Siegmunds Rache - Thomas Michael Glaw - E-Book
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Thomas Michael Glaw

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Beschreibung

»Wenn an einem sonnigen Samstagmorgen Kollege Uzman vor meinem Haus steht, schwant mir Übles.« Ein toter Industrieller in einer Bogenhausener Villa, ein nackter junger Mann unter Drogen - ein ruiniertes Wochenende für Kriminalrat Benedict Schönheit. Kamen die Mörder aus Münchens Halbwelt, ist ein betrogener Anleger ausgerastet oder gab es doch ganz andere Gründe, wegen denen Andy Grashammer sterben musste?

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Thomas Michael Glaw

Siegmunds Rache

Benedict Schönheits fünfter Fall

Für meine geduldige und kritische Doro.

Herzlichen Dank meinen Lektoren Vivian Hemm und

Wolfgang Sauer für die Durchsicht des Manuskripts,

sowie meinem Freund Nicolas Chantier, der meinem Französisch auf die Sprünge geholfen hat.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über http://dnb.de abrufbar

1. Auflage

Lubahn + Glaw Verlag GbR – Mediathoughts

Copyright 2020 Lubahn + Glaw Verlag GbR – Mediathoughts

ISBN: 978-3-947724-17-8

Alles geben die Götter, die unendlichen,

Ihren Lieblingen ganz,

Alle Freuden, die unendlichen,

Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.

Johann Wolfgang von Goethe

In einem Brief an Auguste zu Stolberg vom 17.7.1777

Andreas Grashammer hat sein Blatt überreizt.

Monika Bleibtreu weiß mehr, als sie sagt.

Felix von Werdenfels ist abgestürzt. Nur warum?

Christian Telemann spielt Cello und eine nicht unwichtige Nebenrolle.

Johannes von Werdenfels hat viel gewonnen und alles verloren.

Alexander Gruber ist ein Steirer in Wien – und ein Kieberer.

Slobodan Dragovic will alles und erhält nichts.

Darian Horvat ist ein treuer Knecht seines Meisters.

Ian Doyle liegt nackt im Himmelbett.

Kriminalmeisterin Lena van Megeren und Kommissar Adil Uzman kommen einander näher

und Kriminalrat Benedict Schönheit reist nach Wien, nicht nur, um seine Schwester zu besuchen.

Samstag

Die Sonne bahnte sich ihren Weg durch meine Vorhänge, von Leichen war nichts zu sehen.

Martina war nach Niederbayern gefahren, ihre Mutter feierte einen runden Geburtstag. Ihr Duft hing im Kissen, das machte es nicht einfacher. Auf dem Weg zur Küche, um den obligatorischen Espresso zuzubereiten, fiel ich über meine Laufschuhe. Kurz vor neun.

Ich bereute die Idee zwanzig Minuten später im Englischen Garten, denn ich hatte seit über einem Monat keine Runde mehr gedreht. Ein Außenband im linken Knie war für diese Pause verantwortlich, Rotwein und gutes Essen womöglich für mein Seitenstechen. Oder war es das Alter? Ich riss mich zusammen und legte zum Ende hin ein wenig an Geschwindigkeit zu, um vor den Nachbarn zu glänzen.

Als ich um die Ecke kam, stand ein dunkelblauer BMW in zweiter Reihe vor dem Eingang zu meiner bescheidenen Hütte und daran lehnte, lässig wie immer, Kriminalkommissar Adil Uzman.

»Hawaii, Bene? Ironman?«

»Für den Fall, dass es dir entgangen ist: Heute ist Samstag. Nette Idee mit dem Dienstwagen, aber ich habe nicht die Absicht, ins Büro zu fahren.«

Meistens fuhr ich ohnehin mit dem Fahrrad und in den letzten Wochen hätte ich es mir komplett sparen können. München war sicherer denn je.

»Ich habe nicht vor, dich ins Büro zu kutschieren.«

»Sag bloß ...«

»Doch, Bene. Eine Haushälterin hat vor einer halben Stunde ihren Arbeitgeber, einen gewissen Andreas Grashammer, tot in seinem Wohnzimmer gefunden.«

»Andreas Grashammer? Der Andy Grashammer?«

»Genau der.«

Andreas Grashammer hatte sich in den letzten Jahren in München als Risikoinvestor, auf neudeutsch ›Venture Capitalist‹, und als Partylöwe einen Namen gemacht.

»Und die Kollegen vor Ort gehen von Mord aus?«

»Er hat zwei Einschusslöcher in der Brust.«

»Komm mit hoch, ich brauche einen Espresso und eine schnelle Dusche.«

»Und der Wagen?«

»Stell ihn auf die andere Straßenseite und leg die Kelle aufs Armaturenbrett.«

Als ich aus der Dusche kam, hatte Adil sich an meiner Moka bedient und stand vor dem Bücherschrank.

»Klaus hat angerufen. Wir sollen uns beeilen. Sie haben im Bett von Herrn Grashammer eine weitere Leiche gefunden.«

Ich goss mir einen Espresso ein, rubbelte mein Haar trocken, zog eine dunkelblaue Hose und ein weißes Hemd an, ließ mich aufs Sofa fallen, und trank den Kaffee in einem langen Zug. So hatte ich mir das Wochenende nicht vorgestellt. Wir stellten unsere Tassen in die Küche und fuhren kurz darauf mit Blaulicht dahin, wo in München die besseren Kreise wohnten: nach Alt-Bogenhausen.

In einer Straße, wo man sein Leben hinter hohen, schmiedeeisernen Zäunen, dichten Hecken und alten Bäumen lebte, war, zum Ärger der Nachbarn, alles von Einsatzfahrzeugen zugeparkt. Wir schlossen uns den Kollegen an und liefen eine gepflasterte Auffahrt zum Haus hinauf. Am Eingang hielt uns einer von Schreyers Leuten zwei Plastikpäckchen hin:

»Ohne Overall geht hier nichts.«

Wir zwängten uns in die weißen Plastikhäute und betraten eine Halle, die von einer eleganten, gewundenen Treppe dominiert wurde. Klaus erschien und winkte uns zu sich.

»Das hat aber gedauert.«

»Es ist, nein, war mein freier Tag, Herr Kollege. Adil musste meine Rückkehr aus dem Park abwarten. Ich pflege nicht mit Handy zu laufen. Und jetzt bitte die Kurzfassung.«

»Du hast aber eine Laune!«

Ich sah ihn erwartungsvoll an und er bedeutete uns, ihm zu folgen. Wir durchschritten die große Eingangshalle und betraten durch eine doppelflügelige Tür einen weiträumigen Wohnraum. Auf dem glänzenden Parkett lag ein Mann, den ich auf Ende dreißig schätzte. Sein weißes Hemd wies, da wo das Herz sitzt, einen großen Blutfleck auf. Er war wohl hier erschossen worden, denn die KTU hatte hinter dem Toten eine dreieckige Fläche markiert, auf der sich Blutspuren befanden. Neben dem Körper kniete Dr. Orthuber, der sich in diesem Moment erhob.

»Morgen, Herr Schönheit, auch schon da?«

»Ich war dabei, in mein Wochenendhaus im Tessin aufzubrechen, Herr Doktor. Ist das Herr Grashammer?«

Orthuber nickte.

»Wo ist der andere Tote?«

»Welcher andere Tote?«

»Die Kollegen sprachen von einer weiteren Leiche im Bett von Herrn Grashammer.«

»Sie meinen den nackten jungen Mann in dieser vermeintlichen Liebeshöhle im ersten Stock.«

Ich sah ihn entgeistert an.

»Die KTU hat die Szene fotografiert, wenn Sie sich dafür interessieren. Den Knaben hatte jemand vermutlich unter Drogen gesetzt. Die Herzfrequenz war niedrig und extrem verlangsamt, er wies Untertemperatur auf. Wahrscheinlich wäre er im Verlauf des Vormittags gestorben, wenn ich nicht interveniert hätte. Ich hielt die lebenserhaltenden Maßnahmen für wichtiger als Ihren Augenschein, deshalb habe ich ihn schnellstmöglich ins Klinikum rechts der Isar bringen lassen.«

Mir schwirrte der Kopf. »Die ersten Einsatzkräfte hielten den Mann für tot?«

»Ja, deshalb riefen sie nicht den Rettungsdienst. Erst meine Wenigkeit erkannte, dass er noch nicht auf die kalten Edelstahltische meiner Profession gehört.«

Orthuber war allem Anschein nach mit sich zufrieden.

»Und was haben wir hier?«

»Andreas Grashammer, vierzig Jahre alt und gesund. Wenn ihn diese zwei Kugeln nicht ins Herz getroffen hätten, wäre er etliche Jahre älter geworden.«

»Direkt ins Herz?«

»Der Schütze wusste, was er tat.«

»Sind Sie sicher, dass es ein Mann war?«, warf Adil ein.

»Herr Uzman, verschonen Sie mich bitte mit Ihren Anmerkungen zur gegenderten Sprache. Ich bin zu alt und zu sprachbewusst dafür. Natürlich kann es auch eine Frau gewesen sein, das wissen Sie so gut wie ich.«

»Ungefährer Todeszeitpunkt?«

»Sie sind ja heute so kurz angebunden, lieber Herr Schönheit.« Die Ironie troff förmlich aus Orthubers Worten.

»Sie wissen ja, das Tessin.«

»Natürlich, ich vergaß. Ich würde sagen, vor fünf bis sechs Stunden.«

»Also, zwischen vier und fünf heute Morgen.«

»Genaueres kann ich Ihnen erst nach der Obduktion sagen.«

»Haben wir etwas zur Waffe?«, fragte ich Klaus.

»Kleines Kaliber, vermutlich 7,65 Millimeter.« Die Antwort kam von Peter Schreyer, dem baumlangen Chef unserer Kriminaltechnik.

»Eines der beiden Geschosse steckte im Rahmen dieses Machwerks.« Er deutete auf ein etwa zwei mal zwei Meter großes Kunstwerk, das hauptsächlich aus Klecksen zu bestehen schien.

»Könnte ein Jackson Pollock sein«, meinte Dr. Orthuber. »Dafür müssten wir beide sehr lange arbeiten.«

»Haben Sie die zweite Kugel schon gefunden?«, fragte ich Schreyer.

Der schüttelte den Kopf.

»Ich vermute, die hat die Wirbelsäule getroffen und steckt im Körper.«

»Da dürfte er Recht haben«, meinte Dr. Orthuber und zu Schreyer gewandt: »Ihre anatomischen Kenntnisse verblüffen mich immer wieder.«

Schreyer grinste und ging zurück zu seinen Mitarbeitern.

Ich nahm langsam die Umgebung genauer wahr. Ein großer Raum. Ein halbes Dutzend großformatiger abstrakter Gemälde, zwei ausladende Sofas, mehrere Sessel, in Gruppen zusammengestellt. Auf kleinen Tischen standen Sektkühler mit Flaschen darin, Gläser waren im ganzen Raum verteilt. Ein Hauch von kaltem Zigarrenrauch hing über allem, vermischt mit dem metallischen Geruch geronnenen Blutes. Der Täter hatte ein kleines Kaliber benutzt und zwei Kugeln präzise ins Herz geschossen. Das sprach für einen Profi, oder zumindest für jemand, der wusste, was er mit seiner Waffe tat.

»Haben wir die Hülsen?«, rief ich Schreyer hinterher.

Er drehte sich um und schüttelte den Kopf.

»Wer hat ihn gefunden?«

»Die Haushälterin«, sagte Klaus.

»Und wo finde ich die?«

»In der Küche.«

»Wo ist übrigens Lena?«

Lena van Megeren war vor zwei Monaten zu unserem Team gestoßen, als wir an einem Mord im Nationaltheater ermittelten.

»Wir können sie nicht erreichen«, meinte Klaus. »Möglicherweise ist sie ja in deiner Villa im Tessin.«

Ich würdigte ihn keines Blickes.

»Und wo ist die Küche?«

Kurz darauf saß ich in einem großen, lichten Raum einer älteren Frau gegenüber, die sich verzweifelt an einer Kaffeetasse festhielt.

»Hätten Sie gerne einen Kaffee?«

Bevor ich antworten konnte, stand sie auf und goss mir aus einer Kanne eine Tasse ein. Erstaunlicherweise roch das Gebräu nach Kaffee.

»Schauen Sie nicht so skeptisch, Herr Kommissar. Herr Grashammer war bei den leiblichen Genüssen wählerisch.«

»Wie meinen Sie das, Frau ...?«

»Grabowski. Wie ich es gesagt habe. Er wusste, was er mochte. Dieser Kaffee kommt aus Äthiopien.«

Ich trank einen Schluck.

»Sie sagten, bei leiblichen Genüssen. Wie darf ich das verstehen?«

»Ich bin hier die Haushälterin, Herr Kommissar. Andreas Grashammer war ein netter Mann. Ich habe gerne für ihn gearbeitet. Er interessierte sich für mein Leben, fragte nach meinem Mann, meinen Kindern.« Sie schaute von ihrer Kaffeetasse auf. »Bei Männern in seiner Position ist das alles andere als normal. Die meisten würden unsereinen nicht einmal auf der Straße wiedererkennen. Er schon.«

»Die leiblichen Genüsse, Frau Grabowski.«

»Er war wählerisch und er hatte genaue Vorstellungen.«

»Auch bei Frauen?«

Ihr Gesicht wurde ausdruckslos. »Davon weiß ich nichts.«

»Wissen Sie, was hier gestern los war?«

»Herr Grashammer hat, wenn er in München war, oft am Freitagabend Freunde mit nach Hause gebracht.«

»Und dann?«

»Herr Kommissar, ich komme am Samstagmorgen, um zu putzen und aufzuräumen, mehr nicht. Ich habe keine Ahnung, was in den Nächten passierte.«

»Als Sie heute Morgen hierher kamen, war irgendetwas anders?«

»Nein. Die Tür war verschlossen, ich habe meine eigenen Schlüssel. In der Eingangshalle war alles wie immer, erst als ich ins Wohnzimmer kam, lag er da.«

Sie holte tief Luft, konnte jedoch die Tränen nicht zurückhalten. Ich leerte meine Kaffeetasse und wartete, bis sie sich wieder gefasst hatte.

»Er lag da, gefällt wie ein Baum. Ich stand ein paar Minuten da und starrte seine Leiche an. Dann habe ich auf dem Absatz kehrtgemacht und die Polizei angerufen.«

»Sie sind nicht nach oben gegangen?«

»Nein.«

»Wenn Sie für gewöhnlich am Samstagmorgen kamen, war Herr Grashammer allein?«

»Es ist ein- oder zweimal vorgekommen, dass jemand auf dem Sofa seinen Rausch ausgeschlafen hat.«

»Auch im Schlafzimmer Ihres Arbeitgebers?«

»Warum ist das wichtig?«

»Wir haben in seinem Bett einen nackten Mann gefunden.«

»Einen nackten Mann?«

»Ja.«

»Ich glaube nicht, dass Herr Grashammer schwul war.«

»Sie glauben?«

»Ich habe bei Empfängen hier im Haus das Personal beaufsichtigt. Ich habe seine Reaktionen auf Frauen gesehen. Auf junge, attraktive Frauen. Er hat sie förmlich mit den Augen ausgezogen.«

»Also waren ab und zu Frauen am Samstagmorgen da?«

Sie schwieg.

»Frau Grabowski, dies scheint mir der falsche Moment für Diskretion zu sein. Wir suchen einen Mörder.«

Sie blickte auf. »Oder eine Mörderin?«

»Oder eine Mörderin.«

»Ich kenne keine Namen. Aber es stimmt. Ab und an ...«

»Ab und an?«

»... kam mir eine nackte Schönheit auf der Treppe entgegen. Und hat sich über meinen entsetzten Gesichtsausdruck amüsiert. Schamlos, wenn Sie mich fragen.«

»Heute Morgen ist Ihnen nichts Besonderes aufgefallen?«

»Nein. Auf den ersten Blick war alles so dreckig wie immer. Auf den zweiten war Herr Grashammer tot.«

»Vielen Dank, Frau Grabowski. Einer meiner Mitarbeiter wird ein kurzes Protokoll mit Ihnen aufnehmen und dann können Sie nach Hause gehen.«

»Und was passiert mit der ganzen Unordnung hier?«

»Unsere Techniker werden das genau untersuchen und dann das Haus versiegeln. Ich denke, die Unordnung ist nicht mehr Ihr Problem.«

Als ich aufstand, betrat Adil die Küche und ich bat ihn, dafür zu sorgen, dass die Aussage der Haushälterin aufgenommen wird. Im Wohnzimmer herrschte immer noch geschäftiges Treiben. Ich winkte Schreyer zu mir.

»Irgendetwas Konstruktives?«

»Genügend Fingerabdrücke, um eine Datenbank damit zu bestücken. Die Sicherheitskameras waren ausgeschaltet, dafür haben wir einen echt heißen Safe in seinem Arbeitszimmer.«

»Und wo befindet sich das?«

»Ich zeige es Ihnen.«

Andy Grashammers Arbeitszimmer hatte die Größe meiner Wohnung. Parkett, ein leerer Schreibtisch, ein gläserner Besprechungstisch mit sechs Stühlen. An den Wänden moderne Grafik, interessanterweise nichts Abstraktes. Kaum hatte ich ein Gefühl für den Tatort entwickelt, tönte es hinter mir:

»Was haben Sie bis jetzt?«

Kriminaloberrat Theiss war eingetroffen.

»Sie hier am Samstag?«

»Lassen Sie den Unsinn, Herr Schönheit. Ich hatte vor einer halben Stunde den Präsidenten und gleich danach einen Staatssekretär vom Innenministerium am Telefon.«

»Wir haben einen toten Mann, einen fast toten Jüngling und eine betroffene Haushälterin.«

»Wollen Sie mich verarschen?«

»Warum übernehmen Sie nicht die Ermittlungen, Herr Theiss? Ich hatte mir meinen Samstag sowieso anders vorgestellt.«

»Kommen Sie mit.«

Wir waren in den Garten vor der Villa gegangen und Theiss senkte seine Stimme verschwörerisch.

»Wissen Sie, um wen es hier geht?«

»Um einen gewissen Andreas Grashammer.«

»Herr Schönheit, bitte. Wissen Sie, wer der Mann war?«

»Investor, Lebemann, Mensch?«

»Bitte verschonen Sie mich mit Ihren humanistischen Anwandlungen. Grashammer ist der CEO der 10.6m AG.«

Ich sah ihn erwartungsvoll an.

»Nie gehört? Die Firma steht kurz vor dem Durchbruch in der Batterietechnologie. Das ist enorm wichtig für den Industriestandort Bayern«.

Daher wehte also der Wind.

»Und wie soll uns das bei den Ermittlungen helfen?«

»Es soll Ihnen als Warnung dienen, Schönheit. An diesem Mord sind die höchsten Kreise interessiert, hier können Karrieren geschaffen oder beendet werden. Haben Sie mich verstanden?«

»Aber gewiss doch.«

Ich drehte mich abrupt um und ging zurück ins Haus.

Schreyer lehnte an einer Säule und sah mich lächelnd an: »Sturm vorbei?«

»Ich befürchte, der Sturm baut sich auf.«

»Soll ich Ihnen jetzt den Safe zeigen?«

»Bitte.«

Der Safe passte in den Dimensionen zum Raum. Freistehend, gut zwei Kubikmeter groß.

»Wer stellt sich denn so etwas in sein Arbeitszimmer?«

»Jemand, der einen hohen Schutzbedarf hat. Mich beeindruckt mehr, dass sein Statiker keinen Einspruch erhoben und die Decke gehalten hat.«

»Warum?«

»Ich schätze, das Teil wiegt etwa eine Tonne.«

»Bitte?«

»Tresore dieser Schutzklasse, und unsere Leute gehen von 6KB aus, werden innen mit Beton verfüllt, haben einen Kronbohrschutz und sind nur sehr schwierig zu öffnen.« Er lächelte verschmitzt. »Außer man hat die Kombination.«

»Ist das ein elektronisches Schloss?«

Schreyer nickte.

»Warum kann man nicht einfach sämtliche Kombinationen durchprobieren?«

»Das würde Ewigkeiten dauern. Tresore dieser Sicherheitsklasse sperren den Zugang nach einer definierten Zahl von fehlerhaften Eingaben für eine gewisse Zeit.«

»Dann sollten wir jemand finden, der die Kombination kennt.«

»Das wäre extrem hilfreich, Herr Schönheit. Alternativ müssten wir das LKA um Hilfe bitten, die haben den einen oder anderen Experten an der Hand.«

Ich ließ Schreyer stehen und sah mich im Obergeschoss um. Adil kam mir aus einem Zimmer entgegen und winkte mich zu sich.

»Das ist das Schlafzimmer, hier haben sie den anderen Mann gefunden.«

»Haben wir irgendwelche Informationen zu ihm?«

Adil trat ans Fenster, vor dem ein antiker Sekretär stand, auf dem Plastiktüten mit Kleidungsstücken lagen.

»Die Kleidung dürfte dem Mann gehören«, meinte er. Er hob einen Asservatenbeutel hoch. »Zumindest passt das Bild in diesem Presseausweis zu den Fotos, die die KTU von ihm gemacht hat, bevor er ins Krankenhaus abtransportiert wurde.«

Ein internationaler Presseausweis auf den Namen Ian Doyle.

»Haben wir sonst etwas zu Herrn Doyle?«

Adil schüttelte den Kopf.

»Wir versuchen, die Informationen, die im Moment hereinkommen, zu kanalisieren, Bene. Wir können frühestens heute Nachmittag damit beginnen, genauer nachzuforschen.«

»Haben wir Informationen zu den Gästen der Party?«

»Wenn sich die Leute nicht freiwillig melden, oder Herr Doyle uns etwas erzählt, haben wir nichts. Die Kameras waren ausgeschaltet.«

»Habt ihr mit den Nachbarn gesprochen?«

»Klaus und ich haben nur zwei Köpfe und vier Hände.«

»Sorry.«

Ich ging die Treppe hinunter zurück in die Halle, wo Theiss mit Dr. Orthuber sprach.

»Das ist mir egal, Herr Theiss«, hörte ich Orthuber sagen. »Und wenn der Ministerpräsident persönlich bei mir anruft. Wir können nicht hexen und wir werden das alles mit der notwendigen Gründlichkeit bearbeiten. Guten Tag.«

Immerhin nickte er mir zu, als er aus dem Haus stürmte.

»Herr Schönheit!«

»Lassen Sie uns doch einen Moment plaudern, Herr Theiss.«

Er sah mich verblüfft an.

Als Klaus vorbei lief, ergriff ich ihn beim Ärmel und sagte: »Schnapp dir ein paar Leute und befragt die Nachbarn. Vielleicht hat jemand etwas gehört, sich über den Lärm geärgert, ein Autokennzeichen notiert. Wir sind ja in Deutschland.«

Ich ging mit Theiss zur Auffahrt vor dem Haus.

»Herr Theiss, bei allem Respekt, entweder Sie lassen mich hier meine Arbeit machen, oder Sie geben den Fall jemand anderem.«

»Was erlauben Sie sich!«

Ich sah ihn ruhig an. Auf seinem Gesicht waren rote Flecken und er bebte förmlich.

»Herr Theiss, egal, wie wichtig Herr Grashammer war oder ist, das ist polizeiliche Ermittlungsarbeit. Wir müssen ruhig und methodisch vorgehen, das wissen Sie genauso gut wie ich. Wir brauchen Zeit, um die Wahrheit herauszufinden.«

Der Kies knirschte unter seinen Füßen, als er sich abrupt umdrehte und zu einem Beet mit üppig blühenden Azaleen ging. Er blieb stehen und schien ein paar Mal tief Luft zu holen. Dann drehte er sich um.

»Sie haben ja Recht«, meinte er. »Tut mir leid. Aber Sie können sich nicht vorstellen, was heute Morgen bei mir los war.«

»Wenn der Typ so wichtig ist, wie Sie sagen, kann ich mir das sehr wohl vorstellen, Herr Theiss. Wir werden weder heute noch morgen einen Mörder aus dem Hut zaubern, aber wir tun alles Menschenmögliche, um den Täter oder die Täterin zu fassen.«

Er schloss kurz die Augen, dann schien er sich wieder gefasst zu haben.

»Danke.«

Ich ging zurück ins Haus, als sich mein Handy meldete.

»Seid ihr an dem Grashammer Fall dran?«

»Wo bist du, Lena?«

»In einer Hütte im Pitztal.«

»Und da hast du Netz?«

»Die Ösies kriegen hin, wovon die Telekom bei uns träumt. Der Mord ist die Sensation auf allen Kanälen. Bist du vor Ort?«

»Ja, bin ich. Beweg deinen süßen Hintern nach München. Ich brauche dich hier.«

»Das war der pure Sexismus!«

»Von mir aus. Wenn du hier eine Zukunft haben willst, dann schau, dass du zurückkommst. Klar?«

»So schlimm?«

»Ja.«

»Adil!«

»Ja doch.«

»Was wissen wir über den Toten?«

»Alles, was jeder mit einem Smartphone herausbringen kann. Er war ein Investor, der in neue Technologien investiert hat. Diese 10.6m AG ist dabei, eine Batterie mit extrem langer Laufzeit und Haltbarkeit zu entwickeln.«

»10.6 m?«

»Ja, die Batterie sollte angeblich eine Million Meilen halten.«

»Und er hat das Teil erfunden?«

»Er hat die Firma finanziert.«

»Und wessen Idee ist diese Wunderbatterie?«

»Bene, ich habe nur schnell im Internet recherchiert. Beim K 7 geht niemand ans Telefon.«

Das K 7 sitzt in München Neuperlach und befasst sich mit Wirtschaftskriminalität.

»Das technische Genie hinter der Firma ist ein gewisser Felix von Werdenfels. Er ist Physiker und forscht in verschiedenen Bereichen. Die 10.6m AG beruht auf einer seiner Ideen. Grashammer ist der Geldgeber oder vielmehr der Geldsammler.«

»Sammler?«

»Venture Capitalists, und genau das war unser Toter, bringen primär reiche Leute zusammen, die Wagniskapital in neue Technologien investieren.«

»Weißt du, wo die Firma sitzt?«

»In Ottobrunn, aber da erreichen wir nur den Sicherheitsdienst. Wohin ist denn überhaupt Klaus verschwunden?«

»Er befragt zusammen mit ein paar Beamten die Nachbarn.«

Ein uniformierter Kollege betrat den Raum, schaute sich um und kam zu mir.

»Draußen steht eine Frau, die behauptet, sie sei die persönliche Assistentin von Herrn Grashammer.«

»Dann sollten wir mit ihr sprechen.«

Auf der steinernen Umrandung der Auffahrt saß eine Blondine in einem kurzen, blauen Rock, weißer Bluse und hochhackigen, roten Schuhen.

»Kriminalrat Benedict Schönheit«, stellte ich mich vor.

»Ehrlich?«

»Wie ehrlich?«

»Sie heißen Schönheit?«

»Ja.«

»Ich bin Monika Bleibtreu.«

Ich musste grinsen. »Auch ein schöner Name.«

»Nicht wahr?«

Ihr Lächeln war umwerfend. Gut, dass Martina in Passau war.

»Ich bin Executive Assistant, wie das heute heißt, von Andy Grashammer.«

»Dann können Sie uns sicher ein wenig mehr zu ihm erzählen.«

»Ist er tatsächlich ermordet worden?«

»Wenn Sie es für sich behalten: Zwei Kugeln durch die Brust haben meist unangenehme Nebenwirkungen.«

Sie bewahrte ihre Fassung.

»Ist dieser Humor berufsbedingt?«

»Vermutlich. Ich weiß nicht, was mein Vater dazu sagen würde.«

»Ihr Vater?«

»Papa ist Psychiater.«

»Müssen wir uns hier unterhalten?«

»Im Haus sind die Kriminaltechniker zu Gange.«

»Könnten wir auf die Terrasse hinter dem Haus gehen?«

»Die hatte ich noch gar nicht bemerkt.«

»Folgen Sie mir unauffällig.«

Wir bahnten uns einen Weg durch Azaleen und Rhododendren hinter das Haus, wo sich eine große Terrasse befand.

»Sie dürfen doch ins Haus, oder?«

»Ich leite die Ermittlungen.«

Sie trat zu einer Glastür, hinter der ein KTU Mitarbeiter Fingerabdrücke abnahm, und klopfte. Der Beamte schaute hoch, sah mich, und öffnete die Tür.

»Wunderbar.«

Sie wandte sich mir zu.

»Wissen Sie, wie man eine Espressomaschine bedient?«

»Persönlich bevorzuge ich eine Moka, aber ich denke schon.«

»Die Küche ist dort drüben. Ich könnte für einen Espresso sterben. In der Zwischenzeit schaue ich, ob ich die Polster zu diesen Stühlen finde.«

Die Dame wusste, was sie wollte.

In der Küche stand eine Siebträgermaschine vom Feinsten, die sogar eingeschaltet war. Kurz darauf balancierte ich zwei Tassen auf die Terrasse.

»Brauchen Sie Zucker?«

Sie schüttelte den Kopf.

Die Dame wurde mir immer sympathischer. Außerdem hatte sie die Polster für die Gartenstühle aufgetrieben. Wir tranken beide unseren Espresso schweigend und genossen die Septembersonne.

»Womit hat Herr Grashammer sein Geld verdient?«

»Mit dem Geld anderer Leute.«

»Bitte?«

»Andy war CEO von Ten Six, aber die Firma dürfte sowieso den Bach runter gehen. In den letzten Jahren hat er mehr als ein Dutzend verschiedene Venture Capital Projekte aufgesetzt und durchgezogen.«

»Ten Six?«

»Die zehn hoch sechs m AG. Die hat er zusammen mit Felix von Werdenfels gegründet. Felix hatte die technischen Ideen und Andy hat die Kohle besorgt.«

Sie sah mich an.

»Richtig viel Kohle.«

»Kann man das in Zahlen fassen?«

»Dreißig Millionen.«

»Und warum geht die Firma wahrscheinlich den Bach runter?«

»Weil Felix nicht geliefert hat.«

Sie biss sich auf die Lippe.

»Und auch nicht mehr liefern wird.«

»Wie darf ich das verstehen?«

»Er ist vor knapp zwei Wochen mit dem Flugzeug abgestürzt.«

»Davon habe ich gar nichts gehört.«

»Die Presse hat nicht groß darüber berichtet. Felix und sein Vater hatten eine Privatmaschine. Irgendeinen Oldtimer. Und mit dem ist er in der Nähe von Lenggries abgestürzt.«

»Und was meinen Sie mit ›Er habe nicht geliefert‹?«

»Die Firma entwickelt eine neuartige Batterietechnologie. Ein kobaltfreier Akku mit extrem hoher Energiedichte und einer hybriden Anode. Nach den technischen Details dürfen Sie mich nicht fragen, ich kann Ihnen am Montag gerne einen unserer Ingenieure vorstellen.«

»Und warum hätte die Batterie so etwas Besonderes dargestellt?«

»Weil sie sehr lange hält, eben die berühmten 1 000 000 Meilen, auf die der Firmennamen anspielt, weil sie ressourcenschonend ist und weil ein Auto damit 1000 km weit fährt.«

»Das wäre für den Industriestandort Bayern ...«

Sie lachte: »Lassen Sie die bayerische Staatsregierung besser außen vor. Ausgenommen Sie wollen einen Heißluftballon befüllen.«

»So viel heiße Luft?«

»Andy war nicht gut auf die Damen und Herren zu sprechen. Ankündigungsminister nannte er ... na, Sie wissen schon wen.«

»Das mit der Batterie hat nicht geklappt?«

»Ich kenne die Details nicht. Entweder hätte es viel länger gedauert als geplant, oder Felix hatte einen Fehler begangen. Die Investoren wurden nervös.«

»Mochten Sie Felix?«

»Felix war süß. Ein echter Gentleman. Ganz alter Adel und so.«

»Und Ihr Chef?«

»Andy? Der hat nichts anbrennen lassen. Bei niemand.«

»War er schwul?«

»Sie machen Scherze! Wenn der einen kurzen Rock sah, fing er an zu hecheln.«

»Hat er bei Ihnen auch gehechelt?«

»Nach meinem Bewerbungsgespräch hat er mir unter den Rock gegriffen.«

Ich sah sie gespannt an, aber sie schwieg.

»Und dann?«

»Habe ich ihm einen Eisbeutel geholt und war eingestellt.«

Mein Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

»Sein wertvollstes ›asset‹, wie er zu sagen pflegte, hatte Bekanntschaft mit meinem Knie gemacht.«

Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.

»Wie lange arbeiten Sie für ihn?«

»Etwas über drei Jahre.«

»Und wo genau sind Sie angestellt?«

»Bei der Grashammer Asset Management AG in Liechtenstein.«

»Darf ich Sie etwas Persönliches fragen?«

»Fragen können Sie.«

»Warum haben Sie für diesen Typen gearbeitet?«

»Weil er wahnsinnig nett sein konnte, weil er mehr Mumm hatte als 90% der anderen Deppen und«, sie setzte wieder ihr schönstes Lächeln auf, »weil er verdammt gut zahlte.«

Adil und Klaus kamen um die Ecke.

»Hier steckst du also.«

»Darf ich vorstellen: die Kommissare Adil Uzman und Klaus Brunner. Das ist Monika Bleibtreu, die ... was war das doch gleich?«

»Executive Assistant«

»... von Andreas Grashammer.«

»Dann wissen Sie sicher die Kombination zu diesem Monstrum von Safe in seinem Arbeitszimmer«, meinte Adil.

Da war es wieder, das Lächeln.

»Tut mir leid, Herr Kommissar, aber die hatte nur der Chef. Und wenn stimmt, was Ihr Chef mir gesagt hat, dann hat er sie mit ins Grab genommen.«

»Ist Schreyer schon weg?«

»Nein, aber sie packen zusammen.«

»Wie geht das jetzt weiter?«, fragte Frau Bleibtreu.

»Die Villa wird versiegelt und wir versuchen herauszufinden, wer Ihren Chef ins Jenseits befördert hat.«

Klaus fiel die Kinnlade runter ob meiner Wortwahl.

»Die Liste der Verdächtigen dürfte lang sein.«

Ich sah sie interessiert an.

»Warum sagen Sie das?«

»Gehörnte Ehemänner, eifersüchtige Freunde, Investoren, die leer ausgegangen sind ... Andy hat gerne gespielt und ungern verloren. Damit macht man sich keine Freunde.«

»Könnte es mit dem derzeitigen Projekt zu tun haben?«

»Herr Schönheit, Menschen wie Andy vertrauen niemandem. Ich kann Ihnen einiges zu seinen Geschäften sagen, sofern ich von meiner NDA entbunden werde ...«

»NDA?«

»Non Disclosure Agreement. Eine Geheimhaltungsvereinbarung. Die wichtigen finanziellen Details kenne ich allerdings nicht, da müssten Sie mit den Leuten in Liechtenstein reden. Und ich befürchte ...«

»... die zeigen uns die kalte Schulter«, meinte Adil.

»Sagt Ihr bitte Schreyer Bescheid, dass ich mit ihm sprechen muss? Ich komme gleich.«

Als sie um die Hausecke verschwunden waren, meinte ich zu Monika Bleibtreu: »Vielen Dank für Ihre Offenheit. Wie erreiche ich Sie, wenn ich weitere Fragen habe?«

Sie zog eine Visitenkarte aus einer kleinen Handtasche und schrieb mit einem Füllfederhalter eine Telefonnummer auf die Rückseite.

»Das ist mein privates Handy. Für den Fall, dass die Firmenhandys demnächst abgeschaltet werden.«

Nachdem ich ihr meine Visitenkarte gegeben hatte, spazierten wir den schmalen Weg zur Vorderseite des Hauses zurück. Dabei kam mir eine Idee.

»Kennen Sie zufällig einen Ian Doyle?«

»Ja, sicher. Warum fragen Sie?«

Ich blieb abrupt stehen.

»Was wissen Sie über ihn?«

»Er ist freier Journalist, allerdings ziemlich hochkarätig. Arbeitet für den Economist, die Financial Times und das Wall Street Journal. Außerdem ist er Teil der Partyszene, in der sich Andy in München bewegte. Warum fragen Sie?«

»Er war gestern auf der Party hier im Haus. Wissen Sie zufällig, wer da sonst war?«

Sie schüttelte den Kopf. »Andy hat oft am Freitagabend ein paar Leute vom Club nach Hause eingeladen. Irgendeine Dame ist dann meistens bis zum Frühstück geblieben. Da habe ich keine Ahnung. Unser Verhältnis war, im Anschluss an diese erste Begegnung der anderen Art, immer freundschaftlich und geschäftsmäßig. Ich organisierte ihm alles, was er brauchte, aber ich habe nicht mit ihm geschlafen. Wenn Sie wissen, dass Ian hier war, dann stellen Sie ihm doch diese Frage.«

»Das werden wir.«

»Bene.«

»Gleich, Klaus.«

Schreyer war im Aufbruch.

»Herr Schreyer?«

»Was darf ich denn für Euer Durchlaucht noch tun?«

»Einen kleinen Gefallen, verehrter Herr Kollege. Gleichen Sie bitte das Sammelsurium an Fingerabdrücken mit sämtlichen Datenbanken ab. Ich weiß, das ist eine ziemliche Zumutung, aber Sie haben ja Herrn Theiss’ Gesichtsausdruck gesehen.«

»Wir kümmern uns darum. Sonst noch etwas?«

»Wir müssen diesen Tresor öffnen. Setzen Sie sich mit Ihren Kollegen vom LKA in Verbindung. Die sollen jemand auftreiben, der uns Zugang verschafft, bevor uns irgendwelche Rechtsanwälte dazwischen funken.«

Ich reichte ihm die Hand.

»Wir haben ein Kfz-Kennzeichen«, war das Nächste, was ich hörte.

Klaus stand neben mir und sah aus wie ein Hund, der gerade das Stöckchen apportiert hatte.

»Und woher habt ihr das?«

»Irgendjemand hatte seinen BMW in der Garagenzufahrt eines Nachbarn geparkt. Es war nach 23 Uhr, aber es ärgerte den Anwohner trotzdem - zumal es wohl nicht das erste Mal war.«

»Mit demselben Fahrzeug?«

»Es waren unterschiedliche Autos, aber die Fahrer verschwanden alle in Grashammers Villa.«

»Habt ihr den Halter ermittelt?«

»Es ist ein Firmenwagen, registriert auf die Bank Mendelson.«

»Mit Sitz in Luxemburg.«

»Nein, in München.«

Aus dem Augenwinkel sah ich Frau Bleibtreu, die eine Zigarette geraucht hatte und sich jetzt auf den Weg zu ihrem Auto machte.

»Augenblick, Klaus.«

Ich sprintete Frau Bleibtreu hinterher.

»Wollen Sie mich doch zum Mittagessen einladen?«, meinte sie lächelnd, als ich japsend vor ihr stand.

»Keine schlechte Idee. Zunächst würde mich interessieren, ob Sie jemand von der Bank Mendelson kennen.«

»Klar. Basti Fetzer. Der ist dort der IPO Manager.«

»Danke.«

»Und mein Mittagessen?«

»Sie sind doch eine gute PA, oder?«

Ihr Blick sprach Bände.

»Besorgen Sie uns einen Tisch für zwei im Acquarello für 13:30 Uhr und holen Sie mich in fünf Minuten hier ab.«

Ich deutete einen Handkuss an und trabte zurück zu meinen Mannen.

»Der Fahrer des Wagens dürfte ein gewisser Bastian Fetzer sein. Er ist IPO Manager bei der Bank Mendelson. Was immer ein IPO Manager ist.«

»Er managt den Börsengang von Unternehmen«, meinte Adil. »Vielleicht wollte Grashammer mit der Batteriefirma an die Börse.«

Er schaffte es immer wieder, mich zu verblüffen.

»Passt auf: Findet heraus, wo dieser Herr Fetzer wohnt, und stattet ihm einen Besuch ab. Ich bin sicher, er war gestern auf der Party. Stellt fest, wer noch hier war.«

»Und was machst du?«

»Ich bemühe mich, von dieser netten, jungen Dame weitere Informationen zu ergattern.«

»Bei einem Mittagessen«, murmelte Klaus.

»Köftespieß, meine Freunde. Nur ein Köftespieß. Treffen wir uns doch um vier im Präsidium, um die heutigen Ergebnisse zu diskutieren«.

Vor der Auffahrt stand ein dunkelblaues Cabrio. Ich ließ mich auf den mit weißem Leder bespannten Beifahrersitz fallen und beobachtete die ungläubigen Gesichter meiner beiden Kommissare im Rückspiegel.

»Sie haben das nur für Ihre Kollegen inszeniert.«

»Das würde ich nie, auch wenn ich sie gerne ein wenig überrasche. Nein, ich wollte lediglich angenehme Gesellschaft bei einem leichten Lunch.«

»Passen Sie auf, dass Sie nicht wie Andy klingen.«

Zehn Minuten später betraten wir das Restaurant, wo Frau Bleibtreu mit zwei Küsschen und einem ›Signorina Monika, Piacere!‹ begrüßt wurde. Vor mir gab es eine Verneigung und ein ›Buon giorno, Dottore‹.

Das Restaurant war halb leer, wir waren spät dran für deutsche Verhältnisse. Sobald wir an einem ruhigen Zweiertisch saßen, tauchte ein Kellner auf.

»Salve, Giorgio«, meinte Frau Bleibtreu.

»Ich wusste nicht, dass Sie italienisch sprechen.«

»Nur für den Hausgebrauch. Französisch und Spanisch sind meine Sprachen.«

»Ich empfehle Ihnen das kleine Menü«, meldete sich Giorgio. »Der Steinbutt ist ausgezeichnet.«

Ich sah Frau Bleibtreu an und sie nickte.

»Möchten Sie einen Hauswein?«

»Bringen Sie bitte eine Flasche Greco di Tufo«, meinte ich.

Giorgio sah mich kritisch an: »Ich kenne Sie, Dottore. Sie kommen sonst mit Signorina Martina.«

Ich drohte ihm mit dem Finger.

»Omertà, Giorgio, Omertà.«

Er entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung und einem breiten Grinsen.

Monika Bleibtreu sah mich interessiert an: »Ist das nicht ein wenig teuer für einen Polizeibeamten?«

»Das ist eine Frage der Prioritäten, Frau Bleibtreu. Ich koche gerne und ich esse gerne gut. Dafür fahre ich meistens Fahrrad und besitze nur einen 50 Jahre alten MG, den ich von meinem Vater geerbt habe.«

Kurz darauf stand ein Negroni vor mir und ein Glas Prosecco vor Frau Bleibtreu. Gott sei Dank musste ich heute nicht mehr Auto fahren.

»Man scheint sich hier wirklich an Sie zu erinnern.«

»Das liegt nur an meinen Trinkgeldern.«

Sie lachte. »Sie sind ein merkwürdiger Polizist.«

»Das höre ich nicht zum ersten Mal. Was hat es eigentlich mit diesem Herrn Fetzer auf sich?«

»Das darf ich Ihnen eigentlich nicht sagen.«

»Und uneigentlich?«

»Andy war dabei, mit einem Investor zusammen den Börsengang von Ten Six im SDAX zu planen.«

»Und wer ist dieser Investor?«

»Das ist streng vertraulich. Wenn rauskäme, dass ich Ihnen das erzählt habe, können die mich fristlos kündigen.«

»Und wenn die Firma pleite macht?«

»Stehe ich genauso im Regen, aber ich denke, es wird für das Kernteam eine Regelung zu vernünftigen Konditionen geben.«

»Wann sollte dieser Börsengang stattfinden?«

»Im Frühjahr nächsten Jahres. Die Gerüchteküche brodelt schon.«

Giorgio platzierte einen Teller mit Gnocchi, weißem Spargel und Erbsen vor uns und öffnete die Flasche Greco. Dann flüsterte er: »Möchten Sie vielleicht ein wenig Trüffel darüber?«

Frau Bleibtreu strahlte ihn an und er zog Trüffel und einen Trüffelhobel aus der Tasche.

»Grazie, Giorgio.«

Die nächsten Minuten verbrachten wir schweigend.

»Sie glauben nicht, dass es zu diesem Börsengang kommt?«, meinte ich dann.

»Wie gesagt, ich kenne die Details nicht. Ich habe einmal gehört, wie sich Felix mit Andy über die technische Seite stritt. Ich erinnere mich, dass er Andy sagte, dass ein Durchbruch bis Oktober völlig unrealistisch sei.«

»Welche Auswirkungen hätte das für die Investoren?«

»Das Geld wäre gegebenenfalls futsch oder sie müssten nachschießen – so ist das eben bei Risikokapital. Neun Investitionen floppen und mit der zehnten, die groß rauskommt, macht man das wieder wett.«

»Wenn man genug Geld hat, die Flops auszusitzen.«

»Die meisten Investoren sind Fonds. Unser größter Investor verwaltet 7,4 Billionen US-Dollar.«

»Und die anderen?«

Sie drohte ihm mit dem Finger.

»Herr Schönheit, Herr Schönheit, führen Sie mich nicht in Versuchung.«

Giorgio tauchte wieder auf, servierte den Fisch und schenkte nach.

Als wir fertig waren, fragte ich: »Ich würde mich gerne am Montag in der Firma umsehen.«

»Ich befürchte, da brauchen Sie einen Durchsuchungsbefehl. Das ist das technische Herz des Unternehmens und wenn man in Ottobrunn etwas ernst nimmt, dann ist es Sicherheit. Der Wettbewerb um diese neuen Technologien ist mörderisch, da lässt sich keiner in die Karten schauen.«

»Nicht einmal mit Ihrer Fürsprache?«

Sie schüttelte bedauernd den Kopf.

»Gibt es jemand, mit dem ich ›off the record‹ sprechen könnte?«

Sie dachte nach und als unser Espresso kam, meinte sie: »Ich melde mich bei Ihnen, aber wir dürfen nicht zu viele Wellen verursachen. Das wäre nicht gut für mich und nicht gut für Sie.«

»Für mich?«

»Das merken Sie schon noch.«

Als wir vor dem Lokal standen, war es kurz nach drei und ich sollte mich in Richtung Löwengrube aufmachen.

»Kann ich Sie irgendwohin mitnehmen?«

»Ich muss ins Präsidium.«

»Ich wohne im Lehel.«

»Das passt. Ein kleiner Spaziergang tut mir gut.«

»Ich hätte gedacht, Sie rufen einfach einen Streifenwagen.«

»Ich hab’s nicht so mit Blaulicht und Tatütata.«

Sie lachte und ich stieg ein.

Als ich am Maxmonument ausstieg, meinte sie: »Ich melde mich, wenn ich jemand finde, der mit Ihnen reden möchte.«

»Das wäre schön«, sagte ich, nachdem ich die Tür des Cabrios geschlossen hatte. »Wir brauchen vor allem Hintergrundinformationen, um Andys Mörder zu ergreifen.«

Sie bog rechts ab und ich spazierte, an der Kleinen Komödie vorbei, in Richtung Löwengrube, als sich mein Handy meldete.

»Stimmt das mit Andy Grashammer?«

»Ich liebe dich auch.«

»Sei nicht albern, Bene. Stimmt es?«

»Was?«

»Dass er ermordet wurde?«

»Ja.«

»Wie?«

»Erschossen.«

»Ich komme zurück.«

»Willst du nicht zumindest bis morgen bei deiner Mutter bleiben, Martina? Wir können am Abend telefonieren, heute passiert aller Voraussicht nach nichts mehr.«

Schweigen.

»Sei bloß vorsichtig, Bene. Der Typ verkehrte in den höchsten Kreisen und hat kräftig Geld unter die Leute gebracht. Auch im Maximilianeum.«

»Du meinst, Theiss hat zu Recht vor einer ›politischen Komponente‹ gewarnt?«

»Völlig, Bene.«

»Du weißt, dass ich dich gerne hier hätte, bleib trotzdem über Nacht. Du siehst deine Eltern nicht oft. Vielleicht ergibt sich morgen etwas, worüber du vorsichtig in der Montagsausgabe berichten kannst.«

»Du klingst wie mein Chefredakteur.«

»Wenn Sie mich bei der Kripo hinauswerfen, bewerbe ich mich um den Job.«

»Dafür müsstest du skrupelloser sein ... und deutlich schleimiger.«

»Harsche Worte, Geliebte.«

»Ich rufe dich heute Abend an. Wenn ich lalle, war es Onkel Alois’ Obstler.«

Ich spaziere gerne durch den östlichen Teil der Maximilianstraße. In einer Stadt voll von Kommerz, Tourismus und Partys steht er für eine elegante Vergangenheit, für ruhigere Töne, für die letzten Strahlen von Thomas Manns ›München leuchtet‹. Jenseits des Altstadtrings beherrschen schicke Boutiquen, teure Marken, angesagte Bars und Edelkarossen das Bild.

Es war gut, die Sonne auf der Haut zu spüren. Andy Grashammer. Investor. Frauenheld. Geldjongleur. Auf meinem Weg ins Präsidium sah ich viele Männer, die in dieses Klischee gepasst hätten. Doch, auch leitende Kriminalbeamte haben ihre Vorurteile. Ich fragte mich, wer er in Wirklichkeit war und wie wir ihm ein wenig näher kommen könnten.

Als ich in die Theatinerstraße einbog, hatte ich auf einmal Schreyer am Telefon.

»Das LKA hat nur gelacht.«

»Über einen Ihrer bekannten Witze?«

»Über unser Ansinnen, diesen Safe morgen zu öffnen.«

»Ich dachte, dort säßen die Cracks.«

»Das LKA sagt, sie könnten das nicht. Sie empfehlen eine kleine Zwei-Mann-Firma irgendwo im Fränkischen, die angeblich alles aufbekommt.«

»Dann rufen Sie doch im Frankenland an.«

»Kohle, Herr Kriminalrat, Cash, eine Kostenstelle, wenn Ihnen das lieber ist.«

»Sie meinen, die arbeiten nicht um Gottes Lohn?«

»Ihren Sinn für Humor möchte ich haben.«

»Ich rede mit Theiss. Falls es nicht anders geht, dann engagieren wir die Typen eben. Spätestens Montag will ich wissen, was in dem verdammten Schrank ist.«

»Verstehe ich gut. Rufen Sie an, wenn Sie das Okay von oben haben, dann kümmere ich mich um den Rest.«

Kurz vor vier erklomm ich die Treppe in den zweiten Stock. Klaus und Adil brüteten vor ihren Computern.

»Wie war der Döner?«, fragte Klaus.

»Ausgezeichnet. Was habt ihr?«

»Herr Fetzer war nicht da.«

»Ist das alles?«

»Ein Nachbar hat ihn am Vormittag wegfahren gesehen.«

»Haben wir eine Handynummer?«

»Er scheint kein Privathandy zu haben.«

In diesem Moment kam Lena durch die Tür und mein Handy klingelte.

»Irgendwelche Fortschritte, Herr Schönheit?«

Kriminaloberrat Theiss.

»Gestaltet sich alles ein wenig schwierig. Über einen Nachbarn haben wir einen Teilnehmer an der Party gestern Nacht gefunden, aber wir haben keine Möglichkeit, ihn zu erreichen.«

»Wie das?«

»Er scheint kein privates Handy zu besitzen und hat heute Mittag seine Wohnung verlassen.«

»Woher wissen Sie das?«

»Brunner und Uzman haben die Nachbarn befragt.«

»Wie heißt der Mann?«

»Sebastian Fetzer. Er arbeitet bei der Bank Mendelson und soll Grashammers Firma an die Börse bringen.«

»Ich rede mit Dr. Sperber. Man hat ihn vermutlich auch schon kontaktiert.«

»Auch schon kontaktiert?«

»Herr Schönheit, wir ermitteln hier in einem Wespennest. Es scheint ein paar hohe Tiere zu geben, die mit Herrn Grashammer geschäftlich involviert sind.«

»Das habe ich auch gehört.«

»Von wem?«

»Vertrauliche Hintergrundinformationen.«

»Wenn Sie die Presse da mit hineinziehen, können Sie Ihren Hut nehmen, ist das klar?«

»Wie Kloßbrühe, Herr Theiss. Wir brauchen trotzdem diesen Herrn Fetzer, sonst haben wir keine Ahnung, wer gestern auf der Party war. Das LKA hat im übrigen Schreyer gesagt, sie könnten den Safe in Grashammers Büro nicht öffnen. Sie empfehlen ein Privatunternehmen.«

»Das soll wohl ein Witz sein!«

»Rufen Sie Schreyer an, er bestätigt es Ihnen.«

»Und wer bezahlt das?«

Ich schwieg vielsagend.

»Sagen Sie Schreyer, er soll einen Kostenvoranschlag besorgen.«

»Wenn wir nicht spätestens Montag Zugriff auf diesen Safe haben, funkt uns da gegebenenfalls jemand dazwischen.«

Er stöhnte.

»Von mir aus. Wer auch immer die Typen sind, sie sollen kommen und das dämliche Ding öffnen.«

»Sagen Sie mir Bescheid wegen Fetzer?«

»Ja.«

»Dicke Luft hier«, meinte Lena.

Sie sah entspannt aus, hatte Sonne abbekommen und Shorts an. Ich bemerkte Adils bewundernde Blicke und ihr Lächeln.

»Dann mach doch das Fenster auf«, brummte Klaus.

»Erzählt ihr mal, was Sache ist«, meinte ich, »Ich ruf Schreyer zurück.«

»Haben Sie eine Geldquelle aufgetan?«

»Theiss hat sein Okay gegeben. Und je schneller, desto besser.«

»Ich sage Bescheid, wenn ich die Typen erreicht habe und weiß, wann sie kommen.«

Ich sah Lena an.

»Alles klar?«

»Wir stecken in der Scheiße.«

»Trefflich bemerkt, auch wenn ein wenig mehr Stil nottäte.«

»Man wird doch wohl noch die Wahrheit sagen dürfen. Wir haben nichts über die Anwesenden und ein überbordendes Interesse von einigen Playern im Dunstkreis des Maximilianeums. Habt ihr schon mit unseren Chefbuchhaltern gesprochen?«

Adil sah sie fragend an.

»Den Damen und Herren in Neuperlach, die sich mit Buchhaltungssoftware besser auskennen als mit der hakeligen neuen SFP 9.«

Lena bezog sich auf die Kolleginnen und Kollegen im Dezernat Wirtschaftskriminalität und auf die neue Dienstwaffe der Bayerischen Polizei, die offenbar nicht ihre ungeteilte Zustimmung fand.

»Versuchte ich heute Morgen«, meinte Adil, »konnte aber niemand erreichen. Ich habe dann selbst ein wenig zu dieser Firma recherchiert.«

»Mit welchem Ergebnis?«

»Gegründet vor zwei Jahren von Felix von Werdenfels und Andreas Grashammer. Von Werdenfels scheint der technische Kopf hinter dem Unternehmen zu sein. Er ist reich, denn sowohl er als auch sein Vater besitzen zahlreiche Patente und Firmenbeteiligungen. Johannes von Werdenfels ist seit den fünfziger Jahren vor allem im pharmazeutischen Bereich tätig, der Sohn scheint ein Hans Dampf in vielen Gassen zu sein. Er hat Patente für Mikroelektronik, Solarenergie und Maschinenbau. Die von Werdenfels sind alter bayerischer Adel und haben ihren Stammsitz irgendwo südlich vom Starnberger See.«

»Hast du auch Daten zur finanziellen Situation der Firma gefunden?«

»Grashammer ist der CEO, von Werdenfels die Nummer zwei und der technische Direktor. Die Finanzen sind unklar, denn das Unternehmen ist eine luxemburgische AG. Nach dem, was ich auf die Schnelle herausgefunden habe, sind zahlreiche Wagniskapitalgesellschaften daran beteiligt, aber auch vermögende Einzelpersonen. Namen gibt es keine. Die Firma erfreut sich zudem der Förderung des bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft und des Umweltministeriums.«

»Herr Grashammer scheint ausgezeichnet vernetzt zu sein«, meinte Lena.

»Das habe ich heute schon mehrfach gehört«, kommentierte ich, »und meistens mit einem warnenden Unterton.«

»Ernsthaft, Bene?«

Klaus war aufgewacht.

»Ganz ernsthaft, Freunde. Von Theiss und von Grashammers Assistentin. Wir sollen uns vorsehen.«

»Was stellen die denn her, dass es ein solches Interesse an der Firma gibt?«

»Eine neue Batterietechnik«, meinte ich.

»Was genau, weiß anscheinend keiner«, ergänzte Adil, »aber es könnte Deutschland, respektive unser geliebtes Bayern, bei den Umwelttechnologien wieder in derselben Liga spielen lassen wie im Fußball.«

»Seine Assistentin sprach von einem kobaltfreien Akku mit hoher Energiedichte.«

»Darüber schreiben die Fachzeitschriften, nur was das genau heißt und vor allem, wie das genau funktioniert, fand ich nirgends.«

»Habt ihr euch nach dem nackten Jüngling erkundigt?«

»Welcher nackte Jüngling?«, fragte Lena interessiert.

»Im Bett des verblichenen Herrn Grashammers«, übernahm Klaus die Erläuterung, »fanden die Kollegen einen jungen Mann, den sie für tot hielten, bis unser verehrter Herr Gerichtsmediziner bei ihm einen schwachen Puls diagnostizierte und ihn umgehend in eine Klinik transportieren ließ.«

»Orthuber sprach vom Uniklinikum rechts der Isar«, meinte ich. »Ruf doch mal dort an, Klaus, und frag, wann wir den Herrn vernehmen können.«

»Und was ist das für ein Herr?«, wollte Lena wissen.

»Nach Aussage der Assistentin ein Engländer, der als Journalist für ein paar führende Wirtschaftsblätter tätig ist.«

»Und warum lag er nackt in Grashammers Bett?«

»Wenn wir das wüssten«, meinte Adil süffisant.

»Bene«, Klaus hielt die Sprechmuschel des Telefonhörers zu, »wir haben hier ein kleines Problem.«

Ich bedeutete ihm, mir das Gespräch auf meinen Apparat zu legen.

»Kriminalrat Schönheit.«

»Mir egal, wer Sie sind. Wir geben keine Auskünfte über Patienten.«

»Verraten Sie mir Ihren Namen?«

»Nein.«

Offenbar wirklich kompliziert.

»Schwester ...«

»Ich bin Ärztin.«

»Gut, Frau Doktor.«

»Ich habe keinen Doktortitel.«

Langsam wurde es mir, ehrlich gesagt, zu bunt.

»Es ist mir egal, wer oder was Sie sind. Liegt auf Ihrer Station ein Ian Doyle, der heute Morgen durch unseren Gerichtsmediziner eingewiesen wurde?«

»Ja.«

»Gut, dann würde ich gerne mit dem diensthabenden Stationsarzt sprechen«.

»Das ist eine Ärztin und Sie sprechen bereits mit ihr.«

»Wunderbar, Frau ...«

Nach einem kurzen Zögern hatte sie sich entschlossen, doch ihren Namen zu nennen.

»Moulay.«

»Schön, Frau Moulay. Ich bin Leiter der Mordkommission in diesem Fall und ich wüsste gerne, wann ich Herrn Doyle sprechen kann. Er ist ein wichtiger Zeuge in einem Mordfall.«

»Ich habe Ihnen doch gesagt ...«

»Frau Moulay, ich möchte lediglich wissen, wann es möglich ist, mit Herrn Doyle zu sprechen. Seine Aussage ist wichtig, denn sie hilft uns einen Mörder zu fassen.«

Schweigen.

»Die Alternative ist, dass ich in zehn Minuten mit zwei Beamten bei Ihnen auftauche, Sie wegen Behinderung der Justiz festnehme und mein Chef gleichzeitig mit Ihrem Chef spricht. Dauert ein wenig länger, aber ich bekomme meine Auskunft.«

»Das ist Erpressung.«

»Machen Sie sich bitte mit den Rechtsbegriffen vertraut, bevor Sie solch alberne Anschuldigungen von sich geben. Bekomme ich meine Antwort, oder muss ich vorbeikommen?«

»Ich denke, Sie können Herrn Doyle morgen sprechen.«

»Und wozu dieses ganze Theater?«

»Sales Flics.«

Sie hatte aufgelegt.

»Was war das denn?«, fragte Lena.

»Eine zickige Ärztin, die, wenn mich mein Französisch nicht täuscht, das Gespräch mit einem in Frankreich populären Ausdruck für ›Scheißbullen‹ beendet hat.«

Adil holte tief Luft, aber ich sagte: »Wer weiß, welche Erfahrungen sie gemacht hat. Auf alle Fälle können wir Herrn Doyle morgen besuchen.«

Die drei sahen mich fragend an.

»Ich weiß, es ist Sonntag. Wir müssen trotzdem die Ergebnisse von KTU und Gerichtsmedizin auswerten, mit Doyle reden und schauen, dass wir dieses Bankers habhaft werden. Ich wette mit euch, dass mein Telefon noch vor dem Mittagessen läutet.«

»Wie gehen wir es an?«

Adil war wie immer der Praktischste von allen.

»Wir brauchen einen Wagen – darum kümmerst du dich, Klaus. Ich würde vorschlagen, wir treffen uns morgen um neun bei mir zum Frühstück. Dabei legen wir den Schlachtplan fest, wenn ich das so martialisch formulieren darf.«

»Soll ich den Wagen vorher holen und dann zu dir kommen?«

»Du kannst ihn auch gleich organisieren und die anderen morgen früh abholen.«

»Ich nehme lieber den MVV.«

Der MVV ist der Münchner Verkehrs Verbund, und gesagt hatten das Lena und Adil gleichzeitig. Klaus grinste und ich verkniff mir jede weitere Bemerkung.

Als ich das Präsidium verließ, war es halb sechs und ich erinnerte mich, dass mein Fahrrad in Schwabing stand. Während ich darüber nachdachte, wie ich unter Vermeidung der U-Bahn, die ich nicht sonderlich schätze, nach Hause käme, fuhr Klaus in einem dunkelgrünen Fünfer BMW aus der Einfahrt, ließ das Fenster hinunter und sagte: »Sie hatten geläutet, Euer Lordschaft?«

»Sehr verbunden, James.«

Ich nahm auf dem Beifahrersitz Platz.

»Kannst du mich am Elisabethmarkt rauslassen? Ich muss noch ein wenig einkaufen.«

»Für unser Frühstück?«

»Auch.«

Nachdem ich Obst, Käse und ein wenig Schinken für morgen beschafft und mir für heute die Zutaten eines Omeletts mit Pilzen eingepackt hatte, schlenderte ich durch das abendliche Schwabing. An manchen Ecken spürte ich noch die Atmosphäre meiner Studententage, auch wenn Kettengeschäfte aller Couleur das Viertel zu erobern schienen. Studenten saßen nicht mehr im Café, sondern zogen mit einer Flasche Bier in der Hand durch die Straßen. Trotzdem möchte ich nirgends anders leben, dachte ich mir, als ich die Stufen zu meiner Wohnung erklomm.

Ich ließ frische Luft herein, Stimmen vom nahen Englischen Garten wehten herüber. Nachdem ich mir ein Glas Sauvignon blanc eingegossen hatte und ans Fenster getreten war, hörte ich, wie meine Tür aufgeschlossen wurde. Einen Moment später plumpste etwas Schweres zu Boden und dann stand Martina neben mir und gab mir einen Kuss.

»Wolltest du nicht bis morgen bleiben?«

»Du wolltest, dass ich bis morgen bleibe. Als sich die Feier langsam auf Onkel Alois’ Obstler zubewegte, sagte Mutter: ›Fahr halt nach München, sonst hippelst du hier nur weiter rum‹.« Sie lächelte. »Einen mütterlichen Rat darf man nicht einfach in den Wind schlagen oder, Herr Kriminalrat? Bekomme ich auch ein Glas?«

Nachdem sie es sich auf dem Sofa bequem gemacht hatte und mir keine passende Antwort eingefallen war, meinte sie, immer noch süß lächelnd: »Erzähl doch mal.«

»Ich habe Hunger und werde jetzt erst einmal ein Omelett zubereiten.«

»Und ich?«

»Ich dachte, du kommst von einer ausufernden Geburtstagsfeier.«

»A bissel wos geht ollaweil.«

Ich hielt mir gespielt die Ohren zu, denn Martinas Versuche, ihren heimatlichen Dialekt zu sprechen, verursachten mir Haarspitzenkatarrh. Glücklicherweise hatte ich eine ausreichende Menge Pilze gekauft und so verspeisten wir kurz darauf beide ein Omelett, zu dem Martina einen grünen Salat angemacht hatte.

Nachdem sie den letzten Rest ihres Omeletts mit einem Stück Baguette in den Mund geschoben hatte, meinte sie:

»Du hast meine Frage nicht beantwortet.«

»Wir haben einen toten CEO.«

»Ich weiß, erschossen«.

»Genau. KTU und Gerichtsmedizin morgen.«

»Ist das nicht ein wenig langsam bei so einem brisanten Fall?«

Ich stand auf, um eine weitere Flasche Sauvignon blanc zu öffnen und Max Bruchs Violinkonzert No. 1 in den CD-Spieler zu befördern.

»Etwas Ähnliches sagtest du schon am Telefon. Erläuterst du dem armen Kriminalisten hier die Brisanz?«

Martina trank einen Schluck des kühlen Weißweins.

»Die Firma wird seit Monaten als heißes Eisen im Wettbewerb um die Batterie der Zukunft gehandelt. Felix von Werdenfels galt in gewissen Kreisen als ein, wenn auch exzentrisches, Genie.«

»Und er ist tot.«

»Ich weiß. Unter mysteriösen Umständen mit dem Flugzeug abgestürzt.«

»Mysteriöse Umstände?«

»Er war ein sehr erfahrener Pilot. Die Fliegerei war sein einziges Hobby. Er besaß mit seinem Vater zusammen eine alte Kunstflugmaschine und ist bei schönstem Wetter abgestürzt.«

»Soll vorkommen. Was war mysteriös?«

»Ich habe einen Kollegen, der ihn kannte und der auch Privatpilot ist. Er sagte, das könne er sich nicht vorstellen. Felix von Werdenfels hatte so ziemlich alle Fluglizenzen, die du als Privatmann mit Geld und Zeit erwerben kannst. Dann stürzt er mit einer Maschine, die er in- und auswendig kennt, aus geringer Höhe in ein Waldstück?«

»Gab es eine offizielle Untersuchung?«

»Mit Sicherheit, aber darüber weiß ich nicht Bescheid.«

Ich betrachtete nachdenklich mein Weinglas.

»Andreas Grashammers Assistentin sagte heute, dass es technische Probleme gab und dass sie einen Streit zwischen den beiden gehört habe. Sie meinte sogar, dass die Firma den Bach runter ginge.«

»Gut, dass sie nicht an der Börse sind.«

»Mhm.«

Martina saß auf einmal auf meinem Schoß.

»Gibt es da etwas, das ich wissen sollte?«

»Nein.«

»Herr Kriminalrat ...«

»Die Presse wird zur gegebenen Zeit ...«

Weiter kam ich nicht und als sich Martina von mir löste, meinte ich: »Ich weiß es wirklich nicht. Auf der Party, nach der er ermordet wurde, war der IPO Manager einer Münchner Privatbank, mit dem wir hoffentlich morgen sprechen können.«

»Was hast du sonst vor?«

»Die Bande kommt um 9 Uhr zum Frühstück.«

»Hierher?!«

»Ich dachte, du bleibst in Niederbayern.«

»Das heißt, ich muss am Sonntag um acht Uhr ...«

»Das Schlafzimmer ist zu und zudem privat. Du kannst gerne bis 12 Uhr schlafen.«

»Und ihr macht daneben Radau.«

»Die Kollegen sind sehr zivilisiert.«

»Und die Kollegin?«

»Die auch. Du hattest am Telefon erwähnt, er habe Geld unter die Leute gebracht.«

»Das sind Spekulationen. Grashammer ist Teil der Münchner Schickimicki-Szene, aber man hat ihn auch regelmäßig mit hochrangigen Mitgliedern verschiedener Ministerien gesehen. Zumindest gab es entsprechende Bilder in den Gesellschaftsnachrichten unseres hochwohllöblichen Blattes.«

»Weißt du Genaueres?«

»Es ist eine private AG in Luxemburg. Da werden aus 20.000 persönlich investierten Euros schnell 100.000 Euro nach einem Börsengang. So kann man sich völlig legal das Wohlwollen staatlicher Stellen sichern.«

»Aber genauere Informationen zu diesem Luxemburger Modell gibt es natürlich nicht.«

»Wie ich schon sagte: Es sind Spekulationen.«

Sie griff nach ihrem Weinglas.

»Allerdings ziemlich Handfeste.«

Sonntag

Ich hatte dem Wecker auf acht Uhr gestellt, denn ich wollte beim Bäcker um die Ecke Croissants und Baguette holen. Nach einer schnellen Dusche schlenderte ich durch leere Straßen, atmete die kühle frühherbstliche Luft ein und betrat kurz vor halb neun einen kleinen Laden. Dort verkauften zwei französische Jungs ihre wunderbaren Gebäcke an eine noch überschaubare Menge an Leute.

»Ah, M. le Commissaire. Quatre croissants comme d’habitude?«

»Nein, Jules. Sagen wir sieben Croissants und ein Baguette.«

»Kommt die Familie?«

»Nur ein paar Kollegen.«

»Ich hätte da noch ein Glas Aprikosenmarmelade von meiner Mutter.«

Bestens ausgestattet kehrte ich in die dritte Etage zurück. Martina trällerte zu meinem Erstaunen bereits ›Je hais les Dimanches‹ unter der Dusche. Dass jeder zweite Ton daneben lag, tat ihrem Vergnügen keinen Abbruch. Als ich den Tisch deckte, umschlang mich von hinten ein Nackedei, der mir ins Ohr flüsterte.

»Ein früher Sonntag hat auch seine Vorteile.«

Ich nutzte die Situation für ein paar Streicheleinheiten aus, meinte dann jedoch: »Du weißt, dass in zehn Minuten die Rasselbande vor der Tür steht.«

»Ich bin schon sehr gespannt«, antwortete sie lächelnd und entschwand in Richtung Schlafzimmer.

Klaus kam als erster und wusste nicht recht, wie er reagieren sollte, als ihm Martina die Tür öffnete.

»Äh ...«

»Hallo Klaus, komm doch rein.«

Er stolperte an Martina vorbei in Richtung Wohnzimmer, wo der Esstisch gedeckt war, und ließ sich aufs Sofa fallen. Als Nächstes stand Adil vor der Tür, der es wesentlich cooler nahm.

»Hallo, Martina.«

»Adil, grüß dich. Wo ist denn Lena?«

Martina konnte es einfach nicht lassen.

»Sie kommt ...«, fast hätte er sich verplappert, als ich zu seiner Rettung aus der Küche trat.

»Komm rein, Adil. Du kennst dich ja aus.«

Martina bedachte mich mit einem sinnlichen Lächeln.

Als ich ein Tablett mit ein paar Gläsern und einem Crémant d’Alsace ins Wohnzimmer balancierte, stand Lena vor der Tür und blickte Martina erstaunt an.

»Ich bin Lena van Megeren.«

»Das dachte ich mir schon. Martina Beinhauser. Kommen Sie herein.«

Martina schien die abgeklärtere von den beiden, trotzdem spürte ich eine gewisse Spannung im Raum, die sich erst löste, als der Korken gegen die Decke flog.

»Auf einen arbeitsreichen Sonntag.«

Adil sah mich schief an.

»Deine Witze waren auch schon mal besser.«

Nach dem ersten Schluck läutete mein Handy. Es war neun Uhr fünfzehn.

»Morgen, Herr Schönheit.«

»Herr Theiss,. einen wunderschönen guten Morgen! Was kann ich denn so früh am Sonntag für Sie tun?«

Es schien ihm die Sprache verschlagen zu haben.

»Haben Sie den Täter?«

»Es war der Klempner.«

»Sehr witzig.«

Niemand schien heute Morgen meinen Humor zu würdigen.

»Wir sind genauso weit wie gestern um fünf, Herr Theiss. Es hat sich nichts geändert. Haben Sie irgendetwas zu Sebastian Fetzer?«

»Ich habe eine Telefonnummer und er kommt angeblich heute Nachmittag vom Gardasee zurück.«

»Das klingt nicht schlecht. Schicken Sie mir die Nummer bitte aufs Handy. Wir sprechen später mit Ian Doyle im Krankenhaus und sehen, welche Informationen er für uns hat.«

»Haben Sie etwas Neues zu unseren Safeknackern?«

»Schreyer hat sich noch nicht gemeldet.«

»Machen Sie ihm Dampf. Hier gibt es Bestrebungen, den Fall dem LKA zu übergeben.«

»Das ist nicht Ihr Ernst!«

»Meiner ist das sicher nicht, aber das LKA ist politisch einfacher zu kontrollieren als das Polizeipräsidium München.«

Mir hatte es die Sprache verschlagen.

»Sind Sie noch da?«

»Ja, doch. Ich werde das Ganze mit meinem Team durchsprechen.«

»Sie erreichen mich jederzeit auf dem Handy.«

Das hieß, er war auf dem Golfplatz.

Ich setzte mich und griff mir ein Croissant.

»Bon appétit, messieurs dames.«

»Wer war das?«, wollte Lena wissen.

»Vermutlich euer aller Chef«, murmelte Martina undeutlich, weil sie auf einem Croissant kaute.

Adil sah mich skeptisch an.

»Was hier geredet wird, bleibt hier. Keine Angst.«

Lena sah Martina misstrauisch an.

»Ich weiß nicht, ob mir das gefällt.«

Als Nächstes rieb sie sich das Schienbein. Vermutlich war Adil der Schuldige.

»Es ist mein Spielfeld, Lena. Meine Regeln. Martina kennt sie. Wir sprechen hier offen, Martina hat bessere Verbindungen in diese Szene als wir drei und kann uns helfen.«

Lena biss ein Stück von ihrem Croissant ab, während ich einen Schluck trank. So hatte ich mir das Ganze nicht vorgestellt. Martina berührte meinen Arm.

»Ich gehe, wenn es das für deine Kollegin einfacher macht.«

»Wir frühstücken jetzt.«

»Was wollte der Alte denn?«, meinte Klaus.

»Fetzer kommt vom Gardasee zurück und Theiss schickt mir seine Handynummer. Wir sollten ihn heute noch sprechen können.«

»Wer fährt zu Doyle?«, fragte Lena.

»Ich und jemand von euch.«

»Ian Doyle?«, fragte Martina.

»Kennst du ihn?«

»Was hat er damit zu tun?«

»Er lag nackt im Bett unseres Mordopfers«, sagte Lena trocken.

Martina stand auf, griff ihr Sektglas und ging zum Fenster. Nach einer kurzen Zeit drehte sie sich um und fragte: »Aber er lebt?«

Ich nickte. »Vermutlich hat ihn jemand unter Drogen gesetzt. Was weißt du von ihm?«

Sie kam zurück und setzte sich wieder.

»Er ist ein netter Kerl. Ich kenne ihn aus dem Presseclub. Hat in Oxford Geschichte und politische Wissenschaften studiert und arbeitet in Deutschland als Korrespondent für ein halbes Dutzend Zeitungen.« Sie sah in die Runde. »Top Blätter. Er hat echt was drauf und ist charmant.«

»Muss ich mir Sorgen machen?«

»Sei nicht albern, Bene. In unserem Gewerbe sind Könner ohne übergroßes Ego eher selten. Er ist einer von ihnen und ich kann mir gut vorstellen, dass er sich in der Clique um Grashammer gerne umgehört hat.«

»Was ist das denn für eine Clique?«, fragte Lena.

»Das ist nicht nur eine, Lena«, meinte Martina. »Grashammer war ein geschickter Spieler.«

»Und er spielte gerne«, warf ich ein. »Zumindest sagte das seine Assistentin.«

»Im Dunstkreis der Staatsregierung waren das sicher andere Leute als bei den Freitagabend-Partys, über die mein Kollege von unserer Gesellschafts- vulgo Klatschspalte so gerne berichtet.«

»Partys bei ihm zuhause?«, wollte Adil wissen.

»Die gab es sicher, da war Grashammer allerdings diskret. Nein, ich denke eher an den einen oder anderen Club. Das P1 beispielsweise, so spießig das heute klingen mag.«

»Gibt es da noch mehr Clubs?«

»Das lässt sich einfach mit einer Recherche in unserem Archiv herausfinden.«

»Und was haben Sie davon?«

Lena war noch immer auf Konfrontationskurs.

»Lena ...«, weiter kam ich nicht, denn Martina berührte mich am Arm.

»Lena«, meinte sie, »ich mache diesen Job ein wenig länger als Sie den Ihren. Medien und Polizei können einander durchaus befruchten.«

Adil schien sich an einem Stück Baguette verschluckt zu haben und Klaus lächelte wissend.

»Ich weiß nicht, was in Ihnen vorgeht, ich bemühe mich zu helfen. Natürlich ziehe ich daraus Vorteile für meine eigene Arbeit, aber nur in dem Rahmen, der eure Ermittlungen nicht behindert.«

Ich hatte langsam genug von dem Ganzen.

»Können wir kurz reden, Lena?«

Ich stand auf und wies ihr den Weg in die Küche. Adil sah mich mit offenem Mund an. Als ich die Schiebetür geschlossen hatte, fragte ich Lena: »Was soll das?«

Sie blickte mich an wie ein trotziges Kind.

»Was soll was?«

»Diese Show, die du hier abziehst?«

»Es ist nicht okay, dass wir hier mit deiner Freundin ...«

Ich hob die Hand: »Ich habe durchgesetzt, dass du heute mit uns arbeitest. Ich schätze dich als Ermittlerin, denn du denkst klar und unvoreingenommen. Wie wir hier vorgehen, ist meine Sache. Ich vertraue Martina, ihre Informationen haben uns oft weiter gebracht. Wenn du das ohne gute Gründe in Frage stellst, bist du raus.«

»Wenn das so ist, dann gehe ich besser.«

»Überleg dir das bitte gut.«

Sie schob die Küchentür auf, ging mit zusammengebissenen Lippen ins Wohnzimmer, nahm ihre Handtasche und verließ ohne ein weiteres Wort die Wohnung.

Adil sah verwirrt von einem zum anderen. Klaus strich sich einen großen Klecks Aprikosenmarmelade auf das letzte Croissant, das er sich gerade geangelt hatte.

»Habt ihr euch gestritten?«, fragte Adil.

»Sie mochte das Setting nicht. Ich habe ihr lediglich klar gemacht, dass sie das nicht zu entscheiden hat.«

»Und dass sie am unteren Ende der Hierarchie steht.« Adils Stimme klang erregt.

»Wie lange kennst du mich schon?«

»Vier Jahre«, murmelte er.

»Reicht dir das als Antwort?«

»Wir sollten uns um den Fall kümmern«, sagte Klaus zwischen zwei Bissen.

»Geh ihr halt hinterher«, meinte Martina zu unserer aller Verblüffung.

Adil sah mich an.

»Um zehn seid ihr spätestens wieder hier. Die Betonung liegt auf ihr.«

Er war schneller aus der Tür, als ich schauen konnte. Ich sah Martina an:

»Weibliche Intuition, oder ist mir da etwas entgangen?«

»Das war zwischen mir und ihr.«

Ich sah sie fragend an und Klaus hatte aufgehört zu kauen.

»Sie mag mit Adil gehen, aber sie ist immer noch in dich verschossen.« Sie zog die Augenbrauen hoch. »Zwei Frauen, ein Mann.«

»Das ist doch Unsinn.«

»Meinst du? Gib mir bitte noch einen Schluck Crémant, ich muss heute schließlich nicht arbeiten.«

Als ich ihr eingeschenkt hatte, klingelte es. Ich stand auf und drückte den Türöffner, ohne nachzufragen. Ich war gespannt, was passieren würde.

Adil und Lena kamen herein. Während Adil sich setzte, nahm sie mich zur Seite und flüsterte: »Tut mir leid. Mir ist da irgendetwas durchgebrannt. Soll nicht wieder vorkommen.«

Ich sah sie skeptisch an: »Melde dich, wenn du neue Sicherungen brauchst. Ich würde dich ungern verlieren. - Als Kollegin«, fügte ich sicherheitshalber hinzu.

Als wir alle wieder am Tisch saßen, meinte Klaus: »Und jetzt?«