Der Stab der Seherin - Ute Zembsch - E-Book

Der Stab der Seherin E-Book

Ute Zembsch

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Beschreibung

Frühjahr 772 – Die junge Seherin Helgard ist erschüttert über die Bilder in ihrer Vision: Ein gewaltiges Frankenheer, angeführt von König Karl, zieht gegen das Reich der Sachsen. Ausgerechnet jetzt will ihre Meisterin prüfen, ob Helgard zur Wala taugt, und vertraut ihr den Stab einer Vorgängerin an. Warum dieser nicht – wie üblich – mit der einstigen Seherin begraben wurde, verschweigt die Ältere. Helgard soll als Probe ihrer Fähigkeiten ihren Stamm der Westfalen durch Weissagung, Rat und Rituale leiten. Gewarnt durch Helgards Vision, bereiten sich die Menschen in der Syburg auf den Angriff vor. Und tatsächlich nähert sich bald der scheinbar übermächtige Feind, gleich der riesigen Midgardschlange. Kann der geweihte Stab sie retten? Ute Zembsch, Autorin der erfolgreichen »Henkersweib-Reihe«, hat hier mit »Der Stab der Seherin« weiteres spannendes Abenteuer geschaffen – ein Buch, das man einfach nicht mehr aus der Hand legen kann!

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Seitenzahl: 439

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Der Stab der Seherin

 

Historischer Roman

von Ute Zembsch

Vollständige E-Book-Ausgabe der Druckausgabe

 

 

ISBN 978-3-910789-03-6

ISBN 978-3-910789-02-9 (Print Ausgabe)

 

© Burgenwelt Verlag | Jana Hoffhenke

Hastedter Heerstraße 103 | 28207 Bremen

Alle Rechte vorbehalten

 

Lektorat: Christine Jurasek

Umschlaggestaltung | Coverillustration: Detlef Klewer

Satz | Gestaltung: Eridanus IT-Dienstleistungen

 

Kapitel 1

 

Sie kommen zahlreich … bringen Zerstörung, Schmerz …«

Helgard sprach mit der fremden Stimme ihres Schutzgeistes in Gestalt einer Kriegerin. Die letzten Schreckensbilder drangen auf sie ein, sie schwankte, atmete schwer. Genug! Bitte, Schützerin, beende die Verschmelzung. Es zog sie nach hinten, während ihre geistige Verbündete sich löste. Helgard reiste durch die Anderswelt auf dem gleichen Weg zurück, den sie hineingenommen hatte. Wie immer brauchte sie einen Augenblick, um nach der Seelenreise ihren Leib und das Umfeld bewusst wahrzunehmen. Sie öffnete die Augen. Auf der anderen Seite der Feuerschale, die das Zentrum der Hütte bildete, harrte ihre alte Meisterin geduldig aus. Helgard trank einen Schluck Wasser und schilderte ihre Erlebnisse.

»Mögen die Götter uns beistehen«, schloss sie.

Was meinte Nortrun dazu? Bestimmt erkannte die alte Wala, dass es nicht so schlimm war, und würde sie gleich beruhigen. Doch stattdessen nickte ihre Meisterin traurig.

»Du hast das Gleiche gesehen, was die Runen mir heute früh raunten. Es ist sehr ernst.« Nortrun erhob sich von ihrem Platz und ging ein paar Schritte hin und her. »Wenn dir die Geister solche Visionen senden, bist du bereit für deine letzte Prüfung.«

»Wirklich?« Helgard schluckte und krampfte ihre Hände in den grünen Stoff ihres Kleids.

»Ja. Du warst lange genug bei mir und hast in den letzten Jahren gelernt, mit Hilfe der Geister zu wirken. Irgendwann musst du dich beweisen.«

»Aber als Wala trage ich eine furchtbar große Verantwortung. Was ist, wenn ich etwas Falsches sage? Falschen Rat gebe?«

Nortrun legte ihre Hände auf Helgards Schultern. »Diese Frage gibt dir bereits die Antwort. Du bist dir bewusst, welche Macht du hast, und setzt sie bereits gewissenhaft ein, so wie bei deinen Vorhersagen. Sogar die störrische Krankheit, die die Bäuerin im Nachbardorf plagte, konntest du vertreiben.«

»Aber ich fühle mich noch nicht so weit, mehr als eine Seherin zu sein.« Würde sie das je, bei dem schlechten Gewissen, welches sie eine Betrügerin nannte?

»Du bist bereiter, als du glaubst.« Abrupt wandte Nortrun sich ihrer Truhe zu, öffnete sie und zog einen eingehüllten, länglichen Gegenstand hervor. Ein Schwert? Erkennen konnte Helgard es nicht. Ihre Meisterin hielt das Eingehüllte mit geschlossenen Augen. So spürte eine Seherin oder Wala in etwas hinein, lauschte und hielt Zwiesprache.

»Wie du willst«, murmelte Nortrun und nickte dem Gegenstand zu. Dann baute sie sich vor Helgard auf. »Er stammt von einer Wala, die nicht mit ihm begraben werden konnte. Nimm ihn, verbinde dich mit ihm. Er wird dir helfen, auch den letzten Weg zu dem zu gehen, was du bist.«

Also eher kein Schwert. Zögerlich erhob sich Helgard, griff nach dem Gegenstand und wickelte ihn aus.

»Götter!«

Wie kunstvoll der Kupferstab mit dem Schlangenmuster geschmiedet war. Helgard strich ihn entlang. Oben teilte sich das Metall in vier Bänder, die nach einer Handlänge wieder zusammenfanden. Die Mitte der ovalen Öffnung zierte ein daumengroßer Bernsteintropfen, in welchen Runen geritzt und blutrot gefärbt worden waren, wie auch die Nornen die Schicksalsrunen ins Holz ritzten. Gut, wenn ihre Meisterin der Meinung war, sie sei bereit, musste sie sich ihrer Prüfung stellen.

»Was genau soll ich tun, um mich zu beweisen?«

Nortrun strich ihr mütterlich eine kupferrote Haarsträhne nach vorne. »Was wollen die Geister von dir?«

Tief atmend setzte sich Helgard. Der Stab in ihrem Arm reichte vom Schoß bis eine Handbreit über das Ohr. Welche große Aufgabe stellten die Götter und Geister ihr? Um eine schlechte Ernte ging es sicher nicht. Sollte sie eine Seuche vertreiben? Sie zwang ihre Gedanken zur Ruhe und lauschte auf die Stimme in sich. »Ich muss zuerst ins Land der Franken, dort finde ich mehr heraus. Hoffentlich.«

»Gut.« Nortrun nickte. »Vertraue den Göttern und Geistern, sie leiten deine Schritte. Manchmal offenbaren sie das Ziel erst mit der Zeit. Bereite heute alles vor und brich morgen bei Sonnenaufgang gen Westen auf.«

So schnell? Aber wenn eine erfahrene Stabträgerin etwas sagte, widersprach niemand.

Helgard hüllte den Stab in den Wollstoff, nahm ihn mit zu ihrem Schlafplatz und begann mit dem Packen. Ganz unten in die Kiepe gab sie ein Hemd und ihr Ersatzkleid, der Umhang sollte am Schluss alles abdecken. Messer, Mörser, ein paar Kräuterbeutel und weitere Kleinigkeiten wie Schalen und Verbände packte sie ebenfalls ein. Eine Ecke hielt sie frei, um den Stab dort zu verstecken. Sie durfte zwar mit ihm arbeiten, aber nur einer anerkannten Wala war es erlaubt, ihn offen als Zeichen ihres Standes zu tragen.

Fertig. Zufrieden nickte sie und gesellte sich zu Nortrun an den Tisch. Diese schnitt Kohl klein und reichte ihr eine Zwiebel. Mitten im Schälen hielt Helgard inne.

»Was mache ich, wenn ich deinen Rat brauche?«

»Den brauchst du nicht mehr. Frage die Runen oder die Geister.«

Helgard setzte zu einer Entgegnung an, schwieg dann aber doch. Unbedingt hatte sie eine Seherin werden wollen, alles dafür gegeben, sogar getrickst, als Nortrun in ihr Dorf gekommen war auf der Suche nach einer Schülerin. Irgendwann holte einen alles ein. Der Verantwortung für die eigenen Entscheidungen konnte sich niemand entziehen.

»Meine Wege führen mich weit gen Norden«, berichtete Nortrun weiter. »In einer Siedlung hält eine Krankheit unablässig an den Menschen fest und forderte schon Tote.«

»Soll ich vielleicht dorthin?«

»Nein. Deine Aufgabe ist eine andere.«

 

Nach dem abendlichen Mahl nahm Helgard sich Zeit für den nächsten Seelenflug. Sie überschritt die Grenze zwischen den Welten mit langjährig geübter Leichtigkeit und der Hilfe ihres eintönigen Gesangs. Diesmal sollte sie ihr Schutzgeist zur Seele des Stabes bringen. Reise immer mit einer Absicht, hatte sie gelernt. Vom Eingang des Weltenbaumes aus führte der Geist sie zu einer kargen, felsigen Landschaft. Ein blasser Mann in ausgebleicht rotem, langem Gewand erwartete sie.

»Bist du die Seele des Stabs, den Nortrun mir gab?«

Er nickte wohlwollend. »Ich bin nun dein Verbündeter.«

»Aus freien Stücken? Oder auf Nortruns Wunsch?«

»Es war ihre Aufgabe, mein Gefäß so lange zu hüten, bis du bereit warst.«

»Bin ich es wirklich?«

»Ich helfe dir, zu erkennen, wer du bist.«

Helgard betrachtete die Stabseele. Krank sah sie aus. Als Folge dessen, was mit seiner vorherigen Trägerin geschehen war? Umsichtig, um die Seele nicht zu verärgern, erkundigte sie sich danach und auch, wer sie gewesen sei.

»Du erfährst ihren Namen, wenn es richtig ist. Ihr geschah großer Schmerz und durch unsere Verbindung litt auch ich.«

»Das tut mir sehr leid. Wie kann ich dir und ihrer Seele Heilung verschaffen?«

»Das musst du selbst herausfinden. Es ist Teil deiner Aufgabe.«

So müde wirkte er. Dennoch, mehr hätte die Geisterwelt ihr schon erzählen können. Helgard dankte und verabschiedete sich von ihm. Mit tiefen Atemzügen kehrte sie aus dem Seelenflug zurück.

 

Trotz der Aufregung schlief Helgard ein, kaum dass sie sich hingelegt hatte, und erwachte bei den ersten Strahlen der Frühlingssonne. Die Dörfer in der Nähe kannte sie, auch in ihrem Heimatdorf bei der Syburg war sie öfters ohne Nortrun gewesen. Anders das Land der Franken, das sie nur hin und wieder mit ihrer Meisterin besucht hatte.

Beim frühen Mahl stocherte sie in ihrem Getreidebrei.

»Worauf muss ich bei den Feinden achten, damit sie mir nichts antun oder misstrauisch werden?«

»Halte dich zurück«, hob Nortrun an, »wenn die Christen sagen, ihr Gott sei der einzig wahre. Sie wollen es nicht besser wissen. Gib dich stets freundlich, dann erfährst du mehr.« Sie strich ihr über die Wange. »Mit deinen neunzehn Sommern wirkst du unschuldig. Nutze es aus, lausche auch auf das Unausgesprochene und frage geschickt.«

Bedächtig nickte Helgard. Sie prüfte ein letztes Mal den Inhalt ihrer Kiepe und trat an den Hausaltar.

»Freya, Frigg, Woden und Thor, bitte behütet meine Wege und schenkt mir das richtige Wissen zur rechten Zeit.«

Mit ihrem Dolch ritzte sie sich in die Handfläche und ließ drei Tropfen ihres Blutes in die Holzschale fallen.

»Bitte lasst mich sicher heimkehren. Und schützt auch Nortrun auf ihren Wegen gen Norden.«

 

Drei Wochen später stapfte Helgard den nördlichen Pfad oberhalb der stetig und kraftvoll fließenden Ruhr entlang gen Syburg. Endlich war sie wieder in ihrer westfälischen Heimat. Diese Franken! Wagten es, obwohl sie miteinander fleißig Handel trieben, die großen Stämme nur als Sachsen zu bezeichnen. Als bestünde unter ihnen kein Unterschied. Unbegreiflich, wie die vor einem einzigen Gott und ihrem König Karl kriechen konnten. Weder die Westfalen noch die anderen Stämme würden je auf ihre Freiheit verzichten. Immerhin verehrten die Christen welche mit seherischen, oder in deren Worten, prophetischen Fähigkeiten. Aus ihren eigenen Reihen natürlich. Helgard hatte oft die Lippen zusammengepresst, um nicht über ihren Glauben an die alten Götter zu sprechen.

Von ihrem letzten Lager nahe der Grenze aus war sie in der Morgendämmerung losmarschiert, jetzt zeigte die Sonne den fortgeschrittenen Vormittag an. Endlich. Der vertraute Umriss der mächtigen Befestigung aus Holz und Stein in der Ferne vertrieb Helgards ernste Gedanken. Allmählich tauchten die etwa zwei Dutzend Höfe mit strohgedeckten Langhäusern, die Grubenhäuser und Werkstätten nord-östlich darunter auf. Wären ihre Beine nicht so schwer, hätte sie nichts am Rennen gehindert. So konnte sie nur zügig ausschreiten.

Am Rand des Dorfs verkündete starker, dunkler Rauch den Standort der Schmiede. Helgards Herz klopfte freudig. Viel zu lange hatte sie ihren Bruder nicht mehr besucht, das brachten ihre Schulung und die Reisen mit einer Wala mit sich. Noch einen Berg hinab, bis der Wald sich lichtete und Felder den Weg säumten. Einige Menschen, die dort die Saat ausbrachten, entdeckten sie und winkten. Helgard warf ihnen Segensworte zu. Mochten die Götter ihnen eine reiche Ernte schenken.

Immer näher erklang das rhythmische Schlagen auf Metall. Sie um­rundete die Umzäunung und erreichte die Öffnung, die zur Dorfmitte ausgerichtet war. Durch das Tor betrat sie Helmars Hof mit der Schmiede. Er hieb mit gesenktem Haupt voller Eifer auf sein Werk. Bei ihrem Eintreten richtete er sich sofort auf.

»Helgard!« Er legte Hammer und glühendes Eisen beiseite. Mit rußgeschwärzter Schürze hastete er ihr entgegen. »Lass mich meine kleine Schwester drücken.«

»Klein? Du wurdest nur Augenblicke vor mir geboren.« Helgard lachte und umarmte ihn fest.

Ihr Bruder wies zur Bank vor seinem Langhaus. »Hattest du Sehnsucht nach mir? Oder führt dich ein anderer Grund her?«

Ehe sie antworten konnte, erschien sein Weib Kunna mit in die Hüften gestemmten Fäusten im Türrahmen.

»Na, wer hält dich von der Arbeit ab?« Sie stutzte, eilte auf Helgard zu und schloss sie in die Arme. »Helgard! Ich dachte in letzter Zeit oft an dich.«

Kunna hielt sie vor sich. »Du siehst gut aus. Das dunkle Grün deines Kleides steht dir, erst recht mit der herrlichen Borte.« Sie strich über das rote Band am Halsausschnitt, das auch die Ärmelsäume zierte. »Warte, ich bringe dir erst den Begrüßungstrank.«

Beschwingt eilte ihre Schwägerin ins Haus. Helgard setzte die Kiepe ab. Etwas zog an ihrem Haar. Eine Strähne hatte sich im Gurt eingeklemmt.

»Ich helfe dir.« Helmar hob die Kiepe an. »Vielleicht flechtest du es künftig.«

»Das werde ich wohl. Nur bei meinem Wirken muss es offen sein, um mehr wahrzunehmen.«

Sie dankte Helmar und folgte Kunna bis zum Eingang, während ihr Bruder sich auf die Bank setzte. An der Tafel füllte ihre Schwägerin einen Becher. Helgard lauschte auf das Gefühl, das sie überkam, und grinste.

»Sie ist schwanger.«

»Du siehst das, obwohl sich ihr Bauch noch nicht wölbt?« Ihr Bruder hob die Brauen.

»Natürlich tut sie das«, antwortete Kunna an ihrer Statt und reichte ihr den Becher mit Bier. »Und sie sagt uns gewiss, was es wird.«

»Später gerne. Hab es nicht so eilig, Kunna.« Helgard ließ sich neben ihrem Bruder nieder, ihre andere Seite flankierte ihre Schwägerin. »Lass der Seele Zeit, sich ihren neuen Leib erst einmal anzusehen. Aber ich freue mich so für euch beide.« Sie trank einen Schluck und wandte sich an ihren Bruder. »Du arbeitest an neuen Waffen?«

Er nickte. »Nach unserem letzten Angriff auf die Franken kümmerte ich mich erst darum, die alten wieder zu richten. Meine liebste Kunna bediente den Blasebalg, so ging es schneller.«

»Gut. Eine Bedrohung zieht von Westen her auf uns zu. Der Raubzug gen Deventer vor ein paar Monden liefert dem König der Franken einen Grund zur Rache.«

»Mal fallen die bei uns ein, mal umgekehrt. Es geht um Ruhm und Reichtum. Das ist schon ewig so. Was sollte sich daran ändern?«

Bei Helmars wegwerfender Handbewegung runzelte Helgard die Stirn. Sie setzte den Becher auf ihrem Knie ab. »Der fehlende Tribut trägt nicht gerade zu einem friedlichen Miteinander bei.«

»Der Vertrag zwischen unseren Heerführern mit Pippin. Die meisten von ihnen feiern schon in Walhall, dieser Franke in seinem Christenhimmel. Gegenüber seinen Söhnen sind wir zu nichts verpflichtet.«

Ihr Bruder nahm die Angelegenheit zu leicht. Nun, in den vergangenen Jahren war es recht ruhig zugegangen.

»Die Geister sandten mich ins Frankenland. Ich sprach mit vielen Menschen, auch in ihren Festungen, um mehr darüber zu erfahren, was uns droht.«

Kunna schüttelte den Kopf. »Aber liegen die beiden Erben des Königs nicht im Streit?«

»Nicht mehr. Karlmann starb im letzten Julmond, verdächtig plötzlich. Jetzt ist dieser Karl Herrscher über ein geeintes Reich, zumal er seine Schwägerin und deren Kinder verbannte.«

»Verdammt.« Helmar verschränkte die Arme. »Hoffen wir, dass er an anderen Landesgrenzen beschäftigt ist.«

»Dann hätten die Geister mir keine Vision geschickt. Dieser Karl ist gnadenlos und machthungrig. Er verstieß im Frühjahr letzten Jahres sein Weib und heiratete eine, die ihm mehr Vorteile verspricht.«

Bedächtig nickte Kunna. »Du traust ihm zu, dass er bei seinem Bruder nachgeholfen hat?«

»Möglich wäre es. Immerhin kommt ihm dessen Tod äußerst gelegen, um ungehindert eigenen Plänen zu folgen.« Sie nahm einen weiteren tiefen Schluck von dem leckeren Gebräu.

»Hast du die Runen befragt?«, wollte Helmar wissen.

»Zuletzt vor ein paar Tagen im Frankenland, heimlich natürlich. Deshalb bin ich hier. Sie raunten von einem großen Kampf, und die Syburg liegt gefährlich nahe an der Grenze.«

Kunna legte ihre Hand auf den Bauch. »Schon früher wollten die Franken uns vereinnahmen. Stimmen die Gerüchte über das riesige Heer der Franken?«

»In den Festungen des Feindes erzählen sie von abertausenden Kämpfern, die ihren Lohn von den Abgaben erhalten.«

»Solche kämpfen für Besitz, nicht mit dem Herzen.« Helmar stützte die Hände auf die Schenkel und erhob sich. »Trotzdem sollte ich nicht hier herumsitzen.«

Helgard leerte den Becher und reichte ihn an Kunna zurück. »Du bist eine gute Brauerin.«

»Danke. Meine Mutter brachte es mir bei. Ich koche gerade. Du isst doch mit?«

»Natürlich. Mein Besuch beim Oberhaupt hat Zeit. Ist es noch immer Bodwin?«

»Nun, bislang konnte niemand meinen Oheim überreden, es sein zu lassen.« Lächelnd verschwand Kunna im Haus.

Helgard schlenderte zu ihrem Bruder, der das Eisen ins Feuer hielt und mit der Stange den Blasebalg betätigte.

»Darfst du bereits einen Stab tragen?« Er wies mit dem Kinn zu ihren Sachen. »Ich sehe etwas Langes aus deiner Kiepe schauen.«

»Nein, aber Nortrun meinte, ich wäre bald so weit.« Sie lugte zu dem eingehüllten Standeszeichen. »Mit diesem darf ich arbeiten. Ich weiß nicht, ob er bei mir bleibt. Wenn nicht, bitte ich einen besonderen Schmied um Hilfe.«

»Ist dir dieser Schmied sehr viel wert?«

Helgard lachte. »Das bist du doch schon, seit wir den Bauch unserer Mutter teilten.«

Nach dieser Antwort legte er den Arm um ihre Hüfte und drückte ihr einen Kuss auf die Schläfe.

»Wenn du einen erlesenen möchtest, ich kann dir Gold anbieten.« Er wies auf eine Schale, in der die Rohstoffe für seine nächsten Werkstücke bereitlagen.

»Das dauert sicher noch lange. Als Helferin einer Wala fühle ich mich bereits gut genug.«

Neugierig wühlte sie dennoch in der Schale und zog ein goldenes, mit Edelsteinen verziertes Christenkreuz hervor. Sie seufzte.

»Was für ein Ungleichgewicht.«

»Wovon sprichst du?« Helmar ließ die Stange ruhen und hob den Kopf.

»Sieh, an was die Christen ihre Seele hängen. Die Seiten sind nicht gleich. Eine ist viel länger.« Sie stellte das handtellergroße Stück auf zwei Kanten. Nur durch die Dicke der Seiten blieb es stehen. »Gebo steht für Gleichgewicht, Ausgewogenheit, da diese Rune aus gleich langen Stäben besteht. Solange alles im Gleichgewicht ist, brauchen wir nichts Schlimmes befürchten.«

»Ja, werte Seherin«, flachste er. »Und dann ist die lange Seite auch noch unten. Wie ein Schwert, das in der Erde steckt. In der Hand ist es viel brauchbarer.«

»In der Hand derer, die kämpfen. Unsereins reist in die Anderswelt. Dort kann ich …«

»… zum Wohle wirken. Ich weiß.« Sein nachsichtiger Blick wirkte zugleich spöttisch.

»Entschuldige. Künftig halte ich mich mehr zurück, auch, wenn die Geister mich zur Wala ernennen.«

»Ob sie sich das gut überlegen? Du redest doch gerne. Dann kommen die anderen gar nicht mehr zu Wort.«

»Du!« Sie schlug gegen seinen Arm. »Woher hast du das Kreuz?«

»Es war Teil meiner Beute aus Deventer. Die Kirchen besitzen mehr Schätze, als die Betbrüder mit ihrem bescheidenen Getue dürften.« Noch ein paarmal hämmerte er auf die glühende Klinge, ehe er sie in das bereitstehende Wasser tauchte und das Ergebnis zufrieden betrachtete.

»Gut für uns. Ihre heiligen Stätten sind wenig geschützt.« Nun seufzte Helmar. »Bringen dafür auch nur wenig Ruhm. Eine Schlacht unter Kriegern ist da etwas ganz anderes, sie verhelfen zu Ehre und einem Platz in Walhall.«

»Dein Platz ist erst einmal am Tisch«, ertönte Kunnas Stimme hinter ihnen. »Das Essen ist fertig.«

Auf dem Weg ins Haus nahm Helgard ihre Kiepe mit. Gemeinsam gingen sie an der noch rauchenden Feuerstelle vorbei zum gedeckten Tisch. Helgard hielt die Hände über die Schüssel und bat um Friggs Segen. Große Ruhe überkam sie, wie immer, wenn sie die Kräfte der hohen Mächte anrief. Während Kunna die Schalen und Helmar die Becher füllte, wanderte Helgards Blick herum. Viele Veränderungen gab es seit dem letzten Besuch nicht. Auf der anderen Seite der Tür führte ein Gang zu den beiden Schlafstätten. Im letzten Jahr war der frühere Schmied im Kampf getötet worden, ohne eigene Nachkommen. Die freien Männer hatten im Thing Helmar das Erbe zugesprochen, da er bei ihm das Handwerk gelernt hatte. Nun, den Göttern sei Dank, gründete ihr Bruder eine Familie. Helgard würde bei Frigg für Kunna und das Ungeborene opfern. Mochten beide mit guter Gesundheit gesegnet sein. Aber was, wenn der Frankenkönig tatsächlich mit einer mächtigen Streitkraft anrückte?

»Ich bitte Bodwin, für heute Abend den Rat in seinem Haus zusammenzurufen, und befrage die Runen. Je mehr uns die Götter über die Pläne unseres Feindes verraten, desto besser können wir uns vorbereiten.«

Kunna nickte zustimmend. »Du hast von einem großen Heer gesprochen. Das klingt bedrohlich.«

»Hoffentlich stehen wir in der Gunst der Götter«, fügte Helmar hinzu.

Schweigend schenkte Helgard beiden ein ermunterndes Lächeln und brach sich ein Stück Brot ab. Die dicke Gemüsesuppe, mit Wildkräutern verfeinert, duftete herrlich und war genau das Richtige, um Kraft zu schöpfen.

 

Nach dem Mahl schritt Helgard durch das Dorf. Bei einem Langhaus erneuerten drei Männer das Strohdach, vor einem anderen übten sich Kinder mit Stöcken im Kampf. Es schien alles so friedvoll. Sie schielte zu dem verhüllten Stab in ihrer Hand.

»Ob ich das Unglück anziehe, wenn ich mich zu sehr sorge und meine Ängste mit Ahnungen verwechsle?«

»Tust du das?«, meinte sie die sanfte Stimme ihres geistigen Verbündeten in ihrem Kopf zu hören. »Oder vertraust du nicht eher deiner Wahrnehmung zu wenig?«

Helgard seufzte. »Du hast recht. Die Nornen ritzen das Schicksal ins Holz. Und sie lassen sich gewiss nicht von meinen Ängsten beeinflussen.«

Von weiter weg erklang ein Lachen. Sie drückte den Stab wie die Hand eines Freundes und folgte dem Weg weiter.

Das größte Langhaus im Ort gehörte Kunnas Verwandten. Helgards eigene Sippe stammte von einem Dorf weiter nördlich. In dieser flussnahen Gegend siedelten viele Familien, es war gutes Land und brachte gute Ernte.

Vor dem Haus des Oberhaupts kam ihr eine Magd entgegen. Sie trug den Korb voller Essen über dem Arm und lächelte Helgard schüchtern an.

»Ist dein Herr zuhause oder bringst du ihm sein Mahl aufs Feld?«

»Er ist noch drinnen am Essen, zusammen mit der Herrin. Das hier ist für die Knechte.«

»Danke.« Sie nickte der Magd zu und ging hinein.

Vor ihr öffnete sich die Halle. Wie prächtig die Balken verziert waren! Die Farben der Schnitzereien leuchteten, als wollten sie von einem niemals endenden Frühling künden. In der langen Feuerstelle unter der Dachöffnung glühte nur noch die Kohle. Am Tisch dahinter tranken Bodwin und Liebhild mit ihrem Sohn und dessen Weib Bier. Die Holzschalen zeigten nur noch Spuren vom Essen. Gut. So störte sie nicht beim Mahl. Liebhild hob den Kopf und stand auf.

»Ich grüße euch.« Helgard trat an die Tafel.

»Welch eine Freude, dich zu sehen.« Liebhild holte einen Becher aus dem Regal und schenkte für Helgard ein.

Dankend nahm sie den Begrüßungstrank und hob ihn an. »Möge Frigg euer Heim schützen.«

»Ich kann dir leider nur noch vom Rest unseres Essens anbieten.« Liebhild hob entschuldigend die Hände.

»Schon gut.« Helgard setzte sich dem Hausherrn gegenüber. »Kunna lud mich ein. Ihr versteht sicher, dass ich zuerst meinen Bruder sehen wollte.«

»Natürlich. Kommst du als Anverwandte oder in Nortruns Auftrag zu uns? Du bist weiterhin ihre Schülerin?«

Helgard trank schnell noch einen Schluck. »Ja, die letzte Prüfung der Götter steht mir bevor. Teil davon ist eine Weissagung. Bitte alle Freien am Abend hierher.«

Während sie berichtete, stellte das hohe Paar Fragen. Ihr Sohn verschränkte vor sich hin brummend die Arme und dessen Weib Asbirg schien immer mehr in sich zusammenzusinken.

Bodwin nickte bedächtig. »Gut. Oder eher nicht. Ich sende Boten.«

»Vater.« Bodmar stützte sich auf dem Tisch auf. »Soll ich prüfen, ob in der Festung alles in Ordnung ist oder wir die Palisade erneuern müssen?«

»Ja, das ist jetzt wichtiger als deine Mithilfe beim Holzhacken.«

Bodmar leerte den Becher und erhob sich. »Auf dass unsere junge Seherin nicht mehr in den Zeichen sieht, als uns tatsächlich bevorsteht.«

Helgard zog Luft ein.

»Sohn!« Liebhild stemmte die Fäuste in die Hüfte. »Zweifel an einer Botin der Götter ist Zweifel an ihnen selbst.«

»Letztes Jahr sagte sie Asbirg einen schweren Husten voraus.« Er wies auf sein Weib. »Frigg sei Dank war es nur ein leichter.«

»Weil sie zeitig die richtigen Kräuter nahm.« Helgard krampfte die Hand um den Stab. »Meine Weissagung warnte sie. Hätte der Husten sie ohne Vorbereitung getroffen, wäre es nicht so glimpflich verlaufen.«

»Und was war mit unserem Ochsen? Du hattest gesagt, er hätte nicht mehr lange. Den Göttern sei Dank erholte er sich, ehe wir ihn schlachten wollten. Das wäre ein herber Verlust gewesen, Schülerin einer Seherin.«

»Ich …« Ihre Wangen erhitzten sich. »Ich behauptete das, damit ihr nicht sorglos mit ihm umgeht.«

»Ausrede.« Mit grimmiger Miene stapfte Bodmar gen Tür.

Asbirg lächelte sie scheu von unten an. »Ich danke dir. Und ich bitte dich für meinen Gemahl um Verzeihung. Ihr Seherinnen wisst schließlich immer, was ihr warum sagt.«

Die Tür schlug kräftig zu, als der Sohn des Oberhaupts die Halle verließ. Nein, Helgard durfte sich nicht von seinem Vorwurf beeinflussen lassen. Sie straffte sich.

»Ist irgendjemand, Mensch oder Tier, krank? Wenn ich schon hier bin, kann ich meine Kräfte für sie wirken lassen.«

Sichtlich erleichtert darüber nickte Liebhild. »Ich zeige dir, wer deine Heilung braucht.«

Nicht nur die Hausherrin war beruhigt, dass Helgard nicht weiter auf Bodmars Vorhaltung einging. Sie kämpfte oft genug gegen den Selbstzweifel. Aber bei der Heilkunst mit Pflanzen machte ihr so schnell niemand etwas vor. Das konnte sie wirklich gut. Sie wirkte aus ihrem Herzen heraus, was sicher im Sinne der Götter war. Die Menschen vertrauten ihr. Warum sollte sie nicht der Entscheidung der Götter vertrauen?

Kapitel 2

 

Ekwin stellte leise den Korb voller Holzscheite neben die Feuerstelle und riskierte einen Blick auf Daglind. Zum Glück stand die unfreie Magd mit dem Rücken zu ihm am Tisch und schnitt Gemüse. Er wandte sich zum Gehen.

»Hiergeblieben!«

Verdammt, sie hatte ihn bemerkt. Langsam drehte er sich um und rieb sich den Nacken.

»Ich wollte dich nicht stören.«

»Unsinn.« Daglind runzelte die Stirn. »Hast du unsern Herrn endlich gefragt, ob wir heiraten dürfen? Ich bin immerhin schon über Zwanzig.«

»Dazu hatte ich noch keine Gelegenheit. Die ganze Arbeit und die Übungen mit den Waffen …« Er zuckte um Vergebung heischend mit den Schultern.

»Du weißt, dass wir erst beieinander liegen dürfen, wenn wir vermählt sind, sagt der Priester. Oder magst du mich nicht mehr?«

Er wich ihrem herausfordernden Blick aus. »Doch, natürlich. Aber ich will meinem Weib doch mehr bieten können als ein Sklavendasein.«

Seufzend neigte sie den Kopf zur Seite. »In den letzten fünfzehn Sommern habe ich gelernt, dich zu durchschauen.«

»Bitte, Daglind. Ich war noch ein kleiner Junge, als sie mich hierher verschleppten.« Er wies mit weiter Geste über die Hügel bis zum Flusslauf der Eder. »Natürlich war ich froh, neue Freunde zu finden.«

»Ach, du siehst mich nur als Freundin, nicht als dein Liebchen? Und was ist mit den Küssen?«

Erneut rieb Ekwin sich den Nacken. Einfach umdrehen und das Haus zu verlassen traute er sich nicht. Dann würde Daglind nur hinter ihm herlaufen und ihn draußen, wo alle es mitbekamen, schelten.

»Die Küsse fand ich angenehm.« Bevor die etwa Gleichaltrige sich empören konnte, redete er schnell weiter. »Und, ja, ich mag dich wirklich. Du bist hübsch, kannst gut kochen. Aber es geht das Gerücht, König Karl sammelt ein Heer. Vielleicht kann ich mitkommen, mich beweisen und erhalte Land. Aber vielleicht sterbe ich auch. Willst du wirklich so schnell Witwe werden? Oder das im Zweifel gar nicht wissen, weil ich gefangen genommen und verschleppt werde? Wäre ja nicht das erste Mal.«

Während seiner Rede hatte sie ihre angriffslustige Haltung aufgegeben.

»In seinem Heer sind nur Freie.«

»Bei den Reitern, ja, aber bestimmt sind auch kampffähige Niedere in den Fußtruppen. Er braucht so viele Streiter, die können nicht alle von den Freien sein.«

Daglind presste für einen Atemzug die Lippen aufeinander. »Wie du willst. Ich bete jedenfalls für dich zum Herrgott, dass dir nichts passiert.«

Erleichtert atmete er auf. »Gut, dann sind wir uns einig. Ich muss wieder aufs Feld.« Er wies hinter sich zur offenen Tür. »Der Herr hatte mich nur geschickt, Brennholz zu schlagen.«

»Ich koch übrigens dein Leibgericht, nicht das der Herrschaft.« Daglind lächelte ihm zu. »Damit du doch den Mut findest, dich zu mir zu bekennen.«

Er lachte verlegen, grüßte und hastete hinaus. Was war es wirklich, das ihn abhielt? Mit sieben Sommern hatte er alles verloren, selbst, den alten Glauben leben zu dürfen. Nur ein kleiner bronzener Anhänger in Form eines Hammers hing unter seinem Hemd verborgen, darüber seit seiner Ankunft hier ein Kreuz. Daglind hatte ihn oft aufgemuntert, ihre Lebensfreude steckte nicht nur ihn an. Fühlte er sich vielleicht nur verpflichtet, ihr mehr Zuneigung zu schenken, als er empfand? Er schüttelte den Gedanken ab und marschierte zum Feld seines Herrn.

Die Arbeit mit dem Pflug lenkte ihn ab, denn der Ochse und er mussten gerade Linien ziehen, sonst gab es Ärger mit Herrn Gunnar. Wäre er doch frei zu tun, was er wollte, wie in den ersten Jahren seines Lebens! Er schluckte. Niemals durfte er vergessen, wie seine Eltern und Freunde ausgesehen hatten, ihre gemeinsamen Unternehmungen und ihre Verbundenheit.

Der Pflug stockte. Ekwin versuchte, ihn mit Hilfe des Tieres vorwärtszudrücken. Es schabte.

»Was ist?«, rief Gunnar von hinten.

Ekwin zuckte die Schultern. »Ich seh nach.«

Vor dem Pflug schob er etwas Erde zur Seite und seufzte. Ein kopfgroßer Stein versperrte der Pflugschar den Weg. Er drehte sich zu Gunnar, der mit dem Saatgut im Beutel wartete.

»Nur ein Hindernis. Mit der Schar ist alles in Ordnung.«

Zum Glück hatte es in den letzten Tagen geregnet. Die Erde war weich und Ekwin grub den Stein aus. Er wog ihn in der Hand.

»Du kommst mir gerade recht.«

»Was sagst du?«, kam es von hinten.

»Den hier kann ich behauen, er wäre passend als Mühlstein für Daglind.«

Gunnar nickte. »Dann muss sie nicht mehr den meines Weibs nehmen. Du bist ein kluger Bursche.«

Zufrieden lächelte Ekwin und legte den Stein neben seinen Wasserbeutel. Er packte erneut den Pflug im Dienst seiner Herrschaft. Gut, von der Ernte hatte er selbst auch etwas. Schließlich zogen alle auf dem Hof an einem Strang, damit ein jeder versorgt war. Im Grunde ging es ihm nicht schlecht. Er sollte dankbar sein.

»He! Ekwin! Pass auf.«

Er sah sich um. Verdammt. Jetzt musste er ein Stück der Furche später mit der Harke erneut ziehen. Wie gut, dass sein Herr auf ihn Acht gab, damit er auf dem rechten Weg blieb. Er seufzte und lenkte den Ochsen in die richtige Richtung.

 

Fast hatten sie das Tagwerk beendet, als sich ein Reiter näherte. Ekwin kniff die Augen gegen die tief stehende Sonne zusammen. Recht eilig hatte es der Kerl. Er trug einen kräftig roten Kittel, eine Waffe und noch etwas Längliches. Endlich war der Reiter nahe genug, dass Ekwin den verzierten Stab der fränkischen Boten erkennen konnte. Welch eine Ehre für den Kerl, im Auftrag Höherer unterwegs zu sein und in ihrem Namen zu sprechen.

Der Berittene hielt neben ihnen an. »Wo finde ich das Oberhaupt des Dorfes?«

Gunnar trat ihm entgegen. »Hier. Was willst du?«

Einen Augenblick lang musterte der Bote den freien Bauern. »Der König schickt mich. Ruf sämtliche Männer des Dorfs zusammen. Sämtliche«, wiederholte er.

Leider erkundigte sich Gunnar nicht, ob es um den Heerzug ging, sondern drehte sich zu Ekwin um und wedelte gen Dorf. »Na los. Du hast den Boten unseres Königs gehört. Gib allen Bescheid, wir treffen uns auf dem Anger.«

Ein knappes Nicken, dann rannte Ekwin zu den benachbarten Feldern und schließlich ins Dorf. Sämtliche Männer? Nicht nur die Freien? Dann mussten die Gerüchte stimmen. Wenn ja, durfte er hoffentlich mit. Sein Herz schlug nicht nur durchs Laufen schneller.

 

Wenig später wies der Bote am Brunnen einen Jungen an, sein Pferd zu tränken. Es musste ein schnelles sein, bei den langen Beinen. Ekwin harrte in der Nähe aus, neben sich sein Freund Wilrich. Unter sich redeten sie in der westfälischen Mundart. Erst zum Trost nach ihrer Verschleppung, dann als Zeichen ihrer brüderlichen Treue.

Wilrich schubste ihn an und riss ihn aus seinen Grübeleien. »Die Sache muss wichtig und eilig sein, dass es nicht bis nach dem Essen warten kann.«

Dem stimmte Ekwin zu und betrachtete Gunnar, der neben dem Boten stand. Sein Herr verzog die Miene wie beim Genuss von saurem Bier. Endlich erklomm der Bote den Rand des Brunnens und hob die Arme, augenblicklich verstummte jegliche Unterhaltung.

»Unser aller hochverehrter König Karl sendet mich zu euch. Der fehlende Tribut der Sachsenstämme ist nur ein Teil ihrer Respektlosigkeit gegenüber unserem Herrscher. Sogar unsere Siedlungen und Klöster überfallen sie.«

Ekwin zitterte vor Unruhe. Niemand nahm ihm die Erinnerungen an seine Kindheit, erst recht nicht die Franken, unter denen er bereits doppelt so lang lebte wie vorher in seiner alten Heimat.

»In seiner Weisheit entschied unser König, die Westfalen, Engern und Ostfalen daran zu erinnern, welchem christlichen Herrscherhaus sie einst Treue geschworen haben.« Im Laufe seiner Rede gestikulierte der Bote immer stärker, erhob seine Stimme lauter. »Er wünscht, sein Heer zu verstärken. Jeden von euch prüfe ich daher auf seine Tauglichkeit, für ihn, für die Christenheit zu kämpfen.«

Ein freier Bauer meldete sich zu Wort. »Wirklich jeden? Auch die Sklaven?«

»Auch sie, solange sie entbehrlich und treu sind. Nicht immer ist der freie Mann zugleich der Kampffähigste. Von jedem Hof sollen die Besten dem Heer beitreten.«

Ganz glücklich schien der Bauer nicht zu sein.

Ekwin streckte sich. Das war die Gelegenheit, zu zeigen, was er konnte. Er nickte Wilrich zu. Der verstand und reckte sich gleichfalls zu voller Größe auf.

»Ich fange heute Abend noch mit der Prüfung an.«

»Aber wir sind müde von der Feldarbeit«, protestierte Gunnar.

Der Bote grinste. »Eben drum. Ein Feldzug ist nichts für Schwache. Ihr müsst stets bereit zum Kämpfen sein. Euch winken schließlich Ehre, Schätze und Gottes Segen für jeden getöteten Heiden.«

Einfach wurde es nicht. Ekwin atmete tief durch. Der Ochse zog den Pflug, aber die Schar in die Erde zu drücken brauchte gleichfalls viel Kraft. Daglind fasste gerne seine Armmuskeln an und nannte ihn bewundernd ihren Beschützer. Wenn er doch nur den Boten genauso leicht beeindrucken konnte.

Dieser teilte sie scheinbar willkürlich ein, gleich welchen Alters oder Standes, und hieß sie, mit Speer oder Schwert gegeneinander zu kämpfen. In Ordnung, das kannte Ekwin, übte doch Gunnar oft mit ihm, nachdem er sein Vertrauen und ihn als väterlichen Freund gewonnen hatte.

Jetzt war er dran, packte seinen Speer fester und richtete alle Achtsamkeit auf den freien Bauern vor ihm. Das Schwert in der einen Hand schwingend und den Schild in der anderen haltend, näherte der sich ebenso wachsam. Verdammt. Wie sollte er sich beweisen, wenn er den älteren Nachbarn nicht verletzten wollte? Bei den Übungen war die Spitze des Speers in Tuch gewickelt. Ekwin stieß seine Waffe vor, doch zu zögerlich. Der Bauer wehrte leicht mit dem Schild ab und stieß zu. Erschrocken wich Ekwin mit einem Sprung nach hinten aus. Er wagte einen Seitenblick auf den Boten, der hämisch den Mund verzog. Ein weiteres Mal musste er seinem Gegner ausweichen. Der setzte mit dem Schwert nach und traf. Ekwin schrie auf und hielt sich den Arm.

»Ergibst du dich?« Der Bauer lachte.

Es blutete, der Schnitt tat kaum weh und war nicht tief. »Nein!«

Wenn der andere keine Rücksicht nahm, brauchte er es auch nicht. Ekwin richtete die Spitze auf seinen Gegner. Der schoss auf ihn zu, hieb mit dem Schild gegen den Speer. Ehe der ihn erneut treffen konnte, riss Ekwin keuchend seine Waffe hoch und donnerte sie auf den Schwertarm des anderen. Der Bauer taumelte zurück, ging jedoch sofort in den Angriff über. Schnell auf seine Schildseite und versuchen, den Rücken zu treffen. Sein Gegner schwang herum und blockierte mit dem Schild den Schlag so heftig, dass Ekwin sein Gleichgewicht verlor. Sofort setzte der Bauer mit dem Schwert nach und Ekwin entkam nur, indem er sich fallen ließ. Er packte den Speer noch fester, drehte sich ganz auf den Rücken. Geschickt stieß er die Spitze knapp vor den gegnerischen Brustkorb und schnappte nach Luft. Ekwin sah dem Freien direkt in die Augen und regte sich nicht, bis sein Gegner das Schwert senkte.

»Das war knapp, Bursche!«, rief der Bote, »aber geschickt. Ich behalte dich im Auge.«

Ekwin rappelte sich auf. »Hab ich dich verletzt?«

Kritisch musterte er den Bauern. Der winkte ab.

»Nur ein Kratzer. Du hattest einfach Glück«, brummte er vor sich hin und trat neben Gunnar.

Ekwin gesellte sich zu den anderen Unfreien, verband seinen Oberarm kurzerhand mit einem Lappen, den er sonst für den Schweiß nutzte, und beobachtete die weiteren Kämpfe. Sein Herr besiegte seinen Gegner, auch Wilrich schlug sich gut. Schließlich forderte der Bote ihn ein zweites Mal auf.

»Du kämpfst mit dem Schwert. Gunnar, du ebenfalls.«

Ekwin schloss einatmend die Augen. Wenn er seinen Herrn wirklich besiegte, war der bestimmt stocksauer auf ihn. Sollte er gleich aufgeben? Fragend blickte er ihn an, ob Gunnar ihm zu verstehen gab, was er wollte.

Dieser nickte ihm zu. »Dann zeig mal, ob du gut von mir gelernt hast.«

Von ihm gelernt? Ja, sein Herr war besser als er. Sollte er nun verlieren oder doch versuchen, zu gewinnen, damit Gunnar als Lehrmeister glänzte?

Ekwin kreiste mit den Schultern und stellte sich bereit. Schildgriff fest packen, das Schwert ebenso, aber nicht verkrampft. Die ersten Angriffs- und Abwehrtechniken fühlten sich wie bei den Übungen an. Gunnar nahm wohl Rücksicht auf ihn.

Plötzlich drosch Gunnar dreimal in schneller Folge auf ihn ein. Schweiß brannte in seinen Augen, sein Schildarm zitterte leicht, aber Ekwin hielt stand. Vermutlich wollte Gunnar, dass er sich anstrengte. Er zwinkerte das Brennen fort, spannte sich an, hielt seinen Schild parat und beäugte jede Bewegung seines Herrn. Als dieser von oben hieb, sprang Ekwin einen Schritt an ihn heran und rammte ihn mit dem Schild. Gunnar stolperte keuchend zurück, fing sich jedoch wieder. Sie umkreisten sich. Diesmal hieb Ekwin von oben herab und schwang, als Gunnar den Schild hob, die Waffe in einem Halbkreis. An der Seite seines Herrn stoppte er den Schlag. Beide starrten sich schwer atmend in die Augen.

Der Bote lachte. »Wen nehme ich nun mit? Seid ihr beide entbehrlich? Gunnar, entscheide du. Bis morgen hast du Zeit.«

Nach außen hin gab Ekwin sich entspannt, aber sein Herz pochte unruhiger als zuvor. Er wechselte einen schnellen Blick mit Wilrich. Sein Freund legte ihm eine Hand auf die Schulter, dann musste dieser noch einmal kämpfen. Wenigstens ging Wilrich klar als Sieger hervor.

Zum Schluss hob der Bote die Arme. »Ich bin sehr zufrieden. Jetzt will ich noch einmal allein mit allen Freien sprechen, ihr anderen verlasst uns.«

Ekwin schlurfte schweigend zum Hof seines Herrn, legte Schwert und Schild ab und entfernte das Tuch um seinen Arm. Der Kratzer hatte zu bluten aufgehört. Er gab Wasser in die Schüssel und wusch sich.

»Du bist verletzt.«

Daglind stand plötzlich hinter ihm.

»Das ist nichts. Nur ein Übungskampf.«

»Hat es mit dem Boten zu tun?«

Er nickte und griff nach dem Leinen, das für Verletzungen bereitlag. Sie half ihm beim Verbinden.

»Aber du musst doch nicht weg. Oder?«

»Unser Herr wird es sich wohl kaum nehmen lassen, selbst für den König zu streiten. Und beide können wir nicht gehen.«

»Aber das ist doch gut. Dann bleibst du hier.«

Ekwin ließ den Kopf hängen. Natürlich war ein friedliches Leben besser als kämpfen müssen. Aber wie sonst konnte er seinen Traum von einem eigenen Hof verwirklichen?

»Was ist?«

»Womöglich mache ich mir unnötige Gedanken und Hoffnungen, wo keine sind.«

Die Tür klapperte und Gunnar rief nach Daglind, die eilig in den Hauptraum entschwand.

»Willst du, dass das Essen verbrennt? Häng den Kessel gefälligst einen Zahn höher, wenn du deine Arbeit vernachlässigst!«

»Aber, Herr, Ekwin hat eine Wunde.«

Ekwin schlüpfte in seine Cotta und sah noch, wie Gunnar abwinkte, sich zum Eingang drehte und seiner Gemahlin Alwine zunickte.

Diensteifrig packte Daglind die Schöpfkelle und füllte eine Holzschale nach der anderen mit dicker Gemüsesuppe, während die Herrin das Brot schnitt. Ekwin setzte sich auf seinen Platz gegenüber dem Hausherrn. Bloß nicht hochsehen. Endlich sprach Gunnar das Tischgebet. Vorgeblich richtete Ekwin danach sein Augenmerk auf das Essen. Alwine besprach Haushaltsdinge mit Daglind, bei denen auch Gunnar hin und wieder etwas einwarf. Wenigstens fiel so Ekwins Schweigen nicht auf. Nach dem Mahl erhob er sich.

»Warte.« Gunnar trank noch einen Schluck. »Wir müssen reden.«

»Herr.« Ekwin setzte sich langsam auf die Kante der Bank. »Bitte sag mir einfach, was ich falsch gemacht habe.«

Der andere zog die Brauen hoch. »Warum glaubst du, dass du einen Fehler begangen hast?«

»Naja. Gewöhnlich kämpfen nur Freie für den König, auch wenn es diesmal anders sein soll, und ich hätte dich nicht …« Besiegen sollen, hätte er am liebsten gesagt, doch damit angeberisch geklungen. »Ich hab doch nur getan, was der Bote wollte.«

Gunnar nickte, den Blick auf seinen Becher gerichtet. »Und du hast dich geschickt angestellt.«

Die beiden Weiber tuschelten. Was sie sagten, verstand Ekwin nicht. Er musste jetzt genau achtgeben, wie Gunnar sich verhielt, um ihn nicht zu verärgern.

»Bist du unserem König treu ergeben?«

»Natürlich, Herr. Etwas anderes würde ich nie wagen.«

»Auch dem Herrgott?«

»Ja«, platzte Ekwin heraus. Seine Hände schwitzten. Was wollte Gunnar von ihm?

»Du bist wie ein Sohn für mich. Das weißt du.«

Zur Antwort nickte Ekwin und wartete.

»Einer von uns wird sich dem Heer anschließen. Ich bin der bessere Kämpfer.«

Warum sagte Gunnar ihm nicht, dass er gehen würde? Warum so umständlich? Er hatte sich doch schon damit abgefunden, sein ganzes Leben hier fristen zu müssen.

»Herr. Ich tue alles, was du von mir verlangst, ohne mich zu beschweren.«

Gunnar lachte auf. »Ja, das tust du. Hör zu.« Er beugte sich vor. »Alwine erwartet wieder ein Kind. Wir beten zu Gott, dass es diesmal lebend zur Welt kommt. Ich kann sie jetzt nicht allein lassen.«

Was sagte er da? Hieß das … Ekwin wagte kaum, sich zu rühren.

»Du hast gut von mir gelernt, nur musst du entschlossener kämpfen. Wenn es um Leben und Tod geht, überlebst du nicht, wenn du zögerst.« Gunnar fasste seine Hände. »Junge, vertrete meinen Hof würdig. Zeige diesen verdammten Heiden, wer dich erzogen hat.«

»Ich … ich darf wirklich mit ins Heer?« Ekwin schnappte ungläubig nach Luft.

Gunnar lachte. »Komm nur gesund wieder. Sonst kenne ich eine, die dir den Hintern versohlt.«

Voller Freude sprang Ekwin auf, eilte um den Tisch und drücke Gunnar an sich. Im Augenwinkel bemerkte er, wie Daglind verkrampft und reglos Spüllappen und Schale hielt. Er würde später mit ihr reden, ihr eine glückliche Zukunft ausmalen. Oder ihre Laune aushalten, bis er sich morgen dem Boten anschloss.

Kapitel 3

 

Nach Einbruch der Dämmerung legte Helgard in der Kammer ihr weites, weißes Ritualgewand an, von ihr selbst mit Runen und Mustern bestickt. Sie nahm den Stab aus der Hülle, hielt ihn in die Höhe und sang ein Lied für die Geister.

»Ich bitte euch, schenkt mir Weisheit und die richtigen Worte. Helft mir, die Botschaft der Götter zu verstehen.«

Noch ein paarmal tief durchatmen. Vielleicht half es, ihre Unruhe zu mildern. Sie strich ihre Haare nach hinten, nahm den Runenbeutel und öffnete die Tür. Vor dem Haus warteten ihr Bruder und Kunna.

»Mögen die Götter und Geister Gutes verheißen.« Sie bemühte sich um ein Lächeln.

Helmar streichelte ihre Wange. »Du bist unsicher.«

»Ich hatte noch nicht oft Gelegenheit, für eine ganze Siedlung weiszusagen.«

»Das schaffst du schon«, versuchte Kunna, sie zu ermutigen.

Davor weglaufen konnte sie nicht. »Also gut. Gehen wir.«

Helgard schritt entschlossen aus. Sie musste sich nur völlig zurücknehmen und die Geister für sich sprechen lassen.

In der Halle des Oberhauptes brannte das Feuer in der großen Schale hell. Die freien Männer saßen mit ernstem Gesicht eng beieinander auf den Bänken, manche sogar auf dem Boden. Kaum eingetreten, half Kunna ihrer Muhme, Bier zu verteilen, und Helmar setzte sich neben jemanden, der für ihn einen Platz freigehalten hatte. Etwas erhöht thronte Bodwin, daneben sein Sohn mit spöttisch hochgezogenem Mundwinkel. Helgard strich sich übers Ritualgewand.

»Helft mir, ihr Geister«, raunte sie.

Allein die Gerüchte machten ihr Angst. Angst lähmte, führte zu falschen Urteilen. Was hatte ihre Meisterin sie gelehrt? Richte alle Sinne und Gedanken auf deine Aufgabe. Helgard strich über das Kupfer ihres Stabes und trat aus dem Schatten in den Feuerschein.

Sobald Bodwins Blick auf sie fiel, verlangte das Oberhaupt Ruhe. »Heißen wir die Botin der Götter willkommen.«

Mittig vor der Feuerstelle stand ein Hocker. Davor lag eine dick gefaltete Decke. Helgard schritt langsam mit erhobenem Haupt dorthin und nahm Platz. Bedächtig sortierte sie ihr Gewand. Dann stellte sie den Stab auf ihrem Schoß auf.

»Ich, Helgard, von den Göttern zur Botin erwählt, tue ihren Rat und ihren Willen kund.«

Ihr Herz klopfte heftig. Durch die Stille in der Halle müssten es alle hören können. Sie band ihren Gesichtsschleier als Trennung zwischen sich und der äußeren Welt vor die Augen und schloss die Lider. Leise sang sie den Lockruf für die Götter, Geister und Ahnen.

Große Ruhe überkam sie. Die Menschen, die Feuerstelle, die ganze Halle rückten in weite Ferne. Mit aller Willenskraft richtete sie sich auf das Ziel ihres Seelenflugs aus. Sie sang weiter. Endlich kribbelte ihre Stirn und Wärme breitete sich in ihrem Leib aus. Sichere Zeichen, dass sie die Grenze zwischen den Welten überschritten hatte.

»Götter, Geister, zeigt mir, was der Frankenkönig plant. Zeigt mir, ob meinem Stamm Gefahr droht.«

Ihr Leib schwankte ohne ihr Zutun auf dem Sitz. Ihr Geist fühlte sich frei, flog einen Waldweg entlang und durch eine Toröffnung in einem riesigen Baum. Dahinter fand sie ihren Schutzgeist, ohne den sie nie in die Anderswelt reiste.

»Ich grüße dich.« Sie verbeugte sich leicht.

Ihr Gegenüber antwortete ebenso und lächelte. »Was ist dein Ziel?«

»Ich will wissen, ob der Frankenkönig tatsächlich einen Angriff auf unseren Stamm plant, wann und wo wir ihn erwarten müssen.«

Ihr Schutzgeist lächelte. Gut. Jetzt musste sie nur noch wahrnehmen, was sie sah, hörte oder auch fühlte. Es tat sich nichts. Sie wiederholte ihre Bitte.

»Du erwartest den Angriff.«

Sie senkte ihr Haupt. »Was ich so hörte, klang es danach.«

»Und wenn Bodmar mit seinem Urteil über dich Recht hat?«

»Bitte, zeige mir, ob der König der Franken etwas gegen unseren Stamm plant.«

Grinsend nickte ihre Verbündete. In Gestalt von Gänsen flogen sie über das Land. Der Tag war trüb, schwermütig. Es ging gen Südwesten. Natürlich, dort saß der Feind. Verfälschte sie ihre Sicht durch Erwartungen? Sie richtete sich erneut auf ihr Ziel aus, die Wahrheit hinter den Gerüchten und Vermutungen zu erfahren.

Ein Turm, höher und dicker als sie je einen gesehen hatte, tauchte vor ihr auf. Sie umrundete ihn. Die Steine trugen Gesichter, manche entschlossen, manche grimmig oder von Schmerz gezeichnet. Die Augen verfolgten sie. An einem Paar blieb ihr Blick hängen. Solche bernsteinfarbenen hatte sie noch nie gesehen. Sie drückten ein Flehen und den Wunsch zu leben aus. Sachte spürte Helgard einen Sog und gab nach. Sie flogen höher. Eine rote Schlange wand sich aus dem Turm und strebte gen Norden. Zu ihrer Heimat? Auf ihrem Weg wuchs sie, schlängelte sich die Eder entlang unaufhaltsam weiter, bis die Richtung nur noch einen Schluss zuließ.

»Nein.«

Sie tauchte pfeilschnell ins nächste Waldstück ein, glitt durch das Tor des Riesenbaumes und landete auf jenem Weg, auf dem ihr Seelenflug begonnen hatte.

Scharf zog sie Luft ein, atmete ein paar Mal tief, bis sich ihr Bewusstsein wieder klärte, und öffnete die Augen. Sie kannte diese Bilder. Zumindest einen Teil davon. Damals, als sie zum ersten Mal unter Nortruns Anleitung reiste, hielt sie diese für einen Albtraum. War das ihre Aufgabe? Ihrem Stamm mit Rat und wirkmächtigen Ritualen helfen, den Feind aufzuhalten?

»Der König ist fest entschlossen und hat Einfluss über den Willen seiner Mannen. Er sammelt sein Heer. Es wächst auf dem Weg zu uns.«

»Welchen Weg nimmt er genau?« Helgard erkannte Bodwins Stimme.

»Ich bemerkte den Flusslauf der Eder.«

»Ha.« Das war Bodmar. »Vielleicht will er gen Britannia oder Danmark?«

Unverschämter Kerl. »Wenn dem so wäre, hätten die Geister mir etwas anderes gezeigt.«

»Kannst du uns mehr sagen?«, erkundigte sich Bodwin.

Helgard ließ sich auf die Knie nieder, legte ihren Stab quer vor sich und griff nach dem Runenbeutel. Am besten rief sie die Nornen direkt an.

»Urd, Werdandi, Skuld, ich bitte euch: Sagt uns, welches Schicksal ihr für unseren Stamm ins Holz ritzt.«

Sie zog die erste Rune aus dem Beutel, nahm sie in die geschlossene Hand und lauschte. Ihre Handfläche erwärmte sich, es stach. Ganz sicher kein gutes Zeichen. Aber Kämpfe waren nie gut. Gleich, wer gewann, Opfer fanden sich auf beiden Seiten. Schluss mit den Grübeleien. Sie musste sich ganz den Geistern überlassen.

»Eine hungrige, gnadenlose Bestie nähert sich.«

Sie vernahm einen verächtlichen Laut und öffnete die Hand. Schwermütig nickte sie. Die Rune Thurisaz, was sonst. Das nächste Hölzchen aus dem Beutel zog ihre Hand nach unten und sandte zugleich den Impuls, die Armmuskeln anzuspannen.

»Schwere Kämpfe gegen mehr als einen Feind stehen uns bevor, denen wir mit Stärke begegnen müssen.«

Neben die erste Rune legte sie Nauthiz. Die Not wenden, das klang erleichternd. Jetzt noch die dritte, die das Ergebnis anzeigte.

»Wie ein Hochwasser kommt Leid auf uns zu, bringt uns Veränderung und nimmt im Gehen Opfer mit.«

Laguz platzierte sie neben die anderen beiden Hölzchen. Helgard nahm den Stab auf und versank in die drei Zeichen.

»Ja, der Frankenkönig greift uns an. Aber mit Stärke, der unserer Waffen und unseres Willens, können wir seinem Heer standhalten.«

»Und was verändert sich?«, vernahm sie Bodwin.

»Das Leben verändert sich ständig«, wiederholte sie das vor Jahren gelernte. »Was in Ungleichgewicht gerät, findet ein neues Gleichgewicht.«

Wie klug sich ihre Worte anhörten, wie wenig sie tatsächlich halfen. »Die Götter schenken uns nichts. Wir müssen kampfbereit dem Feind gegenübertreten.«

Bodmar erhob sich. »Schön und gut. Die Älteren kennen den Krieg gegen ein Frankenheer. Unsere Festung schützt uns, bis sie wieder weg sind. Und da Nortrun nicht selbst zu uns kam, wird es nicht so schlimm werden.«

Zu Helgards Schrecken stimmten ihm ein paar Männer zu. In ihren Ohren rauschte es heftig. »Es geht hier nicht um eine Erkältung. Nortrun hält mich für Größeres bereit. Sobald der Feind hier ist, seht ihr selbst seine Streitmacht.«

In dem Augenblick fielen laut knallend zwei Holzscheite in der Feuerstelle zusammen und bildeten ein Kreuz, dessen eine Seite ein klein wenig länger schien.

»Beten wir zu Wodan und Thor um den Sieg. Es geht um mehr als unser Leben. Das Sein unseres Stammes ist in Gefahr.«

Kapitel 4

 

Ekwin packte die wenigen Dinge, die er hatte, in die Kiepe. Kleidung, Kamm, Seife, Essenschale, Löffel und den Umhang, in den er sich zum Schlafen einwickeln würde. Schwert, Schild und Speer erhielt er noch von Gunnar. Gestern Abend hatte Daglind ihn nur traurig angesehen, aber kein Wort mehr mit ihm gesprochen. Durch die dünne Bretterwand, die seine Schlafstätte von der ihrigen trennte, hatte er sie sich herumwälzen gehört. Vielleicht nur, weil es ihm genauso erging. Seufzend betrat er die Halle.

»Jetzt iss noch einmal ordentlich«, begrüßte die Herrin ihn und wies Daglind an, ihm reichlich aus dem Kessel mit Haferbrei zu geben.

Gunnar legte den Löffel in die Schale. »Dass du mir keine Schande machst. Versprich mir, dass du stets gehorchst und immer so gut kämpfst, wie du kannst.«

»Ich verspreche es. Schließlich habe ich euch viel zu verdanken.« Er setzte sich zum letzten Mal vor dem großen Abenteuer, das ihn erwarten mochte.

Entschuldigend, zugleich aufmunternd lächelte er Daglind an und nahm die Schale entgegen.

»Gütiger Gott«, murmelte er mit gefalteten Händen. »Ich danke dir für deine Gaben. Amen.« Dann wandte er sich der Magd zu. »Ich bringe sicher gute Beute mit, wenn ich zurückkehre.«

»Wenn …« Daglind schnaubte.

»Keine Angst, ich passe schon gut auf, dass mir nichts passiert.«

Er langte kräftig zu. Wer wusste schon, wie die Streiter im Heer versorgt wurden? Ob Daglind oder Alwine den Brei mit Honig versüßt hatte? Er schielte zu seiner Gefährtin, die jeden Morgen das Mahl bereitete.

»Du hast heute besonders lecker gekocht.«

»Dann behalte es gut in Erinnerung, damit es dich wieder nach Hause lockt.«

Im Augenwinkel bemerkte er, wie Alwine Gunnar anstieß. Die beiden wussten sicher schon länger, dass Daglind in ihn verliebt war. Wie wichtig war sie ihm, wenn es ihm nichts ausmachte, sie zu verlassen?

»Das ist für dich.« Gunnar wies auf die Waffen, die neben der Haustür bereitlagen.

»Ich passe gut darauf auf, versprochen.« Er nahm noch einen Löffel voll in den Mund und schluckte. Traurig über den Abschied, quoll zugleich sein Herz vor Freude über. »Danke für alles. Ihr seid wirklich meine Familie.«

Gunnar lachte. Nach dem Essen ging die Herrschaft hinaus, sie wollten sich mit dem Boten treffen. Daglind wusch das Geschirr. So ruppig hatte Ekwin sie noch nie gesehen.

Er trat neben sie. »Ich werde dich bestimmt vermissen.«

Daglind schniefte zur Antwort.

»Bitte. Es ist die Gelegenheit für mich. So ein Feldzug dauert nur ein paar Monde. Und wenn ich Höhere von …«

»Schon gut«, unterbrach sie ihn.

Sie drehte sich abrupt um und drückte ihn heftig. Sachte erwiderte er die Umarmung.

»Ich muss los.« Er löste sich und küsste Daglind flüchtig. »Der Bote wartet sicher schon.«

Eiligen Schrittes holte er die Kiepe aus seiner Kammer und packte den Beutel mit Essen ein, den Daglind ihm hinhielt. Dann griff er nach Schild, Schwert und Speer und schenkte ihr auf dem Weg hinaus noch ein aufmunterndes Lächeln.

 

Um den Dorfbrunnen versammelten sich die Männer. Nur ein Teil kam mit. Gunnar war nicht der einzige Herr, der seinen Sklaven schickte. Eine Kiepe stand neben Wilrich, der ihn mit einem Schlag auf die Schulter begrüßte. Ekwin nahm den Freund beiseite.

»Vertraut dein Herr dir auch?«

Wilrich nickte. »Als guter Christ würde ich mich nie auf die Seite dieser Heiden schlagen. Und ich schwor bei Gott, für ihn und sein Seelenheil ein paar mitzutöten.« Er näherte seine Lippen Ekwins Ohr. »Trotzdem. Von meiner Beute kaufe ich mich frei.«

»Wie ich.« Er legte die Hand auf das Kreuz und spürte den Bronzehammer darunter. »Gunnar war in all den Jahren wie ein Vater für mich. Ich soll ihm Ehre machen.«

Sie nickten sich gegenseitig zu.

»Ehe wir losmarschieren«, ertönte die Stimme des Boten, »noch ein paar Worte.«

Alle versammelten sich um ihn, lauschten aufmerksam.

»Wir treffen das Heer in drei Tagen Richtung Westen. Die erste Herausforderung ist das lange Laufen. Ihr müsst, im Gegensatz zu den Reitern, zügig mit diesen Schritt halten. Wer es nicht schafft, ist nur Ballast.«

Herausfordernd blickte er in die Runde. Ekwin suchte Ruhe in tiefen Atemzügen. Damals hatten sie Wilrich und ihn über den Boden geschliffen, wenn sie die tagelange Strecke nicht mehr hatten gehen können. Was, wenn er sich zu viel zutraute?

»Gut«, fuhr der Bote fort. »Verabschiedet euch, dann stellt euch paarweise in der Marschformation auf.«