Der schwarze Vorhang - Alfred Döblin - E-Book

Der schwarze Vorhang E-Book

Alfred Döblin

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Beschreibung

Eine Wiederentdeckung der frühen Moderne »Gar keine Handlung; nur seelischer Entwicklungsgang«, schrieb Döblin über seinen ersten Roman ›Jagende Rosse‹. Und auch in seinem zweiten Roman ›Der schwarze Vorhang‹, der mit einem blutigen Lustmord endet, geht es vor allem um seelische Abgründe. Döblins psychiatrischer Blick richtet sich dabei mit Hilfe der modernsten Erzähltechniken seiner Zeit auf eine taumelnde Figur, die sich nach Liebe sehnt und doch immer nur um sich selber kreist. Mit einem Nachwort von Sascha Michel

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Seitenzahl: 199

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Alfred Döblin

Der schwarze Vorhang

Roman

FISCHER E-Books

Mit einem Nachwort von Sascha Michel

Inhalt

VermerkDer schwarze VorhangAnhangEditorische NotizDaten zu Leben und WerkNachwortRoutines um 1900»man erzählt nicht, sondern baut«»Den Manen Hölderlins in Liebe und Verehrung gewidmet«Reihung und WiederholungEine »Geschichte des Liebestriebes«»also verstricke ich mich«»diese beständige Vergewaltigung«»Verbrennen musst du dich wollen in deiner eigenen Flamme«Literaturhinweise1. Texte von Alfred Döblin2. Texte über Alfred Döblin und sonstige LiteraturAlfred Döblin Gesammelte Werke Herausgegeben von Christina Althen

Vermerk

Dieser kleine, mein zweiter, Roman ist 1902/3 geschrieben; er hat viele Jahre bei allen möglichen Verlegern gelegen und war schon mit anderen Sachen für meinen Nachlaß reserviert. Durchschnittlich brauche ich um ein Buch herauszubringen vier Jahre, das heißt vier Jahre Ringkampf mit den Verlegern, welche damit zweifellos den Zweck der Reifung meiner Sachen und Anregung meiner Arbeitsfreude verbinden. Vier mal vier Jahre lassen also das Beste für mich und diesen Roman erwarten; er ist nun hoffentlich gut abgesetzt, durchgegoren, goldig geklärt mit reichlich Bodensatz. Etwas Patina und Schimmel wird allgemein Genugtuung bereiten.

Wie im ersten Träumen, wenn der Leib Kissen und Decke nicht empfindet, das Seelchen anhebt, sich sacht um einen Pfahl zu schwingen, rascher, rascher, holla, hurra husch, und die Besinnung an einem Wollfaden gebunden folgt, sich verrennt, verstrickt, taumelt, fällt, einschläft, ja einschläft, – also verstricke ich mich nunmehr in mein Gleichnis. Was bei solcher wahrhaft homerischen Breite nicht weiter verwundert. Wehmütig erinnert es mich an einen Mann, der lange Monate Ziegelsteine kaufte, so viele, schöne, blanke Ziegelsteine, daß er über dem Anhäufen, Verschuppen und Bewachen seinen Häuserbau vergaß, immer wieder nachsann über das Vergessene, schließlich einen Heringsladen eröffnete.

Es war aber ein plumper, breitschultriger Mensch mit eingesunkenem Rücken, dessen Seele sich so verwirrend schnell erregte, – ein braunhaariger, sehr junger Mensch in einem großen Zimmer. Das schien so leer und weit in dem gelblich-weißen Licht der Lampe vor Johannes’ Sitz; denn die Schatten reckten sich lang und wollten sich schier körperlich, stark und schwer von Tischen, Stühlen, Spinden abstoßen ins Leere.

Die Geräte und Gegenstände standen an den Wänden, in Zimmermitten unbewegt und in sich gezogen da und duldeten das leichte Licht und die Schatten.

»Hier genoß er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde«: Mit zusammengebissenen Zähnen las, würgte, kaute, schluckte er an dem Worte. Sein Grimm kletterte an dem Satze hinauf, kauzte oben auf der Stange und machte Männchen; und alles war unten geblieben und sah hinauf. Leise zogen sich seine Muskeln zusammen, um das ansteigende Weh zu zerdrücken und zu übertönen.

Es wäre eine leichte Fortführung, wenn die Spannung auch auf seine Finger überstrahlte, wenn der unglückselige junge Mann nun nach dem Buch, dem Unheilerreger, krampfte und ihn mit wiegenden Händen, – etwa, während sich die Lippen mit einem »Zucken« öffnen, – in das Zimmer und die Schatten schleuderte. Dieser Mann ist ja nur erdacht, und für erträumte Dinge gelten keine Naturgesetze, die so fremdartig putzen würden, wie eine graue Perücke den Kindskopf eines Dirnchens.

Noch ist die Seele keine Mondfinsternis und ließe sich berechnen. Wenn ich gelaunt bin, fallen alle Steine nach oben, singen alle meine kleinen Hexchen: fair is foul and foul is fair.

Aber Johannes liebte dieses Buch allzusehr, weil es einen braunmarmorierten Deckel und wunderschönes gelbes Papier hatte und über die gelbe Ebene sich ein schwarzes Buchstabenheer wälzte, bald in dicht geschlossenen Zügen, bald einzeln und in Abteilungen, frech wie Jäger ausschwärmend. Und jetzt in dem scharfen Licht trug jeder Buchstabe am Rande rasch aufhuschende Purpurfarben, als ob sich der gebannte Geist der Worte befreien und dem Schwesterlicht anvertrauen wollte.

Sondern der Krampf dehnte und zog sich ganz auf das Zwerchfell; Johannes breitete die Arme mit den losen Ärmeln über das offene Buch und fing, indem er den Kopf in das Dreieck der verschränkten Arme legte, auf die hergebrachte Art zu schluchzen an. Das war ein immer erneutes Glucksen, Schnaufen und Zusammenfahren. Die Tränen fielen auf das Buch und das Wasser floß aus den Augen, rann durch den Tränenkanal, die Nasengänge in den Rachen, daß Johannes schluckte und das Salz schmeckte. Die Spannung erschöpfte und löste sich allmählich. Er stützte bald den Kopf auf die Linke, leidend, wischte das Buch ab und schob es zurück. Eine Kühle, eine gedämpfte Bitterkeit überzog ihn, während die Erschütterungen abflossen, nachließen und ganz verklangen; ihm war, als ob er einen Angriff abgeschlagen hätte, der ihm mit Gewalt ein Unrecht antun wollte. Lange saß er so und beruhigte sich. Dann schneuzte er sich noch einmal, griff, noch immer schluchzend, nach einem Bleistift und schrieb, trotzig, in Holzhackerschrift:

»Ein König liebte – den weißen Wein. Aber es wuchs keiner in seinem Reiche, weder im Osten, wo das Gebirge fruchtbare Abhänge bot, noch im Westen, wo sein Land sich zu einer hügeligen Ebene flachte, und aus den Flüssen schädliche Dünste stiegen. Über seinem Kopfe ging immer wieder die Sonne hinweg, aber seine Hoffnung mußte erblassen wie der bleiche Liebling seines Herzens.

Die Höflinge feierten ihre Feste; die Augen aller träumten lieblich, und alle schauten sich mit Neigung in die bekränzten Gesichter; zwischen ihnen ging der stille Herrscher und gähnte, und die Sucht bohrte und schüttelte den Suchenden, als wieder das verfluchte Sonnenrot auf seinen Weg fiel und darüber wie ein Hohn hinschwebte.«

Als Johannes dies hinschrieb, fühlte er selbst etwas Höhnisches in sich auflachen; er starrte vor sich hin und verbarg das Gesicht in den Händen.

»Alle Seligkeiten liegen über meinem Reiche; ich mag sie nicht, verachte sie. Nur dies einzige, was ich begehren muß, dieses winzige, diesen – lumpigen – weißen –«

Es zerrte und stieß hinterlistig an seinen Bleistift und wollte ihn rückwärts stoßen, um einen queren, dicken Strich über das Papier zu ziehen, vergleichlich dem Wege eines Pudels, dem man die Schwanztrottel in Tinte getaucht hat, und der nun mit Geheul fortläuft. Die Hand sank zusammen und lag wie ein weißer Tierleichnam flach auf dem Tisch.

Sie schrieb nicht weiter, und war alles ganz still. Ja, er lächelte sogar mit gesenktem Kopf, der eben so grimmig geweint hatte.

* * *

Vielleicht fallen hier und da noch Worte, genug, um alle Farben aufzuhellen, welche im Weinen und Lächeln Johannes’ sich mischten.

Ich werfe Bröckchen auf den Weg und kleine Kiesel, wie es die Schwester im Märchen tat, dem das Brüderchen im Wald verloren war.

Aber die Brosamen pickten die Stieglitze und Hänflinge, und die Kiesel verwehte der wilde Wind in der Nacht. »Wo mag doch mein klein Brüderchen sein, lieber Stieglitz, lieber Hänfling, du loses Windchen?«

Ein Wurm, der an Johannes’ Seele fraß, war, daß so wenig Vogelgeschrei über seinen Weg gehallt hatte. Er beneidete manchmal heimlich einen Verbrecher und spottete nicht, wenn von der Vergangenheit einer Frau die Rede ging.

Über sein verschlossenes Gesicht legte sich dann ein Schmelz von Ehrfurcht; etwas Warmschwärmerisches quoll in ihm auf. Sein Herz schmachtete nach Taten, nach absonderlichen Taten. Schon hatte in ihm die Lust zu kostbaren Gefühlsmischungen dunkel präludierend angeschlagen, verlieh seiner Einsamkeit ein kopfhängerisches, schwermütiges Erhobensein und gab seinem Selbstbewußtsein die komischen Flügel einer Gans.

Nur daß Vater und Mutter fern von ihm in der Heimat gestorben waren, während er selbst sich krank durch sein letztes Schuljahr wälzte, war, was er von sich wußte: eine herrische, starkknochige Mutter mit kühlem Blick, ein fügsamer, gedrückter Vater, der nicht klagte, stillstilles Alräunchen, das langsam vertrocknete und einging. Und er hauste bei einer fetten, glotzäugigen, kropfhälsigen Frau aus seiner Sippe, deren Tochter verdorben und deren Sohn verschollen war; und die nun in dem engen Bezirk weniger Straßen ihr behäbiges, dickwanstiges Dasein führte mit leichter Atemnot.

Über Johannes’ Appetit, Schnupfen, zerrissene Socken und schmutzige Hemden herrschte sie junonisch und mit einer herzlichen Teilnahme, die er oft ungeduldig und seufzend abwehrte. In ihrem schwarzseidenen Kleide gedieh sie, als eine Rose von übergroßer Pracht, die sich über ein kartoffelblasses Pflänzchen beugte.

* * *

Wenn er hingesehen und sich erinnert hätte, so hätte er zugegeben, daß stumme Dinge mit vieler Seltsamkeit und Kraft über seine Wege geschlüpft waren die früheren Jahre.

Während täglich Wasser und Nahrung von Pflanzen und Tieren durch seinen Körper strömte, von denen Verwandtes in ihm verblieb, und Blut, Knochen, Schleim erneuerte, Tags und Nachts, war unbemerkt Schweres in Krankheiten und Gesundheiten durch ihn geschlichen, wie geduckte Eidechsen im Grün, und hatte Spuren hinterlassen. Wenn auch das Gebrüll der Schmerzen und Entzückungen bald verklang, so hallte ihr Stöhnen und Röcheln noch lange dumpf nach.

Da riefen sie seine Gedanken ganz heimlich an; und er lag platt auf dem Bauch über sich selbst, beschnüffelte und warf sich unruhig. In dem schweren Körper begann das Leben mit Raschheit und Heftigkeit zu arbeiten. Keine Mutter hatte Johannes zart sprechen gelehrt, keine Schwester seine Sprunggelenke im Tanz gelockert und seinen Sinn an süße, feine Nichtse gekettet. Wenn seine dumpfe Stimme sprach, starrte man auf ihn und gab ungern Antwort.

Er staunte, erriet nichts, zog sich unsicher in sich zurück, immer mehr; er trieb ins Sinnieren und Träumen hinein, bald verlernten Muskeln, Sinne und Wünsche das unbedenkliche schnelle Zucken und Antworten, schlossen sich zarten, inneren Gewalten enger an und wurden ein Spiel in ihrer Hand. Halb gelöst von allem Wirklichen sog der Selbstfrohe oft den Rauch ein, der zu ihm wie aus dem Nichts aufstieg, und jenes glückliche Lächeln schwamm um seine Lippen, das später wie ein Leidenszug in dem schlaffen Gesicht des Vereinsamten erschien.

* * *

Aber der schmale Theaterraum, in dem Seltenes vorging, die Fülle der fremden weltmännischen Gesichter, Seideflirren und flüchtiger Duft, Lächeln, Winken, Verbindlichkeit, darüber die Wucht des blitzenden Kronleuchters und warmes Licht an allen Enden: das bewegte, berauschte ihn leise.

Wenn das Tamtam erdröhnte und das Wispern in dem Halbdunkel hinsank, dann waren sie sein, diese Menschen alle, – da erwachte er; seine Mienen verzerrten sich, – die Nachbarn zur Rechten und Linken merkten nichts –, und er flüsterte ihnen seine Grüße, seine Grüße und Zukunftshoffnungen zu, über ihre Köpfe hinweg. »Ihr Süßen, wie ich euch liebe.« Oben auf der Bühne mochten sie auch in dem hellen Lichte zwischen papageibunten Säulen und gemalten Altarfeuern zueinander sprechen und scheinbar alle Seelen bezwingen: er beherrschte sie doch von hinten wahrhaftig und besprach sie; er hielt die Zügel ihrer Seelen in der Hand und spannte seinen ganzen Willen an, um sie zu lenken. Mit vollen Armen schüttete er Blüten, Narzissen, Nelken, Thymian, goß er seinen Wein über sie ins Dunkel aus, sang alles entfesselt in ihm: »Seht ihr, seht ihr!« Jetzt hatte er sie.

Im Dunkel der gesunkenen Augen stieg tiefrot seine Königskerze auf, genoß er alle Seligkeiten. Und wenn sie tränenschwer in den Pausen hinabstiegen und sich zwischen Palmenwedeln und ruhigen Springbrunnen ergingen, so war ihr Fieber sein Werk, wenn sie ihn auch nicht sahen und beachteten, den Braunhaarigen mit der bäurisch groben Gestalt und den starken Backenknochen, der jetzt seine Lorbeeren still und scheu einsammeln ging. Was Bescheidenheit sei, fühlte er; er ging beiseite und hielt den Kopf fast tief bis auf die Brust, damit ja niemand ihm in die verzückten Augen sähe und sein Geheimnis erriete. Nur sein Herz bebte.

Ja, es wäre ihm nicht staunenswert erschienen bei dieser so sichtbaren Offenbarung seiner Macht, wenn die Säulen des Theaters sich auf seinen Wink bewegt und die Decke sich gesenkt hätte. – Und manchnmal zuckte er mit dem kleinen Finger, leise versuchend, und den Blick auf die Säule gerichtet: aber dann fuhr er lachend zusammen und drohte sich schalkhaft wegen seiner unergründlichen Bosheit und ließ es sein.

Sein Mitleid siegte; er wollte doch lieber kein Unheil anrichten und den Eltern, die ihre Kinder im Theater wußten, ihr Ein und Alles in einer Laune rauben. Und die schlanke blonde Dame da sollte noch mit einem blauen Auge davonkommen. Aber sie wußte nicht, welch edler Mensch so unfern von ihr saß. Und er wollte auch keinen Dank, denn er selbst mußte sich vor der Macht beugen, die zufällig eine blinde Natur gerade ihm verliehen hatte.

* * *

In dem fahlen Mondlicht der Träumereien zwitscherten Vögel ungestört, und Johannes’ Garten lag verzaubert in einem Märchen da.

Er hatte die wirrsäligen Pfade erst zaghaft und stockend, mit dem Gefühle eines schmählichen Selbstbetruges, ja einer verbotenen Schuld und Sünde, betreten; aber unter dieser Hemmung schliefen und stahlen sich die Triebe gepreßt immer wieder, immer weiter ein, mit niedergeschlagenen grünen Augen, stießen sich vertraulich an. Mit ein- und vielmaligem Gelingen und dem Genuß an der gerafften Beute verlor sich die Angst und wuchs die Begehrlichkeit; aus dem Versuchen, Tasten, Rucken wurde ein heftig geschmeidiges Schlüpfen, wurde ein freches Stampfen, Schreiten und Gleiten, und dann ein Segeln mit breit entfalteten Flügeln und hellem Rauschen und übermütiges Wiegen, Kichern, Kreischen, Plätschern in allen Lüften.

* * *

Die Verwöhnung durch so stolze, himmlische Freiheiten schufen langsam eine feingesteigerte, messerscharfe Empfindlichkeit; das Genüge, das er im Walten über sein Herrschergebiet fand, machte ihn scheuer, der Stumme trollte sich allein seines Weges. Ohne Widerhäkchen, glatt und rund, mußten die Dinge sein, an die er sich schmiegen konnte, wie die jungen Wicken, die er vor seinem Fenster zog. Über ihre weichen, hellen Kinderhärchen und Ranken, Windungen, welche spürsam wie die Schritte eines Blinden sind, streichelte er oft liebkosend hin, ließ sie zart gegen seine Wangen spielen. Eine Unruhe dämmerte dann blau in ihm auf und opalisierte ins Grüne, Rote, Graue; schwärmte schmetterlingsweich auf.

Sein Blick löste sich lange Zeit nicht von einem jüngeren Kameraden, sooft sie gemeinsam nach Hause gingen. Er konnte sich nicht sattsehen an diesem vollen Gesicht, auf dessen gelblichblasser Tönung ein feiner Bluthauch lag. Die großen schwarzen Augen schauten tief und offen, drehten sich langsam.

Verklärt schien das stille Gesicht mit seinem sanften auf der Haut ruhenden Glanze. Von der Schule ermattet plauderte der Freund leicht und teilnahmsvoll, mit dem atmenden Glücksgefühl eines Menschen, der langsam von einer Abspannung an die Oberfläche kommt. Er schmiegte sich müde an Johannes, tätschelte nach Kinderart dessen Hände mit seiner weichen Hand, plauschte.

Es war ein schöner warmer Wohllaut in seiner Stimme. Er erzählte, daß er seine Lehrer langweilig finde, einen anderen aber nett, wirklich sehr nett, »ach ja«, daß Hans zwar nicht, wie die anderen sagten, ein hochmütiger Mensch und etwas kopfschwach, wohl aber sehr komisch sei.

Ganz traumlos, nüchtern sagte er sein Sprüchlein her, und alles entzückte Johannes. Und dann war er wieder Leben, Blut, kätzchenhaft wild, plötzlich, leuchtend mit großen Augen.

Johannes schenkte ihm Konfekt und Bonbons, litt dankbar, in seiner mütterlichen Angst ihn zu verlieren, unter seinen Launen. Er unterwarf sich gern, weil er etwas wie Unschuld im Spiel mit dem Freunde über sich kommen fühlte. Sie saßen in Johannes’ Garten zusammen und legten, aneinandergelehnt, die Arme um die Schultern, worin Johannes ein eigentümliches, wohliges Vergnügen fand. Er suchte den Freund auf dem Schulhofe, auf der Straße; ihm fehlte etwas, wenn er ihn nicht fand. Als ein anderer seinem Freunde die weichen, schönen Wangen streichelte, sah er fort und biß sich auf die Lippen.

Und doch sehnte er sich oft, wenn er die klare Stirne erblickte, sie zu küssen, nein, die Lippen zu küssen, oft, sehr oft; seine Lippen wurden feucht bei dieser süßen Sehnsucht.

* * *

Aber durch die unachtsame Bewegung eines Platznachbars in der Schule war Johannes einmal dessen Bleistift auf den Schoß gefallen; Johannes sah es nicht. Bei der Untersuchung durch den Lehrer kam ein Übelbeleumdeter in den Verdacht, den Bleistift gestohlen zu haben, und Johannes, der den Fund zu spät bemerkte, wagte in seinem atemlosen Schreck nicht, sich zu erheben. Denn durch das störrische Leugnen des Beschuldigten gereizt, war der Lehrer, eine lange, hagere Gestalt mit raschen, stechenden Augen, in eine Wut ausgebrochen, die dem Stillen namenlos und unerhört war, und hatte den scheinbaren Dieb furchtbar geschlagen. Die Angst, die der Augenblick in Johannes hineinpreßte unter der Verschuldung, der Wut des Lehrers, dem Keuchen des Kameraden, spitzte sich jählings zu einer seltsamlichen starren Lust, die den Zusammengeduckten stumm und vornübergebeugt jeden Stockschlag auf das weiche Fleisch verfolgen, sein Ohr jedes Schmerzächzen einfangen ließ, und Zittern kam über ihn. Dieses zerreißende Gefühl zu vergessen, konnte er lange sein Herz nicht bezähmen.

Er wurde im Garten einmal dabei betroffen, wie er seinem Hunde Petersilie aufdringen wollte und ihn, als er sich sperrte und winselte, immer wieder an die würzigen Blätter heranriß; man nannte ihn daher Hans Petersilie.

Meist hockte er zu Hause und brütete oder schloß sich in sein Zimmer ein, setzte sich in eine Ecke und lockte seinen anderen Freund, den Hund, an. Er fragte ihn heimlich dumme Dinge, sah ihm in die großen, unvernünftigen Augen und hob langsam die hinterlistigen, lüsternen Hände, legte sie um den braunhaarigen Hals und drückte mit flackerndem Atem fest, wenn das Tier sich sträubte und mit den Pfoten kratzte, drückte, bis es nicht mehr winselte, ihm die Augen aus den Höhlen traten und der schmale Körper sich beiseite warf. Ließ er den Hund los, der sich unter das Sofa schleppte, so kroch er ihm nach, legte sich auf die Erde und horchte starr entzückt wie auf das Ächzen des Kameraden, auf das Winseln und hastige Atmen des Tieres.

Die zügellose Wildheit seines Träumens strömte in der Überstürzung, mit der er, stockend im Beginn, sein Werk steigerte und vollendete. Auf dem Flur hob er das Tier mit täuschenden Schmeichelworten auf, wiegte es ruhig in den Armen, und während die Erwartung in ihm zitterte und mit jeder Sekunde stärker zitterte, schleuderte er es plötzlich die halbe Treppe hinunter, worauf er mit halsbrecherischen Sprüngen nacheilte, um zu sehen, ob das Tier noch lebe und seinen Trost auf den letzten dunklen Pfad mitnehmen könne.

Und lachte und klatschte schon unterwegs in die Hände, wenn der Hund sich mehrmals um sich selbst drehte, ohne den Weg zum Entlaufen zu finden, und küßte ihn mit herzlichem, dankbaren Mitleid.

Der Hund starb im Winter, als Johannes ihn morgens, während niemand auf dem Hofe war, aus einem Flurfenster in einen hohen Schneeberg warf.

Am Abend dieses Tages begann das Tier zu schreien und sich mit heißer Nase zu winden; der Herr legte es in einen warmen Korb, hüllte es in seine eigenen Decken und pflegte es mit Milch, sogar des Nachts, aber es nahm nichts an.

Aus der Schule lief er tags darauf, so schnell er konnte, heim, um den kranken Hund zu sehen, ihm mit Bädern und Pillen zu helfen, und seine Gedanken waren nur bei dem Hunde. Aber am Morgen des dritten Tages lag das Tier starr in seinem Korb, selbst der Schwanz bog sich nicht.

Da nahm Johannes es auf den Arm, schaufelte ihm im Garten ein Grab unter einem Kirschbaume und legte die Leiche hinein, unter stillem Gebet. Dann stampften seine Füße das Grab zu. Und er ging an dem Tage im frohen Gefühle seiner Arbeit, zugleich in Andacht und wehmütigem Gedenken umher.

* * *

Wenn der an solche Einsamkeit Gewohnte neben seinen Kameraden einherging und ihnen zuhörte, wie sie sich von ihren Neigungen, Freundschaften und Feindschaften unterhielten, so klagte er sich an und erschauerte: Das ist das Leben, das echte Leben. Aber er entsetzte sich vor der grenzenlosen Sicherheit, mit der sie über Menschen und Dinge sprachen; er hatte Furcht vor der unerbittlichen Bestimmtheit der Worte, wo er stumm den Dingen lauschte und sich ihnen hingab.

Er beobachtete mit schielen Augen diese fleischgewordenen Schicksale. Und doch schien es ihm, als ob ihn etwas von weitem in diese starre, sprechende, tote Welt hineinrisse, und während sie hingingen, verlor sich sein Ohr von ihren Gesprächen ab, und er verstummte immer tiefer. Wenn er allein saß, die raschen Tritte seiner Kameraden an seinem Hause vorbeirannten und Unruhe in ihm flimmerte, trieb ihn plötzlich ein Wunsch, nichts zu hören, der mit Bitterkeit über ihn kam, hinten in den Garten.

Er setzte sich auf das Grab des Hundes und stöhnte langgezogen, wie er es vor langen Jahren von seiner Mutter gehört hatte, die sterbend von ihm Abschied nahm. Und der Gedanke an Achilles, wie er seines liebsten Freundes, des Patroklus, beraubt am lautaufrauschenden Meere saß und mit seinem hellen Stöhnen die silberfüßige Nereide lockte, übermannte ihn so, daß er immer wieder »Molly«, seinen Hund, rief: »Mollychen, verzeih mir, wenn ich dir Böses getan habe; ich habe dich immer liebgehabt, und oft hast du mich auch geärgert. Warum hast du nur die Pillen nicht genommen, – sie waren so gut. Oh, ich liebe dich so.«

Und die braune Hundeseele stieg leise bellend auf, umschwebte ihn und besänftigte den Bebenden.

* * *

Weder den Schulkameraden noch Hausgenossen fiel mehr seine Verschlossenheit und gerades Vorsichhinschauen auf. Es kam eine Zeit, wo er ganz zu versinken und sich zu halten schien, als ob ihn etwas Schweres betroffen hätte. Der sich selbst Überlassene schien sich nicht mehr ein noch aus zu kennen. Er begann erschreckt zusammenzufahren, wenn die Tante ihn rief. Wenn sie ihn fragte, schaute er auf, wehrte ihre Angst ab, seufzte und ging davon, um weiterzubrüten.

Nachdem er einige Zeitlang dahingeschlichen war, blieb er, ganz verfallen, zu Hause. Ohne daß er über einen Schmerz klagte, kränkelte er sichtlich. Er lag teilnahmslos auf seinem Zimmer, ein stilles, versunkenes Feuer auf dem Grunde seiner Augen; nur lächelte er manchmal ergeben. Eines Nachmittags legte er sich unruhiger auf sein Sofa und schlief ein. Als er erwachte, scholl lauter Gesang in sein Ohr; er war mit glühheißen Wangen, heftigem Herzschlagen, unter wollüstigen Krämpfen erwacht. Eine furchtbare Angst lag auf seiner Brust und Kehle. Starr vor Entsetzen blieb er eine Minute liegen; dann lief er mit brennendem Kopfe, zitternd, fast fiebernd, ins Freie, – durch den Garten, über das Grab des Hundes, ohne zu denken auf die Straße. Er trieb in Querstraßen, Winkel- und Sackgäßchen, über breite Gartenanlagen, auf denen Kinder spielten und alte Männer auf Bänken saßen; ohne von sich zu wissen, setzte er sich auf eine Bank vor einer Kirche.

Ihn schwindelte, als er stillsaß; und er staunte schließlich über den Ort, – so erinnerte er sich auch an seinen Garten, seine Wohnung, – und lief, langsamer und unsicher, über die Straße. Er half auf einer Brücke einen Wagen, der nicht vom Flecke konnte, weil er überschwer mit Eisenschienen beladen war, fortschieben. Während er sich an den Rädern abmühte, daß ihm der Schweiß auf der Stirn perlte, rief er laut »hüh, hüh« mit den anderen, zum Versuch, weil er fühlte, daß eine Art Stummheit auf seinem Munde lag. Er wollte seine Nachbarn, die fremden Arbeiter, zwischendurch in demselben Tone etwas fragen, aber er wußte nicht was.

Weitertrabend fand er sich plötzlich dicht bei seiner Wohnung.

Was ihm geschehen war: um diese Frage haschten und spielten seine Gedanken, wenn sie sich nicht verloren in dem heißdumpfigen Gefühl, das immer noch über Kopf und Ohren, von den Därmen und den Brusteingeweiden heraufschwelte und seine Kehle rasch berührte.

Er wußte nicht, was über ihn hereingebrochen war und wen er fragen und um Hilfe bitten sollte. Er wünschte sehnlichst sprechen zu dürfen und eine Stimme zu hören. Sich selbst erzählte er in seinem Zimmer halblaut sein dunkles Erlebnis; aber geduldlos legte er sich hin und winselte.

* * *

Tage und Wochen vergingen, bis der aufgeregte Schrecken sich gelegt hatte, währenddessen die Beklemmnis ihn so umfaßte, daß die Häuser an ihm vorbeischwankten und er glaubte, irrsinnig zu werden. Dunkle Worte aus der Bibel und dem Munde des Religionslehrers fielen ihm ein: über heimliche Versuchungen, denen der Mensch, der sich selbst der böseste Feind sei, nicht erliegen dürfe, und über ebenso heimliche Strafen Gottes.

Er suchte sich zu retten, sein Erlebnis irgendwo einzureihen; das verschwiegene Schuldgefühl, das oft unter seinen wilden Träumereien und seinen einsamen Spielen murmelte, tauchte auf und redete vernehmlicher in der verschüchterten Seele; die wilden, süßen Erschütterungen hatten seinen wehrlosen Leib wie strafende Krallenhände gepackt und gebogen. Er sann darüber nach, was er verbrochen hätte und fand genug, wohin er nur faßte.

Da glitt er nicht um seine Schuld herum, sammelte alles einzeln und stieß sich in schneidende Anklagen hinein, schleppte sich an sie wie ehemals seinen Hund an den Mist heran.