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Emil schmiedet Auswanderungspläne in seiner Mid-Life-Crisis, bloß weg, am besten nach Australien. Mitten in den Vorbereitungen verliebt er sich in Christine aus Dresden, die ihm nur bis in die Südschweiz folgen will. Emil willigt ein und findet mit ihr ein Paradies im Tessin. Ein beschauliches Dorf, zu dem eine Sackgasse führt, die kaum ein Fremder passiert, und um den sich bisher niemand schert, bis der Streit entbrennt. Polarisierung, Abgrenzung und Ausländerhass auf kleinstem Raum, plötzlich zwei Parteien, die sich für ewig entscheiden, auf welcher Seite sie stehen. Rot und blau, wie seit Urzeiten. Christine und Emil werden geschasst, denunziert, versucht, mit infamen Methoden zu verdrängen. Der Konflikt eskaliert, Emil muss fliehen. Sie geben alles auf, ihre Liebe geht zugrunde, sie streben jeder für sich nach eigenem Frieden. Und hängen der Illusion einer Welt ohne Teilung nach, ohne Abgrenzung und ohne Vertreibung, in welcher der Mensch endlich aufhört, stets Freunde und Feinde zugleich zu suchen. Der rot-blaue Boccalino erzählt vom Antrieb des Menschen, zu polarisieren, von jenen, die ständig glauben, zu kurz gekommen zu sein. Entgegengebrachtes Vertrauen macht sie unverschämt. Dann offenbart sich ihr ordinärer, banaler Charakter des Bösen.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Das Buch
Emil schmiedet Auswanderungspläne in seiner Mid-Life-Crisis, bloß weg, am besten nach Australien. Mitten in den Vorbereitungen verliebt er sich in Christine aus Dresden, die ihm nur bis in die Südschweiz folgen will. Emil willigt ein und findet mit ihr ein Paradies im Tessin. Ein beschauliches Dorf, zu dem eine Sackgasse führt, die kaum ein Fremder passiert, und um den sich bisher niemand schert, bis der Streit entbrennt. Polarisierung, Abgrenzung und Ausländerhass auf kleinstem Raum, plötzlich zwei Parteien, die sich für ewig entscheiden, auf welcher Seite sie stehen. Rot und blau, wie seit Urzeiten.
Christine und Emil werden geschasst, denunziert, versucht, mit infamen Methoden zu verdrängen. Der Konflikt eskaliert, Emil muss fliehen. Sie geben alles auf, ihre Liebe geht zugrunde, sie streben jeder für sich nach eigenem Frieden. Und hängen der Illusion einer Welt ohne Teilung nach, ohne Abgrenzung und ohne Vertreibung, in welcher der Mensch endlich aufhört, stets Freunde und Feinde zugleich zu suchen.
Der rot-blaue Boccalino erzählt vom Antrieb des Menschen, zu polarisieren, von jenen, die ständig glauben, zu kurz gekommen zu sein. Entgegengebrachtes Vertrauen macht sie unverschämt. Dann offenbart sich ihr ordinärer, banaler Charakter des Bösen.
Der Autor
Edgar Bernardi, beobachtender Physiker, würde sich eher als emotionalen statt kopf-gesteuerten Naturwissenschaftler bezeichnen. Denn er will nicht nur verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält, sondern auch die Menschen und sich selbst im Spiegelbild dazu. Nach seinem Debütroman Licht des Schattens, ein Coming-of-Age-Roman, verarbeitet er in diesem Buch die Illusion einer Welt ohne Polarisation und ohne aufgeputschte Angst vor Kontrollverlust.
Der rot-blaue Boccalino
Edgar Bernardi
Roman
1. AuflageMai 2021
Copyright © 2021: alle Rechte beim Verlag ab edition
Umschlag-Design: Auszug aus ‚ArtTower‘ | Pixabay(freeware)
Verlag ab edition
avant ag
Via Righetti 3
CH-6982 Agno
Schweiz
www.ab-edition.ch
Lektorin: Katja Völkel, Dresden
e-Book Ausgabe
auch erschienen als Taschenbuch
ISBN 979-8-588-10730-3
www.ab-edition.ch/Der-rot-blaue-Boccalino
inhalt
KAPITEL 1
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …“
[Hermann Hesse]
KAPITEL 2
Der Garten Eden
KAPITEL 3
Rot und Blau
KAPITEL 4
Linea Cadorna
PROLOG
Schon weit vor seiner Gründung stand das Tessin unter dem Einfluss immerwährender Konfrontationen zwischen zwei Volksgruppen. In zwei geografische Haupträume durch den Berg Monte Ceneri getrennt, kämpften die filoelvetici im nördlichen sopraceneri unter dem Motto liberi e svizzeri für den Verbleib in der helvetischen Eidgenossenschaft, während die filocisalpini im sottoceneri, dem südlichen Teil, den Anschluss an die Cisalpinische Republik propagierten.
Als Zeichen der Anerkennung für Napoleons Vermittlungsbemühungen, dem Atto di Mediazione bei der Gründung des geeinten Tessins im Jahre 1803, entstand das in zwei Farben geteilte Tessiner Wappen. Angeblich lehnten sich die liberalen Anhänger mit dem Rot an die Schweiz an, während der konservative Klerus das Blau der Familienfarbe der Königsdynastie Savoyen in Italien wählte. Auf Weiß als verbindende dritte Farbe verzichtete man bewusst, um nicht allzu sehr der französischen Trikolore Referenz zu erweisen. Insgeheim jedoch, um weiterhin zu polarisieren.
Die innere Geschichte des Kantons blieb auf Jahre eine leidenschaftlich bewegte infolge des Gegensatzes zwischen den Klerikalen und den Liberalen. Der Konflikt der beiden Einwohnergruppen wurde nie aufrichtig behoben und manifestiert sich bis heute im Kantonswappen: gespalten in rot und blau.
Kapitel 1
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …“
[Hermann Hesse]
W
eg, bloß weg von hier! Emil wollte nicht mehr bleiben. Seit über einer Stunde saß er an jenem verregneten Herbsttag in Gedanken abgetaucht vor seinem Schreibtisch, starrte in die Ferne, die lediglich bis zur gegenüberliegenden Hauswand reichte. Sein auf Weitsicht gerichteter Blick umging die hässliche Feuerleiter direkt vor dem Fenster, an deren silbergraugefleckten Zinkkonstruktion die Regentropfen klebten, die er nur verschwommen wie kleine Glasperlen wahrnahm.
Der gewiefte Bauträger hatte dieses käfigartige Metallgerüst an der Außenwand installieren lassen, nachdem alle Wohnungen verkauft waren, und damit die Gründerzeitfassade mit funktionalen Elementen der Neuzeit verschandelt. Emil verlangte noch eine Kaufpreisminderung beim Verkäufer, allerdings ohne Aussicht auf Erfolg. Bauvorschrift!
Dessen ungeachtet blieb ihm keine andere Wahl. Er hatte raus gemusst aus seinen auf drei Etagen verteilten hundertachtzig Quadratmetern, raus aus diesem Haus im Norden Bayerns, dessen Funktion als Familiendomizil ausgedient hatte und das er am Ende nur noch alleine bewohnte und sich darin verlor. Also suchte er eine Alternative. Und fand sie weiter nördlich, in Hessen, wo er jetzt verloren am Schreibtisch saß, aber auch nicht viel glücklicher war, wie er sich eingestehen musste.
Ihm war es gerade recht, wenn er sich jetzt auf rund ein Viertel verkleinerte, wenn er in ein Hinterhaus in Sachsenhausen, dem Altstadtviertel der Großstadt Frankfurt, zog. Es störte ihn auch nicht, dass sich die Kartons um ihn herum wie in einem Versandlager bis unter die Decke stapelten, nachdem die verschwitzten Schlepper des Umzugsunternehmens das Trinkgeld entgegengenommen und ihn alleine gelassen hatten. Allein graute ihm nur davor, alles auszupacken, denn sein ganzer noch in den Kartons versteckter Krempel würde nie und nimmer in seine neue kleine Wohnung passen.
Mit jedem Karton, den er öffnete, in den er kurz hineinschaute und lieber schnell wieder schloss, ihn fluchend von rechts nach links schob oder von einem Zimmer ins nächste trug, optimierte Emil die Systematik, sein ganzes Gerassel auszupacken und seine Wohnung einzurichten, statt bloß nur ohne sichtbaren Fortschritt umzuschichten. Zwischendurch erhob er sich aus der gebückten Haltung, um seinen schmerzenden Rücken zu entlasten, und freute sich, dass seine Methode allmählich Erfolg zeigte und sein neuer Wohnraum kubikzentimeterweise erkennbar wurde.
Dennoch saß er noch immer ziemlich beengt an dem zu großen Schreibtisch, der zu guter Letzt nur noch im Schlafzimmer Platz gefunden hatte. Inzwischen waren fast zwei Stunden einfach so dahingeflossen, in denen Emil vor sich hin träumte und sein eingeschränkter Blickwinkel, dem er eingepfercht in seinem Sitz ausgeliefert war, sich nur in der Illusion erweitert hatte.
Vielleicht Australien. Das wäre weit genug weg, hatte er sich damals überlegt. Einmal von hier den Erdball durchstoßen und am anderen Ende wieder rauskommen. Dabei bloß keine Möbel mitnehmen, keine Anzüge und auch keine Krawatten, nur seinen Pass, darin das Visum von seiner letzten Geschäftsreise, das noch ein halbes Jahr gültig war, ein wenig Geld und einen Rucksack, mehr nicht. Nur keinen Ballast. Jobben, so hatte er sich seine künftige Beschäftigung ausgemalt, später eine Bar aufmachen, den Gästen dort zur Happy Hour mit seiner abgelaufenen Manager-Erfahrung imponieren.
Alles war bereits vorbereitet, um ein Haar wäre er in Down Under aufgeschlagen, hätte Christine ihn nicht zurückgehalten. Anfangs gab er sich ihr gegenüber ziemlich bedeckt mit seinen Auswanderungsplänen, glaubte ohnehin nur an eine kurze Liebes-Episode, bis zu dem Tag, an dem er wahrscheinlich klammheimlich abreisen würde. Die Einreisepapiere waren so gut wie fertig und sollten jeden Tag in der Post sein, beantragt waren sie seit Wochen bei der australischen Botschaft. Den obligatorischen Englisch-Test hatte Emil bereits erfolgreich absolviert. Das sollte ausreichen, um sich durchzuschlagen. Eine Arbeit würde sich schon finden, in Sydney oder sonst wo in der Nähe, und wenn er anfangs nur als Kellner in einer Bar beginnen würde. Er war sich sicher, dabei viele und interessante Leute kennenzulernen, daraus würde sich bestimmt irgendetwas ergeben, was für einen erfolgreichen Neuanfang taugen sollte.
So planlos und schicksalsergeben war er noch nie in eine neue Lebensphase eingetaucht. Es überraschte ihn auch nicht, er dachte noch nicht einmal in allen Konsequenzen darüber nach, wog keine Alternativen ab, deklinierte es nicht bis zum guten oder bösen Ende, wie es sonst stets seine Art war. Emil hatte nur den einen Wunsch: Weg, raus aus dem Metallkäfig, in den er doch gerade erst eingezogen war, etwas anderes machen. Er wollte einfach nur dem ganzen Mist hier entfliehen.
In unregelmäßigen Intervallen löste sich ein Wassertropfen von dem Zinkgerüst und schob Emil in seiner sehnsüchtigen Illusion zumindest zeitlich ein paar Sekunden weiter. Zu gerne hätte er das Ziel genauer gekannt, statt unstrukturiert nach etwas Neuem, nach etwas Anderem zu lechzen. Zu gerne hätte er das Ende seiner Fantasiereise schon zu Beginn gewusst, zumindest geplant, aber dann siegte in ihm die Verlockung, alles einfach auf sich zukommen zu lassen.
I
n ihrer jungfräulichen Beziehung unternahmen Christine und Emil einen Kurz-Trip in die Südschweiz. Der reine Zufall hatte das Tessin als Ziel ausgelost, ein paar Tage Aufwärmen im Frühling nach den tristen kalt-grauen Monaten in Deutschland würde guttun. Hätte man ihm damals prophezeit, dass das sein neues Phantasia-Land sei – nicht die Erde bis nach Australien durchstoßen, sondern nur die Alpen im Gotthard-Tunnel durchqueren –, er hätte es nicht geglaubt, es als langweilig und als Vorbereitung auf seine letzte Lebensphase als Rentner abgetan.
Unerwartet fühlte sich Christine im Tessin gleich so wohl, als wäre sie schon immer in diesem Landstrich zu Hause gewesen. Italienisches Flair gepaart mit Schweizer Gründlichkeit. Das wäre der maximale Kulturschock, den sie insgeheim zulassen wollte, wenn es darum ginge, sich zu zweit irgendwo niederzulassen, gestand sie sich ein. Wobei sie das Wort Auswandern bewusst vermied. Es hatte so etwas Endgültiges an sich, etwas Entferntes, Beängstigendes, so ein Weitab-von-der-Heimat-Gefühl.
Jedenfalls gab sie zu, auch an anderen Ländern Gefallen zu haben, dafür Deutschland verlassen zu wollen, obwohl sie nach dem Fall der Mauer den westlichen Teil noch gar nicht richtig kennengelernt hatte. Nie wieder eingesperrt sein, über alle Grenzen hinweg sich frei bewegen können, das war ihr Drang. Und Emil konnte dann nicht mehr umhin, auch seine Auswanderungspläne zu offenbaren.
Während er alleine in seinem Australien-Traum überstürzt ans andere Ende der Welt gesprungen wäre, wählte er nun Christine zuliebe nur noch das kalkulierbare Risiko. Sie ertappten sich schon beim zweiten Besuch selbst dabei, wie sie begannen, unabhängig voneinander im Tessin nach Häusern Ausschau hielten, die zum Verkauf standen und die ihnen vielleicht eine neue Heimstatt bieten würden.
Ihre gemeinsame Sehnsucht, hier zu leben, stieg mehr und mehr, je größer ihre Frustration in der deutschen Großstadt wurde. Zusätzlich ließen sie sich von dem abgegriffenen Modewort Work-Life-Balance verführen, sie steigerten sich in der Auffassung, die Sinnhaftigkeit ihres Lebens und die Erfüllung nicht nur in Arbeit zu sehen und ihrem Alltagstrott zu entkommen. Tag für Tag, im Winter dazu bei Dunkelheit, in der Früh um sieben aus dem Haus, mit vollem Elan, wie ein Bauer, dem seine brüllenden Kühe morgens keine andere Wahl lassen.
Abends dann, frühestens um neun, sich völlig entladen wieder zu Hause zu einem dürftigen Abendessen einfinden – nein. Sie wollten die Dinge völlig neu gestalten. Christine und Emil schwankten schon seit einiger Zeit zwischen der strikten Trennung von Arbeit und Privatem oder eher einem sinnvollen Gleichgewicht zwischen beidem für eine ausgewogene Nutzung der Lebenszeit. Zumindest das war ihnen klar: Der Ist-Zustand bot kein angenehmes Leben.
Und wenn sie beide wieder die Arbeitsstelle und den Wohnort wechseln würden, das würde nichts ändern. Man würde wieder der Arbeit, dem Büro, dem Schreibtisch hinterher ziehen. Nein, diesmal muss sich das Büro bewegen, der Schreibtisch da stehen, wo die Lebensqualität stimmt, die Priorität sollte invertiert werden: erst Leben, dann Arbeit. Und Christine und Emil wären nach diesem Plan selbständig und würden von ihrer neu gewählten Lebensoase dahin fahren, wo die Arbeit ist. Zweifel stiegen in ihnen immer wieder auf: würde das gut gehen? Es muss so gehen, wird schon, schauen wir mal, dann sehen wir schon, work-life-balance, mit der Brechstange.
Emils Vorurteil hingegen bestätigte sich: ziemlich altbacken, das Tessin. Daher unternahm Emil im Vanini an der Piazza della Riforma in Lugano einen letzten Versuch, Christine von seinem Traum Australien zu überzeugen. „Die Schweiz wäre eher etwas für später, wenn wir als Rentner Arm in Arm auf der Bank sitzen und stumm auf den See schauen, weil es nicht mehr viel zu sagen gibt“, argumentierte er.
Christine sah das anders. „Ich finde, es hat hohe Lebensqualität hier. Es kommt dem nahe, was wir suchen, es ist hier sauber, sicher, überschaubar, nicht allzu weit von unseren Eltern weg.“ Insgeheim erinnerte es sie an ihren ersten Schweiz-Aufenthalt.
„Hier ist doch alles stehengeblieben, in der Zeit des aufwallenden Lebensgefühls der 70er Jahre“, warf Emil ein. „Italienische Schweiz, das hatte schon immer etwas Elitäres, nur die Hautevolee konnte sich das leisten. Geizig wie sie waren, schwärmten sie dann von dem einfachen Rotwein aus der Bastflasche, eingeschenkt in den rot-blauen boccalino, und dann saßen die gut betuchten deutschen Touristen in den grotti auf harten Granitbänken und nahmen zum Abschied das geleerte Tonkrüglein als Souvenir mit. Die Schönen und Neureichen kamen hierher.“ Emil sah noch das Plakat von Klaus Staeck vor sich, das der Künstler 1972 im deutschen Wahlkampf publiziert hatte, als sich der Wahlerfolg der SPD mit Willy Brandt abzeichnete: Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen.
In der Zeit begannen nämlich die Schönen und die Reichen um ihr gerade wieder angehäuftes Vermögen zu bangen, das sie am Ende der Adenauer-Ära unsichtbar auf Schweizer Nummernkonten und sichtbar in Tessiner Ferienhäuser mit Blick auf den Lago Maggiore gesteckt hatten.
Und nun, knapp vierzig Jahre danach, war ausgerechnet das deutsche Arbeiterkind Emil, das weder durch Erbschaft noch durch lukrative Geschäfte zu diesen wenigen Begünstigten gehörte, auf dem besten Weg, es den Vermögenden nachzuahmen …
Emil hatte seine Mühen mit der Vorstellung, sich hier anzusiedeln, aber er wollte sich nicht weiter gegen Christines Wunsch stemmen, die sich mittlerweile in das Tessin verliebt hatte, was ihr längst nicht als ein verstaubtes Rentnerdomizil vorkam.
Und Emil hat sich stärker in Christine verliebt, als er anfangs geahnt hatte. Er liebte sie als Frau, aber auch als Partnerin mit der Stärke und dem Mut, ihm nicht einfach zu folgen, sondern gemeinsam einen neuen Weg für mehr Lebensqualität zu suchen und diese Etappe dann auch zusammen und unerschrocken zu gehen. Er wollte seine Liebe nicht verlieren und gab den letzten Versuch, sie umzustimmen, erfolgslos auf.
Im Frühling erwacht das Tessin stets aufs Neue in ganz besonderer Pracht: das Knallgelb der Forsythien leuchtet unter den ersten Sonnenstrahlen, zart-rosa und streng-lila erblühen die Magnolien, indessen verstreuen alsbald die Kamelien, die als erstes bereits im Februar den Frühling einläuten, ihre verwelkten roten und gelb-weißen Blütenblätter. Im April folgen dann die Azaleen, die das ganze Farbspektrum abdecken, überall, besonders am Ufer des Luganer Sees entlang; die Menschen ersehnen schon den herannahenden Sommer, während in nicht allzu weiter Ferne der letzte Schnee des Winters speckig auf den Bergen glänzt.
Also doch, das Klischee der 70er Jahre pur, sah sich Emil bestätigt. Es fehlten nur noch der Mandolinen-Klang, der nostrano in der Bastflasche und im Herbst der Duft von Kastanien und Pilzen zum brasato im grotto. Dennoch, verglichen mit dem Alltagsgrau der Frankfurter Großstadt eine einfache Entscheidung: hierher, nie wieder zurück!
Vor jeder Wiederkehr wählten Christine und Emil ein anderes Hotel, einen anderen Standort; mal in Melide nahe der Stadt und so dicht am See, dass sie nach dem Frühstück auf dem Terrassenboden sitzend die Füße im Wasser baumeln lassen konnten. Mal in Miglieglia, einem angenehm kühlen Dorf in den Bergen, in dem das Schlafzimmer einer in den Fels gehauenen Höhle glich. Oder beim nächsten Mal in Gandria, wo sich der Lago di Lugano so schmal hin zur italienischen Seite streckt, dass in der Dämmerung die gegenüberliegende Bergkette wie ein drohender Dämon wirkt, der immer näher rückt.
Jede dieser neu entdeckten Ecken hat ihre Eigenheiten in einer ansonsten gleichartig erscheinenden Landschaft. Möglicherweise ist es aber auch nur das allseits wahrnehmbare italienische Flair in Form von überall hochgewachsenen Palmen, sonnenwarmem Licht und farbigem Blütenduft, das eine mediterrane Einheitlichkeit vortäuscht und jedwede Klischees erfüllt. Jedenfalls ist die Gegend bei näherer Betrachtung vielschichtig, hauptsächlich gestaltet von eigenwillig geformten Bergen und einem sich wie ein krummes Horn darumschmiegenden See, der immer wieder unerwartet an anderer Stelle auftaucht. Wie oft mussten sie gerade zu Anfang die Landkarte zur Hand nehmen, um sich von Neuem zu orientieren und zu wissen, auf welchen Teil des Sees sie von welcher Seite schauten.
Immer wieder kam es ihnen vor, als wäre der gerade erkundete Landstrich besonders reizvoll, so reizvoll, dass man sich dort heimisch fühlen könnte, aber dann entdeckten sie eine neue Gegend, die ihnen noch einladender vorkam. Mal war es das westlich gelegene waldreiche und gebirgige Malcantone, ein anderes Mal das südliche, an Italien angrenzende hügelige Mendrisiotto mit seinen überall verstreuten Weinhängen und verteilten Weingütern.
Hin und wieder nährte auch die anfänglich mühsame Verständigung ihre Zweifel, wenn die Leute, wenn sie angesprochen wurden, mal freundlich, mal mürrisch reagierten. Emil und Christine schoben es dann auf die italienische Sprache, obwohl die so schwierig gar nicht war, zumal viele Tessiner ins Deutsche wechseln, wenn sie es denn wollen. Trotz allem fuhren sie stets mit einem reumütigen Gefühl wieder in Richtung Norden, spätestens auf der deutschen Autobahn, erst recht aber in Frankfurt wurde ihnen klar: ja, lieber wieder zurück, und eigentlich für immer.
C
hristine kam aus den neuen Bundesländern. Genauer gesagt aus Dresden, das gern das „Tal der Ahnungslosen“ genannt wurde, weil man dort vor dem Mauerfall keinen einzigen Westsender empfangen konnte. Nach der Öffnung der Mauer wollte sie den für sie bisher verborgenen Teil der Welt dahinter sehen und heuerte bei einem kleinen Schweizer Luxus-Hotel in der Nähe von Bern an, in dem auch die UNO- und FIFA-Größen aus Genf regelmäßig abstiegen.
Die Ostdeutschen sind uns willkommener als die Menschen aus dem Westen, flüsterten die Schweizer vielerorts hinter vorgehaltener Hand. Sie helfen insbesondere auf ihre zurückhaltende Art mit, unser angespanntes deutsch-schweizerisches Verhältnis zu entkrampfen, die Vorbehalte des alpinen Davids gegen den preußischen Goliath abzubauen. Die kompromissgewohnten Deutschen aus dem Osten kommen uns weniger überheblich und längst nicht so arrogant vor, hörte man häufig. Sie stünden den Schweizern, die mehr auf Ausgleich bedacht sind, mental näher als die draufgängerischen und durchsetzungswilligen Westdeutschen. Und die Ostdeutschen, so kommt es vielen Helvetiern zumindest vor, hatten unter dem repressiven System der DDR gelernt, sich durchzuwurschteln, mit dem zu leben, was man hatte, nicht von dem zu träumen, was man nie bekommen würde. Die Deutschen, und damit meinen die Schweizer vorrangig die aus den alten Bundesländern, wollen stets das Maximum, die Schweizer hingegen sind auch schon zufrieden mit dem Optimum.
Hierin waren die Schweizer mit den Ostdeutschen, die sich nach dem Fall der Mauer zunehmend bei ihnen verteilten, auf einer Wellenlänge und die Eidgenossen fingen an, ihr Deutschlandbild, das sie sich zuvor nur von den Westdeutschen ausmalen konnten, ein wenig zu relativieren.
Jedenfalls sprach Christine nun ihre ersten französischen Worte statt russischer, wedelte im Alpin-Ski schwindelerregende Berge herunter, statt nur über die Schneekoppe zu schlittern, und düste mit ihrem Chef im Motorboot über den Thuner See statt im Dampfschiff über die Elbe. Die Schweiz diente nach der Wende zumindest für manche Ostdeutsche als Übergang in die weite Welt.
Es war die Zeit, als die Kundschafter aus den alten Bundesländern in die ehemalige DDR ausschwärmten, wie Heuschrecken nach billigen Gelegenheiten suchten, um in den neuen Bundesländern Firmen, Häuser und Menschen zu kaufen.
Als sie nach ihrem Aufenthalt in der Schweiz wieder zurück in ihre Heimat kam, belegte Christine Seminare bei der Dresdner Handelskammer, in denen die Besserwessis den Jammerossis lehrten, wie der Kapitalismus funktioniert. Moritz, der niederbayerische Seminarleiter, erzählte den ahnungslosen Teilnehmern aufregende Marketinggeschichten von erfolgreichen Gastronomen. Und sein Selbstmarketing hinterließ bei Christine eine nachhaltige Wirkung, da sie bisher nur Planerfüllung und die Parolen des real existierenden Sozialismus‘ kannte. Davon angetan, folgte sie ihm Hals über Kopf nach Niederbayern, erst recht, als er ihr dann noch den kapitalistischen Traum vom eigenen Restaurant einpflanzte. Ihren damaligen Freund, der schon als Schwiegersohn gesetzt war, ließ sie, nicht ohne ein großes schlechtes Gewissen zu haben, zu seinem Erstaunen zurück.
Viele Jahre später hat sie ihren damals so abrupt verlassenen Partner aufgesucht. Die Art, wie sie ihn damals hat sitzen lassen, quälte sie und hat sie all die Zeit nicht mehr losgelassen. Wortlos saßen sie sich eine ganze Zeit lang gegenüber, so als müssten sich ihre unterschiedlichen Gefühlspotenziale erst mal angleichen, bevor Christine sich zu einer Entschuldigung aussprechen und ihr nunmehr Ex-Freund sie anzunehmen durchringen konnte. Im gleichen Atemzug zermürbte es Christine, ob sie mehr von der unbekannten Welt jenseits der nun offenen Grenze angezogen war oder ob ihre Liebe zu ihm von Anfang an nur auf die Welt diesseits der Zonengrenze beschränkt war und nach der Maueröffnung auslief.
Zwei Jahre nach der Wende wohnte Christine bereits in den alten Bundesländern. Zwar im tiefsten Niederbayern, aber mit gerade mal 21, als ehemalige DDR-lerin und mit bereits einem Jahr Auslandsaufenthalt in der Schweiz hatte sie als Ossi in so einer kurzen Zeit schon eine steile Karriere hingelegt.
Mit Moritz, inzwischen mehr als nur ihr ehemaliger Seminarleiter und dazu noch Geschäftspartner, gewann Christine den Wettbewerb, das älteste Haus am Stadtplatz in ein modernes Restaurant-Konzept, in eine In-Kneipe, zu verwandeln. Ein Novum in dieser dörflich wirkenden Kleinstadt Grubberfelden, argwöhnisch nicht nur von den umliegenden Wirtshausbetreibern beäugt. Moritz hatte – obwohl einer der ihren – das richtige Gespür für den modernen Zeitgeist und mit Christine eine billige, ahnungslose, aber hoch motivierte Arbeitskraft aus dem Osten an seiner Seite. Später sollte sich in seinem Restaurant ein Teil der intellektuellen Szene Münchens treffen, der sich nach Niederbayern zurückgezogen hatte. Dies half, sein Konzept zu einem Erfolg werden zu lassen. Und Christine war stolz darauf, interessante Gäste bewirten zu dürfen, die wie selbstverständlich von dem Teil der Welt erzählten, der ihr bisher verschlossen geblieben ist.
Von da an war für Moritz die Arbeit getan. Christine, die Pflicht und Leitungserfüllung gewohnt war, führte die gemeinsame Kneipe nahezu alleine weiter, während Moritz sich stattdessen anderen jüngeren Frauen zuwandte. Moritz war doppelt so alt wie Christine und er liebte es, wenn junge Mädchen ihn bewunderten, zu ihm aufschauten. Und die jüngeren Frauen fielen reihenweise darauf rein. Besonders mit den noch unbedarften ostdeutschen Mädchen hatte er ein leichtes Spiel. Sie glaubten ihm alles, was er ihnen über die große weite Welt hinter der bisherigen Mauer erzählte.
Alle in Grubberfelden wussten inzwischen von Moritz‘ neuem Verhältnis, sie kannten ihn ja im Dorf als Schürzenjäger. Nur Christine, tagsüber mit Einkauf, Dienst- und Menüplan sowie abends mit ihren Gästen beschäftigt, ahnte nichts.
A
uf Emils Visitenkarte stand Vorstand, aber vom ersten Tag an war es offen gestanden nicht seine Welt, den gelackten Investment-Bankern seine story zu erzählen, damit sie an ihn glaubten und sich gierig wie hungrige Jungtiere an seinem Unternehmen beteiligen und dessen Aktien kaufen würden. Er schwankte dabei zwischen zwei Zuständen, wie ein an Schizophrenie Erkrankter: Nach außen spielte er gekonnt, wenn auch leicht verkrampft, den eloquenten und extrovertierten Verkäufer, der smart auf alle Mitmenschen zugeht; nach innen war er oft in seinen Illusionen versunken, ein introvertierter Einsiedler, der seit einer Weile an einem Buch über sich, seine Sicht der Welt und seine Empfindungen schrieb. Manchmal zerriss ihn dieses Doppelspiel, dann musste er alle mentale Kraft aufwenden, sich zu beherrschen, damit dieser überdehnte Spagat sich nicht in einem Beckenbruch entlud.
Andauernde Unzufriedenheit mit dem Berufsstress und sein Scheidungsschicksal, das mit hohen Unterhaltsforderungen verbunden war, trieben ihn zusätzlich an, aus dieser unerträglichen Zwickmühle herauszukommen.
An den Wochenenden befreite er sich von diesem Druck, ließ alles, was unter der Woche mit seinem Beruf zu tun hatte, hinter sich und fuhr zu Freunden, die er aus der Zeit in München kannte, nach Grubberfelden, in Niederbayern. Für die beiden Tage tauschte Emil die ihn täglich umgebenden Hochhäuser Frankfurts gegen die wohlgeformte Hügellandschaft Niederbayerns ein, die Großstadthektik gegen die dörfliche Ruhe und zog dem Abgasgeruch den Güllegestank vor.
Neben dieser beruflichen Zerreißprobe bewegten ihn gemischte Gefühle aus seiner jüngsten privaten Vergangenheit. Er suchte in sich nach der Antwort auf die Frage, warum er ausgerechnet immer wieder nach Niederbayern fuhr. Vielleicht, so konnte er es sich selbst nur erklären, um sich die kurze Episode, die er gerade hinter sich gebracht und gekonnt verdrängt hatte, kurz vor dem Abgang endlich richtig zu verstehen, sie sich noch mal bitter auf der Zunge zergehen zu lassen, sich einzugestehen, dass er vorschnell in die Scheiße gelangt hatte.
Hier, in Grubberfelden, hatte er seine zweite Frau Ursula geheiratet, von der er sich nach gutem einem Jahr wieder getrennt hatte, wofür sie ihn nun mit solch überbordenden Unterhaltsforderungen konfrontierte, als müsste sie für die versprochene Ewigkeit entschädigt werden.
Der formalen Zeremonie im Standesamt folgte damals ein kleiner Umtrunk, nur mit Silvia und Reiner, die er beide aus seiner Münchner Zeit kannte, sowie der Braut und ihm als Bräutigam, in der In-Kneipe am Stadtplatz. Einige der Gäste beglückwünschten die Frischvermählten, obwohl nur der Brautstrauß und das leicht overdresste Outfit die kleine Hochzeitsgesellschaft als solche enttarnte. Nach einer Weile traute sich eine ältere Frau an ihren Tisch, auffällig gekleidet in leicht abgenutzter bayerischer Tracht, mit natürlichen, aber ungekämmten und schulterlangen schwarzen Haaren, dazu Hände, aus denen man ihr jahrelanges hartes Schuften im Stall und auf dem Feld ablesen konnte.
„Ich hoffe, ihr werdet eine glückliche Zukunft haben“, wünschte auch sie den gerade Vermählten. „Ich könnte sie euch vorhersagen, wenn ihr sie wissen wollt.“
Mit einer abwehrenden Geste versuchte Emil sie loszuwerden, doch Ursula sprang gleich darauf an und sprudelte nur so vor Ungeduld. Bleiben wir glücklich? Hält unsere Ehe? Bekommen wir Kinder?
„Es ist schon vorherbestimmt, in deinen Händen steht es geschrieben“, antwortete die wahrsagende Bäuerin. „Wenn du sie mir reichen, werde ich es dir verraten.“
Ungeduldig legte Ursula ihre gespreizten Handflächen auf den Tisch, worauf die Alte begann, mit entspannter Gebärde sanft über die Furchen und Linien zu streichen. Alsbald offenbarte sie ihre mysteriösen Deutungen. Und es wurde keine Gefälligkeitsvorhersage, sondern eine Prophezeiung, die sich Ursula natürlich so nicht gewünscht hatte. Kaum war sie ausgesprochen, bereute sie auch schon, auf ihre Zukunft so neugierig gewesen zu sein.
„Es fällt mir schwer zu sagen, aber euch ist keine lange Ehe gegönnt“, glaubte die Wahrsagerin mit einer Bestimmtheit zu wissen, als wäre schon das Scheidungsdatum in dem wenige Stunden alten Familienstammbuch eingetragen, das vor ihnen auf dem Tisch lag.
Ursula verzog ihr Gesicht, die Alte zögerte, dann fuhr sie fort: „Zwar werdet ihr recht schnell ein gemeinsames Kind zeugen, aber ihr werdet damit nicht glücklich sein.“
Nun war auch den anderen Gästen das Lachen vergangen und betretenes Schweigen machte sich breit. Nach einer kurzen Pause las die Wahrsagerin weiter in Ursulas Handlinien: „… und das künftige Schicksal deines frisch gebackenen Ehemannes wird sich an diesem Ort für ihn nach der Trennung entscheiden.“
Wie mit einem Griff an den Hals war die feierliche Hochzeitsstimmung rund um den Tisch abgewürgt. Emil gab der alten Frau hastig ein großzügiges Trinkgeld, bedankte sich bei ihr mit krampfhaftem Lächeln und machte ihr in höflicher Form deutlich, dass sie nun lieber wieder alleine ihre Hochzeit feiern möchten.
„Ja, die Wahrheit schmerzt nur dann, wenn sie die Wahrheit ist“, setzte sie schnippisch und in einem überheblichen Ton nach, als freute sie sich schon auf den Tag, an dem sie Emil hier alleine wieder antreffen würde.
Typisch Niederbayern, esoterischer Hokuspokus, murmelte Emil genervt, da Ursula sich darauf eingelassen hatte – und das an ihrem Hochzeitstag. Er ärgerte sich vor allem darüber, dass Ursula ihn nicht gewähren ließ, als er die alte Bäuerin abwimmeln wollte.
„Ist das wahr?“ Ursula blickte verunsichert in die Runde. Es war unschwer zu erkennen, dass sie unreflektiert den gesponnenen Weissagungen folgte, statt in der realen Welt zu bleiben, in der sie noch vor zwei Stunden dem Standesbeamten gegenübergesessen hat.
„Es sind DEINE Handlinien, die hast DU in die Ehe mit eingebracht“, spaßte Emil, um die Laune wieder zu heben.
„Tja, auch in der einzigen modernen Kneipe hier im Ort verkehren solche Hinterwäldler“, entschuldigte sich Silvia für den Vorfall. „Und ich dachte, die treiben sich nur in den alten Wirtshäusern rum. Sonst ist hier doch nur die aufgeweckte Intellektuellen-Szene vertreten.“
„Schon gut“, beschwichtigte Emil und versuchte, das Thema zu beenden. „Das war ja nicht von dir so inszeniert, oder?“
„Nein“, meinte Silvia lachend. „Ich hatte zwar die ganze Absprache mit Christine, der Chefin des Hauses, gemacht, aber diese Szene eben war nicht in meinem Drehbuch enthalten.“
E
in gutes Jahr später war er wieder im beschaulichen Grubberfelden. Die Voraussage der alten Frau sollte sich als richtig erweisen, denn Emil lebte inzwischen von Ursula getrennt, sie standen kurz vor der Scheidung aus dieser rasant verlaufenen Ehe-Episode.
Mit Reiner war er am Samstagvormittag vor Weihnachten über den Stadtplatz gezogen, wie der Zirkusdirektor mit seinem Kamel, der die Nachmittagsveranstaltung in der gerade aufgebauten Manege am Stadtrand anpreist. Reiner hatte es gut gemeint, wollte ihn mit diesem Spaß aufmuntern und ihm für den Neuanfang die ledigen Frauen Grubberfeldens im Schmuckladen oder in der Kosmetik-Boutique vorstellen.
Zwischendurch kehrten sie in den Laden des befreundeten Fotografen Peter ein und baten ihn, Emils Hochzeitsbild doch wieder aus dem Schaufenster zu nehmen, ein vergrößertes Foto, auf dessen laszive Inszenierung des auf dem Boden liegenden lachenden Brautpaares der Fotograf besonders stolz war. Peter schaute ein wenig verdutzt, dachte sich seinen Teil, traute sich jedoch nicht, nach den näheren Umständen zu fragen und ersetzte stillschweigend das Hochzeitsfoto gegen ein hübsch anzusehendes Frauenporträt, das allerdings nicht annähernd so adäquat für seine kreative Arbeit in der Vitrine warb.
Reiner verabschiedete sich rasch: „Vielen Dank, Peter, wir erklären es Dir später“, während Emil nur zustimmend nickte und die Tür hinter beiden schloss. Dann kehrten sie in die Kneipe am Stadtplatz ein, dort, wo sie seinerzeit zu viert die Hochzeit gefeiert hatten, bestellten jeder einen Cappuccino und reservierten einen Tisch für den Abend.
Christine hatte zu diesem Zeitpunkt gerade Moritz vor die Tür ihrer gemeinsamen Wohnung gesetzt, nachdem sie endlich davon Wind bekommen hatte, was die Kleinstadt schon lange über ihn wusste. Und dass es ausgerechnet eine ihrer Mitarbeiterinnen war, mit der Moritz sie hinterging, war dann das Tüpfelchen auf dem i.
Die gemeinsam aufgebaute Kneipe führte sie ohnehin schon seit geraumer Zeit alleine, Moritz hatte ja zwischenzeitlich andere Interessen. Also änderte sich für Christine nach Moritz‘ Rausschmiss erstmal rein gar nichts und allmählich wurde ihr bewusst, dass sie auf Moritz nur reingefallen war, weil er ihr ein Sprungbrett aus dem Osten in den Westen geboten hat.
