Schuld und Verführung - Thomas Michael Glaw - E-Book

Schuld und Verführung E-Book

Thomas Michael Glaw

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Beschreibung

An einem Montag stürzt ein Student einer privaten Hochschule vom Balkon und ist tot. In seinem Apartment findet die Polizei Rauschgift. Ist er gefallen? Wurde er gestoßen? Benedict Schönheit und seine Mitarbeiter finden sich einem Gewirr persönlicher Beziehungen wieder, in deren Zentrum eine junge Frau steht, die Benedict aus seiner Jugend kennt: Sophie Binder. Als es zu einem weiteren Todesfall kommt, wird Kriminalrat Schönheit klar, dass er nicht nur auf den Spuren der deutschen Romantik unterwegs ist.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Thomas Michael Glaw

Schuld und Verführung

Benedict Schönheits zweiter Fall

Für D.

die Ordnung ins Chaos bringt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über http://dnb.de abrufbar

Neuauflage

Lubahn + Glaw Verlag GbR – Mediathoughts

Copyright 2019 Lubahn + Glaw Verlag GbR – Mediathoughts

ISBN: 978-3-947724-10-9

Sophie Binder stolpert

Francis Sakamoto hält von Zen wenig und von Romantik viel

Kriminaloberrat Theiss erstaunt bisweilen

Dr. Florian Smalto fährt zu schnell

Orazio Feltrinelli schenkt Espresso ein und Grappa aus

Dr. Klaus Orthuber verrät ein Geheimnis

Simon Staudinger vergreift sich

Bruder Raphael will dem Freund ein Freund sein

Peter Riesacher fällt tief

Martina Beinhauser möchte einen Besuch machen

Maximilian Heym will mehr als er bekommt

Altabt Waldemar Langgauer lächelt

und Kriminalrat Benedict Schönheit führen die Spuren der Romantik ins Grauen

Sonntag

Es war ein eher dumpfer Klang, der sich in meinem Hinterkopf manifestierte. Hatte sich der Nachbar unter mir - glücklicherweise gab es über mir niemand - einen Punchingball gekauft? Gab es eine japanische Trommlergruppe, die morgens um sieben in Schwabing unbedingt eine Performance machen musste? Oder waren es doch … Kirchenglocken? Ich zog mein linkes Augenlid halb hoch. Nicht, dass es irgendetwas zur Aufklärung des Sachverhalts beigetragen hätte. Ich hätte gestern nicht dieses letzte Glas Wein trinken sollen. Die Tatsache, dass mir die Sprüche meines Chefs jetzt schon vor dem Frühstück ins Bewusstsein kamen, ließ tief blicken. Mein Gott. Apropos. Es waren Kirchenglocken.

Warum läuteten jetzt, hier, mitten in Schwabing um sieben Uhr morgens an einem Sonntag im Frühsommer, die Glocken? Ich sollte mal ein Wort mit meinem Herrn Bruder wechseln, der für diesen himmlischen Lärm mitverantwortlich war. Ich streckte mich, wie es die Kater, die es in meiner Familie während meiner ganzen Kinder- und Jugendzeit gab, getan hätten.

Und jetzt?

Es war zehn nach sieben, als wieder Stille einkehrte. Ich stand auf und warf einen Blick aus dem Fenster: blauer Himmel. Ich taperte in die Küche und setzte erst einmal die Moka auf; nach einem doppelten Espresso würde die Welt sicher anders aussehen.

Während ich die Hälfte der starken, schwarzen Flüssigkeit in meiner kleinen Tasse schwenkte, verspürte ich das Verlangen, wieder einmal früh morgens am Ufer des Starnberger Sees zu stehen. Es waren Bilder aus meiner Jugend. Aufs Rennrad steigen, eine halbe Stunde später am Ufer des Sees stehen. Die unterschiedlichen Farben des Wassers, das winterliche Grau, der Blaustich, der zur Sommerzeit schon früh auf dem See lag. Meine Geschwister und ich hatten eine Jolle in St. Heinrich liegen; in der Früh war an Segeln nicht zu denken, trotzdem stand ich gerne auf dem Steg von St. Heinrich und blickt über den See. Besaß ich ja doch etwas von der romantischen Ader, die mir Martina bisweilen unterstellte.

Von Schwabing mit dem Rad zum Starnberger See wäre eine Herausforderung gewesen, aber seit knapp zwei Monaten war ich ja stolzer Besitzer eines TR6. Papas altes Cabrio …

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich ihm zugeredet hatte. Mama hatte schon lange nicht mehr mitfahren wollen - es erschien ihr zu gefährlich. Na ja, mit Papa am Steuer? Ich musste lächeln. Mein alter Herr wollte seine Jugendzeit nicht aufgeben, auch wenn er sich darüber nie ausgelassen hatte. »Der Gentleman genießt und schweigt«, war einer seiner Lieblingssprüche.

Der zauberhaft, dunkelgrüne Triumph TR 6 verstaubte langsam in der Garage. Vor ein paar Jahren hatte ein Eichhörnchen einen der Ledersitze zum Nestbau teilweise zerlegt. Papa hatte sich furchtbar aufgeregt, aber passiert war nichts.

Als wir im Februar, an seinem Geburtstag, wieder alle versammelt waren, hatte mir Mama zugeflüstert:

»Frag ihn doch mal nach dem dämlichen Auto.«

Meine Mutter hatte für die Autos meines alten Herrn stets nur geringes Verständnis aufgebracht. Als Vater nach dem Essen mit einer Tasse Espresso in sein geliebtes Chesterfieldsofa gesunken war, ließ ich mich, ebenso ausgestattet, in die Polster neben ihm sinken. Er grinste mich über die Ränder seiner goldgefassten Brille an.

»Gib’s zu: Mama hat geplaudert.«

»Mama hat was?«

»Jetzt stell dich bitte nicht dümmer an, als du bist, Benedict.« Der strenge Blick des geübten Psychiaters. »Willst du die Kiste denn überhaupt noch haben?«

Ich zögerte. »Na ja …«

»Lass es besser …«

Bei einem Verhör hätte mein Vater mich lässig in die Tasche gesteckt. Er griff in die Tasche seiner dunkelblauen Cordhose, zog einen deutlich in die Jahre gekommenen Schlüsselbund hervor und hielt ihn mir vor die Nase.

»Viel Spaß, Sohnemann. Das ist ein Stück Jugend, vergiss das nicht.«

Ein Stück Jugend … Die Gedanken an meine neuen vier Räder vermischten sich in meinem Kopf mit den Eindrücken des Sees, den Katzen, die bei uns ein- und ausgingen, meinen Eltern, meinen Geschwistern. Wenn ich nicht bald in die Gänge käme, würde es ein melancholischer Sonntag werden.

Der Kaffee war alle. Eine heiße Dusche, ein frisches weißes Hemd, eine Jeans, und wo waren doch gleich wieder die verflixten Autoschlüssel?

Als ich aus dem Haus trat, einen Pullover gegen die Kühle um die Schultern geschlungen, war ich mit einem Schlag endgültig wach. Schwabing an einem sonnigen Sonntag im Mai hatte etwas, auch wenn hier im Moment überall Baustellen waren, weil sich irgendwer in den Kopf gesetzt hatte, die Bürgersteige zu verbreitern.

Das Verdeck war, wie immer, etwas hakelig, aber dafür sprang der Motor sofort an. Wenn ich den Mittleren Ring, ebenso wie die deutschen Bundesfernstraßen, vulgo Autobahnen, zutiefst verabscheute, gab es quasi keinen anderen Weg, um relativ schnell nach St. Heinrich zu kommen. Ich fand es immer wieder schön, wenn kurz hinter dem Abzweig nach Starnberg die Berge größer wurden und man das Gefühl hatte, ins ‚Oberland‘ zu kommen. Ich hätte da nicht für viel Geld wohnen wollen, und Geld brauchte man dort in der Tat, auch wenn man nur eine bescheidene Behausung kaufen oder mieten wollte, aber ich war immer wieder gerne dort, solange ich in meine Bude in Schwabing zurückkehren konnte.

Ausfahrt Seeshaupt.

Drei Hügel weiter parkte ich mein dunkelgrünes Schmuckstück auf dem Parkplatz am See. Der Kies knirschte unter meinen Schuhen, einzelne, spitze Steine bohrten sich unangenehm durch die dünnen Sohlen meiner Sneakers. Der See war graublau, die Wellen glucksten. Er war hier seicht, um vernünftig zu schwimmen, musste man ein paar hundert Meter hinein waten. Drei Enten schwammen mit dem Gleichmut von Schlachtschiffen vorbei, ihre Bugwellen schlugen sanft ans Ufer.

Auf dem Landungssteg hob sich die Silhouette einer einzelnen Person dunkel gegen die Landschaft ab. Ich hatte gehofft, hier ein wenig Einsamkeit zu genießen. Trotzdem ging ich auf den hölzernen Steg, der etwa 25 Meter weit in den See hinausführte, und blieb ein paar Schritte hinter der Frau stehen. Sie trug einen dunklen Trenchcoat, hatte die Hände in den Taschen vergraben und starrte bewegungslos auf den See. Von einem Moment zum anderen frischte der Wind auf, zerzauste ihre kurz geschnittenen, dunklen Haare, die unter einer leuchtend roten Mütze hervorragten, während ich meine Baskenmütze festhalten musste. Durch den Windstoß schien sie aus ihrer Starre zu erwachen und drehte sich um.

Ich blickte ins Gesicht einer Frau um die zwanzig, deren kastanienbraune Augen auf einen weit entfernten Punkt fixiert schienen. Sie hatte ein schmales Gesicht, hohe Wangenknochen und einen leuchtend rot geschminkten Mund. Ein dunkelblaues Seidentuch, an dem der Wind zerrte, war um ihren Hals geschlungen. Ihr Blick schien sich jetzt von jenem imaginären Punkt am Horizont zu lösen und sie blickte mich an. Ich hatte das seltsame Gefühl, das Gesicht schon einmal gesehen zu haben, als sie mich ansprach.

»Benedict?«

Mein Gesichtsausdruck war wohl nicht der intelligenteste, denn sie musste lachen.

»Benedict Schönheit, oder?«

»Äh, ja … sind wir uns …?«

»Sophie, Bene, … Sophie Binder.«

Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Sophie, die kleine Sophie. Binders lebten zwei Häuser vom Haus meiner Eltern entfernt, Vater hatte mit dem alten Binder früher mal Schach gespielt und, wenn ich mich richtig erinnerte, es Sophie beigebracht, nachdem ihr Vater nicht mit einem Übermaß an Geduld gesegnet war.

»Mein Gott, wie hast du dich verändert«, entfuhr es mir.

»Wir werden alle älter, Benedict.«

»Du bist vor allem schöner geworden.«

Sie lächelte.

»Und was treibst du jetzt so?«

»Vor allem brauchte ich mal wieder einen ruhigen Moment am See.«

»Ja, deshalb bin ich heute Morgen auch hier heraus gefahren.«

»Wohnst du in München?«

Ich nickte.

»Ich auch.«

Einen Moment lang schwiegen wir. Mir kam eine Idee.

»Hättest du Lust auf einen Kaffee oder Frühstück?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe Papa versprochen, zum Frühstück vorbeizuschauen. Vorher wollte ich ein wenig Kraft tanken.«

Ich erinnerte mich vage, dass vor einigen Jahren ihre Mutter an Krebs gestorben war und dass ihr Vater sich für eine Zeit zurückgezogen hatte. Mein Vater hatte versucht, den Kontakt aufrecht zu erhalten und ihn immer wieder besucht.

»Ist dein Vater noch nicht über den Tod …«

Sie blickte zu Boden. »Papa wird seine Margarete nie vergessen können, aber er geht wieder unter Menschen, nicht zuletzt dank der Hilfe deines Vaters. Mir fallen die Sonntagsbesuche trotzdem nicht leicht, weil ich nicht weiß, worüber ich mit ihm reden soll.«

Wir gingen langsam in Richtung Parkplatz zurück. Ihr Vater musste ungefähr der gleiche Jahrgang wie meiner sein, also Mitte siebzig. Ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte.

Sophie schien meine Unsicherheit zu spüren. »Wenn du Lust hast, können wir uns ja mal in München treffen. Ich studiere Architektur an der Technischen Universität und wohne in Schwabing.«

»Ich auch«, entfuhr es mir. »Ich wohne auch in Schwabing. Dann können wir uns ja mal sehen. Ich würde mich freuen.«

Klang das jetzt zu konventionell? Es war einer von jenen Momenten, in denen ich mir alt vorkam.

»Sag mir mal deine Handynummer, dann schicke ich dir meine.«

Ich sagte sie ihr. Sekunden später klingelte mein Handy und eine Nummer erschien auf dem Display.

»Ich muss jetzt los.«

»So spät ist es doch noch gar nicht.«

»Zeit mit Papa ist Zeit mit Papa. Ernsthaft, Bene. Auch wenn wir manchmal nicht wissen, worüber wir reden sollen, ist mir die Zeit mit ihm wichtig.«

Sie fischte eine Fernbedienung aus der Tasche ihres Trenchcoats, darauf begann ein nachblaues Cabrio japanischer Bauart merkwürdige Geräusche von sich zu geben.

»Du fährst gerne offen?«

Sie schaute mich erstaunt an.

»Ein alter TR 6 gibt zwar keine Geräusche von sich, aber man spürt den Wind im Haar.« Ich deutete auf meine alte Kiste.

Sie nahm meine Hand.

»Ich wusste nicht, dass dir der Wind im Haar etwas bedeutet.« Ein kurzes Zögern. »Bis bald, Bene … und ich meine es ernst.«

Sprach‘s, warf ihren Trenchcoat auf den Rücksitz, setzte sich hinters Steuer und verschwand. Als ich mich umdrehte, warfen die Wellen das Licht der niedrig stehenden Sonne zurück. Nachdenklich wandte ich mich nach rechts, um noch ein wenig am See entlang zu gehen.

Es war eine unerwartete Begegnung gewesen. Ich erinnerte mich vage an die kleine Sophie, sie war mindestens 15 Jahre jünger als ich. Ich kannte sie vor allem von den Geburtstagsfeiern meines Vaters, zu denen sie oft im Schlepptau ihrer Eltern aufgetaucht war. Als sie älter wurde, hatte sie durchaus die Augen der anwesenden männlichen Jugend auf sich gezogen, zum Unbill ihres Vaters.

Wenn man relativ früh am See spazieren ging, konnte man den Alltag ein wenig hinter sich lassen, ab und zu kreuzte sogar, wie jetzt, ein Fuchs den Weg des frühen Wanderers.

Die letzten Wochen waren anstrengend gewesen. Zudem fiel es mir schwer, meine Gedanken von Sophie zu lösen. Frühere Begegnungen verschafften sich Raum. Es musste drei oder vier Jahre her sein, dass ich mit ihr gesprochen hatte. Die ersten Missbrauchsfälle in kirchlichen Schulen waren ans Licht gekommen und wir standen im Garten meiner Eltern und sprachen darüber. Sophie und ich hatten, wie meine Geschwister, die Schule im benachbarten Benediktinerstift Heiligenberg besucht. Sophie war im Verlauf des Gesprächs recht still geworden. Als Schüler im Stift waren mir Übergriffe von Lehrern oder pädagogischen Hilfskräften nie untergekommen, noch hatte ich davon durch Mitschüler erfahren – aber als Externer war man vielleicht weniger gefährdet. Ich hatte die Atmosphäre an meiner Schule, bei aller akademischen Herausforderung, immer als warm und menschlich empfunden.

Der nächste Parkplatz am See war schon deutlich voller, es waren aber noch nicht die Badegäste aus dem Großraum München, eher Spaziergänger und Radler oder Väter, die ihren Kindern vor dem sonntäglichen Mittagessen ein wenig Bewegung gönnen wollten. Es war einer der schönsten Aspekte meiner Kindheit gewesen, dass sich mein alter Herr derartigen Aktivitäten konsequent verweigert hatte. Auch wenn er hohe Ansprüche an meine Geschwister und mich hatte, so hatte er doch immer unsere individuellen Bedürfnisse respektiert.

Auf dem Rückweg gelang es mir, während ich ‚The Girl from Ipanema‘ vor mich hin summte, ein wenig Abstand zu gewinnen. Als ich auf Papas ‚Stück Jugend‘ in British Racing Green zusteuerte, wurde mir einmal mehr klar, dass ich eine freie Kindheit gehabt hatte, freier als viele der umsorgten Kinder und Jugendlichen heute.

Montag

Ich weiß nicht, warum die Leute glauben, Montage seien bei der Kriminalpolizei deutlich aufregender, als in ‚normalen‘ Berufen.

Sie sind es nicht.

Die üblichen Vorfälle am Wochenende werden meistens vom Kriminaldauerdienst, der besonders bei den jüngeren Kolleginnen und Kollegen nicht sonderlich beliebt ist, bearbeitet. Nur wenige Straftaten, in unserem Fall Tötungsdelikte, schaffen es auf Kriminaloberrats Theiss Montagmorgenkonferenz – oder holen den Alten gar aus dem Wochenende.

Adil hatte für Klaus und mich Kaffee besorgt, den wir wohlweislich in unserem Büro tranken, während wir kurz über die Meldungen vom Wochenende sprachen, um zu schauen, ob irgendetwas auf uns zukäme. Es sah nicht danach aus; schlimmstenfalls würde Theiss mal wieder irgendeine olle Kamelle aus dem Hut zaubern, oder - schlimmer - irgendwelche überflüssigen Statistiken zur Ausarbeitung verteilen. Uns schien er dabei immer besonders auf dem Kieker zu haben. Schon deshalb musste der Morgenkaffee im Vorfeld getrunken werden – der Chef fand Kaffee auf der Morgenkonferenz respektlos.

Die Besprechung verlief so langweilig wie befürchtet. Der Kelch sinnloser Statistiken war dieses Mal an uns vorübergegangen. Ich hatte begonnen, den Papierstapel auf der rechten Seite meines Schreibtisches ein wenig abzubauen, als das Telefon läutete. Wieso hatten wir eigentlich bei internen Anrufen immer noch keine Ruferkennung?

»Schönheit.«

»Kommen Sie bitte mal kurz zu mir hoch, Herr Schönheit?«

Der Chef.

»Klar. Irgendetwas Spezielles?«

»Ein Toter.«

Weg war er. Theiss sparte sich große Worte und elegante Formulierungen üblicherweise für Gespräche mit dem Präsidenten oder gelegentliche Konferenzen bei Europol auf. Ich warf die Akte wieder auf den Stapel, deutete mit dem Daumen über die Schulter und meinte zu Adil und Klaus, die mich gespannt anblickten:

»Bin gleich wieder da.«

Die Türe zu Theiss Büro stand offen, seine Sekretärin schien sich ein frühes Mittagessen in der Kantine zu gönnen, als der Walrossschnauzbart von Max Mittermeier von der Drogenfahndung um die andere Ecke des Gangs geschossen kam.

»Joint Task Force, Herr Kollege?«

Er grinste.

«Ihr Chef war, wie immer, kurz angebunden.«

»Kommen Sie doch bitte herein, meine Herren.«

Theiss hatte seine Ohren überall. Wir betraten sein penibel aufgeräumtes Büro. Obwohl mir Chaos auf dem Schreibtisch zuwider war, könnte ich nie in einer so ordentlichen, fast sterilen Umgebung arbeiten. Kriminaloberrat Robert Theiss war nur unwesentlich älter als ich, hatte sich von unten hoch gedient und auf dem Weg nach oben zum Machtmenschen entwickelt. Unser alter Chef hielt sich bei der Personalie seines Nachfolgers immer taktvoll bedeckt. Er hielt ihn für fachlich fähig, über das persönliche schwieg er sich aus. Theiss modische Brille war ein Stück auf das Nasenbein heruntergerutscht, als er uns aufforderte, Platz zu nehmen.

»In der Kaulbachstraße scheint jemand vom Dach gefallen zu sein.«

Mittermeier und ich schauten uns an.

»Und was haben wir damit zu tun, Herr Kriminaloberrat?«

Theiss nahm seine Brille ab, um mit ihr zu spielen. »Die Kollegen vor Ort können ein Tötungsdelikt nicht ausschließen, auch wenn alles nach Selbstmord oder einem Unfall aussieht.« Er hob die Hand, um eine weitere Nachfrage Mittermeiers im Ansatz zu stoppen. »Außerdem haben sie im Zimmer des jungen Mannes eine, wie soll ich es ausdrücken, eine kleine Pilzplantage gefunden, die vermutlich Ihr Interesse wecken könnte, mein lieber Mittermeier.« Er räusperte sich. »Nachdem Sie ja letzten Dezember so gut zusammengearbeitet haben ...«

Der Chef spielte auf die Affäre um eine getötete Obdachlose an, die zur Enttarnung einer Gruppe von Drogenhändlern geführt hatte. Mittermeier und ich hatten am Ende am gleichen Strang gezogen, auch wenn seine Abneigung gegen mich immer wieder spürbar gewesen war. Seiner Meinung nach hatten ‚Professorensöhnchen‘ nichts im Polizeidienst verloren.

»Und Sie meinen, wir sollten gemeinsam einen Blick darauf werfen?«

»Herr Schönheit, Sie müssen ja nicht gemeinsam hinfahren. Ich kenne Ihre Vorliebe für den Drahtesel, aber vielleicht können Sie sich des Falles gemeinsam annehmen. Und ohne Kompetenzgerangel bitte. Die Leiche gehört uns, die Pilze Ihnen, Mittermeier.«

Starke Worte für Herrn Theiss. Mittermeiers Gesicht spiegelte eine Mischung aus Verärgerung und verkniffenem Grinsen wider.

»Mit Herrn Türk ist das Ganze im Übrigen abgesprochen«, fügte Theiss hinzu. Mittermeier klappte den geöffneten Mund wieder zu. Mir fing die Sache langsam an, Spaß zu machen. Kriminaldirektor Türk war der Chef des Rauschgiftdezernats.

»Dann mache ich mich jetzt besser auf die Socken. Kommen Sie mit dem Wagen hinterher, Mittermeier?«

Von der Löwengrube, dem Sitz des Münchner Polizeipräsidiums, in die Kaulbachstraße war es definitiv ein Fall fürs Rad.

Mittermeier wirkte immer noch ein wenig konsterniert, aber er nickte. »Haben wir denn eine genaue Adresse, Herr Theiss?«

»Auf dem Gelände der Peter Faber Hochschule.«

Das war eine Ordenshochschule für Philosophie und Theologie.

»Die Kollegen von Rechtsmedizin und KTU sind vor Ort und warten auf Sie beide.«

»Und die Pilze …«

»Wahrscheinlich Magic Mushrooms«, warf Mittermeier ein, »relativ mühelos zu beschaffen und dabei ziemlich effektiv.«

Als ich mein Büro betrat, standen Klaus und Adil schon gestiefelt und gespornt bereit. Mein fragendes Stirnrunzeln quittierte Adil mit einem grinsenden »Flurfunk.«

»Gut, nehmt den Wagen. Wenn ihr vor Ort seid, sammelt schon mal die wichtigsten Informationen. Ihr wisst, was ich meine. Ich nehme das Rad.«

Die ersten ein, zwei Stunden nach einem Gewaltverbrechen waren wichtig. Die Erinnerungen der Beteiligten waren frisch, die gegenseitige Beeinflussung hatte noch nicht begonnen, man erfuhr unterschiedliche Perspektiven.

Wenn man ein Verbrechen nicht aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten konnte, hatte man keine Chance, der Wahrheit näher zu kommen.

»Willst du nicht doch lieber im Wagen mitkommen?«, meinte Klaus.

»Nein, ein wenig frische Luft tut mir gut, wenn ich mich auf einen Tatort einstellen muss.«

Ich griff meine Jacke, nahm die Baskenmütze von Haken und trabte das Treppenhaus runter. Mein Rad stand beim Pförtner um die Ecke, auch wenn das unserem neuen ‚Facility Management‘ ein Dorn im Auge war. »Quod licet Iovi non licet bovi« – Ob es mit dem Alter zu tun hatte, wenn einem immer öfter die Lieblingssprüche des eigenen Vaters in den Sinn kamen?

Die Peter Faber Hochschule - ich hatte dort in den vergangenen Jahren ab und zu Vorträge eines Naturphilosophen gehört, der sich auch mit Astrophysik auskannte; sonst wusste ich wenig über diese Institution. Als ich in die Kaulbachstraße einbog, war das Großaufgebot an Blaulichtern nicht zu übersehen. Ein etwas nassforscher Jungspund in Uniform wäre mir fast ins Fahrrad gelaufen bei dem Versuch, mich aufzuhalten.

»Halt! Hier dürfen Sie im Moment nicht rein, hier ist …«

Ich stieg vom Fahrrad, als Mittermeier auf uns zukam. »Das ging aber schnell, Herr Kollege.«

Der junge Polizeibeamte blickte zwischen uns hin und her.

»Kennen Sie den Mann, Herr Kommissar?«

Mittermeier war offenbar gut gelaunt, sonst hätte sich der junge Polizeioberwachtmeister eine verbale Abreibung eingefangen. Ich kürzte das ganze ab.

»Kriminalrat Schönheit.«

Wir ließen den jungen Mann stehen, ich schob meinen Drahtesel in einen Fahrradständer und ging mit Mittermeier zum Fundort der Leiche. Die KTU schien ihre Arbeit abgeschlossen zu haben, nur Dr. Orthuber, einer unserer Gerichtsmediziner, kniete neben dem reglosen Körper. Der Tote war aus einem der oberen Stockwerke gefallen oder gesprungen, mit Schädel und Schulter aufgeschlagen und lag seltsam verrenkt auf dem Asphalt. Orthuber stand auf.

»Ich schätze mal, aus dem obersten Stock.«

»Können Sie uns Näheres zu …«, setze Mittermeier an, aber Dr. Orthuber sah ihn nur an.

»War das eine ernsthafte Frage? Gesprungen oder gestoßen ist ja eher Ihr Feld, meine Herren. Und ob die Pilze, die Ihre Kollegen da oben«, er deutete mit dem Kinn in Richtung der oberen Balkons des linken Gebäudes, »gefunden haben, etwas mit dem Tod zu tun haben, kann ich Ihnen erst sagen, wenn ich Obduktion und Tox Screen gemacht habe. Er ist nicht nur gefallen, soweit würde ich gehen, sondern ich glaube, er hat sich im Fall recht heftig bewegt.«

»Und wieso glauben Sie das?«

»Auf Grund der Art und Weise, wie der Körper auf dem Boden aufgeschlagen ist.«

»Und was sagt uns das?«

»Herr Schönheit, das sagt mir zumindest, dass er weder völlig benebelt war, noch dass er im Vollrausch über die Brüstung gekippt ist.«

»Sie vermuten …«

»Herr Mittermeier, bitte, ich vermute überhaupt nichts, das ist doch eher Ihr Metier. Ich befasse mich mit Fakten. Und nachdem dieser Fall als dringlich eingestuft wurde, werden Sie diese morgen auf Ihren Schreibtischen haben.«

Mittermeier und ich schauten einander an: Orthuber wie er leibt und lebt. Er bemerkte unsere Blicke, schnappte sich seine altmodische Tasche, nickte seinen beiden Mitarbeitern zu, die die Leiche ins gerichtsmedizinische Institut transportieren sollten, und duckte sich unter dem Trassierband durch.

»Haben Sie eine Vorstellung, von wo er...«, eigentlich wollte ich sagen ‚gesprungen ist‘, aber genau das wussten wir ja noch nicht.

»Gesprungen, gefallen, gestoßen?«, Mittermeier lächelte. »Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es vom Balkon seines eigenen kleinen Apartments war.« Er deutete in dieselbe Richtung wie der Doktor. »Genau wissen wir das noch nicht. Seine Balkontür stand offen und laut Dr. Orthuber könnte der Balkon zum Fundort der Leiche passen. Leider hat niemand den Vorfall selbst gesehen.«

»Hatten die Kollegen vor Ort schon Gelegenheit, mit den Bewohnern der umliegenden Zimmer zu sprechen?«

»Sie sind dabei. Sollen wir mal hochgehen?«

Ich nickte.

Wir gingen durch eine Glastür in ein Gebäude, das in den siebziger Jahren in eine Baulücke gequetscht worden war. Mittermeiers Blick in Richtung Aufzug, begegnete ich mit einem Nicken in Richtung Treppenhaus. Ich mochte Treppen. Die Gerüche in ihnen sagten viel über die Bewohner eines Hauses aus und der Gang in den vierten Stock würde Mittermeiers Bauchansatz gut tun. Das Treppenhaus roch leblos, fast steril. Keine Essengerüche, kein Schweiß, ein mattweißes Licht, das durch die Fenster fiel und von beigen Marmortreppen verschluckt wurde.

Im vierten Stock war, neben den Herren von der Spurensicherung und Mittermeiers Kollegen, auch Klaus zu Gange. Auf einem Papierstreifen hinter einem kleinen Plastikschild neben der Türe stand »P. Riesacher«.

»Für einen Pater schien er mir aber noch ein wenig jung«, meinte ich zu Klaus.

»Peter, nicht Pater. Peter Riesacher, 21 Jahre alt, studiert in Innsbruck Philosophie und Theologie und verbrachte hier ein Gastsemester.«

Ich stand in der Türe zu einem kleinen, aber äußerst aufgeräumt wirkenden, hellen Raum. Ein Bett, ein Schrank, ein kleiner Schreibtisch, auf dem ein zugeklappter Laptop stand. Im Regal daneben standen zahlreiche Bücher und einige schmale Ordner. Das Zimmer wirkte fast unpersönlich, ein wenig wie ein Hotelzimmer. Als ob er meine Gedanken erraten hätte, sagte Klaus: »Er fuhr am Wochenende oft nach Hause; seine Eltern wohnen in Tirol.«

Ich wandte mich an Mittermeier: »Wissen Sie, ob die Eltern schon worden benachrichtigt sind?«

»Die Studentenkanzlei ist hier im Moment nicht besetzt. Wir warten auf jemand, der Zugriff auf seine persönlichen Daten hat.«

»Sollten wir nicht lieber die österreichischen Kollegen um Amtshilfe bitten?«

Diese Idee war Herrn Mittermeier offenbar noch nicht gekommen.

»Klaus?«

»Soll ich?«

»Ja bitte. Ruf doch mal bei den Kollegen in Innsbruck an und schau, ob du die nächsten Verwandten unseres zu früh verstorbenen Studiosus ausfindig machen kannst. Aber sag ihnen, wir würden die schlechte Nachricht lieber selber übermitteln.«

Die letzten weiß gekleideten Herren begaben sich auf den Rückzug.

»Sie können dann rein, Herr Kriminalrat.«

Mittermeier ging auf das Fenster zu, auf dessen Bank zwei rechteckige Blumenkästen mit einer Plastikabdeckung standen.

»Sind das Ihre Corpus delicti?«, fragte ich.

Er nickte und hob eine der beiden Plastikhauben ab.

Darunter befand sich ein Gewirr kleiner Pilze, die auf dünnen Stielen mit kleinen mittelbraunen Köpfen ein wenig wie Mützchen aussahen.

»Darf ich vorstellen«, meinte Mittermeier, »der Spitzkeglige Kahlkopf. Eine bei den Adepten eher weniger verbreitete Spezies.«

Ich sah ihn fragend an.

»Die meisten kaufen Kubanische Kahlköpfe, die haben größere, flachere Köpfe, sind eher mittelbraun und, wie soll ich sagen, deutlich gehaltvoller.«

»Und wo kauft man die?«

Ich hatte mich, zugegebenermaßen, nie mit den Details dieser als Magic Mushrooms bekannten Pilze auseinandergesetzt. Die Zahl der Todesfälle in diesem Zusammenhang war ebenso gering, wie mein persönliches Interesse.

»In München offiziell gar nicht, aber in Österreich bekommen Sie die relativ problemlos und in den Niederlanden sowieso.«

»Und was ist das Besondere an diesen Spitzkegligen …«

»… Kahlköpfen? Dass sie hier wild wachsen. Sie können sie auf vielen natürlich gedüngten Wiesen finden. Wenn Sie wissen, was Sie tun, können Sie die samt dem Mycel in Töpfe verpflanzen und, wenn die Bedingungen stimmen, vermehren sie sich und bescheren ihrem Eigentümer so manche nette Stunde.«

Ich blickte aus dem Fenster.

»Oder auch nicht. Warum kaufen denn die meisten den kubanischen Pilz, wenn sie den anderen nur einsammeln müssten?«

»Keine Ahnung, Schönheit. Bequemlichkeit? Die Generation shoppt halt lieber.«

Ich verkniff mir eine Bemerkung zu den soziologischen Ergüssen meines Kollegen. »Der Wirkstoff ist Psylocybin, oder?«

»Wo haben Sie das denn so schnell gegoogelt?«

»Nix Google.« Ich zückte mein quasi antikes Handy, mit dem man allenfalls mal eine SMS schreiben konnte. »Ab und zu macht sich zuhören bei Weiterbildungen bezahlt. Das wirkt ähnlich wie LSD, nicht wahr?«

»Das stimmt, Herr Kollege. Es hat allerdings einen verzögerten Wirkungseintritt und ist nicht so berechenbar.«

»Was wissen Sie denn sonst über diese magischen Pilze?«

»Wie gesagt, der Wirkstoff ist nicht so berechenbar, wie manch andere Substanzen. Während man nach einer, vielleicht anderthalb Stunden eher zu Hyperaktivität neigt, folgt darauf eine Phase der Bewegungslosigkeit, ja der Starrheit, jedoch ohne Bewusstseinstrübung.« Er grinste. »Ausprobiert habe ich das allerdings nicht.«

»Gibt es irgendwelche Zusammenhänge mit einer Selbstmordneigung?«

»Meines Wissens nicht. Natürlich, wenn Sie high auf der Balkonbrüstung balancieren, kann das schon ins Auge gehen.«

Ich nahm aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr und drehte mich um. Ein junger Mann stand im Türrahmen, groß, kräftig gebaut, asiatische Züge, dunkler Teint.

»Darf ich?«

»Nein«, fuhr ihn Mittermeier an, »Sie dürfen nicht.«

Ich legte ihm die Hand auf den Unterarm.

»Moment Herr Kollege«, sagte ich und ging einen Schritt auf den jungen Mann zu. »Was wollen Sie denn?«

»Eigentlich wollte ich nur ein Buch holen.«

»Haben Sie denn keine Ahnung, was passiert ist?«

»Mal davon abgesehen, dass sich hier wildfremde Menschen in Peters Zimmer herumtreiben und Ihr Kollege mich schwach anredet, nein.«

Ich fischte in meiner Jackentasche nach meinem Dienstausweis.

»Mein Name ist Schönheit, Benedict Schönheit. Kriminalpolizei.«

Er warf nicht einmal einen Blick auf das grünliche Stück Papier. »Geht es um Peters Pilze?«

»Sie wissen von den Drogen?«, warf Mittermeier ein.

»Jeder hier weiß, dass Peter irgendwelche Pilze aus Tirol mitgebracht hat, die ihm helfen sollten, sein Bewusstsein zu erweitern.« Der leicht spöttische Unterton war nicht zu überhören. »Aber Sie werden das Zeug da«, er deutete auf die Fensterbank, »doch nicht ernsthaft als Rauschgift betrachten wollen.«

»Doch«, meine Mittermeier, »doch, genau das wollen wir. Und wer sind Sie?«

»Mein Name ist Sakamoto, Francis Sakamoto. Ich studiere hier an der PFH Theologie.«

»Und wie gut kannten Sie Peter Riesacher?«

Der gute, alte Max Mittermeier. Immer der Elefant im Porzellanladen. Der Junge war blass geworden.

»Herr Sakamoto, können wir uns irgendwo hinsetzen und ein paar Minuten in Ruhe sprechen?«, mischte ich mich ein.

»Wieso sagte er, kannte?«

»Waren Sie denn heute Morgen nicht hier?«, ließ sich Mittermeier vernehmen.

»Herr Mittermeier, würden Sie mir den jungen Mann kurz überlassen? Bitte.«

Er sah mir in die Augen und ich wusste, dass diese Bitte unserem Verhältnis nicht gut getan hatte, aber ich hatte keine Lust, mir dieses möglicherweise wichtige Gespräch durch Mittermeiers ruppige Art ruinieren zu lassen.

»Herr Sakamoto, wohnen Sie auch hier?«

»Ja, ein Stockwerk unter Peter.«

»Können wir kurz auf Ihr Zimmer gehen?«

»Von mir aus.«

Er schien jetzt zutiefst verwirrt. Zum Glück kam Adil um die Ecke.

»Bleibst du bitte kurz hier? Ich möchte ein paar Takte mit dem jungen Mann wechseln.«

»Klar, Chef.«

Mittermeier schaute jetzt noch indignierter. Die Umgangsformen zwischen mir und meinen Mitarbeitern schienen ihm erst recht nicht zu behagen.

Wir gingen schweigend in das, trotz des hellen Tages, in fahles Licht getauchte Treppenhaus hinunter. Der Gang glich dem oberen, das Zimmer des jungen Mannes lag direkt unter dem von Peter Riesacher. Er nahm den Schlüssel, der sich mit einer Kette gesichert in seiner rechten Hosentasche befand, und schloss die ebenso anonyme Türe auf. Wir betraten einen Raum, der äußerlich dem Tatort, wenn man es so nennen wollte, glich, in dem jedoch eine gewisse Unruhe herrschte. Bücher stapelten sich am Boden, Bücher auf den Regalen waren nicht präzise ausgerichtet, auf dem Bett lag eine Decke, die mich in ihren Farben und Mustern an Süd- oder Mittelamerika erinnerte. Über dem Bett hing, in einem schlichten, modernen Rahmen, das leicht vergilbte Bild eines Priesters. Herr Sakamoto schien bemerkt zu haben, dass mein Blick ein wenig länger auf dem Bild verharrte.

»Der heilige Franz.«

»Aber nicht von Assisi.«

»Sind Sie katholisch?«

»Halbgläubig und nicht praktizierend.«

Er musste lachen. »Ersteres geht nicht, und letzteres, na ja, das kann ich beim gegenwärtigen Zustand der Kirche sogar nachvollziehen.«

»Und warum geht ersteres nicht?«

»Man kann nicht nur ein wenig glauben, Herr Schönheit.«

Er hatte sich sogar meinen Namen gemerkt.

»Sie mögen Ihre Zweifel haben, aber am Ende werden Sie sich entscheiden müssen.« Er lächelte ein wenig überlegen. »Nein, ich möchte hier nicht den Theologen geben, aber Ihr ‚halbgläubig‘ war eine Steilvorlage.«

Ich schwieg und er betrachtete mich interessiert.

»Das ist übrigens der Heilige Franz Xaver.«

»Sind Sie Japaner, Herr Sakamoto?«

»Warum fragen Sie das?«

»Ihr Nachname, und die Tatsache, dass Francisco de Xavier mehr oder weniger das Christentum nach Japan brachte.«

Er schmunzelte. »Erstaunlich.«

»Unterschätzen Sie Ihr gegenüber nicht. Ist das nicht einer der Ratschläge Ihres Ordensgründers?«

»Ich bin kein Jesuit.«

»Und doch studieren Sie an einer Jesuitenhochschule und haben das Bild eines berühmten Jesuiten über Ihrem Bett.«

»Und woher kennen Sie ihn?«

»Aus der Schule. Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet.«

»Nein, ich bin kein Japaner. Mein Vater ist Amerikaner japanischer Abstammung, meine Mutter Österreicherin. Ich bin in München aufgewachsen.«

»Und woher kannten Sie Peter Riesacher?«

»Wir haben uns hier in München kennengelernt. Peter studierte Theologie in Innsbruck und verbrachte hier ein Freisemester. Wir haben uns in einem Seminar von Dr. Smalto zur Romantik kennengelernt. Peter war eher scheu und zurückhaltend, aber das Thema ‚Romantik‘ schien ihn zu begeistern.«

»Eine Vorlesung zur Romantik an einer theologischen Hochschule?

»Philosophie gehört zum Grundstudium, und die PTH bietet viele interdisziplinäre Veranstaltungen.«

»Also las Dr. Smalto eher über Schopenhauer und den deutsches Idealismus, als über Novalis und Hölderlin?«

»Sind Sie wirklich Kriminalkommissar?«

»Nein, ich bin Kriminalrat, und nicht jeder, der bei uns arbeitet, ist ein Depp, wenn Sie darauf hinaus wollen.«

Er zögerte einen Moment.

»Dr. Smalto liest über Literatur, aber in der Romantik gab es viele Berührungspunkte zwischen Religion und den schönen Künsten. Sein Seminar ist Teil eines Studium Generale, zu dem diese Hochschule ihre Studenten anregt.«

»Sprachen Sie Peter Riesacher an, oder umgekehrt?«

»Ich glaube, Peter hätte nie jemanden angesprochen. Ich setzte mich in der Cafeteria neben ihn, machte eine Bemerkung über den miserablen Kaffee.«

Ich lächelte. Er schien irritiert.

»Warum lächeln Sie?«

»Nicht so wichtig. Ich mag Menschen, die Kaffee mögen.«

Jetzt schien er nur mehr irritiert.

»Bitte, fahren Sie fort.«

»Auf diesem Weg kamen wir ins Gespräch. Er erzählte ein wenig von sich, von seiner Familie in Tirol.«

»Wissen Sie zufällig, woher genau in Tirol er stammt?«

»Aus Leutasch. Er hatte sich die Wege in München kürzer vorgestellt und fühlte sich einsam, denn die Hochschule hier war doch, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll …«

»Offener?«

»Könnte man sagen. Wir sind hier Teil einer großen Gemeinschaft. Was ihm das Leben in Innsbruck erleichterte, war das Familiäre an der theologischen Fakultät, jeder kennt quasi jeden, die Professoren nehmen sich Zeit für ihre Studenten …«

»Hier nicht?«

»Doch, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Die PFH ist eine sehr gute Uni. Wir haben großartige Lehrer, aber es ist ein wenig so, als ob man von einem kleinen Dorf in die Stadt zieht. Hier muss man selbst aktiv werden, sonst bleibt man an der Peripherie, selbst wenn man mitten im Zentrum wohnt.«

»Und so war es mit Peter Riesacher?«

»In gewisser Hinsicht schon. Peter war äußerlich ein unauffälliger Typ, so jemand, den sie sehen, und gleich wieder vergessen, wenn Sie wissen, was ich meine.«

Ich nickte.

»Aber innerlich«, er zögerte, »da lebte er sehr intensiv. Er nahm das Leben, die Welt, alles, was ihn umgab, wie soll ich das ausdrücken, in hellen Farben wahr.«

»Weil er Psilocybin nahm?«

»Weil er, was?«

»Psilocybin. Der Wirkstoff aus den Pilzkulturen auf seinem Fensterbrett.«

»Da habe ich keine Ahnung. Ich dachte, er züchtete Pilze, so wie andere Leute Kakteen züchten.«

Ich sah ihn schräg, vielleicht etwas mitleidig, an, aber er schwieg beharrlich und wich meinem Blick aus.

»Psilocybin ist Ihnen also noch nie untergekommen?«

Er betrachtete nach wie vor eine der Ecken seines Zimmers.

»Vielleicht kann ich Sie ja mit ein wenig chemischen Wissen beeindrucken: der Wirkstoff hat eine relativ lange Halbwertszeit im Körper. Wenn Sie ihn regelmäßig genutzt haben, können wir ihn problemlos nachweisen.«

Er schaute mich an. »Und was sollen theoretisch mögliche Drogenexperimente mit den Tod meines Freundes Peter zu tun haben?«

»Mal davon abgesehen, dass ich Sie lediglich über den Zusammenhang zwischen diesen Drogen und seiner Sichtweise der Welt befragt habe: es ist durchaus möglich, dass er unter Drogeneinfluss über die Balkonbrüstung gefallen ist.«

Er betrachtete seine auf dem Schoß gefalteten Hände.

»Herr Sakamoto, bitte.«

»Ich weiß, Sie können mich auf dem Präsidium vernehmen.«

Ich musste lächeln.

»Junger Mann, ich glaube, Sie sehen zu viele Krimis. Ich möchte Peter Riesacher besser verstehen, und Sie können mir dabei helfen.«

»Ich glaube nicht, dass die Experimente mit diesen Pilzen seine Sicht des Lebens beeinflusst haben. Ich glaube, er hat die Welt schon immer intensiv wahrgenommen, aber nie gelernt, diese Gefühle nach draußen zu lassen.«

»Und wie passen diese Drogenexperimente ins Bild?«

Er schaute wieder auf seine Hände.

»Herr Sakamoto, ich habe nicht die Absicht, Sie mit Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz in Zusammenhang zu bringen. Ich gehe davon aus, dass Sie keine Rauschmittel besitzen, und wenn Sie etwas ausprobiert haben, so ist das nicht notwendigerweise justiziabel, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Seine Augen schienen etwas zu suchen und nicht zu finden.

»Die Romantiker haben mit den Möglichkeiten der Bewusstseinserweiterung experimentiert, und wir wollten …«

»Sie wollten die blaue Blume im Pilzfeld suchen.«

Jetzt musste er wider Willen doch lachen. »Nein, wir wollten sehen, ob es jenseits unserer beschränkten Wahrnehmung etwas anderes gibt.«

»Wer ist wir?«

Er zögerte einen Moment. »Peter und ich.«

»Sonst niemand aus Ihrem Seminar bei Herrn Smalto?«

Wieder dieses kurze Zögern.

»Nein.«

Die Antwort kam klar und fest, trotzdem glaubte ich, das er jemand decken wollte. So wie ich die Persönlichkeit des jungen Mannes einschätzte, würde eine direkte Nachfrage in diesem Moment wenig Erfolg bringen.

»Hat Dr. Smalto ein Büro hier an der PFH?«

»Nein, er ist ja nur Lehrbeauftragter. Hauptberuflich unterrichtet er an einem Schwabinger Gymnasium. Ich weiß nicht, wie Sie ihn am besten erreichen können, die Verwaltung kann Ihnen da sicher weiterhelfen.«

Das klang ehrlich.

Ich erhob mich. »Einstweilen vielen Dank, Herr Sakamoto. Wir werden uns vermutlich noch einmal unterhalten müssen. Wie kann ich Sie denn am besten erreichen?«

Er nannte mir seine Handynummer, die ich mir aufschrieb, und begleitete mich zur Tür. Etwas schien ihn noch umzutreiben.

»Herr Schönheit?«

»Ja.«

»Glauben Sie, dass es ein Unfall war?«

»Warum?«

Meine Gegenfrage schien ihn zu verwirren.

»Ich meine«, er zögerte, »Selbstmord kann ich mir bei Peter nicht vorstellen.«

»Sie meinen, ein Verbrechen? Niemand nimmt das Wort Mord gerne in den Mund, aber Sie wissen ja, was die Kommissare im Fernsehen immer sagen: wir ermitteln in alle Richtungen. Mehr kann ich Ihnen im Moment nicht sagen.«

Er schien in meinen Augen etwas zu suchen

»Herr Sakamoto, ich weiß es nicht. Ich kann mir vorstellen, was Ihnen durch den Kopf geht, aber lassen Sie uns ein wenig Zeit, und …«, ich wusste nicht was ich noch sagen sollte, »behalten Sie ihn als den im Gedächtnis, der er war.« Er nickte nachdenklich.

Ich ging die Treppen wieder hinauf. Vor der Tür zu Peter Riesachers Apartment stand ein uniformierter Beamter, Adil stand versunken vor dem Bücherregal des Studenten. Ich tippte ihm auf die Schulter, er zuckte zusammen und fuhr herum.

»Erschreck‘ mich doch nicht so.«

»So viel zum Thema, die Polizei schläft nicht.«

Er wandte sich wieder dem Regal zu. »Dafür, dass der Knabe Theologie studiert, liest er aber merkwürdiges Zeug.«

Ich blickte kurz über die überschaubare Zahl an Bücher auf dem Regal. Außer einer, mit Register versehenen, Ausgabe der Bibel und einer Einführung in die Dogmatik, stand da tatsächlich überwiegend Schöngeistiges aus dem 19. Jahrhundert, sowie einige philosophische Werke aus demselben Zeitraum. Peter Riesacher schien sich intensiv mit dem Thema Romantik auseinandergesetzt zu haben.

»So merkwürdig ist das gar nicht, Adil. Unser junger Student hat sich, nach Aussage seines Kommilitonen, in den letzten Monaten mit der deutschen Romantik befasst, und da passen die Bücher dazu. Das Thema scheint ihn bewegt zu haben. Ich werde versuchen, heute Nachmittag seinen Dozenten aufzutreiben. Vielleicht kann der uns ein wenig mehr erzählen über das wie und das warum.«

»Hältst du das wirklich für wichtig?«, fragte Adil.

»Ich weiß nicht, aber ich hätte gerne ein vollständiges Bild dieses Jungen.« Ich schaute auf die Fensterbank, aber die Pflanzkästen waren verschwunden.

»Schau Dich bitte noch ein wenig im Zimmer um, mich interessieren vor allem persönliche Notizen, Briefe, alles, was uns hilft, den Jungen besser zu verstehen.«

Adil nickte. Mir fiel auf, dass der Laptop verschwunden war.

»Der Laptop?«

»Den hat die KTU mitgenommen. Sie machen eine Kopie aller Files auf der Festplatte und schicken sie uns.«

»Gut, und wenn du hier fertig bist - sag mal, wo ist eigentlich Klaus abgeblieben?«

»Der tourt über den Campus und spricht mit Studenten.«

»Prima, dann würde ich sagen, versiegle hier alles, wenn du fertig bist, und wir treffen uns später im Präsidium.«

Auf dem Weg zur Tür fiel mir noch etwas ein. »Haben wir schon die Eltern benachrichtigt?«

»Keine Ahnung, Chef.«

Ich griff zum Handy und rief Klaus an. Er war auf dem Weg ins Präsidium, hatte in der Studentenkanzlei niemand erreichen können und die Kollegen aus Österreich hatten noch nicht auf unser Ersuchen reagiert. Langsam wurde es unangenehm, wir mussten unbedingt die Eltern erreichen. Ich legte auf.

»Adil, bitte mach unseren Computerfuzzis Beine, wir brauchen sofort, und ich meine sofort, alle Kontakte, die in Riesachers PC gespeichert waren. Hatte er kein Handy dabei?«

»Das hat sich beim Sturz in seine Bestandteile zerlegt.«

»Dann gehe ich mal in die Studentenkanzlei und versuche, den Verantwortlichen aufzutreiben.«

»Geht klar.«

»Sag mal, weißt Du, wo die ihr Büro haben?«

»Keine Ahnung, Klaus ist vorhin grußlos abgerauscht.«

Ich ging zurück in den Innenhof, wo jetzt zwei Männer damit beschäftigt waren, den Tatort zu säubern. Eine kleine Gruppe Studenten kam auf mich zu, und ich sprach sie an.

»Die Studentenkanzlei«, meinte ein großer Blonder, »was genau meinen Sie damit?«

»Ich brauche eine Auskunft über einen Ihrer Kommilitonen.«

Ein skeptischer Blick.

Ich zückte seufzend meinen Dienstausweis.

»Ist es wegen …«

Ich ließ ihn nicht ausreden.

»Genau.«

Er schaute auf seine Armbanduhr.

»Wenn Sie Glück haben, erwischen Sie die gerade noch. Ab 14 Uhr ist da niemand mehr.«

Er deutete auf eine rostfarbene Metalltür.

»Wenn Sie hier durchgehen, den Gang hinunter, dann ist es eine der letzten Türen auf der rechten Seite. Auf dem Türschild steht ‚Matrikelamt‘.«

Ich bedankte mich und ging los.

Als ich vor der besagten Tür ankam, öffnete sie sich und heraustrat eine leicht übergewichtige Dame, die einen orange schillernden Überwurf um die Schultern gelegt hatte, der etwas Esoterisches ausstrahlte. Bevor ich einen Ton sagen konnte, meinte Sie: »Wir haben geschlossen.«

Als ich Luft holte, ergänzte sie: »Tut mir leid.«

Ich setzte an: »Ich bräuchte aber dringend …«

»Tut mir Leid, junger Mann, aber egal, wie dringend es ist, werden Sie morgen wiederkommen müssen.«

Sprach’s und wandte sich zum Gehen.

Auch wenn der ‚junge Mann‘ Balsam auf meine Seele war, hatte ich keine Lust, klein bei zu gehen und trat ihr in den Weg.

»Also was …«

»Tut mir Leid, Frau ...?«

»... Hülsmann, aber …«

»... Frau Hülsmann. Kriminalpolizei. Kriminalrat Schönheit, mein Name. Ich brauche dringend eine Auskunft zu einem Studenten der Hochschule.«

Bei einem Menschen ihres Alters und in diesem sozialen Umfeld hätte ich jetzt eine Verhaltensänderung erwartet. Die meisten sind durchaus bereit, der Polizei zu helfen, wenn man nur höflich fragt. Sie hingegen antwortete frostig: »Tut mir leid, Herr …«

»... Schönheit.«

»… aber ohne Gerichtsbeschluss geht da gar nichts. Wo kämen wir denn hin, wenn wir personenbezogene Daten so mir nichts, dir nichts …«

»Frau Hülsmann?«

Sie schwieg einen Moment.

»Ihnen ist aber nicht entgangen, dass hier heute Morgen ein Mensch gestorben ist?«

Unruhe macht sich auf ihrem Gesicht breit.

»Frau Hülsmann, ich brauche keinen Gerichtsbeschluss, um auf Ihre Daten zuzugreifen. Ich brauche die Informationen zu dem toten Peter Riesacher, um seine Eltern zu informieren.« Ich blickte ihr direkt in die Augen. »Und um einen Todesfall aufzuklären. Ich bin sicher, Sie wollen mir dabei helfen.«

Es gab Momente, in denen ich mir wünschte, so kontrolliert wie mein Vater explodieren zu können. Zugegebenermaßen führte mein eigener, eher indirekter Weg, oft weiter. So war es auch in diesem Fall.

»Tut mir leid, wenn ich ein wenig abweisend war, Herr …«

»... Schönheit«, ergänzte ich zum dritten Mal.

»Aber mit Daten wird heute so viel Schindluder getrieben, da kann man gar nicht vorsichtig genug sein.«

»Da haben Sie völlig Recht, Frau Hülsmann, aber mir läuft im Moment die Zeit ein wenig davon. Wenn Sie also so freundlich wären?«

Umständlich fischte sie die Büroschlüssel wieder aus ihrer ausufernden Handtasche, öffnete die Tür und bat mich herein. Sie schaltete ihren Computer wieder ein, nicht ohne regelmäßig ein wenig nervös auf ihre Armbanduhr zu blicken. Nach einigen Minuten hatte sie Zugriff auf die Datenbank.

»Soll ich Ihnen die Daten ausdrucken?«

»Das wäre nett.«

Wenig später spuckte der etwas altersschwache Laserdrucker die persönlichen Daten Peter Riesachers aus, über die die Universität verfügte. Ich steckte die Blätter, nachdem ich sie kurz überflogen hatte, ein, bedankte mich und machte mich auf die Suche nach meinem Rad, als mir einfiel, dass ich mich noch nach den Kontaktdaten zu Dr. Smalto erkundigen wollte. Obwohl nur wenige Minuten vergangen waren, lag der Gang leer da und die Tür zum Matrikelamt war verschlossen. Frau Hülsmann musste einen anderen Weg aus dem Gebäude gewählt haben.

Mittlerweile machte sich mein Magen bemerkbar und außerdem war ich der Meinung, langsam einen trinkbaren Espresso verdient zu haben. An etwas Vernünftiges zum Essen war in dieser Stadt, von der Thomas Mann einmal behauptete, sie leuchte, um kurz vor drei nicht zu denken, in den meisten Restaurants war um drei erst einmal Feierabend. In der Kaulbachstraße gab es jedoch einen kleinen Laden, wo mein Freund Orazio nicht nur exzellenten Kaffee verwendete, sondern auch über subtile Kenntnisse seiner altersschwachen Pavoni Maschine verfügte, so dass er ihr einen mehr als nur erträglichen Espresso entlockte.

»Ciao, Orazio.«

»Ciao, Bene, auch mal wieder in der Gegend.« Er grinste. »Du siehst aus, als ob du einen Doppio gebrauchen könntest.«

»Gut beobachtet.«

Er beförderte mit abgezirkelten Bewegungen den Kaffee ins Sieb, ließ es an der Kaffeemaschine einrasten, und Sekunden später verbreitete sich ein herrlicher Duft, der meine Lebensgeister wieder weckte.

»Warst du für den Auflauf da vorne verantwortlich?«

»Eigentlich war der Tote dafür verantwortlich.«

»Mord?«

»Orazio, per favore!« Ich reckte die Hände in einer dramatischen Geste der Decke entgegen, wie es Italiener üblicherweise tun, wenn sie ihrem Gegenüber klar machen wollen, dass er etwas gänzlich Unmögliches von ihnen verlangt.

»Ich weiß, ich weiß, Bene … ich werde es morgen in der Zeitung lesen.«

»Wir wissen echt noch nichts, Orazio.« Ich grinste. »Dir würde ich es doch sagen.«

Er machte eine Geste, mit der man den ‚bösen Blick‘ abwehrt, griff unter die Theke und goss zwei Grappa ein.

»Orazio, ich bin im Dienst.«

»Per favore, Commissario, aber wenn du hier bist, dann bist du es nicht.«

Mir fiel ein, dass ich dringend Klaus anrufen musste, aber zunächst musste dem angebotenen Grappa, den Orazios Vater im Trentino produzierte, genüge getan werden.

»Salute.«

Kaffee und Grappa verbreiteten nicht nur eine wohlige Wärme in mir, diese Mischung schärfte auch meine Sinne. Trotzdem sollte ich …

»Entschuldige mal, Orazio.«

Ich zog die Ausdrucke vom Matrikelamt aus der Tasche und las sie. Nächste Verwandte Alois Riesacher, Vater, und Marianne Riesacher, Mutter – beide wohnhaft in Leutasch in Tirol. Eine Adresse, aber keine Telefonnummer. Das sollte ein lösbares Problem darstellen. Ich wählte Klaus Nummer im Präsidium.

»Brunner«

»Servus, Klaus. Gibt’s was Neues?«

»Nicht wirklich. Wir haben immer noch nichts aus Innsbruck bekommen.«

»Macht nichts, ich habe die Dame vom Matrikelamt bezirzt.«

Ich diktierte Klaus die Daten.

»Finde bitte die Telefonnummer heraus und dann rufst du da an, und zwar gleich.«

»Aber, Chef.«

»Ich weiß, du magst das nicht, aber gewöhn dich daran. Ich kann das nicht zwischen Tür und Angel machen. Und dann schwingst du dich zurück an die Uni und treibst ein paar Leute auf, die ihn gekannt haben. Man kann in einem Studentenheim nicht unsichtbar umherwandeln. Wir brauchen mehr Informationen über sein Umfeld.

»Aber, Chef, vielleicht war es nur ein Unfall.«

»Klaus, wir ermitteln. Ich habe bei der ganzen Sache ein ungutes Gefühl, und Theiss brauchen wir morgen früh mit deinem ‚vielleicht‘ erst recht nicht zu kommen. Der will Fakten, und ich auch. Mach dich auf und nimm Adil mit, wenn er nichts Besseres zu tun hat.«

»Alles klar.«

Ich steckte mein Handy ein. Möglicherweise war ich ihm ein wenig auf die Zehen getreten, aber mitunter ließ sich das nicht vermeiden.

»Du kannst ja autoritär sein«, meinte Orazio.

»Weißt du, Orazio, mein Kollege braucht mitunter einen leichten Tritt vors Schienbein, er wird nicht fürs Kaffeetrinken bezahlt.«

»Möchtest du noch einen?«, fragte er und deutete auf seine Pavoni.

Ich schüttelte den Kopf und grinste. »Danke, aber ich auch nicht.« Ich warf einen Blick auf die Uhr: gleich vier. »Sag mal, Orazio, hast du so etwas Altmodisches wie ein Telefonbuch?«

»Certo.«

Dieses Mal förderte der Griff unter die Theke nicht die Grappaflasche sondern einen dicken Wälzer zu Tage, sogar in neuester Ausgabe. Hoffentlich besaß Dr. Smalto einen Festnetzanschluss und hatte sich eintragen lassen, sonst müsste ich den lästigen Umweg über das Präsidium machen. Ich hatte Glück: Smalto, Dr. Florian, Clemensstraße 16. Ich überlegte kurz, ihn anzurufen, entschloss mich aber dann, auf gut Glück vorbeizuschauen, verabschiedete mich von Orazio, versprach, bald wiederzukommen und radelte gen Schwabing.

Noch war die Luft warm und die Leopoldstraße war, trotz des Verkehrs, immer wieder schön anzusehen. Das Leben war anders als in meiner Jugend, die Menschen bewegten sich schneller, Alternative waren gesättigten Wohlstandbürgern gewichen, die glaubten, sie könnten sich ihre Jugend beim Chirurgen oder in den Boutiquen der Maximilianstraße erhalten. Der Kommerz hatte in der großen Lebensader Schwabings Einzug gehalten. Trotzdem gab es immer noch eine Lebendigkeit, eine Mischung von Jung und Alt, eine Vielfalt der Kulturen. Nördlich der Münchner Freiheit wurde es geruhsamer, Touristen verirrten sich seltener in diese Gefilde, so manches Haus aus der Gründerzeit hatte den Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs überlebt. Das Haus, das in der Clemensstraße die Nummer 16 trug, wies eine Sandsteinfassade auf und dürfte kurz nach der vorletzten Jahrtausendwende erbaut worden sein. Neben einigen leeren Klingelschildern und ein paar Initialen gab es Bewohner, die keine Notwendigkeit sahen, ihren Namen oder ihre Identität zu verbergen, dazu gehörte auch ein F. Smalto

Einmal abgesehen von den ersten ein, zwei Stunden nach der Tat, die für die Aussagen der direkt Beteiligten entscheidend sind, muss man die wichtigsten Informationen zu einem Verbrechen in den ersten 48 Stunden sammeln. Danach lässt das Gedächtnis der Zeugen nach, sie beginnen, Dinge zu verwechseln und durcheinander zu bringen. Auch darum war es für mich wichtig, Florian Smalto heute noch zu sprechen.

Ich klingelte. Nichts rührte sich, ich klingelte noch einmal, ein wenig länger und nachdrücklicher. Ein dezentes Klicken zeigte das Öffnen der Tür an. An der, mit einer Kamera versehenen, Sprechanlage hatte sich niemand gemeldet. Ich betrat das nach Bohnerwachs duftende Treppenhaus und ging die hölzernen Stiegen nach oben. Wenn die Logik der Klingelschilder stimmte, sollte sich Herr Smalto im dritten Stock finden lassen.

In der Tat befand sich dort eine angelehnte Tür, auf der ein Messingschild Smalto prangte. Offenbar ein Mann, der es nicht nötig hatte, seinen akademischen Titel wie in Schutzschild vor sich her zu tragen. Kaum hatte ich die Tür geöffnet, schlurfte mir ein etwa 16 jähriger Knabe mit einer großen Teetasse in der Hand entgegen und fragte:

»Wer sind Sie denn?«

»Die Tür stand offen«, bemerkte ich lächelnd.

»Ich dachte, Papa hätte wieder einmal den Schlüssel verlegt.«

»Soll heißen: dein Vater ist nicht da?«

Er streckte sich ein wenig und schien dabei aufzuwachen. Nach einigen Sekunden des Überlegens musterte er mich kritisch.

»Wer sind Sie denn überhaupt? Ich habe Sie noch nie gesehen«.

»Das erstaunt mich nicht. Mein Name ist Schönheit, ich bin von der Kriminalpolizei. An der Uni, wo Ihr Vater unterrichtet, hat es einen Todesfall gegeben.«

»Woher wissen Sie, dass Flo mein Vater ist?«

»Sie nannten ihn Papa.«

Für eine kurze Zeit schien er angestrengt nachzudenken.

»Und was wollen Sie von ihm?«

»Ich muss ihn dringend sprechen.«

Er wirkte nicht, als ob er eine Maß zu viel am Großhesseloher See getrunken hatte, und auch der Geruch von Marihuana oder Haschisch hing nicht in der Luft. Trotzdem schien er unsicher, unkonzentriert.

»Ach so. Papa sollte schon von der Schule zurück sein. Keine Ahnung, wo er ist.«

Ich fischte eine meiner dienstlichen Visitenkarten aus der Jackettasche. »Könntest du ihn bitten, mich anzurufen, wenn er heimkommt? Es ist wichtig.«

Er schien Schwierigkeiten zu haben, den Text meiner dienstlichen Karte zu entziffern, legte sie dann auf eine Anrichte im Flur und meinte »Klar doch.« Mit diesen Worten schlappte er wieder in ein Zimmer zurück und ließ mich stehen. Dr. Smalto schien von jungen Menschen umgeben zu sein, die ein klein wenig neben sich standen. Ich unterdrückte den Impuls, mich weiter in der Wohnung umzusehen und wandte mich zum Gehen. Kaum war ich durch die Tür gegangen, klingelte mein Handy.

»Schönheit.«

»Wo sind Sie denn, Herr Schönheit?«

Der Chef. Ich konnte nicht widerstehen. »In Schwabing.«

»Bei einem Glas Côtes du Rhone?«

Ich musste lachen. Woher kannte er meine privaten Vorlieben? »Nein, Herr Theiss, ich war bei Dr. Smalto, einem der Professoren des verstorbenen Studenten.«

»Und was haben Sie herausgefunden?«

Ich setzte den Chef ins Bild über unsere bisherigen Ermittlungen.

»Dann warten wir mal ab was unsere Experten zu vermelden haben«, meinte er, »Wir treffen uns morgen um 10 bei mir und besprechen das weitere Vorgehen mit den Kollegen von der Drogenfahndung. Haben Sie schon von den Eltern gehört?«

»Ich wollte gerade Brunner anrufen, um zu sehen, was er erreicht hat.«

»Na gut, dann sehen wir uns morgen.«

Weg war er. Bevor ich zum Wählen kam, klingelte es schon wieder. Klaus.

»Ja?«

»Bene?«

»Erwartest du sonst jemanden an meinem Handy?«

»Äh, nein. Also, ich habe die Eltern erreicht. Die waren völlig fertig. Sie hatten gestern mit ihm telefoniert und er wirkte völlig normal, sagten sie, ja sogar glücklich. Er habe ein Mädchen kennengelernt, hatte er seiner Mutter gesagt, ein Mädchen, das ihn endlich verstehe. Für seine Eltern ist, glaube ich, eine Welt zusammengebrochen.«

»Das kann ich mir vorstellen«, murmelte ich.

»Was sagtest du?«

»Egal, Klaus. Habt ihr darüber gesprochen, wann sie nach München kommen?«

»Sie wollen morgen Vormittag hier sein und melden sich im Präsidium. Ich hole sie dann an der Pforte ab.«

»Gut, dann treffen wir uns spätestens um 8:30 Uhr im Büro, denn um zehn Uhr will der Alte den Bericht.«

»Alles klar, bis morgen.«

Bevor ich ihn fragen konnte, ob er an der Uni etwas erreicht hatte, oder zumindest vorhatte, etwas zu erreichen, hatte er aufgelegt. Nun ja, um mit Theiss zu sprechen, morgen früh kommt die Stunde der Wahrheit.

Kaum hatte ich mein Handy in der Jackettasche versenkt und die Tür zu Smaltos Wohnung zugezogen, als auf einmal ein Mann vor mir stand. Ich hatte ihn weder kommen gesehen noch gehört. Wir waren etwa gleich groß, er wirkte etwas älter, trug eine Edeljeans, ein dunkelgelbes Jackett und, zu einem weißen Hemd, eine extravagante Fliege.

»Darf ich fragen, was Sie in meiner Wohnung gemacht haben?«

»Herr Dr. Smalto?«

»In der Tat.«

»Mein Name ist Schönheit, Kripo München.«

Ich fischte wieder einmal meinen Ausweis heraus.

Er schien zu den wenigen zu gehören, die sich nach dieser Ansage trauten, den Ausweis einer genaueren Prüfung zu unterziehen.

---ENDE DER LESEPROBE---