Der Treppenwitz der Weltgeschichte - William Lewis Hertslet - E-Book

Der Treppenwitz der Weltgeschichte E-Book

William Lewis Hertslet

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Beschreibung

Unter dem heute zu einem geflügelten Wort gewordenen Titel präsentiert uns der Verfasser ein von ausgedehnten Studien zeugendes Werk, das manche uns lieb gewordene Illusion zerstört. Er weist nach, dass unsere gewöhnliche Kenntnis der Weltgeschichte sich hauptsächlich aus einer Reihe von Einzelgeschichten zusammensetzt, welche sich meistens durch irgendeinen Knalleffekt, ein geistreiches Bonmot oder eine überraschende Tat auszeichnen und gerade deshalb sich unserem Gedächtnis besonders leicht einprägen. Aber gerade diese Geschichten sind meistens unwahr und nicht imstande, einer genaueren kritischen Beleuchtung standzuhalten. Durch eine Fülle von Belegen wird nachgewiesen, dass gerade die bekanntesten Fakten aus der Weltgeschichte das Produkt der üppig wuchernden Phantasie der Chronisten sind, deren jeder den andern durch Mitteilung interessanter Dinge zu übertreffen suchte (daher auch der Ausdruck ,,Treppenwitz"). Dass die schönen und uns so lieb gewordenen Historien vom Tell und von der Jungfrau von Orleans Märchen sind, weiß heute jedes Schulkind. Der Verfasser beweist uns jedoch in seinem lesenswerten Werk, dass es mit vielen andern geschichtlichen Daten leider nicht anders bestellt ist. Dass dem so ist, ist uns schon lange wahrscheinlich gewesen, ist es doch die natürliche Konsequenz der Auffassung des Begriffes der Weltgeschichte namentlich in früherer Zeit. Von Plutarch bis ins 19. Jahrhundert hinein sind die Geschichtswerke zum allergrößten Teil Anekdotensammlungen gewesen, erst zu Beginn des letzten Jahrtausends hat man begonnen, die Nationen als Ganzes zu betrachten und die Geschichte ihrer wachsenden Zivilisation zu schreiben. Die Geschichte der Völker kann nicht durch Anekdotenwitze gefälscht werden, und unsere Nachkommen werden daher unseren Historiographen vielleicht Parteilichkeit, aber keine direkte Erfindung mehr vorwerfen können.

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Seitenzahl: 670

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Der Treppenwitz der Weltgeschichte

 

WILLIAM LEWIS HERTSLET

 

 

 

 

 

 

Der Treppenwitz der Weltgeschichte, W. L. Hertslet

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

 

ISBN: 9783988683069

 

Quelle: https://books.google.de/books?id=v8-qxP1dw1oC&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false

 

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

 

 

Inhalt:

Vorwort1

Einleitung.3

Die goldene Zeit.31

Die Assyrer, die Ägypter, die Perser.36

Die Griechen.46

Die Römer.100

Die Deutschen.135

Die Franzosen.263

Die Engländer.295

Die Italiener; die Spanier; die Schweden;  die Russen; Verschiedenes.323

Schluss.350

 

Vorwort

 

So freundlich auch die früheren Auflagen dieses Werkchens von der Kritik und vom Publikum aufgenommen worden sind, so hatte man doch hier und da behauptet, es wäre mit lieb gewordenen Illusionen zu strenge ins Gericht gegangen, mit anderen Worten, ich wäre nach der bekannten englischen Redensart verfahren „wie der Elefant im Porzellanladen". Das Buch hatte aber nicht nur hübsche und rührende Anekdoten und Aussprüche als unhistorisch aufgezählt, sondern auch viele gräuliche Schandtaten. Außerdem hatte ich in der ersten Auflage wohl von keiner einzigen Anekdote die historische Wahrheit auf meine eigene Rechnung bestritten, sondern nur eine Sammlung von Zweifeln Anderer zusammengestellt, fast ohne Ausnahme mit Quellenangabe. Danach wäre ich gewiss nicht der Bull im Porzellanladen, sondern höchstens ein Händler, der ausschließlich zerbrochenes Porzellan feilhält: vergoldete Vasen ohne Henkel und menschliche Figuren ohne Köpfe. Aber selbst dieser Vorwurf wäre noch zu hart. Es scheint mir auch mehr, ich hätte nur die Blumen aus dem Korn gezogen, wo sie nicht hingehören und meinen Laden damit geschmückt, und Herren und Damen sind gekommen und haben gekauft, viele vielleicht weniger, weil die Blumen keine Wurzeln mehr hatten, als weil die Blüten so farbenprächtig waren, nicht wegen der Widerlegung, sondern wegen des Widerlegten.

Als der Erlöser am Kreuz hing und das müde Haupt im Sterben neigte, zitterten alle Bäume ob des Entsetzlichen, das geschah, nur die Espe nicht; darauf hat der Herr sie verflucht und ihre Blätter zittern noch heute beständig, auch wenn sich kein Lüftchen regt; –– und ein Vögelchen, von Mitleid ergriffen, näherte sich dem Kreuz und versuchte, mit Flügelschlägen sich schwebend erhaltend, die Nägel aus den Händen herauszuziehen; noch heute sieht man am Rotkehlchen die Blutspuren davon. Wen erfreuen nicht diese beiden Legenden und wen stört es, in der Empfindung ihrer rührenden Einfalt und Schönheit, dass man sie nicht wörtlich nehmen darf? Wer fühlt es nicht, dass sie, indem sie Tier und Pflanze Mitleid empfindend schildern, auf die unzugängliche Härte des menschlichen Herzens hindeuten wollen. Wird aber eine solche symbolische Sage –– und dergleichen sind die meisten Anekdoten, deren Unrichtigkeit als Geschichte ich verzeichnet habe –– , als Geschichte erzählt, so steigen natürlicherweise sofort allerhand Bedenken in uns auf und trüben den reinen Genuss, ein Übelstand, der ganz wegfällt, wenn man sie gibt als das, was sie ist.

Fast wörtlich kann man auf den Treppenwitz der Weltgeschichte die schönen Verse anwenden, welche Friedrich von Sallet in seinem Laien-Evangelium über die Sage gedichtet hat:

 

„Die fromme Sage gleicht dem gold'nen Ei,

Das blinkt geheimnisvoll aus weichem Neste.

Neugier'ge Kinder lockt der Glanz herbei,

Wird ihnen Tag für Tag zu neuem Feste.

 

Sie ahnen nicht in frohem Kindesmut,

Dass in dem Ei lebend'ge Kräfte gären,

Bis es bebrütet von des Geistes Glut,

Den gold'nen Wundervogel muss gebären.

 

Wie sie sich wieder nah'n, da ist's entzwei,

Sie schelten, kindisch, des Zerstörers Tücke,

Und halten unter Weinen und Geschrei

In schwachen Händen die zerbroch'nen Stücke.

 

Törichte Kinder! Aus dem Gipfel dort

Hört ihr den Sang des Vogels nicht erklingen?

Das Wesen ist erwacht, der Schein ist fort,

Vor dem Gedanken muss die Schale springen.

 

Es spricht die Sage tief und ahnungsvoll;

Nur wenn ihr sie uns aufzwingt als Geschichte,

Dann macht ihr sie zum Märchen, zwecklos toll,

Und den lebend'gen Geist in ihr zunichte."

 

Die Treppenwitze der Weltgeschichte werden nach wie vor erzählt, sie werden von Leuten, die nicht viel Zeit zu lesen haben, nach wie vor geglaubt werden, nicht weil sie wahr sind, sondern weil sie gut sind; aber dem tiefer Blickenden wird es interessant sein zu beachten, nach welchem Gesetze sie sich bilden und wie sie in dem einförmigen Saatfeld der Geschichte in schillernden Farben erblühen. Wenn ich nur das Eine erreicht habe, dass man nicht mehr sagt, „diese Anekdote ist wahrscheinlich historisch, denn sie ist sehr charakteristisch", bin ich wohl zufrieden.

Der Verfasser.

 

Einleitung.

 

Ein jeder wird gewiss schon an sich selbst die Erfahrung gemacht haben, wenn er ein Abenteuer zu erzählen hat, bei dem die Zuhörer nicht dabei gewesen, wo er also freies Feld hat und auch seine Phantasie ein Wörtchen mitreden lassen darf, dass er dann und wäre er auch der ehrlichste, aufrichtigste Mensch von der Welt –– die Spitze ein klein wenig verbessert und schärfer und klarer hinstellt, störende Einzelheiten weglässt und über das Ganze gewiss denjenigen Zauber verbreitet, den die Erinnerung so gern und ohne weitere Kosten über alles ihr Angehörige ausstrahlt, während die Gegenwart desselben fast nimmer teilhaftig wird. Aber was will das sagen gegen den esprit d'escalier der Geschichte, die sich mit solchen Verschönerungen nicht begnügt, sondern ihre Pointen meist geradezu erfindet. Unser Vorschlag ist, dass jeder, der sich seit seinen Jugendjahren nicht speziell mit Geschichte beschäftigt hat, sich einmal frage, welche Begebenheiten ihm wohl am besten noch erinnerlich, welche Stichwörter ihm als Charakteristik ganzer Zeitalter oder einzelner Parteien und Personen noch lebhaft im Gedächtnis geblieben sind. Gibt er sich die Mühe und stellt er sie alle nebeneinander, so wollen wir ihm hiermit a priori versichern, also ohne die Zusammenstellung gesehen zu haben, dass die meisten dieser Stichwörter, dieser interessanten historischen „Fakta" 2c. unhistorisch sind, dass sie sich in den Schriften der Zeitgenossen größtenteils nicht nachweisen lassen und dass erst der Treppenwitz späterer Geschlechter den böhmischen Stein eingesetzt hat, der jetzt so augenfangend funkelt. Aus den folgenden Notizen wird man ersehen, wie gerade das Pikante, das Rührende, das Ergreifende, das Begeisternde, ja das Hinreißende in der Geschichte meistens –– gelogen ist. Eben das, was sich am leichtesten dem Gedächtnis einprägt, ist fast immer Schwindel, gut erfundene Reklame, die zur Motivierung eines brauchbaren Stichworts dienen muss und dient –– une fable convenue.

Du bist zu einer Audienz bestellt, sei es bei einem Fürsten, sei es bei einem sonst einflussreichen Herrn, welche vielleicht über dein Lebensglück entscheiden soll; durch eine verbindliche, gefällige, sinnreiche Antwort könntest du leicht das Zünglein in der Wage zu deinen Gunsten ausschlagen lassen; aber die Unbefangenheit fehlt teils durch das Bewusstsein der Wichtigkeit des Augenblicks, teils wegen der Gegenwart der hohen Person; die Manschetten werden zu kurz, der Frack unter den Achseln zu eng. Zu einer sinnreichen Bemerkung gehört immer eine doppelte Gedankenverbindung, eine Gedankenmasche, mit der man den andern bestrickt; ihre niedrigste, sich nur mit eindrängelnde, eigentlich hinkende und daher verrufene Art ist das Wortspiel.

 

,,Seines Geistes Armut zeigt,

Wer zum Wortspiel niedersteigt."

Gleim.

 

Diese doppelte Verbindung ist nun aber durch die Befangenheit vollständig ausgehakt; mit Mühe nur kommt die einfache zu Stande und häufig versagt auch diese, so dass der Bittsteller sich selbst das Armutszeugnis ausstellt, zu erklären, er könne unmöglich die Gefühle ausdrücken, die ihn beseelen, –– eine Versicherung, die hochgestellte Personen meistens schon so oft gehört haben, dass sie ihnen über alle Maßen flach und läppisch vorkommen muss. Die Audienz ist zu Ende; der Bittsteller geht die Treppe hinunter; der nervös stimmende Augenblick der Entscheidung ist vorüber, die bange machende hohe Person nicht mehr gegenwärtig, die Manschetten haben ihre normale Länge wieder erlangt, der Frack schnürt nicht mehr, die Gehirnfasern telegraphieren einander wieder in normaler Weise, „der Blöde wird freier und freier" –– und da „wie zugeflüstert" springt ihm die treffende Antwort ins Bewusstsein –– Senf nach der Mahlzeit.

Der Geschichte nun fällt, geradeso wie dem von der Audienz die Treppe herunterkommenden Bittsteller, ein pikantes, grade passendes Wort, eine dramatisch-ergreifende Gruppierung der Personen und Ereignisse in Raum und Zeit, fast immer erst hinterdrein ein. Auch sie ist „after-witted". Nur wird es ihr leichter als dem Bittsteller, das Versäumte nachträglich in das Protokoll eintragen zu lassen –– was sie denn auch tut. Se non è vero, è ben trovato.

Zuerst führte mich auf dieses Thema die Bemerkung Büchmanns in seinen „Geflügelten Worten", dass ein untrügliches Kennzeichen eines allgemein gewordenen Zitats die Veränderung seiner ursprünglichen Form sei, während zu gleicher Zeit die so veränderte Form hartnäckig als die allein richtige verteidigt werde. Einen weiteren Anstoß gab Fourniers „l'Esprit dans l'Histoire", worin er, obwohl nicht absichtlich, zeigt, dass die meisten hübschen Anekdoten und geistreichen Redewendungen in der französischen Geschichte erfunden sind. Bei der großen Vorliebe der Franzosen für das Zugespitzte, bequem Anführbare glaubte ich anfangs, es wäre nur bei ihnen eine solche Menge von „Treppenwitzen der Weltgeschichte" nachzuweisen, wie es Fournier im Stande ist; ich überzeugte mich aber bald, dass die Nationen darin, wie in den meisten andern Sachen, einander nicht viel vorzuwerfen haben.

Woher aber stammen diese vielen Unrichtigkeiten, dieser Aufputz, mit welchem man das trockene Register von Zahlen, Namen und Ereignissen hier und da auszuputzen für gut befunden hat? Zuerst wohl aus dem persönlichen Interesse der Geschichtsschreiber, sowie aus ihrer Vorliebe für das Volk oder die Partei, der sie zufällig angehörten. Mancher Memoirenschreiber drängt sich so oft als möglich und oft unbeholfenerweise in den Vordergrund, alle Memoirenschreiber aber sind in entzückender Weise liebenswürdig, von unbeugsamem Ehrgefühl beseelt und –– was wirklich merkwürdig ist –– durchschauen alle diejenigen ihrer Mitmenschen, mit denen sie in Berührung kommen, –– meistens Mittelware –– , bis ins innerste Herz. Es ist ein Jammer, dass nicht alle Menschen Memoirenschreiber sind. –– Dann aber schiebt man auch seinem Volke oder seiner Partei die Sachen gerne ein wenig zurecht, verzerrt sie dagegen den außen- oder gegenüberstehenden; in dieser Richtung sündigen wohl am meisten die Schulbücher und die Verfasser der Religionsgeschichte; sind doch die heiligen Legenden mit ihren fortwährenden Einmischungen höherer Wesen zu Gunsten der zufälligen Religion des Erzählers eben –– Legenden.

Dieses alles aber erklärt nur einen Teil der Treppenwitze; die Hauptsache ist wohl diese: die Geschichte ist dem großen Publikum langweilig! Das Historische ist nicht rhetorisch und umgekehrt; eine ganz wahrheitsgetreue Erzählung dessen, was sich während eines bestimmten Zeitraums ereignet hat, würde uns fast immer anwidern, wie der Schaukasten eines Vorstadt-Photographen, der seine Bilder nicht zu retuschieren versteht. Ein zweiter Lessing könnte einen zweiten „Laokoon" schreiben über den Unterschied der Geschichte und der Kunst. Die Geschichte, wie sie sein sollte, wäre für die Kunst unbrauchbar. Sie wäre nicht poetisch, weder episch noch dramatisch, weder malerisch noch dürfte sie dem Marmor irgendwie entgegenkommen. Ungern würde sie sich selbst jeder systematischen Darstellung fügen und mit ihrer bleiernen Alltäglichkeit dem Historiker das Aufrechterhalten seiner Würde ermüdend schwer machen, indem sie ihn zwingen würde, sich hauptsächlich mit, wenigstens anscheinend, läppischen, trivialen Dingen zu befassen. Ein schöner Stil wäre ihm fast unerreichbar. Sehr naiver-, aber richtigerweise im Sinne der meisten bemerkt daherProsper Mérimée: „Je n'aime de l'histoire que les anecdotes". (Vorwort zu Chronique du Règne de Charles IX.)

Die Geschichteist unpoetisch. Man nehme die bekanntesten historischen Dramen Schillers und sehe, wie er sich den vorhandenen Stoff hat zustutzen müssen und wie gerade immer die Pointe von ihm am meisten umgestaltet, wo nicht ganz erfunden ist. Der historische Fiesko ist zufällig ertrunken, nicht durch eine absichtliche Handlung seiner Feinde. Der wirkliche Don Carlos war weder, wie ihn uns Schiller, dem St. Réal folgend, vorführt, ein Ausbund von Liebenswürdigkeit, ein sentimentaler Held der Rede, noch wie Llorente in seiner Geschichte der Inquisition ihn beschreibt, ein widerwärtiges Ungeheuer (cfr. Ranke, historisch-biographische Studien, Leipzig 1877; Büdinger, Don Carlos' Haft und Tod insbesondere nach den Auffassungen seiner Familie, Wien und Leipzig 1891). Doch ist Schiller im Ganzen bei seiner Charakteristik des Titelhelden von der Geschichte nicht so weit abgewichen, als man gewöhnlich glaubt. Der Marquis von Posa, ermordet 3. Sept. 1569, war jedoch nicht ein Freund und Altersgenosse des Prinzen; ein Sohn eines Marquis von Posa, Bruder Dominic de Rojas, Dominikanermönch, wurde sogar am 8. Oktober 1559 in Valladolid in Gegenwart des Prinzen in einem der teuflischen Autos verbrannt, in welchen die „Religion der Liebe", atavistisch in den semitischen Molochdienst zurückschlagend, damals schwelgte. Von der romantischen Verklärung und dem verführerischen Schimmer, mit denen Schiller die Prinzessin Eboli umkleidet hat, bleibt für die geschichtliche Betrachtung nichts übrig. Selbst den Namen Eboli erhielt die wirkliche Prinzessin erst nach ihrer Verheiratung; sie entstammte vielmehr dem Hause Mendoza. Wallenstein ist noch eines der treuesten Stücke, und doch, wie hat Schiller an dem Stoff feilen und putzen müssen, um ihn darstellbar zu machen. Im Schloss zu Friedland (in Böhmen), jetzt der Familie Clam-Gallas gehörend, findet man ein Portrait des Feldherrn, zu welchem derselbe dem Maler selbst gesessen; nach beglaubigten Dokumenten ist es das ähnlichste, welches auf uns gekommen, während das im Schloss Dux bei Teplitz, dem heutigen Sitze der Waldsteins, mehr oder weniger ein Phantasiegebilde des Künstlers sein soll. Schiller dürfte nur das im Rathause zu Eger befindliche gekannt haben, welches von van Dyk herrühren soll. Das Folgende ist einem Artikel der Zeitschrift „Europa" (Jahrgang 1870) von H. Scheube entnommen:

 

„Wir pflegen uns den berühmten Heerführer des dreißigjährigen Krieges als einen finster blickenden Mann mit kurz geschorenem, rotem Haupthaar und starkem, gleichfarbigem Zwickelbart vorzustellen; als solchen zeigt ihn das im Rathause zu Eger hängende Bildnis, desgleichen das in der Galerie des Metternichschen Schlosses Königswerth befindliche. Das Friedländer Bild weicht hiervon vollständig ab. Wir erblicken auf demselben eine mittelgroße Gestalt mit einem auffallend spitzen kleinen Kopfe, welchen bis über die Schultern hinabfallendes braunes Haar umwallt, ganz so, wie wir es auf den Portraits seines großen Gegners, Gustav Adolfs von Schweden sehen. Auch der spärliche Schnurr- und der Zwickelbart sind braun. Das schmale Gesicht hat einen matten, verschleierten, beinahe krankhaften Ausdruck! Von dem ihm nachgerühmten Adlerblicke lässt sich nichts gewahren. Verschlagenheit, Hinterlist und Heimtücke lesen wir wohl in diesen gekniffenen, gespannten Zügen, vom Genius des Helden steht nichts darin, und ein solcher das haben seitdem die geschichtlichen Forschungen genugsam dargetan ist Wallenstein ja auch nicht gewesen, höchstens ein um kein Mittel verlegener, geschickter Parteigänger und Intrigant. Die Tracht ist das allgemeine Offizierskostüm jener Tage, wie wir es noch bei Cromwell finden: gelbes Lederkoller, weiche Rollstiefel, Stulphandschuhe und bequasteter, sich breit über das Wams umlegender, weißer Leinwandkragen. „Albrecht Eusebius Graf von Waldstein", so lautet die Inschrift auf dem am oberen Rande des Rahmens eingefügten Schilde. Alle anderen Portraits Wallensteins, die ich gesehen, machten einen ungleich bedeutenderen Eindruck: an dem des Friedländer Schlosses würde der Beschauer vielleicht gleichgültig vorübergehen, wüsste er nicht, wessen Konterfei er gegenüberstände. Zur Linken des Bildes hängt ein Kniestück: Marie Elisabeth, die nachmalige Gemahlin eines Grafen Rudolph von Kaunis, Wallensteins Tochter aus seiner zweiten Ehe mit Isabella Gräfin von Harrach. Es ist Schillers Thekla, die schöne schwärmerische Thekla, welche der Eichwald brauset, die Wolken ziehn" in die Nacht hinausklagt, in angstvoller Sehnsucht nach ihrem geliebten Max. Hätte Schiller nur einen Blick auf dies langgedehnte, fadblonde Gesicht mit den eiseskalten, nichtssagenden Zügen getan, wer weiß, ob er uns die unsterbliche Gestalt seiner Thekla hinterlassen haben würde. Da ist auch nicht ein Hauch von poetisch-romantischem Schmelze, der diese frostige Marie Elisabeth mit ihrer ewig langen Wespentaille und dem horriblen Gebäude weißblonder Locken umkleidet. Keck und hochmütig schaut sie in die Welt hinein, wie eine moderne, hochadlige Pensionscomtesse."

 

Über „Max" ist nach einem 1874 in der Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften von Dr. Paur gehaltenen Vortrage zu bemerken, dass Octavio Piccolomini zwei Neffen und einen entfernten Verwandten hat zu sich kommen lassen, um an ihnen Vaterstelle zu vertreten; einer der Neffen hieß Max (cfr. Dünker, Erläuterungen zu Wallenstein, 2. Aufl. 1877 S. 184 Anm.); sein Name steht auch unter dem sogenannten „Pilsener Schluss"; doch hat Schiller die Hauptzüge seines bei jungen Damen so beliebten Helden einem Max Wallenstein entlehnt, der Wallensteins jüngerer Vetter war. Wie dramatisch wirksam sind nicht die letzten Worte des Stückes (Gordons, indem er das kaiserliche Schreiben überreicht): „Dem Fürsten Piccolomini." In Wirklichkeit ging es aber nicht so schnell; Octavio wurde erst 1639, also vier Jahre später, zum Herzog von Almalfi ernannt und erst am 8. Oktober 1650 in den erblichen Reichsfürstenstand erhoben. –– Bei „Maria Stuart" liegt wohl der Haupteffekt in der Szene der Zusammenkunft der beiden Königinnen; es ist gewiss, dass sie sich nie gesehen haben; auch dass Maria in der letzten Zeit ihrer Gefangenschaft so vielen Männern, die in ihre Nähe kommen, gefährlich wird, ist eine poetische Lizenz; denn die historische Maria war bei ihrem Tode über 45 Jahre alt; als junge Königin hatte sie aber bekanntlich durchaus nicht bedacht, was sie ihrer Stellung schuldig war. Die „Jungfrau von Orleans" stirbt poetisch ohne Schmerz und die Fahnen der Truppen senken sich auf sie nieder; nach der Geschichte ist sie bekanntlich von den Engländern als Hexe verbrannt worden (1431). Sie hat auch nicht in ihrer Jugend Schafe und andere Tiere gehütet. In einem 1889 in Paris erschienenen Werke von Lesigne: la fin d'une légende wird überhaupt der Ruhm der Jungfrau auf ein Kleinstes herabgesetzt. Es wäre nicht richtig, dass sie Orleans entsetzt; der König hätte vielmehr nur ihre hysterische Begeisterung" als nützliches Werkzeug gebraucht. –– Auch dass Agnes Sorel, des Königs Karl VII. Mut einflößende Beraterin gewesen, ist unhistorisch; sie wurde erst 1434 seine Geliebte. Die Erzählung von Tell endlich ist gänzlich unhistorisch. –– (Vergleiche weiter unten.)

Der von Byron so schön besungene Gefangene von Chillon:

 

My hair is grey, but not with years,

Nor grew it white

In a single night,

 

As men's have done from sudden fears, hieß Franz Bonivard. Byron benutzt einen regnerischen Nachmittag, den berühmten Kerker zu besuchen, wo Bonivard vier Jahre lang von 1532-1536 vom Herzog von Savoyen gefangen gehalten worden, nachdem er schon vorher zwei Jahre in milderer Haft gewesen war. Am 29. März 1536 wurde Schloss Chillon von den vereinigten Genfern und Bernern erstürmt und Bonivard befreit. Die mitgefangenen Brüder Bonivards hat Byron dazu erfunden, um die Sache dramatisch gestalten zu können. Dass sich Bonivard nach seiner Freilassung bis zu seinem Tode noch viermal verheiratet hat, und außerdem noch wegen liederlichen Lebenswandels einmal vor den Genfer Rat zitiert und zum Kirchenbesuch (!) zweimal die Woche verurteilt wurde, erwähnt Byron natürlich nicht.

Durch diese kleine Abschweifung, der man leicht Parallelen aus Shakespeare, Goethe (über Tasso, s. Italiener) und anderen Dramatikern, sowie auch aus historischen Romanschriftstellern, besonders aus Walter Scott, an die Seite stellen könnte, habe ich die bekannte Tatsache illustrieren wollen, dass der Dichter genötigt ist, den Stoff zu veredeln, den die Chroniken ihm überliefern. Es ist dies sein Recht und töricht, ihm deshalb Vorwürfe zu machen; denn die Bühne ist kein Katheder. Wohl aber sind das Drama und der historische Roman zwei der Hauptquellen für die „Treppenwitze der Weltgeschichte", weil gewiss mehr Menschen ins Theater, als zum Professor der Geschichte ins Kolleg gehen und weil Dichtungen und Romane mehr als Geschichtswerke gelesen werden; aber man hält die Kunst und die Geschichte nicht auseinander; dieser gefallen auch wohl die Flitter, welche jene ihr angesteckt, und sie sträubt sich nicht, wenn man sie ihr nicht nimmt. „La vie des héros a enrichi l'histoire, et l'histoire a embelliles actions des héros." Labruyère, des ouvrages del'esprit.

Die Geschichte ist auch nicht malerisch; sie möchte wohl gern ein ergreifendes Bild herstellen, versteht es aber nicht. Der Maler muss grade so feilen und putzen, weglassen und hinzutun wie der Dichter, und mit Vorliebe haben sich die Maler immer gerade die Treppenwitze der Weltgeschichte zu Vorwürfen genommen. Die meisten „historischen" Gemälde stellen Unhistorisches dar, so dass durch sie viele Irrtümer verbreitet worden sind. Am schlimmsten wird die Sache, wenn der Maler ein historisches Ereignis nach einem Gedicht malt. Man zeigte Uhland einst eine Illustration zu einem seiner historischen Gedichte; allein er bemerkte:

 

„Ich liebe solche Bilder nicht. Die Maler sollten derlei Gegenstände nicht zum Vorwurf ihrer Kunst machen. Entweder sollten sie wirkliche Geschichten darstellen oder nur Gedichte rein poetischen Inhalts illustrieren. Historische Stoffe, welche einmal den Weg durch Sage und dichterische Form hindurch gemacht, führen den Künstler auf einen Zwitterboden, der sehr bedenklich ist, denn indem auch der Maler dem fort und fort verwandelten Stoffe noch einmal in seiner Weise ein eigenes Gepräge gibt, geht zu leicht die historische Wahrheit, Ursprünglichkeit und Kraft verloren." (Aus einem Feuilleton der „Neuen freien Presse". Wien, vom 4. Juli 1882: Im Hause Uhlands von Joseph Rank.)

 

Ebenso wenig als die Geschichte malerisch ist, ist sie systematisch; wenigstens ist sie es nicht augenscheinlich; ihr Regisseur steht noch unter dem eines herumziehenden Provinzialtheaters. Die Szenen greifen nicht gehörig ineinander, die Mitwirkenden fallen häufig aus der Rolle. Auf große Ursachen folgen langsam große Wirkungen, wie bei Lamarck und Darwin ganz allmählich eine Spezies aus der andern entsteht; aber wohl nie hebt sich der Zusammenhang solcher großen Ursachen und großen Wirkungen von einem in angemessener Stimmung gehaltenen Hintergrunde theatralisch deutlich ab. Das müssen vielmehr erst Dramatiker und Epiker besorgen:

 

,,Was die Natur auf ihrem großen Gange

In weiten Fernen auseinander zieht,

wird auf dem Schauplatz, im Gesange,

Der Ordnung leicht gefasstes Glied."

Schiller, die Künstler, Zeile 225-28.

 

Als ein Beispiel der Plumpheit der Geschichte und wie sie „den Anschluss versäumt" erinnern wir an den 9. Thermidor des Jahres II der französischen Republik; gerade zu der Stunde als Robespierre im Konvent zusammenbricht, bewegt sich ein Zug von sechzig oder achtzig zum Tode Verurteilten zum Richtplatz.

Als dieser Zug in die Rue St. Honoré einbiegt, trifft er auf eine Ansammlung von Personen, denen das Ereignis im Konvent schon bekannt geworden; man macht Miene die Gefangenen zu befreien; da kommt der betrunkene, soeben abgesetzte, aber noch nicht verhaftete General der Nationalgarde Hanriot mit einem Reiterschwarm und erhält der Guillotine ihr Opfer! Der Henker Sanson ließ anfragen, ob man die Hinrichtung der veränderten Umstände wegen nicht aufschieben solle; aber der Staatsanwalt Fouquier-Tinville befahl, „der Gerechtigkeit freien Lauf zu lassen"; –– Der Dichter André Chénier soll unter den Gemordeten gewesen sein (?). Am 10. Thermidor wurde Hanriot mit Robespierre und anderen zusammen guillotiniert; Fouquier am 5. Mai 1795.

Ein anderes; als der französische General Championnet im Januar 1799 in Neapel einrückte, wurde die „Parthenopäische Republik" proklamiert. Aber, nachdem in der Schlacht bei Novi Joubert den Heldentod gestorben und die vereinigten Russen und Österreicher Sieger geblieben (15. August 1799), mussten die Franzosen von Neapel abziehen und die aus Sitzilien zurückgekehrten Bourbons wüteten in ihrer eigenen Hauptstadt schlimmer als einst die Jakobiner in Frankreich. „Über viertausend der angesehensten Männer und Frauen starben auf dem Blutgerüst oder in grässlichen Kerkern". Erst vom 27. Dezember 1805 datiert das Dekret Napoleons aus Schönbrunn: „la dynastie deNaples a cessé de regner"; auch das war eine Plumpheit der Weltgeschichte.

Die unmittelbare Ursache (la cause occasionnelle), die letzte Feder, welche den Rücken des Kameels zerbricht, wird in der Wirklichkeit oft höchst unbedeutend, ja läppisch sein. Diejenigen Historiker irren zwar, welche hiervon getäuscht, ähnlich dem Bauern in den Acharnern des Aristophanes (Vers 500 ff.), bei allen großen Begebenheiten nach einer Weiberzänkerei, kleinen persönlichen Empfindlichkeiten oder dergleichen gesucht haben, welche die große Wirkung haben herbeiführen sollen, aber ebenso irren diejenigen, welche alles, was sich an Bedeutendem ereignet, auf einzelne große Ursachen zurückleiten und, um mit Frau v. Staël zu reden, die Menschheit anonym machen wollen", so dass, wenn man diese einzelnen großen Ursachen, also etwa die Existenz weiser Fürsten, Staatsmänner, Denker oder auch ihrer Antipoden wegnähme, die Geschichte eine ganz andere geworden wäre, worin man denn à la Carlyle bis zum hero-worship, oder „Kultus des Genius“ gelangt. Allein in Wirklichkeit sind die Ursachen in der Geschichte unscheinbar, wie die ersten Quellen eines Stromes, und die größten Geister verdanken ihrer Zeit doch immer mehr als diese ihnen. In fast schwermütiger Weise äußert Draper diese Ansicht:

 

„Es gibt zwei Arten historischer Darstellung, die künstlerische und die wissenschaftliche. Jene setzt voraus, dass die Menschen die Ereignisse hervorrufen; sie sucht sich daher eine hervorragende Persönlichkeit aus, schildert sie in phantastischer Weise und macht sie zum Helden der ganzen Erzählung. Diese, darauf bestehend, dass die menschlichen Angelegenheiten eine ununterbrochene Kette darbieten, in welcher jedes Geschehnis die Folge eines vorhergehenden und der Hervorrufer eines nachfolgenden ist, erklärt, dass die Menschen nicht die Ereignisse beherrschen, sondern umgekehrt die Ereignisse die Menschen. Jene bringt Darstellungen zuwege, die, so sehr sie uns auch interessieren oder entzücken mögen, doch nur einen Grad höher stehen, als der Roman; diese ist ernst, vielleicht selbst abstoßend; denn sie erfüllt uns in strenger Weise mit der Überzeugung der unwiderstehlichen Herrschaft des Gesetzes und der Nichtigkeit menschlichen Strebens." (Draper, History of the conflictbetween religion and science. 2nd edition, London 1875; Vorwort, S. XI.)

 

Der Biograph aber tut gern, als wäre sein Held ein Prophet und „von Gottes Gnaden".

 

„Vor dir gehet ein Schweigen

Um dich anzumelden im Saal

Und das Feld ist dein eigen,

Eh' du noch ausgetreten einmal".

(Rückert; Östliche Rosen S. 99.)

 

Mit Trompetenstoß lässt er ihn auf der Weltbühne erscheinen und noch ehe er tot ist, legt er ihn auf das Paradebett. Wie in früheren Zeiten bei der Geburt bedeutender Menschen Lichterscheinungen und anderer dergleichen Unfug an der Mode waren, so hat man später dem scheidenden Helden noch häufig ein letztes, bedeutendes, seinem Leben gleichsam als Motto dienendes Wort in den Mund gelegt und für einen theatralisch packenden Abgang gesorgt. Gegen diese Ausrufe Sterbender, es sei denn, sie wären ganz besonders trivial und nichtssagend, muss man vor allem vorsichtig sein; fast keiner kann vor der Kritik bestehen. La mort n'estpoint bavarde; (Fournier). Ebenso wenig schließen die einzelnen Abschnitte der Geschichte mit irgendeiner bedeutenden Handlung oder grenzen sich sonst wie voneinander ab. Die Geschichte weiß davon grade soviel, als der Himmel von den Meridianen. Es gibt nichts „Epochemachendes". Die Epochen werden immer erst hinterdrein erfunden. Man konnte nicht seiner Zeit im Mittelalter zu Bette gehen, um sich in der neueren Geschichte die Augen wieder wach zu reiben. Die Grenzen sind unbestimmbar, wie zwischen dem Hell und Dunkel des Abendhimmels.

Andre Märchen entstehen durch die Eitelkeit der Völker mit Beziehung auf Entdeckungen und Erfindungen. Nachdem der Kaiser von China, Tsin sché huâng tý († 211 v. Chr.) ein Edikt erlassen hatte, nach welchem sämtliche Bücher in seinem Reich verbrannt werden sollten, folgte 197 ein anderer Kaiser, welcher 191 das Edikt wieder aufhob. Circa 1800 Jahre später, im 17. Jahrhundert nach Chr., gewährte der Kaiser Kang-hi den europäischen Missionären an seinem Hofe freundliche Aufnahme.

 

,,Er schätzte an ihnen die höhere Bildung, welche er, darin sich als kein National-Chinese verratend, wohl anerkannte. Aber einen chinesischen Gelehrten, Mei-Wuh-gan, einen Anhänger der verjagten Ming-Dynastie und trotzdem wegen seines Wissens beim fremden Kaiser wohl gelitten, wurmte das Übergewicht dieser Europäer. Er behauptete, von den durch sie eingeführten Theorien sei die bei weitem größte Mehrzahl den Chinesen schon Jahrhunderte früher bekannt gewesen und dieses nur aus Unkunde mit der heimischen Literatur übersehen worden; ja, aus China stamme alle Wissenschaft, übersetzt sei sie zu den Bewohnern anderer Länder gedrungen und habe dort weitergelebt, während sie in China selbst seit der großen Bücherverbrennung aufgehört habe sich zu entwickeln, wie sie begonnen habe. Jetzt suchte man wieder eifrig und allgemein nach alten Schriften und fand sie auch. (Vgl. Biernatzki: Die Arithmetik der Chinesen in Crelles Journal für reine und angewandte Mathematik 1856, VII. 59-94; zitiert von Cantor, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik, Leipzig 1880. S. 567.)

 

„Was einst der Codex der Gesetze von Manu genannt wurde und sich mit Zuversicht auf 1200 oder doch mindestens 500 vor Chr. berief, wird heutzutage mit Zögern auf vielleicht das 4. Jahrhundert nach Chr. verwiesen, und weder ein Codex, noch ein Codex von Gesetzen, am allerwenigsten der Codex der Gesetze von Manu genannt."

Wieder andere falsche, verkehrte und verschrobene Berichte entstehen, weil der Erzähler gewissermaßen als selbstverständlich annimmt, dass die Fragen, die ihn und seine Zeit bewegen, auch in den Zeitperioden oder in den Lebensläufen, die er schildern will, an der Tagesordnung waren und jedermann zu ihnen Stellung nehmen musste. Ja es werden grade solche Schriften, sonstiges als gleichartig vorausgesetzt, den augenblicklichen Erfolg für sich haben, dafür freilich auch schnell veralten. Angaben, die aus solcher Veranlassung entstehen, muss man nicht immer als bewusste Fälschungen ansehen. Allerdings gibt es da auch eine Grenze. Im spanischen Alexanderroman des Juan Lorenzo de Segura lässt der Bischof von Jerusalem beim Herannahen des Makedoniers eine Messe zelebrieren; dass das ein Unsinn war, wird Lorenzo wohl gewusst haben; aber in weniger groben Fällen ist oft der gute Glaube des Berichterstatters gar nicht anzuzweifeln. Er konnte es sich eben gar nicht anders denken, als dass seinen Helden die ihm selbst interessanten Fragen auch aufs höchste interessiert hätten, obgleich sie denselben vielleicht sehr kalt gelassen haben würden, ja ihm möglicherweise ganz unverständlich oder die Beschäftigung mit ihnen sogar widerlich gewesen wäre und er, zur Entscheidung gedrängt, sich nicht anders als diamagnetisch zu denselben eingestellt haben würde; allein wie ein Touristenführer es für angemessen hält, alles zu zeigen, wonach er gefragt wird, glaubt sich der in den Begriffen seiner Zeit befangene Historiker verpflichtet zu erzählen, wie der Held seiner Darstellung zu denselben sich gestellt haben würde, oder –– wie er sich wohl schließlich selbst einredet –– sich wirklich gestellt hat, indem er die Frage danach als selbstverständlich voraussetzt. Die kleinste Beziehung, vielleicht ein zufälliger Gleichklang der Worte genügt dann zur Anknüpfung. Er sieht eben, was er sehen wollte und was in ihm liegt. Abgesehen vom Saturnsringe und den spukhaften Kometen sind alle Weltkörper nahezu kugelförmig und doch bezeichnen wir mit „sternförmig" auch wissenschaftlich, z. B. in der Botanik eine ganz andere Gestalt, welche nur durch den strahligen Bau der Linse unseres Auges hervorgerufen wird. Die photographische Platte kennt diese Stern-Gestalt nicht.

Noch eine weitere Quelle von „Treppenwitzen der Weltgeschichte" ist die Unfähigkeit der meisten Menschen, auf niedriger Kulturstufe zu abstrahieren. Wie die lateinische Sprache leiden sie daran, dass sie entstehen" und „gemacht werden" (fieri) nicht unterscheiden können, also für alles Entstandene einen Verfertiger oder wenigstens einen leitenden Meister suchen. Diese menschliche Schwäche hatte schon Vico in seiner Scienza nuova, 1725, erkannt. Michelet, Histoireromaine, Paris 1831, Vorwort S. VII, sagt darüber:

 

„Ce qu'il y a de plus original" (d. h. in Vicos Werk), „c'est d'avoir prouvé que ces fictions historiques étaient une nécessité de notre nature. L'humanité, d'abord matérielle et grossière, ne pouvait, dans les langues encore toutes concrètes, exprimer la pensée abstraite qu'en la réalisant, en lui donnant un corps, une personnalité humaine, un nom propre. Le même besoin de simplification, si naturelle à la faiblesse, fit aussi désigner une collection d'individues par un nom d'homme."

 

Ebenso haben die Menschen das Bedürfnis, nachzuweisen dass derjenige, welcher in einem Kampfe den Sieg davongetragen, auch derjenige wäre, dem man den Sieg hätte wünschen müssen; sie stellen sich somit bei der Lehre von dem survival of thefittest, dem Überleben des Passendsten immer auf den moralischen Standpunkt; ihrem Herzen macht dies alle Ehre, ihrem Kopf sehr wenig. Die Zahl der kleinen und großen Verdrehungen und Fälschungen, welche aus dieser Quelle in die Geschichte eingedrungen sind, ist Legion. Die wohlwollenden und edlen Menschen haben aber nicht die Wahrscheinlichkeit des Sieges für sich bonus vir semper tiro, oder wie Heine es ausdrückt (Lyrisches Intermezzo, 1822-23 Nr. 46):

 

,,Der Ritter sinkt blutend zur Erde,

Es stolpert der Riese nach Haus';

Wenn ich begraben werde,

Dann ist das Märchen aus."

 

In der Politik handelt es sich niemals wirklich um Rechtsfragen; diese werden nur vorgeschoben als Stichwort für die Massen; in Schulbüchern aber steht es gewöhnlich umgekehrt. Auch muss nach ihnen, selbst wenn Völker miteinander gerungen, immer das tugendhaftere den Sieg davongetragen haben; das ist durchaus falsch; die langweiligen Völker siegen mit ihren gräulichen Quäleinrichtungen, die Spartaner –– , die Römer, dieses urlangweilige Volk – –– –– kurz diejenigen, bei denen das Einzige, was des Lebens wert ist, die freie und schöne Entfaltung der Persönlichkeit in großem Maßstabe unterdrückt und verhindert wird. Freilich bei den meisten ist nichts zu entfalten. Der „Fabrikware der Natur" ist das kein Bedürfnis; ihr liegt mehr an der Vervielfältigung der Persönlichkeit und deren Folgen sind die Armut und der Krieg.

Es bleiben noch zwei Quellen der Treppenwitze der Weltgeschichte übrig; –– die volkstümliche Erklärung zu Bezeichnungen, Namen, Worten, Sprüchen, Sitten, Einrichtungen, Symbolen, Bildern und Statuen, deren ursprüngliche Bedeutung etwas oder ganz dunkel geworden war, oder zu Naturspielen und die Personifikation oder die wörtliche Auffassung des Allegorischen. Alle diese Quellen berühren einander häufig und gehen auch wohl eine in die andere über.

Das Gefolge der heiligen Ursula von 11000 Jungfrauen verdankt seine Existenz wahrscheinlich einem Missverständnis, indem man die Bezeichnung XI. M. V. (martyres Virg.) irrtümlich las XI. milia Virg.

Der Mäuseturm auf einer Insel im Rhein bei Bingen hat ursprünglich Mautturm geheißen, weil darauf ein Maut- d. i. Zollhaus, oder nach anderen ein Muusturm (d. h. Zeughaus), gestanden hat. Zu dem entstellten Namen „Mäuseturm" hat man dann später die bekannte Geschichte vom geizigen Bischof Hatto von Mainz erfunden, der, weil er eine Menge von hungernden, ihn um seine aufgespeicherten Kornvorräte bittenden Menschen in eine Scheune führen und verbrennen lässt, später von den aus der Asche hervorkommenden Mäusen überall hin verfolgt und auf dem Mäuseturm von ihnen aufgefressen wird. Die Sage wird sowohl von Hatto I. (891-913) als von Hatto II. (968-970) erzählt. Es ist dies aber einfach eine sogenannte Wander-Anekdote. Liebrecht, zur Volkskunde, Heilbronn 1879, führt 13 verschiedene Orte auf, in denen das Ereignis, oder doch ein ganz ähnliches, stattgefunden haben soll.

 

„Die Sage von Hattos Tod" heißt es daselbst, S. 1 –– welcher ins Jahr 970 fallen soll, wird zum ersten Mal am Anfang des 14. Jahrhunderts in Siffrids Chronik erwähnt. Der Binger Mäuseturm ist nicht älter als das 13. Jahrhundert. In dem, was die Geschichte von Hatto weiß, ist kein Zug, an den der Mythus hätte anknüpfen können."

 

Liebrechts Erklärung, alle diese Sagen stammten von dem heidnischen Brauche bei Landplagen, z. B. Mäusefraß, das Stammeshaupt durch Aufhängen an einen Baum zu opfern, ist vielfach angefochten worden (auch von Döllinger, Pabstfabeln). Übrigens ist die Maus ein Symbol des Todes, dem niemand entfliehen kann. Erwähnt mag auch noch die Auslegung werden, der Bischof hätte am delirium tremens gelitten und deshalb überall Mäuse gesehen.

Was die Personifikation zu Worten betrifft, deren Bedeutung man vergessen, so will ich anführen, dass zu den Zeiten des dunkelsten Mittelalters „Kyrie eleïson" einigen als Heiliger der Kirche galt; freilich könnte dies schon eine Parodie sein; wenigstens hat das spätere Mittelalter ein in dem herkömmlichen salbungsreichen Stil gehaltenes Leben des heiligen Niemand, der zwei Herren dienen konnte, zwei Frauen haben durfte u. s. w. Wunderliche Missverständnisse finden wir bei den Griechen betreffs der Benennungen der beiden Sternbilder des großen und des kleinen Bären. Ersterer hieß auch  ̔Ελίκη, von ἕλιξ, gewunden, wegen der liegenden S-, oder Schlangenlinie, welche seine sieben Hauptsterne bilden; letzterer Κυνόσουρα, oder Hundeschwanz, weil der Schwanz des Gestirns des kleinen Bären wirklich die Gestalt eines Hundeschwanzes hat. Später vergaß man diese Bedeutungen und machte aus Helike und Kynosura ein paar Nymphen, die Ammen des Zeus (Ideler. Über den Ursprung und die Bedeutung der Sternnamen S. 7 f.). Desgleichen haben die Engländer die eigentliche Bedeutung des Wortes vergessen und wenn sie eine vielbewunderte Schönheit bezeichnen als the cynosure ofneighbouring eyes, (Milton; l'Allegro, Zeile 75) so denken sie nur an den Polarstern.

Wer Luzern besucht hat, erinnert sich gewiss des Pilatusbergs. Er hieß ursprünglich „Mons pileatus", der behutete Berg, weil die Wolken sich oft um seinen Gipfel in Gestalt eines Turbans oder Hutes ansammeln. Im Mittelalter aber vergaß man diesen Ursprung und jetzt zeigt der Führer ganz ernstlich den Reisenden auf dem Gipfel des Berges einen See, in dem sich Pontius Pilatus aus Verzweiflung ertränkt habe oder in welchem nach anderer Lesart sein Leichnam schließlich geworfen worden sei. Einem ähnlichen Missverständnis zwischen „stehlen“ und „gestalten" verdankt die Legende vom heiligen Crispinus ihren Ursprung (Vergl. w. u. den Abschnitt „die Kirche").

Fährt man von Wien mit der Eisenbahn nach Mödling, so erblickt man links auf der Höhe des Wiener Berges eine gotische Denksäule, 1452 errichtet, die nach den Standbildern des h. Crispinus und Crispinianus „Spinuskreuz" genannt wurde und seit langem Spinnerin am Kreuz heißt. Zu dieser Benennung sind dann eine Menge Erklärungen und Erzählungen erfunden, die Nork, Mythologie der Volkssage und Volksmärchen, Stuttgart 1848, S. 1005-1008, mitteilt.

Über den Einfluss, welchen die volkstümliche Deutung unklar gewordener Wortformen auf die Bildung von neuen Worten gehabt, vergleiche man Andresen: „Über deutsche Volksetymologie. Heilbronn bei Gebr. Henniger." 3. Auflage 1878. Speziell erwähnt er der Städte resp. Ortschaften Wartburg, Wolmirstedt, Wolmirsleben, Haßfurt, Schandau, Dschak, Trausnitz, Achalm 2c. Die mitunter recht läppischen –– Erzählungen, welche die Benennung derselben erklären sollen, sind sämtlich unhistorisch. Desgleichen ist es unrichtig, dass Altona so genannt worden, weil es „all zu nah" an Hamburg erbaut worden.

Über die Entstehung des Namens der Stadt Oschatz z. B. erzählt die Sage: Kaiser Otto der Große, auf einer Reise mit seiner Gemahlin Editha, Tochter Eduards von England begriffen, als man die Stadt erbaute, habe beschlossen, das erste Wort, welches über die Lippen seiner Gemahlin kommen werde, solle des Ortes Name werden.

 

„Da neigte sich lächelnd die Kaiserin

Zum trauten Gemahl liebkosend hin,

Und verlegen, solch großes Werk zu vollbringen,

Sie, die nur geübt in häuslichen Dingen

Entgegnet: ,,Schatz, ach wie"

,,Wohl," rief nun der Kaiser mit fröhlichem Sinn,

Und deutete lächelnd aufs Städtlein hin,

,,Oschatz sei dein Name für künftige Zeiten."

(Segnitz, Sagen des Sächsischen Volkes II. S. 39.)

 

Die Stadt, sowie ihr Name sind jedoch sorbischen Ursprungs, dieser kann somit aus deutschen Worten gar nicht erklärt werden. Ist dieser Erklärungsversuch wenigstens ein anmutiger, so ist es andererseits seltsam, wie leicht sich oft dies unvertilgbare Verlangen nach Worterklärungen abspeisen lässt; der Hunger ist auch hier der beste Koch. Konitz (in Westpreußen) war 1137 von den Wenden erbaut worden. Der Name bedeutet Rossau. Die einwandernden Deutschen aber erzählten sich später, die Erbauer der Stadt hätten an deren Ort eine Kuh mit einem Kalb in einem Nest gefunden. Die Stadt führt auch einen Kuhkopf im Wappen.

Das „Mirakel von Loosduinen“, eine Meile von Haag, dass eine Gräfin Margareta von Henneberg, 1270 oder 1276 durch Gottes Gnade gleich hintereinander glücklich von 365 Kindlein entbunden, die vom Bischof Guido getauft wurden, –– die Knäblein sämtlich Hänschen, die Mägdlein aber Lieschen –– , deren Seelchen sämtlich bei Gott sind, deren Körperchen aber „sub hoc saxo requiescunt", und deren Taufbecken man in Loosduinen noch vorzeigt

 

,,ist aus einem faulen Witz hervorgegangen. Die hohe Dame wurde nämlich innerhalb der gastlichen Mauern des Klosters am vorletzten Tage des Jahres von Zwillingen entbunden und ein Witzbold notiert das so, dass die gnädige Frau so viel Kinder bekommen, wie Tage im Jahre." (von der Linde; Gutenberg; Stuttgart 1878, S. 350.)

 

Dergleichen Geschichten nun, wie die betreffs der Stadt Oschatz, von denen man mit Hilfe eines etymologischen Wörterbuchs leichterweise Hunderte zusammenstellen könnte, bleiben oft als hübsche und sinnreiche Märchen stehen, wenn ihr Inhalt märchenartig ist; sobald dieser jedoch ein an sich möglicher oder wohl gar wahrscheinlicher wird, schleichen sie sich bald in ganz ernste und mit bestem Willen gearbeitete Chroniken und Geschichtsbücher ein, wo sie sich dann, eben weil ihnen häufig etwas Greifbares zu Grunde liegt, mit der größten Zähigkeit erhalten.

Sehr merkwürdig sind diejenigen Erzählungen, welche auf Sitten, Gewohnheiten und allerhand. Arten von Aberglauben (englisch): folk-lore) Licht zu werfen versuchen, welche sich aus überwundenen oder ganz verschwundenen Kulturepochen in eine spätere hinübergerettet haben und unverständlich geworden sind, die sogenannten Überbleibsel (survivals); schon bei den Griechen und Römern treten uns dergleichen Auslegungen entgegen. Plutarch in seinen Aufsätzen; „Fragen über griechische Gebräuche“ und „Fragen über römische Gebräuche" quält sich mit der Deutung einer ganzen Anzahl derselben ab. Wir werden deren im Text des Buches mehreren begegnen. Ein sehr helles Licht auf diese Fragen wirft Bachofen in seinem Werk: „Das Mutterrecht"; Stuttgart 1861. Nach ihm ist der uns einigermaßen bekannten Kulturepoche, in welcher der Mann das Haupt der menschlichen Gesellschaft ist, eine andere vorangegangen, in welcher das Weib diese Stelle einnahm, wohin jetzt Nordamerika wieder zurückneigt; vergl. im Register: Decemvirn. Daher die Sage von Amazonen u. dergl. –– Daher vielleicht auch die betonende Vorschrift der Bibel (Genesis 3, 16), „er soll Dein Herr sein“ und die Übertreibung der Schuld des Weibes im Vergleich zu der des Mannes, gewissermaßen als Begründung für die eingetretene Zurücksetzung oder Entthronung.

Einen lesenswerten Aufsatz: „Sagen aus Kunstwerken entstanden" findet man bei Kinkel, Mosaik zur Kunstgeschichte; Berlin, 1870 S. 161-243; derselbe ist im Folgenden mehrere Male benutzt worden. Hier gleich wollen wir noch erwähnen, dass Uhlands hübsches Gedicht „der Schenk von Limburg" nach seiner eigenen Mitteilung keinen bestimmten Sagengrund hat, sondern durch eine Figur in der Kirche zu Gaildorf veranlasst ist, zu der die Phantasie Justinus Kerners die Deutung geliefert hatte .

Diese uns zeitlich nahe liegende Tatsache führt uns auf die Bemerkungen von Lepsius über Herodot:

 

,,Wer die Berichte des Herodot über die ägyptische Geschichte liest und mit dem vergleicht, was uns jetzt durch Manethos und die Denkmäler darüber bekannt ist, der kann keinen Augenblick verkennen, dass hier durchgängig eine Auffassung zu Grunde liegt, die sich keineswegs durch die persönliche Eigentümlichkeit des griechischen Reisenden allein erklärt, noch die bequeme und leichtfertige Rede mancher Ausleger rechtfertigt, als habe sich Herodot aus Leichtgläubigkeit und wegen ungeschickter Fragen von den verschmitzten Priestern Märchen ausbinden lassen. Diese Art von Schalkhaftigkeit war dem Altertum überhaupt fremd, und besonders den Ägyptern. Wir haben hier vielmehr feste an Ort und Stelle schon vor Herodot ausgebildete Ansichten und Auffassungen vor uns, welche auf echter, nur exoterischer Mitteilung sachverständiger Priester beruhten, aber unter halbgebildeten Laien, namentlich unter den angesessenen Griechen und den mit ihnen verkehrenden Interpreten, zu dem geworden waren, was wir bei Herodot wiedergegeben finden. Wie überall bei volkstümlicher Mythenbildung, dergleichen wir hier seit Einbürgerung der Griechen entstehen sehen, knüpften sich die beliebtesten Erzählungen an vorhandene Denkmäler. Diese vor allem unterstützten die Einbildungskraft und das Gedächtnis der Hörer und Erzähler. So ist auch Herodots Geschichte der Ägypter fast nur eine Reihenfolge von Erzählungen über die Urheber bestimmter, die Aufmerksamkeit besonders auf sich ziehender und zwar fast ausschließlich memphitischer Monumente." (Lepsius: Chronologie der Ägypter. I. S. 48.)

 

Interessant ist es, dass Herodot an einer Stelle (II. 131) schon selbst Kritik in diesem Sinne übt. Es waren ihm Statuen ohne Hände gezeigt worden, welche, wie ihm versichert worden war, Weiber darstellen sollten, denen man irgend einer Untat wegen die Hände abgehackt hatte.

 

,,Doch, was sie da sagen, sind meines Erachtens lauter Possen; hier habe ich es ja selbst gesehen, dass sie durch die Zeit ihre Hände verloren haben, die man noch zu meiner Zeit bei ihren Füßen liegen sieht."

 

Über Milon aus Kroton (ca. 520 v. Chr.), den Olympiasieger, berichtet Pausanias (Buch VI, Kap. 14) unter andern Anekdoten folgendes:

 

„Er stemmte ferner, wie erzählt wird, den Teil des rechten Armes von der Schulter bis zum Ellenbogen in die Seite ein, streckte dann den andern Teil vom Ellenbogen an, so aus, dass die Finger senkrecht standen, indem er den Daumen aufwärts bog und die übrigen Finger der Reihe nach zusammenhielt: und nun würde ihm keiner, auch mit aller Gewalt, den kleinsten Finger wieder verrückt haben."

 

Dieses Heldenstück verdankt jedoch seine Entstehung wahrscheinlich dem Anblick einer plumpen Statue des Olympioniken; der Bericht über sein Lebensende, er hätte einen durch eingeschlagene Keile auseinandergetriebenen Baumstamm ganz auseinanderreißen wollen, die Keile wären dabei herausgeglitten und seine Hände von dem zusammenschnellenden Stamme festgehalten und er dann von wilden Tieren zerrissen worden (etwa ebenso auch bei Strabon, Buch 6 u. Aulus Gellius, Noctes Atticae XV, Kap. 16), hat vielleicht einen ganz ähnlichen Ursprung.

Am Hause Wallstraße 25 in Berlin befindet sich ein sogenanntes Wahrzeichen, welches auch bei neueren Umbauten (1880/81 u. 1893) wieder eingefügt worden, den Simson darstellend, wie er nach dem Buch der Richter (16, 3) den Flügel des Tores der Stadt Gasa fortträgt. Das Volk erzählt sich aber, die Figur bedeute einen Mann, dessen kleiner Sohn ein Lotterielos an eine Thür geklebt hatte und dann, nachdem der Hauptgewinn darauf gefallen und der Vater es nicht wieder losmachen konnte, mit samt der Tür zum Lotterie-Kontor gegangen, um seinen Gewinn daselbst zu erheben.

Wie das Allegorische oft plumperweise wörtlich genommen wird, kann man an den häufig in Bibeln vorkommenden Bildern sehen, den Erlöser im Seelenkampfe zu Gethsemane vorstellend (mein Vater, ist es möglich, dass dieser Kelch von mir gehe, ich trinke ihn denn, so geschehe dein Wille! Ev. Matthäus 26, 42); gewöhnlich schwebt dann mit Verhöhnung aller Gesetze der Schwerkraft ein riesiger Humpen vor dem Betenden in der Luft!!

Bei den italischen Lokrern gab es eine Statue des Lautenspielers Eunomos; derselbe war mit seiner Laute dargestellt, auf der eine Zikade saß; die letztere war offenbar nur ein Symbol der Musik. Das genügte den Lokrern aber nicht und sie fügten die absurde, aber doch liebliche Erzählung hinzu, dass dem Eunomos während eines Vortrages, mit welchem er den Sieg errang, eine Saite gesprungen sei, worauf sich eine Zikade auf die Laute gesetzt und jedes Mal, wenn der fehlende Ton vorkommen musste, ihn gesungen hätte (Strabon, Buch 6).

Die von A. W. von Schlegel besungene Sage von dem durch einen Delphin erretteten Arion, welche uns Herodot I. 24 und später Plutarch im Gastmahl der sieben Weisen, Kap. 18, ferner Pausanias 3. 25, Aelian XII. 45 berichten, verdankt ihre Entstehung wohl einer Statue, einen auf einem Delphin reitenden Mann darstellend, welche Arion dem Tempel in Tainaron gewidmet hatte. Bei Herodot trägt ihn ein Delphin, bei Plutarch sammelt sich ein Schwarm um ihn und sie lösen sich ab in dem Dienst ihn zu tragen. Plutarch lässt diesen Ritt durch mehr als zehn Meilen gehen; Herodot nennt keinen Raum. Plutarch lässt ferner ihn abends herabstürzen und während der Fahrt Mond und Sterne hervortreten.

 

,,Der Delphin war wegen seiner Schnelligkeit das Symbol einer glücklichen Seereise, weshalb ihn mehrere Seestädte, z. B. eben das zur See mächtige Tarent, woher Arion kam, zu ihrem Symbol hatten." (Baur, Symbolik und Mythologie oder die Naturreligion des Altertums; Stuttgart, Teil I 1828, S. 31.)

 

Die übrigen romantischen Züge der Erzählung zeigen uns eine Aneinanderreihung der Eigenschaften, welche die Griechen irrigerweise dem Delphin angedichtet hatten und an die man noch im 18. Jahrhundert geglaubt hat.

Zur Zeit des Sinkens des Römischen Weltreichs verschwanden leider zu viele der nach Rom aus allen Ländern zusammengeschleppten Kunstschätze; aber

 

,,weder der Hass der Christen, noch der Raub Constantins des Großen, noch die Plünderung durch Westgoten, Vandalen und die Söldner Ricimers haben die unermesslichen Schätze römischer Kunstwerke zu leeren vermocht. Die Römer selbst haben es getan..., denn Theoderich oder sein Minister fand zu der Klage Grund, dass der Schmuck Roms in so entarteter Zeit nicht mehr dem Schutz des Schönheitsgefühls, sondern den Straßenwächtern anvertraut werden müsse. Diese Vigiles der Kunstwerke waren angehalten, die Straßen bei Nacht zu durchstreifen, um die Räuber an Bildsäulen, welche man nicht mehr wie zu Verres Zeit, nach dem Werte der Kunst, sondern nach dem des Metalls schätzte, zurückzuschrecken oder zu erfassen und man fand einen Trost darin, dass die ehernen Statuen durch ihren Klang das Brecheisen des Diebes selber zu verraten im Stande seien: ,,,,Denn die Bildsäulen sind nicht gänzlich stumm, weil sie doch durch ihren Glockenklang die Wächter warnen, sobald sie von den Schlägen der Diebe getroffen worden (Cassiodorus. Variarum lib. VII. 13; statuae nec in toto mutae sunt; quando a furibus percussae custodes videntur tinnitibus admonere)."

 

Aus dieser Bemerkung des Cassiodorus ist nach Gregorovius die wunderbare Sage entstanden, wonach die auf dem Kapitol aufgestellten Statuen der Provinzen mit Glocken läuteten, sobald ein Aufruhr in den entsprechenden Provinzen ausgebrochen war. (Gregorovius; Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter I. S. 279.)

Über denselben Gegenstand (Legenden aus Kunstwerken entstanden) bemerkt Max Müller §Über die Sprache" (deutsch): I. S. 508:

 

„Es war bei den älteren Künstlern ein gewöhnlicher Gebrauch, Märtyrer, welche mit dem Schwerte hingerichtet worden waren, ihren Kopf in ihren Händen haltend darzustellen. Das Volk, welches die Bildsäulen sah, konnte sie nur in einem Sinne begreifen und es glaubte fest daran, dass gewisse Märtyrer ihren Kopf durch ein Wunder nach der Enthauptung in ihren Händen getragen hätten."

 

Am bekanntesten darunter ist der heilige Dionysius, aber auch von einer Menge anderer wird es erzählt. Der Kampf mit dem Götzendienst oder was die Missionäre so nannten, wurde als Kampf mit giftigen Reptilien dargestellt; daraus ist dann die Legende entstanden, dass der heilige Patrick ganz Irland von Kröten und Schlangen befreit habe.

Auf der großen Main –– Brücke zwischen Frankfurt und Sachsenhausen steht eine Bildsäule Kaiser Karls des Großen, zeitverstoßend mit einem Reichsapfel in der Hand; denn dieser wurde erst viel später das Symbol der Weltherrschaft. Die Sachsenhäusener aber erzählen, das Denkmal wäre dem Kaiser errichtet worden, weil er den Apfelwein erfunden!

Am Riesentor der Stephanskirche in Wien ist in der Höhe ein Jüngling angebracht, der seinen verletzten Fuß auf das andere Knie zu stützen scheint. Daraus ist die Sage entstanden, der Baumeister Pilgram habe seinen Schüler Puchspaum, dem als Lehrling noch die Leitung des zweiten Turmbaues aufgetragen worden, aus Neid vom Gerüst gestürzt.

Zu Wildeshausen in Oldenburg findet man oben im Gewölbe über dem Altar der Kirche eine Figur des heiligen Petrus, wie er, der Legende gemäß, mit dem Kopf nach unten gekreuzigt ist; aber das Volk, als gute Protestanten mit der Petruslegende unbekannt, erzählt sich, die Figur stelle den Baumeister der Kirche dar, wie er beim Bau derselben heruntergestürzt wäre.

Im Park zu Weimar ferner befindet sich an einer lieblichen Stelle eine Säule, um die sich eine Schlange windet, oben mit einem Paar Broten, alles aus Stein gehauen mit der Inschrift: Genio hujus loci! Das Volk, welches damit nichts anzufangen weiß, meldet, es hätte dort einst eine große Schlange gehaust, welche endlich mit vergifteten Broten unschädlich gemacht worden wäre.

Das Volk wittert überhaupt bald Gift. In der uralten Begräbniskirche zu Salzungen, deren Entstehung in das 12. Jahrhundert zurückreicht, befindet sich ein merkwürdiges Bildnis. Es stellt in Lebensgröße ein Jungfräulein von 15 Jahren, eine Pfarrerstochter in vollem Brautschmuck dar, deren Brautkranz zerrissen und verstreut vor ihr auf dem Boden liegt. Sie war als Braut eines Geistlichen, kurz vor dem bestimmten Trauungstage gestorben. Im Bilde hält sie in der Hand ein flammendes Herz empor, als Zeichen treuer Liebe für den Auserwählten. Das Volk aber hat aus dem brennenden Herzen eine Apfelsine gemacht und erzählt, dass die unglückliche Braut mit einer solchen von einem Liebhaber, den sie verschmäht hatte, vergiftet worden sei.

Hoch oben am Berge Ararat findet sich ein hervorragender Felsen, welcher eine gewisse Ähnlichkeit mit einem versteinerten Schiff haben soll, woher nach einigen der Bericht stammt, Noahs Arche wäre auf ihm gelandet. (Vergl. Franz Heger; „von Wien nach Taschkent" in der Wiener Zeitung vom 10. Jan. 1895.)

Dass es solcher Geschichten so viele gibt, erklärt sich leicht, wenn man bedenkt, dass sich grade auf solche Statuen, Bilder u. s. w. die Fragen eines Kindes beziehen werden, dessen Aufmerksamkeit und Gedächtnis erwacht sind, bei dem aber von Urteil und Kritik noch keine Rede sein kann, was dann oft genug auch bei demjenigen der Fall ist, den es fragt. Die Antwort wird demgemäß ausfallen, aber im Gedächtnis des Kindes als unumstößliche, vielleicht selbst als „ehrwürdige" Wahrheit haften bleiben; daher die peinliche Empfindung vieler, wenn an solchen Erzählungen gerüttelt wird, die doch aber nicht veranlassen kann, etwas, das unrichtig ist, nicht als solches zu bezeichnen; die „Geschichte" soll verzeichnen, was „geschehen" ist und nicht, was nicht geschehen ist.

Vermittelst der wörtlichen Auffassung des allegorisch Gemeinten sind auch die verschiedensten Anekdoten, Legenden und Sagen entstanden. Der Name Christoph z. B., welcher ursprünglich bildlich genommen wurde (Christophorus, der den Christus trägt), ward dann Anlass zu der Legende, dass ein ad hoc geschaffener heiliger Christoph den Heiland über einen Fluss getragen hätte und dabei beinahe von der Last erdrückt worden wäre, mit noch anderen Einzelheiten, welche teils bekannt sind, teils hier zu weit führen würden. (Legenda aurea; cap. 100); im Jahre 250 soll der heilige Christoph den Märtyrertod erlitten haben.

Ignatius von Loyola, der Stifter des Jesuitenordens, soll „Gott im Herzen getragen haben"; man erzählte später, nach seinem Tode hätte man auf seinem Herzen das Wort ΘΕΟΣ in griechischen Buchstaben eingegraben gefunden. (Vgl. Max Müller; Vorlesungen über die Sprache. II. S. 528 ff.)

Der heilige Thomas von Aquino († 1274) fragte den Bonaventura († 1271), woher er die Kraft und die Salbung empfangen habe, die er in allen seinen Werken entfaltete. Bonaventura wies auf ein an der Wand seiner Zelle hängendes Kruzifix. „Dieses Bild," sagte er, „diktiert mir alle meine Worte." Auch diesen, doch so leicht verständlichen Ausdruck nahm das Volk wörtlich und bestand, trotz aller Entgegnungen darauf, dass Bonaventura ein sprechendes Kruzifix besäße. (Max Müller, a. a. D. II. S. 568.)

So ergeht es dem Allegorischen. „Was in den Gedanken des Lehrmeisters geistig und wahr ist, wird in dem Munde des Zöglings materiell und falsch" (Max Müller, a. a. D. II. S. 568). Alle Götter verdanken gewissermaßen dem häufigen Irrtum ihren Ursprung, dass man das allegorisch Gesagte als im eigentlichen Sinne des Wortes hingestellt ansieht; wenn nicht grade Tiere zu sprechen brauchen, ist der Übergang vom Allegorischen ins Historische nicht so schwer. Wie unhaltbar jedoch die Grundlagen solcher später als historisch angegebenen Erzählungen sind, welche zugleich als Allegorien dienen, hat Niebuhr, sowie schon vor ihm Voltaire sehr richtig erkannt. Nach diesem sind Festlichkeiten, welche zu Ehren gewisser Begebenheiten gefeiert werden, die einst statt gehabt haben sollen, kein Beweis dafür, dass die Begebenheit wirklich stattgefunden hat, sondern nur dafür, dass geglaubt worden ist, sie hätte einst stattgefunden. Voltaire verwarf schon die Urgeschichte aller Völker als notwendigerweise erfunden. „Les amateurs du merveilleux disaient: il faut bien que ces faits soient vrais, puisque tant de monuments ensontla preuve. Et nous disons: ilfaut bienqu'ils soient faux, puisque le vulgaire les a crus. Une fable a quelque cours dans une génération; elle s'établit dans la seconde; elle devient respectabledans latroisième; la quatrième lui élève destemples." Voltaire. Fragments surl'Histoire, articleI inOcuvres, vol. XXVIII p. 4 f. Die Errichtung eines Denkmals des nie existiert habenden Tell ist 1892 angeregt worden.

Mit vielem Geschick, manchmal allerdings auch ziemlich plump, macht sich oft der Treppenwitz der Weltgeschichte zu einer Zeremonie, einem Gebrauch, welche er vorfindet, das Ereignis selbst zurecht, welches sie verursacht haben soll und manchmal allerdings hätte verursachen können. So lange es sich nur um Heilige und Nymphen, 'mit Glocken läutende Statuen oder merkwürdig talentvolle Insekten und Meertiere handelt, werden solche kleinen Dummheiten, Vergesslichkeiten und Schwärmereien des Menschengeistes dem Historiker weiter keinen Schaden zufügen. Man nehme aber einmal an, die Auslegung des dunkel gewordenen Wortes, oder Zeichens, oder der missverstandenen Stelle wäre eine möglichere, sowie die richtige Bedeutung desselben nicht mehr sicher nachzuweisen und eine Quelle zahlreicher Irrtümer liegt vor uns. Die ungeschickten Treppenwitze der Geschichte verschwinden leicht wieder nach dem Prinzip der natürlichen Auswahl oder bleiben wenigstens unbeachtet stehen; wenn sie aber mit Geschmack und Geschick erfunden sind, wenn sie wirklich, falls wahr, charakteristisch wären, –– wenn es schade wäre, falls sie nicht wahr wären, dann erhalten sie sich, –– zäh wie ein Provinzial-Dialekt und werden Jahrhunderte lang geglaubt.

Aus der Erklärung beliebter Volksfeste sind z. B. auch zwei Erzählungen des Alten Testaments hervorgegangen, erstens die von Jephthahs Tochter, die dem Vater nach dessen Siege tanzend entgegenkommt und deshalb sterben muss, weil er vorher gelobt das erste, was ihm aus seinem Hause entgegenkäme, zu opfern (Buch der Richter, Kap. 11).

 

„Und ward eine Gewohnheit in Israel, dass die Töchter Israels jährlich hingehen, zu klagen die Tochter Jephthahs, des Gileaditers, des Jahrs vier Tage".

 

Nach Martin Schulze, Handbuch der hebräischen Mythologie, 2. Aufl., 1882, S. 96 (das jedoch mit großer Vorsicht zu benutzen ist), war dieses Fest ein Erntefest, die Tochter also der Getreidehalm. Weiter wissen wir auch nichts über die „Schattengestalt" Jephthas; (Bleek, Einleitung (ins Alte Testament, 4. Aufl., Berlin 1878). Das andere Fest ist das Purim, vielleicht auch ursprünglich ein Jahreszeitenfest, an welches man später die Feier der Erlösung aus persischer Oberherrschaft knüpfte; zu seiner Erklärung ist nachträglich die ziemlich widerliche und zum Teil alberne Geschichte von der Königin Esther ersonnen worden.

Es wäre jedoch ein Irrtum anzunehmen, dass die Sage aufhörte zu entstehen, wenn die Möglichkeit einer protokollartigen Geschichtsschreibung sie nicht mehr nötig macht. Heinrich von Sybel tadelt:

 

,,die Verkehrtheit der noch immer weit verbreiteten Vorstellung, die Sage sei nur eine unvollkommene Geschichte; sie entstehe, wo man noch nicht ordentliche Geschichte zu schreiben gelernt habe, und verschwinde, sobald diese Fertigkeit erreicht sei. Sie ist vielmehr ganz eigentümlichen Wesens und hat feste, positive Voraussetzungen, unter deren Einfluss sie auf allen Bildungsstufen, im 12. wie im 19. Jahrhundert zutage tritt. Ihre Gebilde erscheinen unfehlbar, sobald die Phantasie der Massen eine starke Anregung erhält; die leitenden Vorstellungen verkörpern sich dann in plastischen Dichtungen, man erzählt, dies und jenes sei geschehen, weil man überzeugt ist, es müsse so geschehen sein". (H. v. Sybel, Geschichte des ersten Kreuzzuges, 2. Aufl., Leipzig 1881, S. 95.)

 

Wie wenig überhaupt auf alle bloß mündliche Tradition zu geben ist, kann man daraus sehen, wie gering oder wie verwirrt das gewesen ist, was in neuerer Zeit unzivilisierte Völker von den Ereignissen behalten haben, die wir zufällig kontrollieren können:

 

„Im Jahre 1770 wussten die Neuseeländer nichts mehr von Tasmans Landung; doch hatte diese 1643, also weniger als 130 Jahre früher stattgefunden und muss für sie ein Ereignis der größtmöglichen Wichtigkeit gewesen sein. Die Eskimos beschrieben dem Mackenzie die Engländer als geflügelte Riesen, die mit einem Blick ihres Auges töten und einen ganzen Biber mit einem Male verschlucken konnten." (Sir John Lubbock, Prehistoric times; 3d edition, London 1872, S. 424 f.)

 

Freilich hat auch das Zeugnis der bei einem Ereignis gegenwärtig Gewesenen immer seine Bedenken; ebenso das anderer Zeitgenossen.

 

„Es ist mehr schematisch als sachgemäß, mit den „Augen- und Ohrenzeugen' die Reihe der Bewährungen geschlossen zu glauben. Nicht ohne weiteres wie analoge Forschungen in der neueren Geschichte, wo eine ungleich schärfere Kontrolle möglich ist, gezeigt haben –– sind die ersten, den Ereignissen selbst nächststehenden Darsteller die zuverlässigsten; unmittelbar mit den Ereignissen bilden sich Auffassungen von denselben, die, immerhin mit dem Vorzuge und dem Reiz der lebendigen Zeitstimmung und der ersten Eindrücke alle die Trübungen verbinden, welche Parteinahme, politische Absichtlichkeit oder Befangenheit, persönliche Beziehungen aller Art willkürlich oder unwillkürlich hineintragen; und je erregter die Zeiten, je größer die Ereignisse, je bestrittener die Entscheidungen sind, um die es sich handelt, desto weniger werden die Mitlebenden, die Mithandelnden von dem, was geschehen ist, wenn der Ausdruckerlaubt, achromatische Sehbilder zu geben imstande sein; erst allmählich wird die Beruhigung der Gemüter, die Klärung der Meinung, die größere Weite der Auffassungen eintreten, deren es zur sachgemäßen Darlegung des Geschehenen bedarf." (Droysen, Geschichte des Hellenismus II., S. 376).

 

Noch weiter geht Bachofen: die Sage von Tanaquil; eine Untersuchung über den Orientalismus in Rom und Italien; Heidelberg 1870; Vorwort S. L.

 

,,Da es in der Natur des Menschen liegt, dass all' sein Tun auf Erden in schneller Vergänglichkeit vorübereilt, so kann niemals das Ereignis selbst in seinem realen Verlauf Gegenstand unserer Beobachtung bilden. Vielmehr muss, um das Flüchtige zu fixieren, die Tradition in das Mittel treten."

 

Wenn Bachofen jedoch ferner behauptet, dass für die Geschichte der Vergangenheit nie eine reale, aber stets eine geistige Wahrheit erlangt werden könne, so können wir ihm nicht überall folgen, sondern nur mit der Einschränkung, zu welcher die überhaupt in diesem Werke enthaltene Einrede sich zuspitzt. Denn wie bei einer gerichtlichen Untersuchung kommt es der Geschichte auch vor allem auf Feststellung des Tatbestandes an und es muss ihr hauptsächlich darauf ankommen. Alles andere kommt später. Daher ist auch die Enthistorisierung des vermutlich nur Allegorischen ein berechtigter Teil ihrer Tätigkeit, Vorsicht hierbei jedoch stets zu empfehlen. Cortes z. B. könnte die Sonne sein (vergl. Tylor: Primitive Culture, London 1871. Vol. I. p. 288); bei seiner Landung in Mexiko halten die Azteken ihn für ihren Sonnenpriester, der von Osten zurückkehrt, sein Reich des Glanzes und der Herrlichkeit zu erneuern; er verlässt das Weib seiner Jugend, wie die Sonne die Morgenröte; seine Laufbahn ist eine glorreiche Eroberung, von stürmischen Zeiten unterbrochen, sein Untergang ist umwölkt mit Sorge und Ungnade. Noch besser aber lässt sich Julius Caesars Leben als ein Sonnenmythus erklären; seine glänzende Laufbahn, die ihn in allen Ländern, die er betritt, „ankommen, sehen und siegen" lässt, passt sehr gut dazu; ebenso wie er die Cleopatra im Stich lässt, wie er das reine Sonnenjahr ohne Rücksicht auf den Mond als Grundlage des Kalenders einführt, wie ihn Brutus (die rohe Gewalt) ermordet, ähnlich wie Hagen den Siegfried (auch eine Personifikation der Sonne), wie er schließlich aus vielen Wunden blutend und sich in seinen Mantel hüllend hinsinkt, im Dunkeln zu sterben. Selbst Napoleons I. Laufbahn hat man scherzhafterweisein einem lusus ingenii als Sonnenmythus zu deuten versucht in einem kleinen, 32 Seiten langen Werkchen, welches nach einer Notiz in der Preußischen Staatszeitung von 1840 Nr. 19 ein gewisser Pérès († 4. Jan. 1840) verfasst hat. Die zweite Auflage erschien davon in Berlin bei Gustav Crank, 1837 mit dem Titel: „Beweis, dass Napoleon nie existiert hat. Großes Erratum. Aus dem Französischen nach der zweiten Ausgabe überseht" (hat mir vorgelegen). Der Inhalt ist kurz folgender: Napoleons Name schon erinnert an Apollon, was Zerstörer bedeutet; er wird wie Apollon auf einer Insel geboren. Die Mutter Apollos ist Leto, Napoleons Mutter ist Laetitia, die Fröhlichkeit, d. i. die Morgenröte, welche über alles ihren rosigen Schimmer ausbreitet; er hatte drei Schwestern, das sind die drei Grazien und vier Brüder, das sind die vier Jahreszeiten; darunter drei gekrönte, das sind Frühling, Sommer und Herbst und einen ungekrönten, schmollenden, Lucian den Winter. Den drei freundlichen Jahreszeiten entspricht aber die Trikolore, welche, nachdem aus Norden kommende Scharen sie fortgeschafft, durch die weiße Fahne der Bourbonen, das Symbol des winterlichen Schnees erseht wird. Napoleon hatte zwei Frauen, den Mond und die Erde; nur von dieser hat er einen Sohn, geboren am 20. März. –– Napoleon hat der Hydra der Revolution ein Ende gemacht, wie Apollon den Python tötet, d. h. die Sonne vollendet die Umwälzung um den ganzen Himmel; seine zwölfjährige Regierung bedeutet die zwölf (?) Stunden des Tages, der Zug nach Moskau das Emporklimmen der Sonne zur Mittagshöhe, nach welcher sie ihre Kraft verliert, um schließlich im westlichen Ozean zu verschwinden. Der tägliche und der jährliche Umlauf sind, wie man sieht, nicht streng auseinander gehalten. –– Es existiert auch ein englisches Werk: Historic doubtsrelative toNapoleon Buonaparte; London 1819, anonym, aber später von Erzbischof Whately anerkannt; wieder abgedruckt in Morleys Universal Library, Band 43; Famous Pamphlets, London 1800. Seite 251-290. Es enthält keine Zurückführung auf einen Sonnenmythus, sondern eine ironische, aber advokatenhaft geschickte Darlegung der Unwahrscheinlichkeit des über Napoleon berichteten auch ein unterhaltendes „Spiel des Geistes".

 

„I've stood uponAchilles' tomb

„And heardTroy doubted; time will doubt of Rome."

(Byron. Don Juan, Canto IV. 101.)

 

Die Ursache, warum man den Lebenslauf gewaltiger Menschen so leicht als Sonnenmythus deuten kann, liegt tiefer sie haben alle etwas Sonnenhaftes —, Fernhintreffendes und zwischen der Sonne und einem kraftvollen Herzen, welches das wesentlichste Erfordernis zu einem gewaltigen Menschen ist, gibt es eine verlockende Spiegelung, welche jeden anmutet, der sie aufmerksamerweisebetrachtet. „Die Sonne ist das Herz des Universums", heißt es in des Theon von Smyrna Liber de Astronomia, Ausgabe durch H. Martin 1849, S. 182 und 298 und „das Herz ist die Sonne im Mikrokosmos“ bei Paracelsus (Straßburger Ausgabe seiner Schriften 1603, Band 1, S. 334; zitiert von Schopenhauer: über den Willen in der Natur, 3. Aufl., S. 118.) –– Der Gewaltige „duldet kein Weißes"; wer ihm nahekommt, muss „Farbe bekennen". Ja der Normalmensch kann sich dem gewaltigen nicht nähern ohne geblendet, d. i. für den Augenblick linkisch und nicht Herr seiner selbst", –– vielleicht sogar wie ein Komet durch Jupiter dauernd aus seiner Bahn geworfen zu werden. Von solchen in sie hineinstürzenden Meteorsteinschwärmen nähren sich nach einigen die Sonnen. (Vergl. Dr. Jul. Rob. Mayer, Arzt zu Heilbronn [25. Nov. 1814 20. März 1878]; in seinen „Beiträgen zur Dynamik des Himmels", Heilbronn 1848, S. 12.)

 

,,Große Menschen werden immer Egoisten heißen. Ihr Ich verschlingt alle anderen Individualitäten, die ihm nahekommen, und diese halten nun das Natürliche und Unvermeidliche, das einfach aus dem Kraftverhältnis hervorgeht, für Absicht." Herwegh.

 

Ferner wäre Vorsicht zu empfehlen beim Verwerfen von scheinbaren Wundern, z. B. der Blitze, mit welchen Apollon seinen Tempel in Delphi gegen die anstürmenden Perser verteidigte (Herodot VIII. 36 f., Diodor XI. 14); denn neuere Untersuchungen haben es sehr wahrscheinlich gemacht, dass den dortigen Priestern die Aufsaugung der Elektrizität der Luft durch metallene Spitzen bekannt war. Vergl. Schweigger, Über die älteste Physik und den Ursprung des Heidentums 2c. in Schweiggers Journal XXXIII;

Über die elektrische Erscheinung, welche die Alten mit dem Namen Kastor und Pollux bezeichneten; ebenda XXXVII; sowie besonders dessen Werk: „Einleitung in die Mythologie auf dem Standpunkt der Naturwissenschaft“; Halle 1836; es mag dahin gestellt bleiben, ob diese Schrift nicht in einigen Punkten zu weit geht, allein die Ansicht, die alten Priester hätten viele Gesetze der Elektrizität und des Magnetismus z. B. die von den positiven und negativen Polen schon gekannt, aber diese Kenntnis nur nicht, wie wir, in abstrakten Formeln sondern in bildlichen Darstellungen festzuhalten versucht, ist in sehr interessanter Weise durchgeführt.