Der Ruf aus Kanada - Rudolf Obrea - E-Book

Der Ruf aus Kanada E-Book

Rudolf Obrea

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Beschreibung

Einwanderungsprobleme sind gegenwärtig oft Thema von Streitgesprächen, die besonders durch Unverständnis auf der einen Seite und fehlende Anpassung auf der anderen Seite hervorgerufen werden. Der Autor und seine kanadischen Freunde beweisen ein anderes Verhalten, das beiden Seiten nutzt und zu einer erfolgreichen Eingliederung führt.

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Seitenzahl: 581

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Rudolf Obrea

Der Ruf aus Kanada

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1 Übergangszeit

1.1

1.2

1.3

1.4

1.5

1.6

Kapitel 2 Ein neues Bewusstsein

2.1

2.2

2.3

2.4

2.5

2.6

2.7

2.8

2.9

2.10

2.11

Kapitel 3 Bewährungsprobe

3.1

3.2

Kapitel 4 Die selbstbewusste Schülerin

4.1

Kapitel 5 Deutsche Kollegen

5.1

5.2

5.3

5.4

Kapitel 6 Kanadische Verlockungen

6.1

6.2

Kapitel 7 Deutsch-kanadische Zusammenarbeit

7.1

Kapitel 8 Rückkehrer

8.1

8.2

8.3

Kapitel 9 Neustart

9.1

9.2

9.3

Kapitel 10 Verwurzelung

10.1

10.2

10.3

10.4

Kapitel 11 Die neue Identität

11.1

11.2

11.3

11.4

11.5

11.6

Impressum neobooks

Kapitel 1 Übergangszeit

1.1

Sven Fahrenholz, ein schlanker, hochgewachsener nicht mehr ganz so junger Mann mit schwarzen nach hinten gekämmtem, vollem Haar, einem schmalen, länglichen Gesicht, dem die großen dunkelbraunen, fast runden Augen einen markanten Ausdruck gaben, kam an einem Nachmittag im Spätherbst von einem längeren Aufenthalt in Frankreich zurück nach Hamburg. Er arbeitete für eine Exportfirma und hatte in ihrem Auftrag die Inbetriebnahme einer neuen Werkzeugmaschine in Correze in der Auvergne beaufsichtigt. Sein Vater, der als kaufmännischer Angestellter seit vielen Jahren in derselben Firma beschäftigt war, fuhr direkt vom Büro in der Innenstadt zum Flughafen nach Fuhlsbüttel und wartete in der Abkunftshalle zwischen zahlreichen anderen Abholern auf die Ankunft seines Sohnes. Dieser blieb zunächst am Ausgang der Gepäckabfertigung stehen, bis er die hagere, untersetzte Gestalt seines Vaters im mausgrauen Geschäftsanzug mit der dazu passenden hellblauen Krawatte in der Menge erkannte und zielstrebig auf ihn zuging.

Der angestrengte Blick des älteren Herren mit den graublauen, oval runden Augen, eingerahmt von einem blassen, hageren Gesicht, verwandelte sich bei der Begrüßung in eine Mischung aus Stolz und prüfender Erwartung. „Hallo, mein Junge! Willkommen zu Hause! „Hallo Vater! Prima, dass du mich abholst. Die Fahrt von Correze nach Lyon über Clermont Férraud durch die Berge des Massif Central dauerte ziemlich lange. Zusätzlich musste ich in Paris den Flughafen und die Fluglinie wechseln, um endlich im Flieger nach Hamburg zu sitzen. Um so angenehmer empfinde ich, dass wir von hier direkt mit dem Auto zu uns nach Bergedorf fahren können. Die etwas bedrückende Antwort des Vaters lautete: „Machen wir! Im Büro läuft momentan sowieso alles mit langweiliger Routine und ich freue mich deshalb besonders auf das, was du mir auf dem Heimweg von dem hoffentlich erfolgreichen Resultat deiner Arbeit erzählst. Noch voll von den Eindrücken seiner Begegnungen und dem Umgang mit seinen französischen Kollegen und Helfern, folgte Sven gerne der Aufforderung des Vaters und verkürzte auf diese Weise die Zeit ihrer Fahrt. Er berichtete nicht nur von den Aktivitäten auf der Baustelle, sondern auch von den regelmäßigen Treffen danach, beim Pastis im Bistro, oft gefolgt von einem ausgezeichneten Abendessen in ausgesuchten Restaurants der Umgebung. Der Vater ließ sich von der Begeisterung seines Sohnes anstecken, vergaß dabei seine Sorgen und beide überraschten mit ihren unternehmungslustig wirkenden, geröteten Gesichtern die Mutter, die zu Hause bereits aufgeregt auf sie wartete.

Ihre Altbauwohnung im ersten Stock eines im klassizistischen Gründerstil gebauten, dreistöckigen Hauses kannte Sven bereits seit seiner Kindheit. Zielstrebig ging er deshalb den langgestreckten Flur entlang, öffnete seine Zimmertür, stellte dort zunächst sein Gepäck ab und zog bequeme Hauskleidung an. Seine Eltern erwarteten ihn auf ihren gewohnten Stammplätzen in den Sesseln des Wohnzimmers, eingerichtet mit dunklen Eichenmöbeln, die während des Tages von dem Licht des großen, hohen Fensters erhellt wurden, jetzt am Abend jedoch mit dem Leuchter in der Mitte des Raumes als dunkle, amorphe, geisterhafte Ausstattung wirkten, an die sich Sven erst wieder gewöhnen musste. Die neugierigen, auf ihn gerichteten Blicke seiner Eltern kompensierten momentan um so wirkungsvoller die Umgebung und verleiteten den Heimkehrer , sich erneut in die gerade erlebte, aufregende, andersartige Welt zurück zu versetzen. und darüber seinen Eltern voller Begeisterung zu berichten.

Dieselbe Szene wiederholte sich nach jeder Rückkehr von seinen häufigen Reisen als Außendienstmitarbeiter, blieb aber immer weniger wirksam, weil Sven seine Neuigkeiten zwar packend zu schildern wusste, beim anschließenden Nachdenken jedoch das wiederkehrende Althergebrachte nicht mehr mit der schillernden Vielfalt seiner neuen Erlebnisse in Einklang bringen konnte. Der regelmäßig aufkommende Zwiespalt seiner Empfindungen beschäftigte ihn seit Beginn seiner beruflichen Laufbahn und verursachte ihm eine innere Unruhe, die sich in zunehmender Unsicherheit, gepaart mit aggressiver Verständnislosigkeit ausdrückte.

Svens Freundin, Monika Behnke, die er seit seiner Schulzeit kannte und die inzwischen als Lehrerin an einer Grundschule in Barmbek unterrichtete, hatte ihn zunächst mit ihrer natürlichen Fröhlichkeit und jugendlicher Frische an sich gezogen. Sie verlieh ihrer gedrungenen Gestalt mit ihren schnellen, reflexartigen Bewegungen und dem runden, stets freundlich und fröhlich wirkenden Gesicht eine unbekümmerte Lebendigkeit, die sich auf den zwar größeren, schlanken, dafür aber bedächtigeren Freund stimulierend auswirkte. Sie mieteten sich, nicht weit von ihrer Schule entfernt, eine Zweizimmerwohnung in einem der vielen dreistöckigen Backsteinhäuser von Uhlenhorst, die Monika im Laufe der Zeit liebevoll einrichtete. Erfolgreich und gefestigt in ihrer beruflichen Laufbahn sehnte sie sich mehr und mehr nach der Gründung einer Familie, mit der sie im Kreis von Freunden und Verwandten die endgültige Anerkennung zu erzielen hoffte. Jedes Mal, wenn Sven von einer Geschäftsreise zurückkam, hätte sie jedoch bemerken müssen, dass sie ihn mit ihren Wünschen und Absichten gedanklich immer weniger erreichte und er dieses mit übertriebenen Liebesbekundungen zu übertünchen und kompensieren suchte. Selbst als sie sich schließlich über sein Desinteresse beschwerte, wich er, getrieben von seinem inneren Wankelmut aus, kehrte dafür nach der nächsten Reise nicht zu ihr zurück, sondern verkroch sich in das Schneckenhaus bei seinen Eltern.

Seit einem Jahr lebte er wieder in Bergedorf. Nach Feierabend traf er dort bei Sport und anderen Freizeitaktivitäten erneut seine alten Freunde. Die meisten von ihnen waren allerdings, genau wie sein jüngerer Bruder Paul, inzwischen verheiratet. Sie überschütteten ihn mit ihren Ehen- und Kindergeschichten, vor denen er geflohen war, weil er einem ähnlichen Schicksal mit seinen Geschäftsreisen zu entgehen suchte. Selbst diese Flucht- versuche waren jetzt nach seiner Rückkehr aus Frankreich bedroht. Sein Vater sah ihn bei der Übergabe seines Reiseberichtes gedankenverloren und mit ungewohnt ernster Miene an und sagte: „Die Firma, für die du gerade erfolgreich die Maschine in Frankreich aufgebaut hast, kündigte in der vergangenen Woche die Auslandsvertretung mit uns. Sie folgt damit dem Trend namhafter Produzenten im Inland, die dazu übergehen, ihre Produkte nicht mehr über Hamburger Exportfirmen zu vertreiben, sondern direkt an ihre ausländischen Kunden zu liefern. Für mich bleiben bis zur Rente noch genügend Aufträge im Konsumgüterbereich, während deine Zukunft bei uns nicht dauerhaft gewährleistet ist.“ Sven schien von dieser Aussage nicht sonderlich beeindruckt zu sein. Er blickte seinen Vater fast mitleidig an und antwortete ihm entschlossen: „Meine bisherige Tätigkeit zeigte mir bereits neue Wege, auf denen ich, noch frei und ungebunden, in eine bessere Zukunft nach meinem eigenen Vorstellungen gehen kann. Du ermutigst mich lediglich, vielleicht nicht ganz ungewollt und in alter Hamburger Tradition, zum Aufbruch, den ich mit jugendlichem Elan anpacken möchte.

Ohne lange zu überlegen, so als ob schon länger auf einen äußerlichen Anstoß gewartet hätte. bewarb sich Sven in den folgenden Tagen bei verschiedenen Maschinenherstellern, von denen er wusste, dass sie ihren Verkauf auf das Exportgeschäft ausdehnten. Der Vater half ihm mit seinen alten Kontakten zu entsprechenden Firmen, von denen er wusste, dass sie bei ihren Bemühungen noch geeignete Mitarbeiter mit Sprachkenntnissen und Auslandserfahrung suchten.

Schon bald ergab sich auf diese Weise eine Verbindung zur schwäbischen Firma Wegener in Esslingen am Neckar, nicht weit von Stuttgart entfernt. Sven wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und nach eingehender Prüfung durch Herrn Wegener, den Eigentümer der Firma, seinen Verkaufsleiter sowie den zukünftigen Kollegen eingestellt. Während er von seinen bisherigen Aufenthalten im Ausland stets nach Hamburg zurück-gekehrt war, bedeutete sein Umzug nach Esslingen daraufhin den endgültigen Abschied von einer altvertrauten Umgebung und stand somit am Anfang eines neuen Lebensabschnittes.

Die Einarbeitungszeit in der neuen Firma fiel im nicht sonderlich schwer. Im privaten Umfeld musste sich der Norddeutsche allerdings auf die schwäbischen Besonderheiten, vor Allem die andersartige Mentalität der Leute, verbunden mit ihrem spezifischen Dialekt, gewöhnen, eine Aufgabe, die ihm erst auf lange Sicht, wenn überhaupt, zu gelingen schien. Bereitwillig übernahm er aus diesem Grund den ihm angebotenen Außenposten in Toronto, Kanada, um den dortigen Vertreter zu unterstützen und mit technischer Beratung zu ergänzen. Sven feierte diese Versetzung als weiteren Etappensieg seines lang herbeigesehnten Absprungs.

1.2

Der Flug von Frankfurt nach Toronto dauert acht Stunden, führt über den Atlantik, die endlosen, größtenteils spärlich oder unbewohnten Wald- und Seenlandschaften im Nordosten Kanadas und bietet schließlich kurz vor der Landung auf dem Lester B. Pearson International Airport die Aussicht auf das große Häusermeer Torontos und die im Süden vor-gelagerte und dort alles beherrschende Fläche des Ontario Sees.

Sven kam pünktlich an, wurde aber nach Passieren einiger tunnelartiger Gänge in einer fenster- und schmucklosen, grau gestrichenen Halle durch Menschenschlangen ausgebremst. Sie kamen von verschiedenen Flugzeugen und lösten sich am anderen Ende an den Schaltern der Passkontrolle nur langsam auf. Als er nach einer Stunde Wartezeit dieses Nadelöhr mit der höflichen Beantwortung der meist überflüssigen, bereits schriftlich in der Zollerklärung gestellten Fragen passiert hatte, damit seine Geduld schon ziemlich beansprucht war, steigerte sich seine Anspannung bei der nochmals verzögernden Gepäckausgabe zur Angst, den auf ihn wartenden Abholer nicht mehr zu erwischen.

Endlich öffnete sich das Tor zur Freiheit, d.h. zur Ankunftshalle. Dort starrte eine Menge erwartungsvoller Gesichter Sven an, ohne dass er zunächst den Vertreter seiner Firma, Herrn Jim Shaw, erkennen konnte. Sie hatten zwar bereits miteinander korrespondiert und sich auch gegenseitig am Telefon mit auffallenden Merkmalen beschrieben; aber trotzdem blieb der als groß und kräftig mit schwarzem Schnurrbart und randloser Brille gekennzeichnete Mann zunächst zwischen den dicht gedrängt stehenden Frauen, Männern und Kindern aller Hautfarben und Rassen verborgen. Endlich zeigte ein Schild mit der Aufschrift „Sven Fahrenholz“ den Gesuchten. Um dem Gedränge zu entgehen, hatte er sich etwas abseits gestellt und damit Raum für die erste, noch etwas förmlich ausfallende Begegnung gelassen.

„Hallo Herr Shaw! Entschuldigen Sie die Verspätung.“ Die Antwort, begleitet von einem freundlichen Grinsen eines selbst von der Brille nicht zu verdeckenden, dunklen, alles erfassenden Augenpaares, kam prompt. „Prima, dass Sie da sind! Ich bin noch nicht lange hier, da ich die Warterei am Zoll kenne und meine Besucher mit entsprechender Verzögerung erwarte. Kommen Sie mit zum Ausgang. Ich muss Sie leider dort noch einmal um etwas Geduld bitten, um mein Auto vom Parkhaus zu holen.“ Herr Shaw verschwand wieder und verhalf Sven zu einer kleinen Nachdenkpause.

Wie sollte er seinen neuen Partner einstufen? Da gab es noch nicht viel, aber vom Aussehen her bereits ein völlig anderes Erscheinungsbild als das eines Geschäftsmannes zu Hause in Deutschland. Jeans und dunkelgraue Jacke, darunter ein hellblaues, offenes Hemd, bedeckten einen vollschlanken, agil sich bewegenden Körper und ließen auf eine unbekümmerte Lässigkeit deuten, obgleich dieses hier nichts Besonderes zu sein schien. Der Gesichts- ausdruck dagegen zeigte Selbstbewusstsein, unterstrichen durch ein rundes Kinn, das durch die darüber hinausragenden, länglich nach unten gezogenen Backen umrahmt war und dadurch die von der Augenpartie ausgehende Autorität abmilderte.

Als Herr Shaw seinen Gast sicher im Auto verstaut hatte, einigten sich beide nach amerikanischer Gepflogenheit erst einmal auf die Anrede mit ihren Vornamen. Sven, dem eine Ähnlichkeit mit einem irischen Freund auffiel, musste danach gleich fragen: „Darf ich raten? Kommen deine Vorfahren aus Irland?“ Jim lachte und antwortete: „Du hast recht. Aber das ist eine längere Geschichte, die ich dir besser beim Bier erzählen werde. Das Hotel Constellation, zu dem ich dich bringe, befindet sich nicht weit von hier an der Dixon Road. Du erfrischt dich in deinem Zimmer und ich warte mit dem Willkommensschluck in der Bar neben dem Eingang.

Wenn auch etwas müde von der Reise, nahm Sven den Vorschlag gerne an, nicht zuletzt auch deshalb, um seine durch die Warterei am Flughafen strapazierten Nerven wieder zu beruhigen. Am späten Nachmittag (die Flüge aus Europa kamen zwischen drei und vier Uhr an) war die Bar noch weitgehend leer und Jim wartete an einem gemütlichen Tisch in der hinteren Ecke im Anschluss an die Theke. Trotzdem entdeckte ihn Sven dieses Mal sofort. Sie bestellten das angekündigte Bier und hatten mit der Frage nach Jims irischer Herkunft auch gleich einen interessanten, dem langweiligen Geschäftsgerede entgehenden Gesprächsstoff. Jim erklärte dem Neugierigen: „ Mit deinem irischen Freund bin ich bestimmt nicht verwandt. Du musst aber wissen, dass in Nordamerika, d.h. USA und Kanada, mehr Iren leben als in Irland, wir damit zusammen mit den Schotten und den Franzosen in Quebec die eigentlichen Ureinwohner dieses Landes sind. Verglichen mit Torontos Bevölkerungsmehrheit, die hauptsächlich aus Indien, Pakistan und neuerdings auch aus China zu kommen scheint, hast Du deshalb Glück, einem Einheimischen zu begegnen.“ „Was ist mit den Indianern?“ wollte Sven wissen. Jim konterte mit der rhetorischen Frage: „Siehst Du hier Indianer? Natürlich nicht! Du findest sie als unbedeutende Minderheit nur noch in den Reservaten im Norden des Landes. Besser ist, du sprichst englisch mit einem irischen oder schottischen, d.h. gälischen Akzent, um als Kanadier anerkannt zu werden.“ Sven fand diese Erklärung zwar patriotisch übertrieben, war andererseits aber froh, dass er jemand gefunden hatte, mit dem er sicherlich gut auskommen würde.

Am nächsten Morgen brachte Jim seinen neuen Kollegen zunächst in sein Büro, das sie nach kurzer Fahrt in der Belfield Road erreichten. Das dreistöckige Verwaltungsgebäude besaß kein besonderes Merkmal, sondern stand quasi als Standard vor einer der zahllosen Fabrikations- und Lagerhallen des hier alles beherrschenden Industrieparkes. Sven entdeckte am Eingang das Namensschild seiner Firma zusammen mit einer Reihe von anderen. Jim erklärte ihm diesen Umstand damit, dass er zusammen mit Vertretern anderer Firmen einer Bürogemeinschaft mit gemeinsamer Servicezentrale angehöre. Auch sei die Nähe zum Flughafen für die meisten seiner Besucher günstig, da sie ihn ohne langwierige Fahrt in die Stadt schnell und bequem selbst bei einem Zwischenstop erreichen könnten. Sein eigner Raum war geräumig und besaß einen zweiten Schreibtisch, den Sven erhielt.

Trotz der eintönigen, etwas bedrückend wirkenden Nüchternheit dieses Umfeldes waren alle Voraussetzungen für eine sachliche, effiziente Tätigkeit vorhanden. Eine praxisbezogene, emotionslose Vorgehensweise kommt hierdurch zum Ausdruck, die von Europäern oft als oberflächlich abgetan wird , aber mit den einfachen, zweckbetonten Vorgaben weniger einengt und einen großen Freiraum für eine individuelle Ausgestaltung und Entwicklung.lässt. Sven besaß die für dieses Neuland notwendige Basisausrüstung samt einem unvorein- genommenen, hilfreichen Berater.

1.3

Die Stadt Toronto blieb Sven zunächst völlig verschlossen, da Jim ihn auf dem Weg zur Arbeit morgens im Hotel abholte und abends nach dort zurückbrachte. Tagsüber beschäftigten ihn die verschiedenen Instruktionen, Erklärungen und neuartigen Aufgaben, die er von Jim erhielt, so sehr, dass er am Feierabend mit einem kleinen Abstecher ins benachbarte Restaurant begnügte und sich anschließend auf sein Zimmer zurückzog. Der Schock der ungewohnten amerikanischen Geschäftsgepflogenheiten überraschte ihn erst am Wochenende. In Hamburg hätte er seinen neuen Geschäftspartner stolz zu einer Stadtbesichtigung eingeladen. Hier dagegen verabschiedete sich Jim, wie nicht anders gewohnt, am Freitagabend mit den knappen, aber deutlichen Worten: „Ich hole dich am Montag zur gewohnten Zeit wieder ab.“

Das Industriegebiet von Mississauga, aus dem der Flughafen mit den ihn umgebenden Hotels inselartig herausragte, glich am Samstagsmorgen einer trostlosen, verlassenen Wüste, bestehend aus einer unübersehbaren Anzahl gleichmäßig geformter Fabrik- und Lagerhallen. Selbst das Hotel schien verlassen zu sein, da seine Gäste, hauptsächlich zugereiste Geschäfts- leute, das Wochenende, genau wie Jim, bei ihrer Familie zu Hause verbrachten. Sven blieb keine andere Wahl, als mit dem Hotelbus zum Flughafen zu fahren. Dort kaufte er sich im Bookstore einen Krimi und verkroch sich damit missmutig auf sein Zimmer.

Am Montagmorgen beschwerte sich Sven schon während ihrer Fahrt zum Büro bei seinem Kollegen im anklagenden Tonfall: „Wenn Toronto außer dem vornehmen Hotelkasten nichts zu bieten hat, verschwinde ich bald wieder.“ Zum Glück ließ sich Jim nicht provozieren, sondern sah seinen Beifahrer nur mit einem fragenden Blick über die Brille hinweg kurz an,bevor er mit ruhiger Stimme gelassen antwortete: „Toronto ist groß, Kanada noch größer. Um dir darin etwas zu bieten, müssen wir dich auf Räder stellen, ohne die du hier weder aus- noch weiterkommst. Du besorgst bei Wegener das Geld und ich hier einen günstigen Gebrauchtwagen, den ich auf den Namen der Firma zulasse.“ Sie verwirklichten ihren Plan bereits im Laufe der Woche mit dem Kauf eines der hier üblichen und daher preisgünstigen amerikanischen Straßenkreuzer, dessen lange Motorhaube mit solider Stoßstange und lastwagenähnlichen Rädern diesen Ungetümen eine panzerartige Sicherheit verlieh. Den

zusätzlichen Aufwand der Firma glichen sie dadurch aus, dass sie Sven mit der Hilfe von Jims Freunden eine günstige Wohnung in Bolton, einem nördlich von Toronto gelegenen Vorort, besorgten.

Sven kaufte sich einen Lageplan von der nördlichen Umgebung Torontos, packte seine Sachen im Hotel zusammen und fuhr am darauffolgenden Wochenende, jetzt eigenständig, bis zum Ende des Highway 427 und anschließend auf dem Highway 50 North. Hier begleiteten ihn zu beiden Seiten der Straße nur noch gelegentlich einzelne Häuser und Farmen, sodass er mit zunehmender Entfernung langsam unsicher wurde. Er parkte bei einer einsamen, an einer Kreuzung gelegenen Tankstelle und stellte mit Hilfe seines Planes fest, dass er in die gegenüberliegende Abzweigung, der Countryside Drive, zu seiner neuen Wohnungsadresse abbiegen musste. Jim hatte recht. Ohne Auto war Kanada nicht zu erobern.

Das Haus selbst entdeckte er abseits der Fahrstraße, hinter Büschen und Bäumen versteckt, lediglich am Blechbriefkasten bei der Einfahrt, undeutlich beschriftet mit W.Meissner, dem Namen seines Vermieters. Er fuhr hinein und sah sich mit einem komfortablem Backsteinbungalow konfrontiert, der auf einer kleinen Anhöhe mit vorgelagertem, großzügigen Parkplatz stand. Ein gläserner Vorbau schützte den Eingang. Sven läutete und sah kurze Zeit darauf einen älteren , mittelgroßen Herrn aus der Innentür kommen Bevor er ihm öffnete, erkannte er dessen lässige Kleidung, die im Gegensatz zu dem neugierigen, prüfenden Blick aus den dunklen, durch die buschigen Augenbrauen betonten, dunklen Augen zu stehen schien.

Da Jim von einem deutschsprechenden Ungarn erzählt hatte, begrüßte Sven ihn mit : „Guten Tag Herr Meissner! Mein Name ist Sven Fahrenholz. Ich bin ihr neuer Mieter.“ Die Miene des so angeredeten erhellte sich, da er gegenüber Fremden aus Deutschland nicht mit Vorurteilen belastet war. „Guten Tag Herr Fahrenholz! Kommen sie herein. Ich stelle ihnen meine Frau vor, damit sie ihnen die Wohnung zeigt.“ Er führte ihn in ein, mit zahlreichen Polstermöbeln und klassizistisch verzierten dunklen Wandschränken ausgestattetes Wohnzimmer, bat ihn dort Platz zu nehmen und kam kurze Zeit später mit seiner Frau zurück. „Ich stelle vor: Herr Fahrenholz, meine Frau Theresa Meissner.“ Klein und zierlich von Gestalt, trat sie vor, lächelte ein wenig mit leicht in den Ecken hoch-gezogenem, spitzen Mund und sagte in einem verbindlich klingendem, geschäftsmäßigen Tonfall: „Guten Tag Herr Fahrenholz! Ich zeige ihnen jetzt die Wohnung. Falls sie ihnen zusagt, besprechen wir anschließend die weiteren Einzelheiten.“ Sven merkte sofort, dass er sich bei dem Herrn des Hauses wohl besser aufgehoben fühlte, und stand deshalb ohne weiteren Kommentar ruckartig auf. Sie ging voraus und führte ihn in ein Souterrain, unterteilt in Wohn- und Schlafzimmer, mit zur Rückseite hin gelegenen Bad und Küche. Die Möblierung bestand vorwiegend aus abgelegten Gegenständen, die aber noch gebrauchsfähig zu sein schienen. Jim beachtete sie kaum, weil ihn die Größe der Räume und vor Allem die Fensterwand mit Ausgang auf die Terrasse und den davor sich ausdehnenden, weiten Garten beeindruckten. Schon bald darauf einigten sie sich auf ein Ergebnis, das Sven auch später nicht bereute, Er hatte sich ein verlässliches Rückzugsgebiet gesichert , aus dem heraus er wohlüberlegte Vorstöße in seine neue, fremde Umgebung planen und gezielt durchführen konnte.

Zurück in seinen jetzt eigenen vier Wänden, inspizierte Sven zunächst Küche und Bad, bewaffnete sich mit Block und Bleistift und notierte sich die notwendigsten Gebrauchs-gegenstände, hauptsächlich Handtücher, Badeutensilien, Geschirr und Lebensmittel, die ihm fehlten. Anschließend fuhr er zu dem, ebenfalls von Jim empfohlenen Shopping Mall in Mississauga, dessen ungewohnte Größe ihn zunächst völlig verwirrte. Schon das Meer der Autos, das den Mall von allen Seiten umschloss, beängstigte ihn, da er nicht wusste, wie er seinen Wagen in der Menge jemals wiederfinden sollte und keinerlei Eingänge zu erkennen waren. Auf einem in der Nähe stehenden Mast sah er den Buchstaben G befestigt. Seine Zuversicht stärkte sich. Er parkte in der Nähe des Mastes mit der Gewissheit, später wieder an diesen Ort zurückzufinden. Der Strom der anderen Besucher wies ihm den Weg zu einem der Eingänge und dort ein Handzettel zu den verschiedensten, straßenartigen, überdachten Fluchten von Läden und Kaufhäusern aller Art. Bepackt mit zahlreichen Plastiktüten musste er mehrmals zum Auto zurücklaufen, verlor dadurch viel Zeit, kannte sich aber schließlich gut aus und hatte am Abend alles sicher in seinem geräumigen Ungetüm verstaut. Selbst Meissners staunten, während sie ihn beim Ausladen seiner Sachen beobachteten und liehen ihm bereitwillig Bettwäsche und Decken, die er im Schlafzimmer vergessen hatte. Außerdem spendierte Herr Meissner das jetzt wirklich verdiente Willkommensbier, das Sven bei seinen Einkäufen vergeblich gesucht hatte. Dabei tauschten sie ihre Vornamen aus und Wilhelm, jetzt Bill genannt, erklärte seinem Sven, dass er Bier nur im Brewers Retail Store bzw. im Liquor Store kaufen könne. Diese Neuigkeit füllte endgültig die momentane Verarbeitungs-kapazität des Neulings. Erschöpft ging er zurück in seine Wohnung, legte sich ins Bett und schlief sofort ein.

Am anderen Morgen verordnete sich Sven einen Ruhetag und begann ihn nach dem ausgiebigen Frühstück mit dem Auspacken und Einräumen der gekauften Sachen. Danach lockte ihn die Sonne, die um diese Jahreszeit, Anfang Juni, bereits sehr warme Tage bescherte, auf die Terrasse, wo ihn bequeme Gartenmöbel zum Sitzen einluden. Nachdenklich betrachtete er die sich vor ihm ausbreitentende, flache Landschaft mit großflächigen Äckern und Wiesen. die, wie er später erfuhr, zusammen mit den endlosen Wäldern des Nordens den Großteil Kanadas ausmachte. Lediglich am Horizont zeigte sich die von der Morgensonne beleuchtete Skyline von Torontos Bank- und Bürohochhäusern mit der alles überragenden Spitze des CN- Towers.

Unwillkürlich erinnerte ihn die nähere Umgebung noch an den Blick von den Elbdeichen auf die verstreuten Bauernhöfe der Marsch Schleswig Holsteins im Norden Hamburgs, die er von Ausflügen in seiner Kindheit her kannte. In Hamburg, seiner Heimatstadt, deuteten allerdings keine Bürotürme auf das Zentrum der Stadt. Der Fernsehturm ragte auch nicht mit einer Höhe von über 500 m aus dem Häusermeer und die Vororte waren dort mit vielen Baumbeständen durchsetzt und hatten erkennbar eigene Zentren, die einen stufenweisen Übergang zum Inneren der Großstadt darstellten. Alles verströmte eine althergebrachte Beständigkeit, die selbst die weltweit anerkannte, hauptsächlich mit dem Hafen verknüpfte Geschäftigkeit in alter Tradition verband.

Toronto dagegen präsentierte sich ganz im Zeichen des Aufbruchs in eine neue, andersgeartete Welt. Sven sah nicht nur die in der Ferne alles überragende Skyline der Stadt, sondern auch große, vorgelagerte Brachflächen, die sich das Grün der Landschaft als braune, eintönige Gebilde wie eine alles vernichtende Überschwemmung eroberten. Sie gehörten Entwicklungsgesellschaften, (Developers mit Fantasienamen), die auf möglichst engem Raum ein Maximum an Einfamilienhäusern in billiger Standardbauweise als endlose Linien aneinander reihten, um sie gewinnbringend, hauptsächlich an junge Familien und Einwanderer, zu verkaufen. Selbst die in der Nachbarschaft gelegenen Bauernhöfe wurden nur noch teilweise bewirtschaftet, sodass die Felder sich in eine Steppe verwandelten, die oft bereits verkauft und als zukünftiges Bauland ausgewiesen waren. Einem Raubtier gleich fraß sich der scheinbar unersättliche Moloch der Großstadt in das Land hinein, zerstörte jegliche Natur und ersetzte sie durch riesige Ansammlungen von einförmigen Häuserwürfeln, die über meist sechsspurige Highways untereinander und mit der Innenstadt verbunden waren.

Die Zahl der Einwohner hatte sich auf diese Weise in den letzten zwanzig Jahren von 800 000 auf zweieinhalb Millionen verdreifacht und dabei alle anderen Großstädte Kanadas einschließlich Montreal weit hinter sich gelassen. Toronto verkörperte jetzt, trotz oder wegen der einem riesigen Ameisenhaufen gleichenden Menschenansammlung, die Finanz- und Wirtschaftsmetropole des Landes. Obwohl man sich offiziell, bis auf die Provinz Quebec im Nordosten, auf Englisch verständigte, kannten die in der Nachbarschaft von Sven verstreut wohnenden italienischen Land- und Bauarbeiter zusammen mit ihren Familien nur ihre Muttersprache. Alle allgemein gültigen, zwischenmenschlichen Beziehungen schienen in diesem ständig in Aufruhr befindlichen Ameisenhaufen nur auf einen gemeinsamen Nenner ausgerichtet zu sein, nämlich den maximal möglichen Gelderwerb, um so dem alles erfassenden Wunsch der weltweit herbeiströmenden Menge der Emporkömmlinge gerecht zu werden. Ein Schmelztiegel der besonderen Art, der von den Gesetzen und Richtlinien der verantwortlichen Provinz- und Zentralregierung nach Außen zwar eingefasst ist, im riesigen Innenraum aber durch das ständige Brodeln und Hinzufügen neuer Ingredienzen unberechenbare Energien von teilweise bedrohlichen Ausmaßen freisetzen kann.

Noch gehörte Sven nicht zu diesem neuen Umfeld. Es war aber nicht nur der Platz auf der Terrasse seiner neuen Wohnung, der ihm noch etwas Zeit und Muße für sein Überlegungen gewährte, sondern bald auch seine neue Tätigkeit als Baustellenleiter für seinen deutschen Arbeitgeber, die Firma Konrad Wegener, die ihm die ihm die notwendige Zuversicht verlieh.

1.4

Jim, Svens neuer Kollege, stammte als der selbsternannte Ureinwohner aus Hamilton, einer Industriestadt südwestlich von Toronto am Ontariosee gelegen. Seine Großeltern waren aus Belfast eingewandert, weil die damals junge Stahlindustrie im Gebiet von Burlington-Hamilton den Großvater als Facharbeiter benötigte und seine Überfahrt sowie Unterbringung samt Familie finanzierte. Erst dem Enkel war es gelungen, sich der Tradition als Stahlarbeiter zu entziehen und bei einer der zahlreichen Importfirmen für Industrieprodukte in Mississauga, dem modernen, alles überwuchernden Stadtteil Torontos Ausbildung und Anstellung zu finden. Das durch die Vorfahren überlieferte technische Verständnis, die ebenfalls vererbte mit Witz gepaarte Schlagfertigkeit und die offene vertrauenserweckende Art im Umgang mit den Kunden machten ihn zu einem allseits beliebten und in der Branche bekannten Verkäufer. Die Firma Wegener übergab ihm daraufhin schließlich die Werksvertretung für Nordamerika, eine Tätigkeit, die ihm zu einem stetig wachsenden Erfolg verhalf.

Hatte Sven am Anfang noch gedacht, dass er der aus Europa kommende unstete Wanderer sei, so musste er bald erkennen, dass Jim als Einheimischer mit den hier erforderlichen häufigen Kundenbesuchen derjenige war, den er wegen der ständigen Geschäftsreisen nur selten im Büro antraf. Sven dagegen stand eine andere Aufgabe bevor, nämlich der Aufbau einer Fabrik in Bancroft, einem kleinen Provinzstädtchen, südöstlich vom Algonquin Provincial Park, und somit in der Abgeschiedenheit der kanadischen Weite gelegen. Hier galt es nicht, Jims geschäftlichen Erfolge bei international anerkannten amerikanischen Großkonzernen nachzueifern, sondern er musste dessen kanadische Verhaltensweisen erforschen, um sich damit auf die Zusammenarbeit mit den als besonders eigensinnig geltenden Bewohnern des Nordens vorzubereiten. Zwar blickte Sven von der Terrasse seiner Wohnung auf eine ihm vertraute Ebene. Bei näherer Betrachtung stellte sie sich jedoch irgendwie fremd und andersartig dar. Die ihm zugewiesene Aufgabe verlangte, diese Eigendynamik der neuen Umgebung zu erkennen, um sie danach mit den europäischen Gewohnheiten von sich und seinen deutschen Monteuren so abzugleichen, dass sich beide Seiten in einem unvoreingenommenen Freiraum treffen konnten und dadurch ihre jeweiligen, aufeinander abgestimmten Vorteile voll zur Geltung kamen.

Auf die Landschaft schienen die Menschen hier wenig Rücksicht zu nehmen, weil ein Groß-teil sich aus Einwanderern oder deren Kinder zusammensetzte, die im gegenseitigen Konkurrenzkampf nur ihre ökonomischen Erfolge zur Geltung bringen wollten. Im Gegensatz zu einer alteingesessenen Bevölkerung mit einem umfassenden Verantwortungsbewusstsein zur Bewahrung ihres Lebensraumes, und dem damit verbundenen traditionellen Verhalten, wie in Deutschland, fehlte hier diese Sichtweise. Gleichzeitig ermöglichte diese Tatsache Sven als Neuankömmling einen zunächst einfacheren Einstieg im Umgang mit seinen Mitmenschen, bei dem er sich erst einmal mit den allgemeinen, auch bei ihm zu Hause gültigen und deshalb leicht erlernbaren Äußerlichkeiten anglich und einlebte. Jim erwies sich bei dieser Aufgabe, trotz seiner andersartigen beruflichen Ausrichtung, als guter Lehrer und Freund. Er glich seine häufige Abwesenheit im Büro dadurch aus, indem er Sven zu Besuchen bei seinen Freunden mitnahm und ihn an seinen Freizeitaktivitäten beteiligte.

Das besondere Klima Torontos beschert nur einen kurzen Frühling, dem bald darauf Anfang Juni ein heißer Sommer folgt. Da Sven gerade zu dieser Zeit angekommen war, begeisterte ihn Jim mit einem überraschenden Vorschlag.. Etwas unscheinbar fragte er: „Du bist doch aus Hamburg; kannst du dann auch segeln?“ Vorsichtig antwortete Jim: „Das kommt darauf an, was du damit meinst. Zusammen mit meinen Arbeitskollegen habe ich bei einer Segelschule einen Grundkurs gemacht, damit wir uns mit gemieteten Segeljollen auf der Alster, einem kleinen Binnensee in der Stadtmitte von Hamburg nach Feierabend einen sportlichen Ausgleich schafften.“ „Das sollte erst einmal reichen! Hast du Lust am kommenden Samstag mit mir auf mein Boot zu kommen?“ Sven strahlte: „Natürlich bin ich dabei. Sag mir nur wo und wann.“„Wie du weißt, wohne ich in Brampton. Auf der Fahrt zur Innenstadt komme ich um neun Uhr bei dir vorbei und nehme dich mit. Das Boot liegt auf den Toronto Islands und so können wir bei unserem Ausflug Toronto vom Wasser aus besichtigen.“

Bei seinem ersten Besuch der Innenstadt war Sven der Yonge Street nach Süden folgend bereits einmal so neugierig gewesen, dass er sich durch den Tunnel unter den Gleisen beim Hauptbahnhof „Union Station“ hindurch gewagt hatte, um anschließend zwischen den Hochhäusern von Harbour Front bei den Island Ferry Docks einen wenig spektakulären Blick auf das Wasser und die dort vorgelagerten Toronto Islands zu erhaschen. Dieses Mal fuhr Jim mit ihm, nicht wie er erwartet hatte, zu den Fähren, die das allgemeine Publikum von den Island Ferry Docks zu den Parkanlagen der Inseln brachten, sondern zu einer kleinen Bucht am östlichen Ende des Queens Quay. Hier lag lediglich ein älteres, unscheinbares, kleines Barkassenboot, in das die beiden nach freundlicher Begrüßung des Bootsführers einstiegen. Sven sah Jim etwas erstaunt an und erhielt folgende Erklärung: „Dies ist eine spezielle Fähre des Royal Canadian Yacht Clubs, bekannt als RCYC. Sie bringt uns zum Clubhaus auf eine dem South Island vorgelagerte Privatinsel.“

Während der Überfahrt fügte er hinzu: „Ich bin lediglich ein Stammgast dieses traditions-reichen, exklusiven und wohl bekanntesten Segelclubs von Toronto. Mein früherer Chef ist Mitglied und der Eigentümer des Bootes. Wir segelten oft gemeinsam. Aus Alters- und Zeitgründen erscheint er aber nur noch bei gesellschaftlichen Anlässen im Clubhaus und überlässt mir das Segeln und die Wartung des Bootes.“ Ein schalkhaftes Grinsen begleitete den Zusatz. „Nicht das Eigentum ist wichtig, sondern die kostenlose Benutzung.“ Als sie beim Boot, einem schnittigen Kabinenkreuzer, ankamen, musste Sven seinem Freund neidisch recht geben.

Mit den verschiedenen Winschen ausgerüstet, verlief das Auftakeln sogar einfacher und leichter als bei den Jollen auf der Alster und bald kreuzten sie bei mäßigem Westwind auf dem Inner Harbour zwischen den Inseln und dem Innenstadtufer. Die Skyline mit dem Skydome, dem neuen Stadium, dem Fernsehturm und dem sich nach Osten anschließenden Hochhäusern des Bankenviertels sowie der davor nur noch klein wirkenden, aber immer noch imposanten Fassade des Royal York Hotels, dem ehemaligen höchsten Gebäude der Innenstadt, präsentierte sich in ganzer Größe.Voller Stolz rief Jim am Steuerrad: „Dies ist meine Art der Stadtrundfahrt, die wir gleich beenden, wenn wir mit halbem Wind durch den Eastern Channel auf den offenen See hinausfahren.“ Dort angekommen, durfte Sven bei den dort vorhandenen unbegrenzten Platzverhältnissen das Ruder übernehmen und zeigen, dass seine Kenntnisse ausreichten, um ein Boot dieser Größe mit voller Besegelung sicher zu manövrieren . Der Ausflug entwickelte sich so zu einem Erlebnis, bei dem sich beide Teilnehmer während ihrer gemeinsamen, vergnüglichen Beschäftigung näher kennen lernten und dieses, von einer besonderen Umgebung umrahmt, als prägender Eindruck dauerhaft in ihrer Erinnerung verankert blieb.

Nachdem Sven und Jim das Boot am Nachmittag sicher an seinen Liegeplatz zurückgebracht und abgetakelt hatten, lud Jim zu einem Drink an der Bar des Clubhauses ein. Der ursprüng- lichen, alten englischen Tradition dieses Clubs entsprechend, befand sie sich in einem läng-lichen, mit dunkelbraunem Holz getäfelten Raum ohne Fenster und Tische, dafür aber beherrscht von einer langen Theke und der dahinter befindlichen alles überragenden Flaschenwand. Daraus holten drei Barkeeper ständig die verschiedensten Getränke heraus und servierten diese entweder direkt oder zu Cocktails gemixt den vor ihnen aufgereihten Gästen. Da um diese Zeit viele Boote zurückkamen, herrschte entlang der Theke ein großer Andrang. Eine bunte Schar, hauptsächlich Männer, stand dichtgedrängt in mehreren Reihen hintereinander. Sie berichteten von ihren Ausflügen und versuchten sich dabei lautstark mit ihren Segelkünsten und den dazugehörigen Fachausdrücken gegenseitig zu übertrumpfen.

Schon bald entdeckte Jim eine Gruppe von Freunden, die ihn mit lautem Hallo begrüßten und die er als Ben, seinen Rechtsverdreher und Anwalt, Arne Erikson, den Inhaber einer Maschinenbaufirma und Max Weber als Kollegen und Vertreter der deutschen Firma Klöckner- Möller vorstellte. Typisch für Jim und wie von den anderen nicht anders erwartet, fügte er hinzu: „Sven hier wurde mir von meiner Firma zugeteilt, damit ich ihm die „Zivilisation“ beibringe, die er bei unseren „Lumberjacks“ ( Spitzname für die Land- bevölkerung im Norden und Westen Kanadas) auf seiner Baustelle benötigt.“ Alle lachten, da das momentane Training in dieser Umgebung eher das Gegenteil zu bewirken schien..

Arne, mit dessen Boot er und seine Begleiter ebenfalls einen Ausflug gemacht hatten, ergänzte dann aber: „Vielleicht kann ich Sven eher helfen. Schließlich wohnen die meisten meiner Kunden auch in den einsamen Kleinstädten des Nordens und noch schlimmer in der endlosen Weite des Westens. Ich verbringe viel Zeit mit ihnen und bin daher fast ein Zwitter. Einerseits wuchs ich in Toronto auf, habe hier studiert und zähle „Großstadtpflanzen“ wie Ben zu meinen besten Freunden. Andererseits schätze ich aber auch die Großzügigkeit und die damit verbundene Freiheit, die die Individualität der Leute auf dem Lande ausmachen.“ Ben, der sich als Anwalt sofort angesprochen fühlte, erwiderte: „In Toronto gelten wenigstens allgemein anerkannte und festgelegte Gesetze, die ähnlich wie in London, Paris oder Hamburg unser Zusammenleben regeln. Je weiter man nach dem Norden kommt, desto weniger werden sie beachtet, dafür aber umso großzügiger nach dem jeweiligen Bedarf von „Dorfältesten“ zurechtgebogen. Fremden und besonders Ausländern begegnet die Bevölkerung mit Misstrauen und ich hoffe nur, dass Sven der Kontakt zu Toronto erhalten bleibt. Selbst Arne mit seiner besonderen Kundschaft behält sein Boot hier und freut sich auf den Drink in der Bar dieses Clubs, in dem die Bank- und Geschäftsleute den Ton angeben.“ Max Weber, den Sven jetzt fragend ansah, bestätigte Bens Ansicht mit den Worten: „ Du wirst dich in Toronto nach einer Weile sicher wohlfühlen und ein angenehmes Leben genießen können. Ich werde dich in der nächsten Woche im Büro besuchen, da ich bei deinem Projekt beteiligt bin und wir die noch offenen Fragen abklären müssen.“Sven, der eigentlich andere Kontakte suchte, wusste nicht so recht, ob er sich auf diesen Besuch freuen sollte, sagte aber zu, indem er sich gleichzeitig mit Arne zu einem Wieder-sehen in dessen Haus in Don Mills, einem älteren, zentral gelegenen Wohngebiet von Toronto, verabredete. Jim, der sich an ihrem Gespräch wenig beteiligt hatte, entschuldigte sich bald darauf wegen seines Abendessens zu Hause und erreichte damit, dass er und Sven sich schnell wieder verabschiedeten.

Die unerwartete Begegnung, vor Allem die mit seinem Landsmann Max Weber, hatte Sven neugierig gemacht. Auf dem Weg zu seiner Wohnung fragte er deshalb Jim:“Kannst du mir etwas mehr über diesen Max erzählen?“ „Er ist ein Deutscher, den seine Firma vor etwa einem Jahr nach hier geschickt hat, und einer, der über seine deutschen Kontakte sehr schnell zum Erfolg bei einigen Großfirmen, vor allem in der Automobilbranche, gekommen ist. Er nutzt seine Beziehungen geschickt aus und ich würde mich nicht wundern, wenn er momentan gerade über Arne als Gönner und notwendigen Bürgen versucht, Mitglied bei unserem Segelclub zu werden.“ „Keine schlechte Idee, wenn jemand als Vertreter ins Geschäft kommen will“ erwiderte Sven. Jim schien dieser Einwand wenig zu beeindrucken: „Du hast recht. Max muss einschlägige Erfahrungen mit diesem althergebrachten Geschäftssystem haben, bei dem Beziehungen die Hauptrolle spielen. Er versucht deshalb, sich bei den hiesigen, oft noch sehr einflussreichen, englischen Kreisen einen Zugang zu verschaffen. Dieses scheint sehr leicht zu sein, gelingt aber meist nur an der Oberfläche. Andererseits, und dabei nahm sein Gesicht einen geradezu zornigen Blick an, sind wir auch keine englische Kolonie mehr, in der über einen eng miteinander verflochtenen Handel alle Geschäfte beherrscht werden. Ich begegne bei meinen Geschäftsreisen in erster Linie selbstbewussten, eigenständigen Partnern, die vor Allem meine Fachkompetenz prüfen wollen. Die mühsam errungene Freiheit in Nordamerika besteht auch darin, dass jeder als einzelner bei den zuständigen Entscheidungsträgern Beachtung findet, wenn er den Vorteil seiner Idee oder seines Produktes überzeugend darstellt. Beziehungen helfen am Anfang, werden aber nüchtern und fachkundig beurteilt und nicht mehr honoriert, wenn der versprochene Vorteil ausbleibt.“

Obwohl Sven diese Argumentation gefiel, musste er trotzdem die erwähnte Projektbeteiligung von Max berücksichtigen. Er versuchte deshalb die offensichtliche Erregung und Abneigung von Jim mit dessen stets offenem Ohr für einen flotten Ausspruch zu normalisieren, indem er mit ernster, fast trauriger Miene sagte: „ Die Reise mit dem Luftballon ist ein tolles Erlebnis. Nur schade, wenn er platzt.“ Der Ire verstand sofort und lachte, sodass der wunderbare Tag beim Abschied wieder gerettet war.

1.5

Am Wochenbeginn startete Sven zu seiner ersten Fahrt nach Bancroft, dem Ort, den keiner seiner Freunde kannte, dafür aber alle bereits dem Gebiet des einsamen Nordens zurechneten und der trotzdem, wie bei seinem Beruf schon öfters der Fall, zum Zentrum seiner vorläufigen Aktivitäten bestimmt worden war.

Auf dem Highway 401 in Richtung Osten bemerkte er zunächst nichts von der Einsamkeit. Die Strecke verbindet Toronto mit Montreal, der zweitgrößten Stadt Kanadas und besitzt bis Oshawa, Torontos Zentrum der Schwer- und Autoindustrie, jeweils acht Fahrspuren auf jeder Seite. Erst als sich danach einige Lücken zwischen den rechts fahrenden Lastwagenkolonnen auftaten, bekam Sven einen Blick auf die Wasserfläche des Ontariosees. Der Highwasy blieb anschließend ca. 100 km an seiner Seite und Seebreite erlaubte nicht, das gegenüberliegende, zur USA gehörende Ufer zu erkennen. Kurz hinter Port Hope erreichte er die Abzweigung der Highway 28, die ihn über Peterborough, dem zentralen Ort dieser Gegend, bis nach Bancroft führen sollte. Die noch verbleibende Strecke von ca 200 km bis zu seinem Ziel in der nördlichen Region Ontarios kündigte sich dadurch an, dass ihn zunächst bis Peterborough eine hügelige Feld- und Wiesengegend begleitete, die mit Farmhäusern und kleinen Ortschaften durchsetzt, eine wohlhabende Landwirtschaftdemonstrierte.

Peterborough selbst zeigte ein reges Leben. Die Stadt besitzt als alte, englische Siedlung gepflegte Anwesen, die in parkartigen Vororten eingebettet sind. Das Lehrpersonal von mehreren bekannten Internatsschulen bewahrt das englische Kulturerbe im besonderen Maße und verleiht damit dem Ort eine spezielle Note. Sven fand ein gemütliches Restaurant für die Mittagspause. Anschließend benötigte er jedoch alle seine Orientierungskünste, um die jetzt zweispurige Landstraße Nr. 28 für seine Weiterfahrt zu entdecken.

Wie seine Freunde in Toronto vorausgesagt hatten, änderte sich wiederum nicht nur die Straße sondern auch die Landschaft. Zunächst passierte er mehrere Seen, deren Ufer sich viele Wassersportler aus der Großstadt mit Sommerhäuschen zum Ferienparadies ausgebaut hatten. Anschließend verschluckte ihn eine schier endlose Waldfläche. Rasch erlahmte der Verkehr und bestand vorwiegend aus den hoch mit Schnittholz beladenen Ungetümen von Trailer-Trucks, die die vorgeschriebene Geschwindigkeitsbegrenzung von 80 kmh sträflich missachteten, sowie aus gelegentlich vorbeikommenden Pick-ups der weit verstreut in irgendeinem Versteck wohnenden Einheimischen. Ab und zu zweigten zu beiden Seiten Schotterstraßen ab, deren Richtungsschilder auf kleine, unsichtbare Ortschaften hinwiesen, aber nicht zum Abbiegen verleiteten. Ein Fußmarsch in den Wald barg die Gefahr des sofortigen Verirrens.

Als die Straße über einige langgezogene Hügel führte, erkannte Sven durch die Bäume hindurch den auf seiner Karte eingezeichneten, in einer Talsohle gelegenen, weit verzweigten Paudash See und wusste, dass Bancroft nicht mehr weit sein konnte. Erleichtert erreichte er nach der langen Fahrt durch die gleichförmige, nur zwischen Bäumen, Sträuchern und unzähligen Blättern abwechselnde Einsamkeit seinen Bestimmungsort. Er übersah die einfachen, weiß gestrichenen Holzhäuser am Ortseingang und beglückwünschte sich erst, als er im „Sword“, einem ältlichen, einfachen Hotel im Zentrum ankam..

Eine ältere Dame in dunkelblauem Kostüm empfing ihn mit dem geschäftlich aufgesetzten freundlichen Blick. Ihr hagerer Gesichtsausdruck mit den von der Nase zu den Mundwinkeln ausgehenden Falten verriet sie als strenge, kaum zum Scherzen aufgelegte Hausherrin. Gewissenhaft prüfte sie seine Reservierung als Sven Fahrenholz und führt ihn, nachdem sie sich als Miss Wendworth vorgestellt hatte, zu seinem Zimmer im Erdgeschoß eines neuen Nebengebäudes. Sven war von der modernen Einrichtung des Raumes überrascht und genoss den zumindest hier wieder gewonnenen Komfort. Zusätzlich zeigte der Blick aus dem großen Fenster auf einen gepflegten Garten, der mit dem Ufer eines kleinen Baches abschloss. Das „Ende der Welt“ ließ sich mit diesem vorläufigen Reiseergebnis durchaus ertragen.

Am nächsten Morgen wurde Sven nach einem reichhaltigen Frühstück, im hiesigen Countrystyle aus Spiegeleiern, Schinken und Steak bestehend, von Ron Harrington, dem Projektleiter des Kunden, abgeholt. Trotz seines gesetzten Alters von ca. 50 Jahren erschien er in Jeanskleidung, unterstrich seine Funktion jedoch durch eine große, kräftige Gestalt und

einen freundlichen Gesichtsausdruck, der bei den graublauen Augen und den darüber sozusagen als Betonung angeordneten, breiten, grauen Augenbrauen eine prüfende Haltung erkennen ließ.

Während der Fahrt zur Baustelle, die sich nördlich, etwas außerhalb des Ortes befand, erkundigte sich Ron, wie üblich, zunächst nach Fahrt und Unterkunft seines Gastes und offerierte die Anrede mit ihren Vornamen und den Hinweis, das beide als zukünftige Kollegen sicherlich aufeinander angewiesen seien. Den Grund dieser Andeutung erfuhr Sven, nachdem sie in Rons Büro, einem kleinen Raum im hinteren Teil eines Baucontainers und nur durch Rons Schreibtisch voneinander getrennt, Platz genommen hatten. Mit einem etwas skeptischen Ton in der Stimme sprach Ron jetzt sofort über die Arbeit.„Wir stecken noch Mitten in den Vorbereitungen, die nicht immer nach Plan verlaufen. Ich selbst bin bereits seit einem halben Jahr hier, komme von unserem regionalen Zentralbüro in Montreal und bin als Francokanadier fast ein Ausländer wie du. Erst langsam verstehe ich die hiesige Mentalität der Leute und kann meine Vorgaben durchsetzen.“ Sven, der mit seinen Baustellen bereits ähnliche Erfahrungen gemacht hatte und dabei allerdings weniger auf Vorgaben sondern auf gemeinsame Zielbestimmung gesetzt hatte, suchte nach einem Ausgleich und antwortete: „Ich habe ein paar Tage Zeit mitgebracht. Wir können alle Probleme vor Ort besprechen und anschließend mit entsprechenden Korrekturen nach einer Lösung suchen.“

Rons Gesicht hellte sich bei dieser Antwort auf. Ganz ohne Vorbehalt und selbstbewusst konnte er jetzt über die eingetretenen Verzögerungen reden und dem Besucher den Bauplatz samt dem fast fertigen Fabrikgebäude zeigen. Am folgenden Tag erarbeiteten sie einen neuen Zeitplan, den sie ihren Firmenleitungen übermittelten und für den sie wenig später die entsprechenden Genehmigungen erhielten.

Mit einem Gepäck voll neuer Erkenntnisse fuhr Sven nach Toronto zurück. Die berufliche Seite seiner Aufgabe bereitete ihm lediglich die üblichen Schwierigkeiten und war jetzt nur dadurch belastet, dass sich sein geplanter Arbeitsbeginn in Bancroft verschob. Zu Denken gab ihm vor Allem seine persönliche Anpasssungsfähigkeit. Wenn Ron Harrington als Kanadier bereits Schwierigkeiten mit den Einheimischen gehabt hatte, wie würde seine Arbeit und besonders die seiner deutschen Monteure darunter leiden? Ihn tröstete der Gedanke, dass Ron mit seinem Vorgehen die sicherlich ab und zu berechtigten Einwände seiner lokalen Mitarbeiter aus Mangel an Erfahrung nicht genügend berücksichtigt haben könnte. Sven selbst, aber auch seine Monteure, hatten über Jahre genügend Motivierungskünste gesammelt, um Probleme dieser Art zu vermeiden. Wenn er Ron als seinen zukünftigen Partner in diese Überlegungen mit einbezog, musste er auch ihm gegenüber seine ganze Geschicklichkeit beweisen. Hinzu kam die Abgeschiedenheit von Bancroft. Die Wälder und Seen der Umgebung versprachen reizvolle Urlaubserlebnisse, kaum jedoch eine abwechslungsreiche Freizeit während der langen Wintermonate. Wie ließ sich die lähmende Eintönigkeit bekämpfen? Svens Besuch bei Arne Erikson, dem Kenner der kanadischen Weiten, bekam eine zusätzliche Bedeutung, um sich mit dessen praktischen Hinweisen besser auf die neuen Heraus-forderungen vorzubereiten.

1.6

Arne Erikson besaß ein Haus in Don Mills, einem Stadtteil von Toronto, dessen Grundstücke, hauptsächlich zwischen Bäumen und Büschen versteckt, noch den Charakter einer älteren Siedlung erkennen ließen. Sie entstanden in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vor dem großen Boom der Stadt, erkennbar daran, dass die Parzellen noch großzügig bemessen waren, die Begrünung einen parkartigen Charakter bekommen hatte und die südlich angrenzende Innenstadt trotzdem über die Don Mills Road schnell erreichbar war. Sven schloss daraus zu Recht auf einen Einheimischen, den er genau wie Jim als echten Kanadier zu betrachten hatte, sich deshalb genauso taktisch annähern musste wie bei der Fahrt zu diesem ersten Besuch, nämlich zunächst zügig über die Highways, dann aber langsam, um sich das Haus im Cottonwood Drive und den darin verborgenen Charaktertyp zu erschließen.

Nach der freundlichen Begrüßung am Eingang führte Arne seinen Gast in ein großzügiges Wohnzimmer, dessen rückwärtige Fensterwand den Blick auf einen Garten mit großer Rasenfläche, Swimmingpool und nach hinten hin abschließender Gebüsch- und Baumfront bot. Die Möbel, bestehend aus Wandschrank , Anrichte und großem Bücherregal, alle aus weißem Ahornholz, verliehen dem Raum zusammen mit einer Polstergarnitur aus hellgrauem Leinenstoff und einem darunter ausgebreiteten Schafwollteppich eine besonders helle Note, die an modernes skandinavisches Möbeldesign erinnerte und neben dem Namen auf die ursprüngliche Herkunft der Besitzer hinwies.

In Anlehnung an amerikanische Gepflogenheiten befand sich in einer Ecke des Raumes eine Bar, hinter deren Theke Arne sofort verschwand, um einen Begrüßungstrunk zu offerieren. Als der obligate Whisky-Soda eingeschenkt war, wollte er zunächst wissen, wie es Sven bei seinem Ausflug in den Norden ergangen war und fragte deshalb in scherzhaftem Ton: „Wie ist es dir bei unseren Bären ergangen?“ Sven, der den ironischen Unterton der Frage nicht sofort verstand, antwortete wahrheitsgemäß: „Ein Bär ist mir nicht begegnet; dafür viele Bäume und Seen sowie ein paar Leute, die mich vorwiegend für einen Touristen hielten. dem man freundlich das Geld aus der Tasche zieht.“ „Ganz so schlimm kann es wohl nicht gewesen sein, da man dich wohl kaum den Amerikanern zugerechnet hat, die um diese Jahreszeit die kanadische Wildnis samt Eingeborenen im Urlaub mit ihren Dollar- scheinen erobern. Generell geht man friedlich und ehrlich miteinander um, da jeder jeden kennt und sich im Notfall, bedingt durch die Einsamkeit, auf den Nachbarn verlassen muss“ „Was ist aber, wenn man dich nicht kennt?“ wollte Sven wissen. Arnes Antwort fiel jetzt vorsichtiger aus: „Entweder bleibt man verschlossen und versucht dich zu meiden oder testet dein Reaktionsvermögen , indem man dich bewusst mit besonderen lokalen Gegebenheiten konfrontiert, was durchaus auch dazu führen kann, mit dir grobe Späße zu treiben, denen du möglichst gekonnt und gelassen begegnen musst. Mir macht Letzteres besonders Spaß, da ich auf diese Weise meine Schlagfertigkeit beweisen kann und mir so den notwendigen Respekt und Anerkennung verschaffe. Das ernste Geschäftsleben hier in Toronto ist zu steif und förmlich für Herausforderungen dieser Art und verlangt geradezu nach einem derartigen Ausgleich im Norden.

Sven, der ähnliche Begegnungen von früheren Baustellen kannte, hätte gern noch etwas über die kanadischen Besonderheiten erfahren, wurde jedoch von Arnes Frau unterbrochen, die in diesem Moment ins Zimmer kam und von dem Gastgeber als seine Frau Rita vorgestellt wurde. Ähnlich ihrem Mann war auch sie von kräftiger, großer Statur und trug einen grauen Rock mit dazu passender cremefarbener Bluse. Die dadurch gegebene Strenge milderte sie mit einem freundlichen Blick ihrer großen, graublauen Augen, umrahmt von einem länglichen, eleganten Gesicht, das von einem Lockenkopf blonder Haare abgeschlossen wurde. „Willkommen in Kanada,“ begrüßte sie ihn. „Wie mein Mann mir erzählte, dient ihr Aufenthalt in Toronto nur als Zwischenstation, bevor sie im großen Wald des Nordens als wirklicher Kanadier eingebürgert werden sollen. Wie sie sehen, genießen wir hier im Gegen-satz dazu den Komfort des weltweiten, modernen Stadtlebens, unterscheiden uns deshalb nur wenig von ihren Gepflogenheiten in Hamburg. Immer, wenn mein Mann von seinen Kunden im Norden bzw. den Weiten des Westens zurückkommt, müssen wir ihn neu zivilisieren, was meist großen Spaß macht, aber immer auch für Abwechslung sorgt.“ Arne lachte und fügte hinzu: „Pass auf , dass du dir Freunde suchst, die ein ähnliches Verständnis für deine Pendelei zwischen den unterschiedlichen Lebensweisen aufbringen.“

Svens Antwort kam prompt: „Keine Sorge! Mit meinen Auslandsaufenthalten bin ich auch bereits ein Außenseiter bei meinen deutschen Freunden. Ich hoffe, dass ihr mir zusätzlich helft, die hiesigen Besonderheiten sowohl in Toronto als auch in der Einsamkeit des Nordens kennen und verstehen zu lernen, damit ich, ähnlich wie Arne, mit beiden zurechtkomme und mir vielleicht sogar eine neue, dauerhafte Zukunft aufbaue, die mein bisheriges, unstetes Wanderleben durch eine von euch geschilderte kanadische Variante ersetzt. Mein jetziger Kurzaufenthalt im Norden hat mir aber, so glaube ich, noch vor Allem wegen der Landschaft gefallen. Der Kontakt mit den Leuten beschränkte sich hauptsächlich auf mein Treffen mit Ron Harrington, dem Projektleiter des Kunden. Er wurde von Montreal auf die Baustelle in Bancroft geschickt und hat als Franco-Canadier selbst noch Verständigungsprobleme mit den einheimischen Mitarbeitern bzw. Lieferanten und deren Vorgehensweise. Wahrscheinlich ist das auch die Ursache dafür, dass sich der Arbeits-fortschritt um drei Monate verzögert. Wir mussten einen neuen Zeitplan aufstellen, den unsere Firmen anschließend genehmigten. Ich hoffe, dass ich durch meine Mitarbeit auf diese Weise wenigstens Ron ein wenig auf meine Seite ziehen konnte und damit den Einstieg für ein gutes Einvernehmen geschaffen habe, selbst wenn mich meine Firma jetzt noch einmal für zwei Monate nach Deutschland zurückholt.“

Arne, der als Lieferant von Maschinen an dem Projekt beteiligt war und deshalb Ron bereits kannte, versuchte Sven zu unterstützen, indem er erklärte: „ Du hast Rons Schwierigkeiten richtig erkannt, solltest dich allerdings dadurch nicht entmutigen lassen, sondern die zusätzliche Wartezeit dazu benutzen, um dich noch besser über die örtlichen Gegebenheiten zu informieren. Ron wollte zunächst nur die Vorgaben seiner Firma berücksichtigen, muss dafür jetzt seine Pläne auf „Ortszeit“ umstellen, was nicht einfach aber notwendig ist. Du kommst definitiv in eine neue Umgebung, die trotzdem auch angenehme Überraschungen bereithält, falls du offen und unvoreingenommen die Arbeitsweise der eigenwilligen Nord-länder berücksichtigst und ihnen ein gemeinsames Vorgehen anbietest, das für beide Seiten Vorteile und Raum erkennen lässt.“

Lachend fügte Arnes Frau hinzu: „Du kannst deine Künste schon bei Arne ausprobieren. Jedes Mal, wenn er von seinen Inlandsausflügen zurückkommt, haben meine Kinder und ich bereits Schwierigkeiten, sein ungestümes, unberechenbares Verhalten wieder auf zivile Maßstäbe zurück zu führen.“ Als Entschuldigung gab Arne zu bedenken: „Kanada besteht hauptsächlich aus entlegenen, weiträumigen Gebieten. Wenn du uns kennen lernen willst, musst du uns nicht nur in Toronto oder Montreal besuchen, sondern auch die Vorzüge des Landlebens genießen können. Meine Frau offeriert uns jetzt einen kleinen Vorgeschmack mit ihrem Abendessen, das sie uns nach einem Rezept ihrer Freundin servieren wird, die in Timmins, im Norden von Ontario, lebt.“

Arne hatte damit nicht zu viel versprochen. Der Hammelbraten, den sie „Roast mutton, Helenstyle“ nannte, schmeckte hervorragend und zeigte, dass Rita als echte Kanadierin genau wie ihr Mann nicht nur in der Großstadt zu Hause war, sondern auch die Gastfreundschaft zu demonstrieren wusste, die Sven später als einen der von Arne angedeuteten Vorzüge seiner in der Abgeschiedenheit der Wälder lebenden neuen Freunde und Bekannte kennen und schätzen lernen sollte. Der kanadische Neuling erlebte einen Abend in freundschaftlicher, aufgeschlossener Atmosphäre und erhielt dadurch neuen Mut, um die bei Ron in Bancroft beobachteten, lokal bedingten und für ihn als Ausländer besonders kritischen Kontakt- schwierigkeiten an seinem zukünftigen Arbeitsort erfolgreich auszuräumen. Außerdem durfte er auf eine persönliche Beziehung zu Arne hoffen, der ihm bei den sicherlich noch zu bestehenden ungewohnten Erlebnissen die hilfreiche Unterstützung nicht versagen würde.

Kapitel 2 Ein neues Bewusstsein

2.1

Zwei Tage nach dem Abend bei Arne Erikson kam Max Weber zu dem bei ihrem Treffen in der Bar des Segelclubs angekündigten Besuch in Svens Büro. Er trug jetzt die Kleidung eines englischen Geschäftsmannes mit dunkelblauer Clubjacke und dazu passender, grauer Hose. Sein weißes Hemd zierte eine rot-blau gestreifte Krawatte, die scheinbar ein besonderes Merkmal von anerkannten Vertretern der hiesigen Geschäftswelt zu sein schien. Sven, der im Stil seines Kollegen Jim nur mit Jeans und dunkelgrauem Pullover aufwarten konnte, fühlte sich zunächst etwas deplatziert, erholte sich aber schnell, als er von seinem, in dieser neuen Umgebung selten gewordenen Landsmann nach gewohnter Art freundschaftlich begrüßt wurde. Auch die bei diesen Begegnungen übliche erste Frage nach dem jeweiligen deutschen Herkunftsort konnten beide gleichlautend mit Hamburg beantworten und damit zumindest beim Geschäftsgespräch schnell eine Verständigung bei der damit verbundenen Denkweise erzielen.

Obwohl Max bereits seit einem Jahr in Toronto tätig war, bemerkte Sven, dessen Aufenthalt sich erst auf einen Monat beschränkte, im Laufe der Unterhaltung bald einen gravierenden Unterschied in der Beurteilung ihrer Umgebung. Als er Max von den Verzögerungen in Bancroft erzählte, bekam er von diesem die etwas verblüffende, aber trotzdem eindeutige Antwort: „Was erwartest du von diesen Holzfällern, die selbst hier in Toronto als untaugliche „Lumberjacks“ bezeichnet werden. Besonders in der langen Winterzeit sitzen sie in ihren Hütten und treiben bei reichlich Alkoholkonsum ihre nutzlosen, groben Späße, haben dafür wenig Gefallen an einer ganzjährigen, täglichen Arbeit in deiner Fabrik.“ Obwohl diese Feststellung sicherlich bei den gegebenen Umständen nicht ganz von der Hand zu weisen war, betrachtete sie Sven dennoch als wenig hilfreiche Kritik eines Außenseiters. Er sehnte sich nach dem Zuspruch seiner neuen kanadischen Freunde, Jim Shaw und Arne Erikson, um den Sprung in den dunklen Teich der ungewissen Fremde zu wagen und. nach dem Auftauchen mit dem festen Grund des anderen Ufers und zusammen mit seinen ein-heimischen Mitarbeitern eine erfolgreiche, neue Marschrichtung einzuschlagen. Da sich ihr Gespräch bei diesen unterschiedlichen Vorstellungen festzufahren drohte und diese Differenzen wegen der fehlenden, praktischen Erfahrungen auch kaum zu überwinden waren, versuchten sie bei einem anschließenden Abendessen im Restaurant des nahegelegenen Hotels sich bei der damit verbundenen, gelockerten Atmosphäre doch etwas näher kennen zu lernen und so wenigstens das für die weitere Zusammenarbeit notwendige, gegenseitige Verständnis zu gewährleisten. Mit Bezug auf ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort erzählte Max aus seiner Vergangenheit die folgende, spannende Geschichte:

„Mein Aufenthalt in Toronto gefällt mir wieder recht gut. Die Stadt bietet alle Annehmlich-keiten und besonders für mich eine gesicherte, abwechslungsreiche Zukunft, die mir vorher ziemlich abrupt und tiefgreifend verloren ging. Ich hatte über mehrere Jahre die Vertretung meiner Firma in Teheran. Auf einer Hochebene am Fuße des Elbursgebirge gelegen, herrscht dort ein angenehmes Klima und der Blick auf den 5600 m hohen, oft schneebedeckten Demawend ersetzte die Aussicht auf die Elbe in Hamburg oder den Ontario See hier in Toronto.

Zusammen mit meiner Frau und zwei Töchtern bewohnten wir einen Bungalow mit Garten und Swimmingpool, umgeben von zahlreichen deutschen Freunden aus der Nachbarschaft. Das Geschäft lief auch sehr gut, da ich im Laufe der Zeit viele Kontakte bekam und mit meiner Firma technische Produkte anbot, die im Iran als qualitativ hochwertig sehr geschätzt wurden. Das Bemühen um neue Kunden fiel dadurch nicht schwer und konzentrierte sich hauptsächlich auf Begegnungen mit einflussreichen Leuten, die ich auf den verschiedenen Partys im Tennisclub und bei den häufigen Privateinladungen traf. Die Wochenenden gehörten meist der Familie. Wir verbrachten sie entweder zusammen mit Freunden im Garten beim Barbecue oder fuhren im Sommer über das Gebirge zum Baden ans Kaspische Meer und im Winter zu den Skigebieten am Demawend. Selbst Ausflüge ohne Kinder bereiteten keine Schwierigkeiten, da sie vom Hauspersonal selbst über längere Zeit gut versorgt und betreut wurden. Später schickten wir sie auf ein Internat nach Deutschland, um ihnen eine deutsche Schulbildung zu ermöglichen.

Diese Kurzbeschreibung demonstriert eigentlich bereits recht deutlich den sorglosen Luxus, den wir damals genießen durften. Wir gewöhnten uns im Laufe der Jahre so daran, dass wir die Anzeichen einer bevorstehenden Veränderung weder bemerkten noch deren Konsequenzen richtig einzuschätzen wussten. Erst die Vertreibung des Shahs, verbunden mit dem durch Ajatolah Komeini eingeführten neuen Regime führte zu einer Wende, die uns als unvorhergesehener Einschnitt umso heftiger traf. Die mit meinem geschäftlichen Erfolg verknüpfte Industrialisierung des Landes verlor schlagartig ihre Bedeutung. Meine Aufträge wurden storniert und neue kaum noch erteilt. Nach zwei Monaten gab die Firma die Vertretung auf. Meine Frau und ich packten einen Container mit den wertvollsten Sachen und flogen anschließend zurück nach Hamburg, um dort eine vorläufige Bleibe zu suchen.“

Sven erinnerte sich bei dieser Erzählung an die Bemerkung von Jim, die dieser bei ihrer Heimfahrt von ihrem Bootsausflug über das von Max praktizierte, althergebrachte Geschäfts- gebaren des Aufbaus eines Beziehungsgeflechtes gemacht hatte. Dieses schien in Teheran tatsächlich gut funktioniert zu haben und dort, ähnlich wie in Europa, aber noch im verstärkten Maße, die Geheimwaffe gewesen zu sein, um möglichst im exklusiven Zirkel agierend, unter Mitnahme aller damit verbundenen Annehmlichkeiten ein sorgenfreies Leben zu genießen. Da weder Jim noch Sven im Einsatz dieser Geheimwaffe besonders geschult waren, setzten beide in erster Linie darauf, die Kunden im freien Wettbewerb durch ihre fachliche Kompetenz zu überzeugen. Offensichtlich erzielte Jim im amerikanischen Markt auf diese Weise gute Ergebnisse, was Sven seinerseits die Hoffnung gab, die amerikanische unvoreingenommene, eigenwillige Entscheidungsfreiheit ohne alteingesessene Beziehungsnetzwerke auch seinerseits für sein eigenes Fortkommen in Anspruch zu nehmen. Momentan wollte er jedoch diesen Unterschied zwischen beiden Geschäftspraktiken nicht weiter vertiefen, zumal er selbst noch keine eigenen Resultate vorweisen konnte. Er bestellte stattdessen noch eine Flasche Wein, um so noch mehr über die besonderen Fähigkeiten seines Gastes zu erfahren. Dazu bekundete er seine Anteilnahme mit der Bemerkung: „Eine tolle Geschichte! Schade, dass sie mit der plötzlichen Vertreibung aus dem Paradies endet. Andererseits bist du mit dem hiesigen Start noch einmal glimpflich davongekommen.“

„Hier ja, antwortete Max. Dafür musste ich zu Hause erst noch einmal büßen. Meine Frau konnte sich einfach nicht mehr an das Leben in Deutschland gewöhnen. Nachdem wir zunächst bei ihrer Mutter untergekommen waren, mietete ich bald danach ein Reihenhaus in Wedel, nicht weit vom Elbufer auf einer Anhöhe gelegen, um bei kleinen Spaziergängen wieder eine attraktive Aussicht zu bieten. Die Räumlichkeiten in dem Haus beschränkten sich allerdings auf drei kleinere Zimmer und eine Mansarde und boten damit nicht mehr den vorher gewohnten Komfort. Hinzu kam, dass ich hauptsächlich bei meiner Firma in Bonn arbeiten musste, die Töchter weiter im Internat bleiben wollten und das vorher für Abwechslung sorgende Dienstpersonal wegfiel. Die Nachbarn waren ebenfalls keine Freunde mehr, sondern hauptsächlich ortsansässige Kleinbürger, die meine Frau als fremdes Wesen mieden und vorerst nur heimlich und misstrauisch beobachteten. Während ich bei meinen Kollegen aus dem Rheinland weiterhin eine Ansprache hatte und hier und da sogar Aufmunterung fand, gelang dieses meiner Frau, die sich in ihrer alten Heimat eigentlich wieder gut einleben hätte sollen, immer weniger. Offensichtlich beachtete sie nicht genug die erforderliche Umstellung von der vorher gewohnten Freiheit und der damit verbundenen Großzügigkeit auf die bereits vergessene und jetzt als Abweisung verstandene, hier aber vollkommen normale, norddeutsche Zurückhaltung. Sie zeigte mir ihren Unmut mit ständig schlechter Laune, begleitet von häufigen Streitereien, die uns immer weiter entzweiten, bis ich schließlich die Scheidung einreichte, das Haus in Wedel wieder aufgab und ganz nach Bonn übersiedelte. Meine Frau blieb bei ihrer Mutter in Hamburg.“ Sven der bis dahin wieder schweigsam zugehört hatte, unterbrach an dieser Stelle erneut den Erzähler mit der Frage: „Sag mal, findest du nicht auch, dass wir bei unseren Auslandsaufenthalten ständig neuen Erfahrungen und Erlebnissen ausgesetzt sind, die uns mental so verändern, das wir an den von dir geschilderten Widrigkeiten nicht zerbrechen, sondern sie mit einer herausgebildeten, widerstandsfähigen Identität entsprechend ertragen und überwinden?“

Max drückte sich bei dieser Frage um eine klare Antwort, sondern sagte. „Neue Erfahrungen sind natürlich interessant, sollten uns aber nicht von den Erfolgsrezepten der Vergangenheit abbringen..“ Die von Sven angesprochene neue Identität, die im Wesentlichen aus einer erfolgreichen Auseinandersetzung mit den aktuellen Herausforderungen und deren entsprechenden Verarbeitung bestand, blieb unerwähnt. Schade, dass sich Max selbst nach dieser außergewöhnlichen, extremen Belastung scheinbar kaum verändert hatte und damit seinen alten Rezepten treu blieb, obwohl er damit bereits schon einmal gescheitert war.

Wie schon vorher erkennbar, hatten sich zwei verschiedene Charaktere getroffen, die aber trotzdem als Landsleute und Geschäftspartner nach einer Verständigungsmöglichkeit suchten. Nachdem Sven am Ende ihrer Unterhaltung noch darüber berichtete, daß er für eine Weile nach Deutschland zurückkehre, bat ihn Max, einige Schriftstücke für seine Frau mitzunehmen und bei ihr in Hamburg abzugeben. Sven sagte zu und erhielt sich mit dieser kleinen Gefälligkeit das gewünschte, gute Einvernehmen.

2.2

Wieder zurück in Deutschland verbrachte Sven zunächst einige Tage damit, sich erneut auf die Sitten und Gebräuche seiner alten Heimat einzustellen. Er bewohnte ein Zimmer in einer kleinen Pension in Blochingen am Neckar, das ihm seine Firma angemietet hatte und erlebte seine Landsleute aus nächster Nähe und in großer Anzahl bei seiner täglichen S-Bahnfahrt nach Esslingen. Die meisten von ihnen unterhielten sich im schwäbischen Dialekt, dem er als Norddeutscher kaum folgen konnte. Trotzdem versuchte er intensiv zuzuhören, um die Verständigungsschwierigkeiten bei den Gesprächen mit den Kollegen in der Firma auf ein Minimum zu reduzieren.

Nachdem er diese Hürde einigermaßen überwunden hatte und als Baustellenleiter der Montageabteilung zugewiesen worden war, ergab sich sowohl mit dem zuständigen Chef als auch mit den dort arbeitenden Kollegen bald eine erträgliche Zusammenarbeit. Infolge ihres Aufenthaltes in verschiedenen Ländern, der Chef selbst ging jedes Jahr zur Bärenjagd nach Kanada, besaßen alle in dieser Abteilung Tätigen, einschließlich des Schreibpersonals mit den erforderlichen Fremdsprachenkenntnissen, eine umfangreiche Auslandserfahrung. Dementsprechend herrschte ein besonderes Betriebsklima, geprägt von eigenständigen Individuen, die zwar loyal zur Firma standen, gleichzeitig oft aber auch bei ihren Einsätzen im Ausland, auf sich allein gestellt, unabhängig handeln mussten, um am Ende ihrer jeweiligen Tätigkeiten den allseitig gewünschten Erfolg herbeizuführen.