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Thomas Michael Glaw

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Beschreibung

Eine Unbekannte ersticht den Direktor der berühmten Alten Pinakothek mitten in der Nacht vor einem angeblichen Vermeer. Dr. de Rijk pflegte ein offenes Haus in München Schwabing, auch was seine Geliebten anbelangte. Sein Bruder leitet eine Gemäldegalerie in Amsterdam und interessiert sich außerordentlich für einige Bilder und Unterlagen. Frauen und Gemälde führen Kriminalrat Benedict Schönheit in das Leben eines kühl rechnenden Charmeurs, der sich am Ende doch verkalkuliert hat.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Thomas Michael Glaw

Mach dir kein Bild

Benedict Schönheits dritter Fall

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Copyright 2018 Dr. Thomas Michael Glaw

Neuauflage

Titelbild: Thomas Michael Glaw/mediathoughts.net

Satz und Design: mediathoughts.net

Gesetzt in Garamond

Verlag Lubahn & Glaw GbR | Mediathoughts

ISBN: 978-3-947724-08-6

Dr. Henry de Rijk liebt Vermeer, die Frauen und das Geld. Letzteres ein wenig zu sehr

Natascha Andreijewa liebt Henry

Kriminaloberrat Theiss wirkt im Hintergrund

Henk de Rijkist nicht ganz, was er vorgibt

Kriminalrat Erwin Schlosser ist unbezahlbar

Dr. Klaus Orthuber erweist sich als Kenner

Marie Francoise d‘Estain vergisst so manches

Emily Nisbetbegreift nicht wirklich, was geschieht

Wassili Olgarow hätte beim Beraten und Kassieren bleiben sollen

Erzpriester Nikolai Medinski ist zu gutgläubig

Martina Beinhauser kennt die richtigen Leute

und Kriminalrat Benedict Schönheiterfährt, dass Kunst und Geld ähnliche Wege nehmen

Für D.

Bisweilen unbegreiflich.

Immer unersetzlich.

Life’s but a walking shadow, a poor player,

That struts and frets his hour upon the stage,

And then is heard no more. It is a tale

Told by an idiot, full of sound and fury,

Signifying nothing.

Shakespeare. Macbeth.

Sonntag

Sie war die Theresienstraße hinuntergelaufen. Sonntagabend war nicht viel vom Münchner Leben zu spüren gewesen. Der frühe Oktober hatte die wenigen Bäume gelb gefärbt und die frostige Kühle der Nacht drang durch ihre Jacke. Im Schaufenster eines Schuhgeschäfts, das überwiegend Dinge verkaufte, die sie nie im Leben an ihre Füße lassen würde, hatte sie, gewohnheitsmäßig, ihr Aussehen kontrolliert. Die weiße Strickmütze schien die Blässe ihrer Haut zu betonen. Sie sah alt aus, müde. Das Gefühl, nicht mehr sie selbst zu sein, steigerte nur ihre Wut auf ihn.

Sie ging zwischen den grauen Betonschluchten der Technischen Universität hindurch, die man mit vier Bäumen zu verschönern versucht hatte. Rechts tauchte die Alte Pinakothek auf. Auch hier hatten sich die Bäume schon gelichtet, man konnte über den kleinen Parkplatz den wuchtigen Bau sehen, der trotz seiner Ausmaße filigran wirkte. Was man von dem Bau gegenüber nicht behaupten konnte.

Henry hatte den Bau der Neuen Pinakothek nie gemocht. Er empfand es als Zumutung, dass er als Direktor der Alten Pinakothek, in einem zweckmäßigen Büro in der Neuen residieren musste. Residieren. Er hatte dieses Wort immer mit einem Schmunzeln benutzt und doch war sie sicher, dass sich dahinter sehr viel Wahrheit verbarg. Der große Henry de Rijk residierte nun einmal. Die Dienstwohnung war nicht gut genug gewesen, es musste etwas Repräsentativeres sein. Werneckestraße. Genügend Wände für Bücher und Bilder, ausreichend Platz, um Gäste zu bewirten. Und genügend Raum, um Frauen zu verführen.

Jede Station in seinem Leben schien von Kunst, Frauen und gebrochenen Versprechen geprägt zu sein.

Ja, er hatte auch sie verführt. Mehr als das. Er hatte sich ihrer Liebe vergewissert. Sie hatte ihn nicht mehr loslassen können. Er sie schon. Der letzte Abend mit ihm fasste es wie ein Brennglas zusammen. Henry, der Charmeur. Henry, der sie noch einmal im Bett haben wollte. Henry, der sie wegen ihrer Liebe einfach auslachte. Ihr klar machte, dass da nichts mehr war. Der sie eine einfältige Pute schimpfte. Ihr riet, doch zurück zu Papa zu gehen. Da gehöre sie hin. Er gehöre ihr nicht, er gehöre nur sich selbst. Er gehörte vor allem seinem Ehrgeiz, diesem Willen, etwas zu werden, etwas darzustellen. Der Raum sollte heller werden, wenn er ihn betrat. Sie wollte dies alles beenden. Henry gehörte ihr. So war es, so sollte es ein.

Die Neue Pinakothek lag in einer Mischung von Licht und Schatten, Bäume, Sträucher und Straßenlampen schufen einen gefleckten Teppich. Sie bog in einen schmalen Weg ein, einem direkten Zugang zum Verwaltungstrakt. Nachdem sie ein paar Handschuhe angezogen hatte, wandte sie der Überwachungskamera den Rücken zu und ging zu dem Seiteneingang. Die Tür ließ sich mit einem sechsstelligen Zifferncode öffnen, den ihr Henry gegeben hatte, als sie ihn zum ersten Mal in München besuchte hatte. Sobald sie den Zugangscode eingegeben hatte, öffnete sich die Tür mit einem kaum vernehmbaren Summen. Sie zog direkt hinter der Tür ihre Schuhe aus, das Geräusch ihrer Absätze hätte er sicher gehört. Der Verwaltungstrakt selbst wurde normalerweise nicht vom Sicherheitsdienst kontrolliert, was Henrys Eskapaden auf dem Ledersofa in seinem Besprechungszimmer sehr entgegenkam.

Sie spürte den kühlen Marmor unter ihren Seidenstrümpfen. Es waren wirklich Seidenstrümpfe. Für Henry. So wie er sie liebte.

Sie öffnete die Tür zu seinen Büros, die sich geräuschlos öffnen und schließen ließ. Henry hasste überflüssigen Lärm in seiner Umgebung.

Durch die angelehnte Tür fiel ein Lichtschein auf den Schreibtisch seiner Sekretärin. Vorsichtig näherte sie sich der Tür zu seinem Büro, obwohl sie sich sicher war, ihn zu dieser Zeit nicht an seinem Schreibtisch zu finden. Eine grünbeschirmte Lampe, die er seit seinen Studientagen in Princeton mit sich herumschleppte, beleuchtete einen penibel aufgeräumten Arbeitsplatz.

Henry verachtete das kreative Chaos, das an ihrem Tisch stets herrschte. Er hatte ihr mehr als einmal zu verstehen gegeben, dass er äußere Unruhe als Zeichen innerer Zerrissenheit verstand. So könne man nicht arbeiten. Bei ihm war alles aufgeräumt, es gab Mappen, Akten, Schränke, jedes Buch, jede CD hatte ihren Platz. Nur sie schien in all dieser Ordnung nie ihren Platz gefunden zu haben.

Jenseits des Lichtkreises, den die Schreibtischlampe warf, glänzte matt Henrys Brieföffner. Damit könne man leicht jemand umbringen, hatte er einmal scherzend gesagt. Eine echte Damaszenerklinge, angeblich aus dem 13. Jahrhundert. Henry erzählte, sein Großvater habe sie als Geschenk von Papst Pius XII bekommen, aber bei ihm wusste man nie genau, was die Wahrheit und was eine gekonnte Inszenierung war.

Sie nahm den Dolch und zog ihn aus seiner Scheide. Er lag gut in der Hand, das Gewicht des Metalls gab ihr Sicherheit.

Die Tür zu seinem Besprechungsraum war angelehnt. Es herrschte völlige Stille. Sie hatte ihn bei ihrem ersten Besuch hier gefragt, warum er sich keine Stereoanlage ins Büro stelle. Er hatte sie nur von oben herab angeschaut und gesagt, hier arbeite er, oder er betrachte Bilder, was auch Teil seiner Arbeit sei, da habe die Musik keinen Platz. Es sei eine Ausgeburt dieser verqueren Zeit, immer mehrere Dinge zur gleichen Zeit tun zu wollen.

Henry saß auf einer Art Klavierbank vor ‚ihrem‘ Bild, dem Bild jener Frau mit dem roten Hut. Er hatte es vor etwas mehr als einem Jahr, kaum dass er auf seinem neuen Posten angefangen hatte, bei einem Spaziergang in den Katakomben des Museums gefunden – und sich dabei fast den Hals gebrochen, wie er nie vergaß zu erwähnen.

Es war sein Vermeer. Zumindest war er der Meinung, dass es sich um einen solchen handelte. Die Fachwelt stimmte nicht unbedingt mit ihm überein, aber die Fachwelt hatte Henry de Rijk noch nie sonderlich interessiert. Es war sein Vermeer. Sein Mädchen. Nachdem die Skepsis der Fachwelt übergroß geworden war, hatte der Kultusminister interveniert. Er hatte zwar nicht den Schimmer einer Ahnung, verfügte dafür aber über reichlich politisches Gespür. Das Bild wurde aus der Sammlung entfernt und landete nach zahlreichen Untersuchungen genau da, wo Henry es schon immer haben wollte:

in seinem Privatbüro.

Sie hatte seine Faszination für dieses Bild nie begriffen, aber sehr wohl verstanden, dass dieses möglicherweise 250 Jahre alte Mädchen eine echte Konkurrentin war. Er sprach mit einer Zärtlichkeit von ihren Augen, den Linien ihres Gesichtes, dass sie allein beim Gedanken daran eifersüchtig wurde.

Den Dolch in der rechten Hand trat sie langsam hinter ihn. Sie wusste nicht, ob es ihr Parfüm oder die von ihr ausgehende Wärme war, aber er schien aus seiner Trance zu erwachen und drehte sich auf der lederbezogenen Bank um. In diesem Moment stach sie zu. Nur einmal. Gezielt. Er sah sie mit einer Mischung aus Erstaunen und Wehmut an, sie trat einen Schritt zurück und er rutsche wie in Zeitlupe zu Boden. Sie war sich sicher, dass er bereits tot war, und blickte das Bild der Frau an. Wenn er tot ist, wirst auch du wieder dahin verschwinden, wohin du gehörst, dachte sie sich.

So leise wie sie gekommen war, ging sie auch wieder. Sie zog die Tür geräuschlos hinter sich ins Schloss, ging vorsichtig die Treppe hinunter, schlüpfte in ihre Schuhe und steckte die Handschuhe wieder in ihre Jackentasche. Dann spähte kurz nach draußen, bevor sie die Außentür mit dem Ellenbogen öffnete.

Montag

Irgendetwas war anders, aber ich wusste nicht, was. Martina lag wie immer zusammengerollt an meine Seite geschmiegt, aber das Zimmer war nicht so dunkel wie sonst.

Mein Blick fiel auf das Telefon. Es war der Ausgangspunkt dieser eigenartigen Helligkeit.

Es strahlte.

Mehr nicht, denn ich hatte es stumm gestellt.

3:45 Uhr

Ich schwang meine Beine vorsichtig aus dem Bett, schnappte mir das leuchtende Handy, ging ins Wohnzimmer und drückte auf „Annehmen“.

Als ich einen Moment schwieg, fragte jemand:

„Schönheit?“

„Ja.“ Ich klang wie der sterbende Schwan.

„Sind Sie das, Schönheit?“

Kriminaloberrat Theiss.

„Ja.“

„Na also. Wieso gehen Sie denn nicht ans Telefon?“

„Weil es mitten in der Nacht ist?“

„Bringt der Beruf so mit sich.“

„Ach, wirklich?“

„Ich brauche Sie.“

„Hatte ich mir schon fast gedacht.“

„Jetzt spielen Sie nicht die Primadonna. Wir haben einen Toten.“

„Kann das nicht der Kriminaldauerdienst übernehmen und wir kümmern uns in der Früh darum?“

„Das wird sich schlecht machen lassen, Herr Schönheit.“

Sein falsches Mitleid floss förmlich aus dem Telefonhörer.

„Und warum?“

„Weil die Leiche in der Neuen Pinakothek liegt.“

„Und?“

„Es handelt sich um den Direktor der Alten.“

„Bitte?“

„Um den Direktor der Alten Pinakothek.“

„Und den haben Sie in der Neuen Pinakothek gefunden?“

„Nicht wir, Herr Schönheit. Ein pflichtbewusster Wachmann.“

Das verstehe wer will.

„Und es war Mord?“

„Sofern wir nicht davon ausgehen, dass der Herr Direktor vorwärts in seinen Brieföffner gefallen ist: ja.“

„Ach so.“

„Schwingen Sie Ihren Alabasterleib aus dem Bett, Schönheit, Uzman holt Sie in fünf Minuten mit dem Wagen ab.“

Er zögerte einen Moment.

„Und wehe, Sie bringen die Presse mit.“

Der Chef und sein Sinn für Humor.

Der Direktor der Alten Pinakothek war tot und Adil würde mich in fünf Minuten abholen. Was für eine Nacht.

Ich ging ins Badezimmer, goss mir eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht und versuchte ein Lächeln. Es misslang. Auf dem Weg ins Schlafzimmer stolperte ich über die Türschwelle und versuchte in völliger Dunkelheit, etwas zum Anziehen zu finden.

„Mach halt Licht an“, tönte es unter der Bettdecke.

„Geht auch so.“

„Quatsch.“

Martinas Hand suchte mit Erfolg den Schalter der Nachttischlampe.

Licht.

Ein bemerkenswert waches Gesicht tauchte unter der Bettdecke auf.

„Was ist denn los? Revolution?“

„Ein Toter in einem Museum.“

„Geht das ein wenig präziser?“

„Der Direktor…“

Die Türglocke schepperte. Ich ging an die Sprechanlage.

„Adil?“

„Ja, Chef.“

„Bin gleich da.“

„OK.“

Zurück ins Schlafzimmer.

Ein offenbar völlig erwachter, leicht verwilderter Rotschopf grinste mich an, die Hände vor den Brüsten verschränkt.

„Nur damit du nicht auf dumme Gedanken kommst. Also bitte: Wer ist tot?“

„Anscheinend der Direktor der Alten Pinakothek.“

Sie pfiff durch die Zähne.

„Jetzt nicht wirklich.“

„Martina, bitte. Keine Ahnung. Ich kann dir nur sagen, was Theiss mir gesagt hat. Und er hat sich jegliche Presse verbeten.“

Ich versuchte verzweifelt, die Knopflöcher an meinem weißen Hemd in der richtigen Reihenfolge anzusteuern.

„Der hat sich gar nichts zu verbitten. Der reiche Henry also…“

Die dunkelgraue Cordhose anzuziehen war auch nicht viel einfacher.

„Der reiche Henry?“

„Der Direktor der Alten Pinakothek heißt Henry de Rijk. Ein Niederländer, bei dem Nomen angeblich auch Omen sein soll.“

Es klingelte wieder an der Tür. Ich lief noch einmal hin.

„Ja doch.“

„Kommst du, Bene? Der Alte hat mich gerade angerufen.“

„Bin gleich da.“

Ich setzte mich kurz auf das Bett und nahm Martina in den Arm.

„Ich muss los. Und solltest du dort in der nächsten halben Stunde auftauchen, hast du es nicht von mir.“

Wir umarmten uns.

„Bis später.“

Sie lächelte.

Ich nahm mein dunkelblaues Jackett vom Haken, band mir einen Schal um, zog die Wohnungstür hinter mir zu und hastete die Treppe hinunter.

„Morgen, Adil.“

„Du hast auch schon einmal besser ausgesehen“, meinte er grinsend.

Ich enthielt mich eines Kommentars und er ließ den Wagen an. Heftig blau blinkend fuhren wir los. Als Adil kurz vor der Leopoldstraße das Martinshorn zuschaltete, war ich endgültig wach.

„Was wissen wir denn schon?“

„Also ich weiß so gut wie nichts, denn Theiss hat mich, kaum dass Klaus und ich angekommen waren, sofort losgeschickt, um dich abzuholen.“

„Aber wir haben eine Leiche.“

Er nickte.

„Henry de Rijk, den Direktor der Alten Pinakothek.“

„Und wieso liegt der in der Neuen?“

„Weil da seine Büroräume sind. Ein Teil der staatlichen Museumsverwaltung ist in einem Teil der Neuen Pinakothek untergebracht.“

„Und man hat ihn erstochen?“

„Keine Ahnung, Bene. Wirklich nicht. Wir sind ja gleich da.“

Ich gähnte ausgiebig.

Ein Blick aus dem Augenwinkel zeigte mir, dass Adil gerade mit großem Vergnügen und etwa 130 Stundenkilometern das Siegestor umfahren hatte, um kurz darauf mit quietschenden Reifen und Martinshorn in die Theresienstraße einzubiegen.

„Er ist schon tot, Adil. Wir müssen keine lebensrettenden Maßnahmen ergreifen.“

Adil grinste sein ‚es ist vier Uhr morgens‘ Grinsen und nahm den Fuß vom Gas.

„Du gönnst einem auch gar nichts.“

Gefühlte Sekunden später bogen wir in die Bader Straße ein und kamen vor der Neuen Pinakothek zum Stehen. Es herrschte der übliche Auftrieb. Die zweite Reihe und der Bürgersteig waren mit diversen Fahrzeugen einer bayerischen Premiummarke und zwei Krankenwagen vollgestellt. Adil dachte kurz nach, warf einen Blick in die Runde und brachte den Wagen dann nach einer 180 Grad Drehung auf der anderen Straßenseite zum Stehen.

„Rallye Paris - Dakar. Wäre das nichts für dich?“, fragte ich.

Er zog den Zündschlüssel ab.

Adil ging voraus zu einem Seiteneingang, der von einem jungen Polizeibeamten bewacht wurde. Wir stiegen in den ersten Stock, betraten einen Vorraum, offenbar das Zimmer einer Sekretärin, und gingen durch eine offenstehende Tür in ein großes Arbeitszimmer. Ich blickte mich um.

Moderner Schreibtisch mit mindestens vier Quadratmeter Arbeitsfläche. Praktisch leer. Eine Kristallvase mit einer Rose darin, eine Holzschale mit wenigen Stiften, zwei schmale Aktenordner. Ein lederbezogener Chefsessel, den man im Präsidium nur in den gehobenen Dienstzimmern finden würde. Hinter dem Schreibtisch hing das Gemälde einer Landschaft, das mehr als nur eine Perspektive in sich zu vereinen schien.

Klaus tauchte in der Tür zum nächsten Raum auf und machte eine vielsagende Bewegung mit dem Kopf. Ich löste mich vom ersten Eindruck und trat durch den Durchgang ins nächste Zimmer.

Das kalte Arbeitslicht der Kriminaltechnik blendete. Theiss stand neben Dr. Orthuber, den man offenbar auch zu dieser nachtschlafenden Zeit gerufen hatte. Links neben den beiden lag ein toter Mann auf dem Fußboden. Man hatte ihm das Hemd geöffnet und auch die Mordwaffe aus seinem Brustkorb entfernt. Es schien nur sehr wenig Blut ausgetreten zu sein.

Das Zimmer war eine Art Besprechungszimmer, modern aber gediegen möbliert, mindestens 30 Quadratmeter groß. An Platz schien hier kein Mangel zu herrschen. Es waren allerdings nicht der große Konferenztisch und die acht modernen, lederbespannten Chromstühle, die den Raum beherrschten.

Es war ein verhältnismäßig kleines Bild, das auf einer Staffelei links von dem Toten stand und über ihn hinwegzublicken schien. Eine Frau blickte mich an. Sie wirkte jung, kaum zwanzig. Licht fiel von oben auf ein schmales Gesicht mit einem leicht geöffneten Mund, großen braunen Augen und hohen Wangenknochen. Ein roter Hut schien auf ihrem Kopf zu schweben. Als ich meinen Blick von dem Bild abwandte, bemerkte ich, dass mich Theiss und Dr. Orthuber anstarrten, und ging einige Schritte auf sie zu.

„Schön, dass Sie Zeit für uns gefunden haben.“

Theiss schien ja blendender Laune zu sein.

„Guten Morgen, Herr Doktor“, ich nickte Dr. Orthuber zu, „Morgen, Herr Theiss.“

Ich betrachtete den am Boden liegenden Toten genauer.

„Da war wohl ein Meister seines Faches am Werk.“

„Oder jemand hatte schlicht Glück, Herr Schönheit“, meinte Dr. Orthuber. „Aber sie haben recht. Wer immer da zugestochen hat, hat den Herzbeutel präzise getroffen. Dr. de Rijk dürfte tatsächlich sofort tot gewesen sein.“

„Deshalb das wenige Blut.“

„Stimmt.“

„Wie lange ist er denn schon tot?“

Dr. Orthuber sah mich mitleidig an.

„Fällt Ihnen denn wirklich keine andere Frage ein? Der Körpertemperatur und der Leichenstarre nach zu urteilen drei bis fünf Stunden. Näheres nach der Autopsie.“

Ich blickte Theiss an.

„Und was haben wir sonst?“

„Praktisch nichts. Irgendjemand scheint aus dem Nichts aufgetaucht zu sein und hat ihn vor diesem Bild ins Jenseits befördert.“

Ich blickte der jungen Frau auf dem Bild noch einmal ins Gesicht.

„Faszinierend, nicht wahr“, ließ sich Dr. Orthuber vernehmen.

„Wie meinen Sie das?“

Dr. Orthuber wirkte ein wenig irritiert.

„Mir ging es vor ein paar Monaten ähnlich wie Ihnen, als Sie da vorne standen. Ich konnte meinen Blick einfach nicht von diesem Bild losreißen, als es noch in der Pinakothek hing. Vielleicht fühlte de Rijk ja dasselbe. Er hatte das Bild schließlich gefunden.“

Theiss und ich blickten unseren Gerichtsmediziner beide erstaunt an.

„Sie kennen das Bild?“, fragte Theiss.

Dr. Orthuber wirkte eher indigniert als irritiert.

„Aber die Herren lesen schon gelegentlich einmal Zeitung, oder?“, meinte er. „Das ist der vermeintliche Vermeer, über den Henry de Rijk letztes Jahr im Keller der Alten Pinakothek gestolpert ist. Anschließend gab es dann eine lange, öffentlich ausgetragene Schlammschlacht über die Echtheit des Bildes.“

„Mit welchem Ergebnis?“

„Die Experten waren sich nicht einig. De Rijk, der ein ausgewiesener Fachmann für Vermeer und seine Zeit war, bestand darauf, dass es sich um einen echten Vermeer handelte. Die Mehrheit der wissenschaftlichen Tests schien das zu belegen, aber es gab auch Stimmen, die es für das Werk eines bekannten Fälschers hielten. Am Ende hat das Ministerium die Notbremse gezogen und das Bild ins Archiv verbannt.“

„Und als Direktor hat er dann entschieden, es hier in seine Räume zu stellen“, meinte Theiss.

„Kann ich mir gut vorstellen. De Rijk hat meistens bekommen, was er wollte.“

„Kannten Sie ihn denn, Herr Doktor?“

„Persönlich nicht, aber er war ein schillernder Vogel, und seine Ernennung zum stellvertretenden Generaldirektor hat ziemliche Wellen geschlagen.“

„Ich dachte, er war der Direktor“, warf ich ein.

„Er war Direktor der Alten Pinakothek“, meinte Dr. Orthuber, „und in Personalunion stellvertretender Generaldirektor der staatlichen Gemäldesammlungen.“

„Wer hat ihn denn eigentlich gefunden“, fragte ich und blickte Theiss an. „Sie erwähnten am Telefon einen Wachmann.“

„Das stimmt, Herr Schönheit. Brunner vernimmt ihn gerade.“

„Wissen wir denn schon, wie der Täter…“

„Oder die Täterin“, meinte Orthuber.

„Könnte eine Frau den Stoß ausgeführt haben?“

„Problemlos, Herr Schönheit.“

Orthuber nahm einen in einem durchsichtigen Asservatenbeutel verpackten Gegenstand vom Tisch und reichte ihn mir.

„Vorsicht, das Ding ist scharf.“

Ich hielt einen etwa 25 cm langen Dolch in der Hand, der eine circa15 cm lange Klinge hatte.

„Es mag Glück oder Können gewesen sein, Herr Schönheit, aber mit dieser Waffe kann auch ein Kind einen Menschen mit einem einzigen Stich umbringen.“

„Wenn man weiß, wohin man stechen muss.“

„Oder eben Glück hat.“

„Halten Sie das für eine Antiquität?“

„Dafür bin ich nicht zuständig“, meinte Dr. Orthuber, „aber wenn Sie meine Laienmeinung interessiert, würde ich sagen, ja.“

Ich nahm meine ursprüngliche Frage an Theiss wieder auf: „Wissen wir schon, wie der Täter oder die Täterin ins Haus gekommen ist?“

„Ich vermute durch die Eingangstür. Da gibt es eine Kamera, aber wir haben die Aufzeichnungen noch nicht gesehen. Der Wachdienst hat die Polizei und den Chef der Haussicherheit benachrichtigt. Der sollte jeden Moment hier eintreffen.“

„Sind schon andere Mitarbeiter verständigt worden?“

„Das überlasse ich gerne Ihnen, Herr Schönheit.“ Theiss lächelte fein. „Außerdem haben wir keine Kontaktdaten von seiner Sekretärin und seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter.“

Ein uniformierter Beamter betrat den Raum, blickte sich kurz um und steuerte dann auf Theiss zu.

„Ein Herr Wacker ist am Eingang, Herr Kriminaloberrat.“

„Das wird der Sicherheitschef sein, Herr Schönheit. Sprechen Sie mit ihm, aber nicht hier.“

„Gibt es denn einen anderen Zugang zum Verwaltungstrakt?“

„Ja, durch den Eingangsbereich des Museums.“

Ich drehte mich um, nickte Dr. Orthuber kurz zu und folgte dem Beamten nach unten.

Ein Mann Ende vierzig in Jeans, Rollkragenpullover und einer dunkelbraunen Lederjacke stand vor der Tür, und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

„Guten Morgen. Kriminalrat Schönheit, ich leite die Ermittlungen.“

„Wacker, ich bin der Leiter der Haussicherheit. Kann ich jetzt endlich rein?“

„Tut mir leid, Herr Wacker, aber die Tatortsicherung ist noch nicht abgeschlossen. Können wir uns vielleicht in ihrem Büro kurz zusammensetzen?“

„Und wie kommen wir dahin, wenn Sie mich nicht reinlassen?“

Er wirkte genervt.

„Vielleicht über den Haupteingang?“

Er hielt inne und schaute mich an.

„Natürlich, entschuldigen Sie. Ich bin noch nicht ganz da. Normalerweise werde ich nicht mitten in der Nacht von der Mordkommission geweckt.“

Ich lächelte.

„Wir versuchen, das nicht zur Gewohnheit werden zu lassen, aber heute ließ es sich nicht vermeiden.“

Ich deutete auf das digitale Schloss am Nebeneingang.

„Was braucht man eigentlich, um hier reinzukommen?“

„Für diese Tür brauchen Sie eine PIN, wenn sie über den Haupteingang gehen, brauchen Sie Ihren Dienstausweis.“

„Und wer hat die PIN für diese Tür?“

„Das können wir in meinem Büro nachschauen.“

„Aber Herr de Rijk hatte sie auf alle Fälle?“

„Ja, sicher, und seine direkten Mitarbeiter wahrscheinlich auch. Herr Dr. de Rijk hat oft lange gearbeitet und meistens diesen Eingang benutzt.“

„Hat das Haus eine Tiefgarage?“

„Nein. Wenn Dr. de Rijk mit dem Wagen kam, hat er gegenüber an der Alten Pinakothek geparkt.“

„Und wenn er nicht mit dem Wagen kam?“

„Manchmal ist er gelaufen oder er kam mit dem Fahrrad.“

Das schien mir nicht zu dem Bild zu passen, das Dr. Orthuber entworfen hatte.

„Wo wohnte er denn?“

„Er hat ein Haus in Schwabing gemietet. Die Dienstwohnung war ihm offenbar zu klein. Er hat eine recht umfangreiche Privatbibliothek und auch eine private Kunstsammlung.“

Wir gingen durch den Haupteingang der Neuen Pinakothek, der rechts und links von uniformierten Polizeibeamten flankiert war. Zwei Mitarbeiter des Wachdienstes standen hinter einem ausladenden Tisch, Herr Wacker öffnete mit seinem Dienstausweis eine Sperre zunächst für mich, dann für sich selbst, anschließend öffnete er den Zugang zu einem Treppenhaus auf dieselbe Weise.

„Wer kann eigentlich auf diesem Weg in den Verwaltungstrakt gelangen?“

„Im Prinzip jeder Mitarbeiter dieser Verwaltungseinheit, jeder Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, der hier Dienst tut und alle Direktoren der staatlichen Museen.“

„Werden die Zugangsdaten gespeichert?“

„Selbstverständlich. Wir können genau nachvollziehen, wer, wann, wie und wo durch einen elektronisch gesicherten Zugang gegangen ist.“

„Aber Sie haben mich doch auch gerade durchgehen lassen.“

„Das ist eine spezielle Funktion, die nur wenige Ausweise haben. Der Durchgang eines Gastes wird aber auch beim Ausweisinhaber dokumentiert.“

Wir waren im zweiten Stock angelangt. Herr Wacker hielt mir die Tür auf und ging den Gang hinunter zu seinem Büro, das er mit einem normalen Schlüssel öffnete.

„Keine Elektronik hier?“

Er grinste.

„Nichts gegen Elektronik. Die ist uns von oben verordnet. Für meine persönliche Sicherheit bevorzuge ich nach wie vor Schweizer Schlösser.“

Wir betraten ein Zimmer, gingen am Schreibtisch eines Mitarbeiters vorbei und gelangten schließlich in sein Büro. Es war nicht ganz so edel ausgestattet, wie das von de Rijk, an Platz herrschte trotzdem kein Mangel. Auf einer Anrichte stand das Modell eines Hubschraubers.

Ich deutete auf das Modell und fragte ihn:

“Was haben Sie mit Hubschraubern am Hut?“

„Ich bin die Dinger ein paar Jahre lang geflogen.“

„Und wie sind Sie dann hier gelandet?“

Er schien sich jetzt wirklich gefangen zu haben und lächelte mich an.

„Wie das Leben so spielt. Nach zwölf Jahren war das Abenteuer Bundeswehr vorbei und ich musste mir etwas Neues suchen. Über einen privaten Sicherheitsdienst bin ich dann beim Staat gelandet.“

„Und was haben Sie so von Dr. de Rijk mitbekommen?“

„Herzlich wenig. Mit den Herren der Direktion gibt es zwar regelmäßige Besprechungen, aber die meisten sind nicht wirklich an den Sicherheitsaspekten interessiert. Sie erwarten, dass es funktioniert.“

„Wer sind denn die engsten Mitarbeiter von Dr. de Rijk?“

„Da ist zum einen seine Sekretärin, Frau Mager, und dann hat er einen wissenschaftlichen Mitarbeiter, Herrn Dr. Zielke.“

„Welcher von den beiden kennt sich denn besser im Büro aus?“

„Mit Sicherheit Frau Mager, denn die hat schon seinem Vorgänger zugearbeitet. Herr Dr. Zielke ist neu.“

„Habe ich da bei ihrem letzten Satz einen Unterton gehört?“

„Sie scheinen über ein sehr gutes Gehör zu verfügen, Herr Schönheit.“ Er lächelte. „Herr Dr. de Rijk hätte vermutlich eine Mitarbeiterin bevorzugt. Aber mehr kann ich dazu nicht sagen.“

Ich nickte verständnisvoll.

„Könnten wir dann bitte Frau Mager benachrichtigen? Wir brauchen sie hier, denn wir müssen verifizieren, ob im Büro etwas fehlt.“

Er schaute auf seine Uhr: „Es ist gerade mal fünf, Herr Schönheit. Muss das denn sein?“

„Ich fürchte, ja.“

Er zog die Augenbrauen hoch, griff zum Telefon und wählte eine programmierte Nummer. Nach einer guten Minute hob jemand ab.

„Guten Morgen, Frau Mager, hier ist Wacker.“

Kurzes Schweigen.

„Tut mir leid, Sie zu stören.“

Er schien ihr zuzuhören.

„Wie gesagt, tut mir leid, Sie zu stören, aber wir haben hier ein kleines Problem. Die Polizei wird Sie…“

Er blickte mich an.

Ich flüsterte: „Wo wohnt sie denn?“

Wenn ich seine Lippenbewegungen richtig interpre­tierte, hieß das „Borstei.“

Ich hielt beide Hände in die Höhe.

„… in etwa zehn Minuten abholen … doch, Frau Mager“, fuhr er fort, „wir brauchen Sie wirklich dringend hier.“ Kurze Pause. „Vielen Dank und bis gleich.“

„Die Dame scheint nicht einfach zu sein.“

„Da sprechen Sie ein wahres Wort gelassen aus.“

„Geben Sie mir ihre Adresse, dann lasse ich sie abholen.“

„Sie wohnt in der Borstei, offiziell ist das Dachauer Straße 140, aber das ist ein recht komplexer Bau.“

„Und was sage ich jetzt meinem Kollegen?“

„Vielleicht stellt er sich mit Blaulicht vor die Zufahrt?“ Herr Wacker schien das Talent zum Scherzbold zu besitzen.

„Können Sie mir bitte noch die Telefonnummern von Frau Mager geben?“

„Ich habe nur ihre Festnetznummer.“

„Sie meinen, die Dame hat kein Handy?“

„Möglich wäre es.“

Ich zog mein Handy aus der Jackettasche und wählte Adils Nummer.

„Uzman.“

„Kannst du bitte noch einmal Taxi spielen?“

„Und wen soll ich jetzt holen?“

„Die Sekretärin von de Rijk.“

„Und wo finde ich die?“

Ich nannte ihm die Adresse.

„Einfamilienhaus oder Wohnblock?“

„Borstei.“

„Bitte?“

„Gib einfach die Adresse ein, die ich dir gesagt habe. Sie erwartet ein Polizeifahrzeug. Wenn es ein Problem gibt, ruf mich an.“

Kurze Stille.

„Adil?“

„Bin schon unterwegs.“

Herr Wacker sah mich an.

„Sie haben einen recht unkonventionellen Stil mit Ihren Untergebenen.“

Ich lächelte.

„Ich gehöre zu den ungedienten Jahrgängen, Herr Wacker. Meine Mitarbeiter wissen, was sie an mir haben, und ich weiß, dass ich mich auf sie verlassen kann.“

Jetzt lächelte er.

„Nichts für ungut.“

„Haben Sie hier eigentlich Zugriff auf die Videoaufzeichnungen?“

„Wir leben in modernen Zeiten, Herr Schönheit. Selbstverständlich. Was würden Sie denn gerne sehen?“

„Den Seiteneingang. Sämtliche Aufzeichnungen der letzten Stunden.“

„Kein Problem, aber das könnte länger dauern.“

Ich schaute ihn fragend an.

„Die Kameras machen regelmäßig Standbilder, außer ein Bewegungsmelder löst eine Filmphase aus. Wissen Sie denn schon, wann Herr Dr. de Rijk genau gestorben ist?“

Ich dachte einen Moment nach.

„Vielleicht schauen wir uns die Aufzeichnungen ab 23 Uhr an.“

Er schaltete seinen Computer ein, wählte ein Programm und drehte dann seinen Bildschirm so, dass auch ich ihn sehen konnte. Zunächst lag besagte Zugangstür zum Museum völlig friedlich da. Auf dem Bildschirm erschien ein Standbild nach dem nächsten.

„Warum hat sich denn jetzt der Filmmodus eingeschaltet?“

„Ich würde mal vermuten, ein Eichhörnchen. Da war ein Schatten am linken, hinteren Bildende.“

„Ein Eichhörnchen?“

„Ja.“

Er grinste.

„Das sind die Segnungen der modernen Technik, Herr Schönheit. Früher hätte es einfach an jedem Zugang einen Wachmann gegeben.“

Der Bildschirm hatte sich wieder beruhigt, ein Standbild folgte dem anderen. Dann begann wieder eine Videosequenz und man sah einen großen, weißen Fleck mitten auf dem Bildschirm.

„Halten Sie das mal an, bitte.“

Er stoppte die Wiedergabe und schien das Bild in einen weiteren Winkel zu fassen. Vor der Tür stand eine Person mit einer hellen Strickmütze auf dem Kopf.

„Können wir das langsam weiter laufen lassen?“

Das Bild bewegte sich jetzt in Zeitlupe. Es war eine Frau, die einen Zifferncode in dem kleinen Kasten neben der Tür eingab, die Tür aufzog und aus dem Blickfeld verschwand.

23:57 Uhr.

„Kennen Sie die Frau, Herr Wacker?“

„Nein, aber lassen Sie mich mal schauen, wer den Zugangscode hatte.“

Er erweckte einen zweiten Computerbildschirm zum Leben.

„Das sind die üblichen Berechtigten. Dr. de Rijk, seine Mitarbeiter, die Wachleute am Haupteingang können den Code abrufen, wenn sie ihn brauchen.“

„Wie viele Frauen sind darunter?“

„Nur Frau Mager.“

„Lassen Sie die Aufzeichnung bitte weiterlaufen.“

Nach einigen Standbildern sahen wir wieder den Videomodus. Man sah die gleiche Frau aus der Tür kommen.

00:17 Uhr.

Das Ganze schien sehr schnell vorbei gewesen zu sein. Sie trug immer noch die helle Strickmütze, war schlank, nicht zu groß, trug einen Rock und hochhackige Schuhe. Die Auflösung der Kamera ließ allerdings zu wünschen übrig.

„Kann man die Bildqualität noch verbessern?“

„Vielleicht im Labor, aber deshalb werden Sie trotzdem keinen Blick auf ihr Gesicht werfen können.“

Wo er recht hatte, hatte er recht. Mein Telefon läutete. Theiss.

„Schönheit.“

„Herr Schönheit, die Kriminaltechnik ist jetzt fertig, die Räume können also wieder betreten werden. Gibt es was Neues?“

„Auf der Videoaufzeichnung sieht man eine Frau, die kurz vor Mitternacht das Gebäude betritt. Außerdem sollte die Sekretärin von de Rijk jeden Moment aufkreuzen.“

„Aufkreuzen?“

„Ich habe Uzman losgeschickt, sie abzuholen, nachdem Herr Wacker mit ihr telefoniert hatte.“

„Ach so. Kann man bei den Aufzeichnungen ein Gesicht erkennen?“

„Ich fürchte, nein.“

„Trotzdem sollten die schnellstens in die KTU.“

„Geht klar.“

Ich blickte auf mein Handy.

„Ihr Chef schien ein wenig kurz angebunden.“

„Verabschiedungen sind nicht so sein Ding. Wir bräuchten die Videoaufzeichnungen.“

„Ich werde ihnen die Daten auf eine DVD brennen.“

Und schon wieder meldete sich mein Handy.

Adil.

„Chef, wir wären jetzt da.“

„Augenblick mal.“

Ich sah Herrn Wacker an.

„Könnten wir mit Frau Mager zunächst einmal hier sprechen?“

„Natürlich. Sagen Sie Ihrem Kollegen, er soll mit ihr zum Haupteingang kommen.“

„Adil?“

„Ja.“

„Komm mit der Frau zum Haupteingang. Der Leiter der Haussicherheit holt euch ab.“

„Alles klar.“

Herr Wacker war aufgestanden und ging auf die Tür zu.

„Vielen Dank“, meinte ich.

„Nichts zu danken.“

Ich blieb allein in seinem Büro zurück. Kurze Zeit später erschienen Adil und Herr Wacker in Begleitung einer in den Hüften etwas fülligen Mittvierzigerin, die einen hellen Trenchcoat zu einem knielangen Rock und flachen, roten Schuhen trug. Ihr Gesicht wirkte etwas eingefallen, was aber vermutlich der frühen Stunde geschuldet war. Sie hatte einen dunklen, halblangen Haarschopf, dessen dunkelroter Farbe man die Künstlichkeit ansah. Ich stand auf.

„Frau Mager? Kriminalrat Schönheit. Freut mich, dass sie kommen konnten.“

Sie sah mich genervt an.

„Ich hatte ja keine Wahl.“

Kein guter Start.

„Es ließ sich leider nicht umgehen.“ Ich deutete auf einen Stuhl. „Möchten Sie sich nicht setzen?“

Herr Wacker wollte ihr den Mantel abnehmen, aber sie setzte sich, ohne das Angebot zu beachten, auf einen der Stühle an seinem Besprechungstisch.

„Worum geht es denn eigentlich?“, fragte sie. „Und wo ist Herr Doktor de Rijk?“

„Genau um ihn geht es, Frau Mager.“

„Um Herrn Doktor de Rijk?“

„Ja.“

„Und was ist mit ihm?“

„Er ist tot.“

Sie zeigte keine Regung.

Sie saß einfach nur in diesem Lederstuhl, die Beine keusch übereinandergeschlagen, als ob sie für ein Porträt Modell säße.

„Haben Sie mich verstanden?“

Nichts.

„Frau Mager?“

Sie schien aus ihrer Trance zu erwachen.

„Herr Doktor de Rijk ist tot?“

Sie fuhr sich mit beiden Händen über ihr ungeschminktes Gesicht, richtete sich auf und sah mich an.

„Herzinfarkt?“

„Wie kommen Sie darauf?“

Sie zögerte einen Moment.

„Er lebte so intensiv.“

„Nein, Frau Mager, dann wären wir nicht mit so einem Großaufgebot hier und hätten Sie auch nicht um fünf Uhr morgens aus dem Bett geholt. Ihr Chef ist ermordet worden.“

Sie saß immer noch stocksteif auf ihrem Stuhl.

„Frau Mager?“

„Ermordet?“

„Ja. Und wir brauchen jetzt ihre Hilfe, um festzustellen, ob Gegenstände aus seinem Büro verschwunden sind.“

„Ermordet?“

„Das sagte ich gerade, Frau Mager.“

„Wie?“

„Das tut jetzt nichts zur Sache.“

Jetzt sah sie mich zum ersten Mal wirklich an.

„Wie?“

„Er wurde erstochen.“

Mit einer Sekunde Verzögerung schien ein Lächeln um ihre Lippen zu spielen. Sie murmelte etwas.

„Bitte?“

Die Farbe schien in ihre Wangen zurückzukehren. Sie erhob sich.

„Wenn Sie möchten, können wir rübergehen.“

Ich blickte Adil und Herrn Wacker an, die beide reichlich verwirrt an der Wand standen.

„Adil, könntest du bitte mit Frau Mager schon einmal vorgehen, ich komme gleich nach.“

Adil öffnete die Tür und die Frau ging, ohne uns eines weiteren Blickes zu würdigen, in den Gang.

Herr Wacker setzte sich auf seinen Schreibtisch.

„Wenn es nicht so ernst wäre, würde ich sagen: Ich hatte Sie gewarnt.“

Ich wandte mich ihm zu.

„Wovor?“

„Vor Komplikationen. Haben Sie verstanden, was sie gemurmelt hat, nachdem Sie ihr gesagt hatten, dass de Rijk tot ist?“

Ich schüttelte den Kopf.

Er sah mich lange an.

„Geschieht ihm recht.“

„Das hat sie gesagt?“

„Ja.“

Ich stand auf.

„Kommen Sie mit?“

„Ich möchte erst den Generaldirektor anrufen, dann komme ich nach.“

Jetzt musste ich grinsen.

„Nicht zu früh?“

Er hielt meinem Blick stand.

„Wo denken Sie hin?“

Ich machte mich auf den Weg in de Rijks Büro, während er zum Telefon griff.

Da ich etwas frische Luft schnappen wollte, entschloss ich mich, den Weg durch den Eingang des Museums zu nehmen. Das war ein Fehler. Als ich das Gebäude verließ, hörte ich Theiss mit den Worten „Die Pressekonferenz ist nicht vor zehn Uhr und vorher gibt es keine Informationen.“

Eine mir sehr bekannte Stimme entgegnete:

„Herr Theiss, das können Sie nicht machen. Wir leben doch nicht mehr in den Zwanzigerjahren. Unsere Leser wollen schnell informiert werden. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Ermittlungstaktik, ein paar Fakten werden Sie doch für uns haben.“

Martina, ironisch und angriffslustig wie immer.

Ich wollte mich gerade in möglichst großer Entfernung vorbei mogeln, als der Chef rief:

„Ach, Herr Schönheit, kommen Sie doch bitte einen Moment her.“

Vor Theiss stand nicht nur Martina, sondern auch ihre Kollegen von den anderen Münchner Blättern. Journalisten von diversen Radiosendern streckten ihm ihre Mikrofone entgegen.

„Was können wir denn den Damen und Herren von der Presse schon sagen?“

Ich wusste, was ich jetzt sagen sollte.

„Dass wir später eine Pressekonferenz haben.“

Martina spielte sehr schön ein verzweifeltes Stöhnen.

„Herr Schönheit, bitte. Die Platte habe ich gerade eben schon mal gehört.“

„Und Sie missfällt Ihnen?“

Jetzt schaute sie mich kampflustig an.

Ich blickte auf Theiss, der nickte und sprach: „Von mir aus, aber nur die grundlegenden Fakten, verstanden?“

Dann drehte er sich um und ging zu seinem Wagen.

„Was ist dem denn über die Leber gelaufen?“, meinte einer der Radioreporter, der sich an seinem Mikrofon festhielt.

„Also, meine Damen und Herren“, legte ich los. „Heute Morgen gegen 3 Uhr ist der Direktor der Alten Pinakothek, Herr Dr. Henry de Rijk, in seinen Büroräumen tot aufgefunden worden. Wir gehen von einem Gewaltverbrechen aus.“

„Bei einem Messer im Rücken würde ich das auch“, ließ sich Martina vernehmen.

Mir rutsche ein „Woher hast du das?“, raus.

Irgendwie ging heute Morgen alles zu schnell.

„Hier stehen doch genügend Uniformierte rum, mit denen man ein Schwätzchen halten kann“, meinte sie.

Martina in großer Form. Glücklicherweise stimmte ein Detail nicht.

„Frau Beinhauser, ich kann das weder bestätigen noch dementieren. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir erst auf der Pressekonferenz ...“

Allgemeines Aufstöhnen.

„Gibt es denn schon einen Verdächtigen?“, fragte ein junges Mädchen mit einem Mikrofon.

„Wir sind dabei, die Videoaufzeichnungen der Eingangstüren zu prüfen, vernehmen im Moment noch den Wachmann, der den Toten gefunden hat, und überprüfen zusammen mit seiner Sekretärin das Büro. Und mehr kann ich Ihnen jetzt wirklich nicht sagen, ich habe hier nämlich noch einen Job zu machen. Danke.“

„Vielen Dank, Herr Kriminalrat.“

Das war der Herr von der Süddeutschen, der zu jeder Tages- und Nachtzeit karierte Jacketts trug.

Ich ging zügig zu de Rijks Büro zurück, wo Adil mit Frau Mager und Herrn Wacker stand.

„Entschuldigen Sie die Verzögerung, aber die Presse hat ihr Recht verlangt.“

Ich wandte mich Frau Mager zu:

„Ist Ihnen auf den ersten Blick etwas aufgefallen?“

„Nein.“ Sie zögerte. „Aber ich bin auch noch gar nicht richtig durch die Räume gegangen.“

„Darf ich Ihnen Ihren Mantel abnehmen?“

„Gerne.“

Adil und Herr Wacker sahen einander erstaunt an. Ich hängte den Mantel auf einen Bügel am Kleiderständer neben der Eingangstür.

„Fällt Ihnen denn hier in ihrem Büro etwas auf?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Alles so, wie Sie es in Erinnerung haben?“

Sie nickte.

Ich berührte sie sanft am Ellenbogen und wir gingen weiter in Henry de Rijks Büro. Sie griff meine Hand und hielt sie fest.

„Ist es hier passiert?“

Ich schüttelte den Kopf.

Sie blieb stehen und starrte die Rose in der schmalen Vase an.

„Das ist Sèvres Porzellan, wissen sie. Er hat die Vase mitgebracht.“ Sie zögerte. „Er hat so einiges mitgebracht.“

„Fällt Ihnen etwas auf?“

„Der Brieföffner fehlt.“

„Der Brieföffner?“

Sie nickte.

„Ein Dolch, den Herr Doktor de Rijk vor vielen Jahren als Geschenk erhalten hatte. Er war angeblich mehr als 500 Jahre alt aber immer noch sehr scharf. Doktor de Rijk hielt es für einen Scherz, ein so wertvolles Stück als Brieföffner zu benutzen.“

Die Missbilligung in ihrer Stimme war unüberhörbar.

„Und der Dolch lag immer auf seinem Schreibtisch?“

Ein erneutes Nicken.

„Wissen Sie, wo sich der Schlüssel zu seinem Schreibtisch befindet?“

„An seinem Schlüsselbund.“

Ich schaute auf Adil. Er nickte. Wo war eigentlich Klaus?

Frau Mager blieb mitten im Raum stehen und sah mich an.

„Im Konferenzraum?“

Ich nickte.

Sie schien wieder meine Hand zu suchen und wir gingen gemeinsam nach nebenan. Im Türrahmen blieb sie stehen.

„Wo ist es passiert?“

Wir schauten beide auf das Bildnis der Frau mit dem roten Hut, die uns anzublicken schien. Frau Mager deutete auf die schwarze Lederbank.

„Dort?“

Ich nickte.

„Mit dem Dolch?“

Nach einem kurzen Zögern nickte ich abermals.

„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie dieses Detail für sich behalten könnten.“

Sie ließ meine Hand los, drehte sich abrupt um und verließ den Raum. Adil und ich sahen uns an, Herr Wacker war neben der Tür stehen geblieben. Langsam folgten wir Frau Mager, die sich an ihren Schreibtisch gesetzt hatte.

Ich bedeutete den beiden anderen, im Nebenraum zu bleiben, zog mir einen Stuhl heran und setzte mich.

„Sie sagten vorhin, Herr Doktor de Rijk habe sehr intensiv gelebt. Wie meinen Sie das?“

„Ist das denn jetzt wichtig?“

„Ich möchte den Mann, den ich vor Kurzem dort drüben am Boden liegen sah, gerne etwas näher kennenlernen.“

Sie holte tief Luft.

„Man sieht gar nichts.“

„Es gab nicht viel Blut.“

„Aber wenn man ihn doch erstochen hat?“

Ich schluckte: „Es ging sehr schnell.“

Sie sah mich lange an.

„Er wollte noch so viel. Er wollte das Museum renovieren. Er hatte Pläne für Sonderausstellungen. Er hat so viele“, sie zögerte einen Moment, „Dinge geliebt.“

„Dinge?“

Sie blickte durch den hohen, weißen Türstock in den anschließenden Raum.

„Bilder, Bücher und ...“, da war wieder dieses Zögern, „... Frauen.“

„War er denn nicht verheiratet?“

„Doktor de Rijk war geschieden. Seine Ex lebt in Paris.“

Mich störte die Formulierung. Sie passte nicht.

„Mögen Sie sie nicht?“

Sie blickte mich an.

„Nein.“

Das war doch mal eine klare Ansage.

„Wissen Sie, wie man sie kontaktieren kann?“

„Nein.“

„Frau Mager, ich möchte mich gerne noch ausführlicher mit Ihnen unterhalten, aber das muss nicht jetzt sein. Nur noch eine Frage: Wissen Sie, ob Doktor de Rijk irgendwelche persönlichen Aufzeichnungen oder Notizen hat und wo er sie aufbewahrt?“

„Der Herr Doktor ist“, sie schaute ihre Hände an, „ich meine, er war ein eher verschlossener Mensch. Sie finden vermutlich Hinweise in seinem Schreibtisch oder bei ihm zu Hause. Er hat immer kleine, schwarze Notizbücher benutzt.“

„Hatte er ein Handy?“

„Er hat ein Diensthandy, das er aber wirklich nur dienstlich benutzt hat. Er konnte ein wenig altmodisch sein.“

Ich stand auf und reichte ihr die Hand.

„Vielen Dank, Frau Mager. Mein Kollege bringt Sie jetzt wieder nach Hause. Wir melden uns später bei Ihnen.“

Sie schaute Herrn Wacker an.

„Soll ich denn nicht lieber hierbleiben?“

„Nein“, meinte der, „fahren Sie ruhig nach Hause. Wir kümmern uns hier um den Betrieb.“

Ich nickte Adil zu.

„Fährst Du sie bitte wieder heim?“

„Klar.“

In diesem Moment kam Klaus durch die Tür, und mir kam ein Gedanke.

„Herr Wacker?“

„Hm?“

„Wo sitzt eigentlich dieser neue Assistent von Herrn de Rijk?“

„Kommen Sie.“

Ich bedeutete Klaus, uns zu folgen. Wir gingen durch das Besprechungszimmer in einen langen Gang, von dem zahlreiche weitere Büros abgingen.

„Und die Leute hier hatten alle keinen Zugang zu diesem ominösen Nebeneingang?“

„Nein, Herr Schönheit. Der Herr Direktor war da etwas eigen.“

Sollte das jetzt etwa Ironie sein?

Er holte seinen Schlüsselbund aus der Tasche und schloss ein Büro auf.

„Haben Sie einen Generalschlüssel für alle Büros hier?“

„Ja.“

„Also auch für das von Dr. de Rijk?“

„Ja.“

Wir betraten einen relativ kleinen Raum, den das dort herrschende Chaos eher noch kleiner machte. Ich blickte mich um. Zwischen dem Arbeitsraum von de Rijk und dieser Bude lagen Welten – nicht nur räumlich.

„Hatte ich das vorhin richtig verstanden, dass die beiden nicht so gut miteinander auskamen?“

„Das hatte ich nicht gesagt“, meinte Wacker.

„Aber gedacht.“

„Keine Unterstellungen, bitte.“

Sein Grinsen nahm den Worten die Schärfe.

„Wann kommt denn der junge Mann?“

„Keine Ahnung. Wenn Sie ihn nicht holen lassen, dann vermute ich mal am späten Vormittag.“

„Haben Sie hier keine geregelten Arbeitszeiten?“

„Doch.“

Sehr aufschlussreich.

„Was meinte denn eigentlich Ihr Herr Generaldirektor?“

„Dass er gleich kommt.“

„Im Ernst?“

Wacker nickte.

„Und was meinte er sonst so?“

„Mein Chef ist ungefähr so kurz angebunden wie Ihrer.“

Klaus musste sich offensichtlich ein Lachen verkneifen. Ich wandte mich ihm zu.

„Und was erzählte unser Wachmann?“

Klaus schaute auf Herrn Wacker, aber ich zuckte mit den Schultern.

„Eigentlich sollen sie diesen Teil des Gebäudes nicht kontrollieren. Es scheint ein ausgeklügeltes System von Bewegungsmeldern zu geben. Die Büros vom Direktor scheinen von den allgemeinen Büros getrennt zu sein und de Rijk war wohl ein Nachtarbeiter. Die Wachleute sollten ihn keinesfalls stören. Wenn er das Gebäude verließ, schaltete er das Alarmsystem vor dem Verlassen scharf.“

Ich schaute Herrn Wacker an.

„Das stimmt. Auf der Innenseite des Nebeneingangs gibt es ein Tastenfeld, mit dem man das System für diesen Teil des Gebäudes aktivieren kann.“

„War das schon immer so?“

„Ja.“

Ich sah Klaus an: „Und dann?“

„Dann ging der Wachmann kurz nach drei eine Zigarette rauchen.“

„Ich habe nichts gehört“, meinte Herr Wacker.

„Und ihm fiel auf, dass dort oben noch Licht brannte.“

„Genau.“

„Und dann?“

„Dann rief er oben an, und als sich keiner meldete, ging er über das Treppenhaus in den ersten Stock.“

„So wie wir vorhin“, sagte Herr Wacker.

„Der Korridor war dunkel, aber er sah den Lichtschein unter der Tür des Besprechungszimmers. Er klopfte an, und als niemand antwortete, öffnete er die Tür mit dem Generalschlüssel.“

„Haben alle Wachleute einen Generalschlüssel?“, fragte ich.

Herr Wacker nickte. „Im Dienst schon.“

„Und dann sah er die Leiche?“

„Ja. Er ging zu dem Toten, sah den Dolch in der Brust, fühlte, dass der Körper schon kalt war, und rannte durch das Treppenhaus wieder zurück zu seinem Arbeitsplatz. Dort alarmierte er erst die Polizei und dann die Zentrale des Sicherheitsdienstes.“

„Kannte er de Rijk?“

„Ja, sicher“, meinte Herr Wacker.

„Wieso sicher?“

„Herr Dr. de Rijk verbrachte jeden Tag ein bis zwei Stunden zwischen den Häusern und war auch am Abend oft unterwegs.“

„Den Häusern?“

„Ja. Der Alten, der Neuen, der Pinakothek der Moderne und dem Brandhorst.“

„Ich dachte, er war nur für die Alte Pinakothek zuständig?“

„Nein, als mein Stellvertreter war er quasi für alles zuständig.“

Wacker war aufgesprungen und ging auf den Neuankömmling zu. Es war ein Mann Ende Fünfzig, etwas füllig, dunkler Anzug, Krawatte, ein wenig wirres Haar.

„Darf ich vorstellen: unser Generaldirektor, Herr Professor Doktor Schmalz. Herr Kriminalrat Schönheit. Er leitet die Ermittlungen.“

Wir gaben uns die Hand.

„Vielen Dank, dass Sie so schnell gekommen sind.“

Er sah mich ein wenig verwundert an und meinte dann: „Sollen wir in mein Büro gehen?“

„Gerne.“

Er drehte sich um und ging den Gang entlang. Klaus sah mich fragend an, aber ich bedeutete ihm, zu warten. Ich wollte dem Generaldirektor die Initiative überlassen. Er öffnete am Ende des Gangs eine Tür, wir gingen durch ein Zimmer mit zwei Schreibtischen und gelangten dann, anders als bei de Rijk, zunächst in einen großen Besprechungsraum, an dessen Wänden Gemälde aus den unterschiedlichsten Epochen hingen. Er bemerkte meinen Blick und sagte:

„Einer der Vorteile dieses Arbeitsplatzes ist seine Ausstattung.“

Die nächste Tür musste er wieder aufschließen, dann betraten wir sein Privatbüro, das ebenfalls eine ganz andere Atmosphäre als bei de Rijk verströmte. Hier schien eher ein Gelehrter als ein Manager zu residieren. Neben einem größeren und ein paar kleineren Bildern, bestimmten vor allem Bücher den Raum, die in einer Art geordneter Unordnung in Regalen standen und am Fußboden lagen. Das Zimmer verströmte etwas altväterliches. Die kleine Sitzgruppe, auf die der Generaldirektor jetzt mit der rechten Hand deutete, um mich zum Setzen aufzufordern, dürfte aus dem Biedermeier stammen. Die restliche Einrichtung schien eher der Nützlichkeit als der Schönheit zu dienen. Sie wirkte zwar gepflegt, war aber schon ein wenig in die Jahre gekommen.

„Nehmen Sie doch Platz, Herr Schönheit.“

„Danke.“

Mein Blick blieb auf einer Rötelzeichnung hängen, die meinem Sessel gegenüber an der Wand hing.

„Raffael?“

Er folgte meinem Blick.

„Nein, aber seine Schule. Einen Raffael kann sich noch nicht einmal der Generaldirektor ins Büro hängen. Als ich das Büro hier vor 12 Jahren übernommen habe, musste ich erst mal jede Menge 19. Jahrhundert abhängen.“

Er lächelte verschmitzt.

„Und die Renaissance ist eher ihre Zeit?“

„Da könnten Sie recht haben. Arbeiten Sie bei der Kunstfahndung?“

„Nein, Mordkommission.“

„Und doch kennen Sie sich mit Kunst aus?“

„Nur sehr oberflächlich. Meine Mutter hat uns als Kinder durch sämtliche Museen Europas geschleift.“

„Eine kluge Frau.“

Es entstand eine kurze Pause.

„Können wir über Herrn de Rijk sprechen?“

„Vielleicht könnten Sie mir zuerst berichten, was eigentlich geschehen ist. Herr Wacker war nur sehr vage.“

„Er wusste schlicht keine Einzelheiten.“

Ich erzählte ihm kurz den Tathergang, wie wir ihn bis jetzt rekonstruiert hatten.

„Ich muss Sie jedoch bitten, die Details vorläufig für sich zu behalten. Wir werden am späten Vormittag eine Pressekonferenz abhalten und es ist dem Staatsanwalt vorbehalten, zu entscheiden, was er öffentlich machen will.“

„Und wie kann ich Ihnen helfen?“

„Erzählen Sie mir doch ein wenig über Herrn de Rijk. Wenn ich richtig informiert bin, war er seit etwa einem Jahr bei den Staatlichen Gemäldesammlungen beschäftigt?“

Herr Schmalz nickte.

„Wir hatten seit Längerem jemanden gesucht, der die breiten Kenntnisse und auch die Netzwerke mitbringt, die man heutzutage zur Leitung einer Gruppe international bedeutender Museen braucht. Herr de Rijks Vorgänger war, ähnlich wie ich, vor allem Kunsthistoriker und wollte nach vier Jahren auf dieser Position in die Lehre zurück, weil ihm das alles zu anstrengend war. De Rijk kam aus der Museumswelt und wollte seine Karriere hier fortsetzen.“

„Was zeichnete ihn denn besonders aus?“

„Er war weit gereist, mehrsprachig und hatte Erfahrung in den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern: Kunsthandel, Auktionswesen, Gutachterwesen, Provenienzforschung, Zustandsproblematiken. Sämtliche Erwerbungsfragen eben.“

„Was hat er vorher gemacht?“

„Er stammt aus einer niederländischen Kunsthändlerfamilie, ist in England und den USA aufgewachsen, hat in Princeton Kunstgeschichte studiert. Anschließend hat er einige Zeit im Kunsthandel seines Onkels in Amsterdam gearbeitet und sich dann für eine Position bei einem Museum beworben.“

„In Amsterdam?“

„Ja, zunächst im Rijksmuseum in Amsterdam, dann war er in Paris. In London arbeitete er bereits als Kurator, darauf ging es nach Moskau und Madrid. Dort hat er Museen beraten oder große Teile der Sammlungen geleitet. Er hat publiziert und war auf allen wichtigen Sammlermessen präsent. Er war auf dem besten Weg, einer der großen Player in diesem Feld zu werden.“

„Und warum kam er nach München?“

„Wie meinen Sie das?“

„Nun, hier war er für die Alte Pinakothek zuständig, und da ändert sich ja eher wenig. Das ist doch eine andere Liga als Madrid oder Moskau. Wo war er dort eigentlich?“

„An der Tretjakow und im Prado. Aber unterschätzen Sie mir München nicht. Zum einen haben wir ihn eingekauft, um hier mal etwas Neues, Spannendes zu machen, zum anderen hätte er durch seinen Posten als mein Stellvertreter auch etwas bewegen können.“

„Und hat er?“

„Lieber Herr Schönheit, das dauert ein Weilchen, bis man hier eigene Ideen umsetzen kann. Museen denken Jahre im Voraus. Leihgaben müssen arrangiert, Kooperationen mit anderen Museen oder Sammlern geplant werden. Herr de Rijk hätte frühestens im nächsten Jahr damit beginnen können, eigenen Ideen umzusetzen.“

„Hatte er Ideen?“

„Ideen hatte er genug.“

„Aber?“

„Ich möchte nicht ins Detail gehen, aber unsere Kulturbürokratie kann bisweilen recht konservativ sein.“

„Ich verstehe.“

Er sah mich verschmitzt an.

„Wirklich?“

„Doch, doch. Was können Sie mir denn zu Herrn de Rijk Privatleben sagen?“

„Das ist gar nicht so einfach.“

„Aber Sie werden doch mit ihrem Stellvertreter einige Zeit verbracht haben?“

Er stand auf und ging zum Fenster.

„Das stimmt.“

Er wandte sich einem Bild zu, auf dem eine niederländische Genreszene abgebildet war. Eine Magd mit einem Kind in einem Hausdurchgang.

„Er mochte die Niederländer.“

„Die Maler oder die Menschen?“

„Ich glaube beide. Vor allem aber die Maler des 17. Jahrhunderts. Das war sein Spezialgebiet, wissen Sie?“

„Sie weichen mir aus, Herr Professor.“

Er drehte sich um und sah mich wieder an.

„Sie haben keine Angst vor Vorgesetzten, oder?“

„Respekt ja, Angst nein. Ich weiß, was ich kann.“

„Dieser Satz könnte von Henry stammen.“

„Henry de Rijk?“

Er nickte.

„Er war sehr selbstbewusst, und konnte durchaus arrogant wirken. Wenn ihm jemand im Ministerium auf die Nerven ging, genoss er es, ihm klar zu machen, dass er finanziell unabhängig war, und diesen Job nur aus Spaß an der Freude machte.“

„War er wirklich finanziell unabhängig?“

Der Generaldirektor nickte.

„Mehr oder weniger. Zum einen hat er einen Teil der Galerie seines Onkels geerbt, zum anderen haben es seine Eltern in den USA zu Wohlstand gebracht. Außerdem war er immer, zumindest indirekt, als Kunsthändler aktiv.“

„Gab es da keine Interessenkonflikte?“

„Er war nie direkt involviert. Sein Bruder führt die Galerie in Amsterdam. Henry ist gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Rinus nur stiller Teilhaber. Verantwortlich ist allein der älteste Bruder Henk.“

„Also stimmt, was eine der Journalistinnen heute Morgen sagte, dass bei Herrn de Rijk „Nomen est Omen“ gilt?“

Er schmunzelte.

„Sagen wir so: Henry war kein armer Mann, das stimmt, aber er gab auch sehr gerne Geld aus. Er reiste viel, hatte eine private Kunstsammlung, die einiges wert sein dürfte, und er hatte einen exquisiten Geschmack.“

„Exquisiten Geschmack? Sie meinen Kleidung, Autos, Schmuck und ähnliches?“

„Da haben Sie schon drei gute Beispiele herausgegriffen. Zudem ...“

Er zögerte.

„Wenn es wichtig zum Verständnis seiner Persönlichkeit ist, würde ich es wirklich gerne wissen.“

„Das verstehe ich schon. Ich muss mich nur entscheiden, wo die Amtshilfe aufhört und die Diskretion beginnt.“

„Er ist tot, Herr Dr. Schmalz, und niemand hat es verdient, mit einem Dolch im Herz aus dem Leben zu scheiden.“

Er blickte nachdenklich aus dem Fenster.

„Da haben Sie wohl recht.“

Ich wartete.

„Ich weiß nicht, wie ich es am besten formulieren soll. Henry liebte die Frauen, oder die Frauen liebten ihn. Charme war einfach Teil seiner Persönlichkeit und manchmal war ich mir nicht sicher, ob er sich bewusst war, was er zum Teil anrichtete.“

Ich sah ihn an.

„Verstehen Sie, was ich meine?“

„Ehrlich gesagt, nein.“

„Sehen Sie, Henry war zu allen Frauen nett, von der Putzfrau bis zur Staatssekretärin. Gelegentlich hat man seine Nettigkeit falsch interpretiert und es gab Probleme.“

Er schluckte und fragte: „Möchten Sie etwas trinken? Meine Sekretärin ist noch nicht da, aber vielleicht ein Glas Wasser?“

„Sehr gerne.“

Er ging ins Konferenzzimmer nebenan, holte eine Flasche und zwei Gläser und goss uns ein.

„War er eigentlich Junggeselle?“, versuchte ich das Gespräch wieder in Gang zu bekommen.

Er schüttelte den Kopf.

„Geschieden. Er war acht Jahre mit einer Französin verheiratet, die Ehe ging aber 2008 in die Brüche.“

„Warum?“

Nach einem kurzen Zögern antwortete er: „Das weiß ich wirklich nicht. Vermutlich auch, weil Henry seine Finger nicht von anderen Frauen lassen konnte.“

Er seufzte.

„Hatte er auch da einen exquisiten Geschmack?“

„Diese Frage kann ich ihnen nicht beantworten. Henry war sehr diskret.“

„Aber es hat Probleme gegeben?“

„Ich höre Gerüchte, die ich eigentlich gar nicht hören will“, er blickte mich an, „und die ich sicher nicht wiederzugeben gedenke.“

„Ich danke Ihnen auf alle Fälle für ihre Offenheit. Gibt es noch irgendetwas, dass wir wissen sollten?“

„Sie sind der Kriminalrat, Herr Schönheit. Keine Ahnung. Wenn Sie Fragen haben, rufen Sie mich einfach an.“

Er nahm eine Visitenkarte aus der Jackettasche, zückte einen Füllfederhalter und schrieb eine Nummer auf die Rückseite.

„Ich habe Ihnen meine Privatnummer auf die Rückseite geschrieben. Rufen Sie mich an, wenn ich Ihnen weiterhelfen kann oder wenn hier irgendwo gemauert wird.“

Er gab mir die Karte.

„Und Sie haben Recht, Herr Schönheit. Henry hat es nicht verdient, so zu sterben.“

Nachdem ich mich von ihm verabschiedet hatte, ging ich zurück in de Rijks Büro. Adil war von seiner Taxifahrt zurück. Zusammen mit Klaus hatte er den Schreibtisch geöffnet und sie waren dabei, die Schubladen durchzusehen.

„Habt ihr so etwas wie ein Adressbuch gefunden?“

„Wir haben zwei Notizbücher und einen Terminkalender gefunden. Ich hätte gedacht, jemand in seiner Position würde das alles auf dem Handy machen.“

„Dann müssten wir es jetzt vermutlich entschlüsseln lassen und ein paar Stunden warten. So haben wir es schwarz auf weiß. Gibt es Namen und Adressen?“

„Es gibt Adressen und Telefonnummern, aber die Namen sind größtenteils mit Initialen abgekürzt.“

„Was steht im Terminkalender?“

„Der ist ähnlich geführt. Einzelne Namen, die scheinen aber vornehmlich beruflich zu sein. Private Verabredungen sind mit Initialen festgehalten.“

„Irgendeine Verabredung für gestern Abend?“

„Fehlanzeige für gestern Abend, Chef, er hatte sich allerdings Freitagabend wie auch am Wochenende mit unterschiedlichen Leuten verabredet, aber auch hier nur Abkürzungen.“

„Dann schlage ich vor, ihr gleicht mal die Abkürzungen mit seinem Adressverzeichnis ab. Alternativ suchen wir zu jeder Telefonnummer den Anschlusseigentümer.“

Aufstöhnen.

„Habt ihr die Adresse seines Hauses gefunden?“

„Es gibt Briefe mit einer Adresse in Schwabing.“

„Wunderbar. Wissen wir schon, wer bei der Staatsanwaltschaft zuständig ist?“

Die Blicke meiner beiden Kommissare waren Antwort genug. Ich griff zum Handy und wählte Theiss Nummer. Nach dreimaligem Läuten hatte ich ihn am Apparat, berichtete kurz von meinem Gespräch mit Dr. Schmalz und bat ihn, einen Durchsuchungsbeschluss für de Rijk Wohnung zu erwirken.

„Ist das denn wirklich notwendig?“

„Herr Theiss, wir tappen völlig im Dunkeln. Wir wissen nicht einmal, wie wir die nächsten Angehörigen benachrichtigen sollen. Wir brauchen ein umfassenderes Bild von seinem Leben, seinen wirtschaftlichen Aktivitäten und“, ich zögerte einen Moment, „seinem Liebesleben.“

„Seien Sie vorsichtig, Schönheit. Das könnte ein Wespennest sein.“

„Wir müssen seinen Mörder, oder wie Dr. Orthuber so schön sagte, seine Mörderin finden. Ich denke, wir sollten unsere Ermessensspielräume ausnützen. Wer ist denn eigentlich bei der Staatsanwaltschaft zuständig?“

„Dreimal dürfen Sie raten.“

„Dr. Sperber.“

„Sie haben die goldene Zitrone gewonnen. Schicken Sie einen ihrer beiden Herren vorbei, um den Beschluss zu holen. Haben Sie einen Schlüssel?“

„Ich denke doch. Wir haben de Rijks Schlüsselbund.“

„Na denn, halten Sie mich auf dem Laufenden.“

„Wer möchte den Durchsuchungsbeschluss holen?“

Klaus und Adil sahen einander an.

„Möchten die Herren knobeln?“

„Bin schon weg“, meinte Klaus.“

„Gut, dann schlage ich vor, wir packen hier alles Notwendige ein. Gibt es noch irgendetwas Interessantes, außer den Notizbüchern?“

„Nein, Chef“, meinte Adil. „Der Mann scheint zum einen äußerst ordentlich gewesen zu sein, zum anderen berufliches und Privates strikt zu trennen.“

„Dann versiegeln wir jetzt mal diese Räume, zumindest für heute. Spätestens morgen wird bestimmt jemand meckern, dass sie hier dringend hinein müssen, aber für den Moment ist mir das lieber.“

Adil griff in die Tasche und holte das Siegelband heraus.

„Ich gehe durchs Museum, du versiegelst die Außentür und wir treffen und am Wagen.“

„Machen wir es lieber anders herum“, meinte ich. „Ich würde gerne noch kurz bei Herrn Wacker vorbeischauen. Sagst du bitte unseren uniformierten Kollegen Bescheid, dass sie abrücken können?“

„Geht klar.“

Ich ging auf den Gang, nahm Herrn de Rijks Schlüsselbund und verschloss die Tür mit dem dritten Schlüssel, den ich versuchte.

---ENDE DER LESEPROBE---