Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei - Thomas Raufeisen - E-Book

Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei E-Book

Thomas Raufeisen

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Beschreibung

Das tragische Schicksal einer deutschen Familie im Spannungsfeld zweier feindlicher Systeme. Ein Stasi-Spion in der Bundesrepublik, der jahrelang seine Familie belügt, dann enttarnt wird und überstürzt mit seiner Frau und zwei Söhnen in die DDR fliehen muss. Doch die Kinder weigern sich, das falsche Spiel mitzuspielen, verweigern sich der Einbürgerung in die DDR. So wird das Leben immer unerträglicher, bis der Vater ihre Flucht zurück in den Westen über Ungarn in die Wege leitet. Doch der Albtraum geht weiter ...

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Thomas Raufeisen

Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei

Eine deutsche Tragödie

Mitarbeit von Henry Bernhard

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2010

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (Buch) 978-3-451-30345-6

ISBN (E-Book) 978-3-451-33554-9

Ein überstürzter Aufbruch

Der 22. Januar 1979 begann als ganz normaler Tag; er war ein Montag. Er war kalt wie der ganze Winter 78/79. Ganze Dörfer in Norddeutschland waren von der Außenwelt abgeschnitten, Schneewälle begrenzten die Straßen. Immer wieder schneite es. Ich war in der Schule, 11. Klasse. Wir hatten nur fünf Stunden, danach fuhr ich mit dem Bus nach Hause, nach Hannover-Ahlem, vorbei an aufgetürmten, schmutzigen Schneebergen am Straßenrand.

Zu Hause würde meine Mutter mit dem Essen auf mich warten, mein Bruder Michael würde auch da sein, der gerade mit einer Grippe flach lag. Aber alles war anders: Kein Essen stand auf dem Tisch; dafür war mein Vater zu Hause und verbreitete Hektik. Er war um diese Zeit sonst immer auf seiner Arbeit. Was war los? War irgendetwas passiert? Michael erzählte mir, dass unser Vater gerade nach Hause gekommen sei. Keine Begründung. Als wir nun komplett waren, teilte mein Vater uns mit, er hätte im Büro einen Anruf erhalten, dass irgendetwas mit unserem Opa passiert sei. Unserem Großvater ginge es plötzlich sehr schlecht, wir müssten zu ihm fahren, vielleicht sähen wir ihn ja das letzte Mal.

Meine Großeltern lebten aber nicht gerade nebenan, sondern wohnten im Osten. Im Seebad Ahlbeck auf der Insel Usedom, ganz im Nordosten der DDR, nahe der polnischen Grenze. Meine Mutter war dort geboren und aufgewachsen. Opa war damals schon relativ alt und auch ein bisschen gebrechlich, so dass diese Nachricht nicht total überraschend kam. Wir hatten zwar damit gerechnet, aber doch gehofft, es würde nicht so schnell passieren. Nun war die Zeit wohl gekommen. Wir mussten also schnell los, was nicht so einfach war, denn ich ging ja zur Schule; die Einreise in die DDR war so kurzfristig auch nicht möglich. Aber unser Vater wollte das irgendwie regeln. Und wie das so ist mit 16, kümmert man sich auch nicht weiter darum. Eine Woche schulfrei außer der Reihe war ja auch nicht übel. Einfach so in der Schule anrufen konnten wir nicht, denn wir hatten zu Hause kein Telefon. Alle meine Mitschüler hatten Telefon, nur wir nicht. Wie oft hatten wir unserem Vater deswegen schon in den Ohren gelegen! Seine Erklärung: „Es gibt doch Telefonzellen, für besonders dringende Fälle habe ich bei der Arbeit ein Telefon.“ Und was nützte uns das, wenn wir uns mit Freunden verabreden wollten?

Ich musste also noch mal in die Schule, die Beurlaubung beantragen. Mein Vater war nicht erfreut über die Verzögerung. Sonst war er doch immer so korrekt in solchen Dingen. Er schien nervös und wollte bald losfahren. Immerhin waren es über 500 Kilometer bis Ahlbeck, dazu noch die unberechenbare Grenzkontrolle und die holprigen DDR-Straßen.

Mein Bruder fuhr mich also noch einmal nach Seelze. Ich füllte im Sekretariat schnell ein Formular aus. Die Sekretärin wünschte uns eine gute Fahrt und alles Gute für den Opa.

Zurück in der Wohnung empfing uns große Hektik. Unsere Eltern waren dabei, das Notwendigste zu packen für eine Reise, die voraussichtlich eine Woche dauern sollte. Die nächste Merkwürdigkeit: Mein Vater packte eine ganze Kiste Super 8-Urlaubsfilme von uns mit ein. Warum tat er das? Er erklärte, er wolle unserem Opa noch einmal, kurz bevor er vielleicht stirbt, ein paar schöne Erinnerungen verschaffen, indem er ihm ein paar Filme vorführte. Eine seltsame Idee. Aber wer versteht schon seine Eltern, zumal, wenn er in der Pubertät ist? Am Nachmittag war das Auto bepackt und los ging’s! Mein Vater fuhr, meine Mutter saß neben ihm und verteilte geschmierte Brote – wie immer. Die schnellste Strecke in Richtung Usedom führt an Berlin vorbei. Also die A2. Hannover, Braunschweig, Helmstedt, Magdeburg… Wir kannten die Strecke, waren wir sie doch schon so oft gefahren.

Rückblick I

Jeden Sommer hatten wir meine Großeltern in Ahlbeck besucht und dort unseren Sommerurlaub verbracht. Für meine Mutter war es die einzige Gelegenheit im Jahr, ihre Eltern zu sehen. Die ersten Jahre fuhren wir mit dem Zug. Für uns Jungs war es wie eine Weltreise: Von Hannover aus ging es nach Hamburg, dort umsteigen nach Stralsund. Stundenlang fuhr der Zug. Von Stralsund waren es noch mal ca. 150 km bis nach Ahlbeck, kurz vor der polnischen Grenze. Eine Fahrt in stinkenden, überfüllten Zügen, in denen man mit den nackten, verschwitzten Beinen an den Kunstledersitzen kleben blieb. Nicht nur die Züge, alles wirkte grau, einfach farbloser als ich es gewohnt war. Bei meinen Großeltern war es aber immer sehr schön, sie besaßen ein Haus, meine Oma vermietete Ferienzimmer, mein Opa seine 30 Strandkörbe. Alles in allem sehr idyllisch. Die Weltreise war aber auch eine Zeitreise. Die Autos sahen alle altmodisch aus. Die prächtigen Villen in Ahlbeck waren verfallen und alle grau. Bei uns zu Hause hatten die Häuser Farben. Ansonsten war es immer ein sehr schöner Strandurlaub, den wir meist mit meinen Cousins aus Erfurt und Gera verbrachten. Die DDR, das war für uns eben das nahe und doch ferne Land, in dem unsere Verwandten lebten. Trotzdem blieb es uns fremd. Wenn es mit der Bahn wieder nach Hause ging, merkte ich schon als kleines Kind, dass nach den Grenzkontrollen, die immer sehr lange dauerten, ein großes stummes Aufatmen durch die Abteile ging. Draußen erschien alles wieder heller, freundlicher, moderner, vertrauter.

Je älter ich wurde, desto bewusster erlebte ich die Merkwürdigkeiten der deutschen Teilung. Warum konnten wir unsere Onkel, Tanten und Cousins besuchen, sie uns aber nicht? Meine Großeltern besuchten uns jedes Jahr in Hannover, seit sie Rentner waren. Inzwischen, seit Anfang der 70er, war es uns auch erlaubt, mit dem eigenen Auto in die DDR zu fahren. Mit dem Auto fuhren wir nun nicht nur nach Ahlbeck, sondern immer auch für ein paar Tage zu meinen Onkel und Tanten in Erfurt und Gera. Ähnlich wie viele Westdeutsche, die in den Osten fuhren, waren wir die „reichen“ West-Verwandten, die viele Wünsche erfüllen sollten und es auch taten. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich ziemlich sauer war, als meine Cousins von meinen Eltern teure „Levis“-Jeans bekamen, ich selber aber mit den Billig-Jeans von „C&A“ herumlaufen musste. Das Markenbewusstsein war im Osten erstaunlicherweise ausgeprägter als bei uns. Mein Onkel in Gera war begeisterter Modellbauer und bekam von uns in der DDR schwer zu beschaffende elektronische Bauteile. Mein Vater ging für ihn sogar das Risiko ein, stapelweise Fachzeitschriften über die Grenze zu schmuggeln. Unsere Onkel, Tanten und Cousins verbrachten ihren Urlaub auch meist in Ahlbeck.

Auch wenn wir jedes Jahr einen Monat in der DDR verbrachten, waren die Erfahrungen über das dortige Leben eher eingeschränkt. Als West-Tourist hatte man einen ganz anderen Stand als ein DDR-Bürger. Bei Versorgungsproblemen konnte man einfach in den Intershop gehen. Zum Beispiel gab es absurderweise im Sommer an der Ostsee in der Kaufhalle oft keine alkoholfreien Getränke. Dann haben wir eben – auch zur Freude meiner Cousins – Fanta und Coca Cola besorgt. Sie waren dann aber doch enttäuscht: Die Coke war ihnen zu süß!

Am wichtigsten aber war immer die Gewissheit, nach einer bestimmten Zeit und wann immer man wollte, diesen Staat wieder verlassen zu können. Die Rückfahrt führte uns immer zu einem Zwischenstopp an der Raststätte „Magdeburger Börde“, um das restliche DDR-Geld auszugeben. Es war streng verboten, Geld in Richtung Westen mitzunehmen. Mein Vater deckte sich im Transit-Intershop mit mehreren Stangen zollfreien Zigaretten ein. Zur Grenze waren es dann noch etwa 30 Kilometer. Hinter der Grenze gaben dann alle Autofahrer Gas, als wenn sie möglichst schnell einen großen Abstand zwischen sich und der DDR herstellen wollten.

Seitenwechsel

22. Januar 1979. Nach höchstens anderthalb Stunden erreichten wir die Grenze an der gespenstischen Grenzübergangsstelle Helmstedt/ Marienborn. Die Kontrolle verlief diesmal zügig, bei diesem kalten Wetter und Schneetreiben war die Autobahn ohnehin recht leer. Wir reisten dann erst mal im Transit in die DDR ein, da wir ja spontan losgefahren waren und kein Einreisevisum besaßen. Mein Vater sagte: „Wir fahren erst mal nach Westberlin und von da aus können wir dann die Einreiseformalitäten erledigen und am nächsten Tag von dort einreisen.“ So erreichten wir ohne Komplikationen das DDR-Gebiet. Jetzt im Winter war hier alles noch grauer, düsterer und dunkler als auf unseren Sommertouren.

Die Fahrt ging also weiter Richtung Berlin; für eine kleine Pause fuhren wir an die Raststätte „Magdeburger Börde“. Mein Vater ging zu einer Telefonzelle, um zu telefonieren. Mit wem auch immer. Danach teilte er uns erfreut mit: „Wir müssen gar nicht mehr nach Westberlin rein. Wir werden bei Berlin eine Unterkunft bekommen, die Einreisepapiere werden über Nacht noch fertig gemacht. Morgen früh können wir gleich weiterfahren nach Ahlbeck!“ So einfach? Uns sollte es recht sein.

Weiter ging es auf der Autobahn. Inzwischen war es schon dunkel geworden. Gegen Abend erreichten wir den Berliner Ring. An der Raststätte „Berlin-Michendorf“ fuhren wir wieder von der Autobahn ab. Offensichtlich hatte mein Vater sich verabredet, denn er ging dort zu einem Auto und unterhielt sich mit den Insassen. Wir sollten im Auto sitzen bleiben und warten. Klar, war in der DDR einiges anders, aber das kam Michael und mir schon komisch vor. Alles war sehr verdächtig, aber was für einen konkreten Verdacht sollten wir denn schöpfen? Unser Vater war Ingenieur bei der Preussag, war ein bisschen schrullig, schaute gern die „Aktuelle Kamera“, war aber letztlich doch ein ganz normaler Westdeutscher. Wahrscheinlich hatte er mit ein paar West-Mark erreicht, dass unsere Reise problemlos weitergehen konnte. Mir war es auch egal. Mit 16 glaubt man noch an das unbegrenzte Organisationstalent seines Vaters.

Als er nun von dem anderen Auto zurückkam, sagte er: „Wir müssen dem Auto dort hinterherfahren, die Leute führen uns in ein Quartier zur Übernachtung!“ Meine Mutter ahnte wohl irgendetwas und fing an, mit meinem Vater leise zu flüstern. Wir folgten dem LADA, der uns zur Unterkunft führen sollte. Von der Autobahn ging es sehr schnell herunter. Es kam mir vor, als würden wir stundenlang über einsame, schlechte Landstraßen fahren, noch dazu in einem halsbrecherischen Tempo. Wir erreichten ein Dorf und hielten an einem Einfamilienhaus, mitten in der Einöde. Dort wurden wir von einem älteren Ehepaar empfangen, „Schwarzer“ hießen die beiden. Sie sagten uns, wir könnten bei ihnen übernachten. Schön, dass alles so klappte. Mein Bruder und ich haben keinen weiteren Gedanken daran verschwendet, wie merkwürdig dies alles war. Vielleicht waren wir ein bisschen unbedarft und naiv in der Hinsicht, aber wer ahnte schon, was hinter allem steckte! Schnell waren wir im Bett; ein Zimmer für meine Eltern, eins für meinen Bruder und mich.

Michael und ich waren am nächsten Morgen eher genervt als misstrauisch: „Was ist denn nun los, wann kriegen wir unsere Papiere?“ „Ja, Geduld, die kommen schon“, vertröstete unser Vater uns immer wieder. Inzwischen waren zwei Männer zu Besuch gekommen. Sie steckten in schlecht sitzenden grauen Anzügen und trugen die dicken, schwarzgeränderten Brillen, die man im Westen nur noch aus den Heinz-Erhardt-Filmen oder von alten Männern kannte.

Sie gingen mit meinem Vater in das Wohnzimmer. Irgendwann rief mein Vater meinen Bruder und mich dazu. Beigebraune Sitzecke mit Kunstleder-Armlehnen, der obligatorische höhenverstellbare Tisch, eine Schrankwand mit dem üblichen Nippes. Alles wirkte billig, eben wie DDR.

„Ich will Euch erst mal ‚Willi‘ und ‚Jürgen‘ vorstellen.“

Nur Vornamen?

Jetzt rückte er mit der Wahrheit über unseren „kleinen Ausflug“ heraus und es kam der Satz, der mit einem Mal unser ganzes Leben ändern sollte, der unsere Familie zerstören und die geplanten Lebenswege von uns allen umleiten sollte.

„Ich muss Euch beiden eine wichtige Mitteilung machen: Dass es Opa schlecht geht, stimmt nicht. Ich musste ganz schnell von Hannover weg. Ich war in Gefahr, dort verhaftet zu werden. Ich habe dort für die DDR gearbeitet!“ Michael und ich verstanden kein Wort.

Für die DDR? Er war doch Geologe bei der Preussag!

„Ich habe als ‚Kundschafter des Friedens‘ gearbeitet …“

Kundschafter des Friedens? Was heißt das denn? Das hässliche Wort „Spion“ nahm er nicht in den Mund.

„Meine Freunde hier haben mich gewarnt, dass meine Tarnung auffliegt. Wir können nicht mehr nach Hannover zurück, wir müssen uns hier in der DDR ein neues Leben aufbauen.“

In der DDR leben? Nicht mehr nach Hannover zurück? Nie mehr? Was soll das heißen? War das ein Witz? Ein übles Schauspiel? Warum saß unsere Mutter nicht bei uns? Und dennoch: Wir glaubten ihm noch nicht ganz.

Nun mischte sich der Ältere, „Willi“, in das Gespräch ein:

„Zu Eurer eigenen Sicherheit könnt Ihr nicht mehr in die BRD fahren, Ihr habt euch damit abzufinden, Hannover niemals mehr wieder zu sehen! Hannover könnt Ihr höchstens wiedersehen, wenn es sozialistisch geworden ist!“

Hannover sozialistisch? Was erzählt der da für einen absurden Blödsinn? Wer ist das überhaupt? Und warum duzt der uns? Was hat der uns zu sagen, dieser Willi? Der kennt uns doch gar nicht! Wir sind doch freie Menschen!

Die Herren seien vom Ministerium für Staatssicherheit, sagte mein Vater. Er sagte nicht „Stasi“, er sagte wirklich „Ministerium für Staatssicherheit“. Keiner im Westen tat das! „Uns wird es auf keinen Fall schlechter gehen als im Westen, sie haben mir versprochen, uns alle Unterstützung zu geben, die wir für das Einleben hier brauchen. Wir werden fast so weiterleben wie bisher.“

Wie soll das denn gehen? In der DDR wie im Westen leben? In diesem grauen Land? Wir kannten doch die DDR ein bisschen. Was passiert hier gerade mit uns? Und warum, verdammt noch mal, war Mutter nicht bei uns?

Ich hatte erst einmal ein Gefühl völliger Leere in mir. Träume ich das Ganze, wache ich gleich auf? Ich stand neben mir und beobachtete mich. Alles war unwirklich. Und dann diese Aussage, „wenn Hannover sozialistisch wird“. Sollte das ein Trost sein oder eine Drohung? Ich habe es jedenfalls eher wie eine Drohung uns gegenüber empfunden: Die waren nicht unsere Freunde. Im Gegenteil. Vielleicht die Freunde meines Vaters. Sie haben es nicht mal hingekriegt, das psychologisch so aufzubauen, dass sie uns Mut machten. Im Gegenteil. Schon in dem Moment war die Sache verloren für die. Aber das haben sie nicht begriffen.

Also, wenn die die Wahrheit sagen, heißt das, dass alles, was ich bisher gelebt habe, nicht mehr da war! Was soll denn jetzt hier passieren? In der DDR leben? In dieser tristen dunklen grauen DDR leben? Wann wache ich endlich auf aus diesem bösartigen Albtraum? Das geht doch alles nicht. Muss ich das hier ernstnehmen? Unmöglich!

Mein Leben war in diesem Moment zu Ende, das Gefühl hatte ich. Ich hörte meinen Vater und die Männer zwar noch auf uns einreden, aber ich verstand nichts mehr. Als ob der Ton im Film abgestellt würde und sich die Münder lautlos bewegten. Ich hatte in diesen Momenten das Gefühl, ich wäre gar nicht mehr körperlich da, würde irgendwie neben mir schweben. Ich bekam gerade noch mit, dass Michael, mein Bruder, anders reagierte, viel impulsiver. Er sprang auf mit „Leckt mich alle am Arsch!“ und rannte raus. Im Weglaufen rief er noch, dass er sich umbringen wolle, vor die S-Bahn werfen oder mit seinem Schal aufhängen. Unsere Mutter, die inzwischen dazu gekommen war, lief hinter ihm her. Ich war erst mal völlig erstarrt, konnte mich gar nicht rühren. Etwas war abgeschnitten. Mein Leben. Ich war nicht tot, aber auch nicht lebendig.

Warum hat uns unser Vater nicht früher aufgeklärt, warum hat er uns mit Hilfe einer Lüge in die DDR gelockt? Konnte er sich nicht denken, was das für uns bedeuten würde? Kannte er uns so schlecht? Er hätte uns den wahren Grund unseres überstürzten Aufbruches noch in Hannover erzählen müssen. Mein Bruder war schließlich schon volljährig und ich selbst mit 16½ Jahren auch kein Kind mehr. Wir hätten dann beratschlagen können: Was machen wir? Wenn überhaupt, wäre er mit Sicherheit alleine gefahren. Und was ist mit Mutter? Hat sie davon gewusst? Seit wann? Schon immer? Hat sie das Spiel mitgespielt? War sie auch Spionin? Sie sind doch damals in den 50ern zusammen aus der DDR in den Westen geflüchtet! Oder war sie so ahnungslos wie Michael und ich? Nein, dann wäre sie jetzt nicht so gefasst.

Je länger diese Geschichte her ist, umso kritischer sehe ich die Rolle meines Vaters. Er hat uns verraten.

Ich weiß nicht mehr, wie ich aus dem Wohnzimmer wieder rausgekommen bin, wie dieser Tag weiter verlief, ob wir etwas gegessen haben. Ich weiß nur noch, dass mein Vater uns sagte, dass dieses Haus für die nächste Zeit unser Quartier werden sollte, bis wir etwas anderes gefunden hätten. Wir befanden uns in Eichwalde am süd-östlichen Rand Berlins.

In den folgenden Tagen und Nächten versuchten meine Eltern erst einmal, uns alle am Leben zu erhalten. Meine Mutter nahm uns oft in den Arm, tröstete, versuchte – gegen ihre eigene Verzweiflung und ihr eigenes Misstrauen – Hoffnung und Zuversicht zu verbreiten: Dass es schon nicht so schlimm kommen würde, dass ja noch nicht alles verloren sei… Zur Sicherheit schliefen wir Jungs in den ersten Tagen bei unseren Eltern – mein Bruder bei unserem Vater, ich bei unserer Mutter. Denn gerade bei meinem Bruder konnte man nie wissen, was er anstellte, wenn er in Rage war.

Als Erklärung für die Vorgehensweise meines Vaters kann ich heute nur vermuten, dass er damit die Familie zusammenhalten wollte. Im Westen drohte ihm die Verhaftung wegen Spionage. Er würde seinen Job verlieren und als einziger Ernährer der Familie ausfallen. Meine Mutter war ja Hausfrau. Außerdem haben seine Freunde von der Stasi behauptet, nicht nur er, sondern auch meine Mutter wäre im Westen verhaftet worden, mein Bruder und ich würden im Kinderheim landen. Aber was sollte denn meine Mutter mit der Spionage zu tun haben? Sie war eine naive Frau, die sich nicht um politische Dinge kümmerte. Die Stasi-Männer hatten meinem Vater dagegen eine goldene Perspektive präsentiert: Uns würde es in der DDR an nichts fehlen, unseren Lebensstandard würden wir natürlich halten, seinen Kindern würden alle Möglichkeiten für die Zukunft offen stehen. Das muss ihn überzeugt haben.

Nicht aber meinen Bruder und mich! Wir hatten ja nichts getan. Was konnten wir dafür, dass unser Vater ein Spion war? Sippenhaft gab es doch nicht mehr! Wir wollten zurück, nach Hause, in unsere Straße, in unsere Wohnung, in unser Zimmer, zu unseren Freunden, nach Hannover – notfalls auch ohne unseren Vater. Mein Bruder schrie meinen Vater deswegen auch unentwegt an. Der wirkte hilflos, seine Selbstsicherheit, seine Autorität, der wir uns sonst so schwer widersetzen konnten, war plötzlich verschwunden. Er hatte die Fäden, die unser Leben bislang gesteuert hatten, nicht mehr in der Hand. Er hatte sie abgegeben wie unsere Reisepässe. Erreicht hat er eigentlich das genaue Gegenteil von dem, was er wollte: Die Familie zerbrach vor seinen Augen. Seine Söhne hatten keinen Respekt mehr vor ihm. Er hat uns nicht nur getäuscht, sondern auch völlig enttäuscht. Wir haben ihm nichts mehr geglaubt, ihm nicht mehr vertraut. Er war sehr überrascht, mit welcher Heftigkeit er das von uns zu spüren bekam.

Und unsere Mutter? Sie hatte vom wahren Grund der Fahrt in die DDR auf der Autobahn schon an der Raststätte Michendorf erfahren, konnte dann in der ersten Zeit aber nur dafür sorgen, dass wir Kinder nichts erfahren, um die Flucht nicht zu gefährden. Viel später erst hat sie mir mehr über diese ersten Stunden erzählt. Auch sie fühlte sich von ihrem Mann getäuscht und betrogen. Nur musste sie noch den Schein wahren! Die erste Nacht in diesem seltsamen Haus hat sie schlaflos verbracht, stundenlang mit meinem Vater diskutiert. Sie wollte mit uns Jungs zurückfahren, sofort am nächsten Morgen. Sie hätte ja nichts verbrochen, sie würde sich schon irgendwie durchschlagen. Besser allein mit uns als wieder in der DDR leben… Aber mein Vater hatte unsere Pässe ja schon abgegeben. Und ob die Stasi die wieder rausrücken würde? Meine Mutter hat ihm sogar mit Selbstmord gedroht.

Wir blieben also erst mal im Gästehaus der Stasi in Eichwalde, voller Ungewissheit, wie es weitergehen sollte; mein Vater zunächst noch voller Hoffnung, dass sich alles finden würde. Er versuchte, Zuversicht zu verbreiten: „Alles wird gut, uns wird es hier auch gut gehen.“ Aber er wurde uns, meinem Bruder und mir, total fremd. Er war plötzlich ein völlig anderer Mensch als davor. Weil diese Geschichte eine Facette an ihm offenbart hatte, die wir nicht kannten, die aber doch wesentlich für einen Menschen ist! Aus einem biederen Familienvater war über Nacht plötzlich ein Spion geworden, ein Verräter, ein Spitzel. Welcher war nun der echte – der Familienvater oder der Spion?

Ich war 16, voll in der Pubertät, interessierte mich für Mädchen, für Autos, für Musik, für Abba, Boney M, Supermax, Sweet, Slade und die Sparks. Mein Bruder war schon etwas weiter: Er hatte eine Freundin und ein Yamaha-Moped und hörte schwerere Musik - Pink Floyd, Genesis und Supertramp. Die DDR als politisches Gebilde spielte für uns Jungen keine Rolle. Die RAF und ihre Anschläge – das war ein Thema. Aber doch nicht die DDR mit ihrer komischen Stasi!

Unsere Achtung vor unserem Vater sank jedenfalls in den Keller. Weil er eben das Vertrauen nicht gehabt hat, uns noch in Hannover einzuweihen und uns selbst entscheiden zu lassen, wo wir leben wollten. Das haben wir ihm auch zu spüren gegeben, mehr oder weniger subtil. Seine Vorschläge, seine Pläne und Hoffnungen, wie unser Leben in der DDR aussehen könnte – wir haben sie alle von uns geschoben: „Was erzählst du uns denn da? Du hast doch keine Ahnung!“ Wir hatten auch ein Gespür dafür, dass er die Sache gar nicht mehr steuern konnte.

Zwei Tage nach unserer „Entführung“ hatte meine Mutter Geburtstag, ihr 49. Kaffee und Kuchen mit der Stasi; die hatte auch als einzige Geschenke – 6 Bleikristall-Weingläser und ein Minibuch „Dr. Sorge funkt aus Tokyo“.

Auffällig war, dass in der Nähe „unseres“ Hauses auch vor anderen Häusern noch West-Autos mit DDR-Kennzeichen standen. Mein Vater scheint also nicht der einzige gewesen zu sein, der sich in die DDR geflüchtet hatte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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