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Die hier vorgelegte Fallstudie zum "Zeitungskrieg" in Lengerich um 1930 geht den gefährlichen Ideen aus dem völkisch-nationalen, antisemitischen Lager auf den Grund. Es ist dies die erste seriöse Untersuchung über die Anfänge des Tecklenburger Landboten.
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Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Die Ergebnisse aus der Beschäftigung mit der Geschichte des Tecklenburger Landboten im Zeitraum 1930 – 1933 durch Herrn Dr. Alfred Wesselmann waren für uns in weiten Teilen neu – und bestürzend.
Bischof+Klein baut auf den Prinzipien der Transparenz, Integrität und des Respekts für alle Menschen auf. Wir begrüßen somit die historische Aufarbeitung und unterstützen diese ausdrücklich.
Unser Unternehmen hat während dieser Zeit eine wichtige Rolle in der Region gespielt, die kritisch betrachtet werden muss. Wir erkennen an, dass diese Phase der Geschichte unseres Landes entscheidend für die späteren folgenreichen Entwicklungen war, die zu unermesslichem Leid und Unrecht geführt haben. Es ist uns wichtig, offen und ehrlich mit dieser schwierigen Vergangenheit umzugehen, die Verantwortung für die Handlungen unseres Unternehmens in dieser Zeit zu übernehmen und daraus zu lernen.
Als mittelständisches Unternehmen, das seit Generationen in Familienbesitz ist, sind wir uns unserer besonderen Verantwortung bewusst. Wir haben uns fest unverhandelbaren Werten verschrieben, die nicht nur den Kern unserer Geschäftstätigkeit, sondern auch das Fundament unserer Beziehungen zu Kunden, Mitarbeitern, Partnern und der Gesellschaft bilden: Unser Unternehmen wendet sich in aller Deutlichkeit gegen Extremismus jeder Art und setzt sich aktiv für die in unserem Grundgesetz verankerten Werte und Prinzipien ein.
Wir können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber wir können uns ihr stellen und wir können unsere Lehren daraus ziehen.
Dr. Tobias Lührig, Vorstandssprecher Bischof + Klein (August 2024)
Vorwort
1.
Einleitung
2.
Quellen
3.
Vorgeschichte
3.1. Die Firma Bischof+Klein
3.2. Die Lengericher Zeitung und die Landwirtschaft
3.3. Der Tannenbergbund (TB) in Lengerich und Umgebung bis 1930
4.
Der Zeitungskrieg
4.1. Schriftleiter Siegfried Zander (29. November 1930 – 15. Mai 1931)
4.2. Schriftleiter Ernst Klein (16. Mai 1931 – 23. Juli 1931)
4.3. Schriftleiter Herbert Frank (24. Juli 1931 – 15. Januar 1932)
4.4. Schriftleiter Dr. Hermann Schulte-Herkendorf (1. Februar 1932 – Ende 1932)
4.5. Herbert Franks Wirken im Kreis Tecklenburg nach seiner Entlassung
4.6. Schriftleitung Dr. Hermann Schulte-Herkendorf und Lothar Petzold (3. Februar 1933 – 31. Dezember 1944)
5.
Juristische Auseinandersetzungen
5.1. Unlauterer Wettbewerb des TL: Haller Kreisblatt, Lengericher Zeitung und Tecklenburger Kreisblatt
5.2. Die Entlassung des Schriftleiters Siegfried Zander
5.3. Das Verbot des Tecklenburger Landboten für vier Wochen am 3. August 1931
5.4. H. Frank „züchtigt“ R. Bischof mit der Hundepeitsche
5.5. Die Entlassung des Schriftleiters Herbert Frank
5.6. Das Verbot des Tecklenburger Landboten vom 15. Januar 1932 bis zum 10. Februar 1932
6.
Fazit
7.
Ausblick
8.
Quellen und Literatur
Meine Beschäftigung mit der Geschichte der Stadt Lengerich im 20. Jahrhundert steckt in den Anfängen. Sie hat einige vorzeigbare Ergebnisse gebracht. Themen und Interessen führten dabei häufiger zu Verdichtungen. So war es auch bei der Beschäftigung mit der Presselandschaft in Lengerich um 1930.
Eine fast schon naive Herangehensweise öffnete den Blick auf erklärungsbedürftige Sachverhalte. Warum sollte es in dem kleinen Lengerich neben zwei etablierten Zeitungen (Lengericher Zeitung und Kreis Tecklenburger General-Anzeiger) noch eine dritte Zeitung – nämlich den Tecklenburger Landboten – geben? Und als der Tecklenburger Landbote die Bühne betrat, stellte sich bald heraus, dass die Rede vom Wolf im Schafspelz eine Verharmlosung war. Hier wurde ein veritabler Feind der republikanischen, demokratischen Staatsform erkennbar.
Dieser Befund verlangte eine vertiefte Beschäftigung, die ich hiermit vorlege. Das Ergebnis soll in überschaubarer Form den Anfang und das Ende eines ungewöhnlichen Zeitungskrieges in Lengerich schildern. Ich habe mich bewusst auf Lengerich und den Kreis Tecklenburg im Sinne einer Fallstudie beschränkt. Dass es ähnliche Abläufe auch anderswo im Deutschen Reich gegeben hat, ist mehr als wahrscheinlich.
Wenn diese Fallstudie etwas lehrt, dann ist es die dringende Warnung vor den schrecklichen Vereinfachern („terribles simplificateurs“), an denen es heute nicht mangelt.
Diese Arbeit ist nicht die Arbeit eines Einzelnen. Facetten des Themas wurden immer wieder im Arbeitskreis Stadtgeschichte des Heimatvereins Lengerich diskutiert. Aus diesem Kreis waren es Bernd Hammerschmidt und Dr. Alois Thomes, die mit Hinweisen und Korrekturen dem Skript auf die Beine geholfen haben. Ihnen gilt mein Dank. Klaus Adam war es, der letzte Hand an das Layout gelegt hat. Harald Klöpper muss ich aber ganz besonderen Dank aussprechen, weil er mit Hinweisen auf weitere Quellen, mit sorgfältigster Lektüre des Skripts und schließlich mit der Herstellung des Layouts diese Publikation erst möglich gemacht hat. Deshalb ist eine mir eine Ehre und Pflicht zugleich, seine Mitarbeit im Titel zu erwähnen.
Fehler und Unzulänglichkeiten habe ich allein zu verantworten.
Lengerich, im Oktober 2024
Noch heute nennt sich der Lengericher Lokalteil der Westfälischen Nachrichten „Tecklenburger Landbote“, was zunächst vom Titel her auf einen Ursprung im 19. Jahrhundert schließen lassen könnte. Tatsächlich erschien der „Tecklenburger Landbote“ zum ersten Mal am 29. November 1930 mit einer Wochenendausgabe. Das Datum erstaunt, weil sich die Weimarer Republik damals mitten in einer Wirtschaftskrise befand, die Investitionen eher verhinderte als beförderte. Welche anderen als wirtschaftliche Absichten können heute hinter der Gründung des Tecklenburger Landboten rekonstruiert werden?
Außerdem befand sich nicht nur die Wirtschaft in einer Krise sondern auch die parlamentarische Demokratie. Seit dem Bruch der Großen Koalition (27. März 1930) verlagerte sich die legislative Gewalt vom Reichstag auf die Regierung. Der vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg ernannte Kanzler Heinrich Brüning hatte keine parlamentarische Mehrheit mehr. Sein Präsidialkabinett regierte deshalb mit Notverordnungen (mittels Artikel 48 der Weimarer Verfassung). So wurden 1931 z. B. 44 Notverordnungen von der Regierung erlassen, aber nur 34 Gesetze im Reichstag verabschiedet.
In die Zeit der Gründung des Tecklenburger Landboten fielen zudem die erhitzten Debatten über die Umstellung der deutschen Reparationszahlungen durch den Wechsel vom Dawes- zum Youngplan. Zeitgleich initiierte Reichskanzler Brüning eine Deflationspolitik, beharrte auf einer „Schuldenbremse“, die trotz Steuererhöhungen u. a. schwere Einschnitte in die Sozialausgaben bewirkte. Das alles zusammen verstärkte bei vielen Menschen den Eindruck, der Tagespolitik hilflos ausgeliefert zu sein. Der Wahlerfolg der NSDAP bei den Reichstagswahlen vom 14. September1930 (sie wurde mit 18,3% zweitstärkste Partei) lässt sich auch auf diesem Hintergrund erklären.
Wie würde sich der neue Tecklenburger Landbote politisch positionieren? Republikanisch (SPD, Zentrum, DDP etc.), „vaterländisch“ und national (DNVP etc.) oder gar völkisch (NSDAP und ähnliche Gruppierungen)?
Schon die erste Nummer des Tecklenburger Landboten machte keinen Hehl daraus, dass an dem Zusammenbruch nach dem Ersten Weltkrieg, an der folgenden Inflation und der damals aktuellen Finanzkrise seiner Ansicht nach nicht deutsche Kriegsschuld, sondern verborgene Hintermänner der „jüdischen Hochfinanz“ zu suchen seien. Die hätten sich verabredet, Deutschland zu vernichten.
Damit pries sich der Tecklenburger Landbote schon in seiner ersten Ausgabe als nationalistisches und antisemitisches Sprachrohr an. Antisemitismus in organisierter Form war in überschaubaren Zahlen bereits 1890 in Lengerich feststellbar mit dem „Christlich-Deutschen Verein“1. Ihm folgte gleich nach dem 1. Weltkrieg die Lengericher Ortsgruppe des Reichshammerbundes.2 Im Januar 1924 gründete sich der Lengericher Stahlhelm (Bund der Frontsoldaten).3 Mit dem Erscheinen des Tecklenburger Landboten wurde aber erstmalig antisemitisches Gedankengut sechs Mal pro Woche in tausendfacher Auflage gedruckt und ausgeliefert.
Wer waren auf der Ebene der großen Politik die Repräsentanten dieser Propaganda?
„Im Zusammenwirken dieser drei, Ludendorff, Hitler und Streicher, ist jene große antisemitische Propagandawelle entstanden, die schließlich sechs Millionen unschuldiger Menschen den Tod bringen sollte. […] Der Mord an sechs Millionen Juden war nicht möglich ohne die Mordbereitschaft vieler Beteiligter. Die antisemitischen Publikationen der prominentesten drei deutschen Antisemiten Ludendorff, Hitler und Streicher haben diese Bereitschaft geschaffen.“4
Von den drei hier genannten Antisemiten braucht Adolf Hitler (1889 – 1945) nicht besonders erklärt werden. Anders verhält es sich mit dem Namen Julius Streicher (1885 – 1946). Er war Nationalsozialist, Gauführer, Eigentümer und Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“. Streicher wurde 1946 hingerichtet.
Für den TL ist vor allem Erich Ludendorff (1865 – 1937) entscheidend. Er ist aus seiner Zeit als General im Ersten Weltkrieg bekannt. Obwohl es Kritik an seiner militärischen Führungsrolle gibt, ist sie geringer im Vergleich zu dem, was man Ludendorff für sein Tun nach 1918 vorwerfen kann: Flucht aus der Verantwortung für den Ausgang des Krieges, Teilnahme am Kapp-Putsch 1920 und gleich wieder am Hitler-Putsch 1923. Von 1924 bis 1928 war er dennoch Reichstagsabgeordneter für die NSDAP. 1925 kandidierte er für das Amt des Reichspräsidenten, erhielt aber nur 1,1% der Stimmen. Dafür machte er seinen Rivalen im völkischen Lager, Hitler, verantwortlich, und auch deshalb brach Ludendorff 1928 mit der NSDAP.
In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre verlagerte Ludendorff seine Energie zunehmend in den Aufbau einer politisch-religiösen Weltanschauungsgemeinschaft: den Tannenbergbund (hiernach: TB). Er ist nach der siegreichen Schlacht 1914 bei Tannenberg in Ostpreußen benannt. Dieser Sieg begründete den Mythos, der sich um Ludendorffs Person rankt. Die deutlich wahrnehmbare religiöse Komponente des TB geht auf die Lehren der zweiten Ehefrau Ludendorffs zurück, Mathilde Ludendorff (1877 – 1966). Die Weltanschauung der Ludendorffs, das sogenannte „Haus Ludendorff“, war völkisch, rassistisch und antidemokratisch.
Der Nationalsozialismus war die im völkischen Bereich „erfolgreichste“ Bewegung. Der TB gehört ebenfalls in dieses Spektrum, konkurrierte heftig mit dem Nationalsozialismus und versuchte sich durch eine besonders dogmatische, konsequente und kompromisslose Anwendung dieser Gedanken zu beweisen.
Was hat Ludendorff mit Lengerich zu tun?
Die „Lehren“ Ludendorffs und des TB fanden gegen Ende der 1920er Jahre Anhänger in Lengerich, so auch bei den damaligen Eigentümern der Firma Bischof+Klein (hiernach B+K). Darum geht es in der folgenden Abhandlung. Sie rückt also ein vermeintliches „Gossenthema“5 in den Mittelpunkt.
Die Firma B+K hat bezüglich des inzwischen verkauften Tecklenburger Landboten eine äußerst problematische Geschichte. So viel vorweg: was ich über die Zeit von 1930 bis 1933 darlege, übertrage ich in keiner Weise auf das heutige Unternehmen Bischof+Klein.
1) Vgl. die Gründung des „Christlich Deutschen Vereins“ 1890 in Lengerich: Satzung: LZ, 10. Dezember 1890, Ankündigung antisemitischer Vorträge: LZ, 18. April 1891, 14. Oktober 1891, 17. Februar 1892. 1891 soll der Verein laut LZ 100 Mitglieder gehabt haben, zu den Vorträgen sollen weit über 500 Lengericher gekommen sein: LZ, 21. Oktober 1891.
2) Vgl. LZ, 14., 15. und 21. Januar 1919. Zum Reichshammerbund vgl. wikipedia:https://de.wikipedia.org/wiki/Reichshammerbund.
3) Vgl. LZ, 30. Januar 1924. Reichsweite Gründung bereits am 25. Dezember 1918.
4) Hans Rudolf Berndorff, General zwischen Ost und West. Aus den Geheimnissen der Deutschen Republik (München, 1951), S. 67. Mir ist die problematische Vergangenheit von Berndorffs (1895 – 1963) im „Dritten Reich“ bekannt. Doch ist sein Urteil unabhängig von seiner Person richtig.
5) Der Begriff „Gossenthema“ stammt aus Joachim Fest, Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend (Hamburg, 42006), S. 352. Fest bezieht sich auf seinen Vater, der meinte, dass es sich nicht lohne, sich mit Themen und Personen der Dritten Reichs zu beschäftigen, da hier nur das moralisch Minderwertige zum Vorschein gebracht würde. Fest übernahm hier nicht die Ansicht seines geschätzten Vaters.
Firmengründer waren Hermann Bischof (1869 – 1933) und Alwin Klein (8. Oktober 1859 – 19. Mai 1936). Sie waren Schwäger, da Alwin Klein 1889 die Schwester des Hermann Bischof, Magdalene Bischof, geheiratet hatte. Sie begannen 1892 in Lengerich mit dem Druck von Erbauungsliteratur und der Produktion von Holzbranntmalerei und Alabasterfiguren, alles religiöse Devotionalien, die Alwin Klein in seiner Tätigkeit in den Bodelschwingh’schen Anstalten in Bielefeld-Bethel kennengelernt hatte.
Hermann Bischof zog sich 1905 zurück aus dem Unternehmen. Diese Trennung war nicht einvernehmlich, denn Hermann Bischof schrieb:
„Die bisherigen nach meiner Meinung rechtlosen geschäftlichen und privaten Verhältnisse, deren gerichtliche Entscheidung ich mir vorbehalte, zwingen mich hiermit meinen Austritt aus dem Geschäft der Firma Bischof und Klein hierselbst zum 1. April 1906 zu erklären.“12
Hermann Bischof erlaubte seinem Schwager Alwin Klein allerdings, den Namen Bischof weiterhin im Firmennamen zu führen. Es mag an dieser Stelle angemerkt werden, dass damit der spätere „Zeitungskrieg“ eine Auseinandersetzung war zwischen den Schwägern Alwin Klein und Hermann Bischof, bzw. zwischen deren jeweiligen Kindern Ernst, Hans und Werner Klein und Rudolf Bischof.
Bis 1914 florierte das Unternehmen. 1896 wurden 20 Personen beschäftigt, 1913 waren es schon 56. Alwin Klein und seine Söhne teilten sich im Unternehmen diverse Führungsaufgaben. Der Export der ganz deutlich religiös konnotierten Produkte nach Skandinavien und in evangelisch geprägte Regionen des Mittleren Westens der USA ließen Alwin Klein an eine zweite Produktionsstätte in den USA denken.
Der Beginn des Ersten Weltkrieges beendete diese Expansion allerdings abrupt. Außerdem traten die USA im April 1917 in den Weltkrieg ein. Papiermangel tat ein Übriges und der Export in das Ausland kam zum Erliegen. Zeitweise ruhte sogar während des Kriegs die Produktion.
Nach dem Ende des 1. Weltkriegs konnte die Firma B+K sehr schnell wieder an das Vorkriegsniveau anknüpfen. Die Produktpalette blieb zunächst die gleiche. In den 1920er Jahren entwickelte B+K allerdings einen neuen Produktionszweig mit Papiersäcken für die Kalk- und Zementindustrie, was sich schnell als eine Erfolgsgeschichte herausstellte.13
Einen Mann wie Alwin Klein, der in der ostwestfälischen Erweckungsbewegung verwurzelt war, kann man nicht als unpolitisch bezeichnen, obwohl er sich selbst wohl so bezeichnet hätte. Er war ein Kind seiner Zeit und sah sich im mehrheitlich „bürgerlichen“, noch stärker im „national-konservativen“ Lager zu Hause.
Gegen Ende des Krieges betätigte sich Alwin Klein jedoch parteipolitisch, und zwar als stellvertretender Schriftführer in der u.a. antisemitischen Deutschen Vaterlandspartei. Er forderte als Kompensation für die erbrachten Opfer im Ersten Weltkrieg die Annexion Flanderns und stellte sich hinter den Landschaftsdirektor Kapp. Eine Berührung mit den Gedanken Ludendorffs ist wahrscheinlich.14
Dieses kurzlebige Experiment einer annexionistischen15, antidemokratischen und antisemitischen Partei ging nach dem Krieg ideologisch und personell in die Deutschnationale Volkspartei über. 1921 ließ sich Alwin Klein auf Listenplatz 12 für die DNVP als Kandidat für die Kreistagswahl aufstellen.16 Zeitgleich erschien er auf der Liste bei der Repräsentantenwahl der Ev. Kirchengemeinde Lengerich.17
LZ, 11. Februar 1921
Zwei Jahre später deutete sich ein Generationenwechsel an: Die Söhne Ernst Klein (6. Mai 1890 – 8. April 1963), Hans Klein (8. September 1892 – 18. Dezember 1962) und Werner Klein (10. Dezember 1899 – 21. September 1972) wurden Geschäftsführer der Firma.
Wie beim Vater lag auch bei den Söhnen ein oft anzutreffendes Muster der damaligen Zeit vor: bürgerlich-protestantische Personen kompensierten die Kränkungen der Niederlage im Weltkrieg und des Vertrags von Versailles durch völkisch-nationales und antisemitisches Gedankengut, welches sie unsystematisch und kritiklos aufsaugten.
Für die Familie Klein wie für viele Lengericher galt mutatis mutandis außerdem der Spottvers der Weimarer Republik: „Die [evangelische] Kirche ist politisch neutral – aber sie wählt deutsch-national.“
In seiner Geschichte des Unternehmens B+K formuliert Hans J. Teuteberg zutreffend und dennoch etwas nebelhaft, was die Unternehmerfamilie Klein bestimmt haben mag:
„die veränderte weltanschauliche Lage, die nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches die meisten Deutschen nicht unberührt gelassen hat, der zunehmende Schwund der alten naiven Volksfrömmigkeit im Zuge der Urbanisierung und schließlich die Neuorientierung der protestantischen Kirche nach 1918.“18
Ende der 1920er Jahre hatte die Weltwirtschaftskrise Lengerich erreicht und beeinträchtigte alle wirtschaftlichen Aktivitäten. Die örtliche Presse reflektierte auf ihre Weise die nationalen und lokalen Probleme. Das tat sie im friedlichen Wettbewerb mit der jeweiligen Konkurrenz.
Nun trat 1930 vor Ort aber ein neuer Spieler auf: der Tecklenburger Landbote. Von diesem Vorgang gibt Teuteberg folgende Schilderung:
