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Thomas Michael Glaw

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Beschreibung

„Sie haben deinen Bruder verhaftet!“ Einige Stunden nach diesem Anruf sitzt Kriminalrat Schönheit mit seiner Freundin Martina im Flugzeug nach Venedig, wo sein Bruder Jean-Baptiste wegen Mordverdacht in Untersuchungshaft sitzt. Der Fall entwickelt sich für Benedict Schönheit schnell zur Gratwanderung zwischen Ermittlung und Einmischung in venezianische Angelegenheiten – besonders nachdem ein weiterer Toter gefunden wird.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Thomas Michael Glaw

Venezianisches Intermezzo

Benedict Schönheits sechster Fall

Wie immer für Doro

Lektorat: Ulrike Parnow

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

1. Auflage

Lubahn + Glaw Verlag GbR – Mediathoughts

Copyright 2022 Lubahn + Glaw Verlag GbR – Mediathoughts

ISBN: 978-3-947724-24-6

»Es gibt zwei Arten von Städten:

alle anderen und Venedig.

Henry James

Riccardo Ciagarelli studiert in Venedig Kunstgeschichte und macht eine Entdeckung, die ihm nicht bekommt

Luigi Campanella ist Gastwirt und weiß so einiges

Emanuele Degasperi ist Commissario della Polizia und nicht begeistert

Conte Adolpho Zorzi ist ein ein linker Intellektueller mit Neigungen

Don Michele Bracco ist Pfarrvikar und Besitzer eines schönen Dachgartens

Claudia Agnelli ist Staatsanwältin und kennt Benedict Schönheit besser, als ihm lieb ist

Domenico Boscolo ist ein Drecksack

Suor Maria Sara trinkt gerne guten Cappuccino

Monsignore Jean Baptiste Schönheit sitzt in der Klemme

Martina Beinhauser trägt sommerliche Kleidung und flirtet mit Fremden

Kriminalrat Benedict Schönheit speist gut und fischt im Trüben

Donnerstag

»Man hat deinen Bruder verhaftet.«

Es mag Menschen geben, die diesen Satz öfter hören. Sie gehören üblicherweise einem Milieu an, das wir bei der Kriminalpolizei ›Organisierte Kriminalität‹ nennen. Mein Bruder, Monsignore Jean-Baptiste Schönheit, gehört der katholischen Kirche an, die, auch wenn ihr Ruf im Moment ein wenig beschädigt ist, nicht dazugezählt wird. Er befand sich in Urlaub in Venedig, Martina und ich wollten ihn am Wochenende für ein paar Tage besuchen.

»Hat er verbotenerweise Tauben am Markusplatz gefüttert?«

»Er hat angeblich einen jungen Mesner erstochen.« Mein Vater klang ernst.

»Das ist kein Scherz?«

»Es ist bitterernst, Benedict. Sein italienischer Freund, bei dem ihr über Nacht bleiben wollt, hat mich vor ein paar Minuten angerufen. Es muss heute Morgen während oder nach der Frühmesse passiert sein.«

Ich warf einen Blick auf die Armbanduhr. Es war halb zehn. »Was hat er sonst erzählt?«

»Einen Haufen unzusammenhängendes Zeug. Wann wolltet ihr runterfahren?«

»Martina hat mich überredet zu fliegen. Samstagmorgen.«

»Denkst du, du kannst einen Tag früher fliegen?«

»Vater, ich kann da unten nichts tun. Wenn ich einen falschen Schritt mache, lochen mich die italienischen Kollegen ein oder werfen uns im günstigsten Fall raus.«

»Martina ist doch Journalistin?«

»Sie ist aber nicht in Venedig akkreditiert.«

Vater schwieg einen Moment. »Mutter und ich würden uns wohler fühlen, wenn ihr trotzdem morgen schon fliegt. Wenn du willst, regle ich das mit dem Flug.«

Vater und seine Beziehungen.

»Hast du die Telefonnummer von diesem Freund?«

Er diktierte mir eine Telefonnummer in Venedig.

»Ich rufe den Mann an und spreche mit Martina. Dann sehen wir weiter.«

Nachdem ich gewählt hatte, hörte ich den italienischen Klingelton und dann ein »Pronto«.

Glücklicherweise hatte ich zwei Gastsemester in Bologna Jura studiert, so vermochte ich in genießbarem Italienisch nach Don Michele zu fragen.

»Chi parla?«, ›Wer spricht?‹ wollte die Stimme der Frau am anderen Ende wissen.

»Ich bin der Bruder von Monsignore Schönheit«, meinte ich.

Schweigen am anderen Ende. Dann sagte sie: »Ich hole Don Michele«.

Nach ein paar Minuten Rauschen sagte eine Stimme: »Buon giorno, Commissario.«

Italienisch mit deutlich römisch-klerikalem Einschlag.

»Mein Bruder hat Ihnen von mir erzählt?«, fragte ich auf Italienisch.

»Freilich.«

Der Mann, den mein Vater Don Michele genannt hatte, hatte dieses Wort auf Deutsch gesagt – mit einem leichten Tiroler Akzent.

»Sie sprechen ausgezeichnet Deutsch.«

Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte. »Ich habe Ihren Bruder an der Universität in Innsbruck kennengelernt, wo ich zwei Gastsemester verbracht habe.«

Das machte das Gespräch deutlich einfacher.

»Was ist denn genau passiert?«

»Ihr Bruder hatte dankenswerterweise ein paar Werktagsgottesdienste in der Früh übernommen. Wir sind zwar hier nicht so priesterlich unterbesetzt wie ihr in München, aber er ist Frühaufsteher, ich nicht.« Ich hörte ihn atmen. »Heute Morgen ...«, er zögerte. »Es ist schwer, das zu schildern, Commissario. Als Jean-Baptiste am Ende der Messe in die Sakristei zurückging, hing einer unserer Mesner blutüberströmt über der Anrichte. Er hatte ... er hatte ein Kruzifix im Herzen stecken.«

War ich in einem Schauerroman gelandet?

»Bitte?«

»Sie haben richtig gehört. Auf der Anrichte stand ein Altarkreuz auf dem 16. Jahrhundert. Eine schöne Arbeit, die zum Hochamt auf dem Altar steht. Wenn man das Kreuz aus der Halterung nimmt, läuft es unten spitz zu.« Er unterdrückte ein Schluchzen. »Jemand hat es Riccardo ins Herz gerammt.«

Ich wartete einen Moment. »Das tut mir sehr leid. Wer war denn dieser Riccardo?«

»Er war ...«, Don Michele schien mit den Tränen zu kämpfen, »Riccardo ... war Student, er wohnte kostenlos bei uns und half in der Pfarrei. Er war ...« Eine Weile hörte ich ihn nur schwer atmen. »Er war ein wunderbarer Mensch, ein Freund, sehr reif für sein Alter.«

Da schwang mehr mit, als ich einordnen konnte.

»Und warum hat die Polizei meinen Bruder verhaftet?«

»Weil seine Fingerabdrücke auf dem Kreuz waren.«

»Wie das?«

»Ich vermute, er hat es in die Hand genommen, um es zu betrachten. Es ist, wie gesagt, eine wunderbare Arbeit.«

»Und es waren nur seine Fingerabdrücke darauf?«

»Das weiß ich nicht, Commissario. Es ist alles so verwirrend und so traurig. Kommen Sie denn nach Venedig?«

Mir ging die Bitte meines Vaters durch den Kopf. Viel ausrichten würde ich nicht können, aber was soll‹s.

»Ich denke, ja.«

»Sie sind mir willkommen und, wie ursprünglich geplant, können jederzeit bei mir wohnen.«

»Wohnen Sie nicht im Pfarrhaus?«

Er zögerte einen Moment. »Ich besitze ein Haus in der Nähe. Ich komme aus einer großen Familie, da gibt es immer wieder einmal Besucher.«

Wenn ihm ein Haus in Venedig gehörte, dürfte das eine wohlhabende Familie sein.

»Wissen Sie, wer bei der venezianischen Polizei für den Fall zuständig ist?«

»Nein, tut mir leid.«

»Ich melde mich bei Ihnen, sobald ich weiß, wann ich komme.«

»Schicken Sie mir eine WhatsApp auf mein Handy. Dann erkläre ich Ihnen, wie Sie uns am besten finden. Vielleicht kann ich Sie an der Vaporetto-Haltestelle abholen.«

Er diktierte mir seine Handynummer.

Ich ging zur Anrichte und goss mir erst einmal einen Grappa ein. Jean-Baptiste verhaftet? Ein junger Mann mit einem Kreuz erstochen? Fast erwartete ich, dass es an der Tür klingelte und das Team von ›Vorsicht Kamera‹ davor stand.

Es klingelte allerdings nicht, sondern die Tür wurde mit einem Schlüssel geöffnet. Martina kam außer Atem hereingestürmt, warf ihre Handtasche aufs Sofa und sagte: »Hast du es schon gehört?«

»Was?«

»Man hat Jean-Baptiste verhaftet.«

Wir lebten in wahrhaft schnelllebigen Zeiten.

»Woher hast du das schon wieder?«

»Es steht bei der Konkurrenz im Web. Stimmt es?«

»Ja, ich habe gerade mit Vater und danach mit einem Pfarrer in Venedig telefoniert. Vater will, dass wir so schnell wie möglich nach Venedig fahren.«

»Wir?«

»Ja.«

»Was verspricht er sich davon?«

»Eine gute Frage. Ich weiß es nicht.«

»Denkst du, dass du in Venedig irgendetwas bewegen kannst?«

»Ich kenne das Rechtssystem. Es ist extrem langsam, aber im Großen und Ganzen zuverlässig. Wenn wir davon ausgehen, dass Jean-Baptiste nichts mit der Sache zu tun hat, können wir darauf hoffen, die Dinge ein wenig zu beschleunigen.«

»Das erklärt nicht, warum du unbedingt dabei sein willst.«

Ich ging zurück zur Anrichte und goss Martina einen Grappa ein.

»Weil er mein Bruder ist.«

Mein Handy meldete sich erneut.

»Wo bist du denn, Bene?«, fragte Lena.

»Zuhause. Warum? Brennt das Präsidium?«

»Nein, aber ...«

»Aber was?«

»Ich habe da etwas über einen Pfarrer gelesen, den sie in Venedig wegen Mordverdacht verhaftet haben. Wolltest du nicht morgen nach Venedig fliegen?«

»Übermorgen. Aber es stimmt, sie haben meinen Bruder verhaftet«.

»Und was willst du tun?«

»Wenn ihr es mir gestattet, etwas nachdenken. Ich komme in einer Stunde, oder so, ins Büro, dann besprechen wir alles Weitere. Mein Urlaub bleibt so, wie er geplant war.«

Lena schwieg einen Moment. »Na gut, dann bis später, Bene.«

»Lena?«, fragte Martina.

Ich nickte.

»Du weißt, dass sie immer noch in dich verschossen ist.«

»Sie ist mit Adil zusammen.«

»Das ändert nichts an der Sachlage«, meinte die Dame meines Herzens.

»Wir haben andere Probleme.«

»Glaubst du nicht, dass du oder sogar wir in Venedig das Ganze eher verkomplizieren würden?«

Ich ließ mich aufs Sofa fallen. »Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Meine Eltern würden sich wohler fühlen, wenn ich dort wäre. Weißt du, Jean-Baptiste ist ein kluger Kopf, aber er ist ...«

»... manchmal ein wenig weltfremd?«

Ich richtete den Blick auf meine Hände, um nicht sofort antworten zu müssen. »Er steht ab und an neben sich, aber tun wir das nicht alle?«

»Dein Bruder ist ein lieber, netter Kerl. Ich mag ihn, auch wenn sein Humor bisweilen schräg ist. Und ich glaube, dass er mit der Situation, in der er sich befindet, nicht gut zurechtkommt. Aber können wir ihm tatsächlich helfen?«

Mein Telefon meldete sich erneut.

»Morgen, Herr Schönheit. Ich hätte erwartet, Sie im Präsidium zu finden.«

Kriminaloberrat Theiss.

»Ich habe ein kleines privates Problem.«

»Ich weiß, man hat Ihren Bruder verhaftet.«

Einen Moment war ich sprachlos.

»Ich wusste gar nicht, dass Sie die Boulevardpresse lesen«, meinte ich dann.

»Dafür besteht keine Notwendigkeit. Man hat mich von höherer Stelle darauf hingewiesen.«

Von höherer Stelle? Hatte der Erzbischof bei ihm angerufen?

»Der Präsident hat mich vor einer Viertelstunde kontaktiert. Man hat sich seitens des Erzbistums mit ihm in Verbindung gesetzt.«

»Sie meinen, der Kardinal hat ...«

»Ich weiß nicht, wer und warum. Sie kennen doch unseren obersten Chef. Diskret wie immer. Ihr Bruder scheint einmal erwähnt zu haben, dass Sie Polizeibeamter sind, und man fragt sich, ob Sie nicht nach Venedig fahren könnten, um sich der Sache anzunehmen.«

»Ich kann dort überhaupt nichts ausrichten.«

»Wenn ich mich richtig erinnere, sprechen Sie italienisch, den Segen vom Präsidenten hätten Sie und wir können für ein wohlwollendes Empfehlungsschreiben sorgen.«

»Heißt das, ich soll offiziell nach Venedig?«

»Sie hatten doch Urlaub beantragt?«

»Stimmt.«

»Sagen wir so: Wir übernehmen die Kosten und schreiben Ihnen den Urlaub gut. Ihr Dienstausweis bleibt hier und Sie sind als ... «, er räusperte sich, »... als Beobachter vor Ort. Könnten Sie damit leben?«

Ich dachte einen Moment nach. Das war im Prinzip kein schlechtes Angebot.

»So lange Ihnen, Herr Theiss, und den anderen Herren klar ist, dass ich dort wie auf rohen Eiern laufen muss, von mir aus. Ich würde meinem Bruder gerne beistehen. Gibt es etwas Offizielles von der Kirche?«

»Sollten Sie reisen, murmelte der Präsident irgendetwas von geistlicher Unterstützung.«

»Geistlicher Unterstützung?«

Theiss schwieg.

»Stellen sie mir dann vor Ort einen Beichtvater zur Verfügung, oder was?«

Theiss schwieg weiter.

»Also gut, ich fahre. Dienstwagen oder Flieger?«

»Sehr witzig, Herr Schönheit. Wie immer Sie wollen, aber privat. Reichen Sie die Kosten als Spesen ein. Wir bekommen das geregelt. Sagen Sie Bescheid, wann Sie reisen, und kommen Sie vorher bei mir vorbei. Und, Herr Schönheit ...«

»Ja.«

»Beeilen Sie sich, bitte.«

»Was war das denn?«, fragte Martina.

»Wir sollen Urlaub machen.«

»Wir?«

»Also ich, aber du kommst mit.«

»War das Theiss?«

»Ja.«

»Und er ist damit einverstanden?«

»Dass ich nach Venedig fahre?«

»Dass ich mitkomme!«

»Er muss ja nicht alles wissen.«

Sie setzte sich neben mich aufs Sofa. »Meinst du, das geht gut?«

»Wir müssen gut spielen. Ich bin inoffiziell dort. Ich bekomme ein Empfehlungsschreiben von unserem Präsidenten und angeblich gibt es irgendetwas von der Kirche. Ich habe Theiss gesagt, dass ich da unten nichts, aber auch gar nichts machen kann und dass ich wie auf Eiern herumlaufen muss, damit mich die Italiener nicht hinauskomplimentieren.«

Ich stand auf, ging zur Anrichte, dachte, dass es etwas früh für einen zweiten Grappa sei, und griff dennoch nach der Flasche.

»Aber du willst nach Venedig?«

Ich nickte. »Ich rufe jetzt meinen Vater an, bitte ihn, unsere Flüge umzubuchen, und radle dann ins Präsidium. Du solltest schauen, dass dich dein Chefredakteur einen Tag früher ziehen lässt.«

»Ich kann ihm ja einen Hintergrundbericht aus Venedig versprechen.«

Ich blickte sie kritisch an.

»Schau nicht so. Muss ja nicht unter meinem Namen laufen.«

Ich nahm mein Handy vom Tisch.

»Fährst du?«, wollte meine Mutter wissen.

»Nachdem Gott und die Welt es wollen, bleibt mir ja gar nichts anderes übrig.«

»Weißt du, Benedict«, in diesem Moment fühlte ich das Lächeln in ihrem Gesicht, »es freut mich für Jean-Baptiste und für dich.«

Ich fragte nicht, warum.

»Ist Vater da?«

»Ich hole ihn.«

»Schön, dass du dich entschlossen hast zu fahren«, meinte er.

»Decerno, decernis, decernit.«

Er musste lachen. »Du scheinst zudem dein Latein nicht ganz vergessen zu haben.«

»Du sagtest, du könntest unsere Flüge einfacher umbuchen als ich.«

»Habe ich schon.«

»Bitte?«

»Ich hatte so eine Ahnung.«

»Und wie heißt die Ahnung mit Nachnamen?«

»Namen sind Schall und Rauch, mein lieber Benedict.«

Vater und sein Faust.

»Wann und wie?«

»Air Dolomiti, morgen 10:35 Uhr. Eure Tickets sind am Schalter hinterlegt.«

»Hast du sonst noch etwas für mich?«

»Guten Flug, Benedict.«

Martina sah mich erwartungsvoll an.

»Wir fliegen morgen um 10:35.«

»Dann sollte ich in die Redaktion fahren und Wolfi die gute Nachricht überbringen.«

Ende September ist keine gute Zeit in München. Wettermäßig kann es schön sein. Sonne, Schäfchenwolken, so um die 20 Grad. Aber die Stadt ist angefüllt mit all den Idioten, die das größte Bierfest der Welt besuchen und anschließend die Straßenecken vollkotzen.

Am späten Vormittag ging es. Die einen wälzten sich vermutlich gerade mit einem Riesenkater aus dem Bett, diejenigen, die etwas Kultur mitnehmen wollten, liefen zum Ausnüchtern durch den Nymphenburger Park. Die Leopoldstraße war relativ leer, nachdem die Studenten noch bei Muttern hockten oder mit der Freundin auf Mauritius Selfies am Strand machten. Manchmal glaube ich, ich werde alt. Oder ich bin doch bayerischer, als ich je sein wollte, und der Grant kommt langsam durch.

Ich grüßte den Beamten am Eingang des Präsidiums, befestigte mein Fahrrad wie gewohnt an verbotener Stelle und sprintete die Treppe hoch zu unserem Büro.

Lena las irgendetwas am Bildschirm, Adil hatte die Füße auf die Fensterbank gelegt, um die Herbstsonne zu genießen, und Klaus glänzte durch Abwesenheit. Ein Bild häuslicher Idylle.

»Morgen, zusammen.«

Adil nahm betont langsam die Füße herunter, drehte sich um, grinste und sagte: »Chef, schön dich zu sehen!«

»Hast du keine Arbeit?«

Er deutete mit dem Kinn auf eine kleinen Stapel Papier am linken Ende seines Schreibtischs. »Schon erledigt. Sonst gibt es nur den üblichen Oktoberfestkram. Zwei Sachen musst du unterschreiben.«

Ich ließ mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen.

»Fährst du?«, fragte Lena von ihrem Bildschirm aufblickend.

»Ja, morgen. Ich ziehe meinen Urlaub einen Tag vor.«

»Und was versprichst du dir davon?«, wollte Adil wissen.

»Theiss meinte, er könne bei den Italienern ein wenig warmen Wind machen. Ich wüsste zumindest gerne, was genau passiert ist, und ich möchte mit meinem Bruder sprechen.«

»Hältst du das für eine gute Idee?«, meinte Lena. »Du kennst doch die italienischen Kollegen. Die können noch krätziger sein als die Franzosen.«

So viel zur europäischen Zusammenarbeit der Polizeibehörden.

»Schauen wir mal. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Bruder einen Mesner mit einem antiken Silberkreuz während der Messe in der Sakristei umbringt.«

Jetzt hatte ich zumindest ihre Aufmerksamkeit. Beide starrten mich mit offenem Mund an.

»Seht ihr: Deshalb möchte ich der Serenissima wieder einmal einen Besuch abstatten.«

»Was machen wir?«, fragte Adil nach einer Minute.

»Gegenfrage: Wo ist Klaus?«

»Beim Zahnarzt.«

Ach so.

»Ihr haltet die Stellung. Lasst mich wissen, wenn etwas Dramatisches passiert. Und, wer weiß?«, ich lächelte vielsagend. »Vielleicht brauche ich euch ja als Backup.«

»In Venedig«, murmelte Lena.

»Warum nicht? Ich gehe mal eine Etage höher.«

Kurz darauf saß ich Kriminaloberrat Theiss gegenüber. Er reichte mir einen dünnen Akt.

»Darin befindet sich alles, was Ihnen die venezianischen Türen öffnen sollte.«

Ich zog eine Augenbraue nach oben.

»Den Rest überantworten wir Ihrem diplomatischen Talent.«

»Meinen verbindlichsten Dank.«

Er grinste. »Ich weiß, Herr Schönheit. Aber zumindest sind Sie vor Ort. Und Sie sind ja nicht auf den Kopf gefallen.«

Mir fiel dazu nichts mehr ein.

»Melden Sie sich bei Gelegenheit mal«, rief er mir hinterher.

Als ich wieder im Büro saß, klingelte mein Handy.

»Von meiner Seite aus geht es klar«, sagte Martina.

»Wie wäre es mit einem späten Mittagessen?«

»Vorschläge?«

»Theo? Italienisch bekommen wir in den nächsten Tagen.«

Mit dem Fahrrad war ich in zwanzig Minuten in Theos Gastwirtschaft, die gegenüber der Kirche meines Bruders lag. Martina parkte im gleichen Moment ihren roten Mini und wir gingen zusammen in Theos Garten. Es war warm genug, um draußen zu speisen.

»Ihr seid spät dran«, meinte Theo.

»Wir mussten erst ein paar Stolpersteine aus dem Weg räumen.«

Er sah uns fragend an.

»Eine leichte Vorspeise, Theo, und ein Glas Weißwein«, erwiderte Martina lächelnd. »Dann darfst du uns einen Vorschlag machen.«

Nachdem sich Theo getrollt hatte, fragte sie: »Was sind jetzt diese großartigen Empfehlungen, die man dir versprochen hat?«

Ich zog die Plastikhülle aus meiner alten ledernen Umhängetasche.

»Ich habe sie noch nicht angeschaut.«

Es handelte sich um ein Schreiben des Polizeipräsidenten, in dem er in gutem Italienisch darum bat, mich in die Ergebnisse der Untersuchung einzuweihen.

»Zumindest scheint bei euch jemand genießbares Italienisch zu sprechen«, kommentierte Martina.

Das zweite Schreiben war an den Patriarchen von Venedig gerichtet, erklärte meine Position und bat um Unterstützung. Unterzeichnet hatte es der Generalvikar.

Theo stellte Teller mit einer Art Carpaccio vor uns und meinte nach einem kurzen Blick auf das vor mir liegende Schriftstück: »Doch zurück in den Schoß der Kirche?«

»Das ist vertraulich, Theo«, grummelte ich. »Du hast das nie gesehen.«

»Geht es um deinen Bruder?«

»Wie meinst du das?«

»Gegenüber herrscht ein emsiges Kommen und Gehen und das Konkurrenzblatt unserer lieben Martina erläutert es genüsslich im Web.«

Martina griff nach ihrem Handy.

»Du hast recht, es geht um Jean-Baptiste. Sie haben ihn in Venedig verhaftet. Schaut nicht gut aus. Wir fliegen morgen hin, inoffiziell.«

Er sah mich nachdenklich an. »Ich kenne Jean-Baptiste. Er war es nicht.«

»Wenn das so einfach wäre, Theo.«

»Esst erst einmal«, sagte er ungewohnt ernst. »Ich bringe euch dann das Hauptgericht.«

Hatten wir schon bestellt?

Martina blickte von ihrem Handy auf. »Die schlachten das richtig aus. Mit jeder Menge ›vielleicht‹, ›möglicherweise‹ und ›auf Grund unbewiesener Behauptungen‹.«

Ich trank einen Schluck Wein und widmete mich zunächst dem Pilzcarpaccio. »Deshalb will ich nach Venedig«, meinte ich dann. »Unter Umständen können wir helfen, auf alle Fälle können wir versuchen, ein paar Details richtigzustellen.«

Wir aßen schweigend. Kurz darauf kam Theo zum Abräumen, stellte zwei gefüllte Teller vor uns, eine große Schüssel mit Salat zwischen uns und eine Flasche Rotwein auf den Tisch.

»Die geht aufs Haus«, erklärte er. »Aus dem Veneto.« Dann legte er einen Zettel mit einem Namen, einer Adresse und einer Telefonnummer auf den Tisch. »Das ist mein Freund Pippo. Hervorragendes Lokal und beste Beziehungen. Buon Appetito.«

Ich sah ihn groß an, Martina lächelte ihr süßestes Lächeln und Theo strahlte.

Das Rinderfilet war butterzart und mit Balsamico zubereitet, der Wein passte wunderbar.

»Anscheinend wollen alle, dass wir Jean-Baptiste helfen«, murmelte Martina.

»Das ist das eine«, antwortete ich mit vollem Mund. »Andererseits geht es darum, einen Mörder zu fassen.«

Martina hatte sich entschlossen, ihren Wagen stehen zu lassen. Auf dem Heimweg durch die spätsommerlich warmen Straßen Schwabings meldete sich mein Handy.

»Sie kommen morgen?«

»Don Michele?«

»Ja, sicher.«

»Woher wissen Sie das?«

»Sie kennen doch Italien, Commissario«, lachte er.

»Es stimmt, wir werden morgen Mittag in Venedig sein.«

»Wissen Sie, wie Sie vom Flughafen in die Stadt kommen?«

Ich war bis jetzt immer mit Bahn oder Auto nach Venedig gefahren.

»Es gibt doch sicher ein Vaporetto.«

Die Vaporettos sind Venedigs Wasserbusse.

»Aber kein normales. Folgen Sie den Hinweisen zur Linie ›Alilaguna‹ und kaufen Sie an der Mole ein Ticket. Nehmen Sie die Linie ‚A‘ und steigen Sie an der Haltestelle ›Guglie‹ aus. Ich hole Sie dort ab.«

»Wissen Sie, wann wir ankommen?«

»Rufen Sie mich einfach an, wenn das Schiff losfährt. Sie brauchen etwa 45 Minuten.«

»Und wie erkennen wir Sie?«

»In Italien sieht ein Pfarrer immer noch aus wie ein Pfarrer, Commissario. A domani.«

»Wer war das denn?«, wollte Martina wissen.

»Don Michele. Er wusste, dass wir kommen, und holt uns an der Haltestelle des Vaporettos ab.«

»Und du bist sicher, dass das Ganze eine gute Idee ist?«

»Hey, was ist mit deinem Abenteuergeist?«

Wir küssten uns auf offener Straße. Das hatten wir schon lange nicht mehr getan.

Freitag

Martina und ich saßen nebeneinander in den engen Sitzen einer dieser Konservenbüchsen, die Luftfahrtgesellschaften heutzutage für Flüge unter zwei Stunden einsetzen. Vater hatte dank seiner Beziehungen ein Upgrade in die Businessclass bekommen, aber das änderte nichts am Sitzkomfort und nur marginal etwas an der Qualität des vermeintlichen Frühstücks. Aber man flog ja nicht der kulinarischen Genüsse wegen.

Martina schmökerte in Peter Ackroyds ›Venedig‹, das sie sich, kurz bevor das Taxi kam, aus meinem Bücherregal geangelt hatte, ich hing meinen Gedanken nach. Unter uns tauchten die Alpen auf. Wir flogen über Südtirol, links erschienen die drei Zinnen am Horizont, langsam machte sich die norditalienische Tiefebene breit. Der Kapitän teilte uns Temperatur und Wind in Venedig mit, die Flugbegleiterin bat, die Lehnen senkrecht zu stellen.

Ich hatte nach wie vor keine Vorstellung davon, was wir in Venedig unternehmen konnten. Ich wusste nur eines: Ich würde mich nicht zum Spielball der Elemente in diesem undurchsichtigen Spiel machen lassen.

»Wonach sollten wir suchen?«, fragte Martina, deren rotes Haar die bewundernden Blicke der anwesenden Herren auf sich zog, nachdem wir den Sicherheitsbereich verlassen hatten.

»Alilaguna.«

»Da ist ein Schild mit Boot und Wasser«, meinte sie dann.

Als wir den Flughafen verließen, umfing uns feuchtwarme Luft, der Geruch von Meer und das Geschrei von Möwen. Nicht zu vergessen die dreifache Frage »Taxi?«.

Wir verneinten höflich und folgten den Zeichen, die uns zu einem Gebäude führten, wo Wassertaxis und Schiffe ablegten. Gegen einen entsprechenden Obolus erwarben wir Tickets bei ›Alilaguna‹ und stellten uns bei der Linie ›A‹ in die Schlange. Als das nächste Boot anlegte, wählte ich Don Micheles Nummer.

»Pronto.«

»Schönheit hier. Wir fahren gleich.«

»Wunderbar. Wir sehen uns in einer dreiviertel Stunde.«

Die Lagune zog langsam an uns vorbei, während der Kapitän unseres Wasserbusses zwischen Vollgas und Herumtrödeln zu wechseln schien. Nach einem Halt in Murano bogen wir in einen schmalen Kanal ein und verließen zwei Haltestellen weiter unser Schiff. An der Seite des Kanals erblickten wir einen etwa 1,75 m großen Mann, braungebrannt, der ein breites Grinsen und einen erstklassig geschnittenen Talar trug.

»Una bella tonaca«, bemerkte ich, nachdem wir unsere Koffer abgestellt hatten.

»Ich sagte Ihnen doch, dass Sie mich erkennen würden. Ich bin Don Michele Bracco.«

»Benedict Schönheit, das ist Martina Beinhauser.«

»Willkommen in Venedig. Folgen Sie mir einfach, wir haben einen etwa fünfzehnminütigen Fußweg vor uns.«

Unsere Rollkoffer hinter uns her ziehend, bogen wir in einen der Durchgänge ein, die in Venedig Sotoportego heißen.

»Ist das das alte Ghetto?«, wollte Martina wissen.

»Eigentlich ist es das neue Ghetto«, antwortete Don Michele. »Die meisten Touristen nehmen es aber als das alte wahr. Leider hat der Tourismus hier in den letzten Jahren sehr zugenommen.«

Durch eine schmale Gasse, an einer verführerisch duftenden Bäckerei und einigen Kunstgalerien vorbei, kamen wir auf einen großen Platz, an dessen linker Seite zwei Soldaten Wache schoben. Ich sah Don Michele fragend an.

»Das ist das Zentrum der heutigen jüdischen Gemeinde. Die Soldaten dienen ihrem Schutz.«

Nachdenklich überquerte ich, Don Michele folgend und Martina im Schlepptau, eine kleine Brücke, die uns auf die andere Seite eines Kanals führte. Dass es im heutigen Europa dieser Sicherheitsmaßnahmen bedurfte, war ein Armutszeugnis. Mir wurde langsam warm, denn die Sonne brannte deutlich heißer als in München. Auch auf Martinas Stirn zeigten sich erste Schweißperlen.

»Wir sind gleich da«, meinte Don Michele beruhigend.

Tatsächlich zog er, kurz bevor der Kanal in eine Art Becken mündete, einen Schlüsselbund aus der Tasche seines Talars und schloss die große, braune Holztür zu einem Gebäude auf.

»Willkommen in meiner bescheidenen Hütte. Leider müssen Sie Ihr Gepäck in den ersten Stock schleppen, da sind die Gästezimmer, ich wohne im zweiten.«

Er ging voraus und öffnete wiederum mit Hilfe eines Schlüssels am Schlüsselbund die Tür zu einer Wohnung. Wir betraten einen großen Flur. Don Michele deutete auf eine Tür auf der linken Seite, die eine Art amtliches Siegel aufwies.

»Das ist das Zimmer Ihres Bruders. Die Polizei hat es durchsucht und dann versiegelt. Die beiden anderen Zimmer stehen Ihnen zur Verfügung.« Er lächelte. »Ehebetten habe ich hier leider nicht, denn die meisten meiner Freunde oder Verwandten reisen allein.« Er öffnete eine weitere Tür. »Das ist Ihr Bad. Machen Sie sich frisch und gehen Sie die Treppe rauf. Ich habe einen kleinen Dachgarten und mache uns einen Imbiss zurecht.« Damit verschwand er nach unten.

Martina und ich sahen uns an.

»Interessanter Typ«, meinte sie.

»Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Aber wir sind hier. Lass uns auspacken und sehen, was Michele so im Angebot hat.«

Die Zimmer waren modern und zweckmäßig eingerichtet. Die Devotionalien, die ich befürchtet hatte, fanden sich weder bei Martina noch in meinem Zimmer.

»Du wirst mir am Morgen fehlen«, sagte ich, als wir die Treppe nach oben erklommen. Sie nahm mich in den Arm.

»Kuscheln kann man überall, Herr Schönheit. Und wie ich Sherlock kenne, werden wir nicht ewig in Venedig bleiben.«

Auf dem Dach angekommen betraten wir eine etwa 50 Quadratmeter große Plattform, auf der zahlreiche Topfpflanzen die Sonne genossen, während ein Tisch unter einem Sonnensegel stand und Don Michele auf zwei Stühle deutete.

Ich ging zunächst an den Rand des Dachgartens, um meinen Blick über Venedig schweifen zu lassen. Auf der rechten Seite sah man hinter der nächsten Häuserreihe das Meer, am Horizont erstreckte sich eine Industrielandschaft, direkt vor mir lag ein schmaler Kanal, auf dessen linker Seite Tische und Stühle auf eine blühende Gastronomie hindeuteten. In der Ferne sah man einige höhere Häuser, die moderne Skyline Venedigs, mir fast direkt gegenüber ragte der Turm einer weiß gestrichenen Kirche in den Himmel.

»Ist das Ihre Pfarrei?«

Don Michele war neben mich getreten. »Ja und nein. Ich bin hier nur Vikar, aber die Arbeit im Weinberg des Herrn macht Spaß und ich habe hier viele Freiheiten.«

»Ist das eine zweite Kirche?«, fragte Martina, die ihre Hand auf meine Schulter gelegt hatte und auf einen roten Backsteinbau deutete.

»Das ist eine Einrichtung der Schwestern der Heiligen Dorothea«, meinte Don Michele. »Essen wir doch einen Happen.«

Wir nahmen im Schatten Platz und Don Michele goss uns ein Glas Weißwein ein.

»Haben Sie etwas von meinem Bruder gehört?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Die Questura mauert.«

Ich schob mir eine zweite Olive in den Mund und biss von einem Stück Brot ab.

»Können Sie uns bitte erzählen, was genau geschehen ist?«

Don Michele goss sich Wein nach. »Ihr Bruder hat während seines Aufenthalts die Frühmessen übernommen. Um sieben Uhr.« Er verzog das Gesicht. »Das macht hier der Vikar, aber die frühe Uhrzeit ist nicht so mein Ding. Ich war Jean-Baptiste dankbar dafür, denn er ist ein Frühaufsteher.«

»Er ging von hier über die Brücke da vorne zur Kirche?«

»Er ging hier Viertel nach sechs los, trank bei Gianni einen Espresso, kaufte sich den Gazzetino und war um Viertel vor sieben in der Kirche.«

Klang, als ob sich mein Bruder zu einem echten Venezianer entwickelt hatte.

»Der Gazzetino ist eine Zeitung, vermute ich mal«, kommentierte Martina.

»Das ist das Lokalblättchen. Wenn Sie wissen wollen, was in Venedig los ist, müssen Sie es lesen.«

»Und dann?«

»Riccardo oder eine der Schwestern wartete auf ihn in der Sakristei, half ihm beim Einkleiden und hat den Altarraum vorbereitet.«

»Riccardo ist der tote junge Mann.«

Don Michele stand auf, nahm sein Glas, ging zur Brüstung und verharrte dort, den Blick auf die Lagune gerichtet. Nach einer Weile drehte er sich um. »Riccardo war dreiundzwanzig und die Fröhlichkeit in Person. Er stammt aus einer guten Familie und studierte hier an der Universität Ca‘ Foscari Kunstgeschichte und Philosophie. Der ehemalige Generalvikar ist sein Großonkel und hat ihn an uns vermittelt. Er wohnte im Pfarrhaus bei freier Kost und Logis und half dafür in der Pfarrei aus.«

»Das heißt, er war gestern Morgen allein in der Sakristei?«

Don Michele nickte.

»Er assistierte Jean-Baptiste vor Beginn der Messe. Trat er während des Gottesdienstes in Erscheinung?«

»Das weiß ich nicht. Die Polizei hat die anwesenden Gläubigen zum Teil vernommen und auch Ihren Bruder. Ich weiß, dass Riccardo während der Messe gerne mal eine Zigarette rauchen gegangen ist, denn Kelch, Hostienschale und alles andere standen auf der Anrichte in der Kirche bereit. Jean-Baptiste hat ohne Ministranten zelebriert.«

»Und dann hat ihn mein Bruder nach Ende der Messe tot in der Sakristei gefunden?«

»Ja. Er ist im Messgewand aus der Sakristei ins Pfarrhaus gestürmt und hat nach Don Matteo gerufen.«

»Das ist der Pfarrer?«

»Ja. Sie sind dann zusammen zurück in die Kirche gegangen. Anschließend hat Don Matteo die Polizei gerufen.«

Ich nahm mir ein wenig mehr von der Antipasti, die Don Michele vor uns ausgebreitet hatte und bat ihn um ein weiteres Glas Wein.

»Wo genau in der Pfarrei war der junge Mann denn untergebracht?«

»Er hatte ein Zimmer im Pfarrhaus.«

»Das die Polizei zweifelsohne versiegelt hat.«

Don Michele nickte erneut.

»Und er wurde mit einem Kreuz ermordet?«, wollte Martina wissen.

War es Schmerz oder eher Unbehagen, das sich im Gesicht Don Micheles zeigte?

»Es ist eine ungewöhnlich schöne Arbeit aus dem späten 16. Jahrhundert. Italienische Spätrenaissance. Hoffentlich bekommen wir es wieder. Ich kann Ihnen Bilder zeigen, wir haben für die Versicherung eine Fotodokumentation.«

»Und er wurde damit erstochen?«

»Ich weiß, es klingt merkwürdig. Sie müssen es sich wie einen Brieföffner vorstellen. Es ist ein Altarkreuz, das in einem Ständer ruht. Der Schaft des Kreuzes selbst ist nicht scharf geschliffen, läuft aber spitz zu.« Er holte tief Luft und blickte wieder über die Lagune. »Der Commissario bei der venezianischen Polizei sagte, der Täter hätte genau gewusst, was er tat. Riccardo war sofort tot.« Er trank einen Schluck Wein. »Wenigstens etwas«, murmelte er dann.

»Mochten Sie Riccardo?«, fragte Martina, mit ihrer sanftesten Journalistinnenstimme. Sie zwinkerte mir zu, während Don Micheles Blick am Horizont zu verharren schien.

»Ja, ich mochte ihn«, sagte er dann. »Sehen Sie, ich stamme nicht von hier, auch mich hat der ehemalige Generalvikar hierher eingeladen. Riccardo hat frischen Wind gebracht. Es hat mir Freude bereitet, mit ihm hier zu streiten.«

Er blickte weiterhin versonnen in die Ferne, wo sich erste Gewitterwolken zeigten.

»Worüber haben Sie denn gestritten?«, wollte Martina wissen.

»Gestritten trifft es nicht. Wir haben diskutiert. Über Kirchengeschichte. Über den Heiligen Paulus. Über Nietzsche.«

Ich hatte mir eine Auswahl Meeresfrüchte auf meinen Teller gegeben.

»Wenn ich das richtig verstehe, wurde der junge Mann zu der Zeit ermordet, als Jean-Baptiste zelebrierte. Wenn er während der Messe in die Sakristei gegangen wäre, hätte das doch jemand bemerken müssen.«

»Das sehe ich genauso, Commissario«, meinte Don Michele, »aber die Zeugenaussagen gehen Sie am besten mit Ihren hiesigen Kollegen durch.«

Martina sah mich fragend an. Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. »Ich denke, das werde ich morgen tun. Haben Sie eine Kontaktadresse in der Questura?«

Er schüttelte den Kopf.

Ich stand auf, nahm mein Glas und ging zu dem hölzernen Zaun, der unseren Dachgarten einfasste und mich vor einem plötzlichen Sturz in den Kanal bewahrte. Tod in Venedig. Nein, ich befand mich nicht auf Thomas Manns Spuren.

»Es ist ein wunderbarer Blick von hier.«

»Es ist eine wunderbare Stadt, Commissario.«

»Ich heiße Martina«, meinte Martina in ihrer bekannt nonchalanten Art. »Wollt ihr zwei nicht auch zum Du wechseln? Ich finde dieses Don hier Commissario dort albern.«

Don Michele lachte nach einer Schrecksekunde lauthals, ich brauchte etwas länger.

»Femmine!«, meinte er dann, stand auf, nahm sein Glas und trat neben mich.

»Michele.«

»Benedict.«

»Benedetto? Wie euer Papst!«

»Tja«, grinste Martina, » ›Wir sind Papst‹.«

Don Michele lachte erneut. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das letzte Glas Weißwein eines zu viel für ihn gewesen war.

»Seien Sie mir nicht böse«, meinte Michele dann, »aber ich würde mich gerne ein wenig hinlegen. Lassen Sie das alles einfach stehen, ich kümmere mich später darum.«

»Wir können das doch schnell heruntertragen«, bot Martina an.

»Nein, bitte lassen Sie es«, sagte Michele. »Vielleicht möchten Sie ja einen ersten Blick auf Venedig werfen.«

Einen ersten Blick hatten wir ja schon geworfen. Ich sah Martina an, sie zuckte mit den Schultern.

Als wir beide auf meinem Bett saßen, fragte ich sie: »Und jetzt?«

»Jetzt, Herr Schönheit, legen wir eine kleine Siesta ein und dann gehen wir eine Runde spazieren.«

Wir hatten tatsächlich eine Siesta eingelegt und waren friedlich nebeneinander eingeschlafen. Es war kurz vor halb sechs, als wir erwachten, uns belustigt ansahen und das Bad aufsuchten, um uns kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Nachdem das Haus still war, gingen wir leise die Treppe hinunter. Bevor wir auf die Straße traten, meinte Martina – stets die Praktische:

»Haben wir einen Hausschlüssel?«

Ausgezeichnete Frage. Ich nahm einen der Schlüsselringe, die an vier Nägeln neben der Tür hingen. Der mittlere passte in die Tür. Martina nickte mir zu.

Wir wandten uns nach rechts, liefen den Kanal entlang, überquerten eine schmale Brücke und standen an der Lagune von Venedig. Links gestikulierten zwei ältere Frauen mit einem weißhaarigen Mann, der sich auf einen Stock stützte. Kinder spielten mit einem bunten Plastikball. Unweit vor uns gab es eine leere Bank, auf die wir zusteuerten.

»Was hältst du von all dem?«

»Keine Ahnung, Martina. Wir sind angekommen. Michele scheint ein netter Mann zu sein.«

»Da ist mehr.«

»Weibliche Intuition?«

»Verhaltensanalyse, geliebter Kriminaler.«

Ich sah sie fragend an.

»Die Reaktionen auf diesen Riccardo. Dass er uns nicht in seine Wohnung lassen wollte ...«

»Du meinst, deswegen hat er deine Hilfe abgelehnt?«

»Ja, klar.«

»Was könnte er denn zu verbergen haben?«

Sie zuckte mit den Schultern.

Vor uns preschten zwei junge Männer mit einem PS-starken kleinen Boot vorbei und reduzierten die Geschwindigkeit gerade noch rechtzeitig, um in den Kanal einzubiegen.

Ich ergriff Martinas Hand. »Gehen wir ein Stück. Nichts gegen Micheles Häppchen, aber ich könnte etwas Substanzielleres vertragen.«

»Du kannst auch nur ans Essen denken.«

»Und an dich.«

Wir gingen langsam zu dem Kanal zurück, an dem Micheles Haus lag. Das Leben hatte sich nach draußen verlagert, Menschen bevölkerten die Tische und Stühle der kleinen Bars und Restaurants.

Als wir kurz stehen blieben, um eine Speisekarte zu studieren, sprach uns ein großer, bärtiger Mann an, den seine Kleidung als Koch auswies.

»Ich habe Sie mit Don Michele gesehen.«

»Wir wohnen bei ihm«, antwortete ich in meinem besten Italienisch.

»Micheles Freunde sind meine Freunde. Warum speisen Sie nicht bei uns?«

»Was empfehlen Sie uns denn?«

»Das beste Fritto Misto von Venedig.«

»Überredet.«

Er lachte lauthals, ging zu einem Tisch und rückte die Stühle zurecht. »Signora, Signore.«

Kurz darauf stand eine Flasche Weißwein in einem Kühler neben unserem Tisch und ein paar Vorspeisen, die mich an das erinnerten, was Michele uns aufgetischt hatte, vor uns.

»Tutto a posto?«, meinte der bärtige Riese, als er vorbeischaute.

»Certo«, antwortete ich. »Kauft Michele eigentlich seine Vorspeisen bei Ihnen?«

»Sie sind ja der reinste Detektiv, Signore.«

»Damit verdiene ich mein Geld.«

Er sah mich skeptisch an.

Ich entschloss mich, die Karten auf den Tisch zu legen. »Ich bin Kommissar bei der deutschen Kriminalpolizei.«

Er musterte mich jetzt deutlich skeptischer. »Und was tun Sie hier?«

»Don Michele hatte einen anderen Gast.«

»Ja, den deutschen Pater. Ein netter Mann.« Er zögerte einen Moment. »Eine merkwürdige Geschichte.«

»Ich bin sein Bruder.«

Er nickte nachdenklich, als ein Kellner das Fritto Misto vor uns stellte. »Il fratello. Essen Sie erst einmal.«

Es war das beste Fritto Misto, das ich seit langen gegessen hatte. Es war allerdings, auch wenn wir uns Zeit gelassen hatten, einfach zu viel gewesen.

Der Riese erschien erneut an unserm Tisch. »Sie wollen mich beleidigen.«

Ich grinste. »Sie wollen uns zu viel des Guten antun, das kann doch kein Mensch aufessen.«

»Die Deutschen lieben solche großen Portionen.«

»Ich bin Franzose mütterlicherseits.«

»Ach so.«

Martina lächelte ihn schmelzend an. »Sie haben doch sicher einen Espresso.«

»Certo, Signora«, meinte er und wandte sich zum Gehen.

»Vielleicht auch einen Digestiv?«, rief ich hinterher.

Kurz darauf erschien er wieder an unserem Tisch mit zwei Espressi und drei Gläsern mit einer gelblichen Flüssigkeit.

»Sie sind der Bruder?«

Ich nickte.

»Und ein Poliziotto.«

Das war jetzt nicht unbedingt ein Kompliment, aber ich nickte erneut.

»Und was wollen Sie hier?«

»Mit meinem Bruder sprechen und ein wenig Licht ins Dunkle bringen.«

Er spielte nachdenklich mit seinem Glas, dann trank er einen Schluck. »Meine Mutter war in der Frühmesse«, sagte er dann. »Ich habe mit ihr darüber gesprochen. Sie hat mir gesagt, dass Don Giovanni während der ganzen Messe den Altarraum nicht verlassen hat.«

Don Giovanni war wohl Jean-Baptiste.

»Und Sie wissen, dass der junge Mann während der Messe in der Sakristei getötet wurde?«

»Das weiß jeder hier.«

»Trotzdem hat die Polizei meinen Bruder verhaftet.«

»Polizia«, grunzte er und spuckte in den Kanal. »Das müssen Sie mit Ihren Kollegen ausmachen.«

»Woher kennen Sie meinen Bruder überhaupt?«, fragte ich.

Er lachte wieder sein dröhnendes Lachen und winkte einem Kellner. »Er war nett. Wie haben nach der Sonntagsmesse mit ihm gesprochen.« Sein Blick wanderte zwischen dem Restaurant und uns hin und her. »Ausgesprochen nett. Er hat sich reizend um die älteren Herrschaften bemüht. Er hat hier ab und zu mit Paolo und den anderen ein Glas getrunken.« Er lächelte. »Er passte zu uns. Außerdem mochte er gutes Essen.«

Der Kellner erschien und schenkte uns nach.

»Ich bin Luigi Campanella«, meinte er und roch an seinem Grappa, »und Sie sind mir jederzeit hier willkommen, Commissario.« Er erhob sein Glas. »Salute!«

Martina und ich taten es ihm nach.

Nachdem wir die moderate Rechnung bezahlt hatten, machten wir uns auf den kurzen Heimweg. Martina war schweigsam, ich genoss den Geruch der salzigen Luft, die fröhlichen, gedämpften Geräusche im Hintergrund und das sanfte Glucksen des Kanals. Wir stiegen die Treppen ebenso so still hinauf, wie wir sie hinuntergestiegen waren.

»Gute Nacht, Bene.«

»Sollten wir nicht doch in ein etwas ... beziehungsfreundlicheres Quartier umziehen?«

»Wenn wir Jean-Baptiste helfen und den Mord aufklären wollen, müssen wir bleiben.«

Wir hielten uns im Arm.

»Gute Nacht, Geliebter«, sagte Martina mit einem selten gehörten Ernst in der Stimme.

»A domani, amore.«

Es war eine wahrlich einsame Nacht.

Samstag

Ich hatte traumlos geschlafen und wurde vom Lärm eines Lastkahns geweckt, der den Kanal, beladen mit allem, von Klopapier bis zu Kisten mit Obst, Gemüse und Wein, entlang dieselte. Ein Blick aus dem Fenster überzeugte mich, dass es ein schöner Tag werden würde. Auf einmal umschlangen mich von hinten zwei Arme, denn Martina hatte lautlos die Tür geöffnet und sich herangeschlichen.

»Sollen wir schauen, was unser Gastgeber treibt?«, fragte sie.

Ich warf einen Blick auf die Uhr: kurz nach acht.

»Ich denke, er hat die Frühmesse selbst gelesen«, meinte ich lächelnd. »Lass uns doch zuerst duschen.«

Die Betonung lag auf ›uns‹.

Nach einer ausführlichen Dusche liefen wir die engen Stiegen zu Micheles Wohnung hinauf. Es war mittlerweile kurz vor neun, aber auf unser Klopfen reagierte niemand.

»Cappuccino?«

Martina nickte.

Ich erinnerte mich, im alten Ghetto eine Bäckerei namens Volpe gesehen zu haben, aus der es verführerisch duftete. Wir überquerten die Brücke und tauchten in das Gewusel in den schmalen Gassen ein, in denen deutlich mehr Touristen unterwegs waren als gestern. In der kleinen, koscheren Bäckerei erwarben wir eine Tüte mit Gebäck, setzten uns an einen Tisch des Cafés am großen Platz und bestellten Cappuccino.

»Was treibst du denn heute?«, murmelte Martina etwas undeutlich, während sie einen süßen Sesamkringel verdrückte.

»Ich werde einen Blick auf den Tatort werfen, wenn das möglich ist, und ich würde gerne ein paar Worte mit dem Pfarrer wechseln. Und du?«

»Ich habe vorhin Elena aus dem Bett geworfen.«

Ich zog fragend eine Augenbraue hoch.

»Wir kennen uns seit zwanzig Jahren. Sie arbeitet beim Corriere della Sera. Ich habe sie gefragt, ob sie jemand beim Gazzetino kennt.«

»Und?«

»Giorgio Pozzobon.«

»Und das hilft uns?«

»Don Michele hat doch erklärt, dass die Typen beim Gazzetino mehr wissen als alle anderen. Ela hat ihn becirct, sich mit mir zu treffen.«

»Wo trefft ihr euch denn?«

»In der Redaktion.«

»Und die befindet sich wo?«

»In Mestre. Ich laufe zum Bahnhof und nehme da ein Taxi.«

Dafür, dass sie angeblich nie in Venedig gewesen war, kannte sich meine geliebte Journalistin gut aus.

»Und wann?«

»So in einer Stunde. Ich sollte langsam los«, ergänzte sie nach einem Blick auf ihre Armbanduhr, schnappte sich ihre große, gelbe Handtasche, gab mir einen Kuss und verschwand in der Menge.

Nachdem ich bezahlt hatte, spazierte ich zurück zum Kanal und lief auf der Seite entlang, auf der sich Micheles Pfarrkirche befand. Der eher langweilige Bau glänzte weiß in der strahlenden Morgensonne. Ich stieg fünf Treppenstufen hinauf und versuchte, das massive graue Portal zu öffnen – vergeblich, es war verschlossen.

»Das ist immer zu«, brummte ein grauhaariger, braungebrannter Mann, der sich auf seinem Boot zu schaffen machte. Er deutete auf ein verrostetes Metalltor: »Gehen Sie durch den Garten, Signore. Das Seitenportal ist meistens offen.«

Ich konnte mich nicht entscheiden, ob der Garten verwunschen oder verlottert war. Der Pfad war rechts und links von Sandkraut, Salbei und Veronica überwuchert, Sträucher und Unkraut bildeten dahinter ein undurchdringliches Dickicht. Das Seitenportal wirkte mit Spinnweben vor den kleinen Fenstern nicht besonders einladend, ließ sich aber öffnen.

Ich betrat einen kühlen, dunklen Kirchenraum, in dem der Geruch von Weihrauch hing. Die Kirche war leer, vor einem Marienaltar entfernte eine Ordensfrau Wachsreste von den heruntergebrannten Kerzen. Ich machte die nach neun Jahren oberbayerischer Klosterschule unvermeidliche Kniebeuge und setzte mich in eine der vorderen Kirchenbänke.

Ich schätzte die Kirche auf spätes 19. Jahrhundert, der Altarraum war mit einem Sammelsurium aus Tischchen, Hockern, Figuren und Devotionalien unterschiedlicher Provenienz vollgestellt. Für den Raum zu mächtige Säulen verstellten den Blick auf die Seitenschiffe. Ich rutschte auf die rechte Ecke der Kirchenbank, aber auch dort versperrte die vordere Säule die Sicht auf das, was ich für die Tür zur Sakristei hielt. Als es neben mir raschelte, wandte ich meinen Kopf und erblickte die Schwester, die ich an den Kerzenständern beobachtet hatte. Ihre braunen Augen blitzten fröhlich in einem faltigen Gesicht unbestimmbar hohen Alters.

»Ich habe Sie noch nie hier gesehen, Signore.«

»Ich bin erst gestern in Venedig angekommen.«

»Und schon in unserer Kirche?«, tönte es fragend.

»Ich wohne um die Ecke und suchte einen Moment der Ruhe.«

»Ich glaube, Sie suchen etwas anderes«, meinte sie verschmitzt.

Ich überlegte einen Augenblick. »Sie haben Recht. Ich bin der Bruder von Monsignore Jean-Baptiste.«

»Eine traurige Geschichte.«

Damit wandte sie sich ab und ließ mich verwirrt zurück. Jeder hier schien betroffen von Jean-Baptistes Schicksal, dennoch erzählte mir niemand Genaueres.

Ich erhob mich, umrundete die vordere Säule und stand vor einer massiven, dunkelbraunen Holztür, hinter der sich vermutlich die Sakristei befand. Da ich kein amtliches Siegel sah, versuchte ich, sie nach einem diskreten Blick auf die Schwester zu öffnen. Sie erwies sich jedoch als verschlossen.

Ich verließ die Kirche wieder durch den Seiteneingang und sah mich im Garten um. Das Gebäude links, schmutzig-rot verputzt, schien, ob seiner Größe, eher eine Schule der Schwesternkongregation zu sein, die Don Michele erwähnt hatte.

Ich schlenderte auf einem etwas besser gepflegten Pfad zu einem rechteckigen, zweistöckigen Bau. Neben einer modernen Tür waren Klingeln mit den Schildern ›Parrocchia‹, ›Don Matteo‹ und ›Ciagarelli‹ angeschraubt.

Ich läutete an der mittleren. Nachdem der Summer ertönt war, betrat ich ein mit Topfpflanzen vollgestelltes Treppenhaus, in dem eine Stimme rief: »Wer ist da?«

»Ich bin Benedict Schönheit, der Bruder von ...«. Weiter kam ich nicht, denn von oben hörte ich:

»Kommen Sie herauf.«

Auf dem Treppenabsatz im ersten Stock stand ein stämmiger Mann um die fünfzig, mit sonnengebräuntem Gesicht und grauem, krausen Haar. Er trug ein schwarzes, langes Priestergewand und musterte mich neugierig. »Buon giorno, Commissario«, sagte er. »Sie sehen Ihrem Bruder überhaupt nicht ähnlich.«

Jean-Baptiste hat weichere Gesichtszüge als ich, ist zwei Jahre älter, gut fünf Zentimeter kleiner und trägt etliche Pfunde mehr mit sich herum.

»Von Kindesbeinen an, Hochwürden.«

»Sagen Sie bitte Don Matteo«, erwiderte der Mann und führte mich in einen Raum, der ihm als Arbeitszimmer diente und in dem sich drei in die Jahre gekommene, weinrote Sessel um einen runden, dunkelbraunen Holztisch gruppierten.

Don Matteo deutete auf einen der Sessel und fragte: »Was kann ich für Sie tun?«

»Woher wissen Sie, dass ich bei der Polizei bin?«

»Ihr Bruder hat von Ihnen gesprochen. Er ist sehr stolz auf Sie.«

Ich musste ihn erstaunt angesehen haben, denn er fuhr fort: »Doch, doch. Nachdem ihn die hiesige Polizei festgenommen hatte, bat er uns, Sie unverzüglich zu benachrichtigen. Ich hätte selbst angerufen, wenn ich gewusst hätte, dass Sie Italienisch beherrschen.«

Warum hatte Don Michele dann zuerst mit unserem Vater telefoniert?

»Was gibt es denn genau für Beweise, die für Jean-Baptistes Schuld sprechen?«, fragte ich Don Matteo.

»Der venezianische Commissario war einer von der schweigsamen Sorte. Ein Sergente, mit dem ich sprach, während er im Garten eine Zigarette rauchte, sagte mir, man habe seine Fingerabdrücke auf der Mordwaffe gefunden. Sie wissen, dass man Riccardo mit einem Altarkreuz erstochen hat?«

»Don Michele hat es mir erzählt.«

»Dann hat er Ihnen sicher alles andere auch erzählt.«

»Michele konnte oder wollte nicht darüber sprechen.«

Don Matteo blickte einen Moment auf das große Kreuz an der Wand neben seinem Schreibtisch.

»Michele mochte Riccardo.« Er spielte mit einem Knopf an seiner Soutane. »So wie ich das sehe, hat Riccardo die liturgischen Gefäße auf die Anrichte gestellt, Ihr Bruder kam mit dem Messbuch in den Altarraum und dann verschwanden die beiden wieder in der Sakristei. Drei Minuten später kam Ihr Bruder allein zurück und die Messe begann.«

»Und die Polizei glaubt, er habe den jungen Mann in diesen drei Minuten erstochen? Das macht doch überhaupt keinen Sinn.«

»Wem sagen Sie das.«

»Kannte mein Bruder Riccardo denn vorher?«

»Sie waren einander sicher schon begegnet. Riccardo war oft bei Michele.«

»Haben Sie Jean-Baptiste und den Toten je allein zusammen gesehen?«

»Nicht dass ich wüsste.«

Ich sollte so schnell wie möglich mit Jean-Baptiste sprechen.

»Haben Sie zufällig den Namen des Commissarios, der die Untersuchungen leitet?«

»Er gab mir seine Visitenkarte, für den Fall, dass einem von uns etwas einfiele.«

Don Matteo stand auf, ging zu seinem Schreibtisch, öffnete eine Schublade und kam nach kurzem Suchen mit einer Visitenkarte in der Hand an den Tisch zurück. ›Emanuele Degasperi, Commissario della Polizia‹ las ich. Eine Telefon- und eine Handynummer waren angegeben. Sollte ich den Kollegen heute anrufen?

»Möchten Sie einen Blick in die Sakristei werfen?«, fragte mich Don Matteo.

»Genau das wäre meine nächste Frage gewesen«, antwortete ich. »Geht das denn?«

»Wir brauchen die Sakristei, das werden Sie sicher verstehen. Das Patriarchat hat sich eingeschaltet und erreicht, dass sie heute Morgen wieder frei gegeben wurde.«

»Patriarchat?«

Nannte man die Männerherrschaft in der katholischen Kirche in Venedig bei ihrem wahren Namen?

»Unser Bistum, Herr Schönheit. Il Patriarchato di Venezia.«

Ich nickte. Stimmt. Der Bischof von Venedig hieß Patriarch. »Dann lassen Sie uns in die Kirche gehen, wenn es Ihnen nichts ausmacht«, schlug ich vor.

Mittlerweile stand die Sonne senkrecht über uns und ihre Kraft wärmte meine nach dem Sitzen in Don Matteos ausgeleiertem Sessel verkrampften Schultern. Wir betraten die Kirche durch dieselbe Tür, die ich vor einer Stunde genommen hatte.

»Hat die Sakristei keinen eigenen Eingang?«, raunte ich in der stillen und menschenleeren Kirche.

»Sie hatte einen, aber der wurde aus mir nicht erklärlichen Gründen bei einer Umbaumaßnahme zugemauert«, antwortete Don Matteo, während er die Tür zur Sakristei mit einem großen, altmodischen Bartschlüssel öffnete.

Wir betraten einen kleinen Raum, an dessen einer Seite sich Schränke mit schmalen Türen aus dunklem Holz befanden. Gegenüber prangte ein Kreuz über einer Anrichte aus demselben Holz. Der Raum wirkte aufgeräumt, von dem hier vor kaum mehr als 48 Stunden stattgefundenen Mord war nichts zu spüren.

»Wir bereiten uns hier auf die Messe vor«, bemerkte Don Matteo, als ob er meine Gedanken erraten hatte. »So grauenvoll das Geschehen gewesen sein mochte, wir müssen unsere Gedanken auf das Heilige konzentrieren.«

Ich nickte nachdenklich.

»Wo stand normalerweise das Altarkreuz, mit dem der junge Mann getötet wurde?«

»Hier, mitten auf dieser Anrichte. Es wurde nur zum Hochamt auf den Altar gestellt.«

»Die Polizei hat Kreuz und Ständer mitgenommen?«

»Ja.«

Dieser Tatort bot nichts, aber auch gar nichts, das mich weiterbrachte.

»Essen Sie bei den Schwestern, oder darf ich Sie zum Mittagessen einladen?«

Don Matteo lächelte sein verschmitztes Lächeln und meinte dann: »Es wäre mir eine Ehre, mit Ihnen zu speisen.«

Ich schloss daraus, dass die Küche der Schwestern zu wünschen übrig ließ.

Wir verließen die Kirche, durchquerten den verwilderten Garten und betraten das Ufer des Kanals, den wir auf der nächsten Brücke überquerten. Es war mittlerweile fast eins und hochsommerlich warm. Als wir auf der gegenüberliegenden Seite auf das Restaurant zuliefen, in dem Martina und ich gestern gespeist hatten, erhob sich der Wirt aus seinem Stuhl im Schatten und breitete die Arme aus.

»Padre, Commissario, wollen Sie nicht bei mir das Mittagessen einnehmen?«

Don Matteo drohte ihm mit dem Finger. »Du erliegst schon wieder den Verführungen des Mammons, mein Sohn.«

»Padre«, erwidertet Luigi Campanella in Stentorstimme, »zum Essen gibt es keinen besseren Platz als diesen hier.«

Ich konnte mir ein Lachen nicht verbeißen. »Was hast du denn zu bieten, Luigi?«

»Für euch nur das Beste. Ein wunderbares Antipasto di Mare und frische Goldbrassen vom Grill.«

Ich sah Don Matteo an.

Der grinste. »Er ist ein Sünder, Commissario, wie wir alle. Aber er kocht wie ein Engel.«

Der Wirt rückte zwei Stühle zurecht. »Prego, Signori.«

»Was erwarten Sie sich eigentlich von mir?«, fragte Don Matteo, während er sich einen Polpetto in den Mund schob.

»Ich wollte nur mit Ihnen zu Mittag essen«, erwiderte ich.

»Völlig absichtslos.«

»Natürlich.«

Wir beschäftigten uns wieder mit den ausgezeichneten Antipasti, die uns Luigi serviert hatte.

»Was halten Sie von Michele?«

Er schluckte einen Bissen hinunter. »Er ist ein guter Priester, wenn Sie das meinen. Kam her auf Einladung des ehemaligen Generalvikars. Hat sich nie so richtig eingewöhnt.« Er lächelte erneut. »Sehen Sie, Ihr Bruder hat es geschafft, in zwei Tagen einen Draht zu den Menschen hier zu finden. Mag ein besonderes Talent sein, aber Michele ist das in Jahren nicht geglückt. Die Leute achten ihn, aber sie lieben ihn nicht.«

»Warum?« Meine Frage hing in der Luft, während Luigi die leeren Teller abservierte.

»Ich weiß es nicht. Er kommt aus dem Nordwesten. Vielleicht passt er einfach nicht.« Don Matteo widmete sich dem grünen Salat, den Luigi, ohne dass wir ihn bestellt hatten, vor uns stellte.

»Warum ist er dann hiergeblieben?«

»Zum einen ist es nicht so leicht, die Diözese zu wechseln, zum anderen hatte er im Generalvikar einen guten Freund und Förderer.«

»Hatte?«

»Monsignore Foscari ist vor zwei Jahren gestorben.«

Unser Fisch wurde serviert und die ersten Bissen schmeckten vorzüglich.

»Sie brauchen bei Ihren Ermittlungen nicht in diese Richtung zu graben«, meinte Don Matteo. »Ich denke, das führt zu nichts.«

Wir aßen zunächst schweigend unseren Fisch.

»Ich glaube, dass weder Michele noch Ihr Bruder mit diesem Tod etwas zu tun haben.«

»Wer dann?«

»Wie ich den hiesigen Ermittlern hier schon gesagt habe: Der Täter kann nur aus dem Umfeld Riccardos kommen. Dort muss man ansetzen.«

»Können Sie mir mehr dazu sagen?«

»Riccardo hat mit mir wenig über sein Leben hier in Venedig gesprochen. Da sollten Sie eher mit Michele sprechen.«

Der mir vermutlich genauso wenig sagen würde.

Wer verbarg hier was? Ich sollte versuchen, Commissario Degasperi zu erreichen.

Luigi tauchte mit zwei gefüllten Espressotassen auf und blickte uns mit kritischem Blick an.

Ich nickte. »Si, per favore.«

»Und was war das jetzt?«, wollte Don Matteo wissen.

Die Antwort gab unser Wirt, indem er zwei Grappa vor uns stellte.

»Sie scheinen sich hier gut eingelebt zu haben«, kommentierte der Priester.

Nachdem ich die Rechnung beglichen und wir uns verabschiedet hatten, lief ich über die Brücke zurück auf den Platz vor dem jüdischen Kulturzentrum, wo es unter einem großen, alten Baum ein schattiges Plätzchen gab, und griff zum Telefon, um Commissario Degasperi anzurufen.

»Pronto!«, ertönte es etwas atemlos.

»Buon giorno, Commissario, mein Name ist Schönheit.«

»Sind Sie der Bruder, von dem der Monsignore erzählt hat? Sie kommen mir gerade recht. Was wollen Sie?«

Charmant.

»Mit Ihnen über meinen Bruder und den Fall sprechen.«

»Da gibt es nichts zu bereden. Sie haben hier keine Jurisdiktion.«

»Das weiß ich, Herr Kollege, aber Sie werden sicher verstehen, dass man sich Sorgen macht in München.«

»Ich bin auf dem Weg in die Questura. Von mir aus schauen Sie in der nächsten Stunde vorbei.«

Aufgelegt.

Ob der Herr Kollege Stress hatte? Ein kleiner Verdauungsspaziergang am Bahnhof vorbei ins Polizeipräsidium von Venedig sollte mir Klarheit verschaffen. Die Questura befindet sich, anders als der deutsche Fernsehzuschauer erwartet, in einem großen, schmucklosen, schmutzig-roten Kasten, eingeklemmt zwischen Bahngleisen, der Hauptzufahrtsstraße nach Venedig und Kanälen.

Nachdem ich die neue Ponte della Costituzione überquert hatte, wandte ich mich nach rechts und stand kurz darauf zwei uniformierten Beamten gegenüber, die mich nach meinem Begehr fragten. Ich bat darum, Commissario Degasperi anzurufen und ihm zu sagen, dass Vice Questore Schönheit aus ›Monaco di Baviera‹ ihn gerne sprechen wolle.

»Ah, Fiesta della Birra!«, meinte der eine, während der andere zum Telefon an der Wand griff.

Zwei Minuten später kam mir ein Herr im bestens geschnittenen Anzug mit ausgestreckter Hand entgegen.

»Vice Questore Schönheit, freut mich, Sie kennzulernen. Ich bin Vice-Questore Gramsci. Ihr Herr Präsident hat bei uns ein gutes Wort für Sie eingelegt. Bitte kommen Sie mit.«

Ich lächelte dankbar und versuchte meine Verblüffung zu verbergen. Irgendwem in der Löwengrube schien mein Auftauchen hier so wichtig zu sein, dass man sogar direkt mit den italienischen Kollegen kommunizierte.

Der Vice-Questore führte mich durch lange Gänge und zwei verschiedene Treppenhäuser vor eine etwas in Jahre gekommene Bürotür, durch die er nach kurzem Klopfen eintrat.

---ENDE DER LESEPROBE---