Der Schwindel - Dörte Stähler - E-Book

Der Schwindel E-Book

Dörte Stähler

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Beschreibung

Maria will hier nicht mehr arbeiten. Hier, wo lächelnde Menschen durch mit Kunst behängte Büroflure hetzen, zu Meetings, zu Kundengesprächen, zur Toilette. Menschen, die am Arbeitsplatz Currywurst mit Pommes essen und dabei weiterarbeiten. Ihre Reisen in den Senegal, nach Gambia und Togo öffnen ihr die Augen über Gier und Ängste der Menschen. Sie erlebt die Faszination ihr fremder Kulturen, steigt ein in das Leben, verändert ihre Wertigkeiten und erkennt, dass die Menschen überall Schauspieler auf der Bühne ihres Lebens sind. Projektarbeiten zum Schutz des Meeres, für eine bessere Bildung, im Kampf gegen den Müll und mit Mikrofinanzierungen gegen die Armut gemäß des Friedensnobelpreisträgers Prof. Muhammad Yunus und ihr Einsatz für eine gute Wasserversorgung bringen sie mit Korruption und Machtverhältnissen in Berührung. Fast wäre sie verschleppt worden. All diese Erfahrungen gaben ihr die Kraft, mit Geduld und gewaltfrei die schrecklichen Unannehmlichkeiten am Ende ihres Berufslebens in einem großen Konzern zu meistern. Sie lernt Vergebung, und dass Schwindel auch eine Tugend sein kann, sogar eine Lebensphilosophie aller sein muss.

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Seitenzahl: 400

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Der Schwindel

Impressum

© NIBE Verlag © Dörte Stähler

Dezember 2017

Deutsche Erstausgabe

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere

Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Created by NIBE Verlag

Printed in Germany

ISBN:  978-3-947002-23-8

NIBE Verlag

Brassertstraße 22

52477 Alsdorf

Telefon: 02404/5969857

www.nibe-verlag.de

Email: [email protected]

Der Schwindel

Dörte Stähler

Die Autorin

Dörte Stähler, geboren 1954, verbrachte nach einem Studium der Rechtswissenschaften ihr Berufsleben als Bankkauffrau in diversen Konzernen, die letzten zwanzig Jahre vor ihrer Rente bei der Mercedes-Benz Bank AG in Hamburg.

Ihre Freizeit füllt sie mit Projektarbeiten in Westafrika aus. Im Senegal sorgte sie für die Vergrößerung einer Schule von 200 auf 850 Kinder. Sie setzt sich bis heute für eine verbreitete Bildung dort ein und engagiert sich zum Schutz des Meeres. In Gambia unterstützte sie die Vizepräsidentin bei der Wasserversorgung und in Togo bekämpft sie die Armut mit Mikrofinanzierungen gemäß dem Friedensnobelpreisträger Prof. Dr. Muhammad Yunus.

2015 organisierte sie mit Freunden das afrikanische Filmfestival AugenBlicke in Hamburg.

Inhaltsverzeichnis

Karriere oder Familie

Vom Glück, zu geben

Vom Konkurrenzkampf zumSelbstwertgefühl

Krank in der Fremde

Kommt Zeit, kommt Rat

Geduld üben und Feste feiern

Wer Korruption sät

Erotik kehrt ein

Auf die Absicht aller Dinge, nicht auf denErfolg, blickt der Weise

Ups, Ramadan im Senegal

Von den Tiefen zu den Höhen des Lebens

Gambia, ein Land voller Überraschungen

Neue Wege gehen

Gibt es Schutzengel?

Der Sozialplan

Umweltschutz, was ist das denn?

Arbeitslos trotz Arbeitsvertrag

Vom Fernweh zum Heimweh

Das Ende eines Berufslebens

Erfahrungen sind die Schule der Wertigkeiten

Karriere oder Familie

Maria will hier nicht mehr arbeiten. Hier, wo lächelnde Menschen durch mit Kunst behängte Büroflure hetzen, zu Meetings, zu Kundengesprächen, zur Toilette. Menschen, die am Arbeitsplatz Currywurst mit Pommes essen und dabei weiterarbeiten.

Sie ist noch ganz beflügelt von ihrer Reise in den Senegal. Ihre Gedanken kreisen noch immer um die Abenteuer dort. Tief beeindruckt von der Fröhlichkeit, der Gemeinschaft und Gastfreundlichkeit, vom Müßiggang der Afrikaner ohne Acht-Stunden-Takt.

Aber jetzt um sieben Uhr morgens führt ihr Weg wieder zum Arbeitsplatz bei der Three-Star-Bank AG, vorbei an den in akkuraten Abständen hängenden Gemälden, die sie motivieren sollen. Das Großraumbüro bekommt Licht von Neonröhren, versteckt hinter Metallgittern. Je zwei Arbeitsplätze sind mit Kübeln abgetrennt, bepflanzt mit riesigen Plastikpflanzen. Wer hat, schmückt seinen Schreibtisch mit Fotos seines Ehepartners und seiner Kinder.

Maria ist Single. Ihr Schreibtisch kennt nur Arbeit.

Aber was ist das?

Der Schreibtisch, den sie noch vor ihrer Reise mehrere Jahre innehatte, bleibt verschlossen. Ihr Schlüssel zu den Schubladen, in denen sie ihre privaten Utensilien hat, passt nicht mehr.

Max, der Kollege, der schon immer mit ihr konkurrierte, bemerkt ihre Verunsicherung und klärt hämisch grinsend auf: „Deinen Arbeitsplatz hat ein anderer übernommen, Maria. Vielleicht solltest du zu dem außerirdischen Stern zurückkehren, von dem du gekommen bist?“ Maria antwortet: „Ja, Max, es gibt viele schöne Sterne. Zurzeit bevorzuge ich diesen hier. Gewöhne dich daran; wir werden noch einige Zeit miteinander verbringen“, und sie geht zu ihrem Chef, um die Ungereimtheiten ihres verschlossenen Schreibtisches zu klären.

Sie kennt ihren Chef Karl Sparlink bereits aus ihrer Studentenzeit, als sie mit ihrer Zwillingsschwester Daria gemeinsam Jura studierte. Daria liebte die Juristerei. Maria dagegen wählte diesen Studiengang nur, weil ihr Notendurchschnitt nicht ausreichte, um die Numerus-Clausus-Hürde für ein Psychologiestudium zu überspringen.

Karl Sparlink, der große schlaksige Mann, immer im Anzug, mit Hemd und Krawatte, war zu dieser Zeit Darias Freund und machte gerade sein Abitur über den zweiten Bildungsweg nach. Nebenbei arbeitete er als Aktenzieher in einer Privatbank. Bis zum Prokuristen hat er sich hochgearbeitet. Die entsprechenden Ausbildungen absolvierte er in den Abendstunden. Sein Interesse bestand nur aus Arbeit und Fortbildung. Daria widmete ihr Leben ganz dem Jurastudium, nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Schwester. Klar, haben die beiden Schwestern ihre großen Examensarbeiten gemeinsam geschrieben. Als Erste schloss Daria das Examen mit Prädikat ab, schlüpfte dann in die Rolle ihrer Schwester und schrieb alle Klausuren in deren Namen. Es blieb ihr nur noch die mündliche Prüfung, ohne jegliche Hilfe zu bestehen. Das war ihr schweißgebadet und mit guten Noten gelungen. Ein Prüfungsmensch war sie nie gewesen. Darias Weg führte zum Bundesamt für Migration und Maria begann bei einer holländischen Großbank. Zu dieser Zeit zerbrach die Liebe zwischen Daria und Karl Sparlink. Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Jetzt sitzt Maria im Büro von Karl Sparlink, der seit einem Jahr ihr Chef ist.

Vor zehn Jahren kam sie zur Three-Star-Bank AG in leitender Position in die Rechtsabteilung der Geschäftsstelle Hamburg. Sie führte ein Team von sechs Angestellten. Vor einem Jahr wechselte sie wegen einer Umstrukturierung innerhalb der Bank ihren Arbeitsplatz. Die Rechtsabteilung wurde zentralisiert. Die Gebietsaufteilungen wurden aufgelöst. Sie hätte von Hamburg mit in die Zentrale nach Bissingen ins Schwabenländle ziehen können. Hamburg verlassen, wo ihre Schwester Daria mit ihrer Familie lebt, das lag ihr fern. Familie ist ihr wichtiger als jede Karriere! Wie gut, dass die holländische Bank sie damals nötigte, neben der Arbeit noch eine Bankausbildung zu machen. Ihr Motto war es: egal, welche Arbeitsstelle ihre Mitarbeiter bekleiden, eine abgeschlossene Bankausbildung ist Voraussetzung für einen Arbeitsplatz in ihrer Bank. Nur deshalb haben die Personalabteilung und der Betriebsrat der Three-Star-Bank AG sich bereit erklärt, dass sie auf einen vergleichsweise minderqualifizierten Arbeitsplatz in der Kreditabteilung der Geschäftsstelle Hamburg wechselte. So wurde Karl Sparlink ihr Chef. Gleich im ersten Gespräch mit ihr, untersagte er ihr in Anbetracht seiner Position das „Duzen“.

Heute sitzt sie wieder bei ihm, weil sie keinen Zugang zu ihrem Schreibtisch findet. Karl Sparlink verkündet ihr, dass während ihres Senegal-Urlaub eine weitere Umstrukturierung angelaufen sei. Die Bank wird für die Bonitätsprüfung ein Scoringmodell einführen. Das vielseitige Kreditgeschäft, was bisher von jedem Mitarbeiter von der Kundenbetreuung bis hin zu den Kreditentscheidungen inklusive Bilanzanalysen getätigt wurde, wird in spezielle kleine Aufgaben unterteilt. „Nächsten Freitag ist die gesamte Belegschaft nach Bissingen in die Zentrale eingeladen. Dort werden wir über diese Umstrukturierung informiert“, erklärt ihr Karl Sparlink. Er bittet sie darüber zu schweigen. „Es ist noch vertraulich. Aber wir sind ja Freunde aus alten Zeiten.“

Freitagmorgen um sechs Uhr treffen sich alle 39 Kollegen der Hamburger Geschäftsstelle aufgekratzt und fröhlich zum Frühflieger der Eurowing A320 nach Stuttgart. Von dort bringt sie ein Bus zur Hauptstelle der Three-Star-Bank AG nach Bissingen. Ein Jahr zuvor waren sie in Hamburg 78 Kollegen. Diese Reisen nimmt jeder wahr, wenn er nicht sterbenskrank ist. Jeder weiß, dass die Feiern der Three-Star-Bank AG am Abend nach den banküblichen Formalitäten, wie beispielsweise die Informationen über Plan- und Ist-Zahlen, die Unternehmensergebnisse und -veränderungen, gigantisch und nicht zu toppen sind. Die Vier-Sterne-Hotels sind alle in der nahen und weiteren Umgebung für die Belegschaft ausgebucht.

Und da ist auch schon der Aufruf zum Einsteigen. Während des Flugs sitzt Maria neben Tinchen, einer pummeligen rotblonden Kollegin, die es liebt aus dem Fenster zu schauen. Auf ihrer anderen Seite am Gang stellt sich ihr ein gut gekleideter, grauhaariger Herr mit dem Namen Eberhard vor: „Sie sind aber eine fröhliche Runde! Was führt Sie nach Stuttgart?“

Sie gibt bereitwillig Auskunft: „Es ist ein Betriebstreffen der Three-Star-Bank AG.“

„Ach, ist da noch Binnich Vorstandsvorsitzender?“

„Ja, kennen Sie ihn?“

Erfreut darüber antwortet er: „Ja, es liegt ein paar Jahre zurück. Ich bin der Geschäftsführer der Deutschen Leasing GmbH. Wir hatten seinerzeit ausgesprochen gut zusammengearbeitet, bis sich Binnich durch ein Zeitungsinterview von mir beleidigt fühlte. Ich bedaure es zutiefst. Wenn Sie ihn sehen, grüßen Sie ihn bitte von mir!“ Mit einem bezaubernden Lächeln erwidert sie: „Ich werde daran denken.“

Nach und nach treffen die Kollegen der acht in Deutschland verbreiteten Geschäftsstellen und der Zentrale in der großen Eingangshalle der Three-Star-Bank AG ein. Vor drei Jahren waren es sechzehn Geschäftsstellen, die die Geschäftsführung den Gebieten und Umsatzzahlen entsprechend zu acht Geschäftsstellen zusammengeführt hat.

Schnell bilden sich Grüppchen und die Freude der Kollegen ist groß, sich hier wiederzusehen. Wegen der Umstrukturierung und damit verbundenen Ortswechsel haben sie sich lange nicht gesehen. Durch die Namensschilder, die ein jeder unter Angabe seines Arbeitsplatzes trägt, können sich die Kollegen persönlich kennenlernen, die sonst nur telefonisch miteinander Kontakt haben.

Maria und Anja fallen sich in die Arme. Sie schlossen Freundschaft, als sie bis vor einem Jahr in der Rechtsabteilung in Hamburg zusammen schafften. Anja ist Schwäbin und bei der Zentralisierung seinerzeit in ihre Heimat zurückgekehrt. Inzwischen ist sie stellvertretende Abteilungsleiterin der Rechtsabteilung in Bissingen. Sie kann es kaum glauben, dass ihre Freundin, zu der sie immer aufschaute, weil sie souverän und kompetent ein Team von sechs Juristen führte, nun auf dem beruflichen Abstellgleis verhungern soll.

„Willst du nicht nach Bissingen übersiedeln? Gehst du auf diesem Kreditsachbearbeiterposten nicht seelisch ein?“ Maria schmunzelt: „So ist das eben. Wenn du in einem Konzern zur Karriere 'Nein' sagst und das Höher, Weiter, Größer und all ihre Superlative nicht mitmachst, dann landest du auf dem Abstellgleis. Irgendwie kann ich es sogar verstehen. Nur den Aufstrebenden bieten sie die Fortkommensmöglichkeiten. Leider ist mein Wissen in Hamburg nicht mehr gefragt. Ich finde gerade neue interessante Felder. Mein Hunger nach neuem Wissen ist ungebremst. Ich war im Senegal im Urlaub.“

Plötzlich fällt ihr Blick auf Binnich, der neben Karl Sparlink und dessen Vorgesetzten Schatzmeister und ein paar anderen hohen Herren trotz seiner großen Ausstrahlung klein wirkt. Anja guckt erstaunt, als sie ihre Freundin schnurstracks auf diese Gruppe zugehen sieht. Karl Sparlink will sie sofort mit ein paar unverständlich genuschelten Worten von der Gruppe fernhalten, als Binnich Maria freundlich die Hand reicht und sich nach ihrer Geschäftsstelle erkundigt. Sie nimmt die Gelegenheit wahr und überbringt die Grüße von Herrn Eberhard, dem Geschäftsführer der Deutschen Leasing GmbH, den sie im Flugzeug von Hamburg nach Stuttgart an ihrer Seite hatte.

Was für Blicke treffen Maria, als sie von Binnich zur Seite genommen wird: „Sie kennen Dr. Eberhard?“

Er wartet gar nicht ihre Antwort ab. Er erzählt ihr, wie viel Spaß und Erfolg er und Binnich in ihrer Zusammenarbeit hatten. Ein Zeitungsartikel hat ihre hervorragenden Geschäftsbeziehungen jäh abgebrochen. Sie bestätigt ihn, dass er ihr dasselbe mitgeteilt hatte. Binnich freut sich sichtlich: „Ich werde ihn anrufen. Grüßen Sie ihn bitte zurück, wenn Sie ihn sehen“ und geht zu seiner Gruppe zurück.

Auf dem Weg zur im Keller liegenden Toilette spürt sie überraschend einen Arm auf ihrer Schulter. Er ist von Karl Sparlink, der sie verschiedenen Herren aus der Führungsebene vorstellt: „Maria muss man kennen. Sie ist eine interessante Frau, die über die Grenzen hinaus bekannt ist.“ Max, der Hüne mit Augen wie Schießscharten, stürmt herbei und verkündet lauthals, dass sie wohl den falschen Beruf erlernt habe, denn an ihr sei eine Ethnologin verloren gegangen. „Erzähle mal! Wie war's im Senegal?“

Sie lässt sich nicht beirren und folgt ihrem Weg zur Toilette.

Zurück wundert sie sich über die lauten Motorengeräusche in der Halle, die inzwischen von über 2000 Personen gefüllt ist. Binnich kommt mit dem neuesten Modell des Mercedes SLC vorgefahren und springt dynamisch auf das Podium, wo bereits drei weitere Vorstände und eine berühmte Fernsehmoderatorin auf ihn warten. Jedes Vorstandsmitglied berichtet per Power-Point-Präsentation über die Zahlen – Daten – Fakten seines Verantwortungsbereiches. Binnich bedankt sich bei der Belegschaft für ihr enormes Engagement, ohne das dieser Erfolg nicht möglich gewesen wäre.

„Wir, der gesamte Vorstand, sind sehr überrascht über dieses tolle Ergebnis in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten!“Um im kommendem Jahr wieder in diesem starken Wettbewerb Spitzenreiter bleiben zu können, ist eine Umstrukturierung nötig. Er freut sich das Scoringmodell einführen zu können und baut auf Innovation und Teamgeist.

„Keine Sorge: die Arbeitsplätze sind sicher. Wir schaffen das!“

Es werden sich nur die Tätigkeitsfelder verändern. Ein Grummeln zieht durch den Saal. Die Moderatorin schnappt eine Äußerung einer Frau aus den ersten Reihen auf: „Mit Frauen in der Führung wäre manches besser!“ und fordert Binnich heraus: „Haben Sie das gehört, Herr Binnich? Wo sind die Frauen auf der Führungsebene? Der Vorstand ist eine reine Männerdomäne. Was sagen Sie dazu?“

Wer genau hinsieht, kann erkennen, dass er seine Augen verdreht. Ein leichtes Zittern liegt anfänglich in seiner Stimme, als er sich langsam fasst und verkündet, dass ihm eine Frau unter den Vorstandskollegen aufrichtig erfreuen könnte, schließlich liebe er die Frauen, was ihm ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert.

„Wir leben in einer Unternehmenskultur, in der Frauen wie Männer gemäß ihren Leistungen in die entsprechende Position gelangen. Wenn die Frauen diese Leistungen nicht erbracht haben, dann...Wir haben beispielsweise einen Mann in leitender Funktion in einer unserer Geschäftsstellen, der sich vorstellt, die Führungskräfteleiter zu erklimmen, und der sich wundert, dass es ihm nicht gelingt. Ich sage Ihnen, fachliche Qualifikation ist eine Grundvoraussetzung, um bei der Three-Star-Bank-AG tätig zu sein. Um höhere Positionen zu erreichen bedarf es noch anderer Fähigkeiten.“

Entsprechendes Auftreten.

Karl Sparlink fühlt sich nicht ohne Grund angesprochen und verwandelt sich schlagartig in eine rote Ampel. Trotz seiner zwei Meter Länge wirkt er klein und ist stets bemüht, sich besonders aufrecht zu halten, um größer zu wirken. Er macht gute Miene zum bösen Spiel, was keine erfolgversprechende Basis für eine Karriere ist. Fast alle Blicke sind auf ihn gerichtet. Frauen in Führungsetagen sind kein Thema mehr.

Binnich leitet den gemütlichen Teil des Tages ein und verweist darauf, dass vor der Tür Busse bereitstehen, die alle zur eigens für dieses Event gebuchten größten Diskothek des Schwabenländle bringen. Ab 22 Uhr findet ein stündlicher Busshuttle zu den Hotels statt. Eine Sambatruppe heizt die Ankömmlinge ein. Die jung dynamischen Banker stürmen zu den fürstlich hergerichteten Buffets. Was für eine Auswahl, nicht nur an Essen und Getränken! Maria und Anja begutachten zunächst die Räumlichkeiten: Es gibt draußen einen Biergarten, drinnen eine gemütliche Lounge, einen Vorraum mit einer Wand mit Fotos des Tages zur freien Verfügung, wo sich tatsächlich jeder wiederfindet und als Erinnerung mitnehmen kann und zwei große Säle, in dessen einem Saal zu fortgeschrittener Stunde DJ Ötzi und dem anderen Saal Bernd Stelter die Massen bespaßt.

Sie sind völlig geflasht von dem Angebot und gönnen sich erstmal einen Apérol Sprizz. Max stolpert ihnen völlig betrunken vor die Füße. Erregt teilt er ihnen mit, dass er gerade aus einer benachbarten Kneipe komme. Zwei Bissinger Kollegen haben ihn dort zu mehreren schwäbischen Brezelschnäpsen eingeladen. Gegenüber gäbe es einen McDonalds, falls sich in den Morgenstunden vom vielen Feiern ein neuer Hunger einstellen würde. Maria und Anja schütteln ihre Köpfe. Sie freuen sich über ihr Wiedersehen, genießen das gute Essen und tauschen sich über ihre Erlebnisse in Familie, auf ihren Reisen und im Büro aus. Ab und an halten sie einen Small-Talk mit ihren Kollegen. Sogar Binnich sucht immer wieder ihre Nähe.

Es ist eine ausgelassene Party, bei der viele Verbindungen geknüpft werden. Karl Sparlink ist von der Tanzfläche nicht wegzubekommen und flirtet sich durch die Nacht. Beim Frühstück treffen sich alle wieder. Jeder übertrifft den Nächsten, wer den kürzesten Schlaf hatte. Sie tratschten, wer mit wem und wo und warum. Anja kommt extra von Ludwigsburg nach Bissingen ins Hotel, um sich von Maria zu verabschieden. Während des Fluges nach Hamburg schwelgen die Kollegen in Erinnerungen und zerreißen sich die Mäuler. Nur Karl Sparlink und Maria hängen verstummt ihren Gedanken nach. Am Flughafen eine kurze Verabschiedung und alle verstreuen sich in diversen Richtungen nach Hause. Viele werden von ihren Ehepartnern abgeholt.

Am Montag herrscht im Büro eine beredte Fröhlichkeit, verursacht von der großartigen Feier. Sie sind sich einig. Feiern, das können sie. Karl Sparlink bittet Maria sofort in sein Büro und händigt ihr den neuen Schlüssel zu ihrem Schreibtisch aus. Es gab eine einfache Erklärung, dass ihr Schlüssel nicht mehr passte. Im Zuge der Umstrukturierung wurden die Schreibtische ausgetauscht, als sie im Urlaub war. Er verkündet ihr, dass er sie für den Scoringbereich eingesetzt hat. Das bedeutet, dass sie das Tätigkeitsfeld des Vertriebsunterstützers ohne jegliche Entscheidungsgewalt bekleidet. Ihre Kompetenzen über Kredite bis zu 1.000.000 EUR sind gestrichen. Max wird ihr die neuen Aufgaben erklären. Sie staunt nicht schlecht und hält gegen: „Was für eine Karriere! Vom Juristen zum Datatypisten!“

Er erwidert: „Wollen Sie sich denn den Stress noch antun? Sie werden bald 50 Jahre alt und waren vor einem halben Jahr wegen eines Tumors unterm Arm krank. Es ist viel besser für Sie, etwas kürzer zu treten. Dort werden sicherlich viel weniger Überstunden anfallen. Freuen Sie sich doch!“ Maria spürt ihren Blutdruck steigen. Hitzewallungen durchlaufen ihren Körper.

Karl Sparlink spricht weiter: „Ich verstehe gar nicht, in meinem persönlichen Umfeld sterben gerade so viele Frauen an Krebs.“ Das war zu viel.

Es platzt aus ihr heraus: „Ich hatte einen gutartigen Tumor, der operativ entfernt ist. Ich bin vollständig geheilt!“

Er unterbricht sie: „So fing das bei denen auch an.“

Sie bedankt sich für die einfühlsamen Worte und verlässt sein Büro. Kurz bevor sie die Tür öffnet ruft Sparlink ihr hinterher: „Denke daran, dass wir beide wissen, wer dein Examen gemacht hat.“

Rasend nimmt sie den kürzesten Weg zur Damentoilette und hofft, dass keiner dort ist. Sie schüttet sich wieder und wieder kaltes Wasser ins Gesicht, um einen klaren Kopf zu bekommen. Plötzlich erfasst sie dieses Darmkneifen, rennt zur Toilette und lässt krachend los, was es loszulassen gibt. „Ich scheiß auf dich, du Freund aus alten Zeiten!“ Ihre Gedanken kreisen: „Was habe ich falsch gemacht?“ Sie beschließt Ruhe zu bewahren und begibt sich gemächlich in ihr Büro, öffnet ihren Schreibtisch und sucht nach einem Tee der sie in die Balance zurückbringen könnte. Sie findet schwarzen Tee, grünen Tee, Früchtetee, Salbeitee, Kräutertee und Pfefferminztee. Der Kräutertee ist sicherlich die richtige Entscheidung.

Als sie aus der Küche zurückkommt, bittet sie Max, ihren Widersacher, ihr die neue Software des Scorings zu erklären. Ohne eine zynische Bemerkung setzt er sich zu ihr und weist sie geduldig in das neue Programm ein. Schnell hat sie alles aufgenommen. Was bleibt ist learning by doing. Nach kurzer Zeit erkennt sie, dass das eine Tätigkeit ist, bei der die Gefahren gerade in ihrer Einfachheit lauern. Flüchtigkeitsfehler können böse Folgen haben und gegen das Kreditwesengesetz verstoßen. Sie fürchtet sich vor einer Abmahnung mit anschließender Kündigung, die sie bei solchen Routinearbeiten nicht verwundern würde. Sie ist analytisches Arbeiten gewohnt. In ihrem Alter hätte sie erhebliche Schwierigkeiten, eine neue Arbeit zu finden. Sie müsste sich auf eine lebenslange Arbeitslosigkeit mit anschließender Sozialhilfe einstellen. Schreckliche Gedanken begleiten sie.

Ihr ist plötzlich schwindelig. Ein Grund, heute mal keine Überstunden zu machen. Heute benötigt sie in der Hauptverkehrszeit anderthalb Stunden mit dem Auto bis nach Hause. Sonst schafft sie das in knapp einer Stunde.

Zuhause angekommen stellt sie sofort den Fernseher an. Es ist ihr egal, welches Programm läuft. Ihr ist alles recht, wenn sie nur ihre Gedanken zum Erliegen bringen könnte. Im Kopf dreht es sich; nicht nur um diesen Tag. Sie fühlt sich elendig und ohnmächtig. Früh begibt sie sich ins Bett, zieht sich die Decke über den Kopf und versucht zu schlafen. Immer wieder blinzelt sie auf den Wecker, um zu überprüfen, wieviel Zeit ihr für einen erholsamen Schlaf bleiben. Um fünf Uhr rasselt der Wecker wie an allen Arbeitstagen. Sie zwingt sich ins Bad. Frische kehrt leider nicht in ihren Körper zurück.

Widerwillig führt sie ihren geschwächten Körper ins Büro, atmet vor dem Eingang einmal tief durch, setzt ihr hübschestes Lächeln auf und begrüßt ihre Kollegen ohne ihre wahren Gefühle Preis zu geben. Als wenn nichts gewesen wäre begrüßt Karl Sparlink alle per Handschlag mit kleinen, witzigen Sprüchen, die keiner wirklich hören will. Maria konzentriert sich auf ihre Arbeit und ärgert sich über ihre Empfindlichkeiten. Ihr Kopf fühlt sich an, als hätte sie Ohropax in den Ohren. Sie hört ihr Blut in ihren Adern fließen. Es ist ihr gerade recht, dieser anspruchslosen Tätigkeit nachgehen zu müssen. Panik kommt in ihr auf. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, erklärt sie ihren Kollegen, dass sie kurz an ihr Auto müsse und verschwindet nach draußen, wo sie ungestört ihren Hausarzt anrufen kann. Sie bekommt einen Termin für heute Abend 19 Uhr. Erleichterung steigt in ihr auf. Damit geht ihre Arbeit viel leichter von der Hand. Der Schwindel aber will noch nicht aufhören.

Dr. med. Pille berichtet sie ihre Symptome. Die Vorkommnisse bei der Arbeit verschweigt sie. Er misst bei ihr einen Blutdruck von 180 zu 99. „Das ist viel zu hoch! Wir machen ein Langzeit-EKG. Einverstanden?“ Sie bekommt ein Messgerät an ihren Arm, was halbstündlich ihren Blutdruck über 24 Stunden misst und mit einem zweiten Gerät verbunden ist, das die Messungen aufzeichnet. Sie selbst schreibt dazu ein Blutdrucktagebuch. Donnerstag um 19 Uhr ist ihr nächster Arzttermin.

Die Langzeitmessung kann sie in der Firma nicht verheimlichen. Sie erklärt sie als Routineuntersuchung, die bereits vor ihrem Urlaub anberaumt war.

Dr. med. Pille ist von den Messergebnissen nicht erbaut. Die erhöhten Werte beweisen, dass sie selbst in der Nacht nicht zur Ruhe kommt. Er überweist sie für eine anderthalbstündige Messung auf dem Kipptisch in die Schönklinik, die nicht weit von ihrem Arbeitsplatz entfernt liegt.

Sie informiert Karl Sparlink darüber, dass sie hierfür ihre Mittagspause ausnahmsweise nicht am Arbeitsplatz verbringen würde. Sie würde diese sogar für eine ungewisse Zeit überziehen. Er bittet sie darum, sich an der Arbeitszeitschaltuhr auszustempeln.

In der Schönklinik schwankt ihr Blutdruck zwischen 230 zu 130 und 200 zu 100. Mit so einem hohen Blutdruck will der Arzt sie nicht gehen lassen, sondern stationär aufnehmen. Das lehnt Maria mit Nachdruck ab. Das ist ihr aus beruflichen Gründen nicht möglich. Der Arzt gibt ihr eine blutdrucksenkende Tablette. Kurz nach Einnahme des Betablockers ergibt die erneute Messung einen Wert von 90 zu 60. Sie bekommt ein Rezept, fährt zur Apotheke und direkt zu ihrem Arbeitsplatz.

Übers Wochenende geht es ihr zusehends schlechter. Der Schwindel nimmt überhand. Sie traut sich nicht, ihre Wohnung zu verlassen. Montag früh ist sie die Erste im Wartezimmer von Dr. med. Pille. Tränen kullern ihr übers Gesicht. Nach einer Untersuchung setzt er die Betablocker ab und verschreibt ihr ein gefäßerweiterndes Medikament. Wegen des fortwährenden Ohrdrucks überweist er sie zum Hals-Nasen-Ohrenarzt am selben Tag. Dort stellt der Arzt eine Linie in seinen Messungen fest, die auf einen Hörsturz hindeute. Er sagt ihr: „Das kann kein Hörsturz sein. Damit würden Sie nicht hier sitzen. Ich schreibe Sie zwei Wochen krank. Sie brauchen Ruhe.“ „Oh, nein, das geht nicht! Ich werde in der Firma gebraucht. Es gibt gerade so viele Krankheits- und Urlaubsfälle.“ Sie einigen sich auf zwei Tage Krankschreibung. Völlig erschöpft geht sie nach Hause. Auf ihrer Couch fühlt sie sich am wohlsten. Die nötigen Einkäufe würde sie morgen in aller Ruhe erledigen.

Auf dem Weg zum Markt fühlt sie sich wie betrunken. Schwankend macht sie vor dem Haus ihrer Schwester Daria halt und klingelt: „Daria, mir geht’s gerade nicht so gut. Ich muss mich mal kurz hinlegen.“ Daria ruft sofort den Krankenwagen, der sie in die Universitätsklinik bringt. Dort wird der Hörsturz bestätigt. Die Infusionen bewirken eine Genesung.

Zurück im Büro begrüßen sie die Kollegen erfreut. Karl Sparlink bittet sie in sein Büro. Er kredenzt ihr einen Kaffee, erkundigt sich nach ihrem Befinden, fragt, ob er etwas für sie tun könne. Mit so einem Hörsturz sei nicht zu spaßen. Er erzählt ihr, dass er einen Urlaub in zwei Monaten im Whistler-Golf Resort in Kanada, in einem malerischen Tal, umgeben von riesigen mit Schnee bedeckten Bergen und unberührten Seen, gebucht habe.

Ihr bietet er an, zur selben Zeit ihren nächsten Urlaub zu nehmen. Das täte ihr sicherlich gut. Sie weiß nicht, was sie von dieser Fürsorge und Freundlichkeit zu halten habe. Der Gedanke aber in zwei Monaten wieder in den Senegal zu reisen, gefällt ihr.

Sie nutzt die Gelegenheit, dass er und die Kollegen ihr einen Urlaubsantrag ohne lange Debatten unterschreiben. Gesagt, getan. Der Antrag wurde von allen ohne zu murren unterschrieben. Die Reise ist gebucht.

Vom Glück, zu geben

Maria kam vor gut drei Monaten erstmals in den Senegal. Sie erinnert sich, wie es zu dieser Reise kam. Den Norden Afrikas mit Marokko, Tunesien und Ägypten und den Osten mit dem Sudan, Kenia und Tansania hatte sie bereits kennengelernt. Sie war auch in Südamerika, in der Dominikanischen Republik und Venezuela. Von Asien, wie Sri Lanka, Malaysia, Indonesien, Bali, Thailand und Myanmar war sie besonders begeistert. Es war der Buddhismus mit seinen Meditationen und die traditionelle Medizin, wie Ayurveda, was sie interessierte.

Diese vielfältige Natur löste Gefühle wie zu Teenagerzeiten in ihr aus. Da gab es Schmetterlinge in ihrem Bauch. Sie wollte jeden Fleck der Erde einmal gesehen haben, bis plötzlich bei dieser Art zu reisen ein Gefühl von Langeweile in ihr aufkam. Drei Wochen Urlaub, in dem sie von Ort zu Ort hetzte, war ihr plötzlich zu oberflächlich. Sie fand es egal, ob die Menschen schwarzer, gelber, roter oder weißer Hautfarbe waren; die Bonzen waren überall Bonzen und die Freaks überall Freaks. Eine ihr fremde Kultur wollte sie in der Tiefe kennen lernen. Der Gedanke daran, Thailand, das Land des Lächelns näher kennenzulernen, ließ ihr Herz höherschlagen. Üblicherweise hört sie auf ihr Herz.

Diesmal gab sie ihrem Zeigefinger die Aufgabe, die Entscheidung zu übernehmen. Sie legte eine Woche lang jeden Abend nach der Arbeit die Weltkarte auf ihren Wohnzimmertisch, schloss ihre Augen und ließ ihren Finger kreisen. Täglich dasselbe Spiel und immer landete ihr Finger auf dem Senegal.

„Was ist das für ein Land?“ fragte sie sich und wollte von Daria wissen, ob sie ihr Näheres über dieses Land sagen könnte. Daria lachte schallend, als sie hörte, wie ihre Schwester auf den Senegal kam.

„Du mit deiner Spiritualität! Wenn ich meinen Finger kreisen lasse, wird er auch immer auf derselben Stelle landen. Du veränderst doch deine dir eigenen Bewegungen nicht.“

Das überzeugte Maria nicht und bat sie, ihren Finger auch über einer Weltkarte kreisen zu lassen. Ihr Finger traf nie dasselbe Land. Das war Grund genug für eine Reise in den Senegal.

Als sie im Oktober die Gangway des Flugzeugs auf dem Flughafen Dakar Leopold Senghor betritt, fühlte sie sich, als würde sie gegen eine Wand enormer feuchter Hitze laufen, die sie zu erschlagen droht. Die Regenzeit hatte entgegen ihrer Informationen noch kein Ende gefunden. Sie fürchtete die Hitzequalen, die ihre Reise arg beeinträchtigen könnten.

Dass der Flughafen nach dem größten senegalesischen Philosophen benannt wurde, versöhnte sie, sie die Hobbyphilosophin… Er war nach der Unabhängigkeit von 1960 bis 1980 der erste Präsident des Landes. Kein Präsident nach ihm bekam diese Ehrung.

Ein Bus hatte die Fluggäste zum Flughafengebäude gebracht, wo Uniformierte an einer kleinen Treppe Spalier standen und die Ankömmlinge kritisch beäugten. Weiter ging es zu den Schaltern, um Pässe und Einreisepapiere vorzuzeigen. Das war nicht alles. Sämtliche Passagiere gaben ihren rechten und linken Fingerabdruck und ließen sich von einer kleinen Kamera fotografieren. Maria wurde gleich zweimal fotografiert. Sie wurde zurechtgewiesen, dass sie nicht lächeln solle. Von dieser Einreiseprozedur hatte sie vorher nichts gelesen. Jeder hier ließ es über sich ergehen, keiner muckte auf.

Sie ist verwundert, hatte sie sich noch in den 80er Jahren gegen die Volkszählung in Deutschland ausgesprochen und kräftig demonstriert. An den Kofferbändern wimmelte es von hilfsbereiten Menschen, die den Ankömmlingen fast ihre Koffer aus der Hand rissen, um sich etwas Geld zu verdienen. Sie ließ sich ihren Trolley nicht aus der Hand nehmen. Die kriegen nicht mein Geld. Vor dem Verlassen des Flughafens wurde jeder Koffer durchleuchtet. Draußen standen senegalesische Touristenführer mit Schildern, die den Weg zu den Bussen wiesen, die sie zu ihren Hotels beförderten. Nach ca. drei Stunden Fahrt kam sie um Mitternacht am Hotel Royam an. Die Prozedur am Flughafen verunsicherte sie. Ob die Senegalreise eine gute Entscheidung war?

Der Nachtportier begrüßte sie in fließendem Englisch, gab ihr den Zimmerschlüssel und zeigte ihr ihr Zimmer in einem reetgedeckten Rundhaus in der Gartenanlage nicht weit vom Strand entfernt. In einem Kraal ohne Fenster hatte sie noch nie gewohnt. Nur eine einfach verglaste Tür führte auf eine mit Terrakotta-Steinen geflieste Terrasse. Sie beobachtete schwarze Männer im Garten. Ob sie auch sie beobachteten? Afrikanische Kunst schmückt die Wände. Es war alles sauber und adrett. Eine Bar, einen Fernseher oder Fön gab es nicht im Zimmer. Die Vier-Sterne-Hotels in Asien und Südamerika waren luxuriöser ausgestattet.

Sie amüsiert sich über sich selbst: „Andere Länder, andere Titten.“ Nachdem sie ihren Koffer ausgepackt hatte, setzte sie sich kurz auf ihre Terrasse, um die gute Luft zu schnuppern und sich an diesem, voller Sterne bedeckten Himmel zu erfreuen.

Ein erholsamer Schlaf trug zu ihrer guten Laune bei. Sie begab sich zum Frühstücksbuffet, nahm zwei Baguette Brötchen, zwei Spiegeleier und eine Tasse Kaffee und setzte sich an einen der vielen Tische draußen am Swimmingpool. Leider war der Service nicht der englischen Sprache mächtig, doch durch ihren Charme und ihrer aufgeschlossenen Freundlichkeit war es ihr eine Wonne, mit ihnen mit Händen und Füßen zu kommunizieren. Ihr fiel auf, dass im Service nur Männer arbeiteten. Die Frauen hatten ihr Tätigkeitsfeld in der Zimmerreinigung und an der Rezeption.

Die Touristen schienen alle französisch zu sprechen und alberten mit dem Personal herum. Hier war keiner alleine. Bunte Vögel saßen auf den Arm- und Stuhllehnen, in der Hoffnung einige Krümel zu ergattern.

Ein hochgewachsener schlanker, schwarzer Mann stand plötzlich vor ihr und stellte sich in ausgezeichnetem Deutsch als ihr Fremdenführer namens Néné vor. Er lud sie und ein älteres Ehepaar aus Norddeutschland zu einem Cocktail aus frisch gepressten Früchten ein, klärte sie darüber auf, dass sie sich mit dem Leitungswasser zwar die Zähne putzen könnten, es aber als Trinkwasser nicht geeignet wäre. Überhaupt empfahl er, sich ausschließlich im Hotel zu beköstigen. Land und Leute könnten sie auf den von den Agenturen angebotenen Ausflügen kennen lernen; schon wegen der Sprachprobleme. Im Senegal ist Wolof die Nationalsprache und Französisch die Verwaltungssprache. Das Geld wäre im Hotel zu einem guten Wechselkurs einzutauschen. Néné hinterließ für eventuelle Fragen seine Handynummer und verabschiedete sich.

Maria hatte zu große Reiseerfahrung, um sich von seinen Warnungen Bange machen zu lassen. Das einzige deutsche Ehepaar kam sich etwas verloren vor, da sie kein französisch sprachen und die sonst so reisebegeisterten Deutschen hier nicht vertreten waren.

Ein Land, in dem ohne Alkohol und Zigaretten Fröhlichkeit herrschte, kannten sie nicht. So blieb ihnen nur Sonne, Strand und Meer.

Maria hingegen will Land und Leute kennenlernen. Sie erfreute sich an dem parkähnlichen Garten mit seinen vielen Pflanzen, den Baobab-Bäumen, die aussahen, als hätte sie der Herrgott falsch herum in den Boden eingepflanzt, und die verschiedenen Palmen. Was für eine Pracht! Ein Weg durch zwei anderthalb Meter hohe Hecken von Bougainvilleen führte zum Strand. In den Bäumen lauschte sie einem Konzert einer riesigen Vielfalt an farbenprächtigen Vögeln. Aus der Ferne vernahm sie die Trommelgesänge. Ihre Sinne waren berührt.

Gemächlichen Schrittes bewegte sie sich in Richtung Strand, der von einer anderthalb Meter breiten Promenade vom Hotelgelände, und für die Öffentlichkeit zugänglich, getrennt war. Hier boten senegalesische Frauen Obst und bunte Strandtücher zum Verkauf an.

Forschen Schrittes passierte ein Senegalese die Promenade. Sie hielt ihn an und fragte in englischer Sprache nach einem Bank-Institut. Er lächelte sie freundlich mit großen strahlenden Augen an. Sie versuchte es nochmals: „Bank, change money?“

Das hatte er verstanden. Er nahm sie an die Hand und führte sie die Promenade an einer Bucht mit vielen Hütten entlang, wo afrikanische Tücher, Schmuck und Holzschnitzereien an Touristen verkauft wurden. Nach einer halben Stunde kamen sie an ein Dorf, wo eine Bank, ein französischer Supermarkt und viele kleine Geschäfte waren, meist von Mauretaniern geführt. Ihre Kommunikation mit Gestik und Mimik und ein paar englischen und französischen Worten klappte immer besser.

Er machte ihr verständlich, dass sie ihr Geld in einer Wechselstube zu einem besseren Kurs tauschen könnte als in der Bank. Konnte sie ihm vertrauen? Sie hörte auf ihn, und er freute sich. Gemeinsam liefen sie wieder in Richtung Hotel zurück.

Das dauerte länger als eine halbe Stunde, denn sie wurde allen und jedem vorgestellt. So erfuhr sie, dass Adama im Senegal sowohl ein Mädchen- als auch ein Jungenname sei. Er hieß Adama. Sie wurden in den Hütten zum Mittagessen eingeladen. Junge Mädchen brachten den Männern, die dort arbeiteten, große in Tücher eingewickelte Plastikschalen, die von einer zweiten Plastikschale gedeckelt wurden. Sie war beeindruckt, wie diese Kinder so große befüllte Gefäße auf ihren Köpfen transportierten. Adama schaut sie fragend an, als sie von den Männern hörte: „Kaye ani!“

Das war Wolof und heißt „Komm, Mittagessen!“

Auf der Schale lag Reis mit Fisch und sie hatte doch eine Fischallergie. Außerdem könnte Néné mit seiner Warnung recht gehabt haben. Aber wie erklärt sie das? Adama rettete sie, und sie gingen weiter. Sie blickte noch einmal zurück, winkte und sah die Männer um ihr Essen auf dem Fußboden sitzen, die mit der rechten Hand kleine Kügelchen formten und in den Mund stopften.

Plötzlich hörte sie aus der Ferne den Muezzin zum Gebet rufen. Adama zeigte ihr, dass es 14 Uhr sei. Sie möge kurz warten. Freunde gaben ihm einen Gebetsteppich, den er gen Osten ausrichtete und betete. Hatte er überall Freunde?

Ihr Warten wurde mit einer Teezeremonie belohnt. Ein schätzungsweise 15-jähriger Junge befeuerte mit Palmwedeln Kohlen auf einer viereckigen Metallvorrichtung. Auf die Glut stellte er einen runden grünen Metallkessel von etwa 10 cm Durchmesser, den er mit grünem Tee befüllte und mit Wasser aufgoss. Während der Tee kochte, säuberte er drei kleine Gläser mit kaltem Wasser, füllte eines randvoll mit Zucker und kippte diesen in den Teekessel. Anschließend goss er den Tee mit einem stetig länger werdenden Strahl aus der Kanne in ein Glas. Diese Art des Umschüttens wiederholte er mehrfach durch Hochziehen des Glases von einem zum nächsten Glas. So entstand ein Teeschaum in den Gläsern. Hin und wieder goss er den Tee in die Kanne bis er ihn an die ersten drei Personen zum Trinken reichte. Da das Wasser lange gekocht hatte, hatte sie keine Bedenken, dieses gastfreundliche Angebot anzunehmen. Bei ihrer Arbeit als Bankerin hatte sie gelernt, dass es ohne Risiko keinen Gewinn gäbe. Ist die Kanne leer, bekommt derselbe Tee noch einen zweiten und später einen dritten Aufguss. Was für eine Zeremonie! Fantastisch! Wie fröhlich diese Menschen plauderten und lachten! Keiner störte sich daran, dass sie eine Fremde war, die weder französisch noch wolof sprach.

Ihren Abend ließ sie im Hotel bei Live-Musik ausklingen.

Gleich am nächsten Morgen zog es sie zu Adamas Arbeitsplatz. Wie könnte sie zu seiner Feier kommen? Er stellte ihr Aida vor. Sie arbeitete in der französischen Boutique gegenüber. Sie könnten gemeinsam ein Taxi nehmen. Ihr fiel gleich der warmherzige und anmutige Blick dieser schlanken Schönheit auf. Aida kam nicht alleine, um sie vorm Eingang des Hotels abzuholen. Maria staunte nicht schlecht, wie viele Menschen in dieses alte Auto passten, bei dem die Türen per Hand zugehalten werden mussten. An jeder Pfütze zog sie ihre Beine hoch, um nicht durch das verrostete Fußbodenloch nass zu werden. Es ging durch Sandpisten, wo oft die Reifen durchdrehten. Die Fröhlichkeit blieb.

Am Hofe der Feierlichkeit angekommen, wurde die Weiße vor allen anderen Wildfremden in ein Lehmhaus mit Vorhängen als Türen, eiserne zugeklappte Lamellen als Fenster und einem Wellblechdach zu Mutter und Sohn gebracht. Sie übergab Bonbons und Kekse für die Kinder als Gastgeschenk. Sofort legten sie den Säugling in ihre Arme. Es war beengt und die Luft stickig, als der neue Erdenbürger auf ihrem Arm sein Geschäft machte, was die Stoffwindeln nicht zu halten vermochten. Gleich waren etliche Frauen mit feuchten Tüchern zur Stelle, um sie zu reinigen. Ihr fiel auf, dass hier keiner peinlich berührt war oder hämisch grinste.

Wenn sie es richtig verstand, wollten die Frauen, dass sie den Jungen wickelt. Sie zog es vor, nichts zu verstehen. Froh war sie, als sie ihr draußen einen der hunderten von Plastikstühlen zum Sitzen anboten. Dort saß sie und saß sie und saß sie, nach Adama suchend, mit dem sie sich irgendwie zu verständigen wusste. Er war mit der Organisation beschäftigt. Aida vermittelte ihr, dass über 400 Personen kämen.

Die Ersten sah sie mit Kleinbussen kommen. Eine feiner gekleidet als die andere und die Männer in glänzenden langen Boubous. Die Frauen eilten mit riesigen Tellern voll Essen auf ihren Köpfen hinter zwei nebeneinanderliegende Häuser. Die Stühle waren schnell belegt. Neue wurden herbeigeholt. Für die Weiße interessierte sich keiner mehr. Um sie herum beeindruckende Fröhlichkeit, aber sie verstand niemanden und niemand sie.

Stunde um Stunde verging und sie saß auf diesem Stuhl wie angenagelt. Sie versuchte herauszubekommen, was weiter geschehen sollte. Essen am Mittag und abends nochmal. Das war's, soweit sie es verstand. Im Hintergrund erschallte Musik aus riesigen Boxen.

Da kam Adama zu ihr und bat um Entschuldigung, dass er keine Zeit für sie hätte. Nachmittags begönnen die Kinder zu tanzen, am Abend die ersten Frauen. Das wäre sicherlich interessant für sie. Sie hatte sich das anders vorgestellt, aber das müsste sie wohl oder übel so über sich ergehen lassen. Öde Langeweile kam in ihr auf. Da sah sie zigarettenrauchende Männer. Vier Jahre hatte sie nicht mehr geraucht. Dort fing sie wieder an. Sie musste sich an der Zigarette festhalten. Das Ein- und Ausatmen des Zigarettenrauchs war wenigstens etwas Beschäftigung.

Kaum, dass sie sich am Abend nach Aida umschaute, kam sie auf sie zu und begann mit ihr zu tanzen. Sie versuchte zur Freude der Gäste die Bewegungen von Aida nachzuahmen. In gleicher Weise, wie sich die Beine zum Rhythmus der Trommeln öffneten und schlossen, hob die linke Hand nur angedeutet das Oberteil des Zweiteilers an und der rechte Arm lud zum Mittanzen ein. Diesen Tanz nannten sie Mbalax. Unbeholfen gab sie ihr Bestes. Aber Spaß hatte sie. Ihre Stimmung stieg. Bewegung, das war es, was ihr fehlte. Die anderen Frauen kamen auf sie zu; redeten gackernd und quietschend auf sie ein. Irgendetwas wollten sie von ihr. Dann holten sie Adama. Er war sichtlich erfreut, dass sie sich so gut einbrachte. Was sie wollten, konnte er ihr erklären. Sie wollten, dass sie Frauen und Kinder unterrichtete. Aber wie? Sie konnten nicht einmal miteinander sprechen. Sie fragte nach Schulen. Ja, es gäbe eine Schule, auf der für weitere Schüler kein Platz mehr wäre. Als sie das hörte, war ihr klar, hier würde sie sich etwas überlegen. Sie hatten ihr Herz im Tanze erobert.

Bildung ist die Basis im Kampf gegen die Armut.

In den zwei Monaten, die sie wieder in Hamburg ist, findet sie nicht die Muße, sich mit den Problemen ihrer senegalesischen Familie, dem Wunsch nach Schulbildung, auseinanderzusetzen. Sie kämpft um ihr eigenes Überleben bei der Arbeit in der Three-Star-Bank AG. Ihre Schwindelanfälle bekommt sie langsam in den Griff und vergleicht die Probleme im Senegal mit ihren in Deutschland. Dort, wo sie im Senegal war, geht es stetig um Leben und Tod. Von EUR 37,50 im Monat kann Adama keine Krankenversicherung bezahlen. Die Weltbank legt die Armutsgrenze bei USD 1,90 pro Tag fest. Adama ernährt mit seinen EUR 1,25 pro Tag seine ganze Familie und feiert trotzdem seinem Sohn zu Ehren ein berauschendes Fest. Das ist möglich, weil alle Beteiligten sich unterstützen. Und was erlebt sie in Deutschland? Hausgemachte Probleme lassen sie krank werden! Ist ihr Schwindelgefühl ein Luxusproblem, eine Krankheit, die nur dort auftaucht, wo man sie sich leisten kann? Das will sie so nicht weiter zulassen.

Sie führt für sich bei der Arbeit die rechtmäßige Mittagspause ein, in der sie über ein Online-Portal Französisch lernt. Diese Sprachbarrieren möchte sie auf ihren zukünftigen Reisen in den Senegal nicht mehr haben.

Weil ihr Auto für eine Inspektion in der Werkstatt ist, ist sie heute mit Bus und Bahn unterwegs. Ein Buch von Ken Bugul, 'Die Nacht des Baobab' vertreibt ihr bei der langen Fahrt die Zeit.

Auf dem letzten Fahrtabschnitt im Bus nach Hause steigen zwei große, dunkelhäutige Männer ein. Ihr aufrechter Gang und die zur Hochfrisur zusammengesteckten Rastahaare ziehen ihren Blick an. Sie setzen sich schräg hinter sie und sind ganz mit sich beschäftigt. Keiner ahnt, dass das Schicksal es gut mit ihnen meint.

Dem Erscheinungsbild nach könnten es Senegalesen sein. Sie findet keine Ruhe mehr, in ihrem spannenden Buch weiterzulesen. Als einer der Herren den Bus verlässt, fasst sie allen Mut zusammen. Mit ihrem Gesicht nach vorne gerichtet sagt sie: „Naka sa dougou da?“

Diesen Wolofsatz hat sie im Senegal gelernt. So begrüßen sich die Jugendlichen. „Wie läuft's?“ Nach einer kurzen Weile vernimmt sie, dass auch er wiederholt: „Naka sa dougou da?“

Sie weiß zu antworten: „Mungi dalakh.“ „Bei mir geht’s gut.“ Bei dieser Kommunikation sah keiner den anderen an. Als er zum Busausgang schreitet, erschrickt sie, denn ihr wird schlagartig bewusst, dass sie eine Haltestelle zu weit gefahren ist. Er steigt aus und nach vielen anderen auch sie. Sie wundert sich. Er steht immer noch etwas schüchtern an der Bushaltestelle. Kurzentschlossen geht sie auf ihn zu, als alle anderen fort waren: „Ich fliege in vier Wochen in den Senegal.“

Er antwortet in fließendem Deutsch: „Ich bin aus dem Senegal. Können Sie etwas für meine Familie mitnehmen?“

„Ja, das mache ich.“ Dann hat diese komische Begegnung wenigsten einen Sinn. „Ich bin übrigens Maria.“

„Ich, Ousmane. Kann ich nächste Woche bei Ihnen vorbeikommen?“

Sie tauschen ihre Kontaktdaten aus und verabreden sich für Sonntag 15 Uhr.

Pünktlich auf die Minute klingelt es bei ihr. Sie ist ganz geblendet von seiner Schönheit. Er zieht seine Schuhe aus, um nichts zu beschmutzen. Sie bittet ihn in ihr Wohnzimmer und bietet ihm einen Platz auf ihrer Couch an, den er erst nach mehreren Aufforderungen annimmt.

„Möchtest du einen Tee oder Kaffee?“ fragt sie ihn.

„Hast du Ataya?“

„Nein, ich liebe Ataya, aber ich habe ihn nicht und weiß ihn auch nicht zu kochen. Ich habe ayurvedische Tees.“

„Dann trinke ich Leitungswasser. Hast du afrikanische Musik?“

Auch damit kann sie nicht dienen. Er holt eine CD von Youssou Ndour hervor, die sie gleich auflegt. Es geht ihr so gut wie lange nicht mehr. Er erzählt, wie er nach Deutschland gekommen ist und sie, was sie veranlasst hat, in den Senegal zu reisen. Für ihn ist der kreisende Finger, der sie in den Senegal führte, ein Zeichen Gottes. Er holt eine vollbepackte Bauchtasche hervor und zeigt ihr den Inhalt: zwei Handys, ein Walkman, eine Digitalkamera, Medikamente für die Mama, drei Paar Ohrringe, drei Fingerringe, eine Armbanduhr und EUR 300,- in bar. Das alles sollte sie für seine Familie mitnehmen.

Sie ist überrascht über sein Vertrauen zu ihr. Für ihn als Gabelstaplerfahrer im Hafen muss das doch ein Vermögen sein. Ein silberner Ring mit afrikanischer Maserung verschlägt ihr dann gänzlich die Sprache. Der ist ein Geschenk für sie. Sie erkennt schnell, dass sie dieses Geschenk nicht ablehnen kann, ohne ihn zu beleidigen.

Als er sich am Abend verabschiedet, lässt er ihr die CD da.

Nach ein paar Tagen ruft er sie an: „Kann ich dich noch vor deiner Reise besuchen? Ich habe ein Problem.“

Es ist Sonntag, als er ihr erzählt, dass sein Vater vor vier Jahren verstorben sei. Er hatte das Geld für die Familie verdient. Seitdem leben seine Mama, zwei Schwestern und drei Brüder in einem Reservat ihres Marabus. Marabus sind für sie wie Heilige; Pfarrer, Psychotherapeut und Medizinmann in einer Person. Es gibt keinen Senegalesen, der keinen Marabu hat, auf den er hört. Seine Weisheiten sind richtungweisend eines jeden Senegalesen. Ousmanes Familie lebt in einer Wellblechhütte ihres Marabus, der sie jeden Monat mit einem Sack Reis begünstigt. Als ältester Sohn ist er das Familienoberhaupt geworden und verantwortlich für das Wohl der ganzen Familie.

Diese Wellblechhütten hat sein Marabu an einen anderen Marabu verkauft. Jetzt droht seiner Familie die Obdachlosigkeit. Maria kann sich ihr Lachen nicht verkneifen: „Im Senegal, Obdachlosigkeit, wo jeder jedem hilft?“

Geknickt sitzt er vor ihr. Sie reicht ihm die Hand: „Was möchtest du? Wie kann ich dir helfen?“

Ein Leuchten kommt in seine Augen zurück: „Ich habe in Touba, wo ich herkomme, begonnen, ein Haus zu bauen. Die Wände stehen bereits. Es fehlt ein Dach, Türen, Fenster und der Innenausbau. Wenn ich ein Dach darauf bauen könnte, könnte meine Familie hineinziehen. Alles andere werde ich Schritt für Schritt später aufbauen.“

Maria unterbricht ihn: „Sind das diese Wellblechdächer? Was kostet das?“

„Ja, die kosten für das ganze Haus EUR 1.000,-.“

Hier mit Geld zu helfen, wäre ein Fass ohne Boden. Ihr ist klar, dass das keine sinnvolle Hilfe für den Senegal sein kann.

Ein Schulprojekt, das möchte sie angehen. Ousmane fragt nicht nach Geld. Er möchte, dass sie ihn ins senegalesische Konsulat an der Alster begleitet. Dort arbeitet Mamadou, der zusätzlich der Präsident des Vereins 'Senegal Hilfe' ist. Gemeinsam gehen sie am Montagabend dorthin. Mamadou zeigt ihr stolz die Räumlichkeiten im sechsten Stock mit Rundumblick über Hamburg und auf die Alster. Was Ousmane nicht weiß, Mamadou und Maria kennen sich bereits seit etwa zwanzig Jahren, als sie für den Hamburger Hilfsbedürftigenverein, einem Zusammenschluss von Hamburger Juristen, in einem Haftentlassenenwohnheim ehrenamtlich tätig war. Mamadou wurde dort oft als Dolmetscher gebraucht. Bei einem Kaffee sprechen sie über Ousmanes Problem und suchen nach Lösungen. Sollte es tatsächlich möglich sein, dass seiner Familie die Obdachlosigkeit droht? Sie kann es immer noch nicht glauben. Warum hilft Mamadou ihm nicht mit seinem Verein?

Dann kommt ihr eine Idee: „Wie wäre es, wenn ich dem Verein eine Spende von EUR 1.000,- gäbe und der Verein mir eine Spendenquittung darüber, dann könnte ich diese von der Steuer absetzen, so dass ich real nur EUR 500,- gegeben hätte. Der Verein baut das Dach auf deinem Haus und du, Ousmane zahlst mir die EUR 500,- in Raten zurück.“

Ousmane juchzt und ruft vor Freude aus: „Alhamdoulilah! Ja, du bekommst jeden Monat EUR 100,-!“

Leider teilt Mamadou die Freude nicht, denn sein Verein hat noch nicht seine Gemeinnützigkeit zertifiziert bekommen. So kann er keine Spendenquittung erteilen. Er rechnet in absehbarer Zeit damit. Sie möchte das näher beziffert haben, wozu er nicht in der Lage ist. Mamadou nutzt die Ablenkung, dass sein Handy unaufhörlich klingelt. Oft schenkt er dem keine Beachtung. Hin und wieder vertröstet er den Anrufer, dass er ihn zurückrufen würde. Schließlich sagt er den Beiden, dass er sich bei ihnen melden würde, sobald sein Verein die Gemeinnützigkeit erhalten habe.

Dieses Gespräch lässt Maria nicht los. Sie denkt lange darüber nach, ob sie Ousmane in dieser Weise helfen solle. Sie möchte mit Senegalesen gleichermaßen umgehen, wie sie es mit deutschen Freunden und Bekannten tut. Sie schaut nach, ob sie Mamadous Telefonnummer hat. Sie hat sie und ruft ihn an, und sie machen einen Termin bei ihr für den nächsten Tag.

Er kommt mit einer Stunde Verspätung. Zunächst sprechen sie über alte Zeiten. Zehn Jahre liegt es zurück, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Nach seiner Dolmetschertätigkeit hatte er eine Arbeit als Sozialarbeiter bei der evangelisch-lutherischen Kirche in Pinneberg angenommen. Sie ist überrascht, dass das als Muslim mit einem an der Universität Dakar abgeschlossenen Germanistikstudium möglich ist.

Er hat eine deutsche Frau geheiratet, mit der er eine elfjährige Tochter hat.

Sie erzählt, dass sie seit bald 15 Jahren in der Three-Star-Bank AG arbeitet und so eine Workaholikerin, wie sie es sei, keinen Platz für eine Familiengründung gefunden hatte. Froh sei sie, dass sie die drei Kinder ihrer Schwester wie ihre eigenen empfindet und ihnen sehr nahe steht, denn Kinder liebt sie von ganzem Herzen. Beide bestätigen sich ihre Freude darüber, dass sie nach so langer Zeit bei der Vertrautheit von damals wieder anknüpfen konnten. Ihr missfällt nur das ständige Geklingel seines Handys: „Willst du es nicht mal auf lautlos stellen, wenn du sowieso nicht darangehst?“

Er lacht und erklärt ihr die Wichtigkeit seiner Erreichbarkeit: „Du kannst dir gar nicht vorstellen, was es für heftige Probleme für manche Afrikaner in der Fremde gibt. Ousmanes Probleme sind vergleichsweise unbedeutend. Sie brauchen mich!“

„Ok“, erwidert sie, ohne ihn zu verstehen. „Wie wollen wir denn mit Ousmane umgehen?“

Er antwortet: „Gib ihm die EUR 1.000,- und ich gebe dir die Spendenquittung, sobald ich die Gemeinnützigkeit des Vereins habe.“

„Gut, ich mache das. Zu dir habe ich Vertrauen.“