29,00 €
Teilzeitarbeit liegt im Trend. Doch in der Schweiz wird das Modell bis heute überwiegend von Frauen praktiziert. Neun von zehn Männern würden zwar dies auch gerne erfahren, aber nur einer von sieben tut es. Hier setzt ‹Der Teilzeitmann› an. Vor zwei Jahren hat ein kleines Team unter Leitung von Andy Keel das Projekt lanciert und sich zum Ziel gesetzt, Teilzeitarbeit salonfähig zu machen. Vor allem Männer sollen ermutigt werden. Es ist ja nicht so, dass sie nicht möchten. Viele junge Väter wollen nicht lediglich stiller Ernährer ihrer Familie sein, sondern auch eine aktive Beziehung mit ihren Kindern pflegen. Doch der Weg zur Teilzeitarbeit ist voll von Hindernissen. Manche Firmen sind skeptisch, weil die flexiblen Modelle meist mit höherem Aufwand verbunden sind. Und auch in der Familie spielt ein Teilzeitmann eine andere Rolle, welche mit der Partnerin ausgehandelt werden will. Dieses Buch ist ein Handbuch auf dem Weg in die neue flexible Arbeitswelt. Es zeigt in einem kleinen Einmaleins Widerstände auf, die es zu überwinden gilt. Verschiedene Interviews, Porträts und Geschichten aus allen Schichten und Berufen zeigen, was es braucht, damit alle mit den Einschränkungen glücklich sein können: der Teilzeitmann, seine Liebsten und der Chef. Denn Teilzeit lohnt sich – auch für Unternehmen. Und die Statistik zeigt: Immer mehr Männer setzen ihren Teilzeitplan auch in die Tat um. Das Buch macht Männern Mut, ihre traditionelle Ernährerrolle aufzubrechen und sich den Herausforderungen von heute zu stellen. Ein informativer und vergnüglicher Leitfaden für Männer und ihre Familien. 'Teilzeit wirkt antidepressiv, maximiert den Lebensgenuss und stärkt erst noch das Immunsystem.' Y. H., Arzt 'Das Leben bietet doch so viel mehr als nur den Job. Teilzeit ist ein Stück Vogelfreiheit, die sehr viel Stress wegnimmt.' F. H., Direktor 'Das Leben wird vielfältiger und intensiver. Man spürt Kräfte, die man sich vorher nicht zugetraut hat.' T. P., Berufsmusiker Aus dem Inhalt Worum es geht / Tipps & Tricks / Soziale Rollen und Arbeitswelt im Wandel / Teilzeitgeschichten / Kleines Einmaleins der Teilzeitarbeit / Widerstände und Chancen / Argumente / Praxisbeispiele für Unternehmen / Interviews mit Profis
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 365
Veröffentlichungsjahr: 2015
Vorwort
Der Teilzeitmann klärt auf: Fünf Missverständnisse vorweg
Es bewegt sich viel
Wünsche und Widersprüche im Leben moderner Männer
Der Mann von heute ist etwas von der Rolle
Der Handel um die Partnerschaft
Der Mann am Herd und weitere Fakten zur Familienarbeit
Der Teilzeitmann kommt
«On Tour» bei einem Schweizer Unternehmen: Hier drückt der Schuh
Vorteil Teilzeit: Vorwärts, Männer!
Flexible Arbeitsmodelle breiten sich aus
Was tun mit der freien Zeit?
Prioritäten setzen und in Lebensqualität investieren
Top-Teilzeit-Trend: Die aktive Vaterrolle
Teilzeitphasen mit Spielraum
Maximale Freiheit? Teilzeit!
Zeit für Leistungssport
Die Mutter aller Teilzeitmodelle
Familienarbeit lohnt sich
Die Generationen Y und Z haben das letzte Wort
Zeit für Erziehung
Vollzeitfrau und Teilzeitmann – ein Traumpaar
Pflege von Angehörigen
Warum nicht? Ein Neustart mit einem anderen System ist möglich
Teilzeitgeschichten (I)
Yéri Haller
Eine ganz normale Familie
Felix Howald
«Man soll sich selbst nicht zu wichtig nehmen»
Martin Könitzer
Das lebenslange Lernen Zu Hause
Julia Beck
Die selbstbewusste Teilzeitfrau
Werner Dähler
Der Ingenieur und sein grösster Widerstand
Bernhard und Barbara
Zweimal halb ist mehr als ganz
Rinaldo Dieziger
Der Chef vom Ganzen und sein Papatag
Jürg Stucki
Selbständig und entspannt dank Teilzeit
Lukas Arbenz
Das geschmiedete Glück
Alke Fink und Barbara Rothen
Die komplementäre Expertise der Professorinnen
Das Ehepaar Löhrer
Geteilte Zeit ist doppelte Zeit
Daniel Matti
Das Mentale und die Mühlen des Staates
Christoph Küffer
Das 80/90- Rezept für Väter
Peter Schiratzki
Die Flexibilität, um eigene Ideen zu verwirklichen
Ari Byland
Es geht: Auf Umwegen zum Teilzeit-Chef
Alex Boos
Teilzeit am Südpol
Brennpunkte der Teilzeit-Debatte in der Gesellschaft
Ein Time-out in der Beschleunigung
Vereinbarkeit steht auf der politischen Traktandenliste
Politische Stimmen zu Teilzeitarbeit
Die Mühe des Militärs mit dem Teilzeit-WK
Was kann Teilzeit sein? Drei Schlaglichter
Teilzeit in der Chefetage
Teilzeitarbeit für ältere Menschen
Jobsharing – den Arbeitsplatz teilen
Teilzeitgeschichten (II)
Thomas Pfiffner
Der massgeschneiderte Frack des Maestros
Lukas Messikommer
Der Fokus und die Ausdauer des Triathleten
Sandra Casalini
«Ich habe nicht vor, das Kind allein zu erziehen.»
Mario Fischer
Der Glückstreffer zum erfüllten Bubentraum
Hannes Veraguth
Das zweite Unternehmen des Gymilehrers
Isabelle und Martin Kaufmann
Das Teilzeit-Glück im Thurgau
Thomas Stucki
Im Büro und bei den Jungs: Voll im Leben
Mario Grossenbacher
Der verrückte dritte Schulweg
Adrian Aeschlimann
Präsent zu Hause und im Geschäft
Patrick Grüninger
Die Geduld des Handwerkers
Oliver Rey
Das Leben aus einem Guss
René Hoppeler
Die langen Ferien des Personalchefs
Frank Leidermann
Die Zeit-Autonomie des Experten für Freundlichkeit
Pirmin Meyer
Die intuitiv richtige Strategie
Roman Schoch
Der Bonus des Lohnspezialisten
Tino Krapf
Pingpong zwischen Bühne und Büro
Tipps & Tricks für den Teilzeitmann
Neun Schritte zur Teilzeit
Tricks für ein besseres Teilzeitmanagement
AHV und Pensionskasse: Auch Teilzeitarbeitende trinken Cappuccino
Gibt es ein Recht auf Teilzeit? Ein Paragraf zu den Teilzeit-Tücken im Gesetz
Die neun grössten Teilzeit-Fallen und wie man sie umgeht
Spezialfall Jobsharing: Zehn Schritte zum Ziel
Wie viel zählt Teilzeit in der Wirtschaft?
Im Wettbewerb um Fachkräfte handeln Firmen mit Vorteil flexibel und familienbewusst
Alle Arbeitgeber sind anders, aber auch Männer schätzen fortschrittliche Firmen
Schweizer Unternehmen befördern Vollzeitmänner
Die Arbeitgeberperspektive
Return on Investment: Teilzeit zahlt sich aus
Pro und kontra für Arbeitgeber
Was können Arbeitgeber tun?
Stimmen von Unternehmen zu «Der Teilzeitmann»
Interviews mit Profis: Experten im Gespräch über Teilzeitarbeit
Remo Largo
«Es tönt brutal, aber der abwesende Mann ist selber schuld»
Christian Hunziker
«Leider blenden viele Chefs das Thema Beruf und Familie aus»
Allan Guggenbühl
«Der Beruf birgt für Männer die Gefahr der emotionalen Verflachung»
Gudrun Sander
«Die Barrieren sind meistens in den Köpfen»
David Blumer
«Teilzeit bietet mehr Handlungsspielräume »
Matthias Mölleney
«Führung ist nicht zwingend an ein Vollzeitpensum geknüpft»
Sybille Sachs
«Teilzeit ist auch für die Institutionen ein Gewinn»
Christoph Müller und Yvonne Seitz
«Die flexible Arbeitsgestaltung wird die Zukunft sein»
Margret Bürgisser
«In egalitären Beziehungen macht sich weniger Entfremdung breit»
Daniel Huber
«Das Thema Teilzeit wird die Unternehmen noch beschäftigen»
Friedemann Haag
«Die Kinder kommen in der Regel sehr gut klar»
Lucrezia Meier-Schatz
«Männer haben es in der Hand, Vorbilder für ihre Söhne zu sein»
Volker Baisch und Hans-Georg Nelles
«Es geht um mehr als ein ‹Wünsch-dir -was›»
Das Abc des Teilzeitmanns
Weiterführende Informationen
Als ich vor ein paar Jahren als 27-jähriger Direktor und Abteilungsleiter bei einer Schweizer Grossbank ein Teilzeitpensum beantragte, löste ich damit einige Turbulenzen aus. Der Anlass für meinen Antrag war meine frische Rolle als Familienvater, für die ich mehr Zeit investieren wollte – ohne meine berufliche Stelle aufzugeben. Ich hatte zwar die Unterstützung meines direkten Vorgesetzten, der meinen Wunsch akzeptierte. Doch die Struktur des Unternehmens sah ein Teilzeitpensum auf dieser Hierarchiestufe schlicht nicht vor. Rasch folgte das erste «Njet». Doch damit fand ich mich nicht ab. Als ich meine Motivation sehr bestimmt und mit einigem Druck bekräftigte, wurde mein Antrag doch bewilligt. Immerhin, mein Teilzeit-Plan wurde nicht verhindert. Also startete ich mit Elan in die spannende nächste Karrierephase.
Fortan war ich von Montag bis Donnerstag Teilzeitdirektor in der Grossbank in Zürich. Von Freitag bis Sonntag war ich in Österreich, wo ich mich meiner privaten Herausforderung als Vater einer kleinen Familie widmete. In der Praxis wurde mir die ganze Dramatik der Situation erst jetzt bewusst. An allen Fronten erlebte ich Erstaunliches, manches war auch erschreckend. Damals kam ich als «Teilzeitmann» neu auf die Welt.
Im Geschäft merkte ich rasch, dass es bei Teilzeit um viel mehr geht als um ein, zwei Tage Abwesenheit. Indem ich als Chef mit dem entsprechenden Gehalt auf einen Teil des Prestiges verzichtete, brach ein ganzes Wertesystem auf. Ein Teilzeitmann definiert sich eben nicht mehr vorab über sein Einkommen. Und ich stellte mit meinem Unterfangen eine weit verbreitete Präsenzkultur infrage. Viele meiner Kaderkollegen, die seit eh und je am Montag als Erste im Büro standen und am Freitag als Letzte das Licht löschten, fanden mein neues Arbeitsmodell überhaupt nicht lustig. Ich erlebte in jener Zeit auch Schikanen, etwa dass E-Mails bewusst erst dann verschickt wurden, wenn ich nicht mehr im Geschäft war. Unterdessen hat der Fortschritt der Technik den Informationsfluss zwischen Büro und «Homeoffice» verbessert. Selbst Geschäftstelefone vom Kinderspielplatz sind gang und gäbe – mit allen Vor- und Nachteilen.
Doch auch die neuen Herausforderungen zu Hause zeigten mir meine Grenzen auf. Ich hatte mein privates Engagement unterschätzt. Während ich mit meiner damaligen Partnerin Erwerbs- und Familienarbeit teilte, tat ich mich schwer mit dieser neuen Doppelrolle. Als Mann fand ich mich plötzlich in jener Situation wieder, die viele Kolleginnen nur zu gut kennen.
Trotzdem zog ich nach zweieinhalb Jahren Teilzeitarbeit beim gleichen Unternehmen eine positive Bilanz. Vor allem zeigte meine Erfahrung in absoluter Karriereposition – mit vielen sehr zeitkritischen Aufgaben und zahlreichen Mitarbeitenden –, dass Teilzeit überall möglich ist. Das A und O für den Erfolg war die gute Regelung der Stellvertretung. Doch die Widerstände im Betrieb deckten auch ein grosses Vakuum in den veralteten Führungs- und Organisationsformen auf. So wuchs in mir die Vision, Teilzeit salonfähig zu machen. Deshalb rief ich die Teilzeit-Stellenbörse www.teilzeitkarriere.com ins Leben. Beim Start im ersten Jahr gab es in der Schweiz im Schnitt gerade mal 20 Teilzeitstellen-Inserate pro Tag.
Dann bahnte sich eine neue, radikale Veränderung an. Nach der Geburt meines Sohnes entschloss ich mich 2009, die Stelle bei der Bank aufzugeben. Ich stürzte mich in ein Jahr als Hausmann und überliess meiner Ehefrau die Rolle als Ernährerin der Familie. Dieses Lehrjahr, in dem ich mich «nur» mit Kindern, Haus und Herd befasste, war für mich eine harte Erfahrung. Ich musste mir eingestehen, dass ich im Umgang mit Kindern nicht selten überfordert war und letztlich als Vollzeit-Hausmann versagte. Damit einher ging meine Einsicht, wie wichtig mir die Erfüllung im Beruf war und wie ich auch an der klassischen Ernährerrolle hing. Zumindest teil(zeit)weise.
Also stieg ich wieder ins Teilzeit-Berufsleben ein, was mir weit besser behagt. Auf einer Zugfahrt von Innsbruck nach Zürich entstand in drei Stunden auf fünf Seiten das Konzept für das Projekt «Der Teilzeitmann». Wenig später konnten wir zu dritt und mit der Unterstützung von männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen, das Konzept umsetzen. Finanziert wird das Projekt durch das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG). Seither konnten wir mit der Kampagne einiges bewegen. «Der Teilzeitmann» steht heute als Symbol für den mutigen Aufbruch in eine neue Welt, in welcher der Faktor Zeit sowie Werte wie Solidarität, Gemeinsinn und Altruismus wieder den Stellenwert einnehmen, der für uns alle überlebensnotwendig ist.
Die Erde dreht sich weiter, und die Arbeitswelt entwickelt sich. Manche beobachten die zunehmende Beschleunigung mit Skepsis. An vielen Orten sehe ich aber, dass sich die Dinge zum Besseren verändern. Es ist eine Evolution, wenn Chefs mit einer Selbstverständlichkeit und ohne Kopfschütteln Teilzeitpensen bewilligen, und zwar jene von Männern ebenso wie jene von Frauen. Wenn werdende Mütter in einem Dialog auf gleicher Augenhöhe mit ihrem Partner ausmachen, wer wann wie und wo die Kinder betreut. Und wenn bei Jungverheirateten nicht einfach klar ist, dass die Frau die Familienarbeit leistet und der Mann die Familie ernährt. Die Entwicklung geht dahin, dass Männer und Frauen gemeinsam ihr Leben in einer modernen Gesellschaft gestalten. Dies insbesondere im Familienkontext – aber nicht nur.
Es ist schön zu sehen, dass nach jahrelanger Arbeit nun mehr und mehr Unternehmen den Wert von flexiblen Arbeitszeitmodellen erkennen und einen mutigen Schritt vorwärts machen, heraus aus den patriarchalen Strukturen.
Ich lade dich ein – liebe Leserin und lieber Leser – mitzumachen bei der gesellschaftlichen Evolution, die im Gange ist. Seit meinen ersten Erfahrungen als Teilzeitmann habe ich viel unternommen, einiges versucht und bin dabei auch in einige Sackgassen geraten. Doch eines ist für mich klar: In einer Vollzeitstelle will ich nie mehr arbeiten. Die Möglichkeiten eines flexiblen Berufslebens, die Teilzeit oder Jobsharing bieten, sind noch lange nicht ausgeschöpft. Es ist viel in Bewegung. Heute werden auf teilzeitkarriere.com täglich rund 12 000 neue Teilzeitjobs angezeigt. Darunter sind viele interessante Stellen für sehr gut qualifizierte Menschen. In konservativen Branchen, in vielen Handwerksberufen und im Topkader von Grossfirmen ist der Weg für Teilzeitangestellte aber nach wie vor steinig. Die jetzige Situation ist damit noch weit entfernt von meiner Vision von salonfähigen Teilzeitkarrieren. «Der Teilzeitmann» hat noch viel Arbeit zu leisten, doch die Zeit arbeitet für ihn. Dieses Buch soll einen Teil zur Veränderung beitragen.
Andy Keel
«Oh, ein Teilzeitmann!», sagte die Dame vis-à-vis verschmitzt, bevor sie süffisant anfügte: «Und was sind Sie nach Feierabend?!» Nun, manchmal habe ich durchaus Sinn für Wortspiele. Doch diesmal mochte ich nur müde lächeln. Diesen Spruch hörte ich nun schon zum achten Mal. Aber die Dame vis-à-vis liess nicht locker: «Gehen Sie nachts als Frau aus?», hakte sie nach – in der Meinung, ich hätte den Witz nicht kapiert. «Nein, ich breche in Frauendomänen ein», entgegnete ich. Mein müdes Lächeln wurde plötzlich wieder munter. Schliesslich war das erste Ziel des Teilzeitmanns schon erreicht: Er war wieder mal das Thema. Und das liegt am cleveren Namen des Projekts.
Ein Quäntchen irritierende Unschärfe ist hilfreich, wenn man nachhaltig im Gespräch bleiben will. Zumal mit einem hochaktuellen Thema. Denn auch die Gesellschaft verändert sich. Neue Begriffe werden dann gerne aufgegriffen, wenn sie den Zeitgeist treffen. Das Etikett «Teilzeitmann» hat seine Berechtigung, gerade in der Schweiz, wo Teilzeit ausserordentlich stark mit Frauen assoziiert ist. In kaum einem anderen Land sind so viele Frauen und Mütter erwerbstätig. Aber auch in keinem anderen Land ist die Teilzeitquote unter den Geschlechtern so unterschiedlich. Und wenn ein altmodischer Patron gönnerhaft von «unseren Teilzeitfrauen» spricht, mag das manchem so vertraut vorkommen, dass man überhört, wie viel Unausgesprochenes mit dem Label «Teilzeit» impliziert wird. Nicht nur, dass es eine Option vor allem für Frauen sei. Das Wort Teilzeitarbeit signalisiert halt immer noch eine reduzierte Leistungsbereitschaft und berufliche Ambitionen auf Sparflamme. Es ist also höchste Zeit, dass «Der Teilzeitmann» mit einigen Missverständnissen aufräumt.
Um die Eingangsfrage der Dame doch noch nett zu beantworten: Ja, ich fühle mich auch in meiner Freizeit als Mann. Besonders dann, wenn ich einen Tag mit Kindern im Haushalt verbringe. Also wenn ich hart arbeite, ohne dabei Geld zu verdienen. Ich lerne als Mann ungemein viel, wenn ich in verschiedene Rollen schlüpfe. Etwa als Teilzeitmann tageweise in jene des Hausmanns oder, in der goldenen Stunde vor der Bettruhe der Kinder, in jene der Märchentante.
Vorab wichtig festzuhalten ist, dass es nie darum ging, Teilzeitmänner gegen Teilzeitfrauen auszuspielen. Wenn Männer dafür kämpfen, dass Teilzeitarbeit salonfähig wird, stellen sie sich auf die Seite der Frauen, welche die gleiche Wertschätzung schon lange einfordern. Die Pioniergeneration hat längst bewiesen, dass sich Verantwortung in der Firma und in der Familie nicht ausschliessen. An diesen beiden Fronten kämpften bisher mehrheitlich Frauen in der ersten Reihe. Doch gerade weil es bei der Vereinbarung um einen kollektiven Kampf geht, muss man aufpassen, dass es nicht gegeneinander geht. Zum Missverständnis des Geschlechterkampfs kommt es in der Debatte oft genug.
Springen wir also nicht in diese Schützengräben, selbst wenn sie verführerisch mit Klischees gepolstert sind. Stattdessen gilt es, die Offenheit der neuen Generation von Männern und Frauen anzuerkennen. Sie mögen wählerischer sein und anspruchsvoller. Und mit Recht fordern Männer wie Frauen die gleichen Rechte und die Gleichbehandlung ein. Frauen und Männer sollten sich gemeinsam darüber freuen, wenn das Thema Teilzeit durch die aktuelle Debatte aus einer tiefen Schublade geholt wird und ein Stück nach oben wandert. Je weniger das Thema Teilzeit mit negativen Begriffen gekoppelt ist, desto besser ist das für alle Teilzeitarbeitenden – unabhängig von ihrem Geschlecht. Das kann in vielen Fällen schon heissen, dass die Frau mehr Erwerbsarbeit leistet, wenn der Mann reduziert (und sie hoffentlich einen besseren Lohn erhält). Es könnte sogar bedeuten, dass mehr Mütter Vollzeit arbeiten können, wenn sie wollen.
Die Vielfalt der gelebten Arbeitsmodelle sprengt die gängigen Geschlechterklischees locker. So kommt die Aufwertung von Teilzeitarbeit den Hausmännern ebenso zugute wie ihren Teilzeit arbeitenden Partnerinnen. Aber nicht nur das: Profitieren können auch Singles, die vielleicht keine Familie haben, jedoch auch nicht nur ihre Arbeit im Kopf. Womöglich können sie mit einem Teilzeitpensum ihren Lebensunterhalt bestreiten und mit dem anderen Teil ihrer Lebenszeit etwas anderes machen.
Die Ergebnisse einer repräsentativen Studie, welche die Pro Familia 2011 im Kanton St. Gallen durchführte, liessen aufhorchen:
90 Prozent der befragten Männer gaben an, ihr Arbeitspensum reduzieren zu wollen – sie würden dafür sogar Lohneinbussen in Kauf nehmen.
62 Prozent der Befragten befürchten jedoch, dass eine Einkommenseinbusse für den Haushalt nicht verkraftbar wäre.
Über 70 Prozent aller Männer werden ihren zukünftigen Arbeitgeber nach den angebotenen Möglichkeiten für Teilzeitarbeit auswählen. Sie wünschen sich eine höhere Zeitautonomie.
56 Prozent der Väter zwischen 31 und 40 Jahren kritisieren, dass sie in der Familie zu wenig verfügbar seien.
76 Prozent der Befragten wünschen sich eine öffentliche Diskussion zum Thema Männer und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Befragt wurden rund 1200 Männer quer durch alle Funktionen, Branchen und sozialen Schichten – vom Arbeiter über den Angestellten bis zum Mitglied einer Geschäftsleitung. Andere, nicht repräsentative Befragungen haben inzwischen zwar weniger spektakuläre, aber immer noch sehr deutliche Ergebnisse ergeben: Mehrheiten von 60 bis 75 Prozent befürworten darin Teilzeit.
Nicht nur die Meinungen sind in Bewegung gekommen, sondern auch die Statistik. Arbeiteten Ende 2012 in der Schweiz noch 332 000 oder 13,8 Prozent aller Männer Teilzeit, so waren es Ende 2013 bereits 355 000 oder 14,6 Prozent. Der Sprung von 2012 bis 2013 ist markant, wie aus der Arbeitskräfteerhebung des Bundesamts für Statistik (BFS) hervorgeht: ein Plus von 23 000 Männern oder 0,8 Prozentpunkte! Die Tendenz ist auch 2014 stark steigend. Damit setzt sich ein Trend fort, der sich seit mehreren Jahren akzentuiert: Ende 2011 gab es 326 000 Teilzeitmänner, ein Jahr zuvor waren es 324 000; 2007 arbeiteten in der Schweiz erst 269 000 Männer oder 11,9 Prozent Teilzeit. Etliche Männer setzen also inzwischen ihren Wunsch in die Realität um, Teilzeit zu arbeiten. Mindestens ebenso viele hingegen zögern.
Die statistische Veränderung zeigt sich besonders auch bei den Vätern. Sie sind es, die im gesellschaftlichen Trend den Unterschied machen. Gemäss den aktuellen Zahlen des BFS arbeiten heute 9,2 Prozent der Väter von kleinen Kindern bis 6 Jahren in einem Pensum unter 90 Stellenprozent. Das sind 38 000 vorab junge Väter unter den Teilzeitmännern. Auch dieser Anstieg zwischen 2011 und den neusten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2012 ist bemerkenswert: Er beträgt fast einen Prozentpunkt (von 8,3 auf 9,2 Prozent). Der Anteil der Teilzeit arbeitenden Väter von kleinen Kindern hatte sich in den Vorjahren nur sehr zaghaft erhöht.
Zum Vergleich: 59,2 Prozent der Schweizer Frauen arbeiten Teilzeit, bei den Müttern von kleinen Kindern beträgt die Teilzeitquote gar 80 Prozent. Insgesamt arbeiteten Ende 2013 in der Schweiz rund 1,58 Millionen Menschen Teilzeit.
Wo steht die Schweiz bei der Teilzeitarbeit im Vergleich mit anderen Ländern? Bei der letzten statistischen Erhebung in Europa 2013 hiess der Teilzeit-Europameister Niederlande. Hier arbeiteten 27,9 Prozent der erwerbstätigen Männer und 77,2 Prozent der Frauen Teilzeit. Die Schweizer Teilzeitmänner lagen Kopf an Kopf mit Norwegen, Dänemark und Schweden auf den folgenden Plätzen. Die Schweizer Teilzeitfrauen schafften es auf Platz 2. Interessant ist auch, dass der Unterschied zwischen der Teilzeitquote bei Männern und Frauen sowohl in der Schweiz (aktuelle 44 Prozent) als auch in den Niederlanden weltweit zu den höchsten gehört.
Die Gründe für die boomende Teilzeitarbeit in der Schweiz sind vielseitig. Es scheint in der Wirtschaft und Gesellschaft immer besser akzeptiert zu sein, wenn auch Männer sagen: Wir wollen zwar die volle Leistung bringen, das aber nicht mehr in endlosen Arbeitstagen zu «120 Prozent oder mehr». Der Zeitgeist scheint Teilzeitarbeit bei Männern zu begünstigen. Es hilft sicher auch, dass derzeit die Wirtschaftslage stabil ist. Zudem dürfte unsere Kampagne «Der Teilzeitmann» massgeblich zu dieser Steigerung im vergangenen Jahr beigetragen haben. Jedenfalls zeigen die Zahlen, dass die Trägerschaft von männer.ch auf der richtigen Fährte ist. Die Entwicklung ist ein grosser Schritt zum ehrgeizigen Ziel, dass der Anteil teilzeitarbeitender Männer bis 2020 auf 20 Prozent steigt. Wenn auch in den folgenden Jahren jedes Jahr 25 000 Teilzeitmänner dazu kommen, sind es im Jahr 2020 rund eine halbe Million. Mit dem aktuellen Zuwachs ist dieses Ziel realistisch geworden.
Immer mehr Männer wollen einen aktiven Part in der Familie übernehmen. Und immer mehr von ihnen tun dies auch. Daneben zeichnet sich mit der Vereinbarkeit von Beruf und der Pflege Angehöriger eine bedeutende Herausforderung für die Zukunft ab. In diesem dynamischen gesellschaftlichen Umfeld hat der Teilzeitmann viele Verbündete (und nicht etwa nur Gegner, die über seine Abwesenheit am Arbeitsplatz schimpfen). Zur Teilzeitkarriere-Allianz zählen viele gut ausgebildete Frauen, die mehr beruflich tätig sein wollen, zum Beispiel nach einer Mutterschaftspause. Auch die Wirtschaft ist aus ganz eigennützigen Beweggründen an der guten Vereinbarkeit zwischen Jobs und Privatleben interessiert. Unternehmen brauchen qualifizierte und motivierte Arbeitskräfte. Die demografischen Veränderungen und der Fachkräftemangel bewirken, dass die Wirtschaft noch mehr als in der Vergangenheit auf Männer und Frauen angewiesen ist, die ihre verschiedenen Lebensbereiche ausbalancieren können. Einen modernen Arbeitgeber geht nicht mehr nur das Berufsleben seiner Mitarbeitenden etwas an, sondern auch deren Familie und das Privatleben.
Nicht zuletzt bringt auch die Jugend Veränderungen. Die sogenannte Generation Y, also die Generation der jetzt etwa 30-Jährigen, hat andere Ansprüche an ihren Arbeitsplatz. Weit mehr als frühere Generationen treten sie im Arbeitsmarkt als Konsumenten auf – und nutzen das beste Angebot. Dabei ist der Preis der Arbeit nicht mehr allein entscheidend. So zeigen die aktuellen Zahlen des Universum Swiss Student Survey 2013: 65 Prozent der Berufseinsteigerinnen und 45 Prozent der Berufseinsteiger nennen als erstes Karriereziel eine ausgewogene Work-Life-Balance. Dabei geht es einerseits um die Betreuung von Kindern. Anderseits geht es aber auch um Erholung oder um die persönliche Entfaltung. Teilzeitmodelle können diesen neuen Lebensprioritäten entsprechen. Diese Generation scheint also nicht mehr bereit, wie die Vorgängergeneration ihr Privatleben dem beruflichen Erfolg komplett unterzuordnen. Das Umdenken bei jüngeren Generationen hat begonnen.
Teilzeit ist aber nicht nur für Nachwuchskräfte attraktiv, sondern sie wird auch für die Mitglieder der Generation 50+ ein immer wichtigeres Thema. Es geht hier nicht um Kreuzfahrten und Weinwanderungen. Frappant wächst etwa das Bedürfnis und die Notwendigkeit in dieser Bevölkerungsschicht, sich um betagte Angehörige zu kümmern. Vor diesem Hintergrund ist auch die Frage des Rentenalters brisant. Der Schweizerische Arbeitgeberverband plädiert für ein Rentenalter 67, der Bundesrat hat das Thema bereits vor Jahren lanciert. Da und dort ist gar von einem zukünftigen Rentenalter 70 zu hören. So oder so: Ein höheres Rentenalter wird immer realistischer. Viele Menschen ab 50 sehen sich daher mit einer Verlängerung ihres Berufslebens konfrontiert. Angesichts dieser Perspektive setzen sie sich vermehrt mit anderen Lebens- und Arbeitszeitmodellen auseinander.
Es ist also ein eigentlicher Umbruch in der Arbeitswelt im Gang. Das Interesse an Teilzeit ist schon jetzt vorhanden, und es wird weiter anhalten. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass Vereinbarkeit und Familienfreundlichkeit wichtige Handlungsfelder der kommenden Jahre sein werden. Die Unternehmen befinden sich, ob sie wollen oder nicht, in einem Wettkampf um gut qualifizierte Mitarbeitende. Das Thema Teilzeit dürfte daher in Zukunft also für Frauen und Männer an Gewicht gewinnen. Voraussetzung dafür jedoch ist, dass sich die Wirtschaftslage nicht verschlechtert. Derzeit sind die Aussichten dazu sehr gut.
Die Dynamik könnte also kaum günstiger sein. Der Trend zur Teilzeit ist so stark, dass sich wie erwähnt fast unglaubliche neun von zehn Männern in der Schweiz eine Reduktion der Arbeitszeit wünschen. Das ist aber offensichtlich einfacher gesagt als getan. Denn nur einer von sieben macht diesen Schritt tatsächlich. Trotz den Fortschritten im vergangenen Jahr besteht bei den Männern immer noch ein tiefer Graben zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Viele Männer beklagen die Zeitnot, bevorzugen aber einen Vollzeitjob. Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären? Expertinnen und Experten sind sich einig: Männer und Arbeitgeber müssen umdenken und umstellen. Dies ist unumgänglich, damit die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben für mehr Männer zur Realität wird. Es braucht also Mut. Einerseits beim einzelnen Mann, der sich mit Teilzeitarbeit befasst. Anderseits aber auch bei den Arbeitgebern, die mit den unerfüllten Wünschen vieler ihrer Mitarbeitenden konfrontiert sind. Darüber hinaus sind weitere Veränderungen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene nötig.
Männer sind gern die Herren der Lage. Und abgesehen von einer vorübergehenden Minderheit in der Landesregierung scheint die Situation für «das starke Geschlecht» klar und komfortabel. Männer besetzen die wichtigsten Positionen nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Kultur, Kirche und Politik. Männer verdienen durchschnittlich rund 20 Prozent mehr als Frauen. Oder ist die Lage vielleicht doch nicht mehr ganz so klar, wie es die Herren gern hätten? Die letzten 55 Jahre haben dem Patriarchat ganz schön zugesetzt. Ausgelöst durch die Emanzipation, wurden die alten Geschlechterrollen durchgerüttelt. Sie sind immer noch in Bewegung. Viele Männer halten sich verkrampft an ihren traditionellen Rollen fest. Anderen ist ihre Männlichkeit unangenehm, sie stecken in einer Sackgasse. Wiederum andere versuchen, tastend einen Weg zwischen Konvention und Experiment zu gehen. Die Männer sind in derselben Zerreissprobe angekommen, in der Frauen seit Beginn ihres Aufbruchs stecken.
Das Gefühl, in einer mutierenden gesellschaftlichen Haut zu stecken, mag bei Männern und Frauen ähnlich sein. Ihre Lage gleicht sich an, was man durchaus als Erfolg der Gleichstellung verbuchen kann. Doch die Antworten von Frauen und Männern auf diese Veränderungen sind radikal verschieden. Während die Netzwerke von Frauen wachsen, lösen sich die männlichen auf. Manche Männer beginnen, sich ihrer Netzwerke zu schämen, die ihnen bislang Vorteile sicherten.
Wohin soll nun die Reise gehen? Viel Zeit zum Überlegen und Pläneschmieden haben die wenigsten. Denn oft sind sie im Alltag unserer beschleunigten Welt mit unzähligen Ansprüchen konfrontiert. Bei der Arbeit wird immer mehr Einsatz verlangt, obwohl die Belohnung dafür immer unsicherer wird. Das alte Männerbild verlangt vom Mann, leistungsstark, erfolgreich und konkurrenzfähig zu sein. Gleichzeitig ist zu den traditionellen Anforderungen eine ganze Reihe von neuen Herausforderungen hinzugekommen: Männer sollen zu Hause aktive Väter sein, alltagsnah, engagiert und präsent in der Kindererziehung, zudem sollten sie einfühlsame Gesprächspartner sein und leidenschaftliche Liebespartner. Der Anforderungskatalog an Männer ist in den letzten Jahren um einiges gewachsen. Auf der Strecke jedoch bleibt oftmals die Zeit für sich, für nachdenkliches Nichtstun, für Freunde und alles andere, was sich unter dem vielversprechenden Wort «Leben» zusammenfassen lässt.
All das verunsichert viele Männer. Etliche wissen nicht mehr, was die Frauen von ihnen erwarten, und noch weniger, was sie selbst wollen. Im engen Alltagskorsett der gesellschaftlichen Anforderungen finden Männer also nicht leicht zu einem Selbstverständnis.
Die Leistung ist eine Möglichkeit der männlichen Selbstbestätigung. Männer leisten gerne viel im Beruf, in der Freizeit und im Sport. Männer bilden sich ihre Identität sehr oft über Kampf und Arbeitsleistung, und das ist eng an die Erwerbsarbeit geknüpft. Traditionell legen Männer hohen Wert darauf, bei der Arbeit als Leistungsträger anerkannt zu werden. Doch auch Hochqualifizierte müssen je länger, je mehr mit dem Risiko rechnen, ihre Stelle zu verlieren und zumindest in gewissen Phasen erwerbslos zu sein. Bei Arbeitslosigkeit jedoch wissen sehr viele nicht mehr, wer sie als Mann sind.
Nun gut, sagen sich viele Männer, solange wir mehr verdienen und die Freiheit haben, ausser Haus zu arbeiten, ist ja alles halb so schlimm. Das Leben im Büro ist erträglich und wird angemessen entschädigt. Doch geht diese Rechnung wirklich auf? Nein, muss die Antwort lauten, wenn man auf die Gesundheitsdaten der Männer blickt.
Dieses Röntgenbild sieht leider nicht so gut aus. Bis zum Alter von 65 sterben Männer zum Beispiel rund fünfmal häufiger an Herzinfarkt. Sie sterben auch fast dreimal häufiger an Leberzirrhose, fast dreimal häufiger an Lungenkrebs und begehen fast dreimal häufiger Suizid als Frauen.
Auch bei Burn-out und Stress haben die Männer die Nase weit vorne. Pointiert ausgedrückt: Die Männer haben tief verinnerlicht, dass ihr Körper fit sein muss für den Beruf – Funktionieren geht über alles.
Die einseitige Erwerbsorientierung kann also die Gesundheit gefährden. Sie bringt auch eine einseitige Kompetenzentwicklung mit sich. Ein «Vollzeitmann» wird mit allen Wassern gewaschen sein, wie er sich im betrieblichen Umfeld behaupten kann. Aber er wird ganz wichtige Fertigkeiten nicht entwickeln können, die es bei einem Engagement anderswo zu entwickeln gäbe.
Es können auch noch andere Probleme auftauchen. Sie werden jedoch erst aktuell, wenn Kinder ins Spiel kommen. Besonders dann, wenn es mit dem familiären Glück nicht mehr zum Besten steht. Bei einer Scheidungsrate von rund 50 Prozent sind sich die Paare bewusst, dass es in späteren Jahren zu einer Trennung kommen kann. Scheidungen sind normal und gesellschaftlich akzeptiert. Trotzdem werden die unangenehmen Details der Konsequenzen gern ausgeblendet oder verdrängt. Spätestens zum Zeitpunkt von Trennung oder Scheidung rächt sich die traditionelle Arbeitsaufteilung. In solchen Fällen kommen die Gerichte oftmals zum Schluss, dass sich Männer mit einem Vollzeitpensum nicht wirklich um die Kinder gekümmert haben. Das kann dazu führen, dass Männer ihren Platz in der Familie verlieren und zu reinen «Zahlvätern» werden. Viele Vollzeitmänner leiden, wenn ihre Kinder zu den Müttern kommen und sie ihren Nachwuchs zum Beispiel nur noch jedes zweite Wochenende sehen können.
Zwischen den wankenden Geschlechterrollen und der langsamen Veränderung der Arbeit besteht ein Zusammenhang. Die Ergebnisse von Untersuchungen in der Schweiz wie im Ausland sprechen eine klare Sprache über die Gründe, weshalb viele Männer zögern, den Schritt in die Teilzeit zu machen:
Sie haben (immer noch) Respekt davor, archaische Rollenmuster zu überwinden. Viele Männer haben nach wie vor verinnerlicht, dass sie die Ernährer ihrer Familie sein müssen.
Es geht um die Angst, dass man sich einen kleineren Lohn nicht leisten kann.
Männer befürchten, dass sich eine reduzierte Arbeitszeit negativ auf ihre Aufstiegs- und Karrierechancen auswirkt und dass man im Unternehmen als unmotiviert gilt.
Sie haben Angst vor Macht- und Statusverlust.
Es geht um die zentrale Sorge, dass die Arbeitsplatzsicherheit nicht gewährleistet ist.
Und Männer haben Bedenken, abschätzige Kommentare und schräge Blicke von Kollegen zu ernten.
Um diese Schwellen zu vermeiden, wählen sehr viele Männer immer noch die harte Tour. Denn sie wollen sowohl ihren Vollzeitjob als auch die Familienarbeit unter einen Hut packen. Sie versuchen – nebst einem Vollzeitpensum im Beruf – in der Erziehung mitzuwirken und ebenbürtige Partner zu sein. Allzu viele Männer sind aber überfordert damit. Gleichzeitig kostet eine mehrköpfige Mittelstandfamilie Geld, viel Geld. Vor allem, wenn die Kinder in die Krippe und in die Schule gehen. Damit aber noch nicht genug. Viele Männer wollen gerade in dieser anstrengenden Phase – die patriarchalen Denkmuster lassen grüssen – nicht nur Karriere machen, sondern auch noch ein Haus bauen, ein schnittiges Auto fahren und tolle Auslandferien verbringen.
Selbst jene Männer, die diese Schwellen auf dem Weg überwinden und den Schreibtisch teilzeitlich gegen den Wickeltisch eintauschen, sind keineswegs in einem sicheren Hafen. Im Alltag der Kinderbetreuung liegen weitere Stolpersteine, die weit weniger fassbar sind als die herumliegenden Legosteine im Kinderzimmer. Viele Männer fühlen sich nach der Geburt der Kinder eher als «Zudiener» denn als Partner, denn es gilt, die enge Verbundenheit von Mutter und Baby zu akzeptieren. Es braucht also in der Regel seine Zeit, bis ein Mann zur vollwertigen Bezugsperson für seine Kinder werden kann.
Diese Alternativen sind oft nicht so eindeutig nachzuvollziehen. Sich auf die vielen Aspekte der Kinderbetreuung einzulassen, ist für Männer auf den ersten Blick ungewohnt und undankbar. Eine erfrischende Einstellung würde vielleicht hier und da helfen. Aber die Antwort ist nicht für alle gleich klar, wenn die Frage heisst, was verlockender sei: sich regelmässig mit appetitanregenden «Breilis» und unappetitlichen Windeln auseinanderzusetzen statt mit Geschäftsberichten? Oder sich jeden Tag auf die überraschenden Emotionen seiner Kinder und damit auch auf sein Gefühlskarussell einzulassen statt auf den kalkulierbaren Umgang mit den Arbeitskollegen? Den genau strukturierten Tagesablauf wegen dem Drängeln nach «Gschichtli-Lose» über den Haufen zu werfen statt einen Kunden zu bedienen? Nach einer durchwachten Nacht am darauffolgenden Tag mit all seinen Herausforderungen eine «Normalität» anzupeilen statt sich bei der Arbeit seinen gewohnten Aufgaben zu widmen?
Solche Gründe sind es, die wohl viele Männer davon abhalten, Beruf und Familie zu vereinbaren. Geschweige denn in dieser Sache Druck bei ihren Chefs zu machen. Denn Druck haben sie schon mehr als genug. Es ist tatsächlich anstrengend, neben dem Wohl der Firma auch noch das Wohl der Familie im Kopf zu haben. Und im Zweifelsfall ist es manchem Mann dann doch behaglicher in einer vorgeformten Ernährerkleidung ab Stange. Zumindest auf den ersten Blick.
Die Diskussion um Teilzeit ist eine Wertediskussion. Es braucht also etwas Denkarbeit, die ein Mann auf dem Weg zur Teilzeitarbeit selbst leisten muss. Einerseits muss er zwingend seine Wertmassstäbe hinterfragen: Was ist mir in meinem Leben wirklich wichtig? Was macht für mich in meinem begrenzten Dasein wirklich Sinn? Tatsache ist: Wer Tätigkeiten ausübt, bei denen die persönlichen Interessen nahe an der Realität liegen, kann daraus viel Energie schöpfen. Anderseits gilt es für Männer die Frage zu beantworten: Weshalb ist es für mich so schwierig, dem Bild des Vollzeitmannes nicht mehr zu entsprechen? Bin ich nur noch eine halbe Portion, wenn ich zum Beispiel noch 80 oder 60 Prozent arbeite? Männer müssen diesen Verbindungen zwischen Teilzeitarbeit und dem eigenen Selbstbild nachgehen. Sie müssen herausfinden, weshalb all diese Rollenerwartungen und Normen sie daran hindern, einen allfälligen Teilzeitwunsch ernst zu nehmen. Erst wenn sie für sich Antworten gefunden und Klarheit gewonnen haben, können sie den Graben zwischen Wunsch und Wirklichkeit füllen.
Nun monieren kritische Stimmen, der derzeit positive Teilzeittrend bei den Männern sei zu relativieren: Er beschränke sich weitgehend auf 80-Prozent-Stellen. An nur einem Wochentag könne ein Mann nicht wirklich Verantwortung in der Familienarbeit übernehmen, vom Ideal der geteilten Familienarbeit sei man in der Schweiz noch meilenweit entfernt. Tatsache ist, dass der Anteil der Männer mit Pensen über 80 Prozent etwa doppelt so hoch ist wie jener darunter. Bei Pensen unter 70 Prozent war in den letzten Jahren nur ein zaghafter Zuwachs zu verzeichnen. Das «Teilzeitmann»-Team ist dennoch überzeugt, dass der Schritt vom Vollzeitpensum in ein 80-Prozent-Pensum wertvoll ist. Erst wenn ein Mann die Erfahrung Teilzeit hautnah gemacht hat, weiss er auch, was er damit gewinnt. Dann kann auch der nächste Schritt viel einfacher sein – zum Beispiel zu einem 60-Prozent-Pensum. Wir kennen inzwischen viele Männer, die Teilzeit arbeiten – auch in Führungspositionen. Bemerkenswert ist, dass praktisch alle felsenfest vom Modell Teilzeit überzeugt sind. Wer also einmal an der Teilzeit geschnuppert hat, lässt diese Freiheit nicht mehr so einfach los.
Wiewohl: Das Leben eines Mannes besteht aus verschiedenen Phasen. Er kann die Prioritäten immer wieder neu setzen. Das gilt auch für das Arbeitsleben. Teilzeitarbeit kann nach einer intensiven Phase des Berufseinstiegs interessant sein. Ebenso sind viele Männer geneigt, sich nach dem Erreichen erster Ziele eine Zeit lang in der Familie stärker zu engagieren. Dies unterstreichen die Ergebnisse von repräsentativen Meinungsumfragen. Das Forschungsinstitut Link fand für die Coopzeitung heraus, dass in der Altersgruppe der 30- bis 49-jährigen Frauen und Männer die grosse Mehrheit eine Teilzeitstelle vorzieht: 76 Prozent der Befragten gaben dies an, also mehr als zwei Drittel der Menschen in den besten Jahren. Zudem ergab die jüngste Arbeitskräfteerhebung des Bundesamts für Statistik, dass fast jede zweite Teilzeitkraft familiäre Gründe für ihre Wahl angab. Für Menschen in der Lebensphase zwischen 30 und 50 scheint Teilzeit also ein starker Antrieb zu sein, um sich bei der Familienarbeit zu engagieren. Daneben wollen immer mehr Väter das Aufwachsen ihrer Kinder aktiv mitgestalten. Sie wollen es anders machen, als es ihre Väter taten, die oft in der Familie wenig bis gar nicht präsent waren.
Nun ist aber ein gesellschaftlicher Fortschritt keine Einbahnstrasse. Jedes Mehr an Freiheit in der Partnerschaft bringt erfahrungsgemäss auch Nachteile mit sich. Wenn Frauen sich aus den klassischen Rollenbildern befreien, werden Männer im Gegenzug oftmals stärker beansprucht. Selbstbewusste Frauen sind heutzutage nicht mehr gewillt, Kinder, Haus und Küche als ihre alleinige Domäne zu verstehen. Vielmehr fordern sie die aktive Mitarbeit der Männer im Haushalt. Dem kommt die Tendenz entgegen, dass immer mehr Männer auch aus eigenem Antrieb Verantwortung in der Familienarbeit übernehmen wollen.
Solche grossen Schritte wollen jedoch mit der Partnerin oder dem Partner ausgehandelt werden. Das setzt grundlegende Diskussionen über die Kindererziehung voraus. Das gleichberechtigte Paarleben wird komplexer. Wer sich in die Familienarbeit einbringen will, muss für sich und seine Werte einstehen und sie mit offenem Visier verteidigen. Die Arbeitsteilung im Haushalt wird so Gegenstand von Verhandlungen, wobei das Spektrum sehr breit ist. Das ist mitunter anstrengend. Grundlegend für ein fruchtbares Ergebnis dieses Aushandelns ist, dass sie und er mitmachen. Die Herausforderungen sind auch für die Partnerin gross. Sie muss bereit sein, die Exklusivität der Kinderbetreuung aufzugeben und einen Teil der Verantwortung abzutreten. Es wird von der Frau verlangt, dem Partner in der ursprünglich eigenen Domäne Handlungsspielraum zuzugestehen: Du machst es zwar anders, aber so ist es auch in Ordnung.
Für die Frauen ist das Ernährer-Modell gleichermassen problematisch wie bequem. Die Partnerin eines Teilzeitmanns verzichtet genauso auf ein Stück Sicherheit und allenfalls auf etwas Luxus. Jede Partnerin ist sozusagen an der Wette beteiligt, die ihr Mann eingeht: Dass er weniger arbeitet – dafür aber gesünder bleibt. Partnerinnen müssen also zu einem doppelten Verzicht bereit sein: Einerseits sollen sie die Definitionsmacht im Haus abzugeben. Anderseits müssen sie die Sicherheit loslassen, ernährt zu werden. Dieser zweite Punkt ist noch unbequemer.
Apropos unbequem: Pikant ist in diesem Zusammenhang das Thema Lohn. In jungen Jahren, bis zum Alter von etwa 30, verlaufen die Erwerbsbiografien von Männern und Frauen nahezu parallel. Auch die Lohnentwicklung ist praktisch identisch, wie mehrere Untersuchungen zeigen. Aber dann passiert etwas Entscheidendes: Es werden Familien gegründet. Zum Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes erhöhen die Männer das Pensum noch, während die Frauen ihres reduzieren. Am Punkt der Familiengründung scheiden sich also die Karriereplanungen von Männern und Frauen. Damit verbunden ist ein Unterschied in der Lohnentwicklung, den die Frauen nie mehr aufholen. Der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen bleibt vielfach bis zur Pensionierung bestehen. Wer einmal in die Traditionsfalle tritt, wird die Folgen nicht mehr so schnell los.
Familien sind im 21. Jahrhundert zunehmend finanziell auf eine doppelte Erwerbstätigkeit angewiesen. Selbst im Hochlohnland Schweiz reicht ein Einkommen nicht mehr selbstverständlich für eine ganze Familie. Die Eltern sind tendenziell auch weniger bereit, mit der Geburt der Kinder Abstriche gegenüber ihrem vorherigen Lebensstandard in Kauf zu nehmen. Partnerin und Partner werden sich entsprechend genau überlegen, ob die finanziellen Mittel für Teilzeitarbeit ausreichend sind. Betrachtet man die Normalverteilung der Einkommen und die durchschnittlichen Lebenskosten, dürfte sich rund die Hälfte aller Männer in der Schweiz ein Teilzeitpensum finanziell leisten können. Das heisst im Umkehrschluss aber auch: Die andere Hälfte kann sich Teilzeit schlicht nicht finanzieren. Selbst mit tatkräftiger Mithilfe der Partnerin oder des Partners ist Teilzeit für Beschäftigte in Niedriglohnberufen leider keine Option.
Noch ein paar Worte zur Wertigkeit von unbezahlter Arbeit in der Familie. In unserer Gesellschaft gilt der Grundsatz, dass die Verantwortung im Beruf in der Regel gut entlöhnt wird. Hingegen geht man bei der Verantwortung in der Familie davon aus, dass sie gratis geleistet wird. Das hat sich zwar historisch so etabliert, heisst aber mitnichten, dass die Familienarbeit weniger wert ist als die berufliche Tätigkeit. Es geht also um Wertschätzung. Und gerade hier tun sich Männer schwer, weil sie oftmals auf äussere Anerkennung fixiert sind, die Männer vermeintlich leichter im Beruf erhalten. Dabei darf nicht vergessen werden: Eine «gesunde» Gesellschaft braucht sowohl eine gut funktionierende Makroebene der Wirtschaft als auch eine stabile Mikroebene der Familien.
Doch die egalitäre Elternschaft ist kein Zuckerschlecken. Wer den Schritt in die gemeinsame Kinderbetreuung schafft, sollte beachten, dass die verschiedenen Aktivitäten die Gefahr der Überlastung bergen. So kann die Vereinbarkeit von Beruf und Familie Väter und Mütter gleichermassen fordern oder gar überfordern. Für mehr als die Hälfte der berufstätigen Väter und Mütter ist die Balance zwischen Familien- und Berufsleben mehr oder weniger schwierig zu finden. Das zeigt eine aktuelle Studie des Pew Research Center zu moderner Elternschaft. Demnach gehört es bei 40 Prozent der Väter zum Alltag, dass sie sich gehetzt fühlen. Väter leiden auch deutlich häufiger unter dem Gefühl, zu wenig Zeit mit den Kindern zu verbringen. 46 Prozent der Väter kennen das, gegenüber 23 Prozent der Mütter.
Die Doppelbelastung trifft also Frauen und Männer. Nach dem Erwerbstag beginnt im Haushaltsuniversum die zweite «Arbeitsschicht»: Einkaufen, kochen, waschen, aufräumen, putzen und mit Kindern Hausaufgaben machen. In der Rushhour des Lebens bleibt kaum Zeit für die Beziehung und Gespräche, die über das Organisatorische hinausgehen. Oder hat hier jemand von Musse gesprochen? Gemeinsame Vergnügen und Erlebnisse? «Gestrichen», sagte es ein Innerschweizer Teilzeitmann treffend. Wie das alte Ehepaar von einst ist auch das moderne Paar nicht vor Abnützung gefeit. Angesichts dessen graut es manchem Paar, weil sie und er es schlicht verlernt haben, sich jenseits des Arbeits- und Familienalltags miteinander zu beschäftigen. Die Beziehung lebendig zu halten, ist eine Verpflichtung mehr, für die man etwas «Teilzeit» aufsparen könnte.
Die konkreten Herausforderungen im Familienalltag betreffen alle Familienmenschen. Männer wie Frauen von heute kennen sie, egal in welchem Familienmodell sie leben. Die wachsende Belastung durch Beruf und Familie spricht eigentlich dafür, sich die Aufgaben fair zu teilen. Dabei ist zu beachten, dass die repräsentativen und unscheinbaren Pflichten des Familienlebens gerecht verteilt sind. Doch wie sieht die Realität aus? Ein Blick in die Statistik, welche Familienmodelle in der Schweiz gelebt werden, zeigt: In den meisten Schweizer Familien arbeitet der Vater Vollzeit, die Mutter Teilzeit. Abhängig vom Alter der Kinder wählen rund 50 Prozent der Paarhaushalte derzeit diese Konstellation. Dieses in der Schweiz am meisten verbreitete Familienmodell wird auch das modernisierte bürgerliche Modell genannt.
Ein verschwindend kleiner Teil der Paarhaushalte wählt ein «egalitär-familienbezogenes» Modell: Beide Partner arbeiten Teilzeit. Je nach Alter der Kinder wählen zwischen 3,5 und 5,5 Prozent der Familien dieses Modell. In rund 10 Prozent aller Paarhaushalte mit Kindern unter sieben Jahren arbeiten sowohl Vater wie Mutter Vollzeit.
Stärker verbreitet, wenn auch an Bedeutung verlierend, ist das sogenannt traditionell bürgerliche Modell: Der Vater ist mit einem Vollzeit-Pensum erwerbstätig, die Mutter vollzeitig für den Haushalt und die Kinderbetreuung zuständig. Dieses Modell wird noch zu rund 30 Prozent gelebt; sind die Kinder über sieben Jahre alt, noch zu 20 Prozent. Bemerkenswert ist: 1970 lebten noch rund 75 Prozent aller Paarhaushalte mit Kindern unter sieben Jahren nach dem traditionellen Modell. Dieses Modell erodiert also. Ein Comeback ist nicht absehbar, man mag das bedauern oder nicht. Hingegen macht der Mann am Herd stetig Boden gut.
Wie viel Haus- und Familienarbeit leisten die Frauen, wie viel die Männer? Das Klischee ist bekannt, und es wird gerne bei jeder Gelegenheit untermauert: Frauen erledigen mehr Hausarbeit. Und es ist nicht zu negieren: Auch aktuelle Zahlen (2013) des Bundes bestätigen vorerst die Erwartung punkto Hausarbeit. Demnach setzen Mütter in Paarhaushalten mit mindestens einem Kind unter 15 Jahren am meisten Zeit für Haus- und Familienarbeit ein. Bei Müttern mit einem Partner sind es rund 51 Stunden pro Woche. Alleinerziehende Mütter arbeiten pro Woche 45 Stunden in Haushalt und Familie. Die Statistik zeigt auch, dass sich der Zeitaufwand für die «Ämtli» zu Hause verschiebt. Das Gefüge ist in Bewegung. Väter wendeten 2013 laut der Studie 27,6 Stunden pro Woche für Haus- und Familienarbeit auf. Das ist gut eine Stunde mehr als noch im Jahr 2010. Das Pensum der Mütter stieg in der gleichen Periode minim.
Natürlich sind nicht alle Aufgaben im Haushalt gleichwertig. Und Väter scheinen da durchaus gewisse Präferenzen zu haben, um nicht von Rosinenpickerei zu sprechen. Die Zahlen zeigen jedenfalls, dass sich Väter bei der Kinderbetreuung stärker engagieren als bei der Hausarbeit. Sie wenden für Kinderbetreuung im Schnitt 12,8 Stunden pro Woche auf. Frauen kommen auf 19,7 Stunden. Für Putzen und Aufräumen nehmen sich Väter 1,7 Stunden Zeit, während es bei Müttern 6,5 Stunden sind. Auch Waschen und Bügeln scheinen immer noch Frauensache zu sein, während Männer im Haushalt mehr administrative und handwerkliche Arbeiten erledigen.
Das Bundesamt für Statistik (BFS) hat auch das Engagement in der Freiwilligenarbeit untersucht. Dieses bleibt stabil. Jede dritte Person ab 15 Jahren leistet unbezahlte Freiwilligenarbeit. 20 Prozent engagieren sich für Vereine oder Institutionen. Sie setzen dafür im Durchschnitt 13,3 Stunden pro Monat ein. 18,6 Prozent führen informelle Freiwilligenarbeiten aus wie Nachbarschaftshilfe, Kinderbetreuung, Dienstleistungen oder Pflege und Betreuung von Verwandten und Bekannten, die nicht im selben Haushalt leben. Sie investieren dafür 15,3 Stunden pro Monat.
Interessant ist das Gedankenspiel, alle Arbeitsstunden aufzurechnen, ohne Rücksicht auf die Frage, ob die Arbeit bezahlt ist oder unbezahlt. Diese Zahlen sind bekannt. Die BFS-Studie hat ebenfalls die Stunden für unbezahlte und bezahlte Arbeit addiert. Auch diese Zahlen, die auf Selbstangaben beruhen, sind einen Vergleich wert – und sie gehen unter die Haut: Mütter setzen insgesamt 66,9 Stunden pro Woche für unbezahlte und bezahlte Arbeit ein. Bei Vätern sind es 68,2 Stunden pro Woche. Und alleinerziehende Mütter arbeiten 67,6 Stunden. Frauen und Männer in Paarhaushalten ohne Kinder und Alleinlebende wenden je nach Alter zwischen 20 und 50 Stunden pro Woche für bezahlte und unbezahlte Arbeit auf.
Ob sich Väter stärker bei der Hausarbeit und der Kinderbetreuung engagieren, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Teilzeit schadet sicher nichts. Im Gegenteil, es ist der entscheidende Faktor, wie das BFS 2013 in einer Untersuchung festgehalten hat: Als ausschlaggebend für das väterliche Engagement erweist sich der Beschäftigungsgrad des Mannes sowie derjenige der Partnerin. Anders ausgedrückt: Väter, die Teilzeit arbeiten, leisten mehr Stunden im Haushalt und bei der Kinderbetreuung. So sind Männer, deren Partnerin vollzeitbeschäftigt ist, eher bereit, einen grösseren Teil der im Haushalt anfallenden Arbeiten zu übernehmen als jene, deren Lebenspartnerin nicht erwerbstätig ist oder weniger als 50 Prozent arbeitet. Zudem hängt das Engagement des Vaters mit dem Alter des jüngsten Kindes zusammen: Je jünger das Kind, desto mehr Hausarbeit leistet der Vater.
Eine Rolle bei der Hausarbeit spielt auch der Wirtschaftszweig. Allgemein leisten Väter, die in der Erziehung und im Unterricht tätig sind, mehr Hausarbeit. Sie unterscheiden sich damit merklich von den Vätern, die etwa in der Landwirtschaft, im Baugewerbe oder im Kredit- sowie im Versicherungsgewerbe beschäftigt sind. Auch gehen Angestellte der Partnerin eher im Haushalt zur Hand als Selbständige. Und: Je mehr die Väter im Beruf arbeiten, desto weniger Zeit haben sie für die Hausarbeit.
Stehen Mütter dank eines guten Angebots an Betreuungsplätzen für ihre Kinder wieder mehr im Berufsleben, sind Väter eher bereit, ihren Beitrag zur Kindererziehung zu leisten. «Je mehr Betreuungsplätze zur Verfügung stehen, desto eher reduzieren die Väter ihre Vollerwerbstätigkeit zu Teilzeit», heisst es in der 2013 veröffentlichten Schweizer Nationalfondsstudie «Familienergänzende Kinderbetreuung und Gleichstellung». Vor allem, wenn die Kinder in die Schule gehen, steigt der Anteil der Vollzeit arbeitenden Mütter laut der Studie signifikant.
Damit leiste die Betreuung von Kindern in Krippen, Kindertagesstätten, Tagesschulen oder durch Mittagstische einen wichtigen Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und zur Gleichstellung von Mann und Frau. Dass die Frau auf Teilzeitarbeit umsteigt, sobald das erste Kind das Licht der Welt erblickt, ist in der Schweiz die Norm: Obwohl drei Viertel der Frauen mit Kindern unter 15 Jahren erwerbstätig sind, arbeiten nur 13 Prozent davon Vollzeit. Hingegen haben rund 89 Prozent der Väter eine 100-Prozent-Stelle.
Für die Deutschschweiz gilt, dass Väter bei besseren Kinderbetreuungsangeboten weniger arbeiten. Ob dies auch in der Romandie der Fall ist, bleibt unklar, weil die Westschweiz ein weit besseres Betreuungsangebot als die Deutschschweiz kennt. Fremdbetreuung von Kindern ist in der Schweiz viel weniger verbreitet als in anderen europäischen Ländern. Dies trifft sowohl im Vorschulalter wie bei Schulkindern zu. Während die EU für Vorschulkinder eine Fremdbetreuungsquote von 33 Prozent und für Schulkinder von 90 Prozent vorgibt, steht in der Schweiz im Durchschnitt «für 11 Prozent der Kinder im Vorschulalter und für 8 Prozent der Kinder im Schulalter ein Vollzeitbetreuungsplatz zur Verfügung».
In der Schweiz bestehen, gemessen an der Nachfrage, «grosse Angebotslücken». Hinzu kommt, dass sich das Angebot stark regional unterscheidet. Neben der Westschweiz bieten der Kanton Basel-Stadt und der Wirtschaftsraum um Zürich und Zug die meisten Plätze für die Kinderbetreuung ausser Haus. Schlusslichter sind die eher ländlichen Regionen der Zentral- und Ostschweiz. Neben Ob- und Nidwalden sind dies Uri, Graubünden, St. Gallen, Thurgau und die beiden Appenzell.
Bei der Kinderbetreuung spielen Grosseltern, andere Familienmitglieder, Freunde oder Nachbarn eine wichtige Rolle – vor allem, wenn beide Eltern arbeiten. Auch wenn es «brennt», also zum Beispiel ein Kind plötzlich krank wird, springen vor allem solche «informelle» Betreuerinnen und Betreuer ein, und nicht die «formellen».
Die Autoren der Nationalfondstudie haben unter anderem mit Eltern ausführliche Interviews geführt. Dabei fragten sie auch, wie das Leben der oft gestressten Eltern erleichtert werden könnte. Diese nannten an erster Stelle «qualitativ gute formelle Betreuungsangebote sowie möglichst flexible und familienfreundliche Arbeitsbedingungen».
Die Autoren folgern, dass es einen Ausbau der familienergänzenden Betreuung braucht. Und: «Öffentliche und private Arbeitgeber sollten familienfreundliche Unternehmenskulturen und flexible Arbeitsbedingungen fördern, die es Müttern und Vätern erlauben, Familie und Beruf optimal zu vereinbaren.» Es sei ferner zu prüfen, «ob, in welcher Form und wie stark sich die Arbeitgeber an der Finanzierung der Kinderbetreuung beteiligen wollen und sollen».
In der Pflicht stehe auch die Politik. Es brauche ein Zusammengehen von Gemeinden, Kantonen und Bund. Ein Ausbau der Angebote sei ein «wichtiger Hebel» zur Verbesserung der Gleichstellung. Denn die Studie zeigt, dass mehr familienergänzende Betreuung sowohl die Karrierechancen von Müttern steigert als auch «zu einer egalitäreren Arbeitsteilung zwischen Vätern und Müttern führt». In den Alltag von Familien übersetzt würde letzteres wohl bedeuten, dass die Väter insgesamt mehr da wären für ihre Kinder – und für ihre Partnerinnen, die oft «alleine die Verantwortung für die Kinderbetreuung tragen».
Wenn man über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie spricht, gleicht die Situation in Deutschland jener in der Schweiz in vielem. Interessante Teilzeitstellen sind in Deutschland allerdings weniger verbreitet. Dafür ist der deutsche Staat beim Elterngeld etwas grosszügiger als die Eidgenossenschaft. Die externe Kinderbetreuung und die damit verbundene Organisation ist in beiden Ländern ein Thema.
Eine neue Studie mit rund 1500 befragten Frauen und Männern zeigt: Das beliebteste Familienmodell in Deutschland ist immer noch die klassische Aufteilung, bei welcher der Mann in Vollzeit, die Frau in Teilzeit arbeitet.
Auch in Deutschland ist die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit gross. Gemäss der Männerstudie 2013, die das Institut für Demoskopie Allensbach erstellt hat, können sich 62 Prozent der Männer ein Teilzeitmodell «persönlich gut vorstellen», aber auch 57 Prozent der Frauen. Auf Platz zwei steht bei beiden Geschlechtern die gleichberechtigte Aufteilung: 44 Prozent der Männer sowie 46 Prozent der Frauen finden es attraktiv, wenn beide Vollzeit arbeiten und sich sowohl im Haushalt als auch bei der Kinderbetreuung die Arbeit teilen. Mit dem vollständigen Rollentausch – also der Mann kümmert sich um Haushalt und Kinder und die Frau verdient das Geld – können sich hingegen nur 13 Prozent der Männer identifizieren – und noch weniger Frauen (9 Prozent). Jeder fünfte Mann gibt zudem offen zu, ein Problem damit zu haben, wenn die Partnerin beruflich erfolgreicher ist als er selbst.
Aber auch bei den Frauen ist das klassische Rollenverständnis noch stark ausgeprägt. Zugleich sind ihre Ansprüche an den Partner gewachsen. Laut der Studie wünschen sich 66 Prozent, dass Männer mehr Aufgaben im Haushalt und in der Familie übernehmen. Auf der anderen Seite ist es aber auch für 52 Prozent der Frauen weiterhin sehr wichtig, dass Männer im Beruf erfolgreich sind.
Diese Supermann-Rolle überfordert die Männer: Jeder dritte Mann, unter Singles sogar jeder zweite, hat das Gefühl, den an ihn gestellten Erwartungen nicht gewachsen zu sein. Zudem sind 71 Prozent aller Deutschen sicher, dass ein Arbeitgeber kein Verständnis zeigt, wenn ein Vater zugunsten der Familie kürzertreten will.
