Der Sommer in dem Linda schwimmen lernte - Roy Jacobsen - E-Book

Der Sommer in dem Linda schwimmen lernte E-Book

Roy Jacobsen

4,5

Beschreibung

"Alles ändert sich im Leben des zehnjährigen Finn, als plötzlich seine kleine Halbschwester Linda mutterseelenallein vor der Tür steht – mit einem himmelblauen Koffer und jeder Menge emotionalem Sprengstoff … Es ist das Jahr 1961 – das Jahr, in dem John F. Kennedy Präsident wird, Gagarin in den Weltraum fliegt und der Bau der Berliner Mauer beginnt. Finn wächst in einer schmucklosen Vorstadt von Oslo auf, das Leben ist einfach und sozialdemokratisch. Er ist ein schmächtiger Junge, aber vielleicht der Klügste seiner Klasse. Wacker schlägt er sich mit seiner Mutter durch den Alltag, seit der Vater gestorben ist. Bis eines Tages die kleine Linda Einzug hält: Die Sechsjährige wirkt merkwürdig, pummelig ist sie, abwesend und schweigsam. Auch die Mutter, der einstige Fels in der Brandung, ist anders als sonst. Für Finn beginnt ein Sommer, den er nie vergessen wird … Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte ist ein Familienroman voller Wärme und Magie und eine ergreifende Geschichte über die große Macht des Kleinen." AUTORENPORTRÄT Roy Jacobsen, geboren 1954 in Oslo, ist einer der meistgelesenen Schriftsteller Norwegens. Mit Kurzgeschichten und zwölf Romanen hat er sich auch über die Grenzen Norwegens hinaus einen Namen gemacht. Sein Werk ist in seiner Heimat mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet worden.

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Roy Jacobsen

Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte

Roman

Aus dem Norwegischen vonGabriele Haefs

Saga

1

Es fing damit an, dass meine Mutter und ich renovieren wollten. Das heißt, ich strich den untersten Teil der Wand, weil ich ziemlich klein war, es war ganz schön anstrengend, und Mutter stand auf einem Küchenstuhl und konzentrierte sich auf das, was oben unter die Decke gehörte. In Echtzeit dauerte es Monate, die eine Wand fertigzukriegen. Aber eines Abends kam Frau Syversen herein und sah unser Werk, verschränkte die Arme über ihrem gewaltigen Busen und fragte:

»Willstes nich ma mit ner Tapete versuchen, Gerd?«

»Tapete?«

»Ja, komma mit rüber.«

Wir gingen hinüber zu Frau Syversen in die Wohnung gegenüber, ich war noch nie dort gewesen, obwohl wir seit Jahren auf demselben Gang wohnten und auch Anne-Berit dort wohnte, ein Mädchen in meinem Alter, das in die Parallelklasse ging, und ihre beiden kleinen Schwestern, sechs Jahre alte Zwillinge, von denen gern die Rede war, wenn Mutter an mir irgendetwas auszusetzen hatte.

»Sieh dir mal Reidun und Mona an«, hieß es dann. Oder sie verwies auf Anne-Berit, die es laut Frau Syversen witziger fand, im Haus zu sein, wo Bett und Essen sich befanden, als draußen auf der Straße, wo das Leben alle Möglichkeiten bot, mit seinem riesigen Vorrat an Verschalungsbrettern und Steinhaufen und Ziegeln, die zwischen den Wohnblocks herumlagen, oder auf den Wiesen mit Baumstümpfen und Baumstämmen und offenen Bächen und dickem Gestrüpp und unsichtbaren Lehmwegen, wo man aus Teerpappe und Pech und Bretterresten Feuer machen oder Hütten in zwei Etagen oder noch mehr bauen konnte, um die berühmte Schlachten ausgefochten wurden, von den Großen und Unbesiegbaren, Bauten, die einstürzten, wenn man sie scharf ansah, und die am Tag danach neu errichtet werden mussten, immer von anderen als denen, die sie zerstört hatten. Es sind nie dieselben, die bauen und die zerstören, und ich erwähne das, weil ich zu den Erbauern gehörte, obwohl ich klein war, und ich habe viele Tränen vergossen, wenn ich unsere Schlösser als Ruinen vorfand; es war die Rede von Repressalien und grausamer Rache, aber die Vandalen hatten nichts zu verlieren außer ihrer guten Laune und ihrem breiten Grinsen; schon hier war die übliche Arbeitsteilung zu ahnen, zwischen denen, die etwas zu verlieren haben, und denen, die das nie hatten und die auch nicht vorhaben, sich so etwas zuzulegen. Und diese Welt war nichts für Anne-Berit und ihre Schwestern, sie bauten nicht und sie rissen nicht ein, sie saßen rund um den Küchentisch und aßen zu Abend, rund um die Uhr, wie es mir schien, jetzt, wo Herr Syversen anwesend war; er thronte oben am Tisch, in Netzunterhemd und Hosenträgern, die über seinen beeindruckenden Bulldozeroberschenkeln hingen, während die Schenkel über den schmalen Stuhlsitz quollen.

An den Wohnzimmerwänden von Familie Syversen sahen wir zum ersten Mal die großgeblümte Tapete, die in den sechziger Jahren norwegische Arbeiterwohnungen in kleine tropische Dschungel verwandeln sollte, mit schmalen Bücherregalen zwischen den Lianen, aus Teak und mit feschen Messingbügeln, und einem braun-, beige- und weißgestreiften Ecksofa, beleuchtet von unsichtbaren Lampen, die wie funkelnde Himmelskörper unter den Regalen angebracht waren. Ich konnte die ein wenig kühle Ferne in Mutters Blick sehen, zuerst eine mädchenhafte Begeisterung, die drei, vier Sekunden vorhalten mochte, das wusste ich, ehe sie in natürliche Verzagtheit umschlug, die wiederum in eine realistische Grundhaltung münden würde: »Nein, WIR können uns das nicht leisten. WIR nicht.« Oder: »Das ist nichts für uns«, usw. Und es gab damals ganz schön viel, das »nichts für uns« war, für Mutter und mich, da sie nur halbtags in dem Schuhladen in Vaterland arbeitete, um zu Hause zu sein, wenn ich aus der Schule kam, und die es deshalb nicht schaffte, ihren Jungen in Ferien zu schicken, wie sie es nannte, wenn der Frühling näherrückte, als ob ich irgendwohin geschickt werden wollte, ich wollte zu Hause sein, bei Mutter, auch im Sommer. Viele aus der Wohnsiedlung waren im Sommer zu Hause, auch wenn es galt, so zu tun, als sei man das nicht, oder jedenfalls, als ob man gar nicht in Ferien fahren wollte. »Ist das denn nicht sehr kostspielig?«, fragte sie, ein Wort, das wir nur verwenden, wenn wir mit anderen zusammen sind, unter vier Augen sagen wir teuer und meinen das auch.

»Nicht doch«, sagte Frau Syversen, die schwedische Damenzeitschriften hielt, anders als Mutter, die nur norwegische las – und holte einen Stapel Damenzeitschriften aus einem Fach in dem tropischen Regenwald und schlug eine Reportage aus Malmö auf, während sie zugleich zu Herrn Syversen in die Küche rief, er solle kommen und die Quittungen hervorsuchen und sie Gerd zeigen.

Ich sah den großen Mann an, der zustimmend schmunzelte und der das Wohlwollen in Person war, als er zum Teakgerüst watschelte und eine Schublade hervorzog, in der wohl kaum für viel mehr als für eine Ansichtskarte Platz war, und ich merkte, wie der seltsame Geruch nach erwachsenem und hart arbeitendem Mann in meinen Nasenlöchern scheuerte, und ich dachte, wie immer, wenn ich diesen riesigen Menschen zu dicht am Leib hatte, in Treppenhäusern und Hobbykellern, dass es vielleicht doch nicht so schlimm sei, dass ich keinen Vater hatte, auch wenn Herr Syversen freundlich und harmlos war und immer eine nette Bemerkung über Dinge auf Lager hatte, die mich nicht interessierten. Mit anderen Worten war seine Frau in dieser Familie für die gelungene Erziehung zuständig, der drei Mädchen, die immer in der Küche saßen und mit großen stummen Bewegungen kauten, während sie verstohlene Blicke zu uns herüber warfen.

Das Interessante war, dass Mutter diese Quittungen nicht mit ihren üblichen Schlagwörtern abtun konnte, die Tapete war nämlich nicht sonderlich »kostspielig«, und sie war auch nicht in Schweden gekauft worden, sondern im Eisen- und Farbgeschäft im Årvollsenter, neben Sparkasse, Agda Manufaktur und Myklebust, wo wir unsere Lebensmittel besorgten, wenn wir aus irgendeinem Grund nicht zu Lien in den Travervei oder zu Omar Hansen in der Refstad allé gingen, und wo Mutter bis im vergangenen Jahr auch eine Gefriertruhe gemietet hatte, bis das zu teuer wurde, oder bis uns aufging, dass wir nicht wussten, was wir damit anfangen sollten; es war doch im Jahr der Berliner Mauer und Präsident Kennedys, vor allem war es wohl die Epoche von Juri Gagarin, dem Russen, der eine ganze Welt verblüffte, weil er vom sicheren Tod lebend nach Hause kam. Ansonsten war es auch zu jener Zeit, als ein Jaguar vom Typ Mark II 49300 norwegische Kronen kostete, eine Information, die ich hier nicht nur als Kuriosität aufnehme, sondern auch, weil ich diesen Preis und das Auto gesehen hatte, auf einer Autoausstellung in der Trabrennbahn von Bjerke, und weil ich beides nie mehr vergessen konnte, möglicherweise gefördert von dem Wissen, dass wir für unsere Wohnung 3200 Kronen als Depositum bezahlt hatten, und das bedeutete, dass der Jaguar so viel wert war wie sechzehn Wohnungen, wie ein ganzer Wohnblock mit anderen Worten. Und ein System, das ein Auto auf dieselbe Ebene stellt wie ein Zuhause für 76 quicklebendige Menschen jeden Alters, wie zum Beispiel im Dreier wohnten, das ist die Art von Wissen, von der man in der Kindheit getroffen wird wie von einem Güterzug und das man später nicht einfach loswird; denkt nur an all die Gerüche, jede Familie hat ihren Geruch, der sie von allen anderen unterscheidet, und an all die Gesichter und Stimmen, an den ungestimmten Chor der Wohnsiedlung, seht euch ihre Körper an, ihre Kleidung und ihre Bewegungen, wenn sie mit aufgekrempelten Hemdsärmeln beim Essen sitzen und sich streiten oder lachen oder jammern oder die Klappe halten und auf jeder Seite zweiunddreißigmal kauen. Was hat ein Jaguar gegen das alles zu bieten? Einen Revolver im Handschuhfach? Bestenfalls. Ich habe viel an dieses Auto gedacht, vermutlich zu viel, es war flaschengrün.

»Aber dann kommt ja noch der Kleister dazu«, sagte Frau Syversen, als ob sie sich plötzlich in den Kopf gesetzt hätte, dass alles zu einfach klänge.

»Nicht doch«, fiel Herr Syversen ihr ins Wort, er hieß Frank, wie sich nun herausstellte.

»Was sagst du da, Frank«, sagte nämlich Frau Syversen spitz und nahm ihm die Quittungen ab und musterte sie mit kritischem Blick durch ihre rußschwarze sechseckige Brille, die nicht so leicht zu finden war zwischen hellblauen Porzellanfiguren und ovalen Zinnaschenbechern in einem Regalfach nach dem anderen, wo meiner Ansicht nach Bücher hingehört hätten; hatten sie in dieser Familie denn keine Bücher? Aber Frank zuckte nur gleichgültig mit den Schultern und lächelte Mutter an und legte mir eine bleischwere Pranke auf den kurzgeschorenen Kopf und sagte:

»Na, Finn, bist du jetzt zu Hause der Chef?«

Eine Bemerkung, die wahrscheinlich von der Tatsache inspiriert war, dass ich grüne Farbe im Gesicht und an den Fingern und in den Haaren hatte und sicher so aussah, als ob ich Männerarbeit leistete, um unser beider Leben auf geradem Kurs zu halten.

»Ja, er ist so tüchtig«, sagte Mutter mit einem kleinen Knick in den Stimmbändern. »Ohne ihn würde ich doch nie zurechtkommen.«

Was ein Satz ist, der mir ziemlich gut gefällt, denn es gehörte damals nicht viel dazu, Mutter umzuwerfen, obwohl wir in einem Haus aus armiertem Beton mit Schwalbennestern auf dem Dachboden wohnten, mit Nachbarn, die in Ruhe auf ihrem Balkon saßen und Kaffee tranken, oder die den Kopf Stunde um Stunde unter die Motorhaube eines Autos steckten: Ich konnte besser lesen und schreiben als die meisten, und Mutters Gehalt kam, wie es sich gehörte, alle vierzehn Tage, ja, obwohl eigentlich hier niemals auch nur das Geringste passierte, war es doch so, als ob wir ununterbrochen von Gefahren umgeben wären, die wir nur mit viel Glück haarscharf umschiffen konnten, solange es gut geht, um meine Mutter zu zitieren, denn aus dem, was nicht passiert, können wir auch nichts lernen.

»Du weißt, ich bin nicht mehr so stark«, murmelte sie, wenn etwas anlag, und damit bezog sie sich – auch wenn ich nie fragte und sie nie eine Erklärung lieferte – auf ihre Scheidung, die sie wohl wie eine Lawine umgerissen hatte und die nur die Einleitung zur restlichen Serie kleiner Kapitel in einer Art ewigem Elend gewesen war. Denn wenn es auch die Zeit Juri Gagarins war, so war es einwandfrei nicht die Zeit der Scheidungen, es war die Zeit der Ehe, und nur ein Jahr nach der Scheidung war er auch fortgegangen, wie Mutter das nannte, bei einem Arbeitsunfall. Mein Vater, umgekommen bei einem Kranunglück in der Werft Akers Mek. Ich kann mich weder an ihn noch an die Scheidung oder das Unglück erinnern, aber Mutter erinnert sich für uns beide, auch wenn ich ihr also nie etwas Konkretes entlocken kann, zum Beispiel, wie er aussah oder was er in seiner Freizeit gern oder nicht gern getan hat, falls er überhaupt Freizeit hatte, woher er kam oder worüber sie in den glücklichen Jahren gesprochen haben, die sie vermutlich gehabt haben, während sie auf mich warteten; selbst ihre Fotos hält sie bedeckt, es ist, kurz gesagt, eine Zeit, unter die wir einen Schlussstrich gezogen haben.

Im Kielwasser der beiden Unglücke kam dann noch eins, das mit einer Witwenpension zu tun hatte; mein Vater hatte nämlich noch schnell heiraten können, ehe er vom Kran gefallen war, und er hatte noch ein Kind bekommen, ein Mädchen, wir wussten nicht einmal seinen Namen, aber jedenfalls saß irgendwo dort draußen noch eine Witwe und bekam das Geld, das Mutter und mir zugestanden hätte, und vergeudete es für Toto und Taxi und Dauerwellen.

»Ja, ich versteh ja nicht, wo sie geblieben sein können«, sagte Frau Syversen resigniert und schwenkte die Quittungen für die Tapeten ohne Kleister. Aber jetzt konnte Mutter die Sache immerhin beenden, mit ihrem schlichten: »Ja, ja, dann müssen wir an den Knöpfen abzählen.« Sie bedachte die drei Mädchen mit einem letzten Lächeln, und die starrten stumm zurück, mit heruntergeklapptem Kinn und drei riesigen Milchbärten: »Danke, dass wir das sehen durften, die sind wirklich wunderschön.«

2

Schon am nächsten Tag waren wir im Årvollsenter und sahen uns Tapeten an. Und das ist nicht wenig aufsehenerregend, denn Mutter ist nicht nur von Gefahren umgeben, sie braucht auch immer lange zum Überlegen: Die grüne Farbe, für die wir soeben unser Geld aus dem Fenster geworfen hatten, war zum Beispiel keinem spontanen Einfall entsprungen, sie war das Resultat mühsamer Gedankenarbeit, die seit dem vorigen Weihnachtsfest geleistet worden war; damals hatte uns ein älteres Ehepaar im Erdgeschoss zu Kaffee und Kuchen eingeladen, und alle Wände hatten eine andere Farbe gehabt als unsere, und es stellte sich heraus, dass sie selbst angestrichen hatten, mit einem Quast.

Ein andermal hatte sie mich bei einem Kumpel namens Essi abgeholt, und dort hatte der Vater die Tür zum kleinsten Schlafzimmer aus dem Wohnzimmer in die Diele versetzt, so dass Essis große Schwester, die sechzehn war, fast ihren eigenen Eingang hatte, von der Diele aus. Und jetzt schienen diese ganzen Beobachtungen, zusammen mit der Tatsache, dass der Laden, in dem wir uns befanden, von Zukunft, Möglichkeiten und Erneuerung geradezu überquoll, ja, zwischen den Farbeimern und den blauen Lagerkitteln in diesem Laden war ein Optimismus zu spüren, der Steine bewegen könnte, diese Beobachtungen allesamt schienen sich zu einer einzigen großen Schlussfolgerung zusammenzufügen: »Na gut«, sagte Mutter. »Dann müssen wir eben doch vermieten. Da führt kein Weg vorbei.«

Ich schaute verblüfft zu ihr hoch, wir hatten nämlich schon häufiger darüber gesprochen und waren, nach meiner Meinung, zu einer Art Vereinbarung gekommen, dass wir eben nicht vermieten würden, egal, wie knapp wir bei Kasse wären, denn dann würde ich doch mein Zimmer, das ich so sehr liebte, aufgeben und in ihres übersiedeln müssen.

»Ich kann im Wohnzimmer schlafen«, sagte sie, ehe ich den Mund aufmachen konnte.

An diesem Nachmittag wurden deshalb nicht nur Tapeten und Kleister gekauft, es wurde auch eine Annonce aufgegeben, in der sozialdemokratischen Tageszeitung Arbeiderbladet, Zimmer zu vermieten. Abermals wurde Kontakt zu dem gewaltigen Tiermann Frank aufgenommen, konnte nicht Frank, der im Alltag einen Bulldozer auf den neuen Baustellen in Groruddalen bediente, abends die Tür zu unserem kleinsten Schlafzimmer in die Diele versetzen, damit der Mieter oder die Mieterin nicht unser Privatleben durchqueren müsste, um aus und ein zu gehen, um nicht zu sagen, damit nicht eine wildfremde Person immer wieder durch unser frisch tapeziertes Wohnzimmer lief?

Mit anderen Worten stand uns eine spannende Zeit bevor.

Es stellte sich heraus, dass Frank kein großartiger Schreiner war. Er machte ein gewaltiges Wesen um die Arbeit, er arbeitete außerdem im Netzunterhemd, schnaufte und schwitzte heftig und nannte Mutter schon am ersten Abend Kleine.

»Was meinst du, Kleine, willste diesen Türrahmen behalten oder soll ichn neuen besorgen?«

»Kommt drauf an, was das kostet«, sagte Mutter.

»Für dich nicht viel, Kleine, ich hab Beziehungen.«

Zum Glück fand auch Mutter es nicht so toll, dauernd Kleine genannt zu werden. Und Frau Syversen schaute in regelmäßigen Abständen herein, um mitzuteilen, das Essen stehe auf dem Tisch oder die Müllabfuhr verspäte sich an diesem Tag. Ich muss zugeben, dass ich auch gut aufpasste, denn Mutter trug vor jedem Arbeitseinsatz Lippenstift auf und nahm die Lockenwickler aus den Haaren, ich hatte fast keine Zeit, auf der Straße draußen zu sein. Ab und zu schickte Frau Svyversen auch ihre älteste Tochter, Anne-Berit, und dann sahen wir dem riesigen Mann zu, der mit gewaltigen Türblättern und Furnierplatten herumfuchtelte und dessen schwarze Haare auf Schultern und Rücken wie überwinterte Grasbüschel durch die Löcher im ungewaschenen Netzhemd quollen, das eher aussah wie ein Fischnetz als wie ein Kleidungsstück, und der zwischen den Schlägen stöhnte: »Hammer! Nagel! Zollstock!« –, in scherzhaftem Ton, damit wir Handlanger sein könnten, es war eine Freude. Aber als die Tür endlich angebracht war und die andere Türöffnung abgedichtet, nach einer guten Woche, mit neuen Türrahmen und überhaupt, und als von Bezahlung die Rede war, wollte Frank keine. »Bist du verrückt?«, fragte Mutter.

»Aber vielleicht könntest du mir ein Schnäpschen anbieten, Kleine«, sagte er leise, als ob sie durch die gelungene Operation jetzt ein gemeinsames Geheimnis hätten. Es half nichts, dass Mutter mit offenem Portemonnaie und zwei, drei blauen Fünfern zwischen den frischlackierten Nägeln von einem Fuß auf den anderen trat, als gäbe es genug von der Sorte, man brauche nur zu fordern, Frank war und blieb ein Mann von Welt, es endete damit, dass er stattdessen zwei Glas Curação bekam.

»Für jeden Fuß eins.«

Aber damit waren wir ihn dann los und die Tapezierarbeit konnte ihren Anfang nehmen.

Das ging dann wirklich gut. Mutter abermals auf dem Küchenstuhl unter der Decke und ich unten am Boden. Die Wand, bei der wir zum Anstreichen eine ganze Woche gebraucht hatten, war im Laufe eines Abends tapeziert. Dann brauchten wir zwei Abende für die ganze Kleberei an der Balkontür und dem großen Wohnzimmerfenster, und einen letzten Abend für die Wand, hinter der mein Zimmer lag, das nun also vermietet werden sollte. Die Verwandlung war richtiggehend greifbar, sie war explosiv, ohrenbetäubend. Wir hatten uns zwar keinen Dschungel angeschafft, Mutter wollte etwas Diskreteres, aber wir hielten uns doch im selben botanischen Genre auf, mit wogenden Borten und Blumen, wie ein gelbbraunes Gebüsch im Herbst. Und als schon am nächsten Tag zwei Interessenten für das Zimmer kamen, war die Sache in Gang.

Oder auch nicht.

Mit den beiden, die sich das Zimmer ansahen, stimmte etwas nicht. Also kam ein Dritter, der fand, dass mit dem Zimmer etwas nicht stimmte. Und Mutter wurde von diesen Niederlagen ein wenig zurückgeworfen. War die Miete zu hoch? Oder zu niedrig? Früher hatte sie ab und zu auch darüber gesprochen, dass wir aus Årvoll wegziehen müssten, uns etwas Billigeres suchen, in der Gegend, wo sie früher gewohnt hatte, vielleicht, mit ihrem Mann, in Øvre Foss, wo man sich noch immer mit einem Zimmer und Küche zufriedengab. Aber in letzter Sekunde kam ein Brief in steiler Handschrift, von einer Ingrid Olaussen, die zweiunddreißig Jahre alt war und alleinstehend, schrieb sie, und die sich das Zimmer am nächsten Freitag gern ansehen würde, wenn das recht wäre.

»Ja, ja«, sagte Mutter.

Aber dann tat sie den drastischen Schritt, verschwunden zu sein, als ich am nächsten Tag zusammen mit Anne-Berit und Essi aus der Schule kam.

Das hatte ich noch nie erlebt.

Eine verschlossene Tür. Die nicht geöffnet wurde, als ich klingelte, wieder und wieder. Ich wurde total aus dem Konzept gebracht. Essi nahm mich mit zu sich nach Hause, wo seine Mutter, eine der wenigen Mütter, zu denen ich Vertrauen haben konnte, neben meiner eigenen, mich damit tröstete, dass Mutter sicher nur einkaufen gegangen sei, ich würde schon sehen, ich könne hier meine Aufgaben machen, zusammen mit Essi, der sicher ein wenig Hilfe bei der Mühe mit den Buchstaben brauchte, besonders gut im Rechnen sei er auch nicht.

»Du bist doch so tüchtig, Finn.«

Doch, ich kam gut zurecht. Das gehörte zu dem Vertrag zwischen Mutter und mir, dem zarten Gleichgewicht in einer Familie aus zwei Personen. Ich bekam Brote mit Cervelatwurst, die ich eigentlich sehr gern esse, konnte aber keinen Bissen hinunterbringen; es ist seltsam, wenn du erst eine Mutter hast, ist es nicht so leicht, wenn sie verschwindet. Ich saß neben Essi an seinem Schreibtisch und hielt einen Bleistift in der Hand und war ein Waisenkind und schrieb nicht einen Buchstaben. Das sah ihr so überhaupt nicht ähnlich. Jetzt war schon über eine Stunde vergangen. Es waren erst vierzehn Minuten. Erst als fast zwei Stunden vergangen waren, hörten wir draußen auf der Stichstraße einen Lärm, der sich als der Auspuff eines ausrangierten Lastwagens entpuppte, der versuchte, die Stichstraße vor dem Block im Rückwärtsgang zu bewältigen. Und dann sah ich auch Mutter, die in ihrem langen geblümten Schuhladenkleid aus dem Führerhaus sprang und zum Hauseingang lief. Auf den weinroten Autotüren stand »Storstein Möbel & Inventar«, in goldgeränderter Schönschrift. Ein riesiger Mann im Overall öffnete die Klappen, noch ein Mann sprang heraus, und gemeinsam enthüllten sie auf der Ladefläche ein Sofa, ein modernes Schlafsofa mit beigen, gelben und braunen Streifen, das Mutter also auf der fadendünnen Grundlage eines Briefes einer gewissen Ingrid Olaussen gekauft hatte, und zogen es von der Ladefläche und fingen an, es zur Haustür zu bugsieren.

Ich hatte schon den Ranzen auf dem Rücken und jagte die Treppen hinunter, über den Rasen und die Treppen hoch, hinter dem unhandlichen Möbelstück, das die beiden fluchenden Burschen nur mit Mühe und Not in den zweiten Stock und durch die Tür wuchten konnten, nachdem diese zum ersten Mal in meinem Leben eine Ewigkeit lang geschlossen gewesen war.

Drinnen stand Mutter mit resigniertem und angespanntem Gesicht, das auch nicht normaler wurde, als sie mich entdeckte, vermutlich wegen meines elenden Zustandes, und sofort fing sie an, sich zu entschuldigen – im Laden habe alles so lange gedauert. Aber in ihrem Trost lag keine Energie, und als sie ein Papier unterschrieben hatte und das neue Sofa an der Wand im Wohnzimmer stand, wo früher kein Möbelstück gewesen war, wo es im Grunde aber gut hinpasste, musste sie sich ein wenig hinlegen. Das musste ich auch. Ich legte mich neben sie und schnupperte an ihren Gerüchen und fühlte ihre Arme, als ich einschlief, Stiefmütterchen, Haarfestiger, Schuhladen und Siebenundvierzigelf. Ich wurde erst zwei Stunden später wieder wach, unter einer Decke, während Mutter in der Küche Abendessen machte, summend, wie immer.

An diesem Tag gab es kein richtiges Essen, es gab Speck und Spiegeleier, zu einer Art Abendbrot, was aber doch jedes normale Gericht ausstechen kann. Und beim Essen erklärte sie mir, dass es etwas namens Wohnkredit gebe, kurz gesagt bedeutete das, dass man nicht sparen musste, ehe man etwas kaufte, man konnte das noch nachher tun, was wiederum bedeutete, dass wir wohl auch nicht so lange warten müssten, bis wir uns auch ein Bücherregal anschaffen könnten, ganz zu schweigen von einem Exemplar des Fernsehapparates, der jetzt die Wohnungen in der Nachbarschaft eroberte, und ich würde nicht mehr zu Essi laufen müssen, wenn es etwas zu versäumen gab.

Das waren doch verlockende Aussichten. Aber sie hatte an diesem Abend doch etwas an sich, das mir Gedanken machte, als sei etwas in ihr zusammengebrochen und habe ihre Stille und ihre Sicherheit mitgenommen, und ich – der doch eben erst ein traumatisches Erlebnis gehabt hatte – schlief in dieser Nacht nicht so gut wie sonst.

Auch am nächsten Tag ging ich aus der Schule sofort nach Hause, und da war sie vorhanden. Mutter, die bereit war, Ingrid Olaussen zu empfangen, und die mich sofort mit etlichen Ermahnungen vorbereitete, als ob wir zu einem Examen müssten, ganz überflüssig natürlich, wenn ich etwas begriffen hatte, dann war das doch der Ernst der Lage.

»Stimmt was nicht?«, fragte ich.

»Wie meinst du das?«, fragte sie und schaute in den Spiegel, kam zurück und sagte sauer: »Du willst doch wohl nichts anstellen, oder?«

Ich wusste nicht einmal, worauf sie da anspielte. Und schon Sekunden später war sie wieder wie immer, schaute mich mitleidig an und sagte, sie könne ja verstehen, dass das hier nicht leicht für mich sei, aber es führe kein Weg daran vorbei, das sei mir doch klar?

Das war mir klar.

Wir waren einer Meinung.

Ingrid Olaussen kam eine halbe Stunde später als abgemacht, und es stellte sich heraus, dass sie im Frisiersalon im Lofthusvei arbeitete, so sah sie auch aus, wie eine Zwanzigjährige, obwohl sie also in Mutters Alter war. Sie hatte hochtoupierte rostrote Haare mit einem kleinen grauen Hut ganz oben, der war mit einer Reihe aus schwarzen Perltropfen dekoriert und sah aus, als ob er weinte. Außerdem rauchte sie Filterzigaretten, und nicht nur ihre Handschrift war krass, sie brachte es nämlich über sich, zu sagen, als sie einen Blick in das Zimmer geworfen hatte:

»Schlichter Standard, ja. Das hätte doch eigentlich in der Anzeige stehen müssen?«

Ich wusste nicht, was das bedeutete, aber Mutters Gesicht durchlief drei, vier vertraute Stadien, dann platzte es ihr heraus, das könne man leicht sagen, wenn man keine Ahnung vom Preis einer Zeitungsannonce habe.

Bei dieser Mitteilung zog Ingrid Olaussen nur lange an ihrer Zigarette und sah sich nach einem Aschenbecher um. Ihr wurde jedoch kein Aschenbecher angeboten. Mutter wollte die ganze Angelegenheit nämlich hinter sich bringen und sagte, wir hätten uns die Sache eigentlich anders überlegt und brauchten das Zimmer selbst.

»Tut mir leid, dass Sie sich umsonst herbemüht haben.«

Sie öffnete ihr sogar die Wohnungstür. Aber da sah Ingrid Olaussen plötzlich zutiefst unglücklich aus. Ihr gutfrisierter Kopf sank langsam, aber sicher auf ihre Brust und ihr langer unbeholfener Körper geriet ins Schwanken.

»Um Himmels willen, ist Ihnen nicht gut?«

Mutter nahm sie am Jackenärmel und zog sie ins Wohnzimmer, setzte sie auf das neue Sofa und fragte, ob sie ein Glas Wasser oder eine Tasse Kaffee wolle.

Dann passierte etwas, das noch unbegreiflicher war. Ingrid Olaussen wollte gern eine Tasse Kaffee, doch, doch, aber ehe Mutter mit dem Kessel loslegen konnte, fing sie an, ihre langen schlanken Finger ineinander zu verschränken, wie um ein Tauende zusammenzuspleißen, und redete rasch und abgehackt über ihre Arbeit, über anstrengende Kundinnen, die, wenn ich das richtig verstand, dauernd an ihr herummäkelten, und über den hochnäsigen Chef, aber auch über etwas, das Mutter sofort ganz anders werden ließ, und sie jagte mich ins Schlafzimmer, ehe ich Klarheit in die Sache bringen konnte.

Durch die Tür hörte ich Reden und intensives Gemurmel, und etwas, das wie Weinen klang. Nach einer Weile schienen sie sich aber in irgendeiner Hinsicht zu einigen, es klang sogar wie ein zaghaftes Lachen. Und als Mutter endlich die Tür öffnete, glaubte ich, sie seien nun zu Busenfreundinnen geworden. Aber stattdessen stellte es sich heraus, dass Ingrid Olaussen verschwunden war, und Mutter war nachdenklicher denn je, als sie sich ans Kochen machte.

»Wird sie nicht hier wohnen?«, fragte ich.

»Nein, das kann ich dir sagen«, sagte sie. »Die hat ja keine fünf Öre. Und nix im Griff. Und Ingrid Olaussen heißt sie auch nicht ...«

Ich wollte fragen, woher Mutter das alles wusste. Oder mich erkundigen, wieso eine Wildfremde ihr das alles anvertraut hatte? Aber im Laufe der halben Stunde, die ich im anderen Zimmer verbracht hatte, hatte mich ein seltsames Unbehagen überkommen, und die Antwort auf die beiden Fragen musste doch sein, dass Mutter sie von früher her kannte oder dass sie sich in ihr wiedererkannte. Und ich wollte nichts davon bestätigt haben, und deshalb konzentrierte ich mich auf das Essen, hatte aber trotzdem ein ziemlich klares Gefühl, dass es an Mutter Seiten gab, über die ich keinen Überblick hatte, nicht nur ihr plötzliches Ausbleiben am Vortag, für das es trotz allem eine Erklärung gab, ein Sofa, sondern die Tatsache, dass eine Wildfremde unser früher so ereignisloses, jetzt aber allzu renoviertes Zuhause betreten und auf dem frisch gekauften Sofa zusammenbrechen und alle Geheimnisse von sich geben durfte, um dann gleich vor die Tür gesetzt zu werden, ich sah mich nicht nur einem unlösbaren Rätsel gegenüber, sondern einem Rätsel, auf das ich vielleicht keine Antwort haben wollte.

Ich blieb sitzen und musterte sie verstohlen, die nervöse, sich vor der Dunkelheit fürchtende, normalerweise aber so stabile und immerwährende Mutter, der Fels auf Erden und der Elefant im Himmel, jetzt jedoch mit einem Gesicht, das nicht wiederzuerkennen war.

3

Nun wurde das Untermietprojekt glücklicherweise für einige Wochen stillgelegt, so, als fürchte meine Mutter, dass ein neues Mysterium vor der Tür stehen könnte. Aber wie gesagt hatten wir ja abgemacht, dass wir rückwärts sparen wollten, und deshalb führte kein Weg an einer neuen Anzeige in Arbeiderbladet vorbei, zu fünfzig Öre das Wort. Und noch immer war meine Mutter reizbar und unkonzentriert, ich bekam den falschen Belag auf meine Brote, sie hörte nicht zu, wenn ich etwas erzählte, und sie verhaspelte sich, wenn sie uns abends vorlesen wollte.

»Du kannst jetzt doch besser lesen als ich«, sagte sie zu ihrer Verteidigung, wenn ich sie darauf hinwies. Aber nicht deshalb hatte ich lesen gelernt, wir hatten eine Menge Bücher und wir würden sie alle lesen, Kinderbücher und Margit Söderholm und »Die Familie auf Jalna« und Kapitän Marryats »Sigismund Rüstig«, sowie das einzige von meinem Vater hinterlassene Buch, es hieß »Der unbekannte Soldat«, wir hatten es noch nicht gelesen, und laut meiner Mutter hatten wir auch nicht vor, es zu lesen, und alle Bücher waren in einem Karton im Schlafzimmer untergebracht, in Erwartung des Bücherregals, das wir vom Wohnkredit kaufen würden, wenn wir nur erst diesen verflixten Untermieter an Land gezogen hätten. Und als sie mir einmal nicht zuhörte, setzte ich mir plötzlich in den Kopf, ich sei ein anderer geworden. Es war kein klares und konkretes Gefühl, aber doch so eindringlich, dass ich fragte:

»Mit welchem von uns redest du jetzt, mit mir oder mit dem da drüben?«

Das kam gar nicht gut an.

»Wie meinst du das?«, fragte sie verärgert und hielt mir einen Vortrag darüber, dass ich ab und zu reichlich unverständlich sein könne, was sie schon mehrmals erwähnt habe, es hing vielleicht damit zusammen, dass ich ein Junge war und dass sie glaubte, der Umgang mit einer Tochter wäre leichter gewesen.

»Ich begreife nicht, was du da redest«, sagte ich sauer und ging in das Zimmer, das noch immer meins war, und legte mich aufs Bett, um allein zu lesen, in einer Jungen-Zeitschrift. Aber es war wie zumeist beim Protestlesen, ich konnte mich nicht konzentrieren, wurde nur noch wütender, als ich dort vollständig angezogen lag und mich fragte, wie lange ein kleiner Junge so liegen und darauf warten müsste, dass seine Mutter zur Besinnung kommen und ihm versichern würde, dass alles beim Alten sei, egal, ob Juri Gagarin uns alle in die Luft gehen ließ. Es dauert normalerweise nicht sehr lange, jedenfalls nicht hier in diesem Haus, aber jetzt geschah jedenfalls das Wunder, dass ich mitten in meiner Wut einschlief.

Erst am nächsten Morgen entdeckte ich, dass sie dort gewesen war, ich trug nämlich meinen Schlafanzug und lag unter der Decke. Ich stand auf, zog mich an und ging in die Küche. Wir frühstückten, wie immer, und lachten über irgendeinen Dussel im Radio, der Wörter benutzte wie Bariton und U Thant. Aber sie war doch noch immer aufreizend abwesend, und deshalb wurden wir nicht gänzlich versöhnt, so kam es mir vor, als die Tür gegenüber zuschlug und ich meine Knautschsamtjacke anzog und den Ranzen auf die Schulter nahm, um zusammen mit Anne-Berit zur Schule zu gehen.

Also war ich vielleicht doch ein anderer geworden?

Anne-Berit war jedenfalls dieselbe. Ich habe nie einen Menschen gekannt, der so weitgehend jede Möglichkeit nutzte, er selbst zu sein, hübsch, selbstsicher und phantasielos; bei ihr war keine Spur ihrer riesigen Eltern zu finden, niemals kam sie auf irgendeine ausgefallene Idee und sie lachte immer erst, wenn sie sicher war, dass es einen Grund zum Lachen gab, und den gab es in der Regel nicht. Aber das alles war an diesem Morgen eben in Ordnung, bis auf weiteres, denn während normalerweise ich derjenige bin, der etwas sagt, sagten wir jetzt beide nichts, und das Schweigen wurde nach und nach so drückend, dass sie fragte:

»Wassn los mit dir?«

Ich hatte noch immer keine besonders gute Antwort, wir konnten nur weiter über die grauen Lehmwege von Muselunden gehen, die laut Mutter und Frau Syversen viel weniger gefährlich waren als der Bürgersteig am Trondhjemsvei, auch wenn sich hier am Hang unterhalb der Straße die Stadtstreicher aufhielten, in kleinen schiefen Hütten, die in der schwarzen blattlosen Wildnis des Spätherbstes von allen Seiten her zu sehen waren und aussahen wie blutüberströmte Flugzeugunglücke. Hier hausten beängstigende Männer, die wir Gelb, Rot und Blau nannten, weil Gelb an einer Krankheit litt, die ihn gelb machte, Rot, weil er immer eine rote Visage hatte und Blau, weil er schwarz wie ein Zigeuner war, wie man sagte. Wir durften auf keinen Fall in ihre Hütten gehen, wenn sie riefen, denn dann würden sie uns in eine Mühle stecken und uns zu einer dünnen braunen Suppe zermahlen und uns zu Suppenwürfeln pressen, aber an diesem Tag war das kein Thema, sie waren nicht einmal zu sehen, und deshalb lieferten sie mir auch kein Gesprächsthema, und ich wäre gern auf irgendwen wütend gewesen.

»Meine Fresse, du bist ja öde«, sagte ich zu Anne-Berit, als wir den Schulhof betraten. Darauf antwortete sie nur:

»Kacke.«

Das war keine normale Aussage ihrerseits, auch wenn sie zu ihrem Temperament passte, und deshalb trennten wir uns im Unfrieden, sie ging zu ihrer Mädchenklasse und ich zu meiner gemischten Klasse, die eingerichtet worden war, um festzustellen, ob Jungen und Mädchen nebeneinander sitzen und zugleich etwas lernen könnten.

Es machte Spaß, in die gemischte Klasse zu gehen, auch wenn die hübschesten Mädchen in den reinen Mädchenklassen saßen, denn es ist ja oft so, je besser du andere kennenlernst, um so mehr Fehler haben sie. Aber hier konnte ich meinen Blick auf den schwarzen wallenden Haaren von Tanja ruhen lassen, die noch immer ein ziemliches Mysterium war, weil sie niemals etwas sagte und auf Fragen in einer Tonlage antwortete, bei der selbst Lehrerin Henriksen den Versuch aufgegeben hatte, sie lauter zu drehen. Aber sie drehte sich doch immer um, wenn ich etwas sagte, und bedachte mich dann mit einem kleinen Lächeln, das dafür sorgte, dass ich eigentlich nicht mehr zu leben brauchte; angeblich war sie Zigeunerin und wohnte in einem Zirkuswagen beim botanischen Garten in Tøyen, und das machte die Sache nicht einfacher, denn was ist verlockender als ein Volk, das mit der Gitarre um den ganzen Erdball zieht und stiehlt und Karussells laufen lässt?

Deshalb war es so gekommen, dass ich vor allem aufzeigte, damit Tanja sich umdrehte, und das versuchte ich auch an diesem Tag, zudem wollte ich das ganze Gewusel loswerden, das noch immer in meinem Kopf herumblubberte. Aber statt mit irgendeinem Witz zu brillieren, erkannte ich zu spät, dass ich dieses eine Mal meine Aufgaben nicht gemacht hatte, und ich brach in heftiges und unbegreifliches Weinen aus. Als das erst angefangen hatte, konnte ich es auch nicht in den Griff bekommen, ich hing wie ein Witz über meinem Tisch und heulte wie blöd, seltsamerweise bereits jetzt in dem vollen Bewusstsein, dass diese Sache mich teuer zu stehen kommen würde, und das machte die Sache ja auch nicht besser.

»Aber Finn, Lieber, was ist denn los?«

»Ich weiß nicht!«, schrie ich wahrheitsgemäß, und an sich war ich mit dieser Antwort ziemlich zufrieden, denn was, wenn mir die Wahrheit herausgeplatzt wäre: Mit meiner Mutter stimmt etwas nicht!

Die Lehrerin zog mich auf den Gang hinaus und konnte mich so weit beruhigen, dass ich verstand, was sie sagte; sie wollte mir einen Brief mit nach Hause geben und sich erkundigen, ob alles in Ordnung sei. Aber dagegen protestierte ich so energisch – mit einem neuen Tränenstrom –, dass sie abermals warten musste, bis ich mich einigermaßen beruhigt hatte, während ich an der Wand nach unten glitt und sitzen blieb und durch den menschenleeren Gang starrte, der mir vorkam wie das Echo in einem Krankenhaus, wo alle Kinder lautlos lachen und die Toten schon Flügel haben und Frau Henriksen, mit der ich normalerweise gut zurechtkam, plötzlich fragte:

»Hast du etwas gesehen?«

Ich fuhr zusammen.

»Was denn gesehen?«

»Nein, nein, ich meinte nur, ob du vielleicht ... etwas gesehen haben könntest.«

»Was denn gesehen?«, rief ich noch einmal, und der Abgrund unter mir klaffte noch weiter, denn nun war nicht nur meine Mutter anders und seltsam geworden, ich hatte es vielleicht auch gewusst, hätte es voraussehen können. »Ich hab keinen Scheiß gesehen!«, brüllte ich.

»Ganz ruhig, Finn«, sagte Frau Henriksen, nicht mehr so tröstlich, sondern eher überdrüssig, und ich saß da mit einigen plötzlichen Erinnerungen oder Wörtern im Kopf, Mutter und ich, die Wörter sammelten und darüber lachten oder sie leiden mochten oder sie dumm oder überflüssig fanden, Wörter, die so wirklich waren, dass man sie anfassen konnte, wie Beton und Auspuffgase, Piassava, Benzin, Leder, Jute ... Ich fiel in einen blauen Traum, in dem ich auf meinem neuen Rodelbrett fahren wollte, und ich weinte und quengelte, bis Mutter mich an der Hand nahm und mich mit wütendem Griff zu der Rodelbahn zog, die vom Trondhjemsvei den Hang hinunter führte; aber dort gab es keinen welligen klaren Fluss aus kaltem Glas mehr, sondern nur eine braune Lehmspur wie geronnenes Nasenblut in einem zerschlagenen Gesicht.

»Verstehst du jetzt?«, rief sie mit einer so schrillen Stimme, dass es meinen Ohren wehtat. »Der Winter ist vorbei! Jetzt ist Frühling!«

»Gehen wir wieder rein?«, fragte Frau Henriksen.

Ich schaute zu ihr auf.

»Ja«, sagte ich, stand auf und versuchte auszusehen, als ob wir in den vergangenen Minuten ein Abkommen getroffen hätten, als ob eigentlich rein gar nichts geschehen sei.

Aber die Nachricht meines Zusammenbruchs hatte natürlich den Schulhof erreicht und Anne-Berits Lächeln auf dem Nachhauseweg war nicht misszuverstehen. Jetzt waren Gelb und Blau aufgestanden – Rot ließ sich nicht sehen – und saßen vor ihren Hütten und tranken aus blanken Kannen und riefen, wir sollten zu Besuch kommen, damit Blau uns sein Eichhörnchen zeigen könnte, worauf Anne-Berit in ein seltsames Kichern ausbrach.

»Mörder!«, rief ich aus voller Kehle. Blau sprang auf und machte den Hitler-Gruß und brüllte etwas, das wir nicht hörten, denn wir liefen um unser Leben zur Jugendherberge hoch und kamen erst zur Ruhe, als wir am Tennisplatz vorüber waren, wo ich entdeckte, dass einige von meinen Kumpels ein Feuer machten, und ich fragte Anne-Berit, ob sie mitkommen wollte.

Sie blieb stehen und musterte mich forschend und erwähnte zuerst, dass ihre Mutter es nicht mochte, wenn ihre Kleider nach Rauch stanken, schon gar nicht nach dem von Teerpappe, dass ich schon genug Lehm an den Schuhen hätte und allerlei anderen Unfug, für ihre Verhältnisse ungewöhnlich redselig, deshalb glaubte ich, sie habe meinen Zusammenbruch schon vergessen.

Aber später am Abend hörte ich die Türklingel, und Frau Syversen kam herein und führte ein leises Gespräch mit meiner Mutter, die gleich danach herüberlief und mit übereinandergeschlagenen Armen in die neue Türöffnung trat und mich wie einen Fremden musterte, als ich abermals auf dem Bett lag und zu lesen versuchte.

»Was ist eigentlich in letzter Zeit mit dir los?«, fragte sie so gelassen, dass ich nicht einfach abwehren konnte. Aber ich konnte auch sonst nicht viel tun, deshalb blieb ich liegen und starrte in mein Comic-Heft, bis die Situation einem Stellungskrieg ähnelte – hatte ich vielleicht doch etwas gesehen?

Aber auch jetzt tat sie nicht das, was eine Mutter tun sollte, um einen verlorenen Sohn heimzuholen, sie schüttelte nur melancholisch ihre Locken und ging wieder in die Küche. Aber sie ließ die Tür offenstehen, die Tür zum Untermieterzimmer, die Frank eingebaut hatte, und die Wohnzimmertür, deshalb konnte ich hören, dass sie mit Spülen anfing, was meine Aufgabe war und meistens auch eine Pflicht, vor der ich mich nicht drücken konnte, während sie abtrocknete und wegräumte.

Ich warf die Zeitschrift zur Seite und ging in die Küche und schob sie vom Spülbecken weg, aber dieses eine Mal spritzte ich nicht und fuchtelte auch nicht mit der Spülbürste herum, mit dem Ergebnis, dass wir dort standen wie ein altes Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat, und Milchgläser und Teller und Gabeln spülten und abtrockneten, im Wettbewerb um die große Goldmedaille für das längste Schweigen, das jemals hier in dieser Wohnung geherrscht hat.

Aber ich hatte für diesen Tag genug geflennt, das merkte ich, deshalb hielt ich durch, bis ich merkte, verdammt, jetzt pruste ich gleich los. In diesem Moment schlug ich mit der Bürste in das verdreckte Wasser, so dass es ihr ins Gesicht spritzte. Sie fuhr zurück und heulte wütend auf, riss sich dann aber zusammen und blieb mit seltsamer düsterer Miene stehen, die eine Hand auf die Hüfte gestützt, die andere vor die Augen geschlagen, dann ließ sie sich auf den nächstbesten Küchenstuhl sinken und sagte mit apathischer Miene, während ihr das Seifenwasser aus den Haaren lief:

»Du hast eine Schwester.«

»Hä?«

»Eine Halbschwester.«

Dazu gab es nicht sehr viel zu sagen. Ich wusste doch von dieser Schwester, die irgendwo dort draußen in der Welt herumsaß und eine Waisenrente bezog, die uns zugestanden hätte. Aber dann ging es mir auf.

»Die Friseuse?«

»Ja.«

Ja. Die Friseuse. Ingrid Olaussen, die übrigens nicht Ingrid Olaussen hieß, war die Mutter dieses Mädchens, das Linda hieß und sechs Jahre alt war, und sie hatte unsere Anzeige in der Zeitung gesehen, weil wir so dumm gewesen waren, keine Chiffre zu nehmen, sondern unseren Namen, aber wer zum Henker denkt auch an sowas?

»Chiffre?«

Die nächste Auskunft kam nicht so rasch. Mutter musste sich zuerst abtrocknen. Das erledigte sie im Badezimmer, lange und sorgfältig, während ich auf dem Fußschemel stand, wozu ich eigentlich zu groß war, und die Spülbürste anstarrte, mit der ich im fahlen Seifenwasser langsame Kreise zog, bis mir schwindlig wurde und sie wieder aus dem Badezimmer kam und die Schminke entfernt hatte, die im Schuhladen nötig war und so aussah, wie sie am Wochenende immer aussah, wenn wir nur zu zweit waren, dann war sie auch am hübschesten.

»Aber sie kann sich nicht um sie kümmern«, sagte sie und verstummte. Und ich musste wieder auf meinem Piedestal stehen und grübeln und leiden und mit der Bürste wedeln, bis die Fortsetzung kam, denn ich brachte es noch immer nicht über mich zu fragen, und sie sprach so langsam und behutsam mit mir, wie man einem Säugling Medizin einflößt, sie erzählte, dass Ingrid Olaussen nicht nur Witwe war, sondern auch drogensüchtig, zum ersten Mal hörte ich dieses Wort, sie war Morphinistin, na gut.

»Und das erzähle ich nur, weil ich weiß, dass du groß genug bist, um es zu verstehen«, sagte Mutter. »Wenn du dir die Sache erst genauer überlegt hast.«

Aber:

»Soll die hier wohnen?!«

Endlich ging es mir auf. »Du hast es die ganze Zeit gewusst!«, rief ich plötzlich wütend. »Wir haben renoviert und einen eigenen Eingang machen lassen, weil sie hier wohnen sollen!«

»Nein, nein«, fiel sie mir ins Wort, erst jetzt auf eine Weise, die Vertrauen erweckte, wonach ich ein starkes Bedürfnis hatte. »Sie kann sich nicht um die Kleine kümmern. Ich habe mich erkundigt und ... sie kommt ins Waisenhaus, wenn nicht ...«

»Sie soll also hier wohnen?«

Mutter saß bewegungslos da, schien aber trotzdem zu nicken. »Wir kriegen keinen Untermieter«, fragte ich verzweifelt weiter.

»Das schon ...«

»Wir kriegen einen Untermieter und eine Schwester?«

»Ja.«

»Aber nicht die Friseuse?«

»Sie ist keine Friseuse, Finn! Nein, sie muss in Behandlung, ich weiß nicht ...«

»Dann soll sie nicht hier wohnen!«

»Nein!, sag ich doch. Und jetzt hörst du zu!«