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Grimmsche Märchen, neu, ungewöhnlich & modern aufbereitet, ziemlich respektlos zubereitet, das sind die Zutaten für eine literarische Cross-Over-Küche der schrägeren Art. Auch der bereits 9te Teil des satirischen Rundumschlags garantiert vergnüglichen Lesespaß.
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Seitenzahl: 41
Veröffentlichungsjahr: 2024
Eine Geschichte die man kaum glauben kann, typisch Grimm eben. Märchenhaft. Und doch: Neureiche Eltern. Goldene Kinder. WhatsApp. Alexa. Facebook. Instagram. Follower. Herzige Katzenvideos. Die Lochis? Das klingt alles irgendwie plausibel. Sehr heutig. Alles ohne Produktplazierungen; sämtliche Namen sind so unmöglich wie die Gehaltsstufe B26. Doch was hat all das mit einer angeblichen diffus inneren Emotion auf sich? Aber lesen sie selbst.
Es war ein armer Mann und eine arme Frau, die hatten nichts als einen gemeinsamen Schlafsack vor der Kleiderbauerfiliale und sie nährten sich vom Zwanzgerverkauf vor Billa plus, und es ging bei ihnen also von der Hand zum Mund. Es geschah aber, als der Mann eines Tages beim Wasserlassen in der Shoppingmall stand & dabei sein Netz in den Jahreszeitenbrunnen einer bekannten lokalen Künstlerin auswarf, dass er einen dicken Fisch, namentlich Alexa, herauszog, der ganz golden war. Und als er das goldene Doserl voll Verwunderung betrachtete, hub dieses an zu reden und sprach: „Ich bin Alexa. Hör gut zu, du Hobbyfischer, schmeißt du mich wieder zurück ins Wasser, so mach ich deinen Schlafsack zu einer prächtigen Villa. In, sagen wir Aurach. Nette Gegend. Nette Leute. Dicke Bankkonten. Wäre dir das recht? Ja, logisch wäre es das, denn ich weiß alles über dich & ich kann alles.“ Da antwortete der Zwanzgerverkäufer: „Was hilft mir eine Villa in Aurach, wenn ich nichts zu beißen habe?“ Sprach die Goldalexa weiter: „Auch dafür soll gesorgt sein, es wird ein digitaler Kühlschrank in der Villa sein, der bestellt alles selber & ist zudem über Bluetooth direkt mit Lieferando verbunden. Kannst du aber jederzeit auf Mjam-at umbuchen. Oder auf Stopf dich voll. Schmeckt alles gleich beschissen. Wenn du den Kühlschrank also aufschließest, so stehen Schüsseln darin mit den schönsten Speisen, soviel du dir wünschest. Kebab & alles.“ „Wenn das so ist“, sprach der Mann, „so kann ich dir wohl den Gefallen tun.“ „Ja“, hauchte Alexa membranös, „es ist aber die Bedingung dabei, dass du keinem Menschen auf der Welt, wer es auch immer sein mag, sagst, woher dein Glück gekommen ist; sprichst du nur ein einziges Wort, so ist alles vorbei.“Nun warf der Mann die wunderbare Alexa wieder ins Wasser und ging heim. Zum Glück hatte Alexa einen super Spritzschutz! Und so gluckerte sie wieder fröhlich im Shoppingcenterbrunnen vor sich hin. Ganz auf Prime. Wo aber jetzt der Schlafsack des Mannes & seiner Frau gelegen war, also zwischen Post & Billa plus beim Kleiderbauer, da pulsierte jetzt ein beachtliches Dimensionstor bläulich vor sich hin. Unverzüglich trat er mit seiner Frau hindurch, & schwupp, waren die beiden in Aurauch mitten in ihrer Villa. 600 Quadratmeter mit Doppelpool & Triplegarage. Da machte er ein paar Augen, trat von einem Fuß auf den anderen und sah seine Frau, mit einem goldenen Bikini herausgeputzt, in der prächtigen Zirbenstube sitzen. Sie war ganz vergnügt und sprach: „Mann, wie ist das jetzt auf einmal gegangen? Das gefällt mir wohl. Deine Badehose ist auch nicht schlecht.“ „Ja“, sagte der Mann, „gefällt mir auch. Golden. Super maskuline Front. Aber es hungert mich erst einmal ganz gewaltig an, gib mir erst was zu essen.“ Sprach die Frau: „Ich habe noch nichts eingekauft und weiß in dem neuen Haus nichts zu finden. Ich meine, 600 Quadratmeter, da suchst du schon eine Weile!“ „Das hat keine Not“, sagte der Mann, „dort sehe ich einen großen Schrank, der macht mir einen digitalen Eindruck. Den schließ einmal auf.“ Und wie sie den Schrank aufschloss, stand da Kuchen, Fleisch, Obst, Käse, Wein, und lachte einen ordentlich an. Da rief die Frau voll Freude: „Herz, was begehrst du nun?“, und sie setzten sich an den edlen Mahagonitisch, aßen und tranken zusammen nur vom Besten. Wie sie satt waren, fragte die Frau: „Aber, Mann, wo kommt all dieser Reichtum her?“ „Ach“, antwortete er, „frage mich nicht darum, alles ist möglich. Ich darf dirs nicht sagen, denn wenn ichs jemand sage, dann ist nix fix & unser Glück wieder dahin.“ „Gut“, sprach sie, „wenn ichs nicht wissen soll, so begehr ichs auch nicht zu wissen.“ Das war aber ihr Ernst nicht, mehr ihr Jürgen, & es ließ ihr keine Ruhe Tag und Nacht, und sie quälte und stachelte den Mann so lang, bis er in der Ungeduld heraussagte, es käme alles von einer wunderbaren goldenen Dose die alles wüsste & könnte, die er gefangen und dafür wieder in Freiheit gelassen hätte. Und wies heraus war, da verpuffte die Aurach-Hütte im digitalen Immobilienspace der Wohnungszuhälter, und sie saßen wieder auf dem alten Schlafsack zwischen Post & Billa plus.
