Freund oder Feind - Alfred Wesselmann - E-Book

Freund oder Feind E-Book

Alfred Wesselmann

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Beschreibung

Freund oder Feind im Krieg auszumachen dürfte eigentlich nicht schwer fallen. Kriegserklärungen, Uniformen, Fahnen und Frontverläufe definieren den Feind. Doch wie ist es mit dem Fremden im eigenen Land? Dies Buch vergleicht die Wahrnehmung des Fremden im Ersten Weltkrieg in Deutschland, Großbritannien und den USA. Dem Fremden begegnete man in allen drei Ländern mit einem Hass, der alle Fesseln des christlichen Abendlandes sprengte oder alle Fortschrittsgläubigkeit des 19. Jahrhunderts zunichte machte. Diese Arbeit strukturiert das vorhandene Material weitgehend synoptisch und ermöglicht so einen Vergleich, der keinen der drei Kriegsbeteiligten in einem günstigen Licht erscheinen lässt. Die hässliche Seite des Umgangs mit dem Fremden ist überall greifbar. Die Stimmen der Menschlichkeit und Vernunft konnten sich nur selten Gehör verschaffen, ganz zu schweigen davon, dass sie je auf die Entscheidungen der Eliten eingewirkt hätten. Dennoch gab es sie, und sie sollen bezeugen, dass man dem Fremden auch anders begegnen konnte.

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Seitenzahl: 629

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Deutschland

2.1. Xenophobie des Alltags

2.1.1. Regionale Beobachtungen

2.1.2. Überregionale Beobachtungen

2.1.3. (Ausländische) Hochschullehrer

2.1.4. Kriegsgefangene und Zivilinternierte

2.1.5. Ikonolatrie und Ikonoklasmus

2.2. „Intellektuelle“ Xenophobie

2.2.1. Der Schutz der deutschen Sprache

2.2.2. Theologische und philosophische Positionen

2.2.3. Lyrische Produkte

2.2.4. Der eroberte Shakespeare

2.3. Alternativen zur Xenophobie

2.3.1. Individuen

2.3.2. Organisationen

Großbritannien

3.1. Xenophobie des Alltags

3.1.1. „Die kleinen Leute“

3.1.2. Deutsche Geschäftsleute und Personen des öffentlichen Lebens

3.1.3. (Ausländische) Hochschullehrer

3.1.4. Kriegsgefangene und Zivilinternierte

3.1.5. Institutionen (Unternehmen, Clubs und andere Einrichtungen)

3.2. „Intellektuelle“ Xenophobie

3.2.1. Die Perhorreszierung der deutschen Sprache

3.2.2. Theologische und verwandte Positionen

3.2.3. Schriftseller und Künstler

3.2.4. Shakespeare als Vademecum

3.3. Alternativen zur Xenophobie

Die USA

4.1. Xenophobie des Alltags

4.1.1. Der Mittlere Westen, vor allem Ohio

4.1.1.1. Cincinnati

4.1.1.2. Auglaize County und benachbarte Counties

4.1.2. Personen des öffentlichen Lebens

4.1.3. (Ausländische) Hochschullehrer

4.1.4. Kriegsgefangene und Zivilinternierte

4.1.5. Ikonolatrie und Ikonoklasmus

4.2. „Intellektuelle“ Xenophobie

4.2.1. Der Kampf gegen die deutsche Sprache

4.2.2. Theologische Positionen

4.2.3. Lyrische Produkte

4.2.4. Der neutrale Shakespeare

4.3. Alternativen zur Xenophobie

4.3.1. Individuen

4.3.2. Organisationen

Ergebnisse

Quellen und Literatur

Namensregister

1. Einleitung

Der Titel dieses Buches enthält einige Mehrdeutigkeiten. Dafür bitte ich den Leser um Verständnis und damit um die Geduld, nach der Lektüre zu urteilen.

Das Wort „Begegnung“ weist auf meine ureigene Begegnung mit etwas mir Neuem hin: der Verwirrung bei dem Blick auf Freund oder Feind im Ersten Weltkrieg. Dem Leser mag es ähnlich gehen. Dann bedeutet „Begegnung“ auch, dass Menschen im Ersten Weltkrieg dem Fremden begegneten und sich zu ihm positionieren mussten: als Freund oder Feind.

Wenn ich „Begegnung“ auf mich als Autor beziehe, dann möchte ich mit dieser Wortwahl den Anspruch herunterschrauben. Ich lege nicht eine breit angelegte wissenschaftliche Arbeit vor, die, was Quellen und Literatur angeht, neue Forschungsergebnisse präsentiert. Auch thematisch grenze ich meine Arbeit ein, und zwar auf drei kriegführende Länder. Dazu später mehr. „Begegnung“ haftet etwas Essayistisches an, den Versuch ein Thema auf begrenztem Raum mit begrenzten Mitteln darzustellen.

Was mit „dem Fremden“ als Dativ-Objekt erscheint, kann „den Fremden“ meinen, die fremde Person im eigenen Land, den Landsmann im fremden Land, im Feindesland. Es kann aber auch „das Fremde“ gemeint sein, das in Wort und Schrift, im politischen und militärischen Handeln von den Menschen im Ersten Weltkrieg eine Antwort verlangte.

Wer war im Ersten Weltkrieg Freund und wer war Feind? Das war auf der Makroebene der kriegsführenden Parteien völlig klar. Auf der Mikroebene, im täglichen Leben der Menschen war es ungemein wichtig, sich zu vergewissern, wer Freund und Feind war. Deutschland sah sich von Feinden eingekreist und vom perfiden Albion verraten.1 In Großbritannien waren die wenigen Deutschen der Feind in ihrer Mitte.2 In den USA waren die vielen Deutsch-Amerikaner loyale Agenten des kaiserlichen Deutschland.3 So jedenfalls lautete die einfache Antwort in diesen Ländern.

Diese Wahrnehmung des Fremden als Feind war praktisch immer falsch, selbst wenn man einräumen muss, dass der Fremde nicht immer der Freund war. Ich möchte also bei dem Bild, das man sich von Freund oder Feind machte, etwas genauer hinschauen. Wer von den Deutschen in Großbritannien oder den USA führte sich (verbal) wirklich als Feind auf? Was sagte und was tat er als Feind in seinem Gastland?4

Wer von den Deutschen in Großbritannien oder den USA entzog sich dem verbal-radikalen Schwadronieren für Kaiser, Reich und (überlegener) deutscher Kultur? Wer entzog sich dem nicht nur, sondern widersetzte sich dem sogar, indem er im „Feindesland“ Großbritannien oder USA gegen die Politik des Deutschen Reiches öffentlich oder privat Stellung bezog?

Entsprechendes gilt für Deutschland, bzw. für den Schwerpunkt, den ich so oft möglich in Westfalen setze. Einerseits sind die nationalen, bzw. kulturchauvinistischen Stimmen so penetrant laut, dass man sie nicht überhören kann. Daneben finden sich aber auch die leisen oder differenzierenden Töne. Wo sie zu hören waren, sollen sie hier noch einmal zu ihrem Recht kommen.

Damit ist auch das Thema angedeutet, dass von den vielen Initiativen der Völkerverständigung und Kriegsvermeidung handelt. Sie wurden vor dem Krieg aktiv, doch der Krieg bedeutete das Versiegen ihrer Anstrengungen. Ich beschreibe z. B. Aspekte des Deutsch-amerikanischen Professorenaustausches und der King Edward VII British-German Foundation, behandele jedoch die Aktivitäten dieser bilateralen Organisation in jeweils nationaler Ausprägung.

Spione und Terroristen gab es in Deutschland, Großbritannien und den USA. Aber nirgendwo waren sie eine ernsthafte Bedrohung der inneren Sicherheit. So sollen ihre Taten weniger in den Vordergrund treten als der propagandistische Umgang mit ihren wirklichen oder potenziellen Taten.

Daraus folgt, dass ich die sprachliche Bewältigung des Kriegs besonders betonen möchte. Als der Krieg ausbrach, war eine sprachliche Verständigung weder möglich noch erstrebt. Stattdessen missbrauchte und vergewaltigte man die Sprache, und zwar auf allen Seiten.

Wenn ich gerade noch einmal geschrieben habe, dass der Krieg „ausbrach“, so soll dies das letzte Mal in diesem Buch sein. Der Erste Weltkrieg brach nicht aus wie eine Naturkatastrophe. Es mag die Formel überzogen sein, dass der Weltkrieg bewusst und planvoll (von Deutschland) herbeigeführt wurde. Vielleicht hat man ihn mit schlafwandlerischer Sicherheit herannahen lassen. Vielleicht merkte man zu spät, dass man im falschen Krieg war. Vielleicht waren aber auch Spielernaturen am Werk, die plötzlich die Geister, die sie riefen, nicht mehr los wurden. Diese Spielernaturen fanden sich nicht nur in Politik und Militär. Wissenschaftler, Philosophen, Schriftsteller, Theologen, Journalisten und Unternehmer gehören auch dazu.

Was die Mehrheit von ihnen über den Ersten Weltkrieg sagte oder dachte, verbietet es, weiterhin zu formulieren, dass der Weltkrieg „ausbrach“. Bei mir soll er einfach am 1. August 1914 beginnen.

Der Zivilisationsbruch von 1914 gilt als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, als Beginn eines neuen 30-jährigen Krieges. Etwas von dem verbirgt sich auch in der Aussage von Theodor Lessing:

„Im August 1789 beschlossen die Menschen, Weltbürger zu werden. Im August 1914 beschlossen sie das Gegenteil.“5

Theodor Lessing hat vollkommen recht. Deutsche Intellektuelle formulierten gleich zu Beginn des Krieges die „Ideen von 1914“, die sie gegen die „Ideen von 1789“ in Stellung brachten. Sie propagierten einen deutschen Sonderweg, der einen Siegfrieden nach außen und autoritär imprägnierte soziale Gerechtigkeit nach innen bedeuten würde. Die Schlachten von Verdun und an der Somme pulverisierten die Ideen von 1914.

Die Chiffre von 1789 steht für Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Wenn ich die Bedeutung dieser Chiffre etwas dehnen darf, dann möchte ich den Geist der Ideen von 1789 auch auf den preußisch-amerikanischen Handels- und Freundschaftsvertrag von 1785 beziehen. Im Geiste der Aufklärung wollten Preußen und die USA realistischer Weise den Krieg nicht abschaffen, aber ihm Zügel anlegen: Schutz der Bürger des Feindstaates im eigenen Land, auch seines Eigentums; Schonung der Kriegsgefangenen und anderes mehr.6 Auch diese Ideen verdampften, als die Hitze der nationalen Leidenschaften spätestens mit dem Kriegseintritt der USA (April 1917) hochkochte.

Die folgenden drei Kapitel werden in einer Fülle von Zitaten viele bekannte und hoffentlich auch einige weniger bekannte Äußerungen über Freund und Feind im Ersten Weltkrieg vorstellen. Der Leser möge sie überspringen, wenn sie ihm zu lang sind oder die englische Sprache ihm nicht so geläufig ist. Entsprechend möge er vorgehen, wenn ihm etwa die Schilderung des Umgangs mit deutschstämmigen Geschäftsleuten in Großbritannien oder mit Hochschullehrern zu langatmig erscheint.

Ich betrachte Deutschland und dabei im Schwerpunkt Westfalen. Dann schildere ich in einem eigenen Kapitel die Lage in Großbritannien. Dem folgt in einem weiteren Kapitel die Darstellung us-amerikanischer Zustände mit dem Schwerpunkt auf Ohio. Begründungen für dieses Vorgehen finden sich jeweils am Anfang der entsprechenden Kapitel. Ich bin völlig sicher, dass das gleiche Bild von Freund und Feind sich auch einstellen wird, wenn man das Untersuchungsgebiet über meine Schranken hinaus erweitert.7

Viele Episoden zeigen, wie den Menschen – Funktionsträgern wie einfachen Menschen – die Maßstäbe verloren gingen: Der Feind war eigentlich oft ein Freund; man wollte es nur nicht wahrhaben. Ob die „eigene Sache“ gerecht oder richtig war, mag dahin stehen. Fest steht jedenfalls, dass Menschen verdächtigt wurden, die nach allem, was man hätte wissen können, als Anhänger der „eigenen Sache“ hätten gelten müssen. Es gab keine Gleichbehandlung unter dem Banner der Xenophobie. Es konnte auf höchst irrationale Weise jeder zum Opfer werden. Und es konnte ein eigentlich idealer Sündenbock übersehen, vergessen oder (aus Gründen der „Staatsraison“) geschont werden. Sippenhaft wurde zur alltäglichen Routine. Urteile, die mit dem Pathos der Hochbedeutsamkeit vorgetragen wurden, degenerierten zu Fehleinschätzungen, die Hohn und Spott über den Urheber ausgegossen hätten, wäre der Krieg nicht so blutiger Ernst gewesen.

Die Menschen fielen zurück auf ein Niveau atavistischer Verhaltensweisen.

Die oft bösartigen Aussagen über den vermeintlichen Feind einerseits und die kritische Sicht auf das Handeln der eigenen Seite andererseits möchte ich, wo immer möglich, stärker herausarbeiten, als es in der vorhandenen Literatur geschieht.

Es wäre leicht, viele der folgenden Befunde auf die spätere Geschichte zu projizieren. Mit einer Ausnahme, die ich in dem 5. Kapitel Ergebnisse aufgreife, verzichte ich darauf und überlasse es dem Leser, diese Verbindungslinien selbst zu ziehen.

Einige Hinweise formaler Art: Dem Anspruch meiner Arbeit wird es genügen, wenn ich den wissenschaftlichen Apparat begrenze. Zitate u. ä. aus umfänglich genutzten zeitgenössischen Periodika weise ich im Text mit einfacher Datumsangabe nach. Das gilt für den Westfälischen Merkur (Münster), der als MERKUR, das Tägliche Cincinnatier Volksblatt, das VOLKSBLATT, die Wochenzeitungen Minster Post, die als POST, der Stern des westlichen Ohio aus New Bremen, der als STERN, sowie für die Londoner Times, die als TIMES erscheint.

Nachweise aus der Literatur erfolgen im Text mit Kurzverweis (Autor, ggf. Erscheinungsjahr) in den Fußnoten. Der vollständige Nachweis findet sich im Literaturverzeichnis am Ende der Arbeit. Hier führe ich auch die archivalischen Quellen auf, die ich aber auch schon im Fließtext vollständig nachweise. So verfahre ich auch bei Zeitungen, Zeitschriften und Internet-Quellen. Ich zitiere jedoch nicht jeden Wikipedia-Artikel mit dem Datum des Aufrufs im Internet, wenn es in erster Linie nur um die Lebensdaten behandelter Personen geht.

Ich verzichte weitgehend auf Vor- und Rückverweise. Das Namensregister sollte als verlässliche Hilfe genügen.

1 Die Literatur zu diesem Thema ist schier endlos. Ich verzichte daher auf einen auch nur exemplarischen Nachweis.

2 Vgl. Panayi (1991).

3 Vgl. Luebke.

4 Ich mache hier aus Gründen der Textökonomie keinen Unterschied zwischen eingebürgerten Deutschen und Reichsdeutschen.

5 Zitiert nach Piper, 276.

6 Vgl. Arndt.

7 Das wird erkennbar in Panayi (2014) und in Manz (2014).

2. Deutschland

„Eine dauernde Verständigung zwischen Deutschland und England bedeutet den Weltfrieden, bedeutet zugleich auch den Sieg des Fortschritts, der Freiheit, der Zivilisation. Dauernde Zwietracht der beiden Völker oder eine kriegerische Auseinandersetzung würden namenloses Unglück nicht bloß für die beiden Länder, sondern für die ganze Welt bedeuten.“8

Meine Annahme ist, dass Deutschland schon seit Jahrzehnten das feindliche Ausland mit fremdenfeindlichen Stereotypen charakterisierte: ein Gemeinplatz. 1914 wurde dies Bild nicht neu gezeichnet. Unter der Oberfläche und manchmal auch deutlich auf ihr erschienen der russische Bär, die welsche Brut oder das perfide Albion auch schon in den Jahren vor dem Kriegsausbruch.

Mir ist bewusst, dass dieser Gemeinplatz zugleich eine Simplifizierung ist. Es gab schließlich viele abweichende Positionen. Von ihrer Tradition her war die SPD eine internationalistische und pazifistische Partei. Es gab eine bürgerliche pazifistische Bewegung. Männer des „Großkapitals“ machten gern gute Geschäfte mit dem Ausland. In den deutsch-britischen Studentenaustauschen war 1909 die Rede von einer Entente Cordiale von Großbritannien und Deutschland9 – und das nachdem Frankreich und Großbritannien 1904 ihre eigentliche Entente Cordiale geschlossen hatten.

Neu war auf jeden Fall die Fokussierung. Politische und militärische Führung justierten ihre Sicht im August 1914 so, dass nun das demokratische Großbritannien zum Hauptfeind wurde. Im Gegensatz dazu blieben die Sozialdemokraten bei ihren Erzfeind, dem zaristischen, autokratischen Russland.

Mit dem Kriegsbeginn wurde nur der Deckel auf der Büchse der Pandora angehoben, und heraus kamen die Übel der Xenophobie und des maßlosen Dünkels nationaler Überlegenheit. Schnell gesellte sich Hysterie hinzu, die einer Kulturnation, wie sie Deutschland sein wollte, zur Karikatur gereichen musste. Davon soll hier die Rede sein.

Stimmen der Vernunft gab es, und zwar deutlich vernehmbar im individuellen wie im organisatorischen Engagement. Auch sie sollen zu Gehör kommen.

2.1. Xenophobie des Alltags

Der Fremde, oder wer dafür gehalten wurde, wurde vom ersten Kriegstag an zur veritablen Bedrohung. Was konnte er nicht alles sein? Ein Fremdarbeiter zweifelhafter Gesinnung, ein feindlicher Soldat, ein Bombenleger, ein Spion. Die Behörden riefen die Bürger zur Wachsamkeit auf – die die folgenden Ergebnisse zeitigte.

2.1.1. Regionale Beobachtungen

Das „erste unschuldige Opfer dieses großen Krieges“ oder, wie man meinte, des wachen Bürgersinns, war wahrscheinlich die 11-jährige Erika Buddeberg aus Bielefeld. Ihre Eltern waren wohlhabende Geschäftsleute, die es sich leisten konnten, ihre etwas übergewichtige Tochter zu einem Arzt, dem Bruder der Mutter, nach Marburg zu schicken, um abzunehmen. Nun holte die Mutter ihre Tochter in Marburg ab, und zwar mit dem Chauffeur ihres Privatautos.

In Kleinenberg (zwischen Paderborn und Warburg) kam es am 02.08.1914 zu dem Vorfall, den der katholische Pfarrer des Ortes schilderte:

„Mit dem Hauptlehrer Faber machte ich einen kleinen Spaziergang. Als wir von diesem zurückgekommen, hörten wir, wie plötzlich schnell aufeinander mehrere Gewehrschüsse fielen. Bald entstand ein Auflauf. Wir sahen ein Auto langsam die Straße hinabfahren und erfuhren, dass auf das Auto geschossen sei. Ich ging schnell hinterher. Bei der Wirtschaft Temme hielt das Auto, eine Dame rief mir händeringend entgegen: ‚Herr Pastor, helfen Sie mir um Christi Willen, wenn wir auch evangelisch sind.‘

Das einzige Kind der Frau (Kfm. Buddeberg) aus Bielefeld war durch die rechte Brust geschossen. Im Verein mit dem cand. med. August Temme bemühte ich mich um das Kind, doch starb es uns unter den Händen. Bei dieser Gelegenheit lernte ich meine Pfarrkinder so recht kennen. Nase und Mund aufsperrend stand Groß und Klein um die unglückliche Mutter. Da meine Bitten nichts nutzten, fuhr ich mit einem Donnerwetter zwischen die Gesellschaft, die Schuljugend stob bis hinter die Brücke zurück, die anderen wichen wenigstens einige Schritte zurück. Auf Bitten der Frau übernahm ich dann die Aufgabe, den Vater des Kindes, der am andern Tag als Rittmeister ausrücken musste, von dem Drama in Kenntnis zu setzen. Ich hatte der Frau gesagt, sie möge warten, bis ich zurück käme, damit sich in anderen Orten nicht noch ähnliches wiederhole, würde ich mitfahren – doch sie war schon abgefahren.“

Kaum war Frau Buddeberg dem neugierigen Mob in Kleinenberg entronnen, als im nächsten größeren Ort – Paderborn – beinahe das nächste Unglück passiert wäre:

„In Paderborn hätten die Weiber die unglückliche Mutter noch beinahe erschlagen.“

Nun holte der Pfarrer aus, um den größeren Zusammenhang zu schildern, und seine kritische Sicht auf die Stimmung im Land wurde noch deutlicher:

„Von Arolsen [...] war telefoniert worden, ein als Zigeunerin verkleideter Spion [...] sei unterwegs, unter allen Umständen sei das Auto anzuhalten, etc.

Statt nun einfach ein paar Erntewagen quer über den Weg zu fahren, verteilte der Kriegerverein seine 6 Schießprügel und scharfe Munition und der Feind kann kommen. [...]

So kostete die Nervosität der Behörden, die wunderliche Früchte zeitigte, einer Familie das einzige 12-jährige Kind.“10

Ein weiteres schlimmes Beispiel für die Hysterie der ersten Kriegstage überliefert ein Tagebuch. Die Schreiberin war die Frau eines Arztes in Heek nahe der niederländischen Grenze. Unter dem Datum des 03.08.1914 schrieb sie:

„Abends großer Volksauflauf. Zwei Russen seien gefangen. Es waren harmlose russische Erdarbeiter, die den Schutz des Bürgermeisters anriefen. Der Chauffeur von Dr. van Delden – Gronau ist von Bauern erschossen, die meinten, ein verdächtiges, französisches Auto vor sich zu haben.“11

Folgender Bericht aus dem Tagebuch der Agnes Frfr. Heereman von Zuydwyck auf der Surenburg bei Riesenbeck weist in die gleiche Richtung:

„Am Mittwoch d. 5ten [August 1914] fahren wir nochmals [...] per Auto nach Münster. Wir werden 6 mal von Patrouillen mit vorgehaltenen Schusswaffen angehalten. Kurz vor Münster untersucht ein Offizier des 7. Artillerie Regiments das Auto. Man fahndet auf feindliche Spione und Autos, die französisches Geld nach Rußland schaffen sollen.“12

Diese Vorkommnisse lassen sich in eine größeren, reichsweiten Zusammenhang stellen. Das Gerücht von Geld-/Goldtransporten von Frankreich nach Russland mit Autos, die von Spionen gefahren würden, war höchstwahrscheinlich vom Großen Generalstab absichtlich in die Welt gesetzt worden, um die Zivilbevölkerung auf den Krieg einzustimmen. Der Erzfeind Frankreich finanziere damit den Krieg des anderen Erzfeindes. Das müsse verhindert werden.

Vorfälle, wie die gerade geschilderten, gab es also landauf landab. Dabei sollen mindestens 28 Menschen, darunter ein Landrat und eine österreichische Gräfin im Dienst des Roten Kreuzes, zu Tode gekommen sein. Man konnte das Gerücht sogar noch steigern: Die chauffierenden Spione wussten einmal nicht mehr weiter und seien mit ihrem Gold auf Fahrräder umgestiegen.

Als diese Auswüchse der militärischen Führung bekannt wurden, galt es zurück zu rudern. Das quasi amtliche Wolff‘sche Telegraphenbüro meldete, es habe nie „Goldautos“ gegeben.

Die Rheinisch-Westfälische Zeitung, wirtschaftsfreundlich und konservativ, brachte so viel Realitätssinn auf, dass sie nachrechnete:

„Die vermuteten 80 Millionen Goldfranken wögen etwa 26.666 Kilogramm. Um diese Last zu transportieren, seien ca. 50 Automobile, aber doch mindestens 1066 Radfahrer notwendig.“13

Am 08.08.1914 ließ das Stellvertretende Generalkommando in Münster in der Presse bekannt geben: „Keine Jagd mehr auf Automobil“ (MERKUR, 08.08.1914) und am 18.08.1914 verbot es jeden Schusswaffengebrauch von Zivilisten gegen Autos (MERKUR, 18. 08.1914).

Unter dem 03.08.1914 hielt der Verfasser der Münsterischen Kriegschronik fest: „Bei Lengerich soll ein russischer Agent beim Versuche, den Tunnel unserer Eisenbahnlinie nach Osnabrück zu sprengen, erschossen sein.“14

Die Meldung entbehrte jeder Grundlage.

Am 06.08.1914 wurde in Lünen in der Nähe einer Eisenbahnbrücke (nunmehr ein militärisches Objekt) ein Mann angeschossen, der tags darauf beim deutschen Heer einrücken wollte (MERKUR, 07.08.1914). In Mülheim wurde am nächsten Tag ein Mann erschossen, weil man ihn für einen flüchtigen Niederländer hielt (MERKUR, 08.08.1914).

In den Bockholter Bergen nordöstlich von Münster fand ein Übungsschießen statt, was das Vertrauen in einen deutschen Sieg bei einigen Bürgern nachhaltig erschütterte:

„Den Donner der Geschütze trug der Wind auch zu dem 10 Kilometer nördlicher gelegenen Kirchdorf Ladbergen, wo die Einwohner nichts von der Schießübung erfahren hatten, an eine Beschießung Münsters durch schnell vorrückende Franzosen glaubten und teilweise zum Teutoburger Wald flüchteten.“15

In den Westfälischen Nachrichten vom 18.09.2014 stellte Christof Spannhoff einige Informationen zusammen, die er im Archiv der kleinen westfälischen Gemeinde Lienen gefunden hat.

„Da man große Furcht vor feindlicher Spionage hatte, wurden umgehend Straßensperren errichtet und mit bewaffneten Posten besetzt, die den Verkehr kontrollierten. Hierzu sollten vor allem die Mitglieder von Schützen- und Kriegervereinen, die im Umgang mit Waffen geübt waren, herangezogen werden. Zu ihrem Auftrag gehörte anfänglich auch, feindliche Luftschiffe und Flugzeuge zu beschießen.

Da es aber dabei zu einigen versehentlichen Angriffen auf die eigenen Flieger kam, wurde dieser Befehl schnell widerrufen. In Lienen vermutete man vor allem feindliche Anschläge auf den Kattenvenner Bahnhof. Deshalb wurde der Kriegerverein Kattenvenne am 4. August 1914 damit beauftragt, diesen zu bewachen und verdächtige Personen festzunehmen.“16

Am 21.12.1915 explodierte eine Munitionsfabrik in Münster an der Warendorfer Straße. Wenn auch der Sachschaden hoch war, so kamen doch keine Menschen zu Schaden. Interessant ist jedoch, dass trotz aller Siegeszuversicht und trotz aller Erfolgsmeldungen dieses Unglück auf feindliche Sabotage zurückgeführt wurde – eine Annahme, die völlig unbegründet war.17

Dass paranoide Reaktionen auch Männer befielen, die sich zur Elite der Nation zählten und die verantwortliche Positionen einnahmen, zeigt folgendes Vorkommnis. Engelbert Freiherr von Kerckerinck zur Borg (1872 – 1933) hielt sich zu Beginn des Kriegs in Berlin auf und schrieb seiner Frau von dort, dass es schon lange überall im Reich russische und französische Spione gebe, die Cholera- und Typhusbazillen verbreiteten. Sie solle nur ja nicht den 15-jährigen Franzosen, der sich bei ihrem Vikar aufhielt, ins Haus lassen, denn er könne ein solcher Spion sein.18

In Coesfeld lebte ein Major a. D. Schulemann, der mit einer Französin verheiratet war. Bei Kriegsbeginn wurde er reaktiviert und ging ins Feld. Seiner Frau erging es so:

„Diese würdige Dame ist eine geborene Pariserin. Als der Krieg ausbrach, wurde der Mann [...] reaktiviert und eingezogen; die Frau aber als Pariserin wurde von der deutschgesinnten Einwohnerschaft Coesfeldts [!] mit Kohlen beworfen. Sie ist daher aus Coesfeldt geflohen und zwar zunächst nach Brüssel, wo sie mit einer dort lebenden Schwester des Fürsten Chimay in Verbindung trat, die ihr ein Asyl auf dem Schlosse Chimay besorgte.“19

Der Hass auf den Feind enthemmte die Menschen aller Schichten. Dabei hatten Briten mehr als Franzosen unter deutschen Exzessen zu leiden. Freiherr von Kerckerinck war drei Wochen nach seinen Vorsichtsmaßregeln in Sachen Cholera und Typhus an der Westfront. Dort hatte ein deutscher Soldat einen englischen General gefangen genommen.

„Der Soldat, der den General fing, hat sich nachträglich bei seinem Vorgesetzten entschuldigt, er hätte gemeint, der Gefangene wäre ein französischer General, hätte er gewusst, daß es ein englischer General gewesen, so hätte er ihn totgeschlagen.“20

Der englische General war gerade noch mit dem Leben davon gekommen. Schlechter erging es nur wenig später seinen Landsleuten. Mitte September 1914 schrieb Wilhelm Freiherr von Brenken (1888 – 1914) seinem Bruder:

„Die Wut gegen die Engländer ist unbeschreiblich. Vorgestern wurde ein Trupp von ungefähr 40 von ihnen an uns vorbeigeführt, als sie von der Artillerie vorbeikamen, stürzten sich plötzlich die Kanoniere mit wahnsinnigem Geheul auf sie, schlugen drei mit Knüppeln tot u. alle anderen blutig. Es ist ja scheußlich so etwas, die Bewachung war machtlos, aber man kann sich die Wut der Leute sehr gut erklären. [...] Es ist nun durch Befehl bekannt gemacht, daß Engländern kein Pardon gegeben wird.“21

Ich zitiere wiederum den Freiherrn von Kerckerinck, um zu zeigen, wie binnen Monaten – von August bis November – die ethischen Maßstäbe verloren gingen. Er wies auch darauf hin, wie das gesunde Empfinden des einfachen Soldaten den moralischen Skrupeln der Offiziere voraus war:

„Diese allem Völkerrecht Hohn sprechende Art der Kriegsführung [der Briten] ist der Grund, wenn unsere Truppen spontan heute beim Stürmen der englischen Schützengräben nur noch wenige Gefangene machen, sondern alles mit dem Kolben totschlagen. Es ist bewunderungswürdig u. nicht einmal ganz gerechtfertigt, daß die Heeresleitung eine offizielle Erschießung der englischen Gefangenen, bei denen Dumdum-Geschosse gefunden wurden, noch nicht befohlen hat.“22

Die Wahrnehmung des Krieges konnte im protestantischen Milieu auch andere, gleichermaßen verblendete Formen annehmen. Der Lengericher Pfarrer Carl Kerstein (1865 – 1933) und seine Frau Antonie ( – 1946) hatten einen Sohn namens Walther (23.11.1897 – 21.10.1916). Nach seinem Tod an der Westfront arbeiteten die Eltern Kerstein ihren Kummer dadurch auf, dass sie das kurze Leben ihres Sohnes als „Lebensbild eines Frühvollendeten“ veröffentlichten. Darin zitierten sie ihren Sohn:

„Einem Brief vom 1.1.16 an seine Schwester beiliegend: Bericht der obersten Heeresleitung: Großer Erfolg auf dem Nouvronplateau. Großes Hauptquartier, den 1.1.1916. Westlicher Kriegsschauplatz:

Bei einem Überfall in den letzten Stunden des Jahres wurden im Unterstand des Fahnenjunkers Kerstein ‚34 kleine Franzosen‘ gefangen genommen und aus militärischen Gründen sofort getötet. Gegenangriffe des Feindes während der Nacht wurden glänzend abgeschlagen. Das Schußfeld wurde vom Feinde gesäubert. Sonst nichts Neues. Oberste Heeresleitung.“

Bei diesen 34 kleinen Franzosen handelte es sich nicht um Francs Tireurs, sondern um reguläre französische Soldaten, bei deren Gefangennahme die Haager Landkriegsordnung galt. Das focht die Eltern nicht an. Stattdessen fügten sie diesem Bericht lapidar hinzu:

„Da hatte er [Walther Kerstein] scheinbar kurze Zeit Ruhe vor den kleinen Plagegeistern.“23

Es traf weiterhin die Falschen in den eigenen Reihen, wie der folgende Fall zeigt. Im September 1915 wurde eine Schwester des Roten Kreuzes in Münster verhaftet. Sybilla Weber hatte in der „Loge zu den drei Balken“ um Unterkunft nachgesucht. Da sie dem Personal verdächtig erschien, wurde sie abgewiesen und später verhaftet. Die Polizei vermutete, dass sie gar keine Schwester sei.

Der einzige Grund für die Verhaftung war das nachteilige Äußere der Frau, insbesondere ihre unordentliche Kleidung.

Sybilla Weber ließ sich diese Behandlung nicht gefallen und beschwerte sich. Sie konnte nachweisen, dass sie schon seit dem September 1914 freiwillig beim Roten Kreuz gedient hatte. Die lange Reise von der Ostfront nach Münster erklärte ihr ungepflegtes Äußeres. Sie war nach Münster gereist, um hier ihren Verlobten, der Wachsoldat im Kriegsgefangenenlager Haus Spital war, zu besuchen. Vielleicht nahm man an, dass sie auch zu den „unsittlichen“ Frauen gehörte, die zu ausländischen Kriegsgefangenen unerwünschte Beziehungen anknüpfen wollte. Von ihnen wird sogleich die Rede sein.

Sicher hatten sich das Personal der „Logen zu den drei Balken“ und die Polizei blamiert, als sie diese pflichtbewusste Frau im Dienste des Vaterlandes verhaftet hatten – ihre Reaktion war wie so oft völlig übertrieben. Das Gute an dem Fall der Sybilla Weber war allerdings, dass ihre Beschwerde anerkannt wurde.24

Der Krieg leistete einen Beitrag zur moralischen Läuterung und Erneuerung. In einem seltsamen Kontrast dazu steht das Verhalten von Frauen, das Christian Steinhagen dreimal erwähnt, nämlich dass Frauen aus sexuellen Motiven den Kontakt zu den Männern in den Kriegsgefangenenlagern in Münster suchten.25

In die gleiche Richtung weisen Feststellungen, wie sie aus Lengerich den Weg in die Kreissynode 1915 fanden, wobei die euphemisierende Sprache kaum den Missstand zu verbergen vermag:

„Auffällige sittliche Verfehlungen, die etwa die allgemeine Kriegslage im Gefolge haben kann, Verfehlungen von Frauen, deren Männer im Felde stehen, oder junger Mädchen, die durch das Soldatenleben der Zeit mehr als sonst zu Schaden und Schanden kommen, sind abgesehen von vereinzelten Ausnahmen nicht gerade bemerkbar.“26

Es wurde im Laufe des Kriegs nicht besser mit der Moral, pikanterweise gerade des weiblichen Geschlechts, wie in der gleichen Synode festgestellt wurde:

„Es ist ein offenes Geheimnis, schreibt Mettingen, daß Mädchen und Frauen, insonderheit Kriegerfrauen, in den einschlägigen Geschäften Mittel gegen das keimende Leben verlangen, viel mehr als vor dem Kriege.“27

Was hier über das evangelische Mettingen angedeutet wurde, traf gleichermaßen auch für das fromme katholische Mettingen zu. Eine verheirate Frau, deren Mann allerdings nicht einmal im Feld stand, 43 Jahre alt und fünffache Mutter, verliebte sich 1916 in einen 23-jährigen französischen Kriegsgefangenen, der auf dem Hof arbeitete. Die Bekundung dieser hoffnungslosen Liebe gelangte nie in die Hände des jungen Liebhabers, da der Brief im Mettinger Familienarchiv erhalten geblieben ist.28

Immer wieder erfolgten Warnungen von männlicher Seite an die Adresse des weiblichen Geschlechts, „fremdländische Modetorheiten“ zu vermeiden (z. B. MERKUR, 27.08., 08.09.1914).

Die westfälisch-niederländische Grenze und ihr westfälisches Hinterland waren ein Gebiet, das in Hinsicht auf den Aufenthalt von Ausländern immer schon besondere Aufmerksamkeit erforderte. Vor 1914 war im Deutschen Reich die Spionagefurcht verbreitet, was wohl im Zusammenhang der vielen internationalen Krisen und der Hochrüstung zu sehen ist. So waren Ballonfahrten zwar in Mode gekommen, führten sie aber im deutsch-niederländischen Grenzgebiet zu Auffälligkeiten oder gar Grenzverletzungen, dann reagierten die Behörden sofort.

Ähnlich verhielt es sich bei dem Erwerb von Kartenmaterial. Kaufte ein Ausländer, vor allem ein Franzose, deutsches Kartenmaterial, so machte er sich verdächtig, auch wenn es sich um Stadtpläne für Touristen handelte.

Die Regierung in Münster hatte sich vor 1914 einen Überblick über die im Regierungsbezirk wohnenden Ausländer verschafft. Am 01.01.1912 waren es ein Amerikaner, vier Russen, 117 Italiener und 289 Niederländer und 389 Sonstige (wahrscheinlich überwiegend Polen aus dem russischen Teil Polens).29

Bald nach Kriegsbeginn arrestierte in Barlo (bei Bocholt) eine Kompagnie einige Russen, Franzosen und Engländer, die aus Kriegsgefangenenlagern entwichen waren. In Ahaus wurde eine Jugendwehr zu dem gleichen Zweck gebildet. Im Frühjahr 1915 verlegte man eine Eskadron Landwehrleute von Paderborn nach Ahaus, um gegen Spionage und „Drückeberger“ einzuschreiten.30

Regierungsbeamte warfen ihr Netz etwas weiträumiger aus. Die Zusammenstellung ihres Fangs entbehrt nicht der unfreiwilligen Komik.

Schon am 28.07.1914 fiel in Borken ein Russe auf, der zwar keine Arbeit hatte, aber offensichtlich wohlhabend war. Auch bekam er Briefe aus den Niederlanden. Folgerichtig erging die Anordnung, dass sein Briefverkehr überwacht werden sollte.

Am 03.08.1914 wurde eine unverheiratete Frau Griebel (Jahrgang 1891), die auf der Durchreise von Paris nach Hamburg war, in Haltern festgenommen. Erst sechs Tage später wurde sie freigelassen, da sich ihre Unschuld herausgestellt hatte.

Am 12.06.1915 meinte ein Berichterstatter, in Gronau einen niederländischen Spion entdeckt zu haben. Zunächst entpuppte sich dieser Mann als harmloser niederländischer Lokalreporter; dann mutierte er zu einem Pferdehändler, der regelmäßig den Markt in Münster besuchte.

Im Herbst 1915 zeigte sich eine verdächtige Frau im Grenzgebiet. Ein Beamter wurde zu ihrer Beobachtung abgestellt. Nach vier Wochen brach er das Unternehmen ergebnislos ab. Dafür fuhr nun der gleiche Beamte regelmäßig in den Zügen zwischen Dortmund und Gronau mit, um die Gespräche der Passagiere zu belauschen.

Am 29.06.1916 wurden auf der Loburg bei Ostbevern zwei Damen an der Weiterreise gehindert; auch bei ihnen fand sich nichts Verdächtiges.

31

Soldaten auf Heimaturlaub waren besonders gefährdet, Geheimnisse auszuplaudern, vor allem beim Besuch von Gastwirtschaften oder auf der Heimreise im Wartesaal, wie das folgende Plakat zeigt:

Abb. 1: „Soldaten! Spione überall!!! Schweigt!“

Quelle: Universitäts- und Landesbibliothek Münster, S. Weltkrieg, 8,050

Diese „Spionitis“ wurde selbst den Oberbehörden Innenministerium und Stellv. Generalkommando zu viel und sie empfahlen, sie zu stoppen, offensichtlich weil Aufwand und Ertrag in einem argen Missverhältnis standen. Am 05.01.1917 schrieb ein hoher Beamter des Innenministeriums, er habe „nicht den Eindruck gewonnen, daß er [ein deutscher Agent] nennenswerte greifbare Erfolge auf dem Gebiete der Spionageabwehr hat erzielen können.“32

Das hielt das Stellv. Generalkommando aber nicht davon ab, am 01.03.1917 mit einem Plakat die Bevölkerung zur Wachsamkeit gegen Spione aufzurufen und sogar eine Belohnung in beträchtlicher Höhe auszuloben.

Abb. 2: „3000 Mark Belohnung“; Quelle: Stadtarchiv Münster, I-056

Die folgenden Vorkommnisse setzten sich auch im Jahr 1916 fort. Es folgt eine Chronologie:

Juni 1916: Wenn es geplant sei, Briefe und Karten von Soldaten öffentlich auszustellen, dann solle dies unterbleiben, da feindliche Spione so die Feldadressen von Soldaten erhalten könnten. Die antwortenden Landräte teilten mit, dass ihnen von solchen Ausstellungen nichts bekannt sei.

August 1916: „In Anbetracht der Sympathien für die Türken“, mit denen Deutschland im Bündnis war, müsse davor gewarnt werden, dass eine angeblich türkische Zirkustruppe durch Deutschland reise und russischen Kriegsgefangenen deutsche Pässe gäbe und auffordere, Sabotage zu begehen. Es seien wahrscheinlich serbische Spione. Die Zirkustruppe soll auch in Westfalen beobachtet worden sein.

Okt. 1916: „Der Generalstab des Feldheeres hat darauf aufmerksam gemacht, daß in vielen Gasthäusern in Großstädten wie Berlin, Frankfurt a.M. die Hoteldirektoren, Kellner und das Bedienungspersonal aus der [Französisch sprachigen] Westschweiz stammen und daher als unzuverlässig zu betrachten sind.“ Auch hier konnten die Landräte keine Beobachtungen melden.

Im Juni 1917 ergingen genaue Anweisungen vom Generalkommando in Münster, wie im Falle feindlicher Bedrohung mit Verdächtigen zu verfahren sei. Alle männlichen Polen und Niederländer entlang der deutsch-niederländischen Grenze (von Wesel bis Rheine) sollten in Listen erfasst und gemeldet werden.

Auf einer „Liste der politisch Verdächtigen“ wurden 22 Namen aufgeführt; es waren alles Deutsche, wenn auch einige mit polnischen Namen.

Eine weitere „Liste derjenigen Personen, die den Aufmarsch u. die Durchführung der Operationen durch Spionage oder auf andere Weise gefährden könnten“, umfasste 260 Namen. Die Nationalitäten waren die Niederlande in der Hauptsache, aber auch Belgier, Italiener und Russen (wahrscheinlich Polen aus Russisch-Polen). Diese Männer kamen aus den Kreisen Borken, Coesfeld, Münster-Land, Burgsteinfurt, Recklinghausen und Ahaus.

Eine dritte Liste erfasste „diejenigen Personen, von denen zwar keine aktive Beteiligung, von deren Anwesenheit in dem bezeichneten Gebiete aber eine ungünstige Wirkung zu erwarten ist“. Es waren 237 Personen in etwa aus den gleichen Kreisen und der gleichen nationalen Herkunft wie vorhin.

Was sollte mit diesen Männern geschehen? Nach Eingang eines entsprechenden Befehls sollten diese Männer innerhalb von 24 Stunden zu Transporten zusammengestellt werden. Dann sollten sie in einen anderen Kreis gebracht werden. Dabei war nicht an größere Entfernungen gedacht. So war für die Männer aus dem Kreis Coesfeld der Kreis Tecklenburg als Aufenthalt gedacht.

Wenn diese Regel sich noch milde anhört, die weiteren Regeln waren es nicht. Ein Nachzug der Familie war nicht erlaubt. „Die durch die Abschiebung entstehenden Kosten haben die Ausländer aus eigenen Mitteln zu bestreiten.“ „Eine Verpflegung der Festgenommenen findet nicht statt, diese haben sich vielmehr bis zum Abgang des Transports aus eigenen Mitteln zu unterhalten.“

33

Die Unterbringung und Beaufsichtigung dieser Deportierten wäre wahrscheinlich in die kommunale Zuständigkeit gefallen. Ob die Kommunen diese Aufgabe bewältigt hätten, ist zweifelhaft, denn zu diesen Deportationen ist es bekanntermaßen nicht gekommen.

2.1.2. Überregionale Beobachtungen

Das Industriegebiet an Rhein und Ruhr erstreckte sich auf die preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen. Es war eine kriegswirtschaftlich höchst wichtige Region. Zugleich fanden sich in ihr zwei Gruppen, die unter die potenziellen Reichsfeinde zu zählen waren: die Sozialdemokraten und die Polen. Unter den Bedingungen des Burgfriedens konnten die Behörden die Sozialdemokraten nur in engen Grenzen verfolgen. Bei den Polen war die Hemmschwelle nicht gegeben. Sie eigneten sich in vielerlei Hinsicht, die Rolle als Sündenbock, als Ventil für Fremdenhass auszufüllen.

1914 lebten ca. 500.000 polnisch sprechende Menschen im Ruhrgebiet. 300.000 bis 350.000 Polen, die in den preußisch-deutschen Gebieten des ehemaligen Polen für die Arbeit in den Bergwerken angeworben wurden, waren katholisch. Hinzu kamen 150.000 Masuren, die zwar auch polnisch sprachen, aber evangelisch waren. Beide litten unter den Vorbehalten der Mehrheitsgesellschaft, obwohl die Masuren preußisch gesinnt waren und die übrigen Polen erst aufgrund der Diskriminierung ein nationalpolnisches und katholisches Eigenleben entwickelten. Diese Polen waren deutsche Staatsangehörige mit allen Rechten und Pflichten. Dass sie im Alltagsleben vielen Diskriminierungen ausgesetzt waren, ist eine andere Sache.

Daneben gab es Polen, die keine deutschen Staatsangehörigen waren. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (Polen österreichischer Nationalität) stammten sie aus den Gebieten, die Russland besetzt hatte. Diese „Russ-Polen“ waren russischer Staatsangehörigkeit. Diskriminierung im Alltag, behördliche Aufsicht und zeitlich begrenzte Duldung, z. B. während der Erntesaison, waren für sie an der Tagesordnung.

Beide Gruppen von Polen befanden sich vor dem Beginn des Krieges in Deutschland, und zwar in den agrarischen Gebieten im deutschen Osten wie im rheinisch-westfälischen Industriegebiet.

Das Eigenleben der Polen zeigte sich z. B. darin, dass es 1912 875 polnische Vereine mit 82.000 Mitgliedern gab. Dies Vereinsleben sollte ein Gegengewicht sein zu den Germanisierungsbestrebungen der preußisch-deutschen Behörden. Konrad von Studt (1838 – 1921), Oberpräsident der Provinz Westfalen, beschrieb diese Politik 1898 so:

„An den Polen selbst wird damit ein gutes Werk vollzogen, denn es tritt an die Stelle eines minderwertigen, stark zu Excessen geneigten, namentlich auch in dem weiblichen Theile mit bedenklichen Eigenschaften ausgestatteten Elemente[s] ein solches, dem die wirtschaftliche und sittliche Überlegenheit des Deutschtums in vollem Umfange zugute kommen kann.“34

Bei Kriegsbeginn kann man über beide Gruppen einige allgemeine Feststellungen treffen:

Loyalität zum Deutschen Reich/Burgfrieden

Erfüllung der bürgerlichen Pflichten (einschließlich Militärdienst für die „deutschen“ Polen )

Wunsch nach kultureller Selbstbestimmung

Keine Bestrebung zurück ins preußische Polen

Auf gar keinen Fall zurück ins russische Polen

Nach Gründung des Königreich Polen am 05.11.1916: keine Sympathie dafür unter den Ruhrpolen

Ablehnung der revolutionären Bestrebungen in Russland 1917 und Deutschland 1918.

35

Während des Krieges machte das deutsche Heer russische Kriegsgefangene, und zwar in großer Zahl. Unter ihnen waren natürlich auch etliche „Russ-Polen“. Wenn diese Kriegsgefangenen in den Bergwerken des Ruhrgebietes eingesetzt wurden, verkomplizierte dies noch einmal den Umgang mit den verschiedenen Polen, die „freiwillig“ oder unfreiwillig Arbeit leisteten.

Der Erste Weltkrieg markierte den vorläufigen Endpunkt in der Geschichte der Diskriminierung der Polen, die lange vorher eingesetzt hatte. So verbot die Militärverwaltung in Münster den Gebrauch der polnischen Sprache in allen Vereinen, da es nicht genügend Beamte mit polnischen Sprachkenntnissen gab.36

Als nach wenigen Kriegsmonaten der Arbeitskräftebedarf in Deutschland stieg, versuchte man von Seiten der Behörden, Polen in ihren Arbeitsplätzen zu halten, einen Arbeitsplatzwechsel zu erschweren und ihre Löhne niedrig zu halten. Aus einer Rückkehrpflicht zum Ende der Saison wurde oft ein Rückkehrverbot. Im Laufe des Krieges unternahmen die Behörden auch Versuche, Arbeitskräfte aus dem Generalgouvernement Warschau (= das Gebiet von Russisch-Polen, das deutsche Truppen besetzt hielten) für die Arbeit zu gewinnen. Diese Arbeitskräfte waren häufiger in der Landwirtschaft im Osten als in der Industrie im Westen anzutreffen. Eine Abwerbung aus der Landwirtschaft in die Industrie war untersagt. Die Übergänge zwischen der Anwerbung auf der Basis der Freiwilligkeit und Zwangsarbeit waren dabei fließend.37

Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet verschärften Behörden und Unternehmer den Kurs gegen die Polen. Die Behörden taten es, um die Kriegswirtschaft in Gang zu halten, die Unternehmer, um die einmalige Chance der Steigerung der Gewinne zu nutzen. Die russischen Polen trafen alle Maßnahmen härter als die deutschen Polen.

Tief verwurzelte Fremdenfeindlichkeit vermengte sich mit verbohrter Kriegsrhetorik.

In Recklinghausen-Süd kam es im April 1916 zu Meinungsverschiedenheiten zwischen russisch-polnischen Arbeitern, die freiwillig dorthin gekommen waren, und ihrem Arbeitgeber auf der Zeche, und zwar über die gezahlten Löhne und die Strafen bei Verstößen gegen Sicherheitsvorschriften. Die Richtigkeit der Argumente der Arbeitnehmer oder Arbeitgeber lässt sich nicht prüfen. Doch der Arbeitgeber hielt sich nicht zurück, wenn er sein Urteil über die immerhin von ihm selbst angeworbenen Arbeiter bekannt machte: „Ohne Strafen ist mit den arbeitsscheuen und aufsässigen Leuten nicht auszukommen.“38

Kriegsgefangene wurden ebenfalls unter Tage eingesetzt. Aus der Sicht der deutschen Kollegen arbeiteten sie sehr langsam und unzuverlässig. Wenn sie an einem Arbeitsplatz oder in einigen Schichten in der Mehrheit waren, griffen sie ihre deutschen Kollegen an. Im Dezember 1916 forderte daher der Arbeiterausschuss der Gewerkschaft Victor in Rauxel:

„Auf jeder Schachtanlage, in jedem Revier sind mehrere Mann, Beamte oder Arbeiter als Grubenpolizei zu bezeichnen. Dieselben sind zu bewaffnen und befugt unter gegebenen Umständen exekutive Gewalt auszuüben.“

Zur Begründung wurde angefügt:

„Da sie [die Kriegsgefangenen] bei Sonnenlicht starke politische Feinde sind kann man dieser Masse nicht zumuten, daß sie unterirdisch Engelsnatur annimmt. Da wir Deutsche aber der festen Meinung sind, daß das politische wie moralische Recht auf unserer Seite ist, so kann man uns nicht zumuten, daß unsere auf dem Schlachtfeld überwundenen Feinde unterirdisch über uns triumphieren.“39

Im Oktober 1915 bemühte der Landrat von Düsseldorf seine ethnologischen Kenntnisse, um klare Rechtsbrüche, und zwar gegenüber angeworbenen Arbeiten aus „Russ-Polen“, zu rechtfertigen:

„Die Russen [= Polen aus dem Generalgouvernement Warschau] lassen sich nur zusammenhalten, wenn sie eine straffe Zucht über sich fühlen. Nach den Erfahrungen, die bisher mit den Russen gemacht worden sind, fühlen die Russen sich überhaupt nicht wohl, wenn sie sich nicht dauernd unter Überwachung wissen. Dringend notwendig ist für die Russen die Befugnis der Ortspolizeibehörde [...], die Fälle von Ungehorsam mit Arrest zu bestrafen. Die Polizeiverwaltungen haben wiederholt Russen, welche die anderen Arbeiter aufhetzen wollten oder sich faul und widerspenstig zeigten, auf 24 oder 48 Stunden bei Wasser und Brot eingesperrt. Die Wirkung der Maßregel war überall die gleiche: Die Russen wurden willig und folgsam und hielten selbst Zucht und Ordnung. Ob die Polizeiverwaltungen zu derartigen Maßregeln berechtigt waren, ist mir zweifelhaft. Praktisch hat sich das Verfahren außerordentlich bewährt, und ich habe bisher auch keinen Widerspruch dagegen erhoben. Beschwerden über Freiheitsentziehungen sind bisher nicht an mich gekommen.“40

Dies war keine Einzelstimme. Der Düsseldorfer Oberbürgermeister drohte im September 1915,

„gegen jeden Arbeiter aus dem russisch-polnischen Okkupationsgebiet, der sich weigert, Arbeiten, für die er angeworben worden ist, zu verrichten, den Arbeitszwang anzuwenden, und zwar auf der Arbeitsstelle, für die er angeworben worden ist, die von mir festgesetzt wird. [...] Ich warne hiermit jeden russischen Staatsangehörigen aus dem russisch-polnischen Okkupationsgebiet, ohne meine Erlaubnis die Arbeit niederzulegen, unpünktlich oder angetrunken zur Arbeit zu erscheinen. [...] Das deutsche Reich [hat] es Euch erlaubt, trotzdem Ihr Angehörige eines feindlichen Staates seid die Vorzüge eines geordneten Staatswesens noch während des Krieges zu genießen.“41

Wenn solche polnischen Arbeiter, die theoretisch freiwillig in Deutschland waren, flüchteten und ergriffen wurden, sollte ihr Wille in der Sicherungshaft gebrochen werden. Dabei machten die Behörden auch die Erfahrung, dass diese Männer eher die Nahrung verweigerten als noch einmal die Arbeit aufzunehmen.42 Der Landeshauptmann der Provinz Westfalen bot am 16.11.1915 für solche schwierigen Fälle 30 Plätze im Arbeitshaus Benninghausen an, das in seinen Kompetenzbereich fiel.43

Obwohl die kriegswirtschaftliche Lage weitere Arbeitskräfte verlangte, hatte die politische Führung ihre Zweifel, hinter denen sich kulturchauvinistische Überzeugungen verbargen. So votierte der Regierungspräsident Münster am 04.12.1915 gegen den weiteren Zuzug von „Russ-Polen“:

„Es kann nicht im Staatsinteresse liegen, durch Seßhaftmachung dieses wenig intelligenten slawischen Volksschlages das ohne hin im Industriebezirke schon überaus stark vertretene polnische und slawische Element noch erheblich stärker werden zu lassen. Bei dem verschlagenen Charakter der Slawen ist ihre Überwachung schwer.“44

Die hier zusammengetragenen Beobachtungen könnten so verstanden werden, dass Arbeiter aus Polen, seien sie schon lange oder nur kurz im Ruhrgebiet, wie auch kriegsgefangene Polen schutzlos ihren Arbeitgebern und den Behörden ausgesetzt waren. Dem ist nicht ganz so. Ich zitiere Herbert, der auch die Fürsorge deutscher Stellen erwähnt:

„Bereits im November 1915 wiesen die Militärbehörden warnend auf die zahlreichen Klagen über schlechte Behandlung hin, es müsse ‚auf alle Fälle dafür gesorgt werden, daß den Arbeitern eine menschenwürdige und gerechte Behandlung zuteil wird, und daß namentlich Tätlichkeiten streng vermieden werden‘, auch sei häufig festgestellt worden, daß die Löhne der Polen deutlich unter denen der Deutschen lägen.“45

Der Abgeordnete Trampczynski nutzte im November 1916 die Bühne des Reichstags und prangerte diese Missstände an:

Misshandlungen durch Arbeitgeber, Betriebs- und Polizeibeamte,

menschenunwürdige Wohnungen,

schlechte Kost,

Ausnützung der Wehrlosigkeit der Arbeiter,

Herabdrücken des Lohnes,

Festhalten in Gefangenenlagern bei Konflikten.

46

Die deutschen Behörden ordneten gewisse Schutzmaßnahmen an. So durften Angehörige des Wachpersonals – in der Regel waren es die Ehefrauen – keine Küchen für die Verpflegung mehr betreiben, um Missbrauch vorzubeugen.

Diese Maßnahme wird angesichts der Klagen gerade einmal wie eine Beruhigungspille gewirkt haben, und so wird auch die Verachtung für diese nationale Minderheit den Respekt für ihre Menschenrechte in den Schatten gestellt haben.

Der Arbeitskräftemangel in Deutschland führte auch dazu, den Versuch zu unternehmen, Arbeiter aus dem besetzten Belgien zu bekommen. Die deutsche Wirtschaft verlangte lautstark nach energischen Maßnahmen; die deutschen Behörden, vor allem der Generalgouverneur von Belgien, Moritz von Bissing (1844 – 1917), zögerten, bis mit dem Hindenburg-Programm (Herbst 1916) die deutschen Behörden ihre Rücksicht aufgaben. Der Versuch, arbeitslose Belgier durch Überredung oder Zwang nach Deutschland zu bringen, hatte so geringen Erfolg, dass er im Februar 1917 abgebrochen wurde.

Vorschläge, wie sie die Polizei in Essen im Oktober 1915 machte, kamen wohl nicht zur Anwendung, machen aber den Geist in den Behörden deutlich:

„Es erscheint auch notwendig [...], daß die belgischen Arbeiter hinsichtlich des Arbeitszwanges und der sonstigen sicherheits- und ordnungspolitischen Bestimmungen den russischen gleichgestellt werden. Gerade unter ihnen befinden sich träge und unzuverlässige Element.“47

Zwei Monate später empfahl das Generalkommando in Münster, dass belgische Arbeiter, die „mutwillig feiern und sich unbotmäßig benehmen“, „nach bewährter Übung zweckmäßig in Haft genommen [werden], bis sie sich wieder arbeitswillig zeigen.“48

Danach wurde eine andere Politik mit mehr Erfolg betrieben: Die Besatzungsmacht verschlechterte systematisch die Lage der belgischen Wirtschaft mit der Folge von weiteren Arbeitsplatzverlusten. Diesem ökonomischen Zwang folgend konnten tatsächlich bis Kriegsende 130.000 Belgier gewonnen werden, „freiwillig“ in Deutschland zu arbeiten.49

Diese Maßnahme fand im Generalgouvernement Warschau eine Entsprechung, indem dort die Oberste Heeresleitung systematisch Fabriken still legte, Rohstoffe beschlagnahmte und Maschinen abtransportierte, um durch den dann folgenden Arbeitsplatzverlust die „Russ-Polen“ „freiwillig“ zur Arbeit in Deutschland zu motivieren.50

Zu den italienischen Arbeiters in Deutschland möchte ich erwähnen, dass 1910 ungefähr 110.000 Italiener in Deutschland gemeldet waren, unter ihnen 31.000 Frauen. Hinzu kamen noch Saisonarbeiter, so dass um diese Zeit ungefähr 175.000 Italiener in Deutschland arbeiteten.51

Für die Zeit des Krieges ist es wichtig zu bedenken, dass Italien vom Bündnispartner der Mittelmächte zum neutralen Staat und dann zum Gegner mutierte. Als sich Italien im August 1914 für neutral erklärte, wollten viele Italiener aus Deutschland zurückreisen, weil sie Gewalttätigkeiten von deutscher Seite befürchteten. Unternehmer entließen Italiener aus Angst vor Sabotage. Vereinzelt weigerten sich deutsche Arbeiter, mit Italienern zusammen zu arbeiten.52

Bis zur Kriegserklärung Italiens an Österreich im Mai 1915 genossen Italiener in Deutschland eigentlich Freizügigkeit. Doch Deutschland wollte sie zurückhalten, weil es mittlerweile Arbeitskräfte brauchte. Das gelang auch zum Teil. Italienische Arbeiter durften aber nicht in der Kriegsindustrie beschäftigt werden und waren somit von den dort bezahlten hohen Löhnen ausgeschlossen.

Diese „Liberalität“ galt bis zur Kriegserklärung Italiens an Deutschland am 26.08.1916. Italiener wurden nun als Angehörige eines Feindstaates wie alle anderen solche Ausländer behandelt.

Zu Beginn des Krieges musste die deutsche Propaganda eine diffizile Aufgabe lösen. War Frankreich bisher der Erbfeind und Russland der Hauptfeind, so musste jetzt der Hass von Russland auf Großbritannien umgelenkt werden, und das bei relativer Schonung Frankreichs, das als Werkzeug des perfiden Albion definiert wurde, und Respektsbekundungen für die USA, deren Neutralität man erhalten wollte.

Nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen reisten der russische Botschafter und das Botschaftspersonal am 03.08.1914 mit 15 Fahrzeugen aus Berlin ab. Zahlreiche Zuschauer begleiteten die Abfahrt mit Schmährufen. „Das anwesende Publikum gehörte dabei der besseren und besten Gesellschaftsklasse an.“ Auch die russischen Konsuln in Karlsruhe, Stuttgart und Darmstadt seien bei ihrer Abreise misshandelt worden. Konsul Baron Schilling in Breslau und die russischen Konsuln in Königsberg, Danzig, Leipzig und Mannheim wurden wegen Spionage verhaftet.53

Das Berliner Publikum musste noch einen Tag warten, nämlich bis zur britischen Kriegserklärung, um von den Russen abzulassen und sich die Briten vorzuknöpfen. So jedenfalls sah es die russische Presse, wie man im preußischen Innenministerium vermerkte.54

Die starre Anwendung der Regeln für die Ausreise, bzw. die Internierung führte natürlich zu Ungerechtigkeiten. So wurden im September 1914 in Remscheid acht Russen festgenommen, obwohl sie mit deutschen Frauen verheiratet waren, ihre deutschfreundliche Gesinnung bekannt war und sie auch Deutsche werden wollten. Sie kamen nach einer Intervention deutscher Freunde frei. In Bottrop gelang es drei russischen Frauen, ihre russischen Ehemänner frei zu bekommen. Die Behörden begnügten sich mit Meldeauflagen.55

Die hier herangezogene Akte zeigt im Übrigen die Ratlosigkeit der Behörden im Umgang mit russischen Staatsangehörigen. Waren sie polnischer Herkunft, dann wollte man sie durch gute Behandlung für die deutsche Seite gewinnen. Doch durfte das bei der Arbeitslosigkeit zu Beginn des Krieges nicht dazu führen, dass sie Deutschland zur Last fielen. Als bald darauf Arbeitskräftemangel eintrat, war dies Problem verschwunden.

Ethel Cooper (1871 – 1961) war Australierin, die in Leipzig lebte. Sie war unverheiratet und verdiente ihren Lebensunterhalt als Musiklehrerin. Sie schrieb ihrer Schwester Emmie Carr, geb. Cooper (1875 – 1975) regelmäßig Briefe, in denen sie die Lage in Deutschland schilderte. Ethel Cooper wurde nicht interniert. Die deutschen Behörden ließen sie aber auch nicht ausreisen, da sie annahmen, dass Ethel Cooper Kenntnisse von Deutschland habe, die dem Feind nützen könnten. Obendrein wäre sie mit ihren sehr guten Deutschkenntnissen z. B. englischen Militärstellen eine nützliche Kraft gewesen.56

Da Ethel Coopers Beobachtungen sich selbst genügend erklären, möchte ich sie (fast) unkommentiert zusammenstellen:

31.07.1914: Ethel Cooper und ihre Freunde erlebten bei einem Café-Besuch deutschen Patriotismus:

„All we did was to have to stand up five times for the ‚Wacht am Rhein‘, and seven times for ‚Gott erhalte Franz den Kaiser‘, and twice I had to get up for God Save the King (though with other words to it) till we got into a rage over the senseless enthusiasm over a possible war, which means such terrible waste of life and energy.“ (S. 22)57

Am 06.08.1914 notierte sie, dass die Milchfrau ihr keine Milch mehr verkaufen wollte:

„My milk-woman refused to serve me this morning.“ (S. 24)

Am 22.11.1914 merkte sie zum clash of cultures an:

„It is a kind of newly made patriotism – I can only feel it as parvenu patriotism – called up by this great emergency. And like all parvenus they [the Germans] can′t realize that other people have had for centuries that which they have only had for weeks.“ (S. 43)

Am 15.02.1915 registrierte Ethel Cooper mit Unbehagen deutsche Kriegsgesänge, doch sie übersah nicht, dass in Großbritannien Entsprechungen zirkulierten. Aus dem Daily Graphic zitierte sie:

„Down with the Germans, down with them all!

O Army and Navy, be sure of their fall!

Spare not one, the deceitful spies,

Cut out their tongues, pull out their eyes!

Down, down with them all.“ (S. 60)

Am 16.05.1915 beobachtete sie die deutschen Reaktionen auf das Versenken der Lusitania:

„If the scandal of the ‚Lusitania′ does not also bring America down upon them [the Germans], it will be a wonder. But I must say that even the most ranting patriots here look a trifle ashamed when the Lusitania chances tobe mentioned.“ (S. 76)

Am 04.03.1917 vertraute sie ihrem Tagebuch ihr scharfsinniges Urteil über das Zimmermann-Telegramm.58 Man beachte dabei den frühen Zeitpunkt ihres Urteils.

„I don′t know when I have spent a day laughing with such malicious amusement as today. I wonder if ever in the World′s history, a Foreign Office has made a fool of itself as fatally as the German Foreign Office in this American-Mexican matter.“ (S. 185)

Dann beschrieb sie, wie das deutsche Militär die internationalen Besucher der Leipziger Messe hinters Licht führte:

„The regiment marched into the station [...] of course with the regiment-number on the helmets and shoulder-straps – then marched into a side building where they had to change the numbers on those helmets and straps, and marched out again as if it were a new regiment!! Of course, the strangers (and the Leipzigers too) say, ‚What masses of soldiers Germany still has – I myself have seen eight different regiments pass through the railway station today!‘“ (S. 185)59

Nach der Februar-Revolution in Russland zog sie am 22.04. 1917 einen Vergleich mit Deutschland:

„If this people [the German people] ever gets up a revolution, then I shall look upon sheep and rabbits as also capable of such a thing.“ (S. 194)

Ethel Cooper hatte also eine gute politische Analysefähigkeit und auch eine spitze Feder. Sie wusste sich verbotene Bücher und eingeschmuggelte ausländische Zeitungen zu verschaffen. Sie war in Leipzig gut vernetzt und bewegte sich in einem deutschen und internationalen Freundeskreis.

Annie Dröge (1874 – 1950) war Engländerin, die einen Mann deutsch-englischer Herkunft geheiratet hatte: Arthur Dröge (1871 – 1950). Ihr Mann war in England geboren. Somit war er Brite. Vor dem Krieg zog das Ehepaar nach Deutschland um, weil es Hausbesitz in Woltershausen, Hildesheim und Königswinter geerbt hatte. Damit war es wirtschaftlich gut gestellt. Arthur Dröge hatte die deutsche Staatsangehörigkeit nicht erworben.

Das sollte bei Kriegsausbruch Probleme bereiten. An ihrem Wohnort Woltershausen hielt man sie für britische Spitzel und mutmaßte, sie hätten Bomben in ihrem Haus. Sie wurden bedroht und beschimpft; ihr Haus bewarf man mit Steinen. Arthur Dröge wurde im November 1914 in Ruhleben interniert. Annie Dröge war auf sich allein gestellt, erfuhr aber auch Hilfe, z. B. von Nachbarn und früheren Hausangestellten.

Annie Dröge musste sich regelmäßig bei der Polizei melden. In Ruhleben konnte sie ihren Mann erst nach etlichen Monaten besuchen. Sie war trotz aller Entbehrungen froh darüber, dass ihr Mann in Ruhleben interniert war. Denn zu einer Freilassung hätte gehört, dass Arthur die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hätte. Dann hätte er Kriegsdienst leisten müssen. (Dies ist die Darstellung, der ich folge. Ich glaube nicht, dass Arthur Dröge mit 53 Jahren noch zum Kriegsdienst herangezogen worden wäre.)

Im Februar 1917 wurde Arthur Dröge im Zuge eines Austausches von Zivilinternierten entlassen. Das Ehepaar Dröge kehrte nach England zurück und Deutschland den Rücken.60

Der Feind befand sich jedoch nicht nur im Inneren, sondern trieb auch vom Ausland her sein Unwesen. Im Juni 1917 wurde in Münster bekannt, dass aus den Niederlanden Flugblätter nach Westfalen eingeschmuggelt wurden. Der Inhalt war Folgender:

Ein Aufruf richtete sich an Soldaten, sich zu ergeben; eine gute Behandlung in französischer Gefangenschaft wurde zugesichert.

Die politische Stoßrichtung ging gegen „Junker und Reiche.“

Dann fanden sich auch noch kurze Zitate aus den Reichstagsreden der Abgeordneten Adolph Hofmann (1858 – 1930) und Hugo Haase (1863 – 1919) [von der USPD].

61

Die Londoner TIMES berichtete genüsslich, dass immer mehr deutsche Soldaten desertierten (08.08.1917). Am 06.09.1917 war die Rede von Tausenden deutscher Deserteure, die sich in Amsterdam aufhielten.62 Nach einer Meldung vom 20.10.1917 fanden 300 deutsche Soldaten aus Belgien den Weg in die Niederlande. Dies war wohl nur die Spitze eines Eisberges, da bekannt ist, dass sich zehntausende von Soldaten auf dem Weg von der Front oder zur Front in der Anonymität deutscher Großstädte zu verbergen suchten.

Diese Fakten gehören zur Vorgeschichte des verdeckten Militärstreiks, der erst im Sommer des Jahres 1918 immer mehr Zulauf fand.63 Mir war es wichtig, hier auf die frühe Wirkung der feindlichen Propaganda und ihre Wirkung hinzuweisen.

Die Monatsberichte des Generalkommandos konnten diese Stimmung nicht leugnen, selbst wenn man verzweifelt versuchte, Wirken des Feindes auszumachen. Aus Jülich wurde am 03.01.1917 berichtet, wie sich der Volksmund angesichts der Versorgungsmängel Luft verschaffte und neidisch auf den Feind schaute:

„Morgenrot, Morgenrot, England hat noch keine Not,

Frankreich backt noch frische Brötchen,

Rußland hat noch Schweinepfötchen,

Deutschland nichts als Marmelade und dazu noch

Erdkolrabien [!].“64

Am 28.06.1917 kam es in Düsseldorf zu schweren Unruhen, bei denen 50 Läden geplündert wurden. Es wurde der Belagerungszustand verhängt, und Polizei und Militär nahmen 200 Personen fest. Die Behörden hatten auch eine Erklärung:

„Offensichtlich haben Ausländer, insbesondere Belgier und russische Polen die Zusammenrottungen planmäßig gefördert.“65

Schon am 03.08.1916 wurde ein Feuer in Hünxe umhertreibendem Gesindel angelastet. Man konnte sogar das Gesindel genau definieren: Es waren entwichene Kriegs- und Zivilgefangene.“66

Am 12.08.1917 kam es zu „lärmenden Kundgebungen vor dem Rathaus“ von Gelsenkirchen-Buer.67

Die sich verschlechternde Stimmung in den Westprovinzen schob man also Angehörigen der Feindnationen, die sich in Deutschland aufhielten, oder – wie das folgende Zitat zeigt – Defätisten in den eigenen Reihen zu:

„Unklarheit der innenpolitischen Verhältnisse und in immer mehr zu Tage tretenden, von unlauteren Elementen anscheinend zielbewußt geförderte Besorgnisse über den Ausgang des Krieges.“68

Im April 1918 schauten die Armeeberichte auf die Streiks Anfang des Jahres zurück und beruhigten sich mit dieser Diagnose:

„Die Beobachtung, daß die im Januar und Februar angezettelten Ausstände lauten Jubel in England und Frankreich hervorgerufen haben, hat vielen Arbeitern die Augen dafür geöffnet, daß mit derartigen Machenschaften lediglich die Geschäfte des Feindes besorgt werden.“69

2.1.3. (Ausländische) Hochschullehrer

In diesem Abschnitt möchte ich auf die Verbindungen deutscher Universitäten zu britischen und amerikanischen Universitäten, die zu den diversen Professorenaustauschen geführt haben, nur am Rande eingehen.70 Ich lege den Schwerpunkt auf britische Hochschullehrer an deutschen Universitäten, die als native speakers in der Regel dem akademischen Mittelbau angehörten. Meistens waren sie außerhalb aller institutionellen Rahmenbedingungen auf ihre eigene Initiative hin an den deutschen Hochschulen eingestellt worden.

Das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz vom 22.07.1913 regelte in seinem 14, dass eine

„Anstellung im unmittelbaren oder mittelbaren Staatsdienst [...] für einen Ausländer als Einbürgerung [gilt], sofern nicht in der Anstellungs- und Bestätigungsurkunde ein Vorbehalt gemacht wird.“

Zu diesem Staatsdienst zählte daher auch jedes Lehramt in Schule oder Hochschule. Damit war die Rechtslage in Deutschen Reich eine andere als in Großbritannien oder den USA. Jeder ausländische Lektor oder Professor war automatisch deutscher Staatsbürger, es sei denn, dass er der Einbürgerung widersprochen hätte.

Dies ist bei den folgenden Ausführungen zu bedenken. Dort, wo kurz nach Beginn des Krieges eine Einbürgerung erfolgte, ist davon auszugehen, dass ein solcher Widerspruch vorlag oder dass eine Einbürgerung – unnötigerweise – ein zweites Mal erfolgte. Auch werden manche förmliche Einbürgerungen noch nicht in dem ersten Jahr der Gültigkeit des Gesetzes vollzogen worden sein. Darüber geben die Quellen aber nicht immer Auskunft.

Der preußische Kultusminister verfügte am 30.08.1914, dass allen ausländischen Lehrern aus Feindstaaten an Schulen und Hochschulen die Lehrerlaubnis entzogen werde.71 Damit können nur (noch) nicht eingebürgerte ausländische Lehrer und Hochschullehrer gemeint sein.

Ich möchte jedoch eingebürgerte wie nicht eingebürgerte britische und US-amerikanische Lehrer an deutschen Hochschulen betrachten, weil dabei überraschende Inkonsistenzen deutlich werden.

Hereward Thimbleby Price (1880 – 1964) war der Sohn eines britischen Missionars, der nach dem Studium in Oxford nach Deutschland gekommen war. 1904 wurde er Lektor an der Bonner Universität und 1910 hier auch promoviert. 1911 heiratete er eine Deutsche und wurde eingebürgert. Wehrdienst leistete er nicht mehr.

Zu Beginn des Krieges registrierte er in Bonn und im Rheinland Übergriffe auf Ausländer, die von dem gleichen paranoiden Charakter waren, wie viele Vorkommnisse, die ich aus Westfalen beibringe.72 Persönlich erfuhr er nur relativ milde Formen der Diskriminierung, konnte aber zunächst weiter lehren, obwohl sein Schriftverkehr mit den Studenten kontrolliert wurde.

Im März 1915 wurde der 35-jährige Price gemustert und für tauglich befunden. Der bevorstehenden Einziehung zur Infanterie wollte Price mit einer Eingabe beim Oberkommando in Koblenz zuvorkommen. Der Rektor der Universität Bonn unterstützte ihn dabei mit einem Schreiben.

Wie Price in seinen Erinnerungen schrieb, wurden alle möglichen Männer mit geringsten Gründen vom Dienst zurückgestellt, er aber nicht. Er trat seinen Dienst in Kassel an und wurde im August 1915 an die Front geschickt. An der Ostfront geriet er in russische Kriegsgefangenschaft.73 Nach seiner Rückkehr aus Russland lehrte er in Kiel und ging 1928 in die USA.

Der Fall Price ist kein klarer Fall dafür, dass ein Ausländer sein Hochschulamt in Deutschland verlor. Klar ist schon, dass die militärischen Stellen ihren Ermessensspielraum jedenfalls nicht zu seinen Gunsten nutzten und wohl eher den eingedeutschten feindlichen Ausländer treffen wollten. Das wiederholte sich in den späten 1920-er Jahren, wovon ich im Zusammenhang mit der Schücking-Krise in der deutschen Shakespeare-Gesellschaft berichte.

Frederick Sefton Delmer (1864 – 1931) ist ein klarerer Fall. Der geborene Australier war zunächst ein Jahr in Königsberg und dann von 1901 bis 1914 Anglistik-Dozent an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin. 1908 wurde er Professor und lehrte obendrein an der Preußischen Kriegsakademie. In dieser Zeit war er im Grunde die Personifikation deutsch-britischer Verständigung. Am Empire Day (25.05. 1909) führte er in seiner Rede aus:

„We can all admire the Germans, and find many things to respect in Germany. We all like Germany, while we all love England. It′s in this broader sense of Patriotism that the British Colony [in Berlin] means to organise itself and come together for the celebration of Empire Day.“74

1914 erlebte Sefton Delmer in Berlin seine persönliche Juli-Krise, ohne dass er jedoch persönlich einen Beitrag dazu geleistet hätte. Sefton Delmer führte den Titel eines Professors und des Direktors des Englischen Seminars, ein Titel, der für ein Seminar mehrfach vergeben wurde, den Delmer aber nur vorrübergehend führen sollte, bis ein neuer Direktor bestellt sein würde.

Sefton Delmer nahm auch einen Lehrauftrag an der Handelshochschule Berlin wahr. Hier brach nun im Juli ein Streit aus zwischen den Dozenten und dem Rektor der Hochschule einerseits und andererseits den Ältesten der Kaufmannschaft von Berlin, den tatsächlichen Trägern der Handelshochschule. Erstere wollten verhindern, dass Sefton Delmer im Vorlesungsverzeichnis als „Direktor“ geführt wurde, letztere wollten gerade das. Sie setzten sich damit durch.75

Dieser Streit um eine Petitesse wird nur verständlich, wenn man die Weiterungen betrachtet. Sefton Delmer gehörte offensichtlich zu den ausländischen Hochschullehrern, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hatten und es jetzt zu Beginn des Krieges auch nicht nachholen wollten. Stattdessen hatte er sich einen Pass für die Ausreise in die USA besorgt. Daraufhin wurde er am 06.11.1914 in Ruhleben interniert. Zusätzlich verdichtete sich bei den Berliner Behörden der Verdacht, dass Sefton Delmer ein Spion sei: Zahlreiche englische Besucher in seinem Haus, darunter auch einige Gegner Deutschlands seien Beweis genug.

In Ruhleben betätigte er sich aktiv am kulturellen Lagerleben und vermittelte gelegentlich zwischen Internierten und Lagerleitung.

Am 10.03.1915 wurde Delmer entlassen. Vielleicht wurde er wegen seines Alters – Sefton Delmer war bei seiner Internierung 50 Jahre alt – schon im März 1915 entlassen, jedoch ohne Ausreisegenehmigung nach Großbritannien. Er selbst führte seine Entlassung darauf zurück, dass die Berliner Universität die Erwartung hegte, er würde nach dem Krieg wieder in sein Lehramt zurückkehren. In dieser Annahme hatte ihn sein Vorgesetzter im Englischen Seminar, Professor Alois Brandl (1855 – 1940) wohl auch bestärkt. Brandl hatte eine hohe Meinung von Delmer und hielt mit ihm und seiner Familie regen Kontakt in der Zeit seiner Internierung.

Nach der Entlassung durfte Delmer nicht ausreisen, sondern wohnte weiterhin mit seiner Familie in der Flotowstraße. Er musste sich täglich bei der Polizei melden und durfte abends nach 20.00 Uhr das Haus nicht mehr verlassen. Sein Lehramt an der Universität hatte er verloren, doch ist nicht bekannt, wovon er sich in den nächsten zwei Jahren ernährte. Er war jedenfalls so schlecht gestellt, dass seine Familie auf die Berliner Suppenküchen angewiesen war. Aus Geldnot musste die Familie im gleichen Haus in eine billigere Wohnung umziehen. Sefton Delmer blieb bis zum 23.05. 1917 in Berlin. Dann durfte er nach Großbritannien ausreisen.

Die britischen Behörden hatten zunächst Sorgen, dass Sefton Delmer in deutschem Auftrag käme. Als sie jedoch merkten, dass die deutschen militärischen Stellen auf Delmers Schilderungen seiner Zeit in Berlin in der britischen Presse feindlich reagierten, glaubten die Briten Delmer.76 Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wurde Delmer Korrespondent der Daily Mail in der Schweiz. Ohne seine Familie ließ er sich Ende September 1917 in Bern nieder.

In Bern kam er in Kontakt mit