Dorothea im Wandel - Dörte Stähler - E-Book

Dorothea im Wandel E-Book

Dörte Stähler

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Diese Familiensaga ist eine Zeitreise durch die Jahre 1948 bis 1976. Sie beginnt mit der Rückkehr des Vaters aus der russischen Kriegsgefangenschaft zu seiner geliebten auf dem Gutshof im Münsterland lebenden Frau. Es folgen viele Anekdoten mit ihren drei Kindern, die sie manchmal in die Verzweiflung treiben, aber dem Leser oft ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert. Schließlich beschäftigt sich die Tochter in einer Innenschau mit der Frage, wer hat wem etwas zu vergeben, und was hat das "Dritte Reich" noch dreißig Jahre später für eine Bedeutung. Folgender Teil einer Rezension zu meinem Buch "Der Schwindel", erschienen Dezember 2017, könnte auch zu diesem Buch passen: "….Ein sehr lesenswertes Buch einer starken Frau, die auf ihrem Weg viel Böses meistern muss und doch immer wieder zur Vergebung gelangt. Ein Buch, welches Mut macht…."

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 297

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dörte Stähler, geboren 1954, verbrachte nach einem Studium der Rechtswissenschaften ihr Berufsleben als Bankkauffrau in diversen Konzernen, die letzten zwanzig Jahre vor ihrer Rente bei der Mercedes-Benz Bank AG in Hamburg.

Ihre Freizeit füllt sie mit Projektarbeiten in Westafrika aus. Im Senegal sorgte sie für die Vergrößerung einer Schule von 200 auf 850 Kinder. Sie setzt sich für eine verbreitete Bildung dort ein und engagiert sich zum Schutz des Meeres. In Gambia unterstützte sie die Vizepräsidentin bei der Wasserversorgung und in Togo bekämpft sie die Armut mit Mikrofinanzierungen gemäß dem Friedensnobelpreisträger Prof. Dr. Muhammad Yunus.

2015 organisierte sie mit Freunden das afrikanische Filmfestival AugenBlicke in Hamburg.

Dezember 2017 erschien ihr erstes Buch „Der Schwindel“ beim NIBE-Verlag.

Dörte Stähler

Dorothea im Wandel

Nationalsozialismus - Schwarze Pädagogik - Aufarbeitung

© 2021 Dörte Stähler

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

Paperback:

978-3-347-26668-1

Hardcover:

978-3-347-26669-8

e-Book:

978-3-347-26670-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

1. Nachkriegsjahre

-Neubeckum/Münster

-Bad Gandersheim-

-Frankfurt a.M.-

2. Umzüge sind keine Urlaubsreisen

-HAMBURG-

-ESSEN-

-Buchenau-

-Bieberstein-

-Essen-

-Hohenwehrda-

-Essen-

-Spiekeroog-

-Hohenwehrda-

-Essen-

-Spiekeroog-

3. Dorotheas Geschichte

-Der Kreislauf-

-Innenschau-

1. Nachkriegsjahre

-Neubeckum/Münster

Wir schreiben das Jahr 1948. Der Krieg ist vorbei. Der Vater Erhard kommt aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück. Die Freude seiner Frau Margret und ihrer Eltern auf dem Gutshof in Neubeckum ist groß. Er hat gesagt: „Ich komme euch entgegen.“ Viele seiner Kameraden wären dazu körperlich nicht mehr in der Lage. Margrets Vater steigt in seinen Horch, um ihn abzuholen. Das 1,73 Meter große Männlein, das vor ihm steht, wiegt keine hundert Pfund. Wie hat er diese Gefangenschaft überlebt? Es war seine Disziplin. Das kleine Stück trockene Brot, das er morgens bekam, hatte er nicht gierig vom Hunger verschlungen. Er hatte jeden einzelnen Brosamen über den Tag hinweg genussvoll auf der Zunge zergehen lassen. Wenn die Wassersuppe mittags ein oder zwei Fettaugen hatte, machte er daraus für sich ein Fest.

Aber seine Gedanken blieben düster. Er erinnerte sich wie er sich versteckt hielt, wie er seine Fingernägel mit kleinen präparierten Zweigen säuberte, denn der Dreck dieses Landes sollte nicht in seine Ritzen dringen. Dieser Körper bedurfte fürsorglicher Pflege. Er war aber nicht dieser Körper; so, wie dieser Körper mit Namen Erhard Stahl, von Beruf Diplom Mathematiker. Galt diese Berufsbezeichnung noch? So, wie dieser Leib in diesem Lager eingeschlossen war, so war er selbst in diesem Körper eingeschlossen, in diesem Kopf, dem Knochengerüst, überzogen mit etwas Haut, gepolstert mit wenig Fett und schlappen Muskeln. Nichts fühlte sich mehr gut an. Er fühlte sich alleine, mit Leichengestank, kaum etwas zu essen und schlaflos. Er fürchtete seinen Verstand zu verlieren, so, wie alle den Verstand verloren hatten. Vielleicht würde er eines Tages nicht mehr in seinen Körper zurückfinden. Doch was würde es für einen Sinn geben, mitten im Wahnsinn, der um ihn herum ausgebrochen war, einen gesunden Verstand zu behalten? Vernunft ist abhängig von den jeweiligen Umständen. Er hatte Grausames mit ansehen müssen. Leblose Körper wurden zu den Toten auf die Pritschenwagen geworfen. Dort hat manch einer seine letzte Lebenskraft wiederentdeckt und versucht, sich von den unfreiwilligen Umarmungen der leblosen Körper zu befreien und den Todeswagen zu verlassen. Oft stürzten sie zu Boden, wo sie dann wirklich im Tode endeten. Er sah lachende Russen, die über diesen Slapstick des Todes hysterisch wirkten. Er sah Pritschenwagen, die keinen anderen Weg fanden, als über dürre Leichen zu rollen, die unter den Rädern knacksten wie brennendes Reisig.

Es sind die Gedanken, die die jedem eigene Wirklichkeit prägen. Die allgemeine Wirklichkeit ist für den Einzelnen nicht erkennbar. Er glaubte nur noch, was er sah und erlebte. Nie hätte er für möglich gehalten, zu welchen Grausamkeiten der Mensch in der Lage sein konnte. Da wurden feingeistige Philosophen und Friedensprediger zu Vergewaltigern und Folterern, im Glauben daran, so ihre eigene Haut retten zu können. Ihm wurde schlagartig klar, dass sein Verstand kurz davor war, Amok zu laufen.

Aber ist es wirklich so, dass für den Menschen nur das Realität ist, was er bereits kennt, was er schon einmal gehört, gelesen oder selbst erlebt hat, und was überdies in einem Bereich der Erinnerung abgespeichert ist, auf den er bewusst Zugriff hat? Ist es so, dass der Mensch, der mit neuen bislang unbekannten Informationen konfrontiert wird, die nicht in das bisherige Weltbild und nicht in seine Erfahrungshorizonte passen, dazu neigt, diese Informationen zunächst abzulegen? „So ein Unsinn! Das habe ich ja noch nie gehört!“ kommt die unreflektierte Antwort, als ob der Wahrheitsgehalt einer Sache davon abhängig wäre, dass er schon einmal gehört wurde. Da stellt sich die Frage, wie soll eine Entwicklung möglich sein, wenn der Mensch nur an seinen eigenen bisherigen Perspektiven festhält und alles Neue und andere ablehnt. Wie sollen damit Horizonte erweitert werden?

Über das Erlebte spricht er nicht. Auch auf dem Gutshof erzählt keiner vom Krieg. Alles in allem war der Hof ein beschaulicher Flecken; die geteerte Straße sauber und rein und von Platanen beschattet, sicherer als im Bomben geschwängerten Münster. Was die Menschen ernährte, weidete friedlich auf den umliegenden Feldern. Nun heißt es Ärmel aufkrempeln, zupacken, aufbauen. Das ist die Devise für eine bessere Zukunft. Die körperlichen Verletzungen verheilten rasch. Doch die Kerbe, die in seine Seele geschlagen hatte, schmerzte lange. Der Schlaf ließ auf sich warten. Er war zu aufgeregt. Seine Seele befand sich noch irgendwo über dem Kaukasus.

Emil, sein Freund und Margrets Bruder zieht los, um in Münster auf Holz gezogene Fotos zu verkaufen. Damit verdient er seinen Lebensunterhalt bis er dann endlich eine Anstellung als Redakteur der lokalen Zeitung bekommt. Ein abgeschlossenes Germanistikstudium hat er ja. Margrets Vater ist Landvermessungsingenieur. Genug aufzubauen gibt es jetzt im zerbombten Münster und Umgebung. Erhards Doktorarbeit der Mathematik ist zwischenzeitlich überholt. Jetzt eine neue Doktorarbeit angehen, das ist nicht der richtige Augenblick. Die Alte Leipziger Versicherungsgesellschaft braucht einen Diplom Mathematiker.

Margret war immer das Püppchen ihres Vaters. Er hat sie verwöhnt, wann immer er konnte. Ihre beiden älteren Brüder genossen eine sehr viel härtere Erziehung. Heinrich, der Älteste, zog nicht in den Krieg. Er hatte vorher bei einem Autounfall sein Leben gelassen. Margret trauerte Zeit ihres Lebens darunter.

-Bad Gandersheim-

Nun, da Erhard wieder zurückgekehrt ist, wechselt sie den Schoß vom Vater zum Gatten. Verliebt bis über beide Ohren sind sie und turteln bei jeder Gelegenheit miteinander herum. Was ihn beeindruckte, war nicht, dass sie die Schwester seines Freundes war, auch nicht die gute Familie, der sie entstammte. Es war das Gesicht, ihre hellbraunen Augen, darüber Brauen, die geschwungen waren wie zwei Bassschlüssel. Eine Familie wollen sie gründen. In Bad Gandersheim beziehen sie eine kleine, schnuckelige Wohnung. Nachwuchs kündigt sich an. Das Glück ist dem verliebten Paar nicht lange hold. Zwei Tage nach der Geburt, dieser plötzliche Kindstod. Die Trauer ist groß. Doch schon ein Jahr später kommt der gesunde Dieter zur Welt, ein Prachtexemplar. Dieser süße Junge lässt alle Trauer vergessen. Margret erkennt in ihm eine große Ähnlichkeit zu ihrem Bruder Heinrich und ist auch mit diesem Schicksalsschlag versöhnt. Es dreht sich alles um den kleinen Dieter.

Ob das Erhard immer gefällt? Er wünscht sich eine heile Familie, bei der Vater und Mutter immer einer Meinung sind. Der Sohn soll mit der gleichen Disziplin erzogen werden, wie er sie genossen hatte. Er, der nur von Frauen, seiner Mutter und deren acht Schwestern, großgezogen wurde. Sein Vater war seit seinem ersten Lebensjahr im ersten Weltkrieg vermisst gemeldet. Die Mutter blieb mit ihm allein. Materielle Einbußen, die er wegen der zwei Weltkriege erlebte, soll seine Familie nicht haben. Seine Kinder sollen die bestmögliche Erziehung und Bildung bekommen und in einem Kokon geschützt vor allen Problemen der Welt aufwachsen. Keiner will mehr an dieser schrecklichen Vergangenheit kratzen. Zum Schutze der Kinder? Wer soll hier wen schützen? Was verbirgt sich hinter dieser hoffnungsvollen Maske? Kann Zeit die Wunden heilen? Nun ja, einen Versuch ist es wert. Ein gesunder Neuaufbau soll stattfinden. So arbeitet er emsig und schafft das Geld heran. Margret ist für den Haushalt zuständig, aber bitte sparsam. Erhard hatte in der Kriegsgefangenschaft gelernt, dass Sparsamkeit das Leben verschönert. Ohne die sparsame Einteilung seiner Essenrationen hätte er nicht überlebt. Viele seiner Kriegskameraden hatten den Krieg überlebt, sind aber anschließend elendig krepiert, weil sie gierig vor Hunger zu viel Essen verschlungen haben. Erhard konnte das nicht passieren. Er machte alles mit Bedacht. Margret ist aber auf dem Gutshof selbst im Krieg noch Großzügigkeit gewohnt. Sie hatten immer Bedienstete. Ihr Vater konnte sich sogar leisten, den Juden Herz zu verstecken und mit durchzufüttern. Als es mal eng wurde, musste Purzel geschlachtet werden. Das war das Schwein, das immer so niedlich mit seinem Ringelschwänzchen wedelte, wenn die Mutter zum Füttern kam. Sein Fraß war mit einer Fünf-Sterne-Küche vergleichbar. Purzel bekam, was die Menschen nicht aufaßen. Aber essen mochte es keiner mehr als Purzel als Sonntagsbraten auf dem Tisch lag.

Sieht so Krieg aus?

Nein! Margrets Vater war in der Lage, selbst in den hässlichsten Zeiten, seine Wertigkeiten aufrechtzuerhalten. Menschlichkeit und Genuss waren sein oberstes Gebot. Ihm war es sogar gelungen, keiner weiß, wie, so schlimme Ereignisse wie Vergewaltigungen, die in naher Umgebung häufig vorkamen, von seiner Familie fernzuhalten. Er kehrte nichts untern Teppich, legte immer Wert darauf, die Dinge wahrzunehmen, die geschahen, aber ein großes Thema, das Menschen in Schockstarre fallen lässt, hat er nicht zugelassen. Er sorgte dafür, dass Grausamkeiten keine Angstgefühle auslösten. So glaubten die Kinder, wenn sie den tausend Meter langen Weg zum Gutshof liefen und die amerikanischen Flugzeuge hinter ihnen herschossen, tack, tack, tack…, dass diese Amerikaner nur mit ihnen spielen würden. Sie würden ihnen Angst einjagen wollen, was sie nicht schafften, denn die Kinder wussten ja vom Vater, dass die da oben sie ja nicht wirklich treffen wollten. In den Graben warfen sie sich dennoch jedes Mal. Vor einem Luftalarm brauchten sie sich auch nicht zu ängstigen. Sie hatten Lumpi, einen Terrier, der vor allen anderen spürte, wenn Luftalarm kam. Dann gingen sie alle in den geschützten Keller.

Jetzt sitzt Margret mit dem kleinen Dieter in der für sie winzigen Wohnung in Bad Gandersheim und fühlt sich einsam. Nur selten ist Erhard bei ihr. Er kennt nur noch Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit und…..

-Frankfurt a.M.-

Vier Jahre nach Dieters Geburt kommt Dorothea zur Welt. Ein Mädchen! Welch Freude! Erhard hat sich sehnlichst ein Mädchen gewünscht. Lange Zöpfe und ein rosarotes Dirndl hüpfen vor seinem inneren Auge herum. Sie ist sein Gottesgeschenk. So gab er ihr den entsprechenden Namen.

Dieter ist enttäuscht beim ersten Anblick seines so ersehnten Schwesterchens. Er hatte sich sehr auf sie gefreut. Aber so ein winziges, blau verschrumpeltes Etwas hatte er sich nicht vorgestellt. Da kann er ja gar nicht mit spielen. Ein hübsches Mädchen ist in ihr kurz nach der Geburt nicht zu erkennen. Sie hat einen Knubbel auf der Nase. Der Arzt hat ein rosa Schleifchen drumherumgebunden und der Mutter, als er sie zu ihr bringt, gesagt: „Schön ist sie nicht, aber apart.“

Erhard nennt sie eine kecke Biene, als sie größer ist. Zöpfe hat sie keine. Inzwischen lebt die Familie in einer stattlichen Drei-Zimmer-Wohnung direkt am Rothschildpark in Frankfurt am Main. Erhard hat Karriere gemacht. Ein Kindermädchen wird eingestellt, für die ein Zimmer unterm Dach-Juchee angemietet wird. Ein Opel Rekord wird sein erstes Auto. Das Familienglück scheint perfekt.

Dorothea wird immer niedlicher. Ihre hellblonden Locken und ihre sonnengebräunte Haut macht sie zu einer Attraktion in der ganzen Nachbarschaft. Mutter Margret stellt sie bei jeder Gelegenheit mit dem Kinderbettchen auf den Balkon. Von wem hat sie das nur, dass ihre Haut so dunkel wird? Viele sprechen Margret auf dieses süße „Mulattenkind“ an. Soll diese frühe Erfahrung ihr späteres Leben geprägt haben? Mulatte ist eine rassistische Bezeichnung für einen Menschen, dessen Vorfahren, insbesondere die Eltern, teils schwarze, teils weiße Hautfarbe hatten. Als Vorschulkind schockiert sie ihre Eltern, weil sie sich, wenn sie mal groß ist, einen schwarzen Mercedes, einen schwarzen Pudel und einen schwarzen Mann wünscht. Die Mutter lacht. Der Vater findet das gar nicht spaßig. Keiner ahnt, dass es sie im 46ten Lebensjahr tatsächlich nach Westafrika zieht, wo sie gegen Rassismus und Ungerechtigkeit kämpfen wird. Margret antwortet auf solche Komplimente nur, dass die Haare später dunkel werden. „Das war bei Dieter auch so. Da hat sich der Urgroßvater meines Mannes durchgesetzt.“ Sie amüsiert sich über solche Nachbarn. Eine Nachbarin würde dem später dunkelhaarigem Kind sogar die Haare blond färben. Dann kämen die strahlenden, hellen Augen bei dem dunklen Teint besser zur Geltung. Als Dame von einem Gutshof schickt es sich nicht, die Haare zu färben. Natürlichkeit ist gut angesehen. Wer sich schminkt ist primitiv und gehört nicht zu diesen Kreisen. Ein dezent aufgetragener Lippenstift ist erlaubt; natürlich nicht bei kleinen Mädchen. Das gilt nur für verheiratete Frauen. Make up schadet der Haut und somit auch der Gesundheit. Lange, angemalte Fingernägel tragen Sekretärinnen, ein Berufsstand unter ihrem Niveau. Dabei achtet sie sehr auf Äußerlichkeiten. Ihre Kleidung ist immer sportlich chic und aus feinstem Tuch.

Bereits vor der Geburt Dorotheas zeigt sich, dass Erhard und Margret in der Kindererziehung nicht an einem Strang ziehen. Er hört auf seinen Verstand mit allem Wenn und Aber. Kinder müssen diszipliniert werden. So muss Dieter bei den sonntäglichen Spaziergängen brav an der Hand des Vaters laufen, darf nicht eigene Wege gehen und ungefragt die Faszination der Natur ergründen. Gehorsamkeit ist ihm wichtig. Nur so kann aus dem Jungen etwas werden.

Aber was ist dieses Etwas? Ist es so, dass die Erwachsenen aufgrund ihrer Lebenserfahrung wissen, was für ihre Kinder gut ist, oder bringt nicht jedes Menschenkind mit seiner Geburt bereits ein großes Wissen und eine eigene Persönlichkeit mit auf die Welt, die es gilt mit neuen Erlebnissen zu erweitern und der Gemeinschaft aller und allem im ganzen Universum zu dienen? Solche Fragen stellt sich Erhard in dieser Zeit nicht. Bevor der Krieg begann, war er für diese Themen empfänglich. Da beschäftigte er sich intensiv mit den Philosophen Nietzsche, Schopenhauer, Kant, Heidecker und, und, und. Ihn interessierten auch sämtliche Religionen der Welt. Für ihn war die Mathematik mit ihren logischen Herleitungen und widersprüchlichen Beweisen, wie dass eins und eins nicht gleich zwei ist, die Basis für das Verständnis allen Seins. Aber jetzt, nach dem Krieg, liegt alles Vorherige in Trümmern unter Schutt und Asche.

Was zählt ist ein Neuanfang, ein Wiederaufbau. Mit der Währungsreform vom 21. Juni 1948 und dem demokratisch gewählten Bundeskanzler Ludwig Erhard beginnt das Wirtschaftswunder, ein unerwartet schneller und nachhaltiger Wirtschaftswachstum. Die Währungsreform beendet den bis dahin verbreiteten Tauschhandel und die Schwarzmarktwirtschaft über Nacht. Ebenso schnell füllen sich die Regale mit Waren, zunächst zur Deckung der Grundbedürfnisse. Für eine breite Investitionstätigkeit fehlt es den Unternehmen noch an ausreichendem Kapital. Dies soll sich bald ändern. Eine gute Gewinnentwicklung führt zu einer größeren Bereitschaft von Investitionen und damit zu erfolgreichen Betrieben. Der Traum vom guten Leben beginnt. Die Wirtschaft boomt. Arbeitskräfte aus dem Ausland werden angeworben. „Made in Germany“ wird zum Qualitätsmerkmal für Exportgüter. Die Deutschen leisten sich gutes Essen, Konsumgüter und Reisen. „Soziale Marktwirtschaft“ heißt die neue Wirtschaftsordnung. Wohlstand für alle soll diese Wirtschaftsform bringen. Jeder, der etwas leistet, soll sich auch etwas leisten können. Frauen, die am Ende des Krieges und in den ersten Jahren danach in vielen Bereichen der Wirtschaft arbeiteten, werden nach Hause geschickt. Die Männer sind aus dem Krieg zurück. Das Frauen- und Familienbild sieht eine Berufstätigkeit nur bis zur Eheschließung vor.

In dieser Leistungsgesellschaft ist für Erhard kein Platz mehr, sich mit unterschiedlichen Erziehungsmethoden auseinanderzusetzen. Die Erziehung wird Aufgabe seiner Frau Margret. Klar hat sie sich immer Kinder gewünscht und liebt sie von ganzem Herzen. Was sie sich aber nicht wünschte, war ein Leben, das sich ausschließlich um ihren Mann und ihre Kinder kreist. Sie hätte so gerne ein Studium in Modedesign absolviert. Das kann sie sich abschminken. Sie macht ihrem Gatten, der nach einem harten und langen Arbeitstag ruhebedürftig ist, Schnittchen; abgezählt, eines mit Schinken und eines mit Stinkekäse -den liebt er so-, die sie ihm in mundgerechten Stücken auf einem Tellerchen serviert. Ein gemeinsames Abendessen mit der Familie muss er sich abschminken, so spät wie er immer nach Hause kommt. Das hat sie durchgesetzt. Aber Butterbrote, die er am nächsten Tag mit ins Büro nimmt, schmiert sie ihm jeden Abend und verpackt sie sicher und haltbar immer wieder in dieselbe Kölln-Haferflockentüte, solange bis sie einer Zerreißprobe nicht mehr standhält.

Auf der Zerreißprobe steht auch ihre Liebe, als sie erkennt, dass ihr Sohn Dieter an Folgsamkeit nicht zu übertreffen ist. Er sollte doch nach ihrem Bruder Heinrich kommen, der herzhaft und tapfer war. Was für ein kleinliches, erbärmliches Leben in dieser winzigen Drei-Zimmer-Wohnung in Frankfurt! Von einem wirtschaftlichen Aufschwung spürt sie nichts. Von ihren Eltern in Münster war sie anderes gewohnt. Ihr kommt alles wie ein Abschwung vor. Da will sie raus. Aber wie? Es bedarf großer Fantasie, wie sie sich von ihrem spärlichen Haushaltsgeld noch etwas abknapsen könne, um dann davon eine Reise nach Münster bezahlbar zu machen. Sie hat es geschafft. Der Koffer ist gepackt, das Zugticket gekauft. So steht sie für alle unerwartet mit dem kleinen Dieter an der Hand vor der Haustür ihrer Eltern. Erhard kommt in eine leere Wohnung und wundert sich. Frau und Kind nicht da. Aber wo? Wo sind sie hin? Sie können doch nicht, ohne ihn zu fragen, das Haus verlassen. Jetzt, um diese Uhrzeit! Er macht sich Sorgen, führt Selbstgespräche: „Was ist passiert? Habe ich etwas falsch gemacht? Was tun? Zur Polizei gehen? Eine Vermisstenmeldung aufgeben? Nein, sollen die auch noch mitkriegen, was bei uns zuhause los ist?“ Er ist verzweifelt. Dann klingelt das Telefon.

Wie gut, dass Margret ihn zu diesem Telefon überredet hatte. Es ist die Marke W48 und nur bei der Deutschen Bundespost zu bekommen. Dieses schwarze Kabeltelefon mit dem großen Hörer und einer Wählscheibe konnte er nur gegen eine Gebühr zur Nutzung erwerben. Zu kaufen gab es das nicht.

Margrets Vater ist am Apparat und löst das Rätsel der verloren gegangenen Familie. Er bräuchte sich keine Sorgen zu machen. Er setze Beide, Mutter und Sohn, übermorgen in den Zug zurück nach Frankfurt. Eine freundliche Verabschiedung und das Gespräch ist beendet. Ein Telefon dient eben nur der Nachrichtenübermittlung. Aber „keine Sorgen machen“, was soll das heißen? Natürlich ist er aufgeregt und macht sich große Sorgen. Er liebt doch seine Margret und den kleinen Dieter.

In Münster fließen Tränen. Margret schluchzt: „Ich kann nicht bei ihm bleiben. Alle müssen gehorchen und immer nur sparen, sparen, sparen!“ Der Vater nimmt sie erst in den Arm und dann zur Brust: „Erhard ist ein guter und zuverlässiger Mann. Du bist mit ihm verheiratet. Seine Kindheit ohne Vater war schwierig. Lerne, mit ihm umzugehen. Trockene deine Tränen. Ich will nichts mehr darüber hören. Übermorgen bringe ich dich und Dieter zum Bahnhof. Basta!“ Damit ist das Problem gelöst. Der Herr hat gesprochen, die Tochter gelernt. Flüchten ist nicht die Lösung. Neue Wege gehen, das will sie.

Warum strebt ein Mensch nach Disziplin und Gehorsam? Disziplin ist eine Form der bewussten Selbstregulierung; Gehorsam, die Ordnungsregulierung innerhalb eines Befehlsprinzips. Disziplin sorgt für das Beherrschen des eigenen Willens, der eigenen Gefühle und Neigungen, um etwas zu erreichen. Erreicht wird diese Disziplin über die Erziehungs-methode des Gehorsams. Gehorsam, das strebt sie nicht an, aber mit der Selbstbeherrschung der Disziplin könnte sie des Gatten Macht unterlaufen. Sie hat schon eine Idee, dies umzusetzen. „Es ist sicherlich nur der Krieg, der ihn so gemacht hat“, beruhigt sie sich.

Zurück in Frankfurt entfacht die Liebe neu und bringt Dorothea hervor, die sich vom Gehorsamswunsch des Vaters nicht unterbuttern lässt. Sie erobert Erhards Herz und macht Dieter vor, wie sich ein Junge zu verhalten habe. Diese Rabaukin überfordert Margrets Kräfte. Kann dieses Mädchen sich nicht wie ein Mädchen verhalten? Kaum hat sie laufen gelernt, schwingt sie sich auf Dieters Schaukelpferd und schaukelt so wild, dass sie sich innerhalb eines halben Jahres zweimal das Schlüsselbein bricht; erst das Linke, dann das Rechte. Ihrem Bruder wäre das nie passiert, so vorsichtig, wie er mit allem umgeht. Weder ihr schönes Gitterbettchen aus massivem Holz noch ein Laufställchen können sie bändigen. Sportlich findet sie immer wieder eine Möglichkeit, ihnen zu entfleuchen. Wie oft hat sie eine Mittelohrentzündung. Dann raubt sie der Mutter ihren Schlaf. Nicht immer, denn da ist ja noch Erhard. Er leidet mit seinem Tochterherz mit, nimmt sie mitten in der Nacht aus ihrem Gitterbettchen, gönnt sich selbst keinen Schlaf. Stundenlang wiegt er sie durch die Wohnung spazierend auf seinem Arm. Mit Dieter hätte er das nicht gemacht. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, hätte er zum weinenden Sohn gesagt.

Um die Nerven seiner geliebten Frau nicht überzustrapazieren, entschließt er sich zu einer zweiwöchigen gemeinsamen Erholung zu Zweit. Dieter bringt er bei seiner Mutter in Münster unter, die sich sehr auf den Bub freut. Für Dorothea hat er ein luxuriöses Säuglingsheim im Taunus mit hervorragenden Referenzen ausgesucht. Zwei Wochen Urlaub, das wird allen gut tun. Geht diese Rechnung des Diplom Mathematikers auf? Nur bedingt. Die Säuglingsschwestern haben Dorothea hungern lassen, als sie aus Heimweh das Essen verweigerte. Ihr Motto war -das Kind wird schon essen, wenn es Hunger hat-. Was dann geschah, hielt keiner für möglich. War sie nach ihrer Geburt apart; jetzt ist sie apathisch. Keiner findet Zugang zu ihr, nicht die Säuglingsschwestern, nicht die Eltern und nicht der geliebte Bruder. Was für ein Schock! Jetzt aber schnell ins Kranken-haus! Der Chefarzt persönlich nimmt sich der Kleinen an. Der Retter in der Not lässt sie sofort künstlich mit einem Schlauch durch ihr kleines Stupsnäschen ernähren. So wird er zu ihrem besten Freund. Ihre sich sorgenden Eltern straft sie mit Ablehnung ab. Sie müssen die Gunst zu ihrem Herzen langsam zurückerobern. Was für eine harte Zeit, zumal die Krankenhausverordnung aus hygienischen Gründen keinem Besucher Zutritt zu den Patientenzimmern von Kindern gestattet. Täglich steht die ganze Familie zu den dürftigen Besuchszeiten mit ihren aufgerissenen, traurigen Augen am Fenster ihres Krankenzimmers, um ihrer Hoffnung auf eine gesunde und vereinte Familie Futter zu geben. Dieter sieht wie ein Koalabär aus, so, wie er sich am Fenster die Nase plattdrückt. Die Krankenschwestern versuchen ihnen Mut zuzureden: „Der Chefarzt kümmert sich rührend um ihre Tochter. Von ihm lässt sie sich sogar baden“. Erhard verunsichert diese Aussage. Er liest immer auch zwischen den Zeilen; interpretiert, wo es nichts zu interpretieren gibt. So fragt er nach: „Warum können Sie sie nicht baden?“ Die prompte Antwort: „Machen Sie sich keine Sorgen. Er kann sehr gut mit Kindern umgehen. Bei allen anderen, die sie baden möchten, ist das Geschrei groß. Ihre Tochter hat gut zugelegt und entwickelt sich prächtig.“ Nach drei Monaten ist das Vertrauen wieder hergestellt, das Mädchen gut genährt und die Familie endlich wieder zusammen. Dieter nimmt jede Gelegenheit wahr, um sein Schwesterchen zu umarmen und tüchtig zu herzen. Es folgt eine Zeit in Harmonie für die ganze Familie.

Überraschend kündigt sich Nachwuchs an. Dieter und Dorothea waren Wunschkinder. Sie hatte Erhard mit Verstand und Liebe geplant. Rembert erblickt das Licht der Welt ohne vorheriger Absprache. Bei dem Liebesakt, der zu seiner Geburt führte, hatte wohl das Herz den Verstand ausgeschaltet. Nur die Liebe zählt. Alle sind glücklich über dieses dünne Männeken mit Beinchen wie Streichhölzer und einem riesigen Kopf. „Ein Kopf voller Matheaufgaben“, wie Margret schmunzelnd bemerkt.

„Schade, dass meine Eltern ihn nicht mehr miterleben können.“ Der Großvater war kurz vor Dorotheas Geburt gestorben und Oma ein halbes Jahr später. Sie wurden gerade mal sechzig Jahre alt. Der Tod ereilte sie viel zu früh. Das lag wohl an dem genussreichen Lebenswandel. Sie hatten immer gut gespeist. Fleisch war ihr Gemüse. Einen guten Tropfen hatten sie trotz Altersdiabetes nicht stehengelassen. Noch bei Opas Tod hing der nicht mehr glimmende Zigarrenstummel aus seinem Mundwinkel, als er im eisigen Winter bei aufgerissenem Fenster in seinem dicken Ohrensessel aus feinstem Leder davor saß und nun nicht mehr nach Luft schnappte.

Die Trauer über den Tod der Beiden wurde mit der Beerdigung, gleich den versengten Särgen, mit einem großen Erdhaufen zugeschüttet. Dieter und Dorothea wurden von diesem Ereignis ferngehalten. Der Tod markiert den Endpunkt des Lebens. Er passt nur zu alten Menschen. Tod und Kindergarten? Nein, danke! Sie üben doch die Kinder ins Leben ein. Da hat der Tod keinen Platz! Das ist ihre subjektive Wahrnehmung. Dass der Tod ebenso zum Leben gehört wie das Leben zum Tod, wollen sie in dieser Zeit des Aufbaus nach dem verlorenen Krieg nicht wissen. Dabei können beide nicht ohne einander existieren. Sie sind voneinander abhängig wie das Wachsein und der Schlaf. Margret und Erhard sind sich einig. Gefühle lassen sie erst gar nicht entstehen. Gedanken daran werden aus dem Bewusstsein verbannt. Ihr Leben ist ausgefüllt mit dem Streben für eine bessere Zukunft. In den Gefühlen würde nur die schreckliche Vergangenheit und so sehr viel Tod nachschwingen.

Dorothea hat andere Flausen im Kopf. Ihr ist langweilig. Dieter ist im Kindergarten. Die Mutter packt Rembert in frische Windeln. Das nimmt Zeit in Anspruch. Solche Stoffwindeln müssen erst gefaltet werden. Sie reinigt den Popo sorgfältig, pudert und reibt ihn mit Penatencreme ein, bevor sie die Windel gewissenhaft drumherumwickelt, damit seine nächste Notdurft nicht herausdringt. Dorothea ruft der Mutter zu: „Ich gehe Nonno besuchen!“ Und schon ist die Korridortür zu. Nonno ist der Spielkamerad von Dieter. Er wohnt im Erdgeschoss desselben Hauses. Sie lugt noch kurz im Treppenhaus nach oben, aber so schnell ist die Mutter nicht, um ihr nachzuspähen. Also nix wie raus aus dem Haus und die Welt ergründen. Weit kommt sie nicht. Auf der verkehrsreichen Kreuzung der Bockenheimer Landstraße weiß sie nicht vor und zurück. Tränen fließen über das Gesicht der Zweieinhalbjährigen. Der Schutzmann im langen, weißen Mantel mit Schirmmütze und schwarz-weiß- gestreiftem Stab, der den Verkehr regelt, steigt von seinem Podest und fragt nach ihrer Mama. Seufzend bringt sie unter großen Kullertränen hervor: „Mutti ist zuhause.“ Er hakt nach: „Wo ist denn dein Zuhause?“ Noch bevor der Ver-kehr gänzlich zusammenbricht, kommt eine Dame aus der Nachbarschaft herbeigeeilt: „Ich kenne dieses Mädchen und bringe sie heim,“ nimmt sie an die Hand und fragt die Kleine: „Wie kommst du denn so alleine hier her?“ Die Tränen sind getrocknet. Die Antwort lautet: „Ich will Nonno in Amerika besuchen.“ Alle auf der Kreuzung lachen. Sie kennt sich aus. Wäre da nicht die Kreuzung mit den vielen großen Autos gewesen, hätte sie ihr Ziel erreicht. Sie marschierte schnurstracks in Richtung Amerikahaus. Erleichterung bei Margret, dass sie heil nach Hause gebracht wird. Aber nicht nur. Die Mutter ist zornig über ihren Alleingang. Nicht, dass sie mit ihr schimpft. Nein, sie schimpft in Dieters Richtung, der inzwischen aus dem Kindergarten zurückgekehrt ist: „Dorothea ist eine ganz Schlimme. Sie wird schon sehen, was sie davon hat. Ich sah noch ihren Rockzipfel, als sie durch die Haustür verschwand. Husch, weg war sie.“ Dann setzt sie sie mit einem Schwung der Empörung ins Laufställchen. Eigentlich ist das jetzt das Laufställchen von Rembert, der es sichtlich genießt, auf dem Arm der Mutter zu sein. Dieter rückt nicht von Dorotheas Seite, streckt seine Ärmchen durch die Gitterstäbe und streichelt tröstend ihre Wange. Das rührt das Mutterherz. Sie nimmt alle ihre drei Kinder auf den Schoß und wünscht sich von nun an brave Kinder. Sie geloben Besserung.

Brav sein, das fällt Dieter nicht schwer. Was Gehorsam heißt, hat er gelernt; nicht nur vom Vater, auch in der Schule. Ostern 1956 wurde der Sechs-Jährige eingeschult. Da war die Freude groß. Er bekam eine Schultüte. In dieser bunten Papptüte waren Süßigkeiten, die ihm sonst nicht vergönnt waren. Bonbons seien schädlich für Kinder. Milchzähne seien besonders anfällig für Karies, heißt es. Trotzdem gibt es, wenn auch selten, Tage, an denen der Vater sich großzügig erweist. Dann holt der Gönner eine Tafel Schokolade hervor. Jedem Familienmitglied überreicht er ein kleines Stückchen davon. Wer nach einem zweiten Stückchen fragt, wird getadelt. Er sei undankbar und gierig. Nur der Dankbare habe die Chance auf ein zweites Stückchen, aber erst am nächsten Tag. Erstaunte Gesichter blicken ihn an. Die Kinder wissen doch, dass sie ihren Vater nur sonntags zu sehen bekommen. Die übrigen Tage der Woche ist er bei der Arbeit. Sein Arbeitstag beginnt morgens um sechs Uhr. Da schlafen die Kinder noch. Wenn er abends nach Hause kommt, schlafen sie wieder. Wenn's draußen dunkel wird, gehen sie zu Bett. Sie müssten also mindestens eine ganze Woche warten. Dieter hat das verstanden und toleriert, aber Dorothea nörgelt dann immer und Rembert schaut aufmerksam zu.

Zur Einschulung bekommt Dieter einen Ranzen aus braunem Rindsleder. Der wird auf dem Rücken getragen und sorgt für gute Haltung. Ein aufrechter Gang mit stolz erhobenem Kopf ist nach dem verlorenen Krieg wichtig. Jungen tragen einen anderen Ranzen als Mädchen. Sie unterscheiden sich durch die Anordnung der Trageriemen. Dieter liebt seinen Ranzen. Er macht sich startklar für die Schule. Immer am Abend vor dem nächsten Schultag bestückt er ihn mit seiner Fibel -das ist das Schulbuch zum Lesen lernen-, seinem Griffel und seiner Schiefertafel. Aus dem Ranzen hängt ein kleiner Schwamm an einem Bindfaden heraus. Daran erkennt man den Erstklässler. Ab der zweiten Klasse verschwindet die Schiefertafel und das Schwämmchen. Dann wird Dieter in ein Heft schreiben müssen, in dem nichts mit einem Wisch weggewischt werden kann.

Die Mutter ruft: „Hast du dein Schulbrot eingesteckt?“ Für sie gehört das Schulbrot zu der wichtigsten Mahlzeit des Tages. Während so eines herausfordernden Schultages treibt es den Blutzuckerspiegel in die Höhe. Es befähigt das Gehirn ihres Jungen zu Spitzenleistungen. Er kann sich besser auf den Unterricht konzentrieren, den Lernstoff schwammgleich aufsaugen und vielleicht irgendwann, wenn er groß ist, Präsident der Bundesrepublik Deutschland werden.

„Ja, Mutti, ich habe alles dabei,“ wirft schwungvoll den Schulranzen auf den Rücken und läuft los. Die Mutter öffnet das Kinderzimmerfenster und winkt ihm mit den Worten hinterher „Pass gut auf in der Schule!“ Er winkt zurück. Hätte er ihr auch zurufen sollen „Pass gut auf“?

Sie kümmert sich um Rembert. Der Stinker benötigt dringend frische Windeln und das Fläschchen mit Säuglings-milchnahrung. Ihre Brust gab bei allen ihren Kindern keine Muttermilch frei. Jedesmal, wenn der Babymund sich ihr saugend nähert, zieht sich die Brustwarze zurück und verschließt sich. So muss sich auch Rembert mit dem Fläschchen begnügen.

Unerwartet und in einem gänzlich falschen Moment klingelt es an der Haustür; nicht einmal oder zweimal. Es klingelt Sturm. Da muss sie wohl doch die Tür öffnen, obwohl es ihre Zeit nicht erlaubt. Sie will doch Dorothea beim Zähneputzen kon-trollieren. Gefrühstückt hat sie auch noch nicht und muss gleich in den Kindergarten. Mit Rembert und Fläschchen auf dem Arm öffnet sie hastig die Wohnungstür. Kurzatmig mit hochrotem Kopf steht da die Nachbarin, drängt in die Wohnung. Ihr Dackel kommt schwanzwedelnd gleich hinterher. Margret steht wie versteinert im Flur und fragt: „Was ist denn los?“ Da ist die Nachbarin auch schon im Kinderzimmer. Sie war mit dem Hund im Rothschildpark gassi gehen. Als sie auf dem Heimweg ihren Kopf gen Himmel richtete, traf sie der Schlag. Oben im dritten Stock sitzt die kleine Dorothea im karierten Schlafanzug im sperrangelweit geöffnetem Fenster und lässt ihre Beinchen nach außen hin fröhlich baumeln. Die Erleichterung ist groß. Das Kind ist nicht herausgefallen; das Zimmer gut durchgelüftet.

Für Schimpfen bleibt keine Zeit. Die Aufsicht beim Zähneputzen fällt zu Dorotheas Freude auch aus. Sie lässt das Wasser rauschen, macht den Waschlappen nass, ebenso ein wenig das Handtuch, aber nicht ihr Gesicht, während sich die Nachbarin mit Hund strahlend verabschiedet.

Das rosa Kleidchen, das ihr die Mutter am Vorabend hingelegt hat, zieht sie sich über den Kopf und rennt fröhlich in die Küche. Dort wartet schon ihr Kinderteller mit Haferflocken und einer Prise dunklem Kakaopulver, das von der Mutter mit frischer Milch aus der Stahlblechkanne liebevoll zu einem Brei verrührt wurde. Diese Milch kommt direkt vom Bauern zum Milchmann in die Milchkanne. Inge, das Kindermädchen aus dem Zimmer im Dachjuchee tritt ihre Arbeit an. Sie zieht Dorothea Schühchen und ein Strickjäckchen, das die Mutter auf ihrer Knittax-Strickmaschine gestrickt hatte, an und hängt ihr den ledernen Brotbeutel mit einem sauber in Butterbrotpapier eingewickeltem Schinkenbrot über. Auf geht’s zum Kindergarten.

Zeit für Margret, schnell die Einkäufe zu erledigen und die Wohnung zu putzen. Eine Putzfrau hat sie nicht. Die machen ja mehr dreckig als sauber. Das Geld kann sie sparen.

Nachmittags geht Inge immer mit Dieter und Dorothea in den Rothschildpark. Da ist so ein schöner Spielplatz. So hat Margret etwas Zeit für sich, während Rembert im Kinderwagen die frische Luft auf dem Balkon genießt. Das Highlight auf dem Spielplatz ist das Karussell. Die Kinder drehen sich im Kreis auf einer schrägen Holzplatte stehend, finden ihren Halt an den Stangen, die vom Drehpunkt zum Karussellrand führen. Die größeren Jungs sorgen für Geschwindigkeit, in dem sie mit einem Fuß, wie beim Roller fahren, die Erde wegtreten. Dieter wartet geduldig darauf, dass die Geschwindigkeit nachlässt. So traut er sich nicht auf die Platte zu springen. Dorothea fackelt nicht lange, rennt herbei und schreit energisch: „Stopp!“ Das hat bei den spielenden Jungs gesessen. Prompt folgt der Stillstand. Beide steigen auf und die Fahrt beginnt. Das ist ein Kreisverkehr mit juchzenden Kindern. Allen voran heizt Dorothea die großen Jungs an. „Schneller. Macht schneller.“

Inge sitzt auf einer Bank. Hübsch, wie sie ist, bleibt sie nicht lange alleine. Ein attraktiver Jüngling umgarnt sie bis ihre Unterhaltung vom jähen Geschrei unterbrochen wird. Keiner weiß, wie es geschehen konnte. Dorothea ist in den am Spielplatz angrenzenden See gefallen. Zufällig hat das ein Spaziergänger mitbekommen, der in voller Montur hinterhersprang und ihr das Leben rettete. Damit ist auch die Ruhe für Margret vorbei. Inge konnte doch nicht die Kleine in der nassschlammigen Kleidung lassen. Sie mussten frühzeitig heim. Von da an hat Inge einen schweren Stand bei Margret, der schlagartig klar wurde, dass so hübsche junge Dinger nicht in der Lage sein können, Kinder zu betreuen. Die haben andere Flausen im Kopf. Sie vergleicht sie sogar mit der „Nitribitt“ und bekommt fast etwas Mitleid mit ihr.

Rosemarie Nitribitt war eine Prostituierte in Frankfurt, die 1957 im Alter von 24 Jahren ermordet wurde. Bei den polizeilichen Ermittlungen stellte sich heraus, dass sie Kontakt zu bedeutenden Persönlichkeiten hatte. Da der Mordfall nicht aufgeklärt werden konnte, wurde in den Medien der Eindruck erweckt, dass bestimmte Kreise aus Wirtschaft und Politik die Aufklärung zu verhindern wussten. So erlangt sie Berühmtheit. Ihr Leben inspirierte einen Roman, mehrere Spielfilme, das Musical „Das Mädchen Rosemarie“ und Theaterstücke. So wird die arme Inge wenigstens mit einer Persönlichkeit verglichen. Ihre Stelle verliert sie dennoch. Margret beschließt, kein neues Kindermädchen einzustellen.

Oder ist diese Sparmaßnahme auf Erhards Mist gewachsen? Vorwürfe, die bekam sie von ihm nicht zu knapp. Immer wieder betont er, sie müsse mehr Strenge in der Kindererziehung walten lassen. „Kannst du dich noch an deinen Rauhaardackel auf dem Gutshof erinnern? Jeder wusste, das kann nur Püppchens Hund sein, so verhätschelt und verwöhnt, wie er war. Den konnte ihr Vater nicht mit auf die Jagd nehmen. Er gehorchte nicht. Wenn du bei deinen Kindern alles durchgehen lässt, wie sollen sie ihre Grenzen kennenlernen und dich als Autorität ansehen?“ Eine Antwort gibt sie ihm nicht. Rechtfertigungen sind zwecklos. Sie weiß, wie sie ihn beschwichtigen kann und glücklich macht. Kein Kindermädchen. Geld sparen.

Aber ist da etwas Wahres dran, dass Dorothea diese ganzen Eskapaden macht, um Grenzen zu spüren? Welche Grenzen könnte sie fühlen wollen? Ihre Eigenen, die zwischen Leben und Tod? Ihr Schutzengelchen hatte in diesen ersten drei Jahren bereits viel zu tun. Oder testet sie die Grenzen der Mutter aus oder gar die Liebe des Vaters? Könnte ihre frühe Erfahrung im Säuglingsheim ursächlich für ihre Risikobereitschaft sein?