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Eine weltberühmte Mezzosopranistin stirbt während einer Aufführung von Mozarts „Cosi fan Tutte“ im Münchner Nationaltheater. Der Gerichtsmediziner nimmt in der Garderobe den Duft bitterer Mandeln wahr. In einem ihrer schwierigsten Fälle begegnen Kriminalrat Benedict Schönheit und sein Team Liebe, Hass, Täuschung und Wahrheit auf der Bühne und dahinter.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Thomas Michael Glaw
Der Tod der Liebenden
Benedict Schönheits vierter Fall
Für Doro, die mir glücklicherweise wieder in den Text hineingeredet hat.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar
1. Auflage
Lubahn + Glaw Verlag GbR – Mediathoughts
Copyright 2019 Lubahn + Glaw Verlag GbR – Mediathoughts
ISBN: 978-3-947724-14-7
Der Geschmack des Todes ist auf meiner Zunge
Wolfgang Amadeus Mozart
Letzte Worte am 5. Dezember 1791
Cynthia Roberts ist nicht nur eine gefeierte Sängerin – sie ist auch tot.
Rudolf Höppner und Ulrich Wetter singen in Cosi Fan Tutte und beten Cynthia Roberts an.
Generalintendant Wilhelm Bökh ist verzweifelt.
William Roberts ist Richter – und ein ziemlich sturer Bock.
Henry Tanaka schwingt den Taktstock und bewahrt Geheimnisse.
Justin Hill spielt Don Alfonso auf der Bühne und ist auch in Wahrheit ein Intrigant.
Caroline da Silva hat ein gestörtes Verhältnis – auch zur Wahrheit.
Die Kommissare Klaus Brunner und Adil Uzman laufen sich die Hacken ab, während ihre neue Kollegin Lena van Megeren über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe verfügt.
Kriminalrat Benedict Schönheit hingegen greift aus Verzweiflung einmal mehr zum Kochlöffel.
Es war einfacher, als er sich gedacht hatte.
Viel einfacher.
An dem Abend, als er sie das erste Mal gesehen hatte, wusste er, dass sie sterben musste.
Das Gift war nicht das Problem. Bei all diesen Idioten, die sich in den USA auf den kurz bevorstehenden Untergang der Welt vorbereiteten, stand Kaliumcyanid hoch im Kurs.
Als letzter Ausweg.
Wenn der Bunker doch nicht hält.
Weshalb auch immer.
Die Kapseln hatten ihn $250 gekostet.
Dann war sie nach München gekommen.
Endlich.
Er hatte sie beobachtet.
Sie kennengelernt.
Ein wenig mit ihr geflirtet.
Es musste in der Oper geschehen.
Am Ort des Dramas.
Des Leidens.
Der Liebe.
Des Schmerzes.
Und es sollte ein Drama in sich selbst werden.
Dorabella.
Die Verführte.
Die Verführende.
Er hatte sich in den still daliegenden Gang mit den Garderoben begeben und die Tür mit dem Schlüssel geöffnet, den er vor einiger Zeit aus dem Zimmer der Garderobiere entwendet hatte.
Die Kapseln befanden sich in seiner Westentasche. Der Rest war ein Kinderspiel. Er leerte die zwei Kapseln in die Flasche mit Amaretto, während er zur Vorsicht die Luft anhielt. Er hatte Chemie schon an der Oberschule gemocht und wusste, dass ihm nichts passieren würde. Dann verschloss er die Flasche sorgfältig. Die Natur nahm ihren Lauf.
Er war einige Male in der Pause bei ihr gewesen. Er wusste, wie sehr sie diese Mischung aus Kirschsaft, Amaretto und Champagner schätzte.
Das nächste Mal würde es das letzte Mal sein.
1. Dienstag
Martina war es gelungen, für eine Vorstellung der Münchner Opernfestspiele Karten zu ergattern. Eine vereiterte Zahnwurzel hatte ihr jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich hatte meine Mutter angerufen, die sich bei Mozart nie lange bitten ließ. Sie stand jetzt, während der Pause, in einem leichten, hellblauen Sommerkleid an einem Tisch im Ionischen Saal des Münchner Nationaltheaters und wartete darauf, dass ich ihr ein Glas Champagner brachte.
Ich hatte mich geduldig in die Schlange gestellt, nachdem der Dienstausweis der Münchner Kriminalpolizei an der Bar nicht viel galt, und balancierte jetzt zwei gefüllte Gläser durch die Menge der Opernbesucher. Mutter war in ein angeregtes Gespräch mit einem hochgewachsenen Herrn vertieft, unter dessen listig blitzenden Augen eine Hakennase spross und ein langsam grau werdender Schnurrbart. Oberstaatsanwalt Dr. Sperber war auch in der Oper.
»Freut mich, Sie zu sehen, Herr Schönheit«, meinte er, als ich meiner Mutter ihr Glas reichte.
»Denken Sie sich nichts, Herr Kommissar«, kommentierte eine blonde Dame, die einen Kopf kleiner war als der Oberstaatsanwalt. »Wenn ich ihn nicht hergeschleppt hätte, säße er jetzt mit einem Buch zu Hause«.
»Meine Frau«, bemerkte Dr. Sperber.
»Bis jetzt fand ich die Aufführung durchaus überzeugend«, meinte Mutter in einem Versuch, das Gespräch auf die musikalische Ebene zu ziehen. »Besonders Dorabella fand ich intensiv und spontan. Man nimmt Cynthia Roberts die leichte Verführbarkeit ab.«
»Das habe ich Mozart, ehrlich gesagt, nie abgenommen«, meinte Frau Sperber. »Ich hielt die Männer immer für das verführbarere Geschlecht.«
Der Staatsanwalt und ich sahen uns lächelnd an.
»Cynthia Roberts Stimme finde ich bemerkenswert«, meldete ich mich zu Wort. »Ich glaube ihr, was sie singt.«
»Wirklich?«, fragte Frau Sperber.
»Ich denke, sie verkörpert die Figur perfekt. Derartige Gefühle mögen nicht mehr zeitgemäß sein, aber sie vermag sie zu verkörpern.«
»Fühlen Sie wirklich etwas bei einer Oper, Herr Schönheit?«
»Benedict hat eine romantische Ader«, kommentierte meine Mutter.
»Das ist keine Frage der Romantik. Mein Mann nimmt das alles nur zur Kenntnis, Ihr Sohn scheint dabei etwas zu fühlen.«
Mutter schmunzelte, als flackerndes Blaulicht meinen Blick in Richtung Fenster zog. Trotz der Schalldämpfung war das eine oder andere Martinshorn zu vernehmen.
»Wird schon nichts Wichtiges sein«, kommentierte Dr. Sperber nach einem Blick auf seine Armbanduhr. »Langsam könnte es aber weitergehen.«
Stimmt. Die Pause dauerte schon 35 Minuten, was selbst für die Opernfestspiele lang war.
Mein Handy meldete sich im Jackett.
»Haschuschonhört?«
Das konnte nur Martina sein. Die Wurzelresektion war offenbar erfolgreich gewesen.
»Bitte?«
»Hast du schon gehört?«
»Was denn?«
»Dorabella?«
»Martina, bitte. Wir sind in der Pause nach dem ersten Akt und ich stehe hier mit Mutter und Dr. Sperber. Was gibt es denn?«
Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass eine gewisse Unruhe den Saal erfasste, dann holte der Staatsanwalt sein Handy aus der Hosentasche. Auf meinem erschien indessen Kommissar Klaus Brunners Name.
»Warte mal einen Moment«, sagte ich zu Martina und nahm den anderen Anruf an.
»Wo bist du, Chef?«, fragte Klaus.
»Seit wann interessiert dich mein Privatleben?«
»Ernsthaft, Bene.«
»In der Oper. Warum?«
»In der Oper?«
»Ja, was ist denn los?«
Dr. Sperber hatte sein Handy mit ernstem Blick am Ohr, während sich die beiden Damen in unserer Begleitung entgeistert anblickten.
»Man hat eine Tote im Nationaltheater gefunden. Ich habe Adil informiert und bin gleich da.«
»Ich bin in ersten Stock, Klaus. Im Ionischen Saal.«
»Wo bist du?«
»Ruf an, wenn ihr hier seid.«
Ich sah Dr. Sperber an. Er nickte.
»Bene?«, tönte es aus meinem Handy.
»Ja, Martina. Es gibt eine Tote hier. Mehr weiß ich noch nicht.«
»Cynthia Roberts, Bene.«
Ich schluckte.
»Bist du sicher? Woher weißt du das?«
»Ich weiß es halt. Ruf mich später an.«
Ich zog Dr. Sperber am Ellenbogen zur Seite.
»Ihre Freundin von der schreibenden Zunft?«
Ich nickte.
»Wenn es stimmt, was sie mir gesagt hat, wurde Cynthia Roberts tot aufgefunden.«
»Das habe ich auch gerade gehört.«
Im Eingang des Saals erschien eine Gestalt, die nicht zu den dunklen Anzügen und Abendkleidern zu passen schien. Jeans, weißes Hemd, braune Lederjacke. Adil bahnte sich einen Weg durch die Menge, die langsam wie ein verstörter Bienenstaat wirkte, nickte Dr. Sperber zu und wandte sich an mich.
»Eine der Darstellerinnen ist tot in der Garderobe aufgefunden worden«, flüsterte er.
»Wer?«
»Cynthia Roberts.«
Martina und ihre Informanten.
»Kommen Sie mit?«, wandte ich mich an Oberstaatsanwalt Dr. Sperber.
Er nickte.
Mutter und Frau Sperber sahen uns fragend an.
»Es gibt ein Problem«, meinte der Staatsanwalt. »Dienstlich.«
Wir bahnten uns, so unauffällig wie möglich, einen Weg durch die flüsternden Opernbesucher, stiegen die Treppe ins Erdgeschoß hinunter und folgten Adil durch eine Tür am Ende des Ganges. Nach wenigen Schritten waren wir hinter der Hauptbühne im Licht flackernder Neonröhren. Adil bewegte sich zwischen Gabelstaplern und technischen Gerätschaften hindurch, als sich mein Handy erneut meldete.
Kriminaloberrat Theiss.
»Schönheit?«
»Guten Abend, Herr Theiss.«
»Was haben Sie bis jetzt?«
»Gar nichts. Ich bin mit Dr. Sperber und Kommissar Uzman auf dem Weg zum Tatort.«
»Die Staatsanwaltschaft ist schon da?«
»Wir waren zusammen in der Oper.«
Theiss schwieg einen Moment.
»Aber diese Sängerin ist tot?«
»Frau Roberts ist tot. Geben Sie uns 15 Minuten, dann sagen wir Ihnen mehr.«
»Ich hatte gerade den Präsidenten am Telefon.« Er meinte vermutlich den Polizeipräsidenten. »In einer halben Stunde bin ich bei Ihnen.«
Dr. Sperber sah mich fragend an, während wir uns zwischen aufeinander gestapelten Kulissen hindurchzwängten.
»Theiss«, war mein einziger Kommentar.
Als wir um die nächste Ecke bogen, stießen wir mit einem fülligen Mittfünfziger zusammen, auf dessen knallroter Stirn der Schweiß perlte.
»Wer sind Sie denn?«
»Mein Name ist Sperber, Staatsanwaltschaft. Das ist Kriminalrat Schönheit. Wir übernehmen zunächst die Ermittlungen.«
»Dr. Bökh.«
Er deutete eine Verbeugung an.
»Ich bin der Intendant.«
Nach einigen Sekunden des Schweigens fuhr er fort: »Wie machen wir denn jetzt weiter? Wir können doch nicht die Vorführung abbrechen!«
Sperber schürzte die Lippen. Wir hatten eigentlich keine Zeit, uns mit künstlerischen Aspekten zu befassen.
»Ich dachte, es gäbe für solche Fälle eine Zweitbesetzung.« Adil war immer für eine Überraschung gut.
»Das stimmt«, meinte der Intendant. »Aber der Schock ist so groß!«
»The Show must go on, oder?«, sagte Adil. Sein ernster Blick stand im Gegensatz zu diesem lockeren Spruch.
»Wir machen hier doch keine Show!«
Dr. Bökh zog das Einstecktuch aus der Brusttasche, tupfte sich die Stirn ab und verharrte einen Augenblick. »Und das mir. Ausgerechnet jetzt!«
»Das Letzte, was wir brauchen, ist eine Panik«, sagte Adil. »Spielen Sie die Oper zu Ende.«
Die Energie schien zurück in den Mann zu fließen.
»Sie haben Recht! Wir müssen die Così zu Ende spielen.« Er deutete mit dem Finger auf Adils Brust. »Aber es ist Kunst, junger Mann! Verstehen Sie? Kunst! Keine Show.«
»Natürlich, Herr Doktor.«
Adil war einen Schritt zurückgetreten. Dennoch rannte uns der Intendant fast um, als er in Richtung Bühne stürmte.
»Gratuliere, Herr Uzman«, bemerkte Dr. Sperber. »Wo haben Sie das gelernt?«
»Beim Theater, Herr Oberstaatsanwalt.«
Als wir weiter in die Tiefen des Nationaltheaters hinabstiegen, stieß ich Adil mit dem Ellenbogen in die Seite und fragte: »Beim Theater?«
»Lange Geschichte, Bene.«
In einem hell erleuchteten Gang kam uns Dr. Orthuber entgegen. Im Smoking und mit gelöster Fliege ähnelte der Gerichtsmediziner ein wenig einem in die Jahre gekommenen James Bond.
»Wo kommen Sie denn her?«
»Vom Tatort, Herr Oberstaatsanwalt.«
»Sie wissen genau, was ich meine.«
»Ich war zufällig in der Oper.«
»Und natürlich kennt man Sie hier.«
»Der Intendant kennt mich.«
Es folgte ein Augenblick peinlichen Schweigens.
»Cynthia Roberts ist tot?«, mischte ich mich in das Gespräch.
Dr. Orthuber nickte. »Folgen Sie mir, bitte.«
Er lotste uns etwa 30 Meter weiter, bis wir vor der Tür einer Garderobe ankamen. Rechts neben der Tür stand ein uniformierter Polizeibeamter, im Raum sahen wir die Frau auf dem Boden liegen, die ich als Dorabella bewundert hatte. Dr. Orthuber schritt durch die Tür und bedeutete uns, ihm zu folgen.
»Riechen Sie etwas?«
Ich roch Schweiß und den leicht muffigen Geruch unterirdischer Räume. Oberstaatsanwalt Sperber jedoch blähte die Nüstern, atmete bedächtig ein und meinte:
»Ein Anflug von Bittermandel.«
»Das war auch mein erster Eindruck.«, kommentierte Dr. Orthuber.
»Warum waren Sie eigentlich so schnell vor Ort?«
Adil hatte völlig Recht, nur hätte ich die Frage ein wenig später gestellt.
»Dr. Bökh und ich kennen einander aus Studientagen. Ich war auf seine Einladung hier und er weiß, dass ich Arzt bin.«
»Er hat Sie hergebeten?«, fragte ich.
»Das stimmt, Herr Schönheit.«
»Ihr erster Eindruck?«, erkundigte sich Sperber.
»Zuerst nahm ich den Bittermandelgeruch wahr und hielt eine junge Frau davon ab, ihr Mund-zu-Mund-Beatmung zu geben.«
Ich sah Dr. Orthuber fragend an.
»Sollte es sich wirklich um eine Vergiftung mit Kaliumcyanid handeln, wäre das unter Umständen ihre letzte gute Tat gewesen. Es ist oft noch genug Gift im Mundraum vorhanden, um den Erstretter gleich mit zu vergiften.«
Hinter uns schluchzte jemand. Eine ältere Frau rang tränenüberströmt mit den Händen.
»Die arme Madame Roberts.«
Ich nahm sie vorsichtig am Oberarm und ging mit ihr zurück in den Gang, wo uns die große Gestalt Peter Schreyers im charakteristischen weißen Plastikoverall entgegen kam. Ihm folgte das Team der KTU.
Ich wandte mich der Frau zu. »Mein Name ist Schönheit, ich bin von der Kriminalpolizei.«
»Sie schauen aber gar nicht aus wie ein Polizist.«
»Eigentlich wollte ich mir heute nur die Oper ansehen. Darf ich fragen, wer Sie sind?«
»Ich bin die Frau Bachmaier, die Garderobiere.«
»Sind Sie nur für Cynthia Roberts zuständig?«
»Nein, ich kümmere mich um alle Garderoben in diesem Gang.«
»Wie viele sind das?«
»Für die Così sind drei belegt: für die Dorabella, die Fiordiligi und die Despina.«
»Haben Sie Frau Roberts gefunden?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das war die Caroline, ihre Assistentin.«
»Wann haben Sie Frau Roberts das letzte Mal gesehen?«
»Zu Beginn der Pause. Caroline war schon da und ich habe gefragt, ob sie von mir etwas brauchen. Es war alles in Ordnung, da bin weiter zu Frau Hörfurtner.«
»Die spielt die Fiordiligi.«
»Das stimmt, Herr Kommissar.«
Ich winkte Klaus heran, der gerade gekommen war, und bat ihn, die Aussage zu notieren, als ein kleiner, schwarz gekleideter Mann den Gang entlang gestürmt kam.
»Frau Bachmaier, ich brauche Sie dringend!«, rief er atemlos. »Wir müssen die Dochmann als Zweitbesetzung fertig machen.«
»Ja, will der Herr Dr. Bökh denn weiterspielen?«
In diesem Moment läutete es, um die Zuschauer zurück auf ihre Plätze zu bitten. Fast gleichzeitig öffneten sich zwei Türen weiter hinten, zwei Sängerinnen traten heraus und liefen den Gang hinunter.
Frau Bachmaier sah mich an.
»Gehen Sie nur, Frau Bachmaier, wir sprechen später miteinander.« Dann fiel mir etwas ein.
»Moment. Können Sie mir sagen, wo ich Frau Roberts Assistentin finde?«
»Mit der können Sie jetzt nicht reden«, blaffte mich der kleine Mann an. »Die ist völlig fertig.«
»Aber der Herr ist doch von der Polizei«, meinte Frau Bachmaier.
»Mir egal. Kommen Sie, Frau Bachmaier, wir müssen uns beeilen!«
Ich ging zurück zur Garderobe, wo Staatsanwalt und Gerichtsmediziner der KTU bei der Arbeit zusahen.
»Vorsicht mit den Flaschen!«, rief Dr. Orthuber. »Stellen Sie sicher, dass die fest verschlossen sind, tüten Sie sie doppelt ein und transportieren Sie sie gekühlt. Möglicherweise ist da Blausäure darin.«
»Irgendwo muss es ja drin gewesen sein«, meinte Schreyer.
»Sie meinen also auch, dass es sich um eine Vergiftung mit Zyankali handelt?«, fragte Adil.
»Ich werde doch dem Doktor nicht ins Handwerk pfuschen. Die Hautverfärbung und die Schleimhauteinblutungen sprechen allerdings dafür.«
»Hat er Recht?«, fragte ich Dr. Orthuber.
»Schreyer hat seinen Beruf verfehlt«, brummte der. »Natürlich hat er Recht, deswegen war ich ja so vorsichtig. Genaueres sage ich Ihnen morgen Vormittag.«
Mittlerweile hatte es zum dritten Mal geläutet und auf dem kleinen Bildschirm in der Garderobe erschien das Bild der Bühne, auf der drei Frauen standen.
Auf dem Gang stellten zwei Männer einen Zinksarg ab. Einer wandte sich an Dr. Orthuber.
»Können wir sie mitnehmen?«
Dr. Orthuber nickte. »Möchten Sie sich den zweiten Akt nicht ansehen?«, fragte er mit einem spöttischen Lächeln.
»Ehrlich gesagt, ist mir nicht nach Scherzen zu Mute.«
»Mir auch nicht!«, tönte es von der Tür her.
Kriminaloberrat Theiss war eingetroffen.
»Was haben Sie denn bis jetzt?«
»Eine tote Mezzosopranistin.«
»Eine ausgezeichnete Mezzosopranistin zudem«, fügte Dr. Orthuber hinzu, was ihm einen strafenden Blick von Theiss einbrachte.
»Außerdem den Verdacht auf Vergiftung durch Zyankali.« Ich deutete auf den kleinen Bildschirm. »Der Intendant hat sich entschlossen, die Oper zu Ende zu spielen. Wir werden frühestens in einer Stunde mit weiteren Personen sprechen können.«
»Und das haben Sie zugelassen?«
»Ich überlasse das Auslösen von Skandalen gerne den höheren Dienstgraden.«
Theiss runzelte die Stirn.
»Das Haus ist ausverkauft, Herr Theiss«, mischte sich Dr. Orthuber ein. »Bökh hatte gar keine andere Wahl.«
»Und jetzt?«
»Wir suchen den Intendanten auf und stellen sicher, dass nach der Vorstellung alle, die Zugang zu den Garderoben hatten, hier bleiben und befragt werden. Außerdem suche ich die Assistentin, die die Tote gefunden hat.«
»Wo befindet die sich?«
Ich zuckte mit den Schultern.
Dr. Orthuber berührte mich am Arm. »Kommen Sie, wir suchen Bökh. Vielleicht ist er in seiner Loge.«
»Was sollen wir unternehmen, Chef?«, fragte Klaus.
»Seht euch hier unten um. Die Garderobieren findet ihr bestimmt. Befragt sie nach der genauen Zeit der Pause, ob und wann sie jemand gesehen haben. Das Übliche halt.«
»Das soll alles sein?«, fragte Theiss gereizt.
»Mehr geht nicht«, meinte ich knapp. »Wir treffen uns in spätestens 45 Minuten wieder hier.«
»Wollen Sie mich hier einfach parken«, fragte ein ärgerlicher Dr. Sperber.
Wir hatten die Staatsanwaltschaft vergessen.
Theiss erblasste, aber Dr. Orthuber sagte: »Kommen Sie doch mit, Herr Oberstaatsanwalt. Ist sowieso eher Ihr Revier als meins.«
Wir folgten Dr. Orthuber zurück in die höheren Gefilde des Nationaltheaters. Nach einer Weile wandte er sich nach rechts, öffnete die Tür zu einem dunklen Vorraum, an dessen anderem Ende Licht durch einen Spalt fiel. Er öffnete die angelehnte Tür vorsichtig. In einer Loge neben dem Orchestergraben mit direktem Blick auf die Bühne, auf der Don Alfonso sang, saßen zwei Frauen und ein Mann und musterten uns erstaunt. Er gab einer schlanken, blonden Frau in einem Hosenanzug ein Zeichen. Sie stand auf und schlüpfte durch die Tür in den Vorraum.
»Das sind Kriminalrat Schönheit und Oberstaatsanwalt Dr. Sperber, Frau Möbius. Wo finden wir Wilhelm?«
»Er ist sicher in seinem Büro. Die Presse hat schon Wind von der Sache bekommen und Caro geht es nicht gut.«
»Dann gehen wir mal hoch. Danke, Dagmar.«
Die Frau nickte mir zu und wir traten durch die äußere Tür wieder auf den hell erleuchteten Gang.
»Dagmar?«
»Dagmar Möbius ist Bökhs Assistentin.«
»Und wer ist Caro?«
»Ich vermute mal, Caroline da Silva, Cynthia Roberts Assistentin.«
»Sie scheinen den Betrieb hier gut zu kennen.«
»Kunst öffnet einen völlig neuen Blick auf das menschliche Leben, Herr Schönheit. Egal, ob es sich dabei um Malerei, Schauspiel oder Oper handelt.«
Manchmal klang Orthuber wie mein alter Herr.
Wir durchquerten ein menschenleeres Vorzimmer und Orthuber klopfte kurz an die Tür, bevor wir ein weiträumiges, modern eingerichtetes Büro betraten. Auf einer dunkelbraunen Couch lag eine junge Frau mit langem, dunklem Haar und südländischen Gesichtszügen. Neben ihr saß Dr. Bökh in einem Ledersessel.
»Muss das sein, Klaus?«, fragte er.
»Ich fürchte, ja«, antwortete ich für Orthuber. »Wir müssen einen Mord aufklären und Sie müssen der Presse etwas erzählen.«
Hinter mir tauchte ein hochgewachsener Mann in Jeans, weißem Hemd und Leinenjackett auf.
»Tut mir leid, dass es etwas länger gedauert hat, aber wir hatten Gäste.«
»Schon gut, Christoph. Damit konnte ja keiner rechnen.« Zu uns meinte er erklärend: »Christoph Huber leitet die Abteilung Kommunikation und Marketing.«
»Wir müssen kurz allein mit Frau da Silva sprechen, Herr Dr. Bökh. Danach können wir Kriminaloberrat Theiss dazu bitten, um die Strategie mit der Presse abzustimmen.« Ich sah Dr. Sperber an.
»Möchten Sie bei der Befragung bleiben?«
»Was würden Sie denn bevorzugen?«
»Mir ist das egal, Herr Sperber. Gefühlt wären Sie mir hier lieber.«
Anscheinend hatte ich den richtigen Ton getroffen. »Dann bleibe ich.«
»Ist Herr Theiss schon im Haus?«, wollte Herr Huber wissen.
»Ja.«
»Wenn Sie mir seine Handynummer geben, arrangiere ich alles Weitere.«
Nachdem ich ihm die Nummer diktiert hatte, zog er sich mit dem Intendanten ins Vorzimmer zurück. Ich drückte die Tür hinter ihnen ins Schloss. Orthuber und Sperber hatten sich auf den freien Sesseln niedergelassen, ich setzte mich dahin, wo vorher Dr. Bökh gesessen hatte.
Caroline da Silva war bildschön. Ihre Augen waren geschlossen, über den hohen Wangenknochen sah man Spuren von Tränen. Sie trug einen schwarzen Pullover und schwarze Designerjeans. Schwarz schien die angesagte Farbe im Opernbetrieb zu sein.
»Frau da Silva?«
Sie öffnete die Augen. Groß. Braun.
»Können Sie uns beschreiben, was in der Pause nach dem ersten Akt geschehen ist?«
»Ich hätte in Deutschland einen Haufen anderer Fragen erwartet. Warum? Woher? Wie lange?«
»Ich glaube, Sie haben heute Abend eine Freundin verloren. Beschränken wir uns also auf das Notwendigste.«
Sie zog die Knie an und setzte sich auf. »Cindy kam etwa zwanzig nach neun in die Garderobe und war ein wenig aufgekratzt, weil der erste Akt gut gelaufen war. Normalerweise tranken wir ein Glas zusammen, aber ich hatte schon den ganzen Tag Kopfschmerzen, deshalb goss ich nur ihr etwas ein.«
»Was trank sie denn gewöhnlich?«, erkundigte sich Dr. Sperber.
»Ein Glas Champagner mit einem Schuss Kirschsaft und etwas Amaretto. Sie behauptete, es belebe und sei gut für die Stimmbänder.«
»Und Sie haben es hier für sie zubereitet?«
»Cindy gehört zum Ensemble. Sie hat ihre eigene Garderobe und im Kühlschrank stehen die notwendigen Zutaten.«
»Aber Sie waren nicht da, als Frau Roberts den Cocktail trank?«
»Mein Handy läutete und Cindy mochte es nicht, wenn ihre Ruhepause gestört wurde. Ich ging deshalb kurz auf den Gang.«
»Kurz?«
»Vielleicht fünf Minuten.«
»Wer rief an?«
»Müssen Sie das wirklich wissen?«
Ich sah sie an.
»Wilhelm fragte, ob ich nicht für den zweiten Akt in seine Loge kommen wollte.«
Dr. Orthuber schaute erstaunt auf. »Wie gut kennen Sie den Intendanten?«
»Ist das wichtig?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Was haben Sie ihm gesagt?«
»Dass ich ihn zurückrufe.«
»Und dann?«
»Ich ging zurück in die Garderobe und fand Cindy leblos auf dem Fußboden.«
Sie schaute auf den Parkettboden vor sich.
»Ich denke, ich habe geschrien. Dann kamen Frau Bachmaier und eine andere Frau gelaufen und ich habe Wilhelm angerufen. Der kam kurz darauf mit ihm«, sie deutete auf Dr. Orthuber, »durch die Tür gestürzt.«
»Frau Roberts war tot?«, wollte Dr. Sperber wissen.
»Ihr Kollege hat mich davon abgehalten, sie wiederzubeleben!«, rief sie zornig.
»Wenn Sie es versucht hätten«, meinte Orthuber grimmig, »lägen Sie jetzt wahrscheinlich auch im Leichenschauhaus.«
Caroline de Silva starrte ihn an.
»Ihre Freundin wurde ...«
»Können wir die Details später besprechen, Herr Doktor?«, unterbrach ich ihn. »Ist Ihnen bei der Zubereitung des Cocktails etwas aufgefallen, Frau da Silva?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Wie lange kennen Sie Cynthia Roberts eigentlich schon?«
»Wir haben uns 2014 kennen gelernt. Ich habe bei ihrem Vater meine Abschlussarbeit geschrieben.«
»Musikwissenschaften?«
»Jura.«
»Tatsächlich?«
Ich konnte mein Erstaunen kaum verbergen.
»Cindys Vater lehrt in Boston Strafrecht.«
Sie sprang auf. »Oh Gott!«
Wir starrten sie an.
»Die Kinder!«
»Frau Roberts hat Kinder?«
Soweit hatte ich gar nicht gedacht.
Caroline da Silva strich sich die Haare aus dem Gesicht und ging mit fahrigen Bewegungen zu Dr. Bökhs Schreibtisch.
»Maia und Alex.«
»Wo sind die Kinder im Moment?«
»Zu Hause, wo sonst?«
»Und wo ist dieses Zuhause?«
Sie sah mich ungläubig an. »In Nymphenburg. Cindy hat hier vor drei Jahren ein Haus gekauft, als klar wurde, dass wir bleiben.«
»Sie sagten ‚wir‘. Wohnen Sie auch dort?«
»Ja.«
»Ist Frau Roberts verheiratet?«
»Sie ist geschieden. Der Vater der Kinder, wenn Sie das meinen, ist Italiener und lebt bei Mailand. Cindy hat das alleinige Sorgerecht für die Kinder.«
Die letzte Bemerkung hatte sie fast trotzig hingeworfen.
»Besuchen sie noch die Schule?«
»Ja, sie sind 15 und 17 Jahre alt und gehen auf die internationale Schule in München.«
Ich warf einen Blick auf meine Uhr. Der zweite Akt sollte in etwa 20 Minuten enden.
»Ich muss Sie das jetzt fragen, Frau da Silva. Ist Ihnen an Frau Roberts in den letzten Tagen oder Wochen eine Veränderung aufgefallen? War sie gereizt, launisch, verängstigt?«
»Täusche ich mich, oder kennen Sie sich mit Operndiven nicht sonderlich gut aus, Herr Kommissar?«
»War Cynthia Roberts denn eine Diva?«
»Nein, aber sie konnte sich durchaus divenhaft benehmen, wenn sie wollte. Ihre tatsächliche Stimmungslage war nicht immer einfach einzuschätzen. Eigentlich war sie in den letzten Wochen gut drauf. Wir hatten für den Herbst ein paar Liederabende mit Komponisten, die ihr lagen, ausgehandelt. Lediglich ihr Ex machte wieder einmal Probleme.«
»Ihr geschiedener Mann?«
Sie nickte. »Mauro Marini.«
»Und welche Probleme waren das? Unterhalt?«
»Nein, die beiden hatten sich finanziell verglichen. Cindy war 2014 schon eine wohlhabende Frau und Mauro ist reich. Es drehte sich um das Sorgerecht für die Kinder.«
»Sie sagten, das Sorgerecht läge bei ihr.«
»Ja, und das hätte sie unter keinen Umständen aufgegeben.«
Dr. Orthuber deutete auf seine Uhr.
»Frau da Silva, wären Sie so freundlich, hier noch eine kurze Weile auf uns zu warten. Wir lassen Sie dann nach Hause fahren.«
Sie sah mich groß an. »Müssen wir es den Kindern heute noch sagen?«
Es klopfte und der Intendant trat zusammen mit Theiss und dem Pressesprecher ein.
»Lassen Sie uns nachher darüber sprechen«, meinte ich zu Caroline da Silva.
»Dr. Bökh und ich werden uns jetzt der Presse stellen«, meinte Theiss. Er realisierte die Anwesenheit Dr. Sperbers einen Moment zu spät, kriegte aber noch die Kurve. »Wir würden uns freuen, wenn Sie auch dabei wären, Herr Oberstaatsanwalt.«
»Dann werde ich mich den Mühen der Ebene zuwenden, Herr Schönheit.«
Bisweilen konnte der gute Sperber ja richtig poetisch werden.
»Bitte keine Details«, meinte ich. »Das können Sie alles morgen nachholen. Wir vernehmen jetzt noch kurz die Sänger und das Personal.« Ich schaute Caroline da Silva an. »Und danach informieren wir die Familie.«
»Glauben Sie, wir sind Anfänger«, schnauzte Theiss aufgebracht.
»Mitnichten, Herr Kriminaloberrat, es war nur eine Erinnerung. Wir sollten außerdem diskret ein Team zum Haus von Frau Roberts schicken und es gegen aufdringliche Medienvertreter abriegeln.«
»Und das aus Ihrem berufenen Munde?«, ätzte Theiss.
»Herr Theiss, die Presse wusste davon, bevor ich es erfahren habe. Wir sollten keine Zeit verlieren.«
Er sah mich aus aufgerissenen Augen an.
»Wir müssen los«, rief Christoph Huber, der hinter Theiss und dem Intendanten ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat.
Ich stand auch auf und wandte mich an Caroline da Silva: »Wir sind in spätestens 30 Minuten zurück, dann besprechen wir alles Weitere.«
Als wir ins Vorzimmer kamen, meinte Dr. Orthuber zu mir: »Ich überlasse das Feld jetzt Ihnen. Soll ich nach Ihrer Mutter Ausschau halten?«
Die hatte ich völlig vergessen. Er musste uns von seinem Logenplatz aus erspäht haben.
»Damit täten Sie mir einen großen Gefallen, Doktor. Warten Sie einen Moment, ich versuche, Mutter auf dem Handy zu erreichen«.
Praktisch wie Mutter war, hatte sie ihr Handy nach dem zweiten Akt wieder eingeschaltet.
»Wo bist du denn, Bene?«
»Ich werde dienstlich noch länger unterwegs sein.«
»Das hatte ich mir fast gedacht.«
»Dr. Orthuber hat angeboten, dich zu begleiten.«
Ich sah aus dem Augenwinkel, wie der Doktor sich seine Fliege wieder korrekt band. Mutter schwieg zu dem Angebot.
»Wo soll er dich denn treffen?«
»An der Säule ganz links.«
Sie hatte sich offenbar entschlossen, das kleine Spiel mitzuspielen.
»Ich sage es ihm. Danke ... und entschuldige, aber das konnte keiner voraussehen.«
»Du hättest auf deinen Vater hören sollen, Bene. Als wohlbestallter Anwalt wäre dir das nicht passiert.« Sie lachte. »Gib auf dich Acht, mein Sohn. Bonne Nuit.«
Dr. Orthuber war wieder der Gentleman aus dem Bilderbuch.
»Mutter meinte, sie wartet an der linken Säule.«
Er nickte wissend.
»Und noch mal vielen Dank.«
Nunmehr allein im Gang, versuchte ich verzweifelt, mich zu erinnern, wie man zu den Garderoben gelangte. Als ich mich auf gut Glück zur Treppe aufmachte, kam mir Frau Möbius entgegen.
»Sie sind meine Rettung, Frau Möbius!«
»Das sagt der Intendant auch immer. Was kann ich denn für Sie tun?«
»Mir den Weg weisen.«
Sie schaute verblüfft.
»Zu den Garderoben, meine ich. Sonst verbringe ich am Ende die Nacht im Theater.«
Sie musste lachen und bedeutete mir, ihr zu folgen.
Unten erwartete mich ein sichtlich genervter Klaus.
»Wo bist du denn! Die geballte Macht der Künstler wird uns in den nächsten Minuten lynchen, wenn wir sie nicht ziehen lassen. Von der Gewerkschaft der Bühnenschaffenden ganz zu schweigen.«
Neben ihm stand eine schweigsame, dunkelhaarige, schlanke Frau mit großen, dunkelbraunen Augen und knallrot lackierten Nägeln. Ich sah zuerst sie, dann Klaus fragend an.
»Das ist Kriminalmeisterin Lena van Megeren. Sie behauptet, sie kenne sich hier aus.«
»Ich behaupte das nicht, Herr Kollege, ich kenne mich hier aus.«
»Und wie kommt das?«, wollte ich wissen.
»Bevor ich zur Polizei ging, habe ich zwei Semester Theaterwissenschaften studiert und Praktika am Nationaltheater gemacht.«
Ich nickte anerkennend.
»Wo ist das Personal, Klaus?«
»Wir haben sie alle in die Kantine gebeten, aber die Stimmung ist lausig. Sie wollen heim.«
»Stellt sicher, dass ihr von allen die Kontaktdaten habt, und notiert, wo sie sich zum Todeszeitpunkt befanden. Dann schickt ihr die nach Hause, die nicht auf diesem Gang zu tun hatten. Die Übrigen befragt ihr genauer. Alles Weitere erledigen wir morgen.«
»Mit den Frauen, die hier Dienst hatten, haben wir schon gesprochen. Dann klären wir jetzt den Rest.«
»Gut. Frau ...«
»... van Megeren, aber sagen Sie ruhig Lena.«
»Sie kommen mit mir. Wir klappern die Künstlerinnen ab.«
»Und die Künstler?«
»Die auch.«
»Don Alfonso ist schon fuchsteufelswild«, meinte Klaus.
»Sein Problem. Ladys first. Ab mit dir. Wissen Sie, wo die Garderobe von Fiordiligi ist, Lena?«
»Sie meinen, Dagmar Hörfurtner.«
Ich sah sie erstaunt an. »Sie kennen sich ja wirklich aus, Frau Kollegin.«
Sie klopfte an der dritten Tür links.
»Bitte!«
Wir traten ein. In einer Garderobe, die genauso groß wie die von Cynthia Roberts war, saß eine blonde Frau, die ich auf Ende zwanzig geschätzt hätte. Sie trug eine weiße Bluse zu einer weinroten 7/8 Hose und hatte einen dunkelgrünen Wildledergürtel umgebunden. Bei übereinander geschlagenen Beinen wippte sie ungeduldig mit ihrem linken Fuß, der in einer hochhackigen, schwarzen Sandalette steckte.
»Sie sind der Herr vom Sicherheitsbüro?«
»Von der Kriminalpolizei, gnädige Frau. Wir sind doch im Reich.«
Lena warf mir einen Blick zu, als würde sie an meinem Verstand zweifeln.
Dagmar Hörfurtner lachte lauthals.
»A Kiberer mit Sinn für Humor und Österreich kennt er auch noch.«
»Meine Schwester hat in Wien studiert.«
»Hoffentlich nicht Theater.«
»Architektur.«
»Kluges Mädchen.«
»Frau Hörfurtner, lassen Sie es uns kurz machen, der Tag war lang genug. Wenn ich mich richtig erinnere, waren Sie bis zum Ende des ersten Aktes auf der Bühne.«
»Waren Sie etwa in der Oper?«
»Aber gewiss doch, gnädige Frau.«
Sie lachte wieder.
»Der Abend ist voller Überraschungen. Aber es stimmt. Ich bin direkt nach Ende des ersten Aktes hier hinunter gegangen, habe mich frisch gemacht und eine Tasse Tee getrunken. Dann kam Frau Bachmaier und hat mir beim Umziehen geholfen. Das Nächste, was ich gehört habe, war, dass die Kleine von der Roberts herumgeschrien hat.«
»Sie meinen, Caroline da Silva?«
»Wie auch immer sie heißt. Sie versucht, sich überall einzuschmeicheln.« Sie rümpfte die Nase.
»Haben Sie eine Vorstellung, wann genau das war?«
»Auf der Uhr da oben«, sie deutete auf eine antiquiert wirkende Digitaluhr an der Wand, »war es 21:38 Uhr.«
»Geht die Uhr genau?«
»Herr Kommissar, bitte.«
»Wie reagierten Sie, als Sie den Schrei hörten?«
»Genauso wie Paola. Ich habe die Tür aufgerissen und geschaut, was da los ist.«
»Paola?«
»Paola Caruso«, meinte die junge Kriminalmeisterin. »Die Despina.«
Dagmar Hörfurtner sah sie an.
»Kennen wir uns?«
»Ich denke, nein, Frau Hörfurtner. Ich arbeite für Kriminalrat Schönheit.«
»Und wer ist das?«
»Meine Wenigkeit, gnädige Frau. Kriminalrat Benedict Schönheit.«
»Jetzt hören Sie doch endlich mit dem albernen ›gnädige Frau‹ auf. Sonst gab es da nichts zu sehen. Frau Bachmeier und die andere Garderobiere waren schon da und das Mädel schrie, die Roberts habe einen Anfall oder so etwas. Ich habe Paola angeschaut und wir sind zurück in unsere Garderoben gegangen.«
»Wollten Sie nicht wissen, was passiert war?«
»Sehen Sie, Herr Schönheit, die Roberts war überspannt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ganz Diva. Es war mir, ehrlich gesagt, Wurst, was für ein Anfall das war.«
Lena, die sich einiges notiert hatte, und ich sahen einander an.
»Dann danken wir Ihnen für Ihre Zeit. Wir werden morgen oder übermorgen noch einmal mit Ihnen sprechen.«
»Der Herr Inspizient weiß immer, wann Sie mich wo finden können.«
Als wir wieder auf dem Gang standen, meinte ich zu Lena: »Schräg.«
Sie antwortete: »Ne, Oper, Herr Kriminalrat.«
In diesem Moment kamen uns Adil und Klaus entgegen.
»Schon fertig mit dem Personal?«, fragte ich.
»Das meiste hatten wir bereits erledigt, während du in den höheren Etagen unterwegs warst.«
»Wir müssen zum Ende kommen und dann noch Caroline da Silva heimbringen. Wisst ihr, wo sich die anderen Garderoben befinden und wie ihr dahin kommt?«
Kopfschütteln bei Klaus und Adil.
»Lena, nehmen Sie die Herren bei der Hand. Sie sollen die Darsteller von Guglielmo und Ferrando kurz vernehmen. Wo ist Paola Carusos Garderobe?«
Sie deutete auf die nächste Tür rechts.
»Ich rede schon mal mit ihr. Sie kommen bitte zurück, wenn Sie Klaus und Adil zu den Herren gebracht haben. Mit Justin Hill möchte ich selbst sprechen.«
Lena van Megeren zog eine Augenbraue hoch, nickte und bedeutete den anderen, ihr zu folgen.
Als Nächstes klopfte ich an die Tür von Paola Caruso.
»Pronto!«
»Mein Name ist Schönheit, Kriminalpolizei München.«
»Paola Caruso.«
»Verwandt oder verschwägert?«
Sie musste trotz der späten Stunde lachen.
»Wenigstens einer, der seinen Humor noch nicht verloren hat.«
»Wie meinen Sie das?«
»Das ganze Theater wusste zu Beginn des zweiten Aktes, dass Cindy tot war, aber niemand hatte eine Ahnung, wie oder warum.«
Die Buschtrommeln schienen in der Oper ausgesprochen schnell zu funktionieren.
»Und was wussten Sie?«
»Genauso viel wie die anderen. Ich hörte Caroline schreien, schaute kurz aus der Tür und sah die Garderobieren. Ich dachte mir, es wird schon nicht so schlimm sein. Vielleicht ein Riss im Kostüm.«
Sie lächelte ein wenig maliziös.
»Wissen Sie, Cindy konnte sich über Nichtigkeiten furchtbar echauffieren. Caro musste da einiges aushalten. Ich dachte mir nichts dabei.«
»Wann haben Sie denn erfahren, dass mehr dahinter steckt?«
»Geahnt habe ich es, als ich den Intendanten auf dem Gang reden hörte. Als wir zur Bühne gerufen wurden, sah ich Sie auf dem Gang und dann raunte mir ein Mann auf dem Weg nach oben zu, Cindy sei ermordet worden.«
»Benutzte er diese Worte? Sagte er tatsächlich ermordet?«
Sie nickte.
»Wissen Sie, wer das war?«
»Nein, danach war alles wie im Nebel. Ich konzentrierte mich auf meine Rolle, um die Aufführung vernünftig zu Ende zu bringen.«
Es klopfte kurz und Lena trat ein.
»Meine Kollegin«, erklärte ich. »Ich denke, das genügt für heute Abend, Frau Caruso. Wir sollten uns in den nächsten Tagen ausführlicher unterhalten.«
Sie reichte mir eine Visitenkarte.
»Das ist meine private Handynummer, damit können Sie mich fast immer erreichen. Außer ich schlafe oder liege in der Badewanne.«
»Ich werde mich bemühen, diese Zeiten auszusparen. Vielen Dank für Ihre Zeit.«
Auf dem Gang sagte ich zu Lena:
»Auf zu Don Alfonso!«
»Der ist richtig sauer.«
»Justin Hill? Der soll sich nicht so haben, dafür spielt er in der falschen Liga.«
»Woher wissen Sie das, Herr Kriminalrat?«
»Ich heiße Schönheit, nur für den Fall, dass wir länger zusammenarbeiten.«
Sie lächelte.
»Das beantwortet meine Frage nicht.«
»Ich besuche öfters die Oper.«
»Ach so.«
Nachdem niemand auf unser Klopfen antwortete, öffneten wir die Tür. Auf einem Stuhl saß ein etwa fünfzigjähriger Mann mit einem grau melierten, gepflegten Ziegenbart. Er trug eine Jeans, schwarzes T-Shirt und ein ebensolches Jackett darüber. Seine Füße steckten in dunkelbraunen Cowboystiefeln. Er musterte uns herablassend.
»Endlich.«
»Danke, dass Sie Zeit für uns haben. Es ging leider nicht früher.«
Justin Hill blickte auf seine Stiefelspitzen.
»Wo waren Sie heute während der Pause?«
»Ich war bis zum Schluss des ersten Aktes auf der Bühne und dann hier.«
»Sie waren zu keinem Zeitpunkt in einer anderen Garderobe?«
Er schüttelte den Kopf.
»Ist Ihnen heute Abend irgendetwas merkwürdig vorgekommen?«
»Der Inspizient war pünktlich.«
»Sehr erfreulich. Ich meinte eher in Bezug auf Frau Roberts.«
»Sie war unnahbar, wie immer.«
»Auch zu Ihnen?«
»Wie meinen Sie das?«
»Sie kennen sich doch schon länger.«
»Bitte?«
»Mailand?«
Lena bemühte sich, ihre Verblüffung zu verbergen.
Justin Hill nahm die Füße vom Hocker und starrte mich an. Nachdem dies das einzig freie Sitzmöbel zu sein schien, deutete ich darauf und schaute Lena an. Als sie den Kopf schüttelte, setzte ich mich.
»Was wissen Sie denn über Mailand?«
»Was man sich in eingeweihten Kreisen so über Sie, Cindy Roberts und die Scala erzählt. Ich wiederhole meine Frage: Gab es heute Abend etwas, das anders war als sonst? Nachdem Sie Bass singen, ersparen Sie sich und uns bitte weitere Tenorwitze.«
Er war sprachlos.
»Herr Hill, wir wollen alle nach Hause. Ist Ihnen heute oder in den letzten Tagen irgendetwas aufgefallen? War Cynthia Roberts anders als sonst?«
Er schwieg beharrlich.
»Herr Hill, wir können dieses Gespräch gerne morgen auf dem Polizeipräsidium fortsetzen, wenn Ihnen das lieber ist.«
»Was erlauben Sie sich!«
»Wir ermitteln in einem ungeklärten Todesfall.
