Der soziale Mensch - Gesina Stärz - E-Book

Der soziale Mensch E-Book

Gesina Stärz

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Beschreibung

Was für Menschen mit Demenz gut ist, ist für alle Menschen gut. Und nicht nur das: Es ist für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit existenziell. Wir können viel aus dem Umgang mit Menschen mit Demenz über unser Menschsein erfahren. Und was wir lernen, kann sich auf alle Bereiche unseres Lebens auswirken. Die Autorin hielt sich im Sommer, zu einer Zeit, da die meisten Menschen in den Urlaub reisen, für einige Zeit im Demenzzentrum Sonnweid in Wetzikon bei Zürich auf, das als Best Practise-Beispiel gilt, und stellte fest: Sie fühlte sich unter all diesen Menschen mit Demenz sehr glücklich. Wie war das möglich? Was ist das Geheimnis von Sonnweid? Wenn Menschen dement werden, dann werden uns nahe stehende Menschen fremd. Die Brücken des Verstehens brechen ab. Wir sind irritiert, verzweifelt, traurig. Allerdings gibt es Möglichkeiten, mit denen wir Brücken des Verstehens zu den uns fremd gewordenen Menschen bauen können. Und das Erstaunliche: Empathische Kommunikationsweisen sind ein wesentliches Fundament für unser aller Erleben von Wohlbefinden, Freude, Glück und Gesundheit. In vielen gesellschaftlichen Bereichen, wie in der Wirtschaft, bei Organisations- und Teamentwicklung, der Bildung, bei Konflikten, in der Therapie und eben bei Menschen mit Demenz werden empathische Haltungen und Interaktionen gelehrt, trainiert, gelebt. Aber nirgendwo wie beim Umgang mit Menschen mit Demenz können wir so unmittelbar erfahren, wie die Qualität unserer sozialen Interaktionen unser Glück, unser Wohlbefinden, unsere Gesundheit ja unser Menschsein fundamental bestimmt. Gesina Stärz, Abstract zu „Der soziale Mensch. Was wir von Demenz über unser Menschsein erfahren.“

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Über die Autorin:

Gesina Stärz war als freie Redakteurin und Autorin unter anderem bei der Süddeutschen Zeitung und der Süddeutschen Mediengruppe tätig. Sie studierte Philosophie, Neue deutsche Literatur sowie Markt- und Werbepsychologie an der LMU München, ist Dipl.-Sozialpädagogin (FH) und systemische Beraterin. Bisher sind von ihr im Verlag edition 8, Zürich, folgenden Romane erschienen: „kalkweiss“ (2011), „Die Verfolgerin“ (2013), „leben, überwiegend glücklich“ (2014).

Inhalt

E

Annäherung an einen drittklassigen Aspekt des Menschseins, der erstklassig unser Leben bestimmt

Von Mensch zu Mensch: Die übersehene Bedeutung sozialer Interaktion

Vom Mensch zum Mitmensch: Dazwischen ist Beziehung

Die Haltung: Hier bin ich Person. Hier darf ich sein

Der Moment der Präsenz: Offen sein für mich und den anderen

Ich bin, weil du bist

Alles bezieht sich auf alles: Menschen, Licht und Kuchenduft

Gemeindrang eilt die Lücke zu verschließen“: Soziale Intelligenz und der Reichtum der Zukunft

Konsequenzen: Die Würde des Menschen ist tastbar

Habe den Mut, dich all deiner Fähigkeiten zu bedienen: Neue Aspekte für unser Bild vom Menschen

Der Stein der Weisen: Was für eine Ethik will die Gesellschaft

ANHANG

Literatur

Literaturempfehlungen

E

Annäherung an einen drittklassigen Aspekt des Menschseins, der erstklassig unser Leben bestimmt

Nach einem Zehnstunden-Arbeitstag in einem Pflegeheim für Menschen mit Multipler Sklerose auf dem Weg nach Hause höre ich im Auto einen Radiokrimi: Eine IT-Firma beschäftigt Autisten, die die Fähigkeit haben in Sekundenschnelle komplexe logische Problemanalysen vorzunehmen und Lösungen zu finden. Allerdings sind sie, wie der Protagonist des Hörspiels, der Zeuge eines Mordes wurde, nicht zur zwischenmenschlichen Kommunikation in der Lage und folglich nicht zu einer Zeugenaussage.

Ich bin in einem Bereich tätig, in dem die Art und Weise der zwischenmenschlichen Kommunikation in einem hohen Maße mit dazu beiträgt, ob ein Mensch sein Leben als lebenswert empfindet. Die Menschen, für die ich mit zuständig bin, befinden sich im fortgeschrittenen Stadium von Multipler Sklerose und können weder eine Haarsträhne aus dem Gesicht streifen, noch selbst essen, allein aufstehen oder sich im Bett herumdrehen, ans Telefon gehen oder mit der Fernbedienung ein Fernsehprogramm ihrer Wahl einstellen. Im Endstadium der Erkrankung können sie nicht schlucken oder sprechen. Menschen, die abhängige Menschen, wie kranke oder immobile alte Menschen, Menschen mit Demenz, Sterbende begleiten, versorgen und betreuen, müssen geschult sein in den hochdifferenzierten Spielarten zwischenmenschlicher Kommunikation oder sozialer Interaktion. Es genügt nicht die Techniken sozialer Interaktion zu beherrschen, sondern gelungene soziale Interaktion setzt voraus, sich in einen Menschen einzufühlen und gleichzeitig die eigenen Befindlichkeiten, die die Begegnung mit sich bringt, wahrzunehmen. Gelungene Interaktion setzt voraus, dass wir uns in einer Haltung der Wertschätzung begegnen, dass wir den anderen, so wie er ist, anerkennen. Für Menschen, die aufgrund von Krankheit, Alter, Demenz von uns abhängig sind, sind Wertschätzung und Respekt als Basis für gelungene soziale Interaktionen existenziell notwendig. Denn nur, wenn man einen Menschen in einer derart eingeschränkten Lebenssituation als gesamte Person sieht, in der Lage ist, seine Ängste zu erkennen, was ihn erfreut und was er wünscht und ihn darin assistiert, seine Bedürfnisse zu erfüllen, selbstbestimmt im gegebenen Rahmen leben zu können, nur dann kann der Mensch Momente des Wohlbefindens, des Glücks, der Freude, kurz sein Leben als lebenswert erleben.

Gerade versucht der Kommissar im Hörspiel den autistischen Protagonisten in die Enge zu treiben, ihn herauszufordern, um aus ihm Informationen, die zur Aufklärung des Mordes führen, zu erhalten. Der junge Mann beginnt seinen Kopf auf die Tischplatte zu schlagen und stößt dazu Laute aus. Der Kommissar steht unter Zeitdruck, will den Mörder zeitnah zum Mord fassen. Der Autist braucht Zeit, um sich in der Beziehung zum Kommissar sicher zu fühlen. Seine Betreuerin beruhigt ihn und erklärt ihm den Auftrag, den er am nächsten Tag zu bearbeiten hat: Die Entwicklung einer Sicherheitssoftware. Sieht so unsere Zukunft aus: Autistische Menschen werden Computerspezialisten. Menschen, die perfektionistisch die Technik eines Musikinstrumentes beherrschen, werden Ausnahmekünstler. Und Menschen, die spielerisch die Fertigkeiten sozialer Interaktion beherrschen, sind im sozialen Bereich tätig, kümmern sich um alte, demente, schwer beeinträchtigte Menschen?

Gelungene soziale Interaktion ist für alle Menschen Lebensgrundlage. Für jeden Menschen ist gelungene soziale Interaktion, die auf Einfühlungsvermögen basiert, aus einer Haltung der Wertschätzung geschieht, der Nährboden auf dem wir unsere Fähigkeiten entfalten, auf dem wir Glück, Wohlbefinden erleben können und als Personen wertgeschätzt und anerkannt fühlen. Soziale Interaktion ist die Basis für die persönliche Weiterentwicklung eines jeden Menschen und für die Weiterentwicklung einer Gemeinschaft. Soziale Interaktion, die Art und Weise wie sie geschieht, aus welcher Haltung heraus sie geschieht, kann dazu beitragen Konflikte mit friedlichen Mitteln zu lösen, stabilisiert nachweislich die Leistungsfähigkeit, die Kreativität eines Menschen, ist die Basis für Erfolge im Beruf und Wohlbefinden in der Partnerschaft, sie trägt sogar zur Verbesserung unserer Gesundheit bei, zur Stabilisierung unseres Immunsystems und verändert Vitalwerte wie Bluthochdruck.

Wir Menschen haben die Fähigkeit zum Einfühlungsvermögen. Damit können wir miteinander in Verbindung gehen und weit mehr von anderen Menschen erfassen, als ihre Art und Weise wie sie im Alltag funktionieren. Wir können ihr lebendiges Sein im Moment erfassen und sie unseres. Und wir können aus diesem tiefen Verständnis unseres Menschseins handeln. Die komplexen Fähigkeiten zur zwischenmenschlichen Kommunikation oder sozialen Interaktion sind eine existenzielle Grundlage unseres Menschseins. Sie sind es, die uns eine besondere ethische Verantwortung für uns und die Welt geben. Wir können uns dieser komplexen Fähigkeiten in einer für alle gelungen Weise nur bedienen, wenn wir uns dieser und deren Wirkungsweise bewusst werden. Was ist ein Pianist, der lediglich die Technik des Klavierspielens beherrscht und all die Nuancen, die unsere Seele zum Schwingen bringen, nicht anspricht. Was ist eine Pflegekraft, die perfekt eine Wunde versorgen kann, wenn sie den Menschen nicht sieht, was ist eine Bedienung in einem Lokal, wenn sie aufgesetzt freundlich Bestellungen entgegennimmt und nicht mit dem Herzen bei der Arbeit ist. Wir machen uns keine großen Gedanken darüber, spüren aber, dass die Welt etwas ärmer ist, dass etwas fehlt und wenn es um die Betreuung von unseren Angehörigen im Pflegeheim geht, entrüsten wir uns, wenn unserer Großmutter, die uns mit unserem Lieblingskuchen verwöhnt hat und bereits, wenn wir zur Tür hereinkamen ohne auch nur ein Wort zu sprechen, angesehen hat, ob uns etwas auf dem Herzen liegt, wie ein Stückgut vom Pflegepersonal vermessen wird und je nach Stand ihres Body-Maß-Index Schokolade essen darf oder nicht.

Angenommen es gäbe sie nicht, all die Fähigkeiten zur zwischenmenschlichen Kommunikation mit denen wir Menschen ausgestattet sind: den Blick in die Augen eines anderen Menschen, das Wahrnehmen der sorgenvollen, freudigen, erregten Stimme eines anderen oder das Eingehen auf ihn, das Hand auf die Schulter legen, wenn der andere die eigene Sorge, Erregung, Angst in der Stimme hört, abgesehen von dem, was wir uns einander mit Worten mitzuteilen haben. Angenommen, der Mensch würde nicht über die Fähigkeiten verfügen, die es ihm ermöglichen mit anderen Menschen sich zu verbinden, in Resonanz zu gehen, Freude und Gedanken, Erlebtes auszutauschen, Lösungen für Herausforderungen zu finden. Wie fühlte sich dann unser Leben an? Leer. Sinnlos. An vielen Tagen nicht mehr lebenswert sagen Menschen, die ich kenne, die aufgrund von Krankheit, die umfangreiche Einschränkungen und Behinderungen mit sich bringt, abhängig sind von anderen Menschen.

Was für Menschen mit Demenz, schwer kranken Menschen, Menschen mit Behinderungen existenziell ist und für eine gute Lebensqualität und Wohlbefinden sorgt – kurz ihnen gut tut, tut allen Menschen gut: nämlich eine für beide Seiten gelungene soziale Interaktion.

Wie muss soziale Interaktion gestaltet werden, damit sie der Ausgangspunkt für Wohlbefinden, Glück, Lebensfreude, die Entfaltung unserer Möglichkeiten als Menschen ist?

Inmitten von Europa, in einer kleinen Stadt in der Nähe von Zürich, in Wetzikon, befindet sich eine Oase in der respektvolle, wertschätzende soziale Interaktion gelebt wird. Man könnte sagen, in der bedingungslose Liebe gelebt wird, und zwar jenseits einer christlichen Konfession oder jenseits einer ideologischen Ausrichtung. Das Demenzentrum Sonnweid, das weltweit als Best Practise Beispiel gilt und von Michael Schmieder, der bis heute das Haus, mittlerweile gemeinsam mit seiner Frau Monika Schmieder, leitet, Ende der achtziger Jahre übernommen und zu dem was es heute ist, entwickelt wurde, ist Ausgangspunkt einer Reise in die Welt gelungener sozialer Interaktion. Hier können wir, bereits wenn wir das Haus betreten, erleben wie sich Menschen wandeln, wenn sie so angenommen werden wie sie sind. Menschen wollen wahrgenommen und in ihrem Sosein anerkannt werden, das ist die Basis jeder gelungenen sozialen Interaktion: die Quelle von Freude, Wohlbefinden, für die Entfaltung des eigenen Seins und für ein gelungenes Miteinander in allen Bereichen des Lebens. Wer diese Art des Miteinander selbst einmal erfahren hat, selbst mit dieser Haltung lebt, weiß, dass sich hinter der Ausdrucksweise „gelungene soziale Interaktion“ etwas verbirgt, das mit Liebe zu bezeichnen ist. Kommunikationswissenschaftler, Soziologen, Neurowissenschaftler, Epigenetiker und viele andere Wissenschaften beschäftigen sich mit den Auswirkungen gelungener sozialer Interaktion, erforschen emotionale und soziale Intelligenz, verorten die Schaltzentren in unserem Gehirn und erfassen die biochemischen Stoffwechselprozesse, die in unserem Körper sich vollziehen und wie sie unser Immunsystem stabilisieren oder destabilisieren, ja sogar Gene verändern. Die Ergebnisse sind erstaunlich. Von Menschen, die sich in existenziellen Grenzsituationen befinden, die also abhängig von ihren Mitmenschen und der Art und Weise wie sie mit ihnen umgehen sind, können wir viel über die Wirkungsweise sozialer Interaktion erfahren, insbesondere wenn wir Teil dieser Interaktion sind. Bereits der Psychogerontologe Tom Kitwood, der den person-zentrierten Ansatz entwickelte, auf den noch einzugehen ist, sagte: „Der Kontakt mit Demenz und anderen Formen schwerer kognitiver Beeinträchtigung kann und sollte (!) uns aus unseren üblichen Mustern der übertriebenen Geschäftigkeit, des Hyperkognitivismus und der Geschwätzigkeit herausführen in eine Seinsweise, in der Emotion und Gefühl viel mehr Raum gegeben wird. Demente Menschen, für die das Leben der Emotionen oft intensiv und ohne die üblichen Hemmungen verläuft, haben den Rest der Menschheit unter Umständen etwas Wichtiges zu lehren. Sie bitten uns sozusagen, den Riss im Erleben, den westliche Kultur hervorgerufen hat, zu heilen und laden uns ein, zu Aspekten unseres Seins zurückzukehren, die in evolutionärem Sinne viel älter sind, stärker mit dem Körper und seinen Funktionen im Einklang stehen und dem Leben aus dem Instinkt heraus näher sind.“ (2008:23). Dieses Essay ist ein Plädoyer für gelungene soziale Interaktion unter dem Vorzeichen der Liebe.

Ich danke Michael und Monika Schmieder, dem Team und den Bewohnern der Sonnweid sowie der Stiftung Sonnweid für die großartige Unterstützung.

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Von Mensch zu Mensch: Die übersehene Bedeutung sozialer Interaktion

Es ist ein heißer Augusttag. Temperaturen um die 33 Grad. Ich habe mir eine Woche frei genommen und fahre am Südufer des Bodensees entlang in Richtung Zürich. Ich fahre nicht auf ein Urlaubsziel zu, sondern in das Demenzzentrum Sonnweid in Wetzikon bei Zürich. Eine Woche unter alten Menschen mit Demenz in einem Heim bei Hochsommerwetter. Keine Wolke am Himmel. Während der Autofahrt sehe ich die Menschen leicht bekleidet mit bunten Badetaschen zum Ufer des Bodensees laufen. Segler gleiten träge über den See in flirrender Mittagsglut. Und ich? – verbringe eine Woche mit alten und dementen Menschen, weil ich glaube etwas Wesentliches über die Natur des Menschen zu erfahren.

Das Demenzzentrum liegt am südlichen Rand der Kleinstadt. Rechts der sonnendurchfluteten Straße befindet sich ein moderner Bau mit großflächigen umlaufenden Außenbalkonen in allen Stockwerken. Von der Terrasse im zweiten Stock grüßen zwei Menschen. Es sind Skulpturen aus Holz. Am Eingang prangt eine Steinplastik, ein überdimensionales Gehirn. Das Foyer ist ein riesiger Glaskubus, wie bei modernen Bürogebäuden und doch wirkt es anders. Die Einrichtung, die man durch die Glasfronten sieht, wirkt einladend. Da stehen zwei Ohrensessel mit einem Tisch in der Mitte, von oben flutet Licht durch die Oberfenster und ab und zu huscht ein Mensch vorbei. Wie hineinkommen in das Foyer? Ich tippe einen Zahlencode in das Kästchen neben dem Eingang und die Tür lässt sich öffnen. Sofort befindet sich ein Mann an meiner Seite, ein Herr, gepflegtes Äußeres, in einer grauen Hose und einem hellblauen Hemd aus dessen Brusttasche ein Seidentüchlein herausschaut. „Moment, lassen Sie die Tür offen. Ich muss in die Stadt.“ Er hat fast die Tür erreicht und es spricht nichts dagegen ihm die Tür aufzuhalten und ihn passieren zu lassen, bis auf etwas, das mich zögern lässt und was ich nicht zu erklären vermag. Ist er Bewohner und hat Demenz oder ist er Besucher, ein Angehöriger vielleicht? Die Tür fällt zu, bevor er sie erreichen kann. Ich entschuldige mich bei ihm und sage ihm, dass ich nicht weiß, wie sie sich wieder öffnen lässt. Ich sehe neben der Tür das gleiche Zahlenkästchen wie es draußen angebracht ist. Vermutlich ließe sie sich mit der gleichen Zahlenkombination öffnen. Der Herr sagt, dass er abgeholt werde und, ob ich ihm nicht bitte die Tür öffnen könne. Ich weiß nicht, was zu tun ist. Ich suche nach einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter. Vielleicht muss er tatsächlich dringend heraus. Schon kommt eine Frau in einem blauen Dress mir entgegen. Noch bevor ich etwas sagen kann, sagt sie „Grüezi“, schaut mir in die Augen, strahlt und lenkt sofort ihre Aufmerksamkeit dem Herren zu: „Herr Schlatter*, schön Sie zu sehen. Ist das nicht ein wunderbarer Nachmittag. Darf ich Ihren Arm nehmen? Ich begleite Sie ein Stück.“ Der Herr nickt, lächelt zögerlich und sagt, dass er hier raus wolle. Er müsse in die Stadt. „Oh, in die Stadt wollen Sie“, sagt die Mitarbeiterin, die ich Lian nenne, ihr tatsächlicher Name steht auf einem Namensschild, das an ihrem Dress befestigt ist. „Das geht aber jetzt nicht, Herr Schlatter, denn dann müsste ich Sie in die Stadt begleiten. Das kann ich aber nicht. Ich habe hier Dienst. Ich kann leider nicht weg.“ „Ich muss aber etwas Dringendes erledigen“, sagt Herr Schlatter. „Oh, das tut mir Leid. Aber kann ich Ihnen vielleicht helfen, Herr Schlatter. Was brauchen Sie denn? Vielleicht haben wir es da. Wir beide können im Garten etwas spazieren gehen. Wie wäre das?“ Lian steht nah bei Herrn Schlatter, schaut ihn an als lese sie jeden seiner Gesichtszüge, antwortet erst, nachdem sie nicht nur aufmerksam seine Worte wahrgenommen, sondern auch in seinem Gesicht gelesen hat. Herr Schlatter lächelt, tätschelt mit einer Hand ihren Unterarm und die beiden gehen in Richtung Garten.

Auf meinem Weg durch die großzügigen Gänge, in denen in größeren Abständen ein oder zwei Sessel stehen, es am Ende des Ganges eine Nische mit Panoramafenstern und einen Blick in den Garten, einem Kamin, der durch Glas gesichert ist, und Sitzmöbel gibt, begegnen mir viele ältere Menschen, die durch das Haus spazieren. Einige freundlich lächelnd, einige sich unsicher umschauend, etwas vor sich hinmurmelnd, einige vor sich hin sinnend. Alle sind gut gekleidet, eine ältere Dame in einem roten Sommerkleid zu dem sie eine Perlenkette trägt, ein Herr in einem hellblauen Hemd und einer Leinenhose. Und Pflegekräfte sowie Pflegehilfskräfte, erkennbar an verschiedenfarbigen Poloshirts. Wenn sie einem Bewohner begegnen, dann halten sie inne, schauen ihn an als lesen sie in Bruchteilen von Sekunden wie sein Befinden ist, sprechen ihn freundlich und ruhig mit Namen an, berühren ihn oder fragen, ob er oder sie nicht vielleicht mit den anderen, die auf der Terrasse an einem Tisch sitzen, einen Kaffee trinken, ein Wortratespiel spielen oder einfach nur bei ihnen sitzen möchte.

Ich setze mich in einen der Sessel im Stübli, beobachte die Szenerie. Immer mehr Menschen kommen, Familien, die ihre Angehörigen besuchen wollen, ein Bewohner, der ruhelos sich mal auf den einen, mal auf den anderen Platz setzt, eine Bewohnerin, die eifrig Teller stapelt, Bewohner die Kaffee trinken und Kuchen essen. Trotz der anschwellenden Betriebsamkeit im Stübli, bleibt die Atmosphäre ruhig. Ein heißer Augusttag, von der Terrasse blickt man auf ein gelbes Getreidefeld, am