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Guter Umgang ist Lebensqualität. Und bei allem Individualismus, der uns Schweizerinnen und Schweizern eigen ist, wollen wir hierzulande keine bärbeissigen Hinterwäldler sein. Wer also die Grundlagen guten Benehmens im Hier und Jetzt kennen will, ist mit dem Schweizer Knigge gut bedient. Geistreich und mit Humor vermittelt er, was heute immer noch gilt oder was es heute in einer gleichberechtigten, digitalen und globalen Welt neu zu beachten gilt. Wie viel Anstandsregeln im Alltag eine Rolle spielen sollen, kann mit Hilfe des Schweizer Knigges jeder selber entscheiden. Bewusst Regeln brechen kann jedenfalls nur, wer die Regeln kennt. Die Grundlagen guten Benehmens und souveränen Auftretens bleiben stets dieselben: Anstand, Aufmerksamkeit, Authentizität und Grosszügigkeit.
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Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2024
Der Autor
Christoph Stokar ist selbständiger Texter/Konzepter in Zürich. Nach der Hotelfachschule Lausanne und Praktika in Zürich, Tokio und Basel entschied er sich für einen Wechsel in die Werbebranche. In Zürich stadtbekannt sind seine Schaufensterkonzepte für die Stadelhofen Apotheke. Er ist (Co-)Autor verschiedener Bücher und Vater zweier Töchter im Erwachsenenalter.
6., überarbeitete Auflage, 2024
© 2012 Beobachter-Edition, Zürich
Alle Rechte vorbehalten
www.beobachter.ch
Herausgeber: Der Schweizerische Beobachter, Zürich
Lektorat: Käthi Zeugin, Andina Schubiger
Illustrationen: illumueller.ch
Reihenkonzept: buchundgrafik.ch
Satz: Isabel Thalmann und Doris Grüniger, Bruno Bolliger
Herstellung: Bruno Bächtold
Druck: Gedruckt in der EU
ISBN 978-3-03875-566-1
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Inhalt
Ist dieses Buch noch auf der Höhe der Zeit?
1 Typisch Schweiz – einig im Anderssein
La Suisse existe
Ist Schizophrenie in unseren Genen?
Ein Volk von Jein-Sagern
Bitte keinen Streit!
Leben und leben lassen
Vielfalt im Wir-Gefühl
Wille zur Ungebundenheit
2 Sollte, müsste, könnte – die Grundlagen
Auch die Dramen des Lebens bedürfen einer Regie
Das Ich im Wir
Code, Kanal und Kontext – was Kommunikation ausmacht
Die Langzeitregeln: Triple A plus G
Darf man, kann man, muss man?
Hoffentlich höflich
Wer zuerst? Die richtige Reihenfolge
Vom Sie zum Du
Weitere Regeln für ein höfliches Miteinander
Dame, Frau oder Weib? – Mensch Eva
Hat der Kavalier alter Schule ausgedient?
Weder Macho noch Rüpel
Will sie das überhaupt?
3 Zu Hause und unterwegs – rücksichtsvoll im Alltag
Beziehungsglück – für immer minus einen Tag?
Alltagstauglich verliebt
Ist denn Glück lernbar?
«Typisch: immer nie!» – Liebeskiller
Ausserhalb der eigenen 50 Quadratmeter Glückseligkeit
Vom Grüssen
Öffentlich verkehrt
Die Zivilcourage
Begegnungen mit Menschen mit Behinderung
Die lieben Nachbarn
Alltagssituationen
Zur Hochkultur
«Bitte nicht stören» – unterwegs zu Hause
Gern gesehener Hotelgast
Trinkgelder in Hotel, Restaurant und anderswo
Letzter Abschied – Verhalten im Trauerfall
Organisatorisches
Die Todesanzeige
Trauerfeier organisieren
Nach der Beerdigung
4 Sitte zu Tisch – Messer, Gabel & Co.
Die Dinge klären sich – irgendwann
Besseresser – früher und heute
Das Gedeck
Von aussen nach innen: Wegweiser für Gäste
Alles am richtigen Platz?
In guten Händen: das Besteck und die Serviette
Wohl bekomms – die Gläser
Die Spezialfälle
Haltung bei Tisch
Vom Umgang mit Brot
Finger, Messer, Gabel oder was?
Fisch und Meeresgetier
Immer lächeln – mit Stäbchen essen
Wein-Lese: vom Glück im Glas
Genuss statt Stuss
Mit allen Sinnen
Oft gefragt
5 Kleider machens heute
Auf Tuchfühlung
Muss es denn immer Anzug oder Kostüm sein?
Durch dick und dünn: Männer und Jeans
Im Geschäftsalltag – ganz (Business-)Frau
Das Kostüm und der Hosenanzug
Die Bluse und das Shirt
Schuhe und Strümpfe
Schmuck und Accessoires
Das Make-up und die Frisur
Im Geschäftsalltag – Männer, die eine Position bekleiden
Der Anzug
Das Hemd
Die Krawatte
Socken, Gürtel, Uhr – die Accessoires
Die Schuhe
Haariges und Anrüchiges
Sie und er am grossen Anlass – festliche Kleidung
Die Frau
Der Mann
Was darf man sich trauen, wenn getraut wird?
Die gängigen Dresscodes
Dresscodes fürs Bewerbungsgespräch
6 U. A. w. g. – eingeladen
Höflich im Vorfeld
(Über-)Pünktlichkeit
Gastgeschenke
Lasst Blumen sprechen?
Small Talk – kleine Unterhaltung, grosse Kunst
Themen und Techniken
Elegant aussteigen
Plaudern in der Tischrunde
Als Gast bei Tisch
Es(s)kapaden
Von Abneigungen und Allergien
Eine Tischrede halten
Abschied und Dankeschön
F-erabschieden
Am anderen Tag
7 Darf ich vorstellen? Perfekte Gastgeber
Vor dem Anlass
Die Einladung
Die Vorbereitungen
Die Sitzordnung
Gäste zu Hause empfangen
Schön, seid ihr da!
Es ist angerichtet – das Essen
… und auf Wiedersehen
Wo es keine Fräuleins mehr gibt – im Restaurant
Souveräner Auftritt
Richtig reklamieren
Die Rechnung, bitte!
8 Beredte Signale – Worte in Schrift und Bytes
Wie viele Wörter hat ein Mensch?
Von Pergament bis Touchscreen
Leser*in, LeserIn, Leser/-in, Leser und Leserinnen?
Der (gute alte) Brief
Die Struktur machts aus
Verpönte Floskeln
Das Kondolenzschreiben
Klick und weg: E-Mail und Textnachricht
Nutzergerechte E-Mails verfassen
E-Mail ist nicht gleich Brief
Stressfrei per E-Mail kommunizieren
Whatsapp & Co. 4u
Kommunikation in sozialen Netzwerken
Gewandt und sicher unterwegs
Networking for Business
Sich digital verlieben – wie geht das?
(Fern-)Mündliches
Nach zehn Minuten ists vorbei – eine Rede halten
Hoffentlich klingelts jetzt bei Ihnen – Smartphone & Co.
9 Anhang
Das kleine Weinwisser-ABC
Dresscodes im Überblick
Interessante Bücher
Weiterführende Links
Ist dieses Buch noch auf der Höhe der Zeit?
Einige Jahre sind seit dem ersten Erscheinen des Schweizer Knigge ins Land gegangen. Hat sich in der Zwischenzeit viel verändert? Musste das Buch neu geschrieben werden, damit es noch ins Heute passt? Nein, das ist nicht der Fall. Vieles ist noch aktuell und konnte in die Überarbeitung einfliessen.
Denn sicher ist, dass es unser Land weit gebracht hat. Noch nie war der Umfang der Zivilisation, der Kultur, des Wissens, der Selbsterkenntnis und der Freiheit so gross wie heute. Mit Gelassenheit und einer gewissen Anerkennung darf man das hiesige Zusammenleben kommentieren. Dass aber noch mehr ginge, dass es in den Details zuweilen heftig rumpelt, das sei ebenso gesagt. Schweizerinnen und Schweizer neigen beim Thema soziale Interaktionen denn auch schnell zur Selbstgefälligkeit und interessieren sich nicht wirklich dafür, was einen korrekten Umgang im Einzelnen ausmachen könnte. Das ist sicher zum Teil dem Umstand geschuldet, dass das Land keine aristokratische Vergangenheit hat. Für das gesellschaftliche Vorwärtskommen war es früher nicht nötig, mit der an Fürsten- und Königshäusern praktizierten Etikette vertraut zu sein. Deshalb ist der Umgang miteinander in der Schweiz in Nuancen ein anderer als im übrigen deutschsprachigen Raum, etwas rücksichtsvoller und nachsichtiger beispielsweise.
«Lieber durchwursteln», das sagen sich viele Leute in diesem Land. Und denken: «Wenns auch nicht stimmt, so ist es wenigstens nicht mit böser Absicht geschehen.» Dieses Buch versucht, die eine oder andere Korrektur vorzunehmen. Getreu dem Vorsatz, dass nicht das Lächeln zu trainieren ist, sondern das Herz. Der Schweizer Knigge hat jedoch nur den Anspruch, ein Ratgeber zu sein. Eine Vorstellung darüber zu vermitteln, wie das Zusammenleben in diesem Land sich auch gestalten könnte. Strikte Vorschriften werden darin nicht postuliert – es werden Empfehlungen ausgesprochen.
Die Zwangsjacken werden hier also für Sie massgeschneidert. Gut schweizerisch denn auch dieser Kompromissvorschlag: Nehmen Sie die Anregungen entgegen und machen Sie mit den vorgestellten Kulturtechniken, was Ihnen als nützlich erscheint. Die Aussagen werden in ein Vernehmlassungsverfahren geschickt, die Leserin, der Leser entscheidet über die jeweilige Relevanz. Können Sie damit leben?
Christoph Stokar
März 2024
Business Class Royal Class
Diese beiden Rubriken werden Sie neben dem Lauftext immer wieder vorfinden. Es sind Ergänzungen für diejenigen Passagiere unter Ihnen, die zum jeweiligen Thema Aspekte suchen, die auf einen bevorzugt geschäftsmässigen oder betont gehobenen Lebensstil hindeuten. Dann mache ich Sie noch auf die Notausgänge jeweils am Ende der Kapitel aufmerksam – «Do» und «No-Go» –, heisse Sie herzlich willkommen an Bord und bitte Sie jetzt, sich anzuschnallen. Schwimmwesten sind über das ganze Buch verteilt – ich wünsche einen angenehmen Flug!
1 Typisch Schweiz – einig im Anderssein
La Suisse existe
Mit Spott und Häme oder aber mit Bewunderung und Staunen: Sind einmal die gängigen Klischees von Käse, Banken, Bergen und Schokolade bemüht, scheint das Ausland sich keinen schlüssigen Reim auf das machen zu können, was die Schweiz im Innersten zusammenhält. Heidi-Idylle und Geldgnome, Weltkonzerne und Tüftlerbuden, Alpaufzug und Street Parade, eigenbrötlerisch und fortschrittlich: Nicht nur auf den ersten Blick ist dieses Land ein Paradox. Das verwirrt, und mit 100-Sekunden-Nachrichtenbeiträgen ist der Schweiz kaum relevant beizukommen.
Da hilft auch nicht, dass die Nationen offenbar dazu verdammt sind, einander durch die verzerrende Linse der Stereotype wahrzunehmen. Die Italiener spotten «non fare lo svizzero», wenn sie jemanden einen Erbsenzähler schimpfen wollen; die Franzosen nennen uns nach ihrem Käse «Petits Suisses»; und die Deutschen werden sich grundsätzlich nicht schlüssig, was sie von uns denken sollen: Verwunderung, manchmal gar Anerkennung wechseln sich ab mit Besserwisserei und dem Ausmachen von Hinterwäldlertum und allgemeiner Putzigkeit.
Zweifellos befindet sich das Land in einem Veränderungsprozess. Versteht die Schweiz sich noch immer als wehrhaftes Alpenvolk oder eher als globalisiertes Land? Welche Anpassungen sind nötig, welche wünschenswert? Was wollen wir auf gar keinen Fall? Aus strategischer Sicht ist klar, dass jede Stärke zur Schwäche mutiert, wenn sie übertrieben wird. Die Spanne zwischen Selbstbestimmung und dem Bestehen in einer sich verändernden Welt, sie ist so einfach nicht zu bewältigen. Zukunftsbilder wären gefragt, und die will die stets so pragmatische Bevölkerung partout nicht entwerfen – lieber durchwursteln und an den bewährten Grundsätzen festhalten als grosse Visionen entwickeln.
Werden allerdings Statistiken bemüht, zeichnet sich ein klares Bild ab: Bei den Universitäten, auf der Antikorruptionsskala, in Sachen Arbeitslosenzahl, Lebensqualität und -standard, Anzahl Erfindungen sowie BIP pro Einwohner beispielsweise nimmt die Schweiz überall Spitzenpositionen ein. Dem Land geht es gut, nur scheint das Ausland nicht so recht zu wissen, weshalb. Oder eher: Es interessiert sich gar nicht dafür. Und wir uns meist auch nicht.
Ist Schizophrenie in unseren Genen?
Mit Ungewissheiten können die Schweizerinnen und Schweizer gut leben. Sie kommen auch klar mit den eigenen Widersprüchen. Vielleicht lässt sich das Land denn auch einfacher dadurch beschreiben, was es nicht ist. Denn es ist zur Schweiz geworden, weil die Menschen im Verlauf der Geschichte immer wieder merkten, was sie nicht wollten: zum Beispiel Franzosen oder Deutsche sein, die Freiheitsrechte an andere abtreten müssen, einen starken Zentralstaat haben, Weltverbesserer sein. Das alles läuft dem Empfinden von uns Zentraleuropäern zuwider.
Die Nation ist vielmehr eine aus Verteidigungsgründen geschmiedete Zweckgemeinschaft. Einig in der Ablehnung von Dogmen, die ihr aufoktroyiert werden. Vom Franzosen Napoleon erhielt sie ihre erste Verfassung in der Helvetik (merke: fremde Vögte können auch ihr Gutes haben), vom Deutschen Friedrich Schiller ihr Nationalepos «Wilhelm Tell». Ein gemeinsamer Feind – die Habsburger, die Österreicher im Skifahren, die Nazis, die EU – stärkt die Bindung. Die Schweizerinnen und Schweizer sind überzeugt, dass Zusammenhalten die beste Taktik ist. Das Land existiert, weil die Bürgerinnen und Bürger an die Idee glauben. Und weil diese sich in der Vergangenheit vielfach bewährt hat.
Die Schweiz ist keine gewachsene Kulturnation, sondern eine Willensnation. Sie hat die Grundsätze der Französischen Revolution früher und nachhaltiger verwirklicht als alle Länder um sie herum. Die Verfassung von 1848, in der das Instrument der direkten Demokratie verankert wurde, hat die Schweiz bis heute zu einem der fortschrittlichsten Staatswesen der Welt gemacht. In allen Fragen, die nicht auch die Nachbarn betreffen, kann sie mit diesem Instrument autonom entscheiden, und die Menschen nehmen ihr Mitspracherecht auf allen politischen Ebenen wahr.
Das Land hat sich für den Föderalismus entschieden und dadurch die Macht jeweils an die niedrigstmögliche Stufe delegiert. Der Staat redet der Wirtschaft – zumindest im Vergleich mit anderen Staaten – möglichst wenig drein. Von oben herab geführte Länder neigen eher dazu, hohe Staatsausgaben und schwächelnde Wirtschaften zu produzieren. Die Neutralität hat verhindert, dass die Schweiz in Kriege verwickelt wurde. Die Erfolgsbilanz der bald 180 Jahre mit dieser Verfassung ist beeindruckend: Aus einem Armenhaus ist einer der reichsten Staaten geworden, aus dem Land der Bauern eine Industrie-4.0-Nation, aus einem Auswanderungs- ein Einwanderungsland.
Ein Volk von Jein-Sagern
Die Schweiz: Sie ist reich, aber nicht protzig; konservativ, aber auch innovativ und liberal; hat den besten Fernsehsender der Welt und die schlechtesten Moderatoren darin; hat die NZZ, den Beobachter auf der einen Seite und ein erstaunlich schlecht gemachtes Boulevardblatt auf der anderen. Sie macht auf Neutralität und liefert Waffen, ist weltoffen und veränderungsresistent, mutig und zaudernd, vom Disput zwischen Öffnung und Abschottung und von Querulanten wie Angepassten gleichermassen geprägt. Sie ist Operationsbasis global operierender Konzerne, deren Geschäftsfelder wie Vermögensverwaltung, Steuerwettbewerb, Agrobusiness und Rohstoffhandel auf Kritik im Ausland stossen, und pflegt gleichzeitig eine Heidi-Idylle. Diese Puzzleteile machen die Erfolgsstory Schweiz aus. Jemand hat einmal gesagt: «Die Schweiz zu verstehen, ist so schwer, dass es die wenigsten überhaupt versuchen.»
Adolph Freiherr Knigge
Adolph Freiherr Knigge lebte im noch nicht geeinten Deutschland des 18. Jahrhunderts. Sein Buch «Über den Umgang mit Menschen», 1788 geschrieben, ist stark vom Gedankengut der Aufklärung geprägt. Es ging ihm darin um ein konfliktfreies, zivilisiertes und gleichberechtigtes Miteinander ohne unnötige Reibungspunkte: Je mehr man von seinem Gegenüber weiss und je mehr man lernt, Situationen richtig einzuschätzen, desto problemloser läuft das Zusammenleben. Knigges Schrift ist ein Buch der Freiheit, er wollte ein Bewusstsein für Souveränität und Verantwortung schaffen. Es handelt nicht von Manieren, sondern vom Charakter.
Knigge ging es um ein ganzheitlicheres Bild verschiedenster Menschentypen, die miteinander Umgang hatten. Gerade wenn untere Schichten mit dem Adel in Berührung kamen, mussten sie wissen, was sie am Hof erwartete. Im Grunde genommen war das Buch eher eine Weitergabe seiner persönlichen Erfahrungen als ein Benimm-Regelwerk. Und dazu gehörten ein gesundes Selbstbewusstsein und die Wahrung der eigenen Würde, ebenso wie Toleranz und Respekt gegenüber anderen. Inhalte, die bis heute nichts an Aktualität eingebüsst haben und das Werk immer noch lesenswert – und übrigens auch lesbar – machen.
Mit diesen Widersprüchen freilich kommen die Leute hier meist gut klar, denn sie haben eine Maxime verinnerlicht, die sich zur eigentlichen Zauberformel für ihren Erfolg entwickelt hat: Konsens statt Konflikt. Stets wird versucht, die föderalen, regionalen und sozialen Eigenheiten sorgsam auszubalancieren. Gewiss, dieses Gleichgewicht ist immer wieder gefährdet. Wahlerfolge werden wichtiger als Problemlösungen. Polarisierungen und das Formulieren von Extrempositionen bedrohen Kompromisse, persönliche Beschimpfungen ersetzen sachliche Auseinandersetzungen, und der politische Gegner wird zum Feind mit unlauteren Theorien stilisiert. Trotzdem: Es funktioniert irgendwie. Denn es herrscht die allgemeine Einsicht, dass Pragmatismus sich durchsetzt, wenn andere Lösungen eher schaden als nützen.
Bitte keinen Streit!
Die Geste des Siegers beim Schwingen ist bezeichnend: Er wischt das Sägemehl von den Schultern des Bezwungenen, ein Zeichen des Respekts und der Versöhnung. Nicht umsonst heisst es in der Schweiz: Man sieht sich immer zweimal. Also nimmt man Rücksicht aufeinander. Wer weiss schon, ob die Mutter eines «Schuelgspänlis» des Sohnes nicht in ein paar Jahren im Geschäftsleben einen interessanten Auftrag zu vergeben hat? Generell wird mehr Geduld für die Mitmenschen aufgebracht als in anderen Ländern. Es ist überall und in vielen Situationen ein ausgeprägtes Wir-Gefühl auszumachen. Man sucht das Gemeinsame, nicht das Trennende.
Auch im Geschäftsleben. Während beispielsweise in Japan das sofortige Austauschen der Visitenkarten dazu dient, den Status des anderen in Erfahrung zu bringen und so den Neigewinkel und die Dauer des Verbeugens zu bestimmen, kann es einem hierzulande passieren, an einem Geschäftsanlass mit einer interessanten Person gesprochen zu haben, von der man erst im Nachhinein erfährt, dass sie ein wichtiger CEO ist. Ihre Zurückhaltung und die Absenz von Macht- und Prestigegebaren haben jedenfalls keine solche Position vermuten lassen. Weil man beim Kennenlernen überall im Land einander erst vorsichtig abtastet und nicht gleich zeigt, wer man ist.
Als konfliktfreudig kann man die Schweizerinnen und Schweizer deshalb nicht bezeichnen, eine eigentliche Streitkultur geht ihnen völlig ab. Das kann im geschäftlichen Umfeld mit ausländischen Mitarbeitern oder Konkurrenten zuweilen umständlich sein. In der Schweiz steht am Anfang der Konsens, nachher beugt man sich über die unterschiedlichen Positionen, sachte und behutsam, niemand soll das Gesicht durch einen unhaltbaren Standpunkt verlieren müssen. Ganz anders in Deutschland oder im angelsächsischen Raum: Hier die These, dort die Antithese, und nach zähen Verhandlungen steht die Synthese. Während man sich im Ausland Vertrauen erst verdienen muss, wird es hier dem Gegenüber von vornherein zugestanden.
Jede Veränderung wird als Verschlechterung des Idealzustands empfunden, die das sorgsam gehegte Gleichgewicht stören könnte. Der soziale Frieden zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern funktioniert, weil alle Beteiligten Verantwortungsbewusstsein haben. Meist steht das Wohl der Gemeinschaft im Fokus, nicht das Einzelner oder einer Gruppe. Weil ein grosser Teil der Menschen hierzulande einige langweilige, unspektakuläre, längst bekannte und von jedem mittelmässigen 1.-August-Redner propagierte Verhaltensregeln verinnerlicht hat. Zu diesen vermeintlich spiessigen Eigenschaften gehören etwa Ehrlichkeit, Einhalten von Versprechen, Kooperationsbereitschaft, Solidarität und Integrität. So braucht es weniger Vorschriften und Gesetze, die Effizienz in Wirtschaft und Gesellschaft ist hoch. Unser Erfolg beruht denn auch auf einem bewussten Ausbalancieren genossenschaftlicher und freiheitlicher Prinzipien.
Leben und leben lassen
Schweizerinnen und Schweizer sind nicht für das Untertanentum geschaffen. Sie dienen nicht gern. Das macht zum Beispiel der einheimischen Hotellerie immer wieder zu schaffen. Stichwort: distanzierte Freundlichkeit. Ich Knecht, du Herr – das bringen die Leute hier einfach nicht hin. Am Arbeitsplatz oder in der Armee gibt es zwar klare Hierarchien, sie werden aber zurückhaltend gelebt. Das Du ist in Unternehmen weitverbreitet, bei Swisscom, der Post und den SBB zum Beispiel vom Lernenden bis zum Boss.
Wer herrische Chefallüren aus dem Ausland in eine hiesige Firma mitbringt, wird auf eine Mauer der Ablehnung stossen. In der Schweiz wollen die Leute zu einer Gruppe gehören; im Gegenzug wird von den Mitarbeitenden Loyalität und Engagement erwartet. Mundart wird deshalb bei allen Gelegenheiten gesprochen, sie ist ein identifikationsstiftendes Instrument zur Erlangung eines allseitigen Wir-Gefühls. Und alles, was nach Konfrontation aussieht, wird vermieden. Selbst hohe Behördenmitglieder und Wirtschaftskapitäne suchen Nähe zur vermeintlichen Volksseele, signalisieren gern: «Ich bin einer von euch.» Dabei haben 47 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung mindestens einen Elternteil, der im Ausland geboren wurde.
Konsenswille ist die wahrscheinlich wichtigste Eigenart im Unterbewusstsein der Schweizerinnen und Schweizer. Und hinter einem ehrlich gemeinten Kompliment vermuten sie eine taktische Finte: Sie reagieren mit Abwehr oder werden die Aussage schnell relativieren wollen. Sie bekennen sich zwar zu den gängigen Schweizer Klischees, jedoch mit einem ironischen Augenzwinkern.
Vielfalt im Wir-Gefühl
Interessant zu beobachten ist allerdings das Phänomen, dass unter dem allgemeinen Teppich der Konformität auch viele Signale des Nicht-angepasst-Seins auszumachen sind. Immer wieder haben Künstlerinnen, Architekten, Schriftstellerinnen und Unternehmer ausgesprochen Originelles geschaffen. Die Schweiz ist auch ein Land der Tüftler und Erfinderinnen: etwas Bestehendes nehmen und so umgestalten, dass es besser funktioniert.
Auch im Alltag lässt sich vieles verorten, was einen Anflug von Weltläufigkeit hat und auf den ersten Blick nicht zum braven, biederen Bild passen will. Andrea Caroni, der FDP-Politiker und Appenzell Ausserrhoder Nationalrat, hat das Land einmal mit sich scheinbar widersprechenden Attributen beschrieben: «Heimatverwurzelte Offenheit, soziale Leistungsgesellschaft, selbstkritischer Patriotismus, bescheidenes Überlegenheitsgefühl, entmystifizierte Mythen, volksverbundene Politelite, kühle Gastfreundschaft, krämerische Grosszügigkeit, kosmopolitische Lokalkultur, kollektiver Individualismus, bürgernahe Bürokratie, strategische Strategielosigkeit, gestaltete Naturlandschaft, selbstsichere Selbstzweifel, modernes Traditionsbewusstsein» (aus Wolfgang Koydl: Die Besserkönner. Was die Schweiz so besonders macht).
Wer hats erfunden?
Valium, Ritalin, Bepanthen, Voltaren, Cortison-Präparate, Antihistaminika, Merfen, Xenical, DDT, Interferon, LSD, Milchpulver, Nescafé, Nespresso, Tafelschokolade, Milchschokolade, mit Kohlensäure versetztes Mineralwasser, Bouillonwürfel, Ovomaltine, Schweppes, Birchermüesli (das Wort «Muesli» hat es sogar in den Weltwortschatz gebracht), Würfelzucker, Tubensenf, Toblerone, Schmelzkäse, Cellophan, Alufolie, ÷ (Divisionszeichen), Wahrscheinlichkeitsrechnung, Armbanduhr, automatischer Uhrenaufzug, wasserdichte Uhr, Quarzarmbanduhr, Swatch, LCD-Anzeige, Sackmesser, Barryvox, Programmiersprache Pascal, Hygrometer, Velokette, Robidog, elektrische Zahnbürste, Bamix, Serien-Computermaus, Knickarmstoren, Reissverschluss, Klettverschluss, Kunstseide, Turbolader, E-Gitarre, Rastermikroskop, Closomat, Zylinderschloss mit Wendeschlüssel, Bügelskilift, Anrufbeantworter, Leim aus Epoxidharz (Araldit), Beschreibung der Fotosynthese, Entdeckung der DNA, Relativitätstheorie, Helikopter, Gasturbine, einschalige Waage, künstliches Hüftgelenk, Gentechnologie, Prinzip der Brennstoffzelle, Rorschachtest, Gemüsesparschäler, Stewi, Knoblauchpresse, tragbares Tonbandgerät, Mummenschanz, Schriften Univers, Frutiger und Helvetica, Rotes Kreuz – alles Schweizer Produkte oder Erfindungen, inklusive 21 Nobelpreisträger in Medizin, Chemie und Physik.
Hier sind sie also wieder, die vermeintlichen Gegensätze, das Sowohl-als-Auch. Unsympathisch machen sie das Land jedenfalls nicht, so viel steht fest. Leichter zu verstehen allerdings auch nicht. Doch die Schweiz leidet nicht an dieser Zerrissenheit, sie scheint sie im Gegenteil zu brauchen: So spürt man sich wenigstens – man ist gleich im Anderssein.
Mit Erleichterung ist ebenfalls festzustellen, dass eine gewisse Engherzigkeit, wie sie in der Nachkriegszeit noch vielerorts auszumachen war, der Vergangenheit angehört. Was hat man in diesem Land nicht gewettert über «Nestbeschmutzer». Einem Jean Ziegler und vielen Kulturschaffenden und kritischen Geistern wurde das Leben oft schwer gemacht. Der Soziologieprofessor aus Genf ist für gewisse Kreise auch heute noch ein rotes Tuch, obwohl viele seiner Aussagen zu Bankgeheimnis und Schwarzgeldkonten bestätigt wurden und inzwischen ihren Niederschlag in bilateralen Abkommen gefunden haben. Max Frischs schriftstellerische Qualitäten wurden auch von einer NZZ immer wieder angezweifelt, und allgemein wurde bemängelt, dass es ihm an patriotischer Gesinnung fehle. Und nur zur Erinnerung: Das Konkubinatsverbot wurde im Kanton Zürich erst 1972, im Kanton Schwyz 1992 und im Kanton Wallis 1996 aufgehoben. IKEA gründete Anfang der Siebzigerjahre ihre erste Auslandfiliale in Spreitenbach, Aargau, weil dieser Kanton das Verbot nicht kannte und viele unverheiratete Paare sich dort niederliessen, um nahe bei der Stadt Zürich zu sein. Der Auftakt des weltweiten Siegeszugs des schwedischen Möbelhauses hat auch ein wenig mit Schweizer Spiessigkeit zu tun.
Wille zur Ungebundenheit
Immerhin: Das Land präsentiert sich heute toleranter und grossmütiger. Wir bilden uns etwas ein auf unseren Freiheitswillen – selbst wenn manches auf Mythen beruht, die nicht jeder kritischen Geschichtsprüfung standhalten. Im Vergleich zum Ausland sind wir im täglichen Miteinander schnörkelloser, pflegen generell eine höflichere Alltagssprache und unkompliziertere Umgangsformen. Und stets sagt man sich: «Ich bin ein freier Mensch, niemand soll mir vorschreiben, was ich zu sagen oder zu tun habe.» Gesslerhüte sind nicht gern gesehen und werden wenn immer möglich ignoriert. Beispiel aus dem Alltag: Herr und Frau Schweizer am Fussgängerstreifen. Obwohl durchaus gesetzesgläubig, wollen sie sich partout nicht vorschreiben lassen, wann das Überqueren zu erfolgen hat; sie können ja selber beurteilen, wie gefahrlos die Situation sich darstellt. Das Gleiche beim Zugbesteigen, in Warteschlangen aller Art (jedoch nicht in der Betriebskantine, man kennt sich ja!), beim Velofahren auf dem Trottoir – das Recht des Stärkeren macht sich breit, der Wille zur Ungebundenheit siegt über das Harmoniebedürfnis. Die Ellbögler selbst würden ihr Verhalten dagegen als Pragmatismus bezeichnen – auch eine schweizerische Eigenheit, finden sie natürlich zu Recht.
2 Sollte, müsste, könnte – die Grundlagen
Auch die Dramen des Lebens bedürfen einer Regie
Wir mögen keine Regeln und verlieren die Contenance, wenn sie uns aufgezwungen werden. Die Polizistin mit der Busse für zu langes Parkieren und der Gesundheitsapostel, der bei Nichtbeachtung seiner Mahnungen mit um einige Wochen verkürzter Lebenszeit droht: Sie ärgern uns.
Es gibt Wichtigeres im Leben als die Frage, ob man Spargeln mit den Fingern essen darf oder nicht. Wer will sich denn heute mit Benimmregeln auseinandersetzen? Korrekte Manieren sind doch etwas für Krämerseelen oder die oberen Zehntausend: All die hochgezogenen Augenbrauen, diese Drohfinger und Gardinenpredigten, dieses Etepetete-Getue und das kleinliche Pochen auf Äusserlichkeiten! Es gibt zwei Einwände gegen diese Haltung.
Erster Einspruch: Die gesellschaftliche Entwicklung der letzten 30 Jahre hat uns von den Dramen der Schuld und des Gehorsams befreit. Sie hat uns aber diejenigen der Verantwortung und des Handelns auferlegt. Gerade in Zeiten der Pluralisierung der Lebensstile besteht deshalb ein Bedürfnis, zu wissen, wie es eigentlich korrekt ginge. Denn Umgangsformen geben Sicherheit darin, wie Begegnungen zwischen Menschen positiv zu gestalten sind. Sie vereinfachen das Miteinander, beugen Missverständnissen vor, können Karrieren begründen oder gefährden. Das ist ein Fakt.
Tatsache ist auch, dass jede Form von Gemeinschaft – und sei sie noch so massendemokratisch oder im Gegenteil elitär – ihre eigenen Regeln und Codes kennt. Niemand kann für sich selbst sein, ohne nicht auch Teil von etwas Grösserem zu sein. Denn letztendlich ist der Mensch ein soziales Wesen, das nur in der Gemeinschaft seine Bestimmung findet.
Das Dasein ist jedenfalls tiefer von Konventionen durchdrungen, als man das eventuell wahrhaben möchte. Jeder Mensch praktiziert ein gewisses Mass an Höflichkeit – selbst der bärbeissigste Eigenbrötler wird hin und wieder ein «Merci» über die Lippen bringen müssen. Weil ohne Anstand und eine stillschweigende Übereinkunft darüber, was «gut» und was «schlecht» sei, kein menschenwürdiges Leben möglich ist. Die Schweizer Gesetze reglementieren Dinge wie Diebstahl oder Verkehrsdelikte – das allgemeine Zusammenleben also. Dieses Buch versucht darüber hinaus, ungeschriebene Normen festzuhalten, über die es einen Konsens gibt. Was der einzelne Mensch mit diesen Kulturtechniken dann macht, bleibt seinem Freiheitsempfinden überlassen.
Woher kommt «Fettnäpfchen»?
Früher wurden Würste und Schinken zum Trocknen in der Nähe einer Feuerstelle aufgehängt, um sie so haltbar zu machen. Darunter stellte man eine Schale fürs Auffangen des Fettes, das dann zum Kochen verwendet wurde. Trat jemand aus Versehen in diese Schale, war das natürlich ein Fauxpas, ein Fehltritt!
Zweiter Einspruch: Es gibt Situationen im Leben, die fast zwingend ein angemessenes Verhalten einfordern: Todesfälle, Businesslunch & Co., Internetdating. Weil schlechte Manieren nur darin effizient sind, schnell und unbarmherzig einen Graben zwischen Menschen aufzureissen. Unhöflichkeit hat denn auch die verhängnisvolle Eigenschaft, nur Nachteile für den zu bewirken, der sich ihrer bedient.
Das Ich im Wir
Man denkt gern von sich selber, ein ungebundenes Individuum zu sein, das lediglich seiner inneren Stimme zu folgen hat. Diese Haltung allerdings funktioniert bekanntlich nur bis zu einem gewissen Punkt. Bis dahin nämlich, wo andere hinzukommen. Damit ein Paar, eine Familie, ein Verein, ein Unternehmen weniger Konflikte austragen müssen, entwickeln sie Regeln – grösstenteils ungeschriebene. Diese geben Sicherheit darüber, was von uns erwartet wird und was wir von anderen erwarten dürfen, so unterschiedlich die Situationen auch sind, in denen man sich befindet. Diese Sicherheit und das Wissen um die wichtigsten Regeln helfen uns in der überwiegenden Anzahl von Begegnungen, ganz automatisch das Richtige zu tun.
Und seien wir ehrlich, niemand ist so einzigartig punkto Persönlichkeit und gesellschaftliche Stellung, dass er oder sie das Recht hätte, sich um einen korrekten Umgang mit anderen zu foutieren. Ganze Industrien leben davon, dass wir genau dasselbe kaufen (wollen) wie der biedere Nachbar, von dem uns, wie wir meinen, Welten der ästhetischen Kompetenz trennen. Nein, im Gegenteil. Wenn etwas Demut die Verhältnisse bestimmt, kommt niemand zu Schaden.
Business Class
Auf dem Weg nach vorne oder nach oben?
Der rücksichtslose Karrierist im feinen Tuch unterscheidet sich mental nicht gross vom Ellbogenvirtuosen an der Grossverteilerkasse: Er hat
nur mehr Glück, umfangreichere Finanzmittel und eine grössere Auswahl an Erfolg versprechenden Strategien. Der Schweizer Knigge schlägt vor: «Die Erinnerung an den eigenen ersten Arbeitstag hilft gegen jeden Anflug von Übermut, Arroganz und Verschwendungssucht.»
Code, Kanal und Kontext – was Kommunikation ausmacht
Mit dem Begriff Kommunikation bezeichnet die Wissenschaft den Ablauf der gegenseitigen Verständigung unter Menschen. Kommunikation ist demnach ein beabsichtigter oder unbewusster, in jedem Fall aber wechselseitiger Prozess des Sendens und Empfangens von Informationen. Elemente dieses Ablaufs sind:
Code – Sprechweise, Gestik, Mimik, Blick, Kleidung, KörperhaltungKanal – mündliche Rede, Papier, elektronische FormKontext – Zusammenhang, Situation, BeziehungenInhalt – Information, WortwahlGanze Bücher wurden geschrieben über Kommunikationstheorie. Ihr vielleicht berühmtester Vertreter war Paul Watzlawick, der den viel zitierten Satz formulierte: «Man kann nicht nicht kommunizieren.» Sobald zwei Personen sich gegenseitig wahrnehmen, kommunizieren sie miteinander. Zudem sagte Watzlawick, dass jede Kommunikation neben der Sachinformation einen Hinweis darauf enthalte, wie der Sender seine Botschaft verstanden haben wolle und wie er seine Beziehung zum Empfänger sehe. Dieser Beziehungsaspekt zeige, welche emotionale Bindung zwischen den beiden bestehe. Watzlawick kam zum Schluss, dass eine konfliktfreie Kommunikation dann gelinge, wenn zwischen den Teilnehmern Einigkeit über den Inhalts- und den Beziehungsaspekt herrsche. Er unterschied dabei nicht zwischen dem Wort und den nonverbalen Komponenten: Tonalität, Lächeln, Blick etc. Beides ist wichtig: das Was und das Wie.
Form vor Inhalt
Aussagen darüber, welcher Aspekt der wichtigere sei – der des Inhalts oder jener der Form –, gibt es viele. Die meisten Wissenschaftler sind der Ansicht, dass die Art und Weise der Botschaft viel zentraler sei als ihr eigentlicher Informationswert, und sprechen von einem Verhältnis von 9:1. Die Form stellt folglich den weitaus bedeutenderen Teil dar.
In diesem Licht betrachtet, machen beispielsweise in der Politsendung «Arena» im Schweizer Fernsehen die Krawattenfarbe oder die Eloquenz, mit der ein Diskussionsteilnehmer seine Ansicht vorbringt, einen viel grös-seren Eindruck auf die Zuschauer als die tatsächliche Kraft der vorgebrachten Argumente. Code, Kanal und Kontext bestimmen die Wirkung also sehr ausgeprägt. Man mag die Vorherrschaft des Wie über das Was bedauern, aber ignorieren sollte man diesen Grundsatz nicht.
So viel zu den gängigen Kommunikationstheorien. Dem Satz «Man kann nicht nicht kommunizieren» kann sich niemand entziehen. Und lang vor der Moderne hielt der Engländer John Donne fest: «Niemand ist eine Insel.»
Die Langzeitregeln: Triple A plus G
Angesichts der Tatsache, dass die Vorstellung, was unter guten Manieren zu verstehen sei, sich stetig verändert, stellt sich die Frage, welche Werte das zwischenmenschliche Verhalten tatsächlich beeinflussen. Gibt es verbindliche Tugenden, die einen durch die Tücken des Alltags und des Geschäftslebens leiten können? Die nicht nur die schlimmsten Fauxpas verhindern helfen, sondern im Gegenteil dazu beitragen, dass ein positiver Eindruck zurückbleibt?
Ja, die gibt es: Anstand, Aufmerksamkeit, Authentizität und Grosszügigkeit heissen sie, sagt der Schweizer Knigge. Damit sich jeder und jede die vier Grundpfeiler guten Benehmens problemlos merken kann, packt er sie in die Formel «Triple A plus G».
Gibt es Situationen, die Sie immer wieder verunsichern? Wissen Sie manchmal nicht, wie Sie sich verhalten sollen oder was von Ihnen erwartet wird? In solchen Momenten gibt Ihnen «Triple A plus G» hoffentlich eine Antwort.
Anstand
Anstand setzt das eigene Tun in einen grösseren Zusammenhang. Respekt, Fairness, Mitgefühl, Takt und Diskretion umschreiben den Begriff. Als grosse zivilisatorische Leistung der Aufklärung geltend, stellt der Anstand sicher, dass niemand durch die Einstellung oder das Verhalten anderer in seiner Würde verletzt wird. So wie wir von anderen behandelt werden möchten, treten wir ihnen auch gegenüber. Anstand ist ein Menschenrecht und fest mit den Vorstellungen einer pluralistischen Zivilgesellschaft nach hiesigem Verständnis verknüpft. Unabhängig von Alter, Rasse, Religionszugehörigkeit, unabhängig auch vom Bankkonto. Anstand basiert auf Freiwilligkeit und auf freiwillig erlangten Überzeugungen.
Der Begriff umreisst denn auch ziemlich treffend das, was man früher als «gute Kinderstube» bezeichnete. Viele assoziieren damit das Wort Disziplin: sich althergebrachten Sitten unterwerfen. Und tatsächlich, historisch stammt der Begriff Anstand aus den schon im Mittelalter gebräuchlichen Moral- und Tugendlehren. Im höfischen Zeremoniell hatte der Anstand übrigens ein gezielt asymmetrisches Element: quod licet Iovi, non licet bovi – übersetzt: Was Jupiter darf, gilt nicht auch für den Ochsen. Es sind darin selbstredend Untertöne zur Erhaltung von Macht und Unterdrückung auszumachen.
Anstand bezeichnet jedoch den persönlichen Beitrag des Einzelnen zu einer sozialen Kultur. Es gibt aber Leute – und es scheinen immer mehr zu werden –, die solche Tugenden als antiquiert und überholt anschauen und sie als Bevormundung abtun. Rücksicht will nicht so recht in eine Zeit passen, in der Selbstbestimmung und Durchsetzungsvermögen zu bestimmenden Idealen geworden sind. Zu bedenken ist jedoch, dass man sich seine Freiheit nicht wahrt, indem man nur für sich selbst schaut, sondern indem man ebenso andere, Schwächere achtet. Das gilt für statusgeile Supermanager genauso wie für grölende Partypeople morgens um vier im Ausgang. Und ja, «Danke», «Bitte» und «Entschuldigung» sagen, das gehört auch zu diesen Kulturtechniken, die es kürzlich schwer hatten, viele neue Befürworter zu finden. Nur Hochleistungsegoisten sagen: «Füsse auf den Tisch, jetzt steigt das Niveau!»
Me, myself and I
Im Zug der schleusenöffnenden Wirkung des Internets und des betriebswirtschaftlichen Denkens hat die Ich-AG Hochkonjunktur, das Selbst ist zum meistabgelichteten Sujet in der Fotografie geworden. Lange Zeit verpönt und als Krankheit bezeichnet, scheint der Narzissmus inzwischen zum gesellschaftlichen Götzenbild befördert worden zu sein. Laut Sigmund Freud kennzeichnen diese Persönlichkeitsstörung fünf E: Egozentrik, Eigensucht, Empfindlichkeit, Empathiemangel und Entwertung anderer. Der Narzisst nimmt alles aus der Ich-Perspektive wahr, sein ganzes Fühlen und Denken ist auf die eigene Person ausgerichtet. Dabei ist er stark im Austeilen und äusserst verletzlich, wenn es ums Einstecken geht. Denn anders als der Charismatiker ist der Narzisst innerlich unsicher und er versucht daher, durch die Herabstufung anderer im eigenen Selbst bestärkt zu werden.
Allein die Dosis macht das Gift. Narzisstische Verhaltensmuster werden dann zum Problem, wenn andere darunter leiden. Ein Zuviel davon führt zu zwischenmenschlicher Kälte, Isolierung und Entsolidarisierung. In der griechischen Mythologie starb der gleichnamige Held zum Schluss einen einsamen Tod. Statt seines Leichnams fand man eine Narzisse am Todesort.
Kluge Egoisten dagegen begreifen, dass sie andere Menschen brauchen. Wirklich glücklich im Leben werden wir fast nie durch uns selber, sondern nur durch andere. Deshalb ist es kluger Egoismus, wenn jemand sich an andere Menschen, das heisst aber auch an andere Werte bindet.
Aufmerksamkeit
Der Anstand und die Aufmerksamkeit sind die beiden wichtigsten Grundpfeiler guten Benehmens. Denn die Aufmerksamkeit lässt uns den Blick von uns selber wegwenden und auf die Personen um uns richten. Nicht das eigene Ich steht im Mittelpunkt des Interesses, sondern das des andern. Von einer höflichen Person sagt man denn auch, dass sie aufmerksam sei.
Für aufmerksame Zeitgenossen gibt es keine unwichtigen Menschen. Sie kennen den Namen ihres Visavis, sprechen ihn richtig aus, wissen um seine privaten und beruflichen Umstände. Sie kennen die Essensvorlieben der Person, ihre Vorzüge, und besitzen genügend Feingefühl, um nicht auf ihren Schwächen herumzureiten. Auch ein ausgeprägtes Mass an Hilfsbereitschaft zeichnet sie aus. Kurz, andere Menschen sind ihnen ebenso wichtig wie die eigene Person. Aufmerksamkeit lehrt einen darüber hinaus, sich selber nicht mehr als Opfer der Umstände zu sehen, sondern als handelnde Person mit starker Eigenverantwortung. Das Ego tritt in den Hintergrund und macht den Weg frei fürs achtsame Miteinander.
Royal Class
Ein Snob?
