Der Schlunz und der geheimnisvolle Schatten - Harry Voß - E-Book

Der Schlunz und der geheimnisvolle Schatten E-Book

Harry Voß

0,0

Beschreibung

Endlich Ferien! Familie Schmidtsteiner fährt in den Sommerurlaub. Und der Schlunz, der Junge, den Lukas und Nele schon vor einigen Monaten im Wald gefunden haben, kommt natürlich mit. Immerhin hat der Kinderpsychologe geraten, dem Schlunz viele Orte in Deutschland zu zeigen. Vielleicht kehrt dabei sein Gedächtnis zurück und er findet endlich seine Familie? Auf jeden Fall haben Lukas und der Schlunz viele Gelegenheiten für verrückte Streiche und spannende Abenteuer, wenn sie nach Köln, Bensersiel, Frankfurt, München und Berlin reisen. Und Schlunz gerät immer wieder ins Staunen, als er erfährt, dass alles von Gott geschaffen sein soll: die riesigen Berge in den Alpen, die winzige Spinne im Schlafsack von Nele, das Baby im Bauch von Tante Lydia und sogar die Dinosaurier aus längst vergangenen Zeiten! Etwas unheimlich wird es den Jungen allerdings zumute, als sie merken, dass die Familie heimlich verfolgt wird. Wer ist dieser seltsame Mann, der so trottelig aussieht, aber überall mit seinem Fotoapparat auftaucht? Und ist es Zufall, dass der Schlunz mehrfach in Lebensgefahr gerät? Will etwa jemand den Schlunz töten?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 234

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Harry Voß

Der SchlunzBand 3

Der Schlunzundder geheimnisvolle Schatten

Zum Autor vom „Schlunz“

Harry Voß wurde 1969 in Dillenburg geboren (auf der Landkarte zwischen Gießen und Siegen) und ist in dem schönen hessischen Dorf Eibelshausen aufgewachsen. Als Kind ist er dort zum Kindergottesdienst und zur Jungschar gegangen und hat durch die Bibellese-Zeitschrift „Guter Start“ das Bibellesen kennengelernt. Das hat ihm so gut gefallen, dass er als Jugendlicher selbst in Jungschar und Kindergottesdienst mitgearbeitet hat. Weil er die Arbeit mit den Kindern so klasse fand, besonders Kinderbibelwochen und Jungscharfreizeiten, wollte er das auch beruflich machen. Sein Traumberuf: Kindermissionar. Darum hat er in Darmstadt Religionspädagogik studiert. Und jetzt ist sein Traum wahr geworden: Harry ist Kindermissionar beim Bibellesebund. Er führt in Gemeinden Kinderbibelwochen durch, fährt mit Kindern auf Freizeiten und hat 10 Jahre lang sogar die Kinder-Bibellese-Zeitschrift „Guter Start“ als verantwortlicher Redakteur geleitet.

2007 hatte er das Vergnügen, sein erstes Buch schreiben zu dürfen: „Der Schlunz“. Das war eine klasse Sache, aber jetzt spuken ihm schon wieder neue Ideen im Kopf herum. Harry spielt für sein Leben gern Theater, mag Peter Pan und Mary Poppins und möchte am liebsten für immer ein kleiner Junge bleiben.

Mit seiner Frau Iris und seinen Kindern Elisa und Josia lebt er in Gummersbach, geht dort zur evangelischen Kirchengemeinde und arbeitet ehrenamtlich in der CVJM-Jungschar mit.

Impressum

© 2008 by Verlag Bibellesebund Marienheide

SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten

3. Auflage 2009

© 2019 der E-Book-Ausgabe

Bibellesebund Verlag, Marienheide

https://shop.bibellesebund.de/

 

Autor: Harry Voß.

Coverillustration: Daniel Fernández Adasme

Covergestaltung: Julia Plentz

ISBN 978-3-95568-304-7

 

Hinweise des Verlags

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des Textes kommen.

Noch mehr eBooks des Bibellesebundes finden Sie auf

https://ebooks.bibellesebund.de

Inhalt

Titel

Impressum

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

1

Am Tag vor der Abreise waren alle in wilder Hektik. Wie jedes Jahr, wenn die Schmidtsteiners in den Urlaub fahren wollten. Lukas und Nele kannten das schon. Mama und Papa waren dann unausstehlich. Papa versuchte, die Koffer im Kofferraum zu verstauen, während Mama andauernd noch etwas Neues einfiel, was unbedingt auch noch eingepackt werden müsste.

Zum Glück wussten die Kinder, dass sich die schlechte Laune wieder bessern würde, wenn sie einmal unterwegs waren. Darum zogen sie sich in der Zeit, während Mama und Papa packten, lieber hinters Haus zurück und spielten Verstecken. Da kriegten sie das Geschimpfe in der Wohnung und vor dem Haus am wenigsten mit. Nur Schlunz, der ja die Urlaubs-Vorbereitungs-Hektik noch nicht kannte, wunderte sich sehr darüber.

»Ute, das ist viel zu viel für drei Wochen«, sagte Papa einmal, als sich Lukas gerade ins Haus schleichen wollte, um auf die Toilette zu gehen.

»Viel zu viel«, entgegnete Mama, »das ist viel zu wenig! Für jeden nur zwei Jacken – da hab ich gar kein gutes Gefühl!«

»Und was willst du mit dem Föhn?«, hörte er Papa fragen, der gerade auf eine Reisetasche mit offenem Reißverschluss starrte.

»Bitte, Jens«, sagte Mama nicht sehr freundlich und ging mit schnellen Schritten nach draußen zum Auto, »fang nicht an, jedes Teil mit mir auszudiskutieren. Du weißt, wie meine Haare ungeföhnt aussehen! Also lass den Föhn drin! Ich hab schon viel weniger eingepackt, als ich wollte!«

»Wir fahren aber nicht zu einem Schönheitswettbewerb«, rief Papa Mama hinterher, die schon wieder auf dem Weg ins Haus war, »sondern in den Urlaub!«

Mama riss ihre Arme vor ihren Kopf und machte eine Handbewegung, als wollte sie jemanden erwürgen. »Männer!«, zischte sie dabei nur.

In der Nacht konnten Lukas und Schlunz vor Aufregung nicht einschlafen. Sie saßen noch aufrecht in ihren Betten, lehnten an der Wand und hatten sich mit ihren Decken die Beine zugedeckt.

»Ich bin gespannt, was ich zum Geburtstag bekomme«, sagte Lukas.

Lukas würde am kommenden Mittwoch seinen 11. Geburtstag haben, wenn sie gerade im Urlaub waren. »Darauf bin ich auch gespannt«, sagte Schlunz mit breitem Grinsen. »Ich bin überhaupt auf alles gespannt. Ich freu mich schon.«

»Denkst du denn, dass wir auch deine Eltern finden?«, fragte Lukas.

Schlunz schloss seine Augen und grinste nicht mehr. »Ich weiß nicht.« Er schien in Gedanken wieder ganz weit weg zu sein. Vielleicht bei seiner Familie, vielleicht bei einem schlimmen Erlebnis, das er hatte, bevor er zu den Schmidtsteiners kam? Leider hatte Schlunz bisher noch nie darüber gesprochen, woran er dachte, wenn er so still wurde und nichts mehr sagte. Auch diesmal nicht. Er seufzte einmal schwer und wiederholte noch einmal: »Ich weiß nicht.«

Im April hatten sie den Schlunz im Wald außerhalb der Stadt gefunden. Völlig verwahrlost und ohne Gedächtnis. Durch irgendeinen Unfall, an den er sich aber nicht mehr erinnerte, hatte er alles, was ihm bis dahin geschehen war, vergessen. Inzwischen war es schon Mitte Juli. Der Schlunz war fast jeden Tag beim Kinderpsychologen gewesen. Der hatte mit allen möglichen Spielchen und Bildchen versucht, Schlunz’ Erinnerungen an seinen richtigen Namen, seine Familie und seinen Wohnort zu wecken. Aber bisher vergebens. Und eine Familie, die den Schlunz als ihr eigenes Kind erkannt hatte, war bisher auch noch nicht aufgetaucht, obwohl die Polizei unentwegt nach Spuren suchte. Sogar in allen Zeitungen in ganz Deutschland waren Berichte über Schlunz und die Schmidtsteiners gekommen. Seitdem jedenfalls wohnte der Schlunz in Lukas’ Familie.

Der Kinderpsychologe hatte ihnen geraten, in den Sommerferien möglichst viel in Deutschland herumzureisen. Seine Hoffnung war, dass sich Schlunz vielleicht an seine Vergangenheit erinnern würde, wenn er an bestimmte Orte käme, an denen er früher schon einmal war. Und das wollten sie in den nächsten Wochen auch tun. Papa hatte sich drei Wochen Urlaub genommen, aber gleichzeitig gesagt, dass er nicht bis zum letzten Urlaubstag unterwegs sein wollte. Drei bis vier Tage bräuchte er mindestens, um sich vom Urlaub zu erholen, bevor er wieder arbeiten gehen könnte. Lukas kapierte beim besten Willen nicht, warum man sich vom Urlaub erholen musste. Aber es gab so manche Dinge bei Erwachsenen, die Lukas nicht kapierte.

Zum Beispiel, warum Papa höchstens zwei Orte in Deutschland besuchen wollte. Sie sollten doch durch ganz Deutschland fahren! Lukas hatte schon vorgeschlagen, jeden Tag ein anderes Fußballstadion zu besuchen: Schalke, Dortmund, Bremen, Mönchengladbach, Hamburg und natürlich München. Aber das war Papa zu viel.

»Drei Wochen lang herumfahren, wie soll man sich denn da erholen?«, hatte Papa gefragt. »Wenn wir sonst nach Holland ans Meer fahren, brauche ich schon eine ganze Woche, um anzukommen. Und jetzt soll ich jeden Tag woanders sein?«

Papa ist merkwürdig, dachte Lukas. Warum brauchte er eine Woche, um anzukommen? Man fuhr doch nicht in den Urlaub, um auf dem Sofa oder auf der Strandmatte zu liegen und zu pennen! Jeden Tag woanders – das wäre klasse gewesen. Na gut. Jetzt hatten sie sich also auf zwei Orte geeinigt. Zuerst wollten sie nach Köln fahren, danach nach München. In Köln hatte Helmut aus der Gemeinde eine Eigentumswohnung, die zurzeit nicht vermietet war und die er ihnen für ein bis zwei Wochen überlassen wollte. Und in München hatte Doris, die Freundin von Mama, ein Ferienhäuschen am Rande der Stadt. Da wollten sie dann in der zweiten Hälfte wohnen.

Schlunz erhob sich aus seinem Bett und ging ans Fenster. Schweigend starrte er hinaus in die Nacht, als wollte er in den Sternen nach einem Hinweis auf seine Familie suchen. Aber dann schien sein Blick wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren: »Lukas, schau mal da!«

»Was denn?« Sofort war Lukas aus dem Bett gesprungen und stand neben seinem Freund am Fenster.

»Da unten an unserem Auto! Ist da nicht jemand?«

Lukas brauchte eine Weile, um im Dunkeln etwas erkennen zu können. Unten an der Straße vor dem Haus parkte ihr Auto, das bis unter die Decke mit Taschen, Koffern, Jacken und Schuhen vollgepackt war. Morgen nach dem Frühstück wollten sie sofort losfahren. Zuerst konnte Lukas nichts Außergewöhnliches an ihrem Auto entdecken. Aber dann sah er es doch: Ein Schatten tauchte hinter dem Auto auf, ging einmal um das Auto herum und betastete immer wieder verschiedene Stellen an den Scheiben oder an den Türen.

»Wer ist das?«, flüsterte Lukas.

»Ich weiß auch nicht«, gab Schlunz ebenso leise zurück, »es ist zu dunkel, ich erkenne kein Gesicht.«

»Mann oder Frau?«

»Ich würde sagen, Mann, aber ich bin mir nicht sicher.«

»Ja, ich glaube auch, es ist ein Mann. Ob er unser Auto aufbrechen will?«

Schlunz antwortete nicht.

»Los, wir wecken Mama und Papa«, schlug Lukas vor und wollte sich schon in Richtung Zimmertür bewegen.

»Halt, warte. Sieh mal, er geht weg.«

Tatsächlich. Der Schatten entfernte sich, nicht ohne sich dabei noch einmal nach allen Seiten umzuschauen.

»Los, komm, wir schauen, was er gemacht hat«, sagte Schlunz leise und war mit einem Sprung an der Zimmertür.

»Aber wir sind doch im Schlafanzug!«

»Na und? Uns sieht doch keiner!«

Eine Minute später standen sie vor der Tür an ihrem Auto. Von der fremden Gestalt war weit und breit nichts mehr zu sehen. Lukas und Schlunz überprüften die Türschlösser, die Scheiben, den Kofferraum. Sie schauten sogar unter das Auto. Aber ihnen fiel nichts Ungewöhnliches auf.

»Wir müssen morgen noch mal nachschauen«, beschloss Schlunz, »wenn es hell ist.«

Dann schlichen sich die Jungen ins Zimmer zurück und legten sich schlafen.

2

»Papa, da war gestern Nacht ein Mann an unserem Auto!«, brachte Lukas am nächsten Morgen sofort hervor, sobald sie ins Esszimmer kamen und Papa trafen.

»Was?« Papa zog ungläubig seine Augenbrauen nach oben.

Schlunz und Lukas erzählten, was sie in der Nacht gesehen hatten und Papa ging noch mal mit ihnen nach draußen, um ihr Auto zu untersuchen. Aber wieder konnten sie nichts Außergewöhnliches feststellen.

»Vielleicht hat sich nur jemand gewundert, dass wir unser Auto so voll bepackt am Straßenrand stehen haben, wo wir es doch sonst immer in der Garage parken«, sagte Papa.

»Nein«, sagte Schlunz, »so wie der um das Auto herumgeschlichen ist, hatte der was Böses im Sinn.«

»Bestimmt ein Einbrecher«, jammerte Nele, die inzwischen auch nach draußen gekommen war, »oder ein Bombenleger!«

»Nein, so schlimm wird es nicht gewesen sein«, sagte Papa und schob Nele auf seinem Weg zur Haustür vor sich her.

»Die Frau mit dem Audi!«, entfuhr es Lukas plötzlich. Er musste wieder daran denken, wie er und Schlunz in den letzten Wochen immer wieder einen fremden silberfarbenen Audi Cabrio am Straßenrand gesehen hatten. Eine geheimnisvolle Frau mit Sonnenbrille und Kopftuch hatte darin gesessen. Immer, wenn der Audi auftauchte, war Schlunz wie ein Schlafwandler darauf zu getaumelt und im nächsten Augenblick war der Wagen mit quietschenden Reifen davongebraust. Bisher konnte oder wollte der Schlunz nicht sagen, woher er das Auto kannte.

»Welche Frau mit welchem Audi?«, fragte Papa und drehte sich zu Lukas um. Das schien ihn jetzt doch zu interessieren.

Lukas wurde rot. Ihm war zu spät eingefallen, dass er Schlunz versprochen hatte, mit niemandem darüber zu reden. Schlunz schien Angst vor dem Audi zu haben. Aber sooft Lukas ihn auch bat, mit dem Arzt oder der Polizei oder zumindest mit Mama und Papa darüber zu reden, lehnte Schlunz das ab. Irgendetwas Gefährliches schien er dabei zu befürchten.

»Ach nichts«, antwortete Schlunz schnell und ging auf Papa zu, »Lukas sieht manchmal Gespenster. Er hat einmal eine Frau in einem Audi gesehen und gleich gesagt, Frau und Audi – das passt nicht zusammen. Seitdem denkt er immer, wenn was passiert, das man sich nicht erklären kann: ›Das ist ja wie eine Frau im Audi‹, nicht wahr, Lukas?«

»Das war eine dumme Idee von mir«, brummte Lukas leise und sah zu Boden. Papa lachte und ging nach drinnen. Schlunz kam zu Lukas und zischte ihm leise ins Ohr: »Lukas, du hast es mir versprochen!«

»Ich hab nicht dran gedacht. Tut mir leid.«

Als nachher endlich alle im Auto saßen und Papa den Zündschlüssel umdrehte, hielt Lukas für einige Sekunden den Atem an. Wenn jetzt doch jemand eine Autobombe an das Auto angeschlossen hatte und die Bombe mit der Zündung explodierte, dann wären das jetzt die letzten Sekunden ihres Lebens gewesen. Aber das passierte nicht. Erst jetzt konnte Lukas den Vorfall endlich für beendet erklären.

Unterwegs ermahnte Mama noch einmal streng die Kinder auf dem Rücksitz: »Und dass ihr unterwegs ja keine Dummheiten macht! Ich musste Frau Rosenbaum ausdrücklich versprechen, darauf zu achten, dass dir nichts zustößt, Schlunz!«

Schlunz grinste, als hätte er schon tausend Pläne im Kopf, was er alles im Urlaub anstellen könnte.

»Frau Rosenbaum hat gesagt, solange wir noch nicht offiziell die Pflegefamilie von dir sind, hat sie ein ganz schlechtes Gefühl, uns einfach mit dir losziehen zu lassen«, redete Mama weiter. »Sie ist die Leiterin vom Jugendamt. Bis jetzt ist sie allein für dich verantwortlich, Schlunz. Sie sagte, am liebsten wäre sie mit uns mitgefahren!«

»Zum Glück konntest du ihr das ausreden«, gab Schlunz zurück und grinste immer noch.

»Also passt gut auf«, beendete Mama ihren Vortrag, »du weißt, dass du sonst ins Kinderheim musst und das wollen wir ja alle nicht.« Mama schaute Lukas an: »Lukas, nicht wahr, du achtest auf deinen Freund, dass er keine dummen Streiche macht.«

»Ja, mach ich«, sagte Lukas, aber wohl war ihm nicht dabei. Eigentlich hatte er keine Lust, den Aufpasser vom Schlunz zu spielen. Und überhaupt – wenn der Schlunz sich was Verrücktes in den Kopf gesetzt hatte, dann hatte Lukas sowieso keine Chance, ihn daran zu hindern. So war es zumindest bisher gewesen.

Am Nachmittag näherten sie sich Köln. Schon von der Autobahn aus konnten sie den riesigen Dom aus dem Häusermeer herausragen sehen. »Schaut euch den mal an«, sagte Mama begeistert. »Sollen wir da auch mal reingehen?«

»Ist doch nur eine Kirche«, sagte Nele und rollte mit den Augen.

»Das ist nicht nur eine Kirche«, sagte Mama mit bedeutungsvoller Stimme, »das ist eine der größten Kirchen der Welt.«

»Trotzdem nur eine Kirche«, sagte Nele. Lukas hoffte ebenfalls, sie würden nun nicht den Urlaub damit verbringen, Kirchen zu besichtigen. Das Fußballstadion vom 1. FC Köln anzusehen, hätte ihn schon mehr interessiert.

Der nächste Tag war ein Montag. Die Schmidtsteiners gingen zu Fuß durch die Innenstadt und schauten sich all die Dinge an, die Mama und Papa wichtig fanden: das Schokoladenmuseum, den Hauptbahnhof und dann natürlich ganz ausführlich den Dom. Aber Schlunz kam hier nichts bekannt vor. Nele bewunderte die vielen Tauben auf dem Platz vor dem Dom. Immer wieder versuchte sie, eine zu fangen, aber natürlich flogen sie immer rechtzeitig, bevor Nele sie erreichte, auseinander und in die Luft.

»Nele, pass auf dein Eis auf«, rief Mama. Aber Nele achtete nicht darauf. Und schon war es passiert: Eine der Tauben hatte in der Luft gekackt und einen weißen Flatsch genau auf Neles Eis fallen lassen. Es spritzte in alle Richtungen, Nele schrie auf und Mama brauchte ziemlich lange, um ihr die Flecken vom T-Shirt zu wischen.

Am Dienstag stand ein Besuch im Zoo auf dem Plan. Auch Tiere könnten eine Erinnerung auslösen, hatte der Kinderpsychologe gesagt. Nele hüpfte schon den ganzen Morgen vor Aufregung durch die kleine Ferienwohnung. Sie freute sich so auf die Affen und all die anderen Tiere, dass sie selbst wie ein Affenbaby über die Betten und das Sofa sprang. Und genauso hopste sie im Zoo weiter. Sie versuchte vor jedem Käfig, die Stimmen und Bewegungen der Tiere nachzumachen und glaubte dabei doch tatsächlich, die Tiere würden sich davon anlocken lassen.

»Na kommt«, rief sie sogar den Nilpferden zu, als hätte sie es mit Kindergartenkindern zu tun. »Kommt zur lieben Nele, kommt!« Dabei hielt sie einen dürren Grashalm wie das leckerste Essen aller Zeiten über die Umrandung.

Ein Höhepunkt war das Urwaldhaus. Hier konnte man sich die so genannten Menschenaffen anschauen: Gorillas und Orang-Utans. Majestätisch schwangen sie sich von Ast zu Ast oder saßen faul auf einem der niedrigen Bäume und pulten sich mit ihren Fingern im eigenen Fell herum. Wieder versuchte Nele, die Tiere zu ihren Freunden zu machen. Sie schrie wie ein Affe, sprang mit ausgebreiteten Beinen vor den Käfigen hin und her und kratzte sich dabei wild unter den Armen.

»Nele, pass auf, sonst kommt ein Wärter und sperrt dich ein«, rief Schlunz fröhlich.

Da hörten sie eine Frauenstimme ganz in ihrer Nähe: »Nun drück doch schon drauf, Rüdiger! Drück endlich drauf!«

Die Stimme klang streng und ängstlich zugleich. Lukas und Schlunz gingen vorsichtig ein paar Schritte um die Kurve, um nachzusehen, wer da so laut und aufgeregt durch das Urwaldhaus schimpfte. Als sie noch in sicherer Entfernung standen, blieb beiden vor Schreck der Mund offen stehen. Wenige Meter vor ihnen stand eine Frau mit einem hellgrünen Kopftuch, das mit kitschigen Obstbildchen bedruckt war. Sie trug eine dunkle Sonnenbrille und hatte sich mit dem Rücken zum Gitter der Käfige aufgestellt. Auf Lukas und Schlunz achtete sie nicht.

»Rüdiger!«, fauchte sie wieder.

Lukas und Schlunz versteckten sich in gebückter Haltung hinter ein paar urwaldmäßig angelegten Bäumen. »Schlunz, denkst du, was ich denke?«, flüsterte Lukas.

»Die Frau aus dem Audi?«

»Ja!«

Direkt vor sich hatte die Frau offensichtlich ihre beiden Kinder zu einem Foto gruppiert. Die Tochter war bereits eine Jugendliche, die ihre dunklen Haare zu einer Hochsteckfrisur verarbeitet hatte. Der Sohn konnte etwa so alt wie Lukas und Schlunz sein, vielleicht etwas älter. Er hatte seine Hände tief in den Hosentaschen vergraben und den Kopf griesgrämig zwischen die Schultern geschoben. Beide Kinder machten Gesichter, als müssten sie gleich ins Gefängnis. Aber die Frau mit dem Kopftuch hatte ihre beiden Hände jeweils auf eine der Schultern ihrer Kinder gelegt. Das sollte wohl friedlich mütterlich wirken. Aber Lukas hatte den Verdacht, dass sie ihre Kinder mit ihren Händen jederzeit festhalten wollte, falls sie aus dem Foto abhauen wollten.

»Rüdiger, bist du endlich so weit?«

»Ja, jetzt lass mich doch!« Das war die genervte Stimme eines Mannes etwa drei Meter von der Mutter-und-Kinder-Gruppe entfernt. Er drückte und drehte an einem alten Fotoapparat herum, den er sich vorher mit einem Lederriemen um den Hals gehängt hatte. Der Mann trug eine rot-grün karierte Stoffjacke und einen ziemlich großen Hut mit noch größerer Falte in der Mitte. Mit seinen Stoffhosen, die ihm bis kurz über die Knie reichten, und den Wanderstiefeln an den Füßen sah er aus, als wollte er wirklich an einer Safari durch den Urwald teilnehmen. »Ich muss doch erst noch den Blitz aktivieren«, erklärte er, ohne von seinem Fotoapparat aufzusehen.

Die Mutter mit dem Kopftuch bemühte sich um ein freundliches Grinsen, aber es sah eher aus wie ein Löwe, der seine Zähne fletschte. Von hinten kam ein älterer Gorilla bis ganz ans Gitter heran und stellte sich so auf, als wollte er mit aufs Familienfoto.

»Oh, sehr schön, Rosalinde«, freute sich der Mann mit dem Hut, »das wird ein sehr schönes Foto, jetzt nicht bewegen.«

Er hielt den Fotoapparat vor sein Gesicht und suchte umständlich das Loch zum Durchgucken. Der Gorilla streckte seinen langen Arm durch das Gitter und griff nach einem der Obststücke auf dem Kopftuch der Grinsemutter. Schon hatte er das Kopftuch mit zwei Fingern nach oben und – zack – in seinen Käfig hineingezogen. In diesem Augenblick blitzte der Fotoapparat von Rüdiger Riesenhut.

»Ah! Ah! Ah!«, schrie die Mutter, zuerst vor Schreck, dann, weil sich das Tuch beim Hochziehen kurz unter ihrem Kinn verfangen hatte, und schließlich vor Entsetzen, weil sich das riesige Tier in dem Käfig nun gemütlich mit ihrem Kopftuch in eine Ecke verzog. »Rüdiger!«, schrie sie. »Rüdiger, tu doch was!«

Der Fotoapparat blitzte noch einmal. Und noch einmal.

»Rüdiger, hör sofort auf, Fotos zu machen! Tu doch was!«

»Ich tu doch was«, brachte ihr Mann mit erstauntem Gesicht hervor, »ich mache ein Foto von euch!«

Die Tochter und der Sohn lachten laut und frech, ohne dabei ihre Hände aus den Hosentaschen zu holen.

»Rüdiger«, quietschte die Frau und nahm ihre Sonnenbrille ab, »hast du denn nicht gesehen, dass der Affe mein Tuch gestohlen hat?«

Der Mann schien tatsächlich nichts gemerkt zu haben. Wahrscheinlich hatte er einfach Fotos geknipst, ohne durch den Sucher geschaut zu haben. »Welcher Affe?«, fragte er.

»Na, der da!«, rief seine Frau und wollte in die Richtung des Gorillas zeigen. In diesem Moment kam Papa um die Kurve und versperrte dem Hutträger die Sicht auf den Gorilla. Er schaute erschrocken zwischen seiner Frau und Papa hin und her. »Dieser Affe?«, fragte er und zeigte auf Papa, der sofort stehen blieb.

»Wie bitte?«, fragte Papa entsetzt.

»Was ist los?« Mama war jetzt auch um die Kurve gekommen.

Die Frau drehte ihren Kopf zur Seite und riss ihre Augen auf. »Oh Verzeihung. Sie natürlich nicht.« Sie ging auf ihren Mann zu und fasste ihn unsanft am Ärmel. »Du bist der Affe!«

Der Mann schien nun gar nichts mehr zu kapieren. »Was, ich? Aber Rosalinde!«

»Komm schon!« Damit ließ sie ihren Mann ebenso unsanft los und stakste mit lautem Schuhgeklacker aus dem Urwaldhaus hinaus.

3

Am Ende des Urwaldhauses hing eine Tafel mit allgemeinen Informationen über Menschenaffen. Ein aufgezeichneter Stammbaum zeigte die Entwicklung der einzelnen Menschenaffen-Arten innerhalb der letzten zwanzig Millionen Jahre. Demnach hatten sich aus den ersten Affenarten von vor rund 35 Millionen Jahren zunächst die Menschenaffen entwickelt und daraus dann unter anderem die Orang-Utans, die Gorillas, die Schimpansen und die Menschen. Schlunz stand vor der Tafel und betrachtete sie staunend.

»Cool«, sagte er, als Lukas und Nele dazukamen und einen Blick auf die Tafel warfen. »Siehst du, Nele, ich wusste doch, dass du vom Affen abstammst!«

Nele lachte und sprang gleich wieder wie ein Affe herum. Das hatte sie ja inzwischen lang genug geübt.

Papa und Mama waren auch dazugekommen und blieben vor dem Schild stehen.

»Schau mal, Papa«, Schlunz zeigte auf Nele, »was meinst du, von welchem Affen stammt Nele ab?«

Papa lächelte und las sich das Schild über die Menschenaffen durch. »Ich glaube nicht, dass der Mensch vom Affen abstammt«, sagte er dann.

»Aber das steht doch da.« Schlunz schien ganz überrascht darüber zu sein, dass Papa etwas anzweifelte, was schwarz auf weiß auf einem Schild im Zoo stand.

»Ja, das steht da«, sagte Papa, »trotzdem glaube ich es nicht.«

»Denkst du, dass die Leute vom Zoo lügen?«

»Na ja«, Papa schien wieder nach einer schlauen Antwort zu suchen, »lügen würde ich es nicht direkt nennen.«

Weiter kam er nicht. Schlunz redete dazwischen: »Glaubst du auch die anderen Sachen nicht, die hier auf den Schildern stehen? Dass der Gorilla im Kongo lebt und vom Aussterben bedroht ist und so weiter?«

»Doch, das schon. Das sind ja ganz einfache Informationen, die man leicht überprüfen kann. Wenn Tierforscher herumreisen und Tiere entdecken, sie fotografieren und anderen davon berichten, dann glaube ich denen das. Das finde ich dann selbst ganz interessant.«

»Warum glaubst du dann das hier auf der Tafel nicht?«

»Weil kein Forscher dabei war, um uns davon zu erzählen, wie das damals vor zwanzig oder dreißig Millionen Jahren war.«

»Ist ja logisch. Da kann ja auch kein Forscher dabei gewesen sein. Zu der Zeit gab es ja auch noch keine Menschen.«

»Genau. Also kann auch keiner davon berichten und sagen: So war das.«

Schlunz war einen Augenblick sprachlos. »Aber die Leute, die das hier auf der Tafel aufgeschrieben haben, die haben sich das doch nicht einfach ausgedacht, oder?«

Papa bewegte sich auf den Ausgang des Urwaldhauses zu und ging ins Freie. Schlunz ging neben ihm her. »Nein«, sagte Papa. »Es gibt Wissenschaftler, die versuchen anhand von Steinen und Erdschichten herauszufinden, wie alt die Erde ist und wie hier alles entstanden ist. Sie finden alte Knochen und versteinerte Abdrücke, Spuren von vor vielen, vielen Jahren. Und wenn sie diese Spuren alle nebeneinanderlegen, versuchen sie, daraus zu erklären, wie die Welt entstanden ist und wieso es die vielen unterschiedlichen Tiere gibt und warum sich manche von denen so ähnlich sind und so weiter.«

»Ja«, beharrte Schlunz, »das ist doch gut, dass sie das machen. Das will ich doch auch wissen. Das will doch bestimmt jeder wissen!«

»Das stimmt«, sagte Papa und blieb stehen. »Jeder fragt sich, wie hier alles angefangen hat. Wer war zuallererst da? Woher kommt der Mensch? Woher kommt die Erde? Wie lange gibt es das alles schon?«

»Genau! Willst du das denn nicht wissen?«

»Doch! Aber das Problem bleibt dasselbe: Niemand war dabei, als alles angefangen hat. Alles, was wir an Knochen und Steinen finden, sind Spuren, aber keine Beweise. Das, was man sich zu den Knochen und Fundstücken überlegt, könnte so sein, muss aber nicht.«

»Na gut. Aber es ist doch trotzdem interessant.«

»Schon. Aber diese Wissenschaftler, die das alles aufschreiben, auch die Tafel dort an der Wand, die sagen nicht: ‚So könnte es gewesen sein. Sie sagen: ›So war es.‹ Und damit sagen sie gleichzeitig, jeder, der was anderes sagt, hat unrecht.«

Papa setzte sich wieder in Bewegung und ging weiter.

»Sagt denn auch jemand was anderes als die Leute, die so Tafeln schreiben?«, fragte Schlunz weiter.

»Ja. Die Bibel zum Beispiel.«

Schlunz blieb so plötzlich stehen, als wäre er in Klebstoff getreten. »Die Bibel?«

»Ja.«

Schlunz schüttelte seinen Kopf, als müsste er sich aus dem Schlaf rütteln. »Du meinst die Bibel, in der die Geschichten von Jesus stehen? Die Bibel, in der ihr immer lest?«

»Ja, genau die Bibel.«

»Und darin steht, woher die Knochen kommen?«

»Nein, aber darin steht, wie die Welt entstanden ist.«

»Aha? Und wie?«

»Gott hat sie gemacht.«

Schlunz legte seinen Kopf schief und kniff die Augen leicht zusammen. »Gott hat sie gemacht? Wie meinst du das: ›gemacht‹?«

»Gott hat die Welt gemacht«, wiederholte Papa.

»Ja, wie denn gemacht? Aus was denn?«

»Aus nichts.«

Schlunz schob seinen Kopf nach vorne, als hätte man ihm gerade ein Marsmännchen gezeigt. »Aus nichts??«

»Ja. Gott braucht nichts, um die Welt zu machen. Gott kann aus nichts alles machen. Er braucht es nur zu sagen. Nur ein Wort. Gott hat gesagt: ›Die Welt soll entstehen‹, da ist die Welt entstanden.«

Schlunz schüttelte ungläubig den Kopf: »Das ist mir zu einfach.«

»Tja«, Papa lächelte, »den Wissenschaftlern ist das auch zu einfach. Aber nur weil etwas einfach ist, muss es deswegen nicht falsch sein, oder?«

Schlunz stand immer noch da und bewegte langsam seinen Kopf hin und her.

»Und das glaubst du?«, fragte er.

»Das glaube ich.«

Schlunz drehte sich zu Lukas um, der sich das alles bisher nur schweigend angehört hatte. »Du auch, Lukas?«

»Ja«, sagte er, obwohl es ihm in diesem Moment nicht so recht war. Bisher war ihm das alles so logisch vorgekommen. Gott hatte die Welt gemacht, die Sonne, den Mond, die Sterne, die Pflanzen, die Tiere, die Menschen. So hatte er es immer im Kindergottesdienst gehört und so stand es in allen seinen Kinderbibeln und das war für ihn schon immer so gewesen. Aber jetzt, wo der Schlunz da so genau nachfragte, kam ihm das selbst auch ein bisschen komisch vor.

»Das klingt doch wie im Zaubermärchen«, sagte Schlunz und ging langsam weiter. »Wie die gute Fee, die mit einem Wort aus einem Kürbis eine Kutsche zaubert und aus dem armen Aschenputtel eine Prinzessin.«

»Genau«, sagte Papa, »nur mit dem Unterschied, dass die Bibel kein Zaubermärchen ist. Die Bibel ist das Buch von Gott.«

»Aber der, der die Bibel aufgeschrieben hat, der war doch auch nicht dabei. Der kann es doch auch nicht wissen.«

»Stimmt, aber Gott war dabei. Und Gott hat es dann einem Menschen gesagt, und der hat es aufgeschrieben.«

»Ich weiß nicht.« Schlunz schien noch nicht überzeugt zu sein.

»Da vorne, ein Spielplatz!«, rief Nele und mit einem Mal sausten Lukas, Nele und auch Schlunz den Weg runter bis zum Spielplatz. Das wurde aber auch Zeit. Lukas konnte schon fast nicht mehr laufen. Aber Rumtoben auf dem Spielplatz konnte er natürlich trotzdem noch. Auf der Rutsche brauchte Lukas ja hauptsächlich den Hintern. Und Mama und Papa schien es auch ganz recht zu sein, sich auf einer Bank ausruhen zu können.

4