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Da war sie wieder im Fokus des nachtlichttauglichen Zielfernrohrs. Sie blickte über den Fluss, sah, ohne zu sehen, und wandte den Kopf ab. Ein leichter Druck auf den Abzug. Ein Sirren in der Luft. Sie kippte nach hinten um und brach zusammen. Mit diesen Worten beginnt „Sinnlos“, der siebte Fall um den Münchner Kriminalrat Benedict Schönheit und sein Team. Es wird ein Fall voller Wendungen und vermeintlicher Sackgassen. War es ein Ehrenmord, begründet im Berliner Umfeld der im Libanon geborenen jungen Frau? Wer würde ein so ungewöhnliches Tatwerkzeug benutzen? Was ist die Rolle ihres Mentors bei der Zeitung, ihrer Professorin an der Kunsthochschule? Bene Schönheit und sein Team haben aber auch andere Herausforderungen. Herausforderungen, die eher auf der persönlichen Ebene liegen. Thomas Michael Glaw verleiht in diesem neuen Roman seinen Figuren gerade in ihren Schwächen Menschlichkeit und skizziert trotzdem einen bis zum Ende spannenden und undurchsichtigen Kriminalfall zwischen Liebe und Hass, Gier und Geltungssucht. Nach einem Ausflug nach Venedig ermitteln Kriminalrat Benedict Schönheit und sein Team wieder in München und Wien.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Thomas Michael Glaw
Sinnlos
Benedict Schönheits siebter Fall
Für Doro und Ulrike, die mich vom Schwafeln abhalten.
Lektorat: Ulrike Parnow
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar
1. Auflage
Dr. Glaw + Lubahn GbR – Mediathoughts Verlag
Bergstr. 12 | 82024 Taufkirchen | [email protected]
Copyright 2024 Dr. Glaw + Lubahn GbR – Mediathoughts Verlag
ISBN: 9978-3-947724-56-7
Es schadet nie, in dieser Welt ein wenig Verdacht zu hegen.
Guglielmo in Così fan Tutte
Asmara Diab läuft vor ihrer Vergangenheit davon, um in der Gegenwart an einem Pfeil zu sterben.
Florian Kohler geht ein wenig zu weit bei der Betreuung einer Volontärin.
Lea Gashi wäre gerne mehr als eine Freundin.
Franziska Meinrad ist verschwunden. Aber warum?
Eva Reiter studiert Kunst und ist auch sonst nicht auf den Kopf gefallen.
Yasin El Khoury ist nicht, was er scheint.
Sylvia Kahnleitner lehrt Kunst und mehr.
Kriminalkommissar Adil Uzman geht seine eigenen Wege.
Kriminalmeisterin Lena van Megeren strebt nach Höherem und kann Bene nicht lassen.
Kriminalmeisterin Sahar Rajabi ist mehr als nur sprachbegabt.
Martina Beinhauser legt sich quer und bekommt doch die Kurve.
Kriminalrat Benedict Schönheit wird schwach und begeht einen großen Fehler.
Sonntag
Ihr Hals befand sich im Fadenkreuz. Die nächste Lampe am Isarufer war mehr als 30 Meter entfernt und warf lange Schatten auf ihr Gesicht.
Warum hatte sie sich auf dieses Treffen eingelassen? War es Neugier? Waren es die richtigen Worte?
Sie würde sterben. Sie musste sterben. Der Platz war klug gewählt. Ein wenig Qualm der nervigen Griller wehte von rechts herüber, aber die belebte Brücke war weitab. ›Ein perfekter Ort für eine erste Begegnung‹, stand in der Dating-App. Ein zartes Kennenlernen. Berührungen. Den Duft ihrer Haare spüren.
Da war sie wieder im Fokus des nachtlichttauglichen Zielfernrohrs. Sie blickte über den Fluss, sah, ohne zu sehen, und wandte den Kopf ab. Ein leichter Druck auf den Abzug. Ein Sirren in der Luft. Sie kippte nach hinten um und brach zusammen.
Montag
Haindlings ›I hob di lang scho nimma g’sehn‹ auf den Lippen trabte ich die Treppen von meiner Wohnung hinunter. Ein Montagmorgen ohne einen frühmorgendlichen Anruf von Kriminaloberrat Robert Theiss war ein Glücksfall. Ich entschied mich gegen das Fahrrad und für Schusters Rappen, um in die Löwengrube zu laufen, wo sich seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts das Münchner Polizeipräsidium befand.
An einem Frühsommertag wie heute empfand ich es immer als Privileg, in München zu arbeiten. Der Weg durch Schwabing und die Maxvorstadt in Richtung Innenstadt führte zu dieser frühen Stunde durch das München meiner Studentenzeit. Noch waren die Straßen nicht überfüllt, noch sah man Geschäftsbesitzer ihre Ware herausstellen, Kellner die Tische für ein Frühstück im Freien arrangieren, gähnende Studenten auf dem Weg zu einer Vorlesung. Halten Sie mich bitte nicht für besonders romantisch, aber wenn man, wie meine Kollegen und ich, häufig mit den dunklen Seiten dieser vermeintlichen ›Weltstadt mit Herz‹ zu tun hat, genießt man diese Momente.
Ich überquerte den Platz der Opfer des Nationalsozialismus, ärgerte mich zum wiederholten Mal über den nur langsam voranschreitenden Bau der großartig angekündigten ›Radautobahn‹ nach Garching und liebäugelte mit einem Espresso, aber die Schnarchnasen im ›OskarMaria‹ machten erst um 11 Uhr auf, wenn die arbeitende Bevölkerung anfing, sich Gedanken über das Mittagessen zu machen.
Als ich das Präsidium durch den Hintereingang betrat, meinte der diensthabende Beamte an der Pforte: »Man sucht Sie schon, Herr Kriminalrat.«
Man suchte mich? Ich besaß ein Diensthandy, auf dem, wer auch immer mich dringend sprechen wollte, anrufen konnte. Ich nickte dem Kollegen dankend zu und nahm die Treppe in den zweiten Stock. Als ich die Tür zu unserem Büro öffnete, hoben Lena, Adil und Klaus die Köpfe und plärrten fast im Chor: »Der Chef kann dich nicht erreichen!«
Ich fummelte das Diensthandy aus meinem Jackett, schuldbewusst, weil ich schon mehr als einmal vergessen hatte, es aufzuladen. Der Ladestand betrug 94 % und es gab keine verpassten Anrufe.
»Wo hat er denn angerufen und wann?«
»In der letzten Stunde und angeblich auf dem Handy«, meinte Lena.
»Gibt’s irgendetwas Aufregendes?«
»Ein Spaziergänger hat heute Morgen die Leiche einer jungen Frau an der Isar entdeckt«, beantwortete Adil die Frage.
»Wissen wir mehr?«
Das Telefon läutete und Klaus nahm den Hörer ab. »Doch, Herr Kriminaloberrat, er ist gerade zur Tür hereingekommen. Ja, sofort.« – »Du sollst zu Theiss kommen«, meinte er dann. »Sofort.«
Ich zog die Brauen nach oben, warf den Rucksack auf meinen Schreibtisch und wandte mich zur Tür. »Schaut, dass ihr mehr zu dieser Toten an der Isar herausfindet. Ich habe das ungute Gefühl, dass wir das ans Bein gebunden bekommen.«
Ein Stockwerk höher begrüßte mich Theiss’ neue Sekretärin mit einem Lächeln. »Diensthandy mal wieder nicht aufgeladen, Herr Schönheit?«
Ich grinste und zeigte brav wie ein Schulbub mein Handy vor.
Sie runzelte die Stirn, klickte auf ihrem Computer herum und meinte dann: »Ich fürchte, unser aller Chef hat sich verwählt und den Kollegen Schellenberg angerufen.« Sie sah mich an. »Und der ist im Urlaub. Gehen Sie besser rein. Jetzt haben Sie ja eine passende Entschuldigung.«
Ich klopfte und betrat das wie immer schlecht gelüftete und mit Akten übersäte Zimmer von Kriminaloberrat Robert Theiss.
»Wann lernen Sie endlich, dass Handys Strom brauchen?«, begrüßte er mich.
»Sie haben nicht mich, sondern Schellenberg angerufen, Herr Theiss.«
»Das ist ... völliger Quatsch, und woher wollen Sie das überhaupt wissen?«
Ich machte mit dem Kopf eine Bewegung zur Tür hin.
Er sah sein Telefon kritisch an. »Ernsthaft?«
Ich nickte. »Was brauchen Sie denn von mir?«
»Haben Sie das mit der jungen Frau an der Isar mitbekommen?«
»Nicht viel mehr, als dass ein Spaziergänger eine Tote gefunden hat.«
»Fahren Sie hin und sehen Sie es sich an. Ich kann Orthuber nicht erreichen und im Moment ist nur der KDD vor Ort. Nehmen Sie Ihr Team und kümmern Sie sich darum. Die Frau hat einen Migrationshintergrund, deuteten die Kollegen an. Sie wissen ja, was das heißt.«
Ich nickte. Alles, was wir unternahmen, würde peinlich genau beobachtet werden und die sozialen Medien würden sich überschlagen.
»Fahren Sie hin und melden Sie sich, sobald Sie Genaueres wissen«, er sah mich streng an, »vor dem Mittagessen.«
Ich zog die Augenbrauen hoch, nickte ihm zu und machte mich auf den Weg. Als ich an Frau Achleitners Schreibtisch vorbeiging, fragte sie: »Und? Hat es Sie erwischt?«
»Das stand doch zu vermuten an, nicht?«, antwortete ich lächelnd.
Ich nahm die Treppe hinunter immer zwei Stufen auf einmal. Als ich unser Büro betrat, stand meine Mannschaft quasi Gewehr bei Fuß und Lena meinte: »Wir haben schon mal einen Wagen besorgt. Das Briefing gibt’s unterwegs.«
Gute Leute muss man haben, dachte ich mir, griff meinen Rucksack vom Schreibtisch und folgte der Dame und den Herren in den Hof.
Als wir blinkend und mit Tatütata durch den dichten Vormittagsverkehr fuhren, erzählte Lena die bisher bekannten Details. Immerhin hatte sie Dr. Orthuber, unseren Pathologen, erreicht.
»Wo müssen wir eigentlich hin?«
»In die Nähe der St. Emmeramsmühle, Bene. Die Tote wurde am mittleren Isarkanal gefunden.«
»Hat sich Orthuber schon zu einer Tatzeit geäußert?«
»Du weißt doch, wie er auf diese Fragen reagiert, das überlassen wir gerne dir. Wir vermuten gestern spätabends.«
»Und es war definitiv Mord?«
»Ganz tief«, antwortete Lena mit Polizistenhumor. »Jemand hat ihr mit großer Wucht beidseitig durch den Hals gestochen.«
Das war zumindest ungewöhnlich. Dass man Opfern Luftröhre und Hirnschlagadern durchtrennt, hatten wir schon gesehen, aber dieser Modus Operandi war mir noch nicht begegnet.
»Ist sich Orthuber sicher?«
»Er murmelte etwas von einem Verdacht und hat die KTU auf die Suche geschickt. Mehr wollte er nicht sagen und Schreyer geht nicht ans Handy.«
Peter Schreyer war unser leitender Kriminaltechniker.
»Haben wir Informationen zur Toten?«
»In ihrer Handtasche befand sich ein deutscher Personalausweis. Sie heißt Asmara Diab, wohnhaft in München, 24 Jahre alt, geboren in Byblos im Libanon.«
»Sonst irgendetwas?«
»Wir waren froh, diese Infos von den Kollegen beim Kriminaldauerdienst zu bekommen.«
Adil hatte sich dank unseres trötenden Martinshorns durch einen Verkehrsstau am Effnerplatz gefummelt und bretterte jetzt die Effnerstraße hinunter.
»Kommen wir überhaupt mit dem Wagen in die Nähe des Tatorts?«
»Die Kollegen meinten ja. Ich habe ihre Daten ins GPS eingegeben.« Adil war links abgebogen, fuhr etwas langsamer, überquerte auf einer schmalen Brücke den Isarkanal und bog rechts auf eine enge Straße ab, die etwa 300 Meter weiter mit Einsatzfahrzeugen zugestellt war. Trassierband flatterte auf der rechten Seite im Wind.
»Wer hat sie gefunden?«, fragte ich.
»Der Hund eines Spaziergängers«, sagte Klaus. »Muss kurz nach acht gewesen sein.«
Eine uniformierte Kollegin wies uns den Weg und nach wenigen Schritten zwischen Bäumen hindurch sahen wir Dr. Orthuber im Gespräch mit Peter Schreyer neben einem mit einer Folie bedeckten Körper.
»Schau an«, meinte Schreyer, als er uns sah, »das A-Team hat wieder einmal den Schwarzen Peter gezogen.«
»Der einzige Schwarze Peter, den ich hier sehe, sind Sie, lieber Herr Schreyer«, lautete meine Antwort.
»Wenn Sie Ihre Sonnenbrille absetzen, werden Sie feststellen, dass ich immer noch blond bin.«
»Wenn die Herren mit ihrem Macho-Stunt durch sind, könnten wir uns der toten Frau zuwenden.«
Dr. Orthuber genoss es, kalte Duschen zu verabreichen. Lena konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
»Nun, Gentlemen«, fuhr ich fort, »erleuchten Sie mich. Ich habe lediglich marginale Daten über die junge Dame. Was ist passiert, und wo sind die Kollegen vom KDD?«
Eine zierliche blonde Frau trat von rechts aus dem Unterholz und sagte: »Maierhöfer. Ich leite das KDD-Team, Herr Kriminalrat. Wir wurden kurz nach acht alarmiert und waren kurz nach halb neun vor Ort.«
»Darf ich?«, fragte ich Dr. Orthuber.
»Bitte.«
Ich zog die Plastikfolie, die die Leiche bedeckte, ein wenig zur Seite, um den Oberkörper freizulegen.
»Lag sie genau hier?«
Kollegin Maierhöfer nickte.
»Sie haben dann die KTU und Dr. Orthuber informiert?«
»Ja.«
»Wann trafen die ein?«
»Kurz nach neun.«
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Kurz vor halb elf. »Wer hat die Tote gefunden?«
»Der Labrador eines Spaziergängers«, meinte Frau Maierhöfer.
»Wann war das?«
»Viertel vor acht oder so.«
»Und dann?«
»Er wählte auf seinem Handy 112 und den Rest wissen Sie.«
»Was war Ihr erster Eindruck, Herr Doktor?«
»Sehen Sie sich die Frau an, Herr Schönheit.«
Ich beugte mich zu der Toten hinunter. Auf beiden Seiten ihres Halses waren blutverkrustete Schnittwunden, als ob jemand mindestens zweimal zugestochen hätte. »Frau von Megeren erwähnte auf der Fahrt hierher, Sie dachten zunächst an eine Messerattacke.«
Orthuber runzelte die Stirn. »Nur kurz. Ist Ihnen nichts aufgefallen?«
»Es müssten zwei oder mehr Stiche gewesen sein.«
»Das sehe ich genauso. Ziemlich unwahrscheinlich, oder? Zumal mit dieser Präzision.«
»Was war es denn?«, fragte Lena.
Es war einer jener Momente, die Dr. Orthuber genoss. Ich hatte keine Ahnung, worauf es hinauslief, aber ich wollte ihm seinen Auftritt nicht vermasseln. Schreyer setzte an, etwas zu sagen, aber Orthubers Blick ließ ihn schweigen.
»Sehen Sie, als ich vor zwanzig Jahren im Kosovo war, sah ich Verwundungen, die Scharfschützen verursacht hatten.«
»Das ist aber keine Schusswunde«, platzte Adil heraus.
»Das ist völlig richtig, Herr Uzman, aber es gibt auch andere Waffen.«
Ich sah Dr. Orthuber fragend an, er nickte Schreyer zu.
»Der gute Doktor hat uns auf die Suche nach einem Bolzen geschickt, den er uns nicht genau beschreiben konnte.«
Orthuber holte tief Luft, sagte aber nichts.
»Einem Bolzen?«
»So nennt man die Geschosse einer Armbrust.«
»Eine Armbrust?«, fragten Klaus und Adil wie aus einem Mund.
»Meine Herren, eine professionelle Armbrust ist auf die Distanz von 50 bis 80 Meter eine absolut lautlose und tödliche Waffe«, sagte Dr. Orthuber. »Ich habe solche Wunden im ehemaligen Jugoslawien gesehen. Alle Kriegsparteien haben Scharfschützen mit Armbrüsten eingesetzt.«
Wir sahen uns mehr als nur erstaunt an.
»Sind Sie fündig geworden, Herr Schreyer?«
Er setzte an, etwas zu sagen, als jemand hinter ihm rief: »Chef!«
Er drehte sich um und verschwand zwischen den Bäumen. Als er nach einer gefühlten kleinen Ewigkeit wieder auftauchte, hielt er einen Plastikbeutel in der Hand. »Ich denke, Dr. Orthuber hat Recht«, meinte er und gab mir den Asservatenbeutel.
Orthuber trat neben mich und wir sahen beide einen dunklen, etwa dreißig Zentimeter langen Pfeil mit vier stählernen Finnen in dem Beutel.
»Was ist das für ein Material?«, wollte ich wissen.
»Ich würde Carbon vermuten«, antwortete Schreyer. »Die Spitze und die Finnen sind aus Metall, scharf und darauf ausgelegt, schwere Wunden in Weichteilen zu verursachen. Das war kein Feld-, Wald- und Wiesenschütze.«
Wir schwiegen einen Moment.
»Klaus, finde heraus, welche Waffen dafür infrage kommen und wie man sie legal benutzen kann. Adil, schau nach, ob es irgendwelche Schützenvereine gibt, die sich dieses Hobbys befleißigen.«
»Und ich?«, wollte Lena wissen.
»Du bleibst bei mir.«
Ich warf einen zweiten Blick auf die Tote. Ihr Gesicht war ebenmäßig, man konnte es fast schön nennen. Ein Teint wie Café au Lait, dunkle Augen, die ihr niemand geschlossen hatte, hohe Wangenknochen. Eine eigenartige Ruhe ging von ihr aus, trotz ihrer offenen Augen.
»Soll ich?«, fragte Dr. Orthuber, der offenbar meine Gedanken erahnt hatte.
Ich schüttelte den Kopf, beugte mich hinunter, schloss ihr mit meiner rechten Hand die Augen, zog die Kunststoffplane über sie und meinte zu Orthuber: »Nehmen Sie sie mit, aber schneiden Sie zärtlich. Ach ja, ich weiß, Sie hassen die Frage, aber trotzdem: Ungefährer Todeszeitpunkt?«
»Ich wollte mir den Tag schon rot im Kalender anstreichen, weil endlich einmal niemand die Frage gestellt hat. Meiner Einschätzung nach zwischen 21 und 23 Uhr gestern Abend.«
»Zärtlich?«, fragte Lena, als wir einige Schritte entfernt am Isarkanal standen.
»Keine Ahnung«, meinte ich, hob einen flachen Stein auf und ließ ihn über die Isar springen. »Vielleicht, weil sie so jung aussieht.«
Wir gingen zurück an den Fundort und ich fragte Schreyer: »Kann ich mal die Fotos von der Leiche sehen?«
»Klar, aber nur auf dem Display der Kamera.«
Nachdem Lena und ich eine Serie Bilder betrachtet hatten, fragte ich: »Was meint ihr: Hat sie sich im Fallen gedreht oder ist sie durch die Wucht des Schusses einfach umgekippt?«
»Ich denke, Letzteres«, antwortete Schreyer.
»Dann müsste der Schütze auf der anderen Seite des Kanals gestanden haben. Halten Sie das für technisch möglich?«
»Da muss ich passen, Herr Schönheit. Ich zeige den Bolzen unseren Waffenexperten und ziehe gegebenenfalls das LKA hinzu. Heute Nachmittag wissen wir mehr.«
Ich suchte noch einmal das Bild, auf dem die Tote vom Kopf her in der Totale abgebildet war, und versuchte, einen Punkt am anderen Ufer des Kanals auszumachen, wo der Schütze gestanden haben könnte. Wenn ich mich richtig erinnerte, gab es etwa zweihundert Meter kanalabwärts eine Brücke, die zur St. Emmeramsmühle führte. »Ich würde gerne mit einem Ihrer Männer einen kurzen Spaziergang auf die andere Seite unternehmen. Haben Sie einen Moment Zeit?«
Schreyer zog die Stirn kraus, bückte sich und befühlte den Boden. »Hat ja in den letzten Tagen ein paar Mal geregnet, könnte funktionieren.« Er steckte zwei Finger in den Mund und pfiff, worauf ein schlanker, dunkelhaariger Mann im Overall durch die Büsche kam und fragte: »Sind wir fertig?«
»Noch nicht. Hol mal den Laser und dann machst du mit den beiden hier einen Spaziergang.«
»Und was machen Sie?«, wollte ich wissen.
»Wir rekonstruieren die Lage der Toten und stellen einen Reflektor auf, wo sie gestanden haben müsste.«
Wenige Minuten später liefen wir mit dem Herrn von der KTU, der sich als Mario Ciucci vorgestellt hatte, den Kanal entlang. Wir überquerten die Brücke gegenüber der St. Emmeramsmühle und gingen auf einem Ziehweg zurück zu der Stelle, wo sich der Schütze vermutlich befunden hatte. Als Schreyer auf der anderen Kanalseite anfing, mit den Händen zu fuchteln, verlangsamten wir unsere Schritte und begannen, den Boden genau zu betrachten.
Ciucci hob seine rechte Hand, wir blieben stehen und er bückte sich. »Das könnten Fußspuren sein.«
Er zog Plastiküberschuhe und Handschuhe für sich und uns aus dem Aluminiumkoffer, den er abgestellt hatte. Nachdem wir sie übergestreift hatten, begann er, den Boden aus verschiedenen Winkeln zu fotografieren. Dann ging er auf die gegenüberliegende Seite des Wegs und betrachtete den Boden und einige niedergedrückte Grashalme.
»Er kommt mir vor wie Sherlock Holmes persönlich«, flüsterte mir Lena ins linke Ohr.
»Da liegen Sie gar nicht so falsch«, brummte Ciucci, der offenbar auch gut hörte. Lenas Gesichtsfarbe näherte sich der einer Erdbeere. »Ich glaube, hier hat ein Fahrrad gestanden. Versuchen wir mal, den Platz zu verifizieren.«
Er nahm ein Stativ aus dem Koffer, baute es auf und schraubte etwas, das entfernt an einen Camcorder erinnerte, darauf fest. Schreyer hatte etwas Ähnliches auf der anderen Seite aufgestellt und hob die Hand. Herr Ciucci klappte einen Bildschirm auf dem Gerät aus, auf dem ein Fadenkreuz erschien. Als er das Bild vergrößerte, sah man einen weißen Kreis auf einem Stativ – anscheinend das, was Schreyer gegenüber aufgebaut hatte. Ich sah ihn fragend an.
»Wir müssen jetzt die Stelle finden, von der aus der Laser mehr oder weniger senkrecht auf den Reflektor fällt. Dann haben wir den Standpunkt des Schützen.«
Er las einige Zahlen auf dem Display ab, hob dann, immer auf dem Ziehweg bleibend, den Laser hoch, trug ihn etwa einen Meter weiter kanalaufwärts, machte eine zweite Messung und lief anschließend wieder ein Stück zurück. Wir verfolgten das Ganze schweigend, als mein Handy klingelte.
»Was treibt ihr eigentlich?«, wollte Adil wissen.
»Wir versuchen, die Position des Schützen ausfindig zu machen. Habt ihr mehr zur Waffe herausgefunden?«
»Armbrüste kannst du legal erwerben, die gelten in Deutschland als Sportgeräte.«
»Auch solche, mit denen man jemand auf 100 Meter Entfernung töten kann?«
»Auch solche. Du brauchst nicht einmal einen Waffenschein oder eine Waffenbesitzkarte.«
Ich schüttelte den Kopf. »Und gibt es Sportvereine, die diesem Hobby, wenn man es so nennen kann, frönen?«
»Die gibt es. In München ist es besonders die berühmte Armbrust-Schützengilde.«
»Dann sollten wir die aufsuchen. Haben wir die Meldeadresse zu Frau Diab?«
»Klar doch.«
»Gut. Wenn wir hier fertig sind, entscheiden wir, wer was unternimmt.«
Herr Ciucci war unterdessen dabei, den Boden an einer anderen Stelle zu untersuchen und zu fotografieren.
»Und?«, fragte ich.
»Ich würde sagen, unser Schütze ist etwa 1,80 groß, er hat Schuhgröße 42, hat möglicherweise ein Einbeinstativ benutzt und kam mit dem Fahrrad.«
»Doch Sherlock Holmes«, murmelte Lena.
Mario Ciucci schüttelte den Kopf. »Nachdem er ein Stativ benutzt hat, können wir den Ort genau festlegen. Wir kennen die Größe der Toten und wissen, dass der Bolzen gerade geschossen wurde. Der Rest ist Mathe.«
»Und die Schuhgröße?«, fragte Lena.
»Da drüben sind mehrere Fußabdrücke sichtbar. Ich denke, er hat Stiefel mit einem groben Profil getragen, und wenn ich mich nicht vermessen habe, in Schuhgröße 44.« Mario Ciucci lächelte Lena an.
»Der Täter ist also ein Mann?«
Der Kriminaltechniker schüttelte den Kopf. »Nicht notwendigerweise. Boots sind auch bei Frauen populär und die Schuhgröße ist nicht mehr so ungewöhnlich.«
»Brauchen Sie uns noch?«, wollte ich wissen.
»Ich denke, wir haben alles, was diese Seite des Tatorts hergibt«, meinte er.
Auf dem Rückweg zu den anderen meldete sich mein Handy erneut.
»Haben Sie mich vergessen?«, grummelte Kriminaloberrat Theiss.
»Mitnichten, aber wir haben nicht so viel. Die Tote ist eine 24-jährige Frau, wohnhaft in München, geboren im Libanon. Der Täter hat eine Armbrust benutzt ...«
»Bitte?«
»Sie haben richtig gehört. Schreyer und seine Experten können uns im Verlauf des Nachmittags mehr dazu sagen. Wir nehmen uns die Wohnung der Toten vor und versuchen, mehr über sie herauszubekommen. Wer ist bei der Staatsanwaltschaft zuständig?«
»Dr. Sperber ist im Urlaub, er wird von Frau Dr. Sieber vertreten.«
»Würden Sie sie anrufen, bitte? Wir brauchen einen Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung.«
»Name und Adresse?«
Ich gab sie ihm und er versprach, sich darum zu kümmern.
Schreyer und seine Leute hatten schon zusammengepackt und warteten auf ihren Kollegen.
»Hatte sie ein Handy?«, fragte ich nach.
»Wer hat schon keins. Es ist kein iPhone, es dürfte nicht zu schwierig werden.«
»Haben Sie irgendwelche Notizbücher oder einen Terminkalender gefunden?«
»Bei der Generation Z doch nicht. Außerdem kann man digital schneller löschen«, meinte er grinsend. »Ich schick es Ihnen, sobald wir etwas haben, und frage wegen der möglichen Waffe nach.«
»Die Ausweise?«
»Herr Uzman hat ihre Geldbörse an sich genommen.«
»Dann bis später.«
Mittlerweile war es Viertel nach zwölf geworden und mir stand der Sinn nach einer Kleinigkeit Essbarem. Ich weiß, im Fernsehen sind Kriminalbeamte alles verhärmte Vegetarier, die während der Ermittlungen Heilfasten praktizieren, aber das war nicht so mein Ding. Viel Zeit hatten wir nicht. Adil hatte sich schon hinters Steuer geklemmt.
»Du siehst hungrig aus, Bene.«
Das war die Nachtigall, die mit dem Holzhammer vorbeitrapste und bedeutete nichts anderes, als dass die Dame und die Herren gerne etwas speisen würden.
»Was hältst du von einer Stippvisite bei Nana?«, raunte Lena aus dem Hintergrund und ein Blick auf Adil verriet mir, dass es sich hier um eine abgekartete Sache handelte.
»Zeigt mir doch erst einmal die Geldbörse.«
Adil wahrte Contenance und Lena reichte mir von hinten einen Asservatenbeutel. Knapp hundert Euro Bargeld, Quittungen, ein von der Süddeutschen Zeitung ausgestellter Presseausweis, ein Studentenausweis der Kunsthochschule und der Personalausweis, den Schreyer schon angesprochen hatte.
»Da dürfte uns heute noch einiges bevorstehen«, kommentierte ich und bemerkte die länger werdenden Gesichter. »Wird also nur ein Kurzbesuch bei Nana.«
Viertel vor eins hatten wir illegal in Haidhausen geparkt, die Polizeikelle auf das Instrumentenbrett drapiert und hofften, dass uns keiner ACAB auf den Wagen schmieren würde. Wir entschieden uns für einen ruhigen Tisch im Gastraum, denn wir wollten ja nicht nur ein paar Meze essen, sondern auch den Nachmittag besprechen. Kaum hatten wir bestellt, meldete sich mein Handy. Dieses Mal hatte sich Theiss sicher nicht verwählt.
»Gibt’s was Neues?«
»Sie hatte einen Presseausweis und studierte an der Kunsthochschule. Haben Sie den Durchsuchungsbeschluss?«
»Deshalb rufe ich an. Sie können ihn bei der Staatsanwaltschaft abholen. Melden Sie sich bei Gelegenheit mal bei Frau Dr. Sieber. Sie möchte den Fall kennenlernen, wie sie sich ausdrückte.«
Musste Sperber ausgerechnet jetzt in Urlaub sein?
Mittlerweile hatten sich zahlreiche Näpfchen und Tellerchen auf unserem Tisch materialisiert, bei mir auch ein nicht billiger Chardonnay.
»Theiss?«, fragte Lena.
Ich nickte. »Wir haben den Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung. Haben wir so etwas wie einen Schlüsselbund?«
»Klar doch, Jefe«, kommentierte Klaus. »Liegt im Wagen.«
Na immerhin. Ich befasste mich mit verschiedenen Arten von Hummus und biss ein Stück Pitabrot ab. »Dann würde ich vorschlagen, Lena und ich setzen euch am Präsidium ab, fahren bei der Staatsanwaltschaft vorbei und dann ...«
»... in die Perlacher Straße 24. Ziemliches Hin und Her, Bene«, ergänzte Adil.
»Geht nicht anders. Lass das eine WG sein, da habe ich lieber Lena dabei.«
»Und was machen wir?«
»Ihr schaut, was der gute Doktor zu sagen hat, tretet Schreyer auf die Füße, findet mehr zu Asmara Diab heraus und recherchiert außerdem, ob und wenn ja, wo in München man Armbrüste kaufen kann.«
Wir beendeten unseren kleinen Imbiss und ich fuhr Klaus und Adil zum Präsidium. Danach holten wir uns den richterlichen Segen und machten uns auf den Weg nach Giesing.
Von dem einstigen Arbeiterviertel war nicht viel übrig, nachdem sich dort, wie überall in München, langsam, aber stetig die Hipster breitmachten.
Wir fanden einen Parkplatz und gingen ein paar Meter zu dem Haus mit der Nummer 24, einem gesichtslosen, grauen, vierstöckigen Flachbau, vermutlich aus den achtziger Jahren. Ein Klingelknopf zu einer Wohnung im dritten Stock wies den Namen ›Diab‹ auf, das sprach gegen eine WG. Wir läuteten trotzdem, aber es erfolgte keine Reaktion. Lena zog einen Schlüsselring mit erfreulich wenigen Schlüsseln aus einem Asservatenbeutel. Der zweite der drei größeren Schlüssel öffnete die Haustür und wir gingen die drei Stockwerke zu Fuß hoch. Die Tür zur Wohnung von Frau Diab ließ sich mit dem gleichen Schlüssel öffnen.
»Sollten wir nicht besser Schreyer rufen?«, fragte Lena.
»Das ist kein Tatort, wir ziehen nur Handschuhe an.«
Als wir über uns eine Tür hörten, betraten wir schnell die Diele und schlossen die Tür hinter uns.
Wir standen in einem dunklen Flur, in den aus zwei offenen Türen etwas Licht fiel. Die erste Tür auf der linken Seite führte in ein fensterloses Bad, die zweite in eine Küche. Durch die rechte Tür betraten wir ein geräumiges Wohnzimmer. Durch zwei Fenster fiel Sonnenlicht auf mit Bedacht arrangierte Möbel. Ein Schreibtisch, auf dem sich eine Schale mit Zeichenstiften, ein Skizzenblock und ein Notebook befanden, ein dunkelblaues Sofa, ein Tisch mit vier Stühlen, eine kleine Staffelei, auf der die Rötelskizze einer Landschaft stand. Neben dem Schreibtisch stand ein schmales Regal mit Ordnern, neben der Tür ein gut gefülltes Bücherregal. An der Wand hingen Poster einer Gainsborough-Ausstellung in London, einer Rötelzeichnung von Raffael und ein Janssen.
Ich drehte mich um, durchquerte die Diele und betrat das Schlafzimmer. Das Nachmittagslicht wurde durch leichte, helle Gardinen gefiltert, die das Fenster bis zum Boden bedeckten, man hörte den Straßenlärm kaum. Auch hier herrschte Ordnung. Ein breites Bett, ein Schrank, keine Bilder.
»Findest du es nicht manchmal unheimlich, die Wohnung einer Ermordeten zu betreten?«
»Unheimlich? Nein, Lena. Zunächst immer interessant und es erfordert meine volle Aufmerksamkeit. Deine übrigens auch. Nimm das alles in dich auf. Fühle es. Mein alter Exerzitienmeister hätte gesagt ›Schmecke es‹.«
»Du hattest mal einen Exerzitienmeister? Warst du in Japan?«
»Da war ich tatsächlich zweimal. Faszinierendes Land. Nein, Exerzitien habe ich hier gemacht.«
»Und du findest es wirklich nicht gruselig?«
»Nein. Manchmal spüre ich den Geist der Verstorbenen oder bilde mir das zumindest ein, wenn ich alleine oder zu zweit in so einer Wohnung bin. Aber das behältst du bitte für dich. Und ja, manchmal macht es mich melancholisch. Aber erst später.«
Ich betrachtete Lenas jugendliches Gesicht, die zartroten Lippen und den verwirrten Ausdruck, der sich in ihren Augen breitmachte, dann nahm ich sie kurz in den Arm. »Ich hoffe, das war jetzt nicht übergriffig. Gehen wir an die Arbeit, Frau Kollegin.«
In diesem Moment hörten wir, wie ein Schlüssel in die Tür gesteckt wurde und jemand die Tür öffnete. Einen Augenblick später stand eine junge Frau in der Wohnzimmertür und rief: »Wer sind Sie und was machen Sie hier?«
Als ich einen Schritt auf sie zumachte, schrie sie: »Fassen Sie mich nicht an!«
Lena trat neben mich, hielt ihren Dienstausweis in der Hand und sagte ruhig: »Wir sind von der Polizei. Das ist Kriminalrat Schönheit, mein Name ist van Megeren.«
»Was tun Sie hier und wo ist Asmara?«
»Wer sind denn Sie und warum haben Sie einen Schlüssel zu Frau Diabs Wohnung?«, wollte Lena wissen.
»Ich bin ...«, sie zögerte, »ich bin ihre Freundin und ... ich habe ihren Schlüssel, für den Fall, dass sie ihren verliert.«
»Und wie heißen Sie?«
»Lea Gashi.«
»Sind Sie auch Studentin?«
»Ja, wir sind beide an der Kunstakademie, aber was …?«
Ich sah Lena an. »Möchtest du oder soll ich?«
Sie nickte wissend und meinte zu Frau Gashi: »Gehen wir doch kurz nach nebenan.«
Ich klappte das Notebook auf, aber es verlangte ein Passwort. Ich schloss es und legte es auf den Tisch, damit wir es nicht vergaßen. Ihr Arbeitstisch besaß keine Schubladen, aber auf dem Regal mit den Aktenordnern standen zwei Holzkisten. In der ersten waren Skizzenbücher, die neben Zeichnungen auch Text enthielten. Römische Ziffern auf der ersten Seite ließen auf eine Reihenfolge schließen. Ich fand insgesamt sieben davon. Das letzte endete im März dieses Jahres, eine Nummer VIII fand ich nicht. Ich griff nach der zweiten Kiste, als das Handy in meiner Hosentasche brummte.
»Kaum lässt man dich allein, tanzt schon wieder der Bär«, meinte Martina.
»Ich bin schon ein großer Junge, Mama, und kann das alleine«, kommentierte ich.
Meine bessere Hälfte hatte sich am Wochenende mit deutschen und österreichischen Kolleginnen zu einem journalistischen Austausch im Salzburger Land getroffen.
»Seit wann bist du zurück?«, fügte ich hinzu.
»Seit eben. Wolfi hat mich angerufen, kurz nachdem ich am Mondsee losgefahren war, und etwas von einem geheimnisvollen Femizid gelabert. Zwei Anrufe später wusste ich, dass du deine Finger im Spiel hast. Bekomme ich ein privates Update?«
»Ganz schlecht im Moment. Ich bin in der Wohnung der Ermordeten und Lena spricht nebenan mit einer Freundin, die hier unangemeldet aufgetaucht ist, um ihr die traurige Nachricht zu überbringen.«
»Na gut, das lasse ich als Ausrede gelten. Irgendwann vor 17 Uhr wäre schick.«
»Ich werde mein Möglichstes versuchen. Nur eines vorab: Es dürfte brisant werden, du musst meine Worte auf die Goldwaage legen.«
»So, und jetzt platze ich endgültig vor Neugierde. Bis später.«
Ich hatte kaum das Handy eingesteckt, als Lena mit der jungen Frau, die blass war, zurückkam. Ich deutete auf das blaue Sofa, blieb auf dem mäßig bequemen Schreibtischstuhl sitzen und schaute Lena an.
»Frau Gashi und Frau Diab kennen einander seit etwas über zwei Jahren. Sie haben sich auf der Kunstakademie kennengelernt.«
»Mein Beileid, Frau Gashi. Sie waren eng befreundet, oder?«
Sie blickte mich verwundert an, nickte aber. »Ich kann jetzt nicht darüber sprechen.«
»Frau Gashi, wir suchen einen Mörder, jemand, der Ihre Freundin gezielt getötet hat.
