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8. September 1943: Die italienische Regierung schließt einen Waffenstillstand mit den Alliierten und beendet somit den Pakt mit dem Deutschen Reich. Für Italien ist dieser Tag zum Symbol geworden, ein Symbol für die Schwäche, aber gleichzeitig auch für die moralische Kraft der Nation. Was bedeute dieses Datum aber für Deutschland? Und wie haben die deutsche Bevölkerung und die zahlreichen Soldaten in Italien diese Bekanntmachung erlebt? Emilio Petrillo versucht, auch durch einen Rückblick auf frühere Ereignisse, dieser Frage nachzugehen. Seine Quellen sind in erster Linie die 17 Bände der „Meldungen aus dem Reich", welche, verfasst vom Sicherheitsdienst der SS, die Meinungen der Bevölkerung im Reich aufzeichnen, aber auch zum Großteil noch unbekannte Zeitungsartikel und vor allem auch das Gespräch mit noch lebenden Zeitzeugen. Die Aufarbeitung einer nicht unwesentlichen Episode in der jahrhundertelangen, engen und konfliktreichen Beziehung zwischen Deutschen und Italienern. Mit seinem frischen und unvoreingenommenen Wagemut ist es dem beherzten Journalisten Paolo Emilio Petrillo gelungen, in einem farbenreichen Bild von Einklängen und Missklängen nach siebzig Jahren die Erinnerungen von einfachen Soldaten wieder ins Leben zu rufen, mit dem Ziel, einen schwierigen Teil einer gemeinsamen Geschichte offenzulegen. Heucheleien verflechten sich mit Rechtfertigungen, und dabei zeigt sich schließlich, wie es ganz normalen Menschen, die von dramatischen Ereignissen mitgerissen wurden, gelingt, eine eigene, sinnige Menschlichkeit zu finden. (Luigi Vittorio Ferraris, ehemaliger Botschafter Italiens in Bonn.)
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Seitenzahl: 512
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Paolo Emilio Petrillo Der Riss
Paolo Emilio Petrillo
1915–1943 Die ungelösten Verflechtungen zwischen Italien und Deutschland
Übersetzung aus dem Italienischen: Ingo Pfänder und Paolo E. Petrillo
Herausgegeben von
GABRIELE DI LUCA und HANS KARL PETERLINI
Die Drucklegung dieser Publikation wurde gefördert von
Titel der Originalausgabe:
Paolo Emilio Petrillo: Lacerazioni / Der Riss 1915–1943: I nodi irrisolti tra Italia e Germania. La lepre edizioni, Roma 2014
Petrillo, Paolo Emilio: Der Riss.
1915–1943. Die ungelösten Verflechtungen zwischen Italien und Deutschland
© 2016 Edizioni alphabeta Verlag, I-39100 Meran/Merano (BZ), Sandplatz 2 [email protected] • www.alphabetaverlag.it
Drava Verlag, A-9020 Klagenfurt/Celovec • Gabelsbergerstraße 5/II [email protected] • www.drava.at
Umschlaggestaltung: Dall’O & Freunde Umschlagfoto: Bundesarchiv, Bild 101I-568-1537-11 / Fotograf: Benschel
Italien, Barletta. Fallschirmjäger bei Verhaftung von uniformierten Italienern
Edizioni alphabeta Verlag ISBN 978-88-7223-258-3
Drava Verlag ISBN 978-3-85435-808-4
eISBN 978-3-85435-812-1
Für Chiara, Brando und Nicol
Michael Stürmer
Luigi Vittorio Ferraris
Michael Stürmer*
Es wäre vergeblich, die gründlich fokussierte Studie unseres Freundes Paolo Emilio Petrillo in wenigen Sätzen in einem Vorwort zusammenzufassen. Dies gilt schon deshalb, weil Vittorio Conte Ferraris, noch zu Bonner Zeiten legendärer, umschwärmter und langjähriger Botschafter Italiens in der Bundesrepublik Deutschland, eben dies profunde und mit Meisterschaft bereits getan hat. Die Leserin/der Leser wird es erfahren und dadurch bereichert werden.
So wie Italien, als Ferraris Botschafter in Bonn war – um ein englisches Wort zu borgen –, über seiner Gewichtsklasse spielte, so weiß der erfahrene Diplomat aus der römischen Innensicht der Dinge die Tragik jener unseligen Allianz zu würdigen, welche die Diktatoren in Berlin und in Rom zunächst improvisierten und seit 1935 – Beginn der italienischen Abessinien-Invasion – ihren Völkern auferlegten bis zum bitteren Ende in den Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Höhepunkt und zugleich Wendepunkt am Mittelmeer war der politisch-militärische Umbruch des 8. September 1943, als die Reste der italienischen Streitkräfte die Seite wechselten und Italien sich den siegreichen Alliierten zuwandte. Einige Bemerkungen mehr allgemeiner Natur sollen genügen.
Geschichte und Geographie sind mächtige Kräfte, die Italien und Deutschland immer wieder trennen und zugleich unauflöslich verbinden, länger allemal, als es die europäischen Nationalstaaten und Nationalkulturen gibt. Zwei verspätete Nationen des 19. Jahrhunderts, das Deutschland des Fürsten Bismarck und das Italien des Grafen Cavour mussten ihre Identität suchen und finden gegen die ehrwürdige Überlieferung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, gegen das Papsttum ebenso wie gegen das Mächtekonzert des Wiener Kongresses von 1815. Das alles, eingeschlossen das traumatische Erlebnis des Großen Krieges, in den Italien 1915 auf Seiten der Entente eintrat und am Ende traumatisiert und verbittert dastand, nicht wissend ob Sieger oder Besiegter. Der jähe Aufstieg des sozialistischen Zeitungsredakteurs und Agitators Benito Mussolini zum faschistischen „Duce“ binnen weniger Jahre war genuiner Ausdruck dieses Widerspruchs. Adolf Hitler, auch er Erbe des Weltkriegs, hat aus der italienischen Erfahrung viel gelernt und sich mancherlei Theater-Requisiten und Rituale besorgt. Das hat dem „Führer“ anfangs die Verachtung des römischen Originals eingebracht, später dann jene Mischung aus Bewunderung und Angst, die Mussolini dazu verführte, sich als Kriegsherr aufzuspielen: Zuerst im nachholenden Imperialismus an den Küsten Afrikas – Libyen und Abessinien, wo Italien das Mare Nostrum suchte und stattdessen alsbald auf die Sanktionen der Westmächte im Völkerbund traf. Hitler wurde Retter in der Not und bot Hilfe bei der Überwindung der Sanktionen, namentlich Kohle und Stahl. „Achse“ oder „Stahlpakt“, gleichviel: Es war ein Teufelspakt. Der italienische Duce scheint bald gespürt zu haben – aber da war es zu spät –, dass er sein Schicksal und das seines Regimes an die deutsche Diktatur und den „Führer“ gebunden hatte: Lösbar nicht einmal im versprochenen Endsieg, sondern allein in der Niederlage und Katastrophe.
Mussolinis imperiale Exkursionen hätten ihn warnen müssen: Der opportunistische Kriegseintritt 1940, um einen Teil der französischen Beute an sich zu reißen; der Krieg auf dem Balkan im Sommer 1941, der das deutsche „Unternehmen Barbarossa“ gegen die Sowjetunion um entscheidende vier Wochen verzögerte; endlich die Kriegserklärung gegen die Sowjetunion. Wen die Götter verderben wollen, so sagten die Römer, den schlagen sie mit Blindheit.
Keine Kameraden, das begann schon qualvolle Monate vor der Katastrophe von Stalingrad: Das war im Winter 1942/43 die Kriegswende, in der das italienische Hilfscorps zwischen Don und Wolga unterging, schlecht bewaffnet und unzureichend munitioniert, der Eiseskälte des russischen Winters hilflos ausgesetzt, demoralisiert und ohne Hilfe von den deutschen Truppen, die im mitleidlosen und disziplinlosen „Rette sich wer kann“ vergeblich ihr Entkommen suchten. Die traumatische Erfahrung des militärischen Desasters in Tunesien und des nahezu gleichzeitigen Zusammenbruchs der Fronten im Süden der Sowjetunion waren für die militärische Führung Italiens die Flammenschrift an der Wand. Jetzt oder nie galt es zu handeln, solange es noch Bewegungsraum gab und Italien noch nicht hilfloses Objekt des Kriegsgeschehens am Mittelmeer und am Schwarzen Meer war. Regimewechsel durch Gefangennahme und Sturz des Duce und, damit eng verbunden, Seitenwechsel der Allianzen: Spät aber nicht zu spät kam den führenden Kräften im Militär die Erkenntnis, dass das deutsche Bündnis tödliche Gefahr bedeutete, dass Italien schon wegen seiner Lage im Mittelmeer und dreieinhalb tausend Kilometer Küstenlinie sich niemals hätte gegen die Mächte stellen dürfen, die über See- und Luftherrschaft verfügten. Italiens einzige Chance bestand darin, den „Duce“ zu stürzen durch den „Faschistischen Großrat“ und mit den von Süden vorrückenden Alliierten ungesäumt in Verhandlungen einzutreten – in einem Wort zu retten, was zu retten war.
Die Lacerazione des 8. September war mehr als ein Regimewechsel von oben. Es war klassisches, von der Not erzwungenes renversement des alliances, Diktat der Staatsräson, und Nicolo Macchiavelli, wenn er denn noch lebte, hätte seinen Beifall gegeben. Für Italien begann damals eine neue Ära. Das Land fand im Chaos des Rückzugs die Brücke in die Nachkriegszeit: Der Preis des Bürgerkriegs war nicht zu hoch, und er war kalkulierbar, da der deutsche Rückzug Richtung Brenner und der alliierte Vormarsch in dieselbe Richtung eine faktische Garantie bedeuteten, dass die Kriegswende nicht in der kommunistischen Machtergreifung enden würde. Dass diese Angst nicht aus der Luft gegriffen war, zeigten die Kämpfe der folgenden Monate und vielleicht sogar das Geschehen in Griechenland zwei, drei Jahre später. Der 8. September 1943 hat lange Schicksalslinien in die europäische Geschichte gezeichnet.
Anders in Deutschland. Die Umkehr des italienischen Bundesgenossen – personifiziert durch den Namen des Marschall Badoglio – war Teil der Kriegswende, die in Stalingrad und Nordafrika begonnen hatte. Aber militärisch wurde das Risiko als begrenzbar angesehen. Das Terrain begünstigte immer den Verteidiger, in diesem Fall die Wehrmacht, und die Alpenkette versprach noch lange Sicherheit. Anders die Front im Osten, die im Wanken war und nach Stalingrad keinen Halt mehr fand, die drohende Landung der West-Alliierten an der Atlantikküste und der Luftkrieg gegen die deutschen Städte, die zu Massengräbern wurden. In Deutschland musste sich der Ausgang des Krieges entscheiden, militärisch zwischen den Westalliierten, politisch zwischen Stalins Totalitarismus und westlicher Lebensform: Dagegen war, was auf der Apennin-Halbinsel geschah, nur Nebenhandlung. Das erklärt, nebenbei bemerkt, warum bis heute der 8. September 1943 in der italienischen Erinnerung sehr groß eingeschrieben ist, in der deutschen aber nicht.
Jener Widerstand, den der Faschistische Großrat leistete, stürzte mit dem Diktator auch das Regime. So konnte aus den Trümmern der alten Ordnung und der Katastrophe des Krieges eine neue Legitimität entstehen. In Deutschland scheiterte ein knappes Jahr später die Verschwörung des 20. Juli 1944: Es gab keinen faschistischen Großrat, dem in geordnetem Verfahren die Macht zu übergeben gewesen wäre. Es gab Männer mit militärischer Macht, die bereit waren sich zu opfern. Aber wie das Land physisch zu retten, ohne Bürgerkrieg seelisch zu heilen, die Lage an den Fronten zu stabilisieren und den Alliierten die Bedingung des „unconditional surrender“ abzuverhandeln wäre – dafür gab es weder eine italienische noch eine deutsche Lösung.
Mai 2016
* Deutscher Historiker und Journalist. Er lehrte u. a. an der Universität Erlangen-Nürnberg, in Harvard und an der Sorbonne in Paris, außerdem am Institute for Advanced Studies, Princeton und an der Johns Hopkins University in Bologna. In den 80er Jahren war er außenpolitischer Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl. Michael Stürmer spielte dann im sogenannten Historikerstreit (1986/87) eine maßgebliche Rolle. Von 1988–98 war er Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, Ebenhausen. Er schrieb für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Neue Züricher Zeitung und ist heute Chefkorrespondent bei der Welt und der Welt am Sonntag. Michael Stürmer ist Officier de la Légion d’Honneur.
Luigi Vittorio Ferraris*
Das psychologische und kulturelle Verhältnis zwischen Italien und Deutschland, oder besser zwischen Italienern und Deutschen, stellt ein altes Problem dar. Und wenn es darüber auch eine umfangreiche italienische und deutsche Literatur gibt, keiner von jenen, die für mehr oder weniger lange Zeit in einer der Regionen diesseits oder jenseits der Alpen miteinander gelebt haben, konnte dem Versuch widerstehen, die Stereotypen zu hinterfragen und womöglich zu überwinden, seien sie nun positiv oder negativ.
Im Europa von heute, das zwar mit seinen Institutionen und in seinem politischen Handeln, aber noch nicht mit den Herzen zusammengewachsen ist, sind die Differenzen immer noch vorhanden, mit fehlender Sensibilität für die historischen Wurzeln, die in ihrer Komplexität Licht und Schatten zeigen. Aber man darf auch nicht vergessen: In Europa gibt es kein zweites Beispiel dafür, dass über einen Zeitraum von zweitausend Jahren zwischen zwei Völkern oder zwei Kulturen ununterbrochen solch intensive und reiche Beziehungen bestanden – auch wenn sie keineswegs immer freundschaftlich waren.
Mit seinem frischen und unvoreingenommenen Wagemut ist es dem beherzten Journalisten Paolo Emilio Petrillo gelungen, in einem lebendigen Bild von Einklängen und Missklängen [dt. im Original] nach siebzig Jahren die Erinnerungen von einfachen Soldaten wieder ins Leben zu rufen, mit dem Ziel, einen schwierigen Teil der gemeinsamen Geschichte offenzulegen. Heucheleien verflechten sich mit Rechtfertigungen, und dabei zeigt sich schließlich, wie es ganz normalen Menschen, die von dramatischen Ereignissen mitgerissen wurden, gelingt, eine eigene, sinnige Menschlichkeit zu finden. Petrillo spürte mit einer bewunderungswürdigen Hartnäckigkeit ehemalige deutsche Kriegsteilnehmer auf (von denen auch einige in den diplomatischen Dienst aufgestiegen waren), um das Bild zu rekonstruieren, das sie von jenem Italien hatten, mit dem sie erst verbündet, dann verfeindet waren. Und er hat die Zeitzeugenberichte ergänzt, indem er auf die unschätzbaren Meldungen aus dem Reich zurückgriff, auf Informationen, die von den Polizeiorganen gesammelt worden waren, um zu erfahren, was die Leute auf der Straße dachten und wie es um die Stimmung im Dritten Reich stand. Eine Stimmung, die, wie wir sehen werden, keineswegs so euphorisch war, wie das auf den spektakulären Nürnberger Kundgebungen geboten wurde.
In Italien werden die dreißiger und teilweise auch die vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu häufig heraufbeschworen, um die Wahrheit zum Zweck einer simplen Demagogie zu beugen, man könnte schließlich sagen, um die unangenehme und schuldhafte Komplizenschaft zwischen Nationalsozialismus und Faschismus, zwischen Hitler und Mussolini vergessen zu lassen. Petrillo rekonstruiert mit großem Elan jene zehn Jahre, indem er auf kluge Weise bekannte Quellen, aber auch Tagebücher und Presseartikel aus dieser Zeit verwendet, und er führt so unserem lückenhaften Gedächtnis die Verantwortungslosigkeit vor allem von Ciano und Mussolini vor Augen: Wenn Ciano in seiner Oberflächlichkeit sich viel zu spät des Fehlers bewusst wurde, sich zu sehr an das Dritte Reich gebunden zu haben, so beharrte Mussolini dickköpfig auf seinem eingebildeten „Parallelkrieg“, um begierig Vorteile aus den Früchten der Siege der Deutschen zu ziehen, die man für unausbleiblich gehaltenen hatte, die aber dann allmählich immer unwahrscheinlicher wurden.
Die Erzählung wird noch fesselnder dank der Zeitzeugenberichte, die Unverständnis und Zweifel bestätigen: Man hatte von der späten Kriegsteilnahme Italiens im Juni 1940 nicht gerade viel gehalten, als „wir Deutschen schon gesiegt hatten“, während sich wenig später die naheliegende Erwartung abzeichnete, dass Italien im Mittelmeerraum Unterstützung brauchen würde, da es viel zu schwach war, um die Probleme alleine zu bewältigen. Den militärischen Fähigkeiten Italiens hatte man nicht viel Respekt entgegengebracht, ohne dass dies einer diffusen und sentimentalen Sympathie für Italien geschadet hätte: Wie ein roter Faden zieht sich in der Vorstellung der Deutschen die eigentümliche, dem „mediterranen Wesen“ scheinbar angeborene „Unzuverlässigkeit“ durch. Eine Unzuverlässigkeit, die sich in den Niederlagen in Afrika und in der Tragödie des italienischen Expeditionskorps in Russland (Corpo di Spedizione in Russia (csir)) zeigte. Dennoch messen die deutschen Zeitzeugen den Vorwürfen, die Italiener hätten in der verlorenen Schlacht am Don zu wenig Einsatz gezeigt, keine Bedeutung bei – wo, so wird gesagt, das Bündnis, die folgenden Ereignisse vorwegnehmend, bereits in die Brüche ging –, sondern beklagen die unzureichende Ausrüstung der italienischen Truppen.
In den von Petrillo veröffentlichten Zeitzeugenberichten entdecken wir Erstaunen und Befremden über die Vorgänge des 25. Juli1, als jenes Regime, das zwanzig Jahre an der Macht war, ohne Widerstand gestürzt wurde. Der endgültige Wendepunkt war dann der 8. September, der die These von der „italienischen Unzuverlässigkeit“ bestätigte: ein auf offensichtlich unredliche Weise vollzogener Frontwechsel nach der falschen Beteuerung, „der Krieg wird fortgesetzt“. Dennoch erscheint der Vorwurf des Verrats eher der Propaganda des Regimes zu entspringen, als dass er die Empfindungen der deutschen Soldaten ausdrücken würde. Ja, es dringen auch Stimmen durch, die über das unvorhergesehene Ereignis froh waren, weil es vielleicht ein rascheres Ende des Krieges herbeigeführt hätte. Es gab sogar freudige Reaktionen darauf (die aber selbstverständlich aus Vorsicht nicht offen gezeigt wurden), dass es den Italienern gelungen war, die nicht mehr zu leugnende Realität zu akzeptieren, dass nach Stalingrad und seinen siebenhunderttausend Toten der Krieg bereits verloren war.
Petrillo wollte die seelischen Auswirkungen bei den deutschen Soldaten aufspüren, für die von einem Augenblick auf den anderen die Verbündeten zu Feinden wurden: einem Feind, der mit allen Mitteln gegen eine Armee vorgehen wollte, die kaum noch an einen Endsieg glaubte, aber durch die Bedingungen gezwungen war, auch vor grausamen Reaktionen nicht zurückzuschrecken. Man muss auf jeden Fall – zumindest in der durch den Abstand vieler Jahre gefilterten Erinnerung – auf den Realismus in Deutschland hinweisen, der die neue Situation zur Kenntnis nahm, die nach dem 8. September entstand, was angesichts der fanatischen Stimmung, die durch Hitler ununterbrochen angeheizt wurde, nicht zu erwarten war. Das Pflichtbewusstsein [dt. im Original] stand außer Frage, auch wenn beschämende oder grausame Aktionen begangen werden mussten, während man zugleich hoffte, der Katastrophe einer drohenden Kapitulation noch entgehen zu können. Die Veteranen neigen zu der Behauptung, oder wollen daran glauben, dass sie einen normalen Krieg geführt haben; oder streichen lieber all das, was Reue hätte hervorrufen können, aus dem Gedächtnis. So behaupten sie sogar, vom Holocaust oder von den Lagern nichts gewusst zu haben: ziemlich merkwürdige Rechtfertigungen, vor allem, wenn sie von Zeitzeugen vorgebracht werden, die in anderen Punkten sehr wohl ein äußerst genaues Erinnerungsvermögen besitzen.
Die Erinnerungen dieser sehr alten Menschen, die aber noch einen ganz wachen Geist besitzen und die Ereignisse und ihre eigene Rolle zu analysieren wissen, geben mit Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit genauen Einblick in die Gefühle der Soldaten der Wehrmacht nach dem 8. September, auch den Italienern gegenüber. Diese ehemaligen Soldaten wollen sich von der SS distanzieren und vermeiden es im Übrigen anzuerkennen, wie sehr sich die Wehrmacht und vor allem ihre stolzen Feldmarschälle mitschuldig gemacht haben, was ja zur Genüge dokumentiert worden ist. Durch die faszinierende Lektüre dieser Erinnerungen entsteht das menschliche Bild von Soldaten, von denen verlangt wurde, einen sinnlosen Krieg zu führen, im Bewusstsein der zu erwartenden Niederlage.
Die Entfremdung [dt. im Original] heute zwischen Italien und Deutschland, dieser präzise, von Rusconi verwendete Begriff, kann nicht einfach den von Petrillo befragten Zeitzeugen zur Last gelegt werden, da sie ja nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit repräsentieren. Es ist wichtig, dass die lange zurückliegende Vergangenheit – welche der Nationalsozialismus und der Faschismus mit Unterstützung der Massen in Nürnberg und auf der Piazza Venezia miteinander teilten, bis die Italiener, viel flexibler als die Deutschen, plötzlich zur Vernunft kamen – die Beziehung dieser beiden Länder nicht belastet, die heute gefestigte liberale Demokratien in einem vereinigten Europa sind. Wenn es auch noch kein europäisches Volk gibt, so haben wir doch gewiss ein Europa unterschiedlicher Völker, die heute in ihren Überzeugungen in Bezug auf Humanität und Freiheit vereint sind, um zu erklären, dass mit Vernunft alte Vorurteile überwunden werden sollen. Und dass man auf jene echten Empfindungen zurückgreifen sollte, die durch die Höllenglut des Krieges zwar entstellt, aber nicht in Vergessenheit geraten sind.
Also ein Buch, das seine Leser verdient: Nicht so sehr, um die Ereignisse einer ideologischen und politischen Allianz, die sich elend geirrt hatte, dem Vergessen zu entreißen, und auch nicht, um die Gründe eines Gegners zu verstehen, der viel zu oft grausam handelte, aber auch unfähig war, sich seinem Schicksal zu entziehen (das Scheitern des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 ist dafür ein trauriges Beispiel), sondern eher, um die vielfältigen Gefühle der Deutschen zu verstehen, auch die widersprüchlichen. Aus den Interviews treten uns Soldaten entgegen, wahrscheinlich keine „Verbrecher“, die jene dramatischen Erfahrungen wachrufen, die sie in einem Italien gemacht hatten, an das sie sich im Allgemeinen – vielleicht ein Widerspruch – mit Sympathie und Zuneigung erinnern. Ebenso positiv erinnert man sich an die Italiener, auch wenn sie ihrem Wesen nach natürlich sehr anders sind.
Die Augenzeugenberichte von einfachen und deshalb beispielhaften Akteuren über eine konfliktreiche Vergangenheit, die dank des Engagements von Paolo Emilio Petrillo gesammelt worden sind, haben Seltenheitswert und müssen vor dem Vergessen bewahrt werden, das durch die fortschreitende Zeit zwangsläufig droht. In diesem Sinne sollten sie daher gelesen und verstanden werden: in ihrem Licht und in ihrem Schatten, zwischen Bekenntnissen und Ungewissheiten. Jedenfalls in ihrer Wahrheit.
* Diplomat und Dozent für internationale Beziehungen. Er lehrte an verschiedenen italienischen und ausländischen Universitäten, u. a. in Rom (LUISS, Roma Tre) und in Jena. Ferraris war von 1980 bis 1987 Botschafter Italiens in Bonn; von 1987 bis 2000 Mitglied des italienischen Staatsrats, 1996 Staatssekretär im Außenministerium. Von 1986 bis 2006 war er Präsident des deutsch-italienischen Zentrums „Villa Vigoni“. Heute ist er Präsident der Italienischen Gesellschaft für Studien zur Mittel- und Osteuropäischen Geschichte (AISSECO) und Ehren-Sektionspräsident des Staatsrats. Ferraris ist Cavaliere di Gran Croce dell’Ordine al Merito della Repubblica Italiana, Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland und des Tiroler Adler-Ordens.
Vor etwa fünfzehn Jahren kam ich in ein kleines Dorf in Nordrhein-Westfalen, nicht weit von der holländischen Grenze. Anja, die zu jener Zeit mit mir an der Ruhr-Universität in Bochum studierte, hatte mich gebeten, sie zu ihren Großeltern zu begleiten, um Möbel für ihre neue Wohnung abzuholen. „Die Eltern meiner Mutter wohnen nicht weit weg, ungefähr fünfzig Kilometer von hier.“
Wir stellten das Auto vor einem Einfamilienhaus ab, da kam uns schon Anjas Großvater entgegen, ein hoch gewachsener Mann, jenseits der Siebzig, der aber jünger wirkte. Er schnitt gerade die Rosenhecke, als er unsere Ankunft bemerkte. Er begrüßte seine Enkelin sehr liebevoll, mich sehr freundlich.
„Sie kommen also aus Rom – eine wunderschöne Stadt!“ sagte er kurz darauf, als wir allein im Garten spazieren gingen. „Wissen Sie, dass ich auch einmal dort gelebt habe? Zwischen 1941 und Ende 1943, als Wehrmachtsoffizier.“ „Ah …“ entgegnete ich, und dachte an die Gefängniszellen der Via Tasso, an die Deportationen in der Nacht des 16. Oktober 1943, an die Erschießungen bei den Fosse Ardeatine, an Marzabotto …
„Das waren keine schönen Erfahrungen“, fuhr der alte Herr sogleich fort. „Bis September ’43 waren wir Verbündete. Und viele von uns hatten italienische Freunde. Es gab engere Beziehungen, ja sogar Liebschaften. Dann, von einem Tag auf den anderen, wurden wir Feinde, Besatzungstruppen.“ Er sagte das ruhig, mit Worten, die viel Zeit gehabt hatten, ihre Bitterkeit zu verlieren. Worte, die vielleicht nötig waren, dachte ich dann, um mich als Gast empfangen zu können.
Für die Italiener ist der 8. September 1943 ein schmerzhaftes und schwieriges Ereignis, das vielleicht noch nicht völlig geklärt, aber zumindest lange diskutiert worden ist. Was aber stellt dieses Ereignis für die Deutschen dar? Welchen Einfluss, auch emotional, hatte es auf die Politik der deutschen Besatzer, die bis zum April 1945 in Italien waren? Und in welchem Maße prägen die Urteile, die sich die Deutschen damals bildeten, weiterhin das heutige Italienbild? Vielleicht könnte hier jene schleichende Entfremdung zwischen beiden Ländern, von der man vor einigen Jahren sprach, eine ihrer Ursachen haben.2Um rekonstruieren zu können, wie die Badoglio-Proklamation samt ihren Auswirkungen und Konsequenzen in Deutschland ‚verdaut‘ worden sind, erscheinen die Berichte derjenigen besonders wertvoll, die diese Ereignisse (oder bestimmte Geschehnisse dieser Zeit) mit eigenen Augen erlebt hatten. Die Erzählungen der Zeitzeugen.
Hätte ich diese Recherche damals nach der Begegnung mit Anjas Großvater begonnen, wäre sie einfacher und fruchtbarer gewesen. Der Impuls zu dieser Arbeit kam jedoch erst viel später, auf Grund der Aktualität sozusagen. Als in Deutschland lebender Journalist, der sich häufig mit den deutsch-italienischen Beziehungen befasste, musste ich feststellen, dass gewisse alte Vorbehalte immer noch Eingang finden in die täglichen Medienberichte. Mehr noch: Sie scheinen immer wieder den Hintergrund zu bilden für das Aufeinanderprallen gegenseitiger Vorurteile, auf deren Austausch die Kommunikation zwischen Rom und Berlin sich gelegentlich reduziert.
Festzustellen ist jedenfalls, dass sowohl in der deutschen Erinnerungsliteratur als auch in historischen Abhandlungen der 8. September 1943 kaum Beachtung findet. Auch wenn der italienische Bündnisbruch nicht zum Gegenstand offizieller Debatten wurde, so stellt er in der deutschen Bevölkerung doch bis heute den Nährboden für eine Skepsis dar, deren Motive sich – wenn auch durch die Zeit gemildert – nicht nur nicht verändert, sondern durch die Nachkriegsgeschichte Italiens scheinbar Bestätigung gefunden haben. Übrigens findet sich seit langem bei den Deutschen die Auffassung von der italienischen Unzuverlässigkeit – noch heute ein sensibler Begriff in der Beziehung zwischen Deutschland und Italien. Schon Bismarck beobachtete mit Misstrauen Italiens Weg der Verwirklichung seiner nationalen Einheit. Später dann mussten die Deutschen den „Verrat“ von 1915 wegstecken, dessen langer Schatten bis in den August 1939 reichte, als das faschistische Italien eine Kriegsbeteiligung hinauszögerte.3
Im September 1943, mitten in einem Krieg, dessen Situation sich von Tag zu Tag verschlechterte, erfuhr die deutsche Öffentlichkeit von der Proklamation Badoglios; man hatte im Grunde schon mit so etwas gerechnet. Die beiden Nationen, die einst Alliierte waren, standen sich nun auf einmal wieder als Feinde gegenüber. Die Besetzung Italiens war für die Deutschen die notwendige Konsequenz dieses Wechsels der Fronten, da nun ihre eigenen Staatsgrenzen bedroht waren, während für die Italiener die Besetzung der entscheidende Auslöser für einen Freiheitskampf war. Das Ergebnis des Krieges sollte dann in der Beurteilung dieser beiden Standpunkte sein Urteil sprechen und Deutschland ging daraus an Leib und mehr noch an seiner Seele zerstört hervor. Die Bilder von Auschwitz hatten den Deutschen, auch jenen, die keine Schuld auf sich geladen hatten, die Möglichkeit genommen, über ihre eigene Trauer, ihr Leid und ihre Enttäuschungen zu sprechen. Das kann man gut verstehen. Damit war es allerdings unvermeidlich, dass bestimmte Themen, über die man nicht offen sprechen konnte, sich nach und nach wie anerkannte Tatsachen oder selbstverständliche Urteile in der vox populi einnisteten.
Wenn man ältere Deutsche fragt, wie sie über das Verhalten der Italiener im September 1943 denken, erhält man gewöhnlich ironische oder süffisante Antworten, Andeutungen eines noch nicht ganz verdauten Unmuts. Gelegentlich auch einen Funken Verständnis. Zwei Ansichten tauchen regelmäßig auf: Nach Aussage der Deutschen sei in militärischer Hinsicht die italienische Abkehr kein Grund zu besonderer Besorgnis gewesen; und moralisch gesehen habe die Kehrtwende von ’43 keine besondere Überraschung dargestellt, da man – sowohl mit Blick auf die Geschichte als auch nach den Erfahrungen jener drei gemeinsamen Kriegsjahre – der Meinung war, dass man sich auf die Italiener nicht verlassen könne.
„Entschuldigen Sie, darf ich Ihnen eine Frage stellen?“
„Nur wenn Du mir nicht irgendeinen Unsinn verkaufen willst …“ Tonfall und Akzent lassen keinen Zweifel: jener Herr, wahrscheinlich jenseits der Achtzig, ist ein Berliner und gehört einer Generation an, die man jetzt nicht mehr so leicht trifft.
„Nein, ich habe nichts zu verkaufen“, antworte ich. „Wenn, dann habe ich etwas zu fragen. Sie haben den Krieg erlebt, nehme ich an.“
„Ich war Adjutant bei der Artillerie; man schickte mich an die Westfront, aber nur für die letzten Monate.“
„Darf ich Sie fragen, ob Sie sich an den September 1943 erinnern können, als die Italiener keine Verbündeten mehr sein wollten?“
„Nein, das dürfen Sie nicht. Das sind alte Geschichten, die keinen mehr interessieren, und außerdem habe ich andere Probleme.“
„Das stimmt nicht, dass das niemanden mehr interessiert“, lasse ich nicht locker. „Und außerdem ist das ein Thema, über das noch nie offen gesprochen worden ist.“
„Man wird darüber nicht in Büchern geschrieben haben“, knurrt der alte Herr, während er sich auf den Weg macht, „aber was passiert ist, war doch klar. Alle hatten eine Vorstellung von der Situation. Im Übrigen haben wir Deutsche den Italienern niemals sehr vertraut, auch schon nicht, bevor sie das Bündnis haben platzen lassen.“
Ich folge ihm, während er auf ein Wohnhaus auf der anderen Straßenseite zuläuft und mir wird klar, dass er nur wenige Meter von dem Supermarkt entfernt wohnt, wo ich ihn angesprochen habe: „Was haben denn Ihre Kameraden über die italienischen Soldaten gesagt? Nach den Berichten einiger Veteranen des Afrika-Korps“, füge ich lächelnd hinzu, „war ihr Ruf als Kämpfer eher umstritten …“
„Wie ich schon sagte, hatten wir nicht viel Vertrauen zu den Italienern, auch auf militärischem Gebiet.“
Er schließt schon das Gartentor, als ich meinen letzten Versuch starte: „Nicht mal eine kleine Plauderei? Würden Sie mir vielleicht Ihren Namen nennen?“
„Nein danke. Wie ich Ihnen schon sagte, interessiert sich für diese Geschichten niemand mehr. Umso weniger tut mein Name hier etwas zur Sache.“
Ganz ähnlich war im Wesentlichen der Kommentar von Wolf Jobst Siedler, dem Gründer des gleichnamigen Verlags, Autor von historischer Literatur und Teilnehmer am Italienfeldzug: „Der Waffenstillstand war kein besonderes Ereignis“, sagte er mir während unseres Treffens in seinem Berliner Haus. „Militärisch gesehen schätzten wir die Italiener nicht sonderlich.“ Und er wiederholte mehrmals diesen Satz: „Nein, von den Italienern hielten wir nicht viel.“
Treuenbrietzen ist eine Kleinstadt in Brandenburg, etwa siebzig Kilometer südwestlich von Berlin. Hier erschossen die Nazis am 26. April 1945, als sowjetische Truppen den Ort erreichten, 127 italienische Häftlinge, die bis zu diesem Moment als Zwangsarbeiter in der hiesigen Munitionsfabrik arbeiteten. Wegen dieses Massakers, über das man lange Zeit geschwiegen hatte, entwickelte sich in den letzten Jahren zwischen Italien und Treuenbrietzen ein kultureller Austausch.
Aus dem gleichen Grund hatte Friedel Mihm, damals 62 Jahre alt, ein pensionierter Angehöriger der Bundeswehr und seit einigen Jahren Bürger von Treuenbrietzen, mir angeboten dabei behilflich zu sein, ein Treffen mit einigen älteren Herren aus diesem Ort zu arrangieren.5Aber der Hauptgrund für die Hilfsbereitschaft von Mihm lag in der Geschichte seiner Familie, die vom Krieg und den Ereignissen in Italien betroffen war.
„Ich entstamme der zweiten Ehe meines Vaters“, erzählte er, während wir vor dem gemeinsamen Treffen einen Tee tranken. „Mein Vater war damals 59 Jahre alt und hatte schon andere Söhne aus der ersten Ehe. Daher waren meine Brüder etwa 20 Jahre älter als ich und gingen alle in den Krieg.“ Einer, berichtete er, fiel; ein anderer war an der Front in Italien – und sei später nie wieder in dieses Land zurückgekehrt, und das sei kein Zufall gewesen. „Mein Bruder Karl hat in Italien gekämpft, auch in Montecassino. Er erzählte mir von einem seiner italienischen Kameraden, mit dem er viel Zeit verbracht hatte und der ihm eines Tages sagte: ‚Karl, ab morgen werde ich auf Dich schießen, wenn ich Dich sehe. Ich stehe jetzt auf der anderen Seite, ich bin ein Partisan‘. Mein Bruder sagte, dass er diese Sätze schon verstehen konnte, weil sie irgendwie einer Idee von Aufrichtigkeit verpflichtet waren. Aber zu schweigen, oder schlimmer noch, zu lügen, wie es Badoglio nach der Vereinbarung des Waffenstillstands getan hatte, war für ihn unvorstellbar. Auf jeden Fall wollte Karl nach dem Krieg nicht mehr nach Italien zurückkehren, wenn er auch zu zwei italienischen Arbeitern, die zur Belegschaft seiner Firma gehörten, ein sehr gutes Verhältnis hatte. Aber dorthin wollte er keinen Fuß mehr hinsetzen.“
„Mindestens bis in die Mitte der 60er Jahre war das Bild vom Italiener als „Verräter“ in Deutschland ziemlich verbreitet. Praktisch ein Gemeinplatz.“
Es ist Heinz Ruhle, der das sagte, Jahrgang 1933 und einer der Zeitzeugen, die ich in Treuenbrietzen traf. Er war zu jung, um eingezogen zu werden, und erlebte so damals in seinem Ort die Exekution der italienischen Gefangenen. Er könne sich gut an den Berg von Leichen erinnern: Er war zwölf Jahre alt und half dabei, sie zu begraben.
„Mein älterer Bruder hatte am Krieg in Italien teilgenommen, wo er auch eine Verlobte hatte“, schilderte er. „Er war Jagdflieger und hatte die Aufgabe, Schiffskonvois auf dem Weg nach Afrika zu schützen. Er erzählte, dass die Beziehungen zu den Italienern sehr gut waren, sowohl zu den Soldaten als auch zur Zivilbevölkerung. Von ihm habe ich tatsächlich niemals das Wort ‚Verrat‘ vernommen, auch nicht von seinen Kameraden; sie sprachen jedoch, das schon, von der Unzuverlässigkeit auf dem Schlachtfeld. Es gab verschiedene gemischte Einheiten während des Krieges, die von Italienern und Deutschen gebildet wurden, und unsere Leute beschwerten sich über die geringe Zuverlässigkeit des Verbündeten: Sie berichteten, dass die Italiener bei einem Angriff gerne das Weite suchten, oder wenigstens uns Deutsche vorauslaufen ließen. Aber über Italien wussten wir im Grunde sehr wenig.“
Die Nachrichten, sagte mir Ruhle, beschränkten sich in Wirklichkeit auf die Sondermeldungen, das heißt auf mehr oder weniger wichtige Meldungen über die Ereignisse an der Front. Und auch das große Interesse an dem Waffenstillstand hielt nicht lange an. Für einige Tage war Italien auf allen Titelseiten und Gegenstand von Artikeln, die den „Verrat“ brandmarkten und ihn als „unerhörte Niedertracht“ anprangerten. Dann ließ die Aufmerksamkeit allmählich nach, die Medien wandten sich hauptsächlich wieder den Ereignissen an der Ostfront zu und die Berichterstattung über Italien beschränkte sich auf einzelne Kämpfe, wie die von Anzio oder Montecassino, oder man berichtete über einige Aktionen der „Terroristen“, wie zum Beispiel das Attentat in der Via Rasella in Rom.
„In unserer Wahrnehmung“, erklärte Ruhle, „war Italien weniger ein Verbündeter als vielmehr so etwas wie unser Eigentum, etwas, über das wir die Vormundschaft hatten. Über die Lage in Italien wussten wir wirklich wenig oder gar nichts. Und die Propaganda des Regimes war eine Maschinerie für Gehirnwäsche. Sie diente hauptsächlich dazu, Hass und Vorurteile zu nähren. Vorurteile, die vielleicht auch heute noch nicht ganz verschwunden sind.“
Seine Interpretation der Ereignisse überzeugte den anderen Teilnehmer des Treffens, Hans Baatz, keineswegs. Baatz, Jahrgang 1927, wurde im Februar 1945 eingezogen und sogleich an die inzwischen sehr nahe Ostfront geschickt. „Das waren keine Vorurteile“, schaltete sich Baatz ein. „Italien und Deutschland waren Verbündete und es gab ein Abkommen, das gebrochen worden ist. Das richtige Wort dafür ist ‚Verrat‘. Ich war nicht in Italien, ich habe in der Tschechoslowakei gekämpft und wurde dort verwundet, aber ich habe verschiedene Kriegskameraden kennengelernt, die an der italienischen Front gewesen sind. Sie erzählten mir von dauernden Verteidigungskämpfen, von Rückzugsgefechten und der ständigen Angst, dass da jemand sein könnte, der hinterrücks auf dich schießt. Das war die Folge einer ganz klar zu benennenden Situation, nämlich der eines Verrats. Das Problem der deutschen Soldaten in Italien war letztlich, dass sie nicht mehr wussten, in welche Richtung sie schauen sollten: vorne waren die Amerikaner, hinter deinem Rücken konnte gleichzeitig ein Partisan sein. Und unsere schlimmsten Feinde waren die Partisanen.“
Während ich zuhörte, kam mir der Gedanke, dass während der Besetzung Italiens dieses Selbstbild, Opfer eines Verrats geworden zu sein, dazu beigetragen haben könnte, Rachegefühle unter den Deutschen zu erzeugen, bis hinab in die untersten Reihen der Vollstrecker.
Heinz Ruhle ergriff wieder das Wort: „An einen Tag kann ich mich sehr gut erinnern, und zwar, als der Duce befreit wurde.“
Die Befreiung Mussolinis durch Skorzeny am 13. September 1943 war auf den Titelseiten aller Zeitungen. „Der Duce wurde befreit. Sensationeller Handstreich deutscher Fallschirmtruppen, des Sicherheitsdienstes und der Waffen-SS. Ganz Europa jubelt über diese Befreiungstat“6, so titelte z.B. die Deutsche Polarzeitung, eine damals auf Deutsch erscheinende Tageszeitung in Norwegen und Finnland.
„Die Deutschen waren sehr glücklich, auf den Straßen herrschte Festtagsstimmung“, erinnerte sich Ruhle. Dennoch habe sich in Deutschland die Nachricht der Inhaftierung des Duce am 25. Juli zunächst nicht verbreitet. „Wir haben nicht gewusst, dass Mussolini vorher gefangen genommen worden war. In Treuenbrietzen bekam man keine Tageszeitungen, es gab nur ein Lokalblatt, Der Streiter für Volk und Heimat. Im Übrigen hatten die Leute weder Zeit noch Lust gehabt sich zu informieren: Der Krieg wurde ja jeden Tag schlimmer. Die laufenden Bombenangriffe, das karge Essen … Auf jeden Fall hatte man an anderes zu denken. Aber wir wussten, dass der Duce ein guter Freund des Führers war und dass er von unseren Soldaten befreit worden war. Auf jeden Fall war das eine wunderbare Nachricht. Und alle waren glücklich und stolz darüber.“
Bevor Adolf Hitler sich an seine Landsleute wandte, um die Hintergründe und Folgen der Badoglio-Proklamation zu erklären, hatte er vorsichtshalber fast zwei Tage verstreichen lassen; dann schließlich hielt er, von Joseph Goebbels gedrängt, am Abend des 10. September eine lange Rede im Großdeutschen Rundfunk, die am folgenden Tag ungekürzt von fast allen Zeitungen wiedergegeben wurde.7Erst an diesem 10. September erfuhren die Deutschen durch einen Insider-Artikel, der identisch als Aufmacher in verschiedenen Zeitungen erschienen war, dass Mussolini am 25. Juli nicht nur durch Badoglio als Ministerpräsident ersetzt, sondern außerdem in einer Privatresidenz des Königs Vittorio Emanuele III. unter Arrest gestellt worden war.
Sechs Wochen zuvor hatte das Regime aus durchschaubaren politisch-militärischen Gründen die Absetzung des Duce quasi als eine normale Amtsübergabe dargestellt, ohne Hinweis auf sein persönliches Schicksal. Schon am 12. September jedoch wurde Mussolini auf dem Gran Sasso durch ein deutsches Kommando befreit und unter der Führung des Piloten und Vertrauten Hitlers, des SS-Hauptsturmführers Otto Skorzeny nach Deutschland geflogen. Wie diese Aktion möglich gewesen war, ohne dass das deutsche Kommando auf irgendeinen Widerstand stieß (außer der Tatsache, dass der Forstaufseher Pasqualino Vitocco und der Carabiniere Giovanni Natale beim Versuch, Alarm zu schlagen, ihr Leben verloren), ist bis heute noch nicht restlos geklärt. Fraglos jedoch wusste der Führer die Operation so zu lenken, dass sie ein voller Propaganda-Erfolg wurde.
Am Ende des Tages, nach dem Gespräch mit den beiden Zeitzeugen, begleitete mich Friedel Mihm zu jenem Ort, wo die 127 Italiener erschossen worden waren, einem Steinbruch etwa sechs Kilometer außerhalb von Treuenbrietzen. Zwei Gedenksteine erinnern an das Massaker: einer wurde von der DDR aufgestellt, der andere sehr viel später von der italienischen Republik.
„Als Rechtfertigung für die Exekutionen sagte man damals, die Italiener hätten gestohlen“, erklärte Mihm. „Meiner Meinung nach hat man sie jedoch einfach umgebracht, weil sie zu diesem Zeitpunkt im Wege waren. Die deutschen Soldaten waren auf dem Rückzug Richtung Berlin, die Russen verfolgten sie schon in kurzem Abstand und jene Gefangenen waren nun ein Problem, das man schnell loswerden wollte.“
Bei Sonnenuntergang kehrten wir zurück und mein Tag in Treuenbrietzen neigte sich dem Ende zu. Ich bedankte mich bei Friedel Mihm, der mich aufforderte, seine Hand zu drücken. „Sehen Sie? Wenn man sich in Deutschland die Hand gibt, bedeutet das, dass man sein Wort gegeben hat, dass eine Sache beschlossen ist“, erklärte er. „Früher einmal wurde der Handschlag vom Gesetz anerkannt. Das kennzeichnet unsere Mentalität.“
Worauf sich das bezog, war offensichtlich: „Soll das heißen, dass der 8. September für die Deutschen eine schwere Kränkung gewesen ist?“ „Ja, genau so ist es.“
Was die hier behandelte Geschichte auszeichnet ist die Tatsache, dass sie bis heute noch nicht erzählt wurde. Dass es sich also sozusagen um eine fehlende Version handelt. Damit meine ich, dass das historische Ereignis 8. September 1943 aus dem Blickwinkel der Deutschen bis heute keine historiographische Beachtung gefunden hat. Das hat seine Gründe: Deutschland, das der schlimmsten Verbrechen für schuldig erklärt und außerdem für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich gemacht wurde, sprach man nach 1945 jegliches Recht ab, seine Stimme zu erheben, es sei denn in Form von Geständnissen oder Selbstkritik. Ein Verhalten, das sicherlich verständlich war, und die Deutschen fügten sich, ohne allzu sehr Einspruch zu erheben, vielleicht auch, weil sie das Schweigen für eine auf jeden Fall nötige Aufarbeitung als angemessen empfanden.
Auch deshalb gibt es wahrscheinlich über den Bruch der Allianz zwischen Italien und Deutschland so wenig deutsche Literatur. Diese gesamte Erfahrung und die Art und Weise, wie die Deutschen 1943 auf Italien geschaut haben, ist deshalb fast ausschließlich „Volkes Stimme“ überlassen worden, den Vorurteilen und dem Spott, den Andeutungen und Bemerkungen zwischen den Zeilen. Und dies zum Teil, weil nach Ansicht der Deutschen der italienische Soldat in einer Schlacht gewöhnlich „einen Schritt vor und zwei zurück“ machte, und außerdem, weil der Schuldige sich so sehr schuldig gemacht hatte, dass er kein Recht mehr zu besitzen schien, etwas zu erzählen. Erst recht in einem Fall wie diesem, bei dem die Rollen durcheinandergeraten waren und der Täter auch der ‚Verratene‘ war.
Während also in Italien der 8. September in der Geschichtsschreibung und der Literatur aus einer Perspektive betrachtet wurde, die sich an der Entstehung der Resistenza orientierte, so hat man in Deutschland, wenn auch mit gewichtigen Unterschieden zwischen Bundesrepublik und DDR, dieses Datum auf offizieller Ebene im Wesentlichen stillschweigend übergangen. Es finden sich manche Spuren in Kriegserinnerungen, die in Deutschland nach 1945 erschienen sind, und einige davon haben wir im Verlauf dieser Untersuchung berücksichtigt.8Darüber hinaus wurde durch Nachforschungen in privaten Manuskripten, Zeitschriften jener Zeit und persönlichen Zeugnissen eine umfangreichere Bibliographie zusammengestellt. Im Anschluss folgt eine kurze Erläuterung der wesentlichen Quellen, die benutzt worden sind, und der Kriterien, denen bei der Bearbeitung dieses Themas gefolgt wurde.
Viele interessante Bezüge, die deutlich machen können, in welcher Weise der sogenannte Mann von der Straße das Verhältnis zu Italien vor dem 8. September 1943 und danach betrachtet hatte, finden sich in einem umfangreichen Werk, das in Italien kaum bekannt ist: Es handelt sich um die siebzehn Bände der Meldungen aus dem Reich9, in einer preiswerten Ausgabe 1984 erschienen, in denen quasi tägliche Meldungen und Berichte versammelt sind, die zwischen 1938 und 1945 vom Sicherheitsdienst bzw. SD, also dem Geheimdienst der SS verfasst worden waren, um die Stimmung in Deutschland zu erfassen. Aus jedem Winkel des Landes unterrichteten die Agenten des Sicherheitsdienstes, quasi als Gesellschaftsreporter, Berlin über den Stand und die Tendenzen der öffentlichen Meinung, notierten die Reaktionen auf Zeitungsmeldungen oder auf die jüngste Wochenschau, informierten über Berichte der Soldaten, die Heimaturlaub hatten, berichteten über Witze, Gerüchte und Befürchtungen, die man auf der Straße, in Kneipen, in Warteräumen von Bahnhöfen hören konnte.
Wenn auch der endgültige Text die Handschrift der Chefredakteure des Sicherheitsdienstes trägt, stellen die Meldungen doch eine noch kaum ausgeschöpfte Fundgrube an Informationen über die allgemeine deutsche Befindlichkeit während der Naziherrschaft dar. Hier findet man deshalb unter anderem reichlich Anhaltspunkte (Meinungen, Gefühle, Witze und Redensarten aller Art) darüber, was man vom engsten, vom ‚Herzens‘-Verbündeten Hitlerdeutschlands, also von Mussolinis Italien hielt. Hier entdeckt man auch, gleichzeitig mit dem schwindenden Kriegsglück Deutschlands und dem immer schlechter werdenden Verhältnis zwischen Propaganda und Bürgern, die vorsichtigen Versuche der Berichterstatter und Analysten des Sicherheitsdienstes, der Regierung eine andere Informationspolitik zu empfehlen, die sich eher an die Fakten halten und weniger die Medien manipulieren sollte.
Eine wichtige Informationsquelle stellen die Tagebücher 1924–1945 von Joseph Goebbels dar, dem Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda. Eine Chronik, die im Vergleich zu den Meldungen aus einer ganz anderen Welt stammt; und zwar aus jenen oberen Etagen, in denen die öffentliche Meinung analysiert und gesteuert wurde. In den Tagebüchern von Goebbels, die in Deutschland in verschiedenen Ausgaben10, in Italien jedoch praktisch noch nicht erschienen sind, erhält man Einblick in die Gestaltung des Verhältnisses zum italienischen Verbündeten auf der höchsten politischen Ebene, also noch über jener des Außenministers Joachim von Ribbentrop.
Man stellt überrascht fest, mit welchem Eifer Goebbels, der sich darüber im Klaren war, dass die Italiener schon in den ersten Kriegsmonaten in der öffentlichen Meinung der Deutschen nicht gerade den besten Ruf genossen, sich darum bemühte, die Presse zur Darstellung des Gegenteils zu bewegen. Er wies zum Beispiel `seine Mitarbeiter an – und hier erweisen sich die Abschriften der Ministerkonferenzen von Goebbels, die durch Boelcke11herausgegeben wurden, für uns als besonders nützlich –, stets zusammen mit den deutschen militärischen Erfolgen auch den italienischen Beitrag zu unterstreichen.
Das galt sogar dann, wenn es diesen italienischen Beitrag nicht oder nur in geringem Maße gegeben hatte, wie zum Beispiel den am Ende des Frankreichfeldzugs vom cavaliere Mussolini gewählten Zeitpunkt für einen nicht gerade kavaliersmäßigen Kriegseintritt. Auch offenbart die Lektüre der Tagebücher – so wie auch, unter anderem Vorzeichen, die der Meldungen –, wie sich bei Goebbels die Wahrnehmung Italiens im Laufe der Zeit veränderte: 1937 noch begeistert, verfolgte er als Behüter des Italienbildes in Deutschland mit zunehmendem Verdruss das Verhalten des Verbündeten in Frankreich, in Afrika, in Griechenland solange, bis er am Ende dessen gehässigster Verleumder wurde.
Wenn in Deutschland zu dem Thema der vorliegenden Arbeit insgesamt auch wenig veröffentlicht wurde, so sind doch in privaten Dokumenten einige Erinnerungen überliefert, häufig für die Familie niedergeschrieben, nicht selten erst fünfzig Jahre nach den erzählten Ereignissen. Etliche von ihnen haben Eingang in jenes enzyklopädische Projekt Echolot gefunden, dem kollektiven „Tagebuch einer Nation“, das der Schriftsteller Walter Kempowski Ende der siebziger Jahre ins Leben gerufen hat. Die Idee besteht darin, die deutsche Geschichte von 1941 bis 1945 Tag für Tag zu erzählen, wobei man sich den unterschiedlichen individuellen Blickwinkeln anvertraut.
Mit diesem Archiv unveröffentlichter Biografien wandte sich Kempowski an die Deutschen und lud sie dazu ein, ihre persönlichen Erinnerungen an die Kriegszeit beizusteuern. Sehr viele beteiligten sich und das Archiv, das in die Stiftung Archiv der Berliner Akademie der Künste übergegangen ist, wuchs sehr rasch und ist heute reich an Dokumenten.
In dem Archiv sind Notizen, Zeugnisse, Briefstellen und Tagebücher von teils bekannteren, jedoch viel häufiger von unbekannten Personen versammelt: vom Offizier, der auf der Krim stationiert war genauso wie von der Bonner Hausfrau oder dem Berliner Journalisten etc. Der erste Teil dieses Werkes erschien 1993; drei weitere Teile folgten bis zum Jahre 2005 – dem 60. Jahrestag des Kriegsendes –, in dem Kempowski die Sammlung für beendet erklärte. Zwei Jahre später starb Kempowski; in dem Berliner Archiv der Stiftung liegen deshalb noch immer viele unveröffentlichte Dokumente, darunter Erinnerungen von deutschen Soldaten, die zwischen August 1943 und April 1945 in Italien waren. Im vorliegenden Buch werden Auszüge einiger dieser Manuskripte wiedergegeben.
Ein guter Teil der Dokumente, auf denen diese Untersuchung gründet, stammen aus der Presse jener Zeit. Die Artikel, die vor allem den Tageszeitungen Deutsche Allgemeine Zeitung, Völkischer Beobachter, Deutsche Volkszeitung, Deutsche Polarzeitung und der Illustrierten Der Angriff entnommen sind, wurden größtenteils in der Zeitungsabteilung der Berliner Staatsbibliothek am Westhafen eingesehen.
Eine für mich besonders wichtige Informationsquelle waren die Zeitzeugen. Es handelte sich zum größten Teil um deutsche Veteranen, von denen einige damals in Italien waren oder mit italienischen Soldaten zu tun hatten. Diesen Personen möchte ich wegen ihrer Liebenswürdigkeit und wegen des Vertrauens, das sie mir entgegenbrachten, besonders danken.12
Von dem Material, das von diesen Treffen herrührt, habe ich unterschiedlich Gebrauch gemacht, immer jedoch versucht, es so wiederzugeben, wie ich es aufgenommen hatte, d.h. in Form eines Gesprächs oder Interviews. Ich habe es vorgezogen, Behauptungen und Antworten, unabhängig davon, ob ich sie für wahr halte oder nicht, wiederzugeben, mir aber die Möglichkeit vorbehalten, das ein oder andere in einer Anmerkung zu kommentieren.
Nicht immer erscheinen die wahren Namen der Zeitzeugen, und in einigen Fällen sind sie so verändert worden, dass es den Erzählfluss nicht störte, aber eine Identifizierung des Interviewten unmöglich machte und zwar, weil ich von einigen meiner Gesprächspartner darum gebeten wurde: „Bitte sagen sie: ‚ein Zeitzeuge‘, nur ‚ein Zeit zeuge‘!“ In den meisten Fällen war es mir möglich, den Betreffenden selbst, oder aber Verwandten bzw. anderen mit der Sache vertrauten Personen das gedruckte Interview auf Italienisch oder Deutsch zur Lektüre vorzulegen.
Zur Übersetzung
In der deutschen Übersetzung dieses Buchs werden alle Zitate deutscher Quellen wieder im Originalwortlaut wiedergegeben. Im Falle der italienischen Quellen wurden, wenn vorhanden, bereits veröffentlichte Übertragungen ins Deutsche verwendet; ansonsten stammt die Übertragung von den beiden Übersetzern.
„Eigentlich kann ich nicht viel zu dem Thema Ihrer Untersuchung sagen. Natürlich hatte man nach 1943 über die Italiener kein gutes Wort mehr gehört: Es wurde gesagt, dass man sich nicht auf sie verlassen könne; dass sie Verräter seien. Das war die Auffassung, die die Deutschen über den ehemaligen Verbündeten in jenen Jahren hatten, wenigsten nach dem 8. September 1943. Im Übrigen standen wir alle, und zwar massiv, unter dem Einfluss der Nazi-Propaganda.“
Es ist Siegfried Bock, der hier zu Wort kommt. Bock, Jahrgang 1926, geboren in Meerane in Sachsen, war Diplomat im gehobenen Dienst der DDR. 1944, gerade 18 Jahren alt, wurde er eingezogen und an die Ostfront geschickt, die inzwischen bereits in Polen lag. Er blieb dort bis März 1945, wurde in den Kämpfen um Breslau verwundet und in ein Lazarett eingeliefert, geriet dann in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Auf Grund seines Alters und seines Rangs – als einfacher Soldat der Wehrmacht – blieb dem jungen Siegfried eine längere Gefangenschaft erspart; er erhielt am Ende des Krieges nach seiner vollständigen Genesung die Erlaubnis, nach Deutschland zurückzukehren. Von 1947 bis 1950 studierte er Jura in Leipzig und trat dann 1951 in den Dienst des Außenministeriums der DDR. 1962 wurde Bock Botschaftsrat in Rumänien, eine Funktion, die er bis 1966 innehatte. Von 1972 bis 1975 nahm er – zeitweise auch als Chef der DDR-Delegation – an der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) teil, heute OSZE. 1977 kehrte er nach Rumänien zurück, diesmal als Botschafter, und blieb dort bis 1984. 1988 wurde er Botschafter in Jugoslawien, wo er seine letzten beiden Dienstjahre verbrachte. Die Auflösung der DDR im Jahre1990 fiel mit seiner Pensionierung zusammen. Von 1993 bis 2007 war Siegfried Bock Präsident des Verbands für Internationale Politik und Völkerrecht, dessen rege Veröffentlichungsarbeit unter anderem eine Untersuchung und Darstellung der Außenpolitik der DDR zum Ziel hat. Das folgende Gespräch mit dem Botschafter Siegfried Bock fand an einem Vormittag im Sommer 2010 in seiner Berliner Wohnung statt.
Herr Bock, was dachte man über die Italiener vor dem 8. September? Es scheint ja, als ob schon während des Afrika-Feldzugs wenig schmeichelhafte Ausdrücke über sie kursierten …
„Ganz richtig. Schon während des Afrikakrieges fing es an, dass die Deutschen von den Italienern keine besonders gute Meinung hatten.“
Wurde Ihrer Ansicht nach dieser schlechte Ruf durch die Medien gefördert oder entstammte er den Auffassungen und Urteilen der Bevölkerung?
„Alles beides. Die Presse hatte sicherlich ihren Teil dazu beigetragen, indem sie über dieses Thema schrieb und die öffentliche Meinung beeinflusste; die Propaganda hatte eine große Rolle gespielt. Die Folge war, dass die breite Masse der Bevölkerung tatsächlich von Italien nicht allzu viel gehalten hat. Schon 1942 gab es hier die Diskussion um den Einsatz der italienischen Soldaten an der Ostfront: Und schon da wurde die Linie vertreten, die Italiener hätten die Front aufgemacht, so dass die Russen also reinstoßen konnten. Italien und seine Soldaten galten kurz gesagt in der öffentlichen deutschen Meinung als unzuverlässig.“
War das auch der vorherrschende Tenor in der deutschen Presse?
„Sicherlich hing der schlechte Ruf der Italiener, wie ich schon sagte, auch mit der Tagespresse zusammen, und das blieb meiner Meinung nach ab ’43 im wesentlichen auch weiter so.“
Spielten Ihrer Meinung nach auch die Erinnerungen an die Ereignisse 1915 eine Rolle?
„In jenen Jahren war der Erste Weltkrieg noch sehr präsent, auch wenn er schon einige Zeit zurücklag. Deshalb spielte auch dieser Faktor bei der Zuschreibung der Unzuverlässigkeit keine geringe Rolle. Und damals hatte es ja auch schon Probleme mit den Italienern gegeben. Verstehen Sie mich richtig: Ich habe diesen Standpunkt niemals geteilt; ich erzähle nur, wie das Denken damals war. Und ich glaube, dass sich in den Jahren zwischen 1915 und 1943, und wenn Sie so wollen bis 1945, ein Italienbild geformt hat, das auch heute noch in den Köpfen spukt. Viele Deutsche, vor allem die älteren, haben immer noch ein bisschen Vorbehalte gegenüber Ihrem Land.“
Heute noch?
„Ja. Warum, haben Sie einen anderen Eindruck bekommen?“
Nein, ich sehe das auch so. Und auf was beziehen sich heute diese Vorbehalte genau?
„Zuallererst, nicht besonders zuverlässig zu sein, leichtlebig; nicht alles so genau zu nehmen; ein ‚mediterraner‘ Lebensstil eben.“
Und wie hat sich Ihrer Ansicht nach das Italienbild in Deutschland zwischen 1915 und 1945 gewandelt?
„In den dreißiger Jahren war das Verhältnis zwischen Italien und Deutschland gut und wurde nach und nach immer enger. Sicher, 1934 gab es wegen Österreich Spannungen zwischen beiden Ländern, aber die Affäre wurde rasch entschärft. Die Deutschen glaubten, dass die politischen Entwicklungen Italiens der zwanziger Jahre Hitler beeinflusst hatten und dass er sich daran orientierte. Auch heute glaube ich, wie übrigens viele, dass der Nationalsozialismus seine Entstehung zu einem guten Teil dem italienischen Experiment verdankte. Der Faschismus und seine führenden Vertreter – Mussolini, Ciano, Balbo – hatten auf die Deutschen Eindruck gemacht; auch mir selbst als kleinem Jungen damals, erschien die Achse Rom-Berlin als eine politische Bewegung, mit deren Hilfe beide Länder wieder stark werden konnten. Italiener und Deutsche kämpften dann zwischen 1936 und 1939 gemeinsam in Spanien, aber man sah damals – meiner Meinung nach – dieses Ereignis mit anderen Augen als im Nachhinein: Ich will damit sagen, dass man heute dazu neigt, Spanien als den ersten Versuch eines wirkungsvollen Bündnisses zwischen Nationalsozialisten und Faschisten zu betrachten. Stattdessen ging es meiner Ansicht nach darum, dass Deutschland und Italien aus ähnlichen Motiven ein Versuchsfeld für weitere und zukünftige Unternehmungen benötigten. Diese ganze Frage der Unzuverlässigkeit und des Verrats ist dann erst im Laufe des Zweiten Weltkrieges entstanden. Sicherlich gab es einige, die das Verhalten der Italiener in Abessinien verurteilt haben, doch das waren einzelne Stimmen, die weder von der Bevölkerung aufgegriffen wurden, noch irgendwelchen Einfluss hatten. Im Gegenteil, jener Kriegseinsatz – im Übrigen siegreich – wurde allgemein als Beitrag zur Zivilisierung und als Fortschritt verstanden. Die Stimmung kippte jedoch im Verlauf des Krieges 1939 –45: Vor allem die Art und Weise, wie der deutschen Öffentlichkeit das Handeln der italienischen Truppen an der Ostfront vermittelt wurde, trug doch wesentlich zum negativen Ansehen der Italiener und zu der Überzeugung bei, dass man mit ihnen keine Kriege gewinnen könne.“
Fand dieser Meinungsumschwung vor oder nach Stalingrad statt?
„In der Masse der Bevölkerung ist diese Ansicht nach Stalingrad zu einem Allgemeinplatz geworden, als allen die Tragweite der deutschen Niederlage klar geworden ist. Natürlich hat auch der Versuch des Regimes, die Schuld für das Geschehen Anderen in die Schuhe zu schieben, keine kleine Rolle gespielt: sowohl den Italienern als auch den Rumänen wurde vorgeworfen, dass sie gar nicht richtig hätten kämpfen wollen. Es war wahrscheinlich ein schleichender Prozess der Abkehr von Italien, der zwischen ’39 und ’43 stattgefunden hat.“
Könnte man sagen, dass sich eine erste Distanzierung im September 1939 ereignete, das heißt also beim Ausbruch des Krieges und dem Ausbleiben der italienischen Beteiligung?
„Wahrscheinlich ja, auch wenn in der allgemeinen Begeisterung angesichts der ersten großen Erfolge Deutschlands dieses fehlende Eingreifen im Hintergrund blieb und dem keine besondere Bedeutung beigemessen wurde. In dieser Situation dachten die Deutschen, dass sie das alleine schaffen; die Frage von Verbündeten spielte da keine große Rolle. Im Übrigen haben die Deutschen zwischen ’39 und ’40 tatsächlich den Krieg alleine geführt. Als aber der Konflikt immer mehr zu einem Abnutzungskrieg wurde, waren sie gezwungen, sich immer mehr auf die Verbündeten zu stützen; eine Notwendigkeit, die im Verlaufe des Krieges immer dringlicher wurde.“
Es gibt die These, dass der entscheidende Moment in dieser Phase die Schlacht von Dünkirchen gewesen sein soll.
„Ich halte Dünkirchen nicht für so entscheidend. Im Übrigen wäre es nicht so leicht gewesen, dreihunderttausend Soldaten mit Kriegsausrüstung ins Meer zu jagen. Ich glaube, dass das Hitlerregime damals die feindlichen Truppen bestimmt aufgerieben hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre. Es wird heute gerne so begründet, dass man Großbritannien Luft lassen wollte, dass man es nicht erniedrigen wollte, aber da habe ich meine Zweifel: Ich denke hingegen, dass die Deutschen den Engländern so sehr schaden wollten wie nur möglich, und dass sie es nicht gemacht haben, weil es einfach nicht möglich war.“
Also halten Sie den Ausgang von Dünkirchen für eine militärische und nicht für eine politische Entscheidung?
„Bestimmt war auch von entscheidender Bedeutung, dass für Hitler die Ostfront viel wichtiger war, auch wenn sie erst noch eröffnet werden musste; und sicherlich hatte er auch an die Möglichkeit gedacht, sich mit den Westmächten noch zu verständigen, um vielleicht noch ein Bündnis gegen Russland in der Hand zu haben. Aber ich zweifle doch sehr, dass Hitler auf dreihunderttausend Gefangene verzichtet hat, um eine gute Tat zu tun.“
Erinnern Sie sich daran, welche Reaktionen es in Deutschland am 25. Juli 1943 gab, als Mussolini abgesetzt wurde?
„Also, soweit ich mich erinnere, löste die Befreiung Mussolinis, das Werk von Otto Skorzeny, ein größeres Echo aus als sein Sturz. Nicht wenige Deutsche glaubten, von nun an würde Italien wieder ein stabilerer und entschiedenerer Verbündeter sein: ein Ergebnis der Propaganda natürlich und ein großer Erfolg! Aber zu dieser Zeit lagen unsere eigentlichen Probleme wo ganz anders: die Situation an der Ostfront, die andauernde Bombardierung der deutschen Städte… Dass die Front im Süden hingegen – Griechenland, Italien – nicht entscheidend sein würde, wussten wir von Anfang an.“
Sie sind 1944 eingezogen worden, als Italien bereits zweigeteilt war und im Norden die Republik von Salò bestand. Welche Vorstellung hatte man – Sie und Ihre Kameraden – von dieser „Italienischen Sozialrepublik“? Und hat man etwas über den Partisanenkampf gehört?
„Wir waren Soldaten an der Ostfront und hatten – mal abgesehen davon, dass wir praktisch über keine Informationsquellen verfügten – schon genug mit russischen oder polnischen Partisanen zu tun, um uns auch noch für die italienischen zu interessieren. Ein Freund aber, ein Kamerad, der bereits vor 20 Jahren gestorben ist und der in Italien gekämpft hatte, erzählte mir von einigen Vorkommnissen. Nur diejenigen Soldaten, die tatsächlich dabei waren, wussten etwas über die Kämpfe gegen die Partisanen und kannten den Ablauf bestimmter Aktionen. In Deutschland sprach man nach dem Krieg über solche Dinge nicht, vor allem als Vorsichtsmaßnahme und aus Selbstschutz.“
Wo wurde darüber nicht gesprochen? In der DDR oder in ganz Deutschland?
„In ganz Deutschland vermied man es, darüber zu sprechen; in der DDR wäre es vielleicht sogar noch gefährlicher gewesen. In Westdeutschland wurden diese Dinge aus der Zeit des Krieges meistens als Kavaliersdelikte betrachtet, für die man nicht vor ein Gericht gestellt worden wäre.“
Gab es Unterschiede zwischen Ost und West in Bezug auf die Haltung zur Rolle Italiens im Krieg?
„Aber natürlich: In der DDR zum Beispiel bekam der Begriff des ‚Verrats‘ einen ganz anderen Aspekt, weil der Waffenstillstand von Badoglio 1943 vielmehr als Bruch mit Hitler als mit Deutschland verstanden und deshalb positiv gesehen wurde. Was im Osten insgesamt als Erkenntnisprozess und als mutige Rückkehr zur Vernunft galt, wurde im Westen völlig anders, ja entgegengesetzt beurteilt.“
Diese Frage des ‚italienischen Verrats‘ war im Nachkriegsdeutschland aber doch eine verbreitete Auffassung innerhalb der Bevölkerung und niemals offizielle Position des Staates.
„Na gut, aber wenn Sie sagen: des Volkes Stimme, so ist das nicht ohne Zutun der politischen Führung gewesen. Die ganze Problematik des Faschismus und des Krieges wurden im Osten völlig anders behandelt als im Westen. In der DDR dachten wir alle, wenn auch ohne rechten Grund, wir wären Teil der Anti-Hitler-Koalition und wir waren nicht bereit, irgendeine Verantwortung für das zu übernehmen, was durch den deutschen Faschismus in der Welt geschehen war. In der Bundesrepublik hingegen bekannte man, dass unser Land schuldig war, fügte aber hinzu, dass auch die anderen Länder eine Mitverantwortung trügen. Man hatte daher auch verschiedene Vorstellungen davon, was in Italien passiert war. Selbstverständlich hat sich dann einiges geändert im Laufe der Zeit; im Westen z.B. wandelte sich nach dem Kriege das Italienbild ganz und gar zu dem eines Traumlandes, wo die Leute zu leben verstehen und wo man gerne Urlaub macht. Ein Reiseziel eben. Die älteren Generationen, die den Zweiten Weltkrieg mitgemacht hatten, und vielleicht auch den Ersten, spielten dabei nicht mehr die entscheidende Rolle.“
War denn die italienische Frage ein Thema in der DDR?
„Ja natürlich. Als man zu erklären versuchte, was genau das Ende des Faschismus herbeigeführt hatte, hob man unter anderem die Tatsache hervor, dass Italien an einem bestimmten Punkt das faschistische Bündnis verlassen hatte. Ein Ereignis, das mit Sicherheit den Kriegsverlauf beeinflusst hatte, und das uns als solches immer bewusst war. Im Westen sah man das, wie ich schon sagte, etwas anders.“
Nach dem 8. September 1943 also war die überwiegende Mehrheit der Deutschen der Meinung, dass die Italiener einen Verrat begangen hätten. Gab es nur diese eine Lesart der Ereignisse?
„Der größte Teil der Deutschen hielt das Verhalten des ehemaligen Verbündeten sicherlich für Verrat, aber natürlich gab es Andere, die dachten, dass Italien einen guten Weg gefunden habe, sich rechtzeitig aus dem Krieg herauszuziehen, und es gab auch den ein oder anderen, der sich emotional mit den Partisanen verbunden fühlte. Aber das waren Gedanken, die versteckt blieben, weil sie damals natürlich öffentlich nicht geäußert werden duften.“
