Untergang. Hoch über dem Vorderrhein bei Falera werden sie Menhir-Reihen errichten, um den Sonnenkalender auf die Erde zu zeichnen.

3Zum UrsprungZweiter Anlauf

»Dr. F.G. Strebler und Prof. Dr. C. Schröler von SAC Sektion Uto vom Hinterrhein botanisierungshalber bei wunderbarem Wetter hier hinaufgestiegen. In der Zapporthütte bei den Bergamasker Hirten freundlich empfangen und mit Polenta, Buina, Schotten und dem Fleisch einer Tags zuvor gefallenen Kuh regaliert. Die Zapporter Alp gehört Herrn Schuhmacher zum Rothen Haus in Nufenen und wird alljährlich an Bergamasker Hirten verpachtet. Sie soll 500 Schafe ernähren können, aber die Hirten können nie mehr als 300 zusammentreiben, weil die Alp als sehr wild übel berüchtigt ist: jedes Jahr fallen 10 Stück tot. ›Una brutta montagna!‹ … Vom Signal aus nehmen wir eine Photographie des Rheinwaldhorns auf … herrliche Gebirgsnatur«, notierten die beiden Alpinisten und Botaniker am 23. August 1887 in das Hüttenbuch der Zapporthütte.

Auf ihrer Photographie wird der Kessel hinter der Zapporthütte ein großer Eisstrom gewesen sein. In ihm liefen die von den Flanken der über 3000 Meter hohen Gipfel fließenden Gletscher zusammen.

*

Der Gang zum Hinterrhein ist die wildeste der Rheinquellenwanderungen. Alles beginnt auf dem Truppenübungsplatz. Ab Mitte Juni muss man sich vorher erkundigen, ob man ihn begehen kann oder gerade Rekruten an Granaten und Panzern ausgebildet werden. In der schießfreien Zeit übernehmen sie dafür einen kostenlosen »Taxi«-Dienst und fahren uns auf Wunsch bis zum Ende des Manöverplatzes. So können Maria und ich gleich in die Schlucht einsteigen und müssen nicht erst lange über die Ebene laufen.

Weil der reißende Gebirgsbach jeden Weg, der am Wasser entlangführt, im Winter wegschwemmt, führt der Pfad steil durch den Nordhang der Schlucht. An Stahlseilen geht es auf engen Tritten in die felsige Wand. Steinschläge und Erdrutsche unterbrechen den Pfad immer wieder, wir müssen sie umgehen und können nur hoffen, dabei den Weg nicht zu verlieren und auf einen der vielen Viehtritte zu geraten, die von Wanderwegen nicht zu unterscheiden sind, aber abrupt vor Klippen oder steilen Gießbächen enden.

Vor 130 Jahren waren die beiden Botaniker Ende August von der Pflanzenwelt wenig begeistert, aber jetzt, Ende Juli, ist alles anders. Im Steigen durch den steilen Hang stehen uns die Blumen dicht vor Augen: von dem leuchtenden Fuchsia-Rot der Kuckucks-Lichtnelke, die wir schon im Kies des Flussbetts entdecken, zum Gelb der Alpen-Arnika, dem Orange des Goldpippau und des Habichtskrauts, der blauen Flockenblume, dem Violett des Eisenhuts. Wenige Minuten nachdem wir die Stelle passiert haben, an der ich beim ersten Versuch kehrtgemacht hatte, poltern Steine herunter, aber es ist kein Tier im Hang auszumachen. Erosion, Sonnenwärme? Hinter der Zapportstaffel haben wir die Hälfte des Weges geschafft. Nach einer steilen Passage treten wir aus dem engen Tal auf eine breite Hangschulter, zwischen deren trockenen Felspartien und Geröllhalden sumpfige Stellen mit Moospolstern liegen, darin die ersten windverwehten Wattebäusche des Scheuchzerschen Wollgrases, das hoch in den Alpen überall im flachen Wasser der Tümpel zu finden ist.

Die Alm wird noch heute wie vor hundert Jahren mit Schafen bestoßen. Das Gewölbe des Kellers, in dem früher im Sommer der Käse bis zum Alpabtrieb frisch gehalten wurde (»300 gute Käselaibe, die in Italien verkauft werden«, steht im Hüttenbuch), ist allerdings eingestürzt. Im Innern der geborstenen Kammer ist es kalt – als wäre sie eine »Windhöhle« oder ein »Wetterloch«, wie sie oft am gewachsenen Fels über einer Felsspalte, hier über der lockeren Halde aus Glimmerschiefer, errichtet wurden, damit ein durch Gestein steigender kalter Windhauch sie kühlt.

Das dumpfe Rauschen des Hinterrheins tief unten in seiner Schlucht grundiert die ganze Wanderung. Darüber hören wir von der gegenüberliegenden Seite das helle Zischeln der Wasserfälle – einmal zählen wir mehr als sechzehn eng nebeneinander liegende Bachläufe, die in immer neuen Kaskaden den schattigen Hang hinabstürzen. Auf unserer Seite gibt es weniger Bäche, einmal gluckst tief im Geröll vergraben einer unter dem Weg, dann wird sein Gurgeln wieder vom Rauschen der Wasserfälle geschluckt.

Ende Juli hält kein Schneekegel im Bach und kein Steinbock mehr unseren Aufstieg zur Hütte auf. Ein drohendes Gewitter beschleunigt unsere Schritte genau in dem Moment, als wir aus einer steilen Wand in die fast hundert Meter senkrecht unter uns liegende Schlucht schauen, durch die der Hinterrhein hinabtost. Die Klamm ist so eng und tief, dass man den wilden Gebirgsbach im dunklen Schatten nicht erkennen würde, hätte nicht gerade hier eine gewaltige Gletschermühle ein Fenster in den Fels gebohrt. »Hölle« heißt die Stelle, die darüber liegende grasbewachsene Moräne »Paradies«.

Entstanden sind diese Gletschermühlen unter Eis. Gletscher sind keine starren Eisblöcke, sondern fließen wie an der Oberfläche krustig kristallisierter Honig unendlich langsam zu Tal. Auf dem unebenen Untergrund brechen sie in Spalten, es entstehen Löcher und Hohlräume. Wenn Schmelzwasser von der Oberfläche in die senkrechten Gänge und Spalten gerät, durch das oft Hunderte von Metern mächtige Eis hinabstürzt und Steine mit sich reißt, treibt das sich wie in einer Turbine drehende Wasser diese Brocken tiefer in das unter dem Gletscher ruhende Gestein. Solche Strudellöcher findet man in allen Bach- und Flussbetten der Alpen, aber hier bildeten sich mehrere so dicht nebeneinander, dass der Rhein sie immer weiter auswaschen konnte, bis sie im Lauf von Zehntausenden von Jahren zu einem einzigen Schacht wurden.

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Vor zweihundert Jahren reichten die Gletscher, die den Rhein speisten, noch bis an die Schlucht, und das Eis lag direkt am Abgrund der »Hölle«. – Ab »hier nimmt das Thal einen schauerlichen Charakter an«, schrieb 1815 der deutsche Mineraloge Ober-Bergrat Selb zu Wolfach, der mit einem Freund hochgewandert war. »Ein enger Schlund, der zum Teil mit lagenweise aufgeschichtetem Eise, Schnee und Felsgeschieben, gewölbeartig ausgefüllt ist, entrückt dem Auge den Lauf des Rheins. Die Gletscher nehmen am südlichen Muschelhorn den Anfang; erst wellenförmig am oberen Abhange der Felsen gruppiert, und wundersame Wölbungen und Abdachungen bildend; allmählich steigen sie tiefer herunter, und senken sich endlich in ungeheuren Eismassen bis in den Grund des Schlundes herab; alle Eismassen nach allen Richtungen geborsten, der Länge nach in der Mitte etwas vertieft, und gegen das auslaufende Ende sich verschmälernd. – So der Paradiesgletscher, jenseits der Hölle – ein tiefer Abgrund, worin der Rhein in schneckenartigen Wendungen wirbelt, und, kaum seiner Wiege entronnen, mit wenigen, aber durch ununterbrochenen Fällen verstärkten Wassern, Alles – Schnee, Eis und Geschiebe aus seinem Weg räumt {…} Über diesen grässlichen Schlund führt ein ganz schmaler Fußpfad nach der weiteren Höhe der Alp, von wo aus der eigentliche Rheingletscher mit seinen Quellen erst näher beobachtet werden kann.«

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