Unter den Bäumen des Himmels - Ludwig Wolf - E-Book

Unter den Bäumen des Himmels E-Book

Ludwig Wolf

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Beschreibung

Nachnamen spielen in einer Welt, in der alles & jeder austauschbar geworden ist, keine große Rolle mehr. Deshalb wird der Held dieser Geschichte auch nur schlicht Josef genannt. Die allgemeine Krise, die auch seine Eigene immer stärker heraufbeschwört; das diffuse wie bestimmt beängstigende Wissen darüber, dass bald alles zusammenbrechen wird, lassen den 50jährigen zu einer allerletzten Reise aufbrechen: Weltflucht als Weltreise; auf der ewigen Suche nach dem Paradies. Ohne Job, geschieden & kontaktlos zu seinen Kindern, der Freundeskreis immer mehr ausgedünnt, scheinen für Josef das Einzige was sich noch beständig & verlässlich vermehrt, seine gesundheitlichen Probleme zu sein. Also hinreichend Gründe um der Sonne entgegen zu fahren. In Thailand fühlt sich Josef im vermeintlichen Paradies angekommen. Die Natur über wie unter Wasser ist atemberaubend, die Menschen freundlich, & unerwartet triff er dort auf die Liebe seines Lebens. Kann sie ihn noch von seinem unseligen Entschluss abbringen?

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Seitenzahl: 510

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ludwig Wolf

Unter den Bäumen des Himmels

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

AUSTRALIEN

1. HEIMAT; die, quasi

2. Freizeit ist Freiheit?

3. Einkehr

4. Spazierwegende

5. WIEN; die Hauptstadt, in echt

6. THAILAND; Traum, der

7. Koh Pah Ngan

8. Hat Rin

9. Zu sich kommen

10. Erste Monster

11. Koh Tao

12. Neuer Boden unter den Füßen

13. Mangobay

14. Dive it!

15. Freunde?

16. Dive on. And on, and on, and on…

17. Souvenirsuche

18. KRABI; and the seven wonders of

19. Tonsai

20. Nicht nur dentale Beeinträchtigungen

21. Der Forscher

22. Ein zähnerner Alptraum und zwei besondere Tauchgänge

23. Schrecken

24. Transzendenz

25. Pranang und jede Menge Phalli

26. Zwischensaison im Regen

27. Unwägbarkeiten; nicht nur politische

28. Neue Saison

29. Hinterland

30. Misstöne mit Aufhellungen

31. Paradise Loft

32. KREISLÄUFE

33. No sugar added

34. Beziehungsweise

35. Abschied

36. Game over

Der Autor

Impressum neobooks

AUSTRALIEN

Die Utopie

Mit Macht flog der V8 in das rote Herz hinein. Schwarz. Zeitgleich glitt er aber auch über den Untergrund. Einer Fata Morgana gleich surfte er leicht auf dem flimmernden Hitzefilm der Straße deren Asphalt hier gerade noch nicht schmolz aber schon sehr nahe dran war, weichgebraten und heiß. Die in schwarzes Leder gehüllte Gestalt am Dach breitete die Arme aus, eine dunkle Lichtgestalt, ein Engel der selbstzweckhaft in sein eigenes Nirvana zu segeln im Begriff war, im Vollvisierhelm das hartfarbige Panorama des Outbacks spiegelnd, hinter sich den roten Staubmantel der Verwischung aller Lebenslinien nach sich ziehend.

(Eindruck im australischen Pavillon, Shaun Gladwell, Biennale 2009, Giardini, Venedig.)

1. HEIMAT; die, quasi

Und Arbeit; auf dem Weg zur

Das Blut spritzte in einer erschreckend geraden Linie an die frischweisse Wand neben ihm, um dort einen ebenso erschreckend geraden roten Strich zu ziehen, von oben nach unten wegen des am Anfang höchsten Pressdrucks, der dann schnell linder wurde, um dann, als das zweite Rad über den Kopf des Tieres fuhr, noch einen letzten Spritzer im rechten Winkel an das untere Ende der Linie zu setzen, sehr präzise auch, sehr geometrisch, sehr gerade eben. Der nachfliegende Augapfel, mit einem leisen Ploppen leicht aus der Höhle gelöst, klatschte in genau der Weise an die Wand, die ihn genau die ausreichende Weile am Rauhputz haften ließ, die es dem Betrachter gestattete, geistreiche Schnellschüsse abzufeuern wie „ex und hopp“ und „warum hier?“ und „warum jetzt?“ und „warum gerade du?“ und „wann ist es bei mir soweit?“, und dergleichen abendländische Sinnlosigkeiten mehr. Optisch sprach das Bild in sehr elementarer Sprache ein einfaches „Abgehakt“ aus. Erledigt. Bevor sich die Unausweichlichkeit der Schwerkraft an der Gallerte zu schaffen machte und sie unweigerlich zu Boden zog, was genau jenes Geräusch produzierte, welches gemeinhin zu Boden fallende Augäpfel zu verursachen pflegen. Ähnlich dem von halbfaulen tatsächlichen Äpfeln beim Fall von ihrem Ast. Gefolgt von jenem zweiten, ebenfalls typischen Geräusch, das eine weiche runde Masse von sich gab, bevor sie ihre absolute Mitte fand und endgültig zur Ruhe kam. Eine Art von nach innen gesaugtem Schmatzen.

Abgehakt, erledigt, schien auf jeden Fall das Leben jener dreifarbigen Glückskatze zu sein, deren deformierter Schädel, von hinten her überfahren und wirklich sauber plattgewalzt, die Kiefer unnatürlich weit und gespreizt und vollkommen intakt, schief röchelnd von sich nach vorn wie ein paar nutzloser Flügel von sich drückte. Inmitten des musigen Breies bildete das atmende Wesen rötliche Schaumbläschen; dort wo die abgerissene Luftröhre aus dem organischen Elend ragte.

Um diese frühe Tageszeit, noch bar jeden kontrollierbaren Gedankens und also blank wie ein frisch ausgepackter CD-Rohling, hatte das Geschehen doch eine stimulierende Wirkung die weit über jene der zwei Tassen Kaffee hinausging, die er sich morgens verabreichen musste, um überhaupt aus dem Haus und in die Arbeit zu kommen. Oder überhaupt irgendwohin. Wie er es schaffte vorher aus dem Bett und zur Kaffeemaschine zu kommen, diese auch noch zu bedienen, ein ungelöstes Rätsel, selbst für ihn selbst. Im Moment jedenfalls, lediglich auf den Kollegen wartend, der ihn zur Arbeit mitnahm, sich leicht darüber wundernd, dass nichts von der ganzen Blutsoße auf ihm gelandet war, war glasklar, was zuerst zu tun war. Ohne zu zögern trat er dem Tier das heraushängende Gehirn aus, nahm beruhigt wahr, dass der Körper sein blasebalgartiges Dasein beendete und endlich still liegen blieb. Erlöst. Was man von jenem, trotz bereits fortgeschrittenen Alters von siebenundzwanzig Jahren, immer noch Halbstarken, der das Tier mit seinem lächerlichen Schwanzersatz samt Rennstreifen und Breitreifen ins Jenseits befördert hatte, nicht gerade behaupten konnte. Dieses Mitglied der neuen, noch schlimmeren Softiegeneration als es die alte Generation war, die Mitglieder, die ständig eine dicke Lippe riskierten und mit solch großer Freude unverändert seit Säuglingszeiten an Mutters Rockzipfel hingen wie es die Zecken an wolligen Schafwänsten tun, wie sie ihr faunbäuchiges Dasein in einem Fort voll und voller saugten, es maßlos aufblähten, was eigentlich der Hauptgrund dafür war, dass diese feigen Milchbubis nie eine Frau lange genug im Bett halten konnten. Solange, dass die Frau ihnen wirklich einmal das Bewusstsein bis zum Urgrund löschen konnte. Bis zu jenem Zustand, nach dem man den eigenen Schwanz nur als dumb gefühllose Schwere und seine Eier als schmerzendes Zwillingspaar erfuhr. Dafür bot Pension Mammi Speis und Trank, gratis Unterhosenwaschen und unbegrenzten Kredit, sollte mal das neueste Handy oder Ähnliches dringend benötigt werden. Doofe Dödel bekamen nur halbsteifen Sex. Gottseidank. Das Leben wäre sonst wirklich ungerecht.

Josef war erstaunt, dass er zu solch unduldsamer Intoleranz neigte, zu genussvoll ausgekosteter Rachsucht. Wie ein unverdorbenes Kindergartenkind.

„Sohn, was soll ich dir denn morgen kochen wenn du von der Arbeit nach Hause kommst? Pikant oder eher Süß? Ein hübsch krosses Schnitzerl oder goldgelb gebackene Apfelradeln? Ich mach dir was du dir wünscht. Unser Alter frisst eh alles was ich ihm vorsetze, gell Schatzi?“

Ja, Josef konnte sich die Bilder sogar noch plumper ausmalen, genoß es sehr. So lief das wirklich mit diesen Jungs, ja, das tat es. Josef war überzeugt davon. Und diese verwöhnten Schlappschwänze, die eh keiner ernst nahm, die hatten keine Ahnung warum ihre Freundin nur mit halber Kraft oder gar mit null Knoten lief, wenn sie endlich abgefüllt nach Hause kamen. Geil ficken auch noch nachdem Mutti eh schon das beste Programm war? Da kriegt der Junge doch besser ein leidlich kühles Bier kredenzt und die Bundesliga dazu. Den geilen Sex holt sich die Freundin am nächsten Tag beim Fitnesslehrer ab. Mit Sixpack fährt Frau viel besser als mit Bierbauch. Da konnte einfach in tiefere Regionen vorgestoßen werden als mit Muttis Verzärteltem. Der konnte derweil ja zuhause in der Garage die Breitreifen wuchten oder irgendwelche steilen Alufelgen aufziehen. Ja, als Freundin übte man da besser an den vielen Geräten im Studio, die hatten erotisches Potential, die trieben Schweiß und shapeten Bodies, und der fachkundige Bizepstrainer bot frei Haus die geilsten Gelegenheiten dazu. Herrlich! Josef fühlte sich wunderbar bei diesem geistigen Rachefeldzug, gleichsam von seiner eigenen, unausgesprochenen Niveaulosigkeit reich getröstet.

Wie dem auch sei; - darüber hinaus brachte der ganze abgeschmackte Psychoschas der toten Katze genauso wenig wie ihm, denn glücklich ist, wer vergisst, auch dass das Leben eine immerwährende verdammte Wiederholung ist. Ein Kugerl, das rollt und rollt in einem fort, und sich so immer wieder selbst begegnet. Und Josef sich verdammt noch mal schon wieder fragte, was heute neuerlich verdammt schon wieder los war. Gedanklich wurde die negative Schiene wieder voll ausgefahren, trotz zwischenzeitlichem Trostes war sie unvermeidlich eingerastet, der Tag voll im Arsch. Dabei war der Kollege noch gar nicht da, der Betrieb noch nicht erreicht, der Arbeitstag noch nicht einmal angebrochen. Aber immerhin war das Frühstück schon vorbei, konnte als durchaus positiv erledigt bezeichnet werden. Es begann zu regnen, und er bemühte sich, nichts mehr zu denken. Keine Allgemeinplätze mehr. Kurz. Josef hatte keinen Schirm dabei. Wenn er einen dabei hätte, würd´s aber auch nicht regnen. Das war immer so. Die Frage war was besser war. Umsonst einen Schirm herumzutragen, oder in echt nass zu werden. Er ging zur anderen Straßenseite, um das dortige kurze Vordach zu nutzen.

Der silberne Chrysler Rickis brauste um die Kurve, der rechte Hinterreifen legte sich limousinengerecht satt, aber unauffälligen Geräuschs nochmals auf, und somit über, den geschundenen Katzenleib. Das gab noch so ein Gänsehautgeräusch wie es von der Vorstellung existiert wenn ein Frosch überfahren wird. Ein fetter Frosch.

„Mogn.“

„Mogn.“

„Gemmas wieda oo?“

„Scheiss Weda.“

„Jo.“

„Eh nomal.“

„Is wenigstens nit um die Zeit schod.“

„Eh nit.“

„Jo, eh.“

„Is jo´s gonze Munat scho so gschissn.“

„Jo.“ (1)

(Hier sei dem geneigten Leser angemerkt; - soviel Schmarrn kann nun wirklich nur ein echter Tiroler daherreden. Oder zwei. Da wird´s noch mehr. An traditioneller Süßspeise. Da er, oder die, das aber wirklich tut, wirklich tun, oder tun muß, tun müssen, muß es aus realistischen Gründen hier auch eins zu eins wieder gegeben werden. Entschuldigung. Aber da müssen wir gemeinsam durch. Ein gemeinsamer Nenner von Produzent und Konsument. Hoffentlich nicht der letzte in dieser Geschichte. Übersetzung siehe jeweils Fußnote. Auch im weiteren Verlauf. Grosses Danke für Ihr Verständnis!)

Der Chrysler fuhr unaufgeregt an, zog geräuschlos an und brauste los. Das hatte schon was. Kostete aber zuviel dafür. An sich wäre das ein Gesprächsthema gewesen, da es Josef aber im Grunde überhaupt nicht interessierte, wurde eine Zeitlang geschwiegen, was unter Männern durchaus funktionieren konnte, ohne dass deswegen einer gleich furchtbar nervös wurde.

Der Arbeitstag verlief bis zum Mittag exact genau so wie der vorige. Ein bisschen Ware übernehmen, kurz den Lehrling illegal mit der Stapelgabel in die Höhe fahren, weil ein partout benötigtes Transparent natürlich ganz hinten oben lagerte. Das Schleifmittelregal nachteilen, die Aktionspreise nach dem neuen Flyer ausbessern. Ein paar Schrauben verkaufen. Eine Bestellung für Hannes machen. Mit der Filiale telefonieren, ob sie noch eins von den Trampolinen aus der Werbung hätten. Hatten sie nicht. Mit dem Kunden telefonieren. Die schlechte Nachricht weitergeben. Die Preise im Kleineisensortiment neu ausdrucken und der Etikettenschlange zusehen, wie sie immer länger wurde, sich über den halben Boden der Info verteilte. Madeleine rollte einmal mit ihrem Bürostuhl darüber. Nachdem sie ihn erschreckt ansah, befand Josef, dass die paar leicht geknickten Etiketten so gerade noch ihren Zweck erfüllten. Die Halbwertszeit von diesen Dingern betrug ohnehin nicht viel mehr als ein halbes Jahr. Nichts passiert also. Madeleine war erleichtert.

„Magst ein Zuckerl?“

„Hat mir der Arzt verboten. Ist schlecht für meinen Magen. Ich darf nur mehr Weizenbier trinken.“

„Echt?“

Ihre Naivität war unschlagbar.

„Ja. Aber nur im Winter.“

„So ein Blödsinn.“

„Ja, sicher.“

Sogar die Frage von Hannes - „Gehst du um zwölf oder lieber um eins Mittag?“ war die gleiche wie jeden Tag. Hannes meinte damit, dass er um zwölf mit den anderen in die Pizzeria wollte und Josef deshalb für ihn den Mittag übernehmen sollte. Josef war das recht, weil er ohnehin gern allein Pause machte. Da konnte er immer etwas lesen, und außerdem wirkte der Nachmittag erheblich kürzer, wenn die Mittagspause erst um vierzehn Uhr endete. Es war nicht viel los in dem Laden, und die Zeit bis achtzehn Uhr zog sich so zäher dahin als ein alter Kaugummi auf sommerheißem Asphalt. Wenn erst einmal alles nachgeteilt, geradegerückt und abgestaubt war, herrschte tote Hose.

Als Hannes um eins vom erfolgreichen Pizzaeinsatz zurückkam, änderte sich die Struktur des Tages erheblich.

„Der Avanzotti will dich nach deiner Mittagspause sehen.“

Zotti war der Geschäftsführer der Firma. Ein sympathischer Typ, der Josef auch eingestellt hatte. Wahrscheinlich ging es um einen neuen Bereich, den er noch dazu übernehmen sollte. Erst vor einem Monat hatte er die Verantwortung für die Befestigungsabteilung bekommen.

„Okay. Ich geh dann jetzt.“

Josef verbrachte die Mittagspause mit einem Käsebrot, einem Hefeweizen in der Dose, zwei Enten, mehreren Fischen und fünfzehn Seiten eines unsäglichen Schundromans auf einer grünen Bank neben einem sehr langsam und deshalb geräuschlos fließenden Bach. Die Qualität solcher Trashliteratur aus den siebziger Jahren bestand größtenteils aus ihrer unverblümt naiven Direktheit, und aus ihrer unbedarften politischen Inkorrektheit. Herrlich! Was an großer Klasse daraus entstehen konnte, hat Quentin Tarantino mit Pulp Fiction wunderbar vorgeführt. In diesem Fall war das Heft ein Vampir Gruselroman. Es trug die Nummer fünfundvierzig und den Titel „Die Blut GmbH“. Die pralle Story des Hefts ließ Josef gutgelaunt an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Bester Dinge ging er zu Avanzotti ins Büro.

„Aufgrund der Geschäftsentwicklung, die für uns nicht erwartungsgemäß verläuft, müssen wir uns leider wieder von Ihnen trennen. Das hat nichts mit Ihnen persönlich oder mit Ihrer Leistung zu tun.“

Diese unerwartet schlechte Nachricht ließ Josef sprachlos im Sessel hocken, die weiteren entschuldigenden Ausführungen Avanzottis registrierte er kaum noch. Nutzten einem sowieso nichts. Warum lief nichts mehr bei ihm? Was sollte er tun, wenn es eh nicht an ihm lag? Konnte es dann nicht auch wenigstens ein anderer für ihn schlucken? Am besten der, an dem es lag? Gut, wenigstens war das hier eine korrekte Sache. Nicht zu vergleichen mit den Reibachs, denen er zuvor auf den süßen Leim gegangen war. Wie ein bescheuerter Vogel auf den geleimten Ast. Als braver Mitarbeiter hatte er am kapitalistisch hinterfotzigen Steckerl gepickt. Immer war alles super gewesen, er Josef, der Beste, beinah schon unentbehrlich gewesen. Dass die Bezahlung nicht adäquat gewesen war, machte ihn nicht misstrauisch, in Österreich war das der Normalfall. In so einem kleinen Land konnte man nur als Millionär reich werden. Die Reibachs hatten diesen Standard schon erreicht, was allein an vier Autos deutlich wurde. Zwei brauchte es anscheinend für die Firma, noch eines für die Frau, obwohl die ohnehin nur in die Firma fuhr, und eines für den Sport. Ferrari Testarossa. Rot. Auch sonst kam nur das beste Bike, der beste Dress, die coolste Sonnenbrille, der allerbeste Radrennschuh wie das ebensolche Laufpatscherl in Frage. Style war alles, die Bräune wurde extra dazukomponiert. Der Werbeaufdruck der eigenen Firma war da nur noch narzisstische Folgelogik. Im Geschäft entblödete sich die Frau nicht, Bohrmaschinen und Schleifscheiben in Ed Hardy Shirts und Sneakers feilzubieten. Wirklich schick. Unvergessliche Bilder, wenn dreckverschmierte Arbeiter in ihren Monturen die schraubende Hardware aus der gepflegten Hand der Chefin entgegennahmen. Sie war eine Lichtgestalt, die jedem Kunden deutlich machte: Du bist nichts, du brauchst mich und nicht umgekehrt ich dich. Ich bin alles, sei froh dass du deine Arbeitsmittel von mir bekommst, sonst wärst du less of job. Es ist schon richtig, dass du mich bezahlen musst und nicht andersrum ich dich. Ich würd´s auch nicht überleben. Du schon. Du musst. Jeden Tag deines beschissenen Daseins musst du es, denn du hast kein Kapital wie ich.

Nach der Weihnachtsfeier hatte Josef zu ahnen begonnen, dass hinter ihrem durchschnittlichen, doch mehr unansehnlichen wie bleichen Aknegesicht, selbstverständlich von getönter Designerbrille geometrisch eingerahmt wie ein sauteurer Mondrian, und von zu dünnen blonden Haaren wie Mia Farrow in Polanskis Hexenzirkel quasi burschikos umhüllt, ein neurotisches Minenfeld lag, das man besser nicht betrat. Die undeutliche Wässrigkeit ihrer graublauen Augen bekam eine dermaßen entsetzt scharfe Wachheit, als er ein Rumpsteak bestellte, und sie stöhnte hörbar in Richtung ihres Mannes, dass man augenblicklich wusste, was sie meinte. „Warum frisst der Scheiß-Lohnempfänger nicht einfach Scheiß-Spaghetti mit Tomatensoße und einem grünen Salat? - Einem kleinen grünen Salat. Weiß denn der Möchtegern nicht, was er uns eh schon das ganze Jahr über kostet? Einfach so? Von Rechts wegen? Steuer, Versicherung, das ganze Pi-Pa-Po in diesem Scheiß-Sozialstaat?“

Dabei hatte Josef das Rumpsteak bestellt, weil es billiger als das Filetsteak war. Und Nudeln konnte er im Restaurant nun mal nicht essen. Denn da konnte er beim Essen nur an die eigenen denken, denn er kochte sie selber weit besser. Al dentiger. Die Soße pfiffiger.

Ihr Mann verriet sich indessen nicht, schwadronierte lieber weiter über seine Ausbildungszeit, wo alle schon schwer unter Druck aber doch irgendwie lustig drauf waren. Einmal hatte sich sogar einer den eigenen Schädel direkt in seinem Büro weggeblasen, weil er dem Druck nicht mehr gewachsen war. Warum er, der Chef, nicht einmal seiner Frau gewachsen war, blieb unerwähnt, schlug ja auch erst ein paar Monate später zu Buche, als Josef auf die gleich hinterfotzige Art vom kapitalistisch klebrigen Süßholzsteckerl gespackt wurde, wie man ihn vorher darauf angepickt hatte. Auf miese Art und mit ebenso miesen Nachwürfen. Das Vorurteil des kleinschwänzigen Sportwagenfahrers erfüllte sich ebenso wie das von der hysterischen Bandbreite, die eine ungefüllte Gebärmutter entwickeln konnte.

„Mach mir bitte die Hündin.“

„Nein! Knie nieder! Ich hole das Halsband.“

Josef sah es jetzt ganz klar. Fruchtlos. Um einige Monate zu spät. Jetzt hockte er schon wieder in einer Kündigungssituation. Aber die war anders gelagert. Eine größere Firma, der Personalchef so auch nur ein Angestellter, der marktkonform agierte. Freundlich agierte. Angeblich agierte. Im Grunde war das alles nur noch beschissener. Da hatte man überhaupt keinen Angriffspunkt mehr, keinen wirklich Schuldigen, nur mehr Watte rundherum. Scheiß-Geld, das man nicht mehr angreifen konnte, das einen zudeckte, erstickte. War das eigentlich noch anständiges Büttenpapier, auf dem sich die grafischen Linien und Schnörkel in diversen Sicherheitsmerkmalen darboten? Seit es diese Währung aus Toren und Brücken gab wurde man den Eindruck nicht los, dass das nur eine schrottige Übergangslösung war. Eine Abzocke zwischendurch, bis zum nächsten Schritt, zur digital kontrollierten Kapitalabsaugung. Von Geburt an am Tropf der Gönner hängen, per Fingerprint verhaftet zur lebenslangen Rückzahlung der ungewollten Fütterung. Bis man die Schlapfen an den Überboden spackte, die Kosten der letzten Kiste auch noch an die Gönner überwiesen wurden. Von der nächsten Generation. No way out. Hope I gonna die, before I get old.

Josef sagte: „Das ist sehr schade. Sollten sich die Dinge wieder besser entwickeln, dann denken Sie bitte an mich.“

Es war erstaunlich, wie viele Gedanken einem in einer so kurzen Zeit der Redepause durch den Kopf schießen konnten.

Avanzotti nickte.

Und Josef verließ das Büro.

(1)

„Guten Morgen.“

„Guten Morgen.“

„Gehen wir es wieder einmal an?“

„Scheiss Wetter.“

„Ja.“

„Ist normal.“

„So ist es wenigstens nicht um die Zeit schade.“

„Das nicht.“

„Ja, klar.“

„Ist ja schon das ganze Monat schon so beschissen.“

„Ja.“

2. Freizeit ist Freiheit?

Spüren

Der Lawinenstrich war bretthart. Der harte Harsch in sich verschmolzener Eis- und Schneekristalle bot überhaupt keinen Halt, das Gelände war ein einziger Abgrund, hunderte Meter tief, ein Gefälle dessen Prozentwert man sich gar nicht vorstellen mochte. Er zog den bereits gesetzten Fuß vorsichtig wieder zurück, schaute nach oben. Dort sah es etwas besser aus. Er kletterte ein Stück weit nach oben um festzustellen, dass es hier gleich eisig war, er also höchstens noch tiefer fiel, wenn er ausrutschen sollte. Und das würde er ohne Zweifel. Es war verdammt gefährlich. Kein Eispickel dabei, die Sohlen der Bergschuhe von den niederen Temperaturen hart und so glatt wie Plastik. Er überlegte, ob es Sinn machte, das Taschenmesser aufzuklappen, um es notfalls ins Eis stechen zu können, verwarf die Idee aber wieder. Er erinnerte sich, das schon einmal im Bruchharsch gemacht zu haben. Es hatte damals zwar funktioniert, um ein Haar wäre die Klinge aber umgeklappt und hätte ihm die Finger gekappt. Leicht vorzustellen war, was passieren würde, wenn die Klinge im Absturztempo an den Gelenken einklappte. Schließlich war sie gut geschärft. Die Fingerglieder würden munter nach unten hüpfen, und er, Josef, gleich munter hinterher rutschen. Es mochte zwar recht lustig aussehen, wenn frisch abgeschnittene Fingerglieder fröhlich über den glitzernden Bruchharsch hüpften und ihr Eigner fruchtlos fuchtelnd hinterherrodelte; - für allfällige Zuseher und; - allenfalls. Für Josef selbst war der Bedarf an solch zweifelhafter Survivalchirurgie eindeutig nicht gegeben.

Etwas weiter unterhalb waren ein Grasbüschel und ein einzelner Stein im Eis auszumachen. Der war sicher so angefroren, dass er hielt. Musste es sein. Vorsichtig, fast liegend brachte er den rechten Fuß zum Grasbüschel, um in leichter Grätsche draufzukommen, dass er auf diese Weise den linken Fuß nicht nachsetzen konnte. Shit! Das Ganze wurde immer mehr zu einem seidenen Faden, an dem er zwischen Himmel und Erde hing. Wenn er an dem Faden nach unten zur Erde hin abstürzte, würde ihn derselbe Faden anschließend unverzüglich himmelwärts befördern. Flott himmelwärts befördern. Ins Blau schießen. Auf Nimmerwiedersehen. Ein JoJo ohne Effekt quasi, aber einer mit One Way Ticket. No way back. Mehr zur Beruhigung hielt er sich an einem Harschbrocken fest und zog den rechten Fuß wieder zurück, kauerte überlegend eine Weile neben der Rutschbahn. Zurückgehen, die geplante Tour aufgeben? Wäre vernünftig, vielleicht das einzig Richtige, aber nun mal gar nicht sein Ding. Er war es gewohnt, einmal angefangene Dinge auch durchzuziehen. Auch wenn es hart wurde. Ein bisschen Adrenalin von Zeit zu Zeit konnte nicht schaden. Fand er immer schon. Das gab ihm den Kick, den sein Motor zum Weiterlaufen brauchte. Lieber was riskieren als sein Lebtag lang diese blöde Autoplay-Schiene zu fahren, in der alles brav abgesichert war, ganz nach dem Motto: „Birth, school, work, death.“ Welch Meister, welch Werk, welch Punk, welch epigonales Punkmeisterwerk! Mehr war dazu nicht zu sagen. Das traf´s auf den Punkt. Vorher noch Pension und Zusatz einzahlen und am besten noch vor der Lukrierung beider Töpfe abtreten. Für die Gesellschaft, für das Volkswohl, oder für sonst irgendeinen Arsch. Schläft einem nicht nur das Gesicht ein dabei. Nein auch der Arsch. Und der Schwanz sowieso. Sich den in der Rente immer noch von derselben Frau verwöhnen zu lassen, sich auf der sicheren Seite wie ein Wuchtelteig zu fühlen, ein klassischer Hefeteig, der zwar schon ordentlich durchgearbeitet wurde, aber doch einiges an Zeit brauchte, um auch wirklich anständig aufzugehen. Dafür konnte er aber auch um die Zeit wieder schneller zusammenfallen. Ähnlich wie der Börsenkurs angesagter Aktien. Erst ein hübsches stetes Ansteigen, ein Peak, eine wunderbare Spitze, und dann, zack! ein Abfall, senkrecht wie die Eiger-Nordwand. Also war eine traurig weiche, wenngleich noch leidlich geschmeidige Nudel alles an Gewinn, was einem die Rente per Hacklerregelung einbrachte, man also Polizist oder irgendein anderer Sesselfurzer war, sich alles richten konnte. Per Blasrohr oder Mausarm. Richtige Schwerarbeiter waren hierzulande immer noch beamtet. Schwer beamtet. Dauernd musste irgendein Formular ausgefüllt werden, Kästchen richtig angekreuzt, Namen richtig geschrieben, Daten penibel eingetragen werden, vor allem Gebühren auf Heller und Pfennig, Schilling und Groschen, neuerdings auf Euro und Cent eingetragen werden. Das kostete Nerven, machte aus einem Maus- schon mal schnell einen Tennisarm. Was hatten Bau- und Straßenarbeiter, Eisengießer und Industriearbeiter denn schon für eine Ahnung davon? Oder deren Frauen, die an Supermarktkassen ständig denselben Semmel in die Warenmulde schupften? Rein gar keine. Von berufswegen gut abgehärtet, brauchten sie den ganzen Tag nicht nachzudenken, weil die Arbeit eh immer die gleiche war und einen dazu noch körperlich kräftigte. Solcherart sparten sie sich die Kosten fürs Fitnesscenter also auch noch. Wahrlich himmelschreiend. Und da noch Extrawürste bei der Pension? Wo kämen der Staat und sein Politiker da hin? Woher sollte man das Geld für die Frühpension nehmen, so man sich als Minister erst einmal den Kopf kaputtgedacht hatte? Sowas war irreparabel. So ein schön kaputtgedachter Ministerschädel. Eine Büste der Tragik, quasi. Ein Elend. Woher das Geld für die Bonitätszahlungen für den Bankmanager in der Nachbarsvilla nehmen? Sollte der auf seine alten Tage etwa noch auf Knäckebrot umsteigen? Nein hier galt für´s ungelernte Volk immer noch g´sund sterben ist besser als krank feiern. Ist auch viel moralischer. Und viel besser für´s Gewissen. Was dachte man, wie schwer es war als Banker, wenn man erst ein paar Millionen verschleudert und verschoben hatte bis die Kredite quasi faulten, auch noch fünf davon als Abfindung kassiert zu haben? Die fünf Millionen, die noch nicht zu Kompost geworden waren natürlich. Die obenauf. Die waren immer schön im Trockenen gestanden die Scheine, wie es sich gehörte. Da hatte es immer vorbeigeregnet. Ganz wundersam war das gewesen. Ein verdammt unsanftes Ruhekissen, auf dem kaum Schlaf zu finden war, war so etwas, so ein Millionenpolster, der nicht nass geworden war. Nur das Geld der Kunden, das hatte es immer ordentlich angeschifft. Da wuchs nicht einmal mehr Salat drauf. Das reinste Papiermaché war es geworden. Aber auch nur das Geld von den anderen verquoll in wertlosen Papierbrei. Von denen das, das eigene, das des Bankers, das nicht.

Und auch als Ex-, Vor-, Aktuell- oder Nach-Noch-Bundeskanzler in Frührente ruhig schlafen zu können, nachdem man den Arbeitslosen ihren Nichtstuerobolus endlich auf ein volkswirtschaftlich vertretbares Niveau hinuntergeschraubt hatte; - „eh, ätsch ihr faulen Säcke! Für Kartoffeln reicht´s ja noch!“ - ; nun das war auch alles andere als einfach. Da nützte auch die beste Foie Gras de Canard in Portwein, ganz langsam geschmurgelt, als Betthupferl nichts mehr. Mit und ohne Birne. Da musste der bestens bekannte Neurologe doch noch ein leichtes Sedativerl dazuverschreiben, nicht? Dann ging´s wieder bestens. Das mit dem Heia Heia machen.

Okay. Die Fragestellung hier, abseits aller Abschweifung, war eine andere. Eisiges Schneefeld und nicht sozialpolitischer Realismus. Oder mehr Unrealismus. Realpolitisch. Also nicht den rechten, nein, eben doch den linken Fuß, musste er zuerst hinüber kriegen, dann konnte er den rechten quasi mit Schwung nach und über den Abgrund schwingen. Der Abstand zum Stein musste überwindbar sein, mit Bauchweh gerade so machbar, und der Stein würde sicher im Eis halten. Sicher? Angefroren. Funky. Oder groovy? Oder war bloß die Hoffnung grün? Mal den Gluteus Maximus spüren, anspannen. Die Bewegung musste direkt aus dem Arsch heraus kommen, übergangslos und schnell den Oberschenkel hinab ins Bein hineinschießen, gleichsam wie eine High-Tech-Stelze, fehler- und damit absturzfrei funktionieren. Die große weiße Schwinge schlug nur einen kleinen schnellen Bogen von hinten her um seinen Leib. Ihr Gefieder war von ebenmäßigem Weiß. Kontraste funkelten nur an den glitzernden Rändern der einzelnen Federn. Ganz leicht bauschte sich der dichte Flaum an den fast ruhenden Flügeldecken in der Bewegung, die Schwungfedern schaufelten aufgefächert die Luft nach vorn und hoben Josef hoch. Der linke Fuß fand optimalen Halt auf dem Stein. Schnell, ohne nachzudenken, setzte er den rechten nach, griff einen relativ starken Almrauschzweig und hatte mit einem zweiten Schwung die eisige Schneefläche hinter sich gebracht. Ein Stück weit hinter der gequerten Eisrippe konnte er erkennen, dass weiter vorn noch ein paar weitere solcher eisig ausgehobelter Lawinenstriche zu queren waren. Aber das machte ihm kein Kopfzerbrechen mehr. Wenn man einen Lawinenstrich geschafft hatte, waren die anderen kein Problem mehr. Walk on.

3. Einkehr

Der Circus war unglaublich. Seit Josef seine Blase erfolgreich in der Wirtshaustoilette entleert hatte, waren am Nebentisch so viele Hunde zusammengekommen, dass man ihre Zahl nicht mehr ohne weiteres feststellen konnte. Die Viecher zelebrierten ein dauerndes hin und her. Mal wickelte sich der eine von links um den Stuhl rechts außen, mal der andere um den Stuhl links außen, und zwar, genau, von rechts. Dazu sprang das jeweilige Herrchen oder Frauchen immer wieder auf, wickelte den sich begeistert hechelnd selbst strangulierenden Vierbeiner erneut vom entsprechenden Stuhlbein. Immer in der Gegenrichtung. Versteht sich. Oder der Stuhl musste angehoben werden, weil der Hund zu groß und ergo zu schwer war. Die begleitenden Gespräche der frauenlastigen Runde dazu waren von erlesener Finesse: „I brauch wos zum Rascheln, sonst ku sie nit. A Raschl-Sackl. Jo des brauch i. Wo issn? Ah, do hob is jo!“ (2) Sprachs und raschelte mit Hündin in den nahen Wald dahin. Es stand aber zu befürchten, dass sie bald wieder da war. Samt Hund, der dann hoffentlich leergeschissen war. Ebenso klar war, dass das „Raschl-Sackl“ geflissentlich nicht zur Kotbeseitigung benutzt werden würde. Klüger war es das Raschl-Sackl auch fürs nächste Geschäft parat zu haben. Nicht dass hier Verstopfung sensibler Hundedärme im Verzug war. Schließlich war im Wald Natur pur und jeder selber schuld, wenn er in die Scheiße griff, beziehungsweise stieg. In der Stadt war das anders, weniger Natur, aber da zahlte man schließlich Hundesteuer, und auf der Wiese, nun ja die, die war irgendwas dazwischen. Das sollte man nicht so eng sehen. Schließlich hatte so ein Tierchen auch Bedürfnisse; und die Katzen, die waren eh viel schlimmer, schissen jede Sandkiste zu mit ihren Kötteln. Kackten zwischen den Salat in den Gemüsebeeten.

„Na, da Hund vo da Mali! Wia i mit demm spaziern gonga bin, hot a sich danoch glei niedagleg und gschlofn.“

„Wenn a Weiwaleit lei a scheas Gsicht hot, is auf Daua zwenig. Is fian Misthaufn des Weib.“ (3) Endlich ging es um etwas anderes, als um die Viecher. Opa schien gut drauf und teilte Lebensweisheiten aus.

„Hu! Kung Fu, ha!“

„Los de Fuchtlarei Bua! Du tuasch da nu weh.“

„Oba des isch Kung Fu Opa!“

„Des isch ma wurscht! Leg den Steckn hi, sonst nimm i di nimma mit!“ (4)

Ein mittlerer Hund sprang über einen großen, ein kleiner wollte nach und sprang gegen das Tischbein. Ein Frauchen wurde rechterhand und abrupt unter den Tisch gezogen. Ein Gekläffe erster Klasse hub an und Josef suchte bereits das fünfte Mal dieselbe Zeile in seinem Schundroman.

„Wemma gean und mera senn, noa laft sie oiwei vua und zrugg. Sie tuat hoit olle ollaweil beschützen gei.“ (5)

Ah ja, Ende der viecherfreien Talkerei.

„Na, eatz bin i amoi gonga, isch ma da Hund von Nochborn noch. Bin i steabliebn und hob zu eam gsagt: - Gesch eatz!“

„Jo?“

„Bin i weidagonga. I hu oba oiwei was gheat hinta mia. Gsegn hob i nix. Bis hoit amoi die Holastaudn gwogglt hom. Isch dea Hund leise hintn noch, a bissl iwam Weg hoid. Und imma wenn i steabliebn bi, ischa a steabliebn, na.“

„Jo, des tean sie.“ (6)

Josef suchte wieder nach Zeilen; - Meine kurze rechte Gerade brachte die blonde Krankenschwester zu Fall - nein, die Zeile war zwar ganz schön macho, aber sie war es nicht.

„Dominanzproblem.“

Das seltsam bleiche Gesicht des Arztes verfügte auch über seltsam leblos lodernde Augen …

„des Aufreitn a.“ (7)

… rochen alle irgendwie nach Leichen. - Die Zeile war es schon eher.

„Des isch wia bei die Jugendlichn.“ (8)

Das steife, weiße Schwesternhäubchen rutschte über das frisch gewichste Linoleum wie ein gut gewachster Eisstock.

Das schien wieder falsch, weil direkt nach der rechten kurzen Geraden angesiedelt. Josef gab es auf. Die Selbstverständlichkeit mit der der Nebentisch alle seine noch so unwichtigen Belange öden Zusammenlebens mit dem besten Freund des Menschen lautstark kundtat, war einfach nicht wegblendbar. Auch nicht wenn man darauf aus war endlich zu jener Stelle zu kommen an der der Krankenschwester unter den kurzen weißen Rock ans ebensolche Höschen gegriffen wurde, was unzweifelhaft als nächstes kommen musste. Schließlich war das Schundheftchen, das er kürzlich aus seinem umfangreichen Fundus gefischt hatte, ein typisches Werk aus den Siebzigern. Den Begriff „politisch korrekt“ gab es damals noch nicht, vielleicht weil die Politiker damals noch arbeiteten und nicht herumlaberten. Manche Stellen waren so erfrischend direkt, dass man es kaum glauben konnte. Ein Heidenspaß, wie wir schon wissen. Trotzdem. Irgendeine Tante durchkreuzte die Konzentration mit einem Hausrezept für Jägerschnitzel mit Sicherheit aufs Schrillste. - „Und; des isch owa oiwei scho so guat!“ (9)

Man glaubte es unbesehen und wusste, wo man lebte. In einem Land, wo der Landeshauptmann ein dauergrinsender Ex-Landpolizist war, noch war, es bis zur hoffentlichen Abwahl war, eine Grinsekatze, die ständig Probleme mit der Sprache hatte und oft ins Lallen kam. Ganz anders als sein stets polternder Vorgänger, ein Landesverweser, der offensichtlich die Bezeichnung Landesvater völlig verinnerlicht hatte und die Leute ständig auf Kindergartenniveau hielt. Schließlich wusste er genau was gut für seine Untertanen war. Er war der Chef, der Häuptling eben, da gab´s kein Aufmucken! „Gessn wead, wos auf´n Tisch kimmt!“ (10), die Meldung vom Nebentisch kam perfekt passend zum aktuellen Gedankengang. Erschwerend kam für einen denkenden Landesbewohner wie Josef noch dazu, dass der Bürgermeister seiner Heimatstadt, die er sich leider nicht aussuchen durfte, eine Art selbstvergessener Dandy im Oscar-Wilde-Stil war. Wohl grinste er auch ständig und sah ähnlich glatt aus wie der derzeitige Landesunhold, er vermochte sich aber wesentlich eloquenter auszudrücken. Heraus aus dem Bürgermeister kam aber gleichfalls nur heiße Luft. Er war eine Art Dorian Gray ohne Spiegel, also etwas, an dem absolut kein Bedarf herrschte. Außer im Winter, aber da war der wirtschaftliche Nutzen relativ klein, da sie schnell verflog. Die Luft, die heiße. Und Spiegelscherben heizten ohnehin nicht gut. Und deren Bilder? Heizwert gleich null. Gerade so, wie der Heizkostenzuschuß. Den bekam man nur, wenn man noch weniger als Notstandshilfe bekam. Wen wunderte es da, dass die Bewohner eines solchen Landes ihr Gehirn gleichsam abgaben, schon bevor sie morgens aufstanden? Tat man es nicht, gab man das Gehirn nicht sorgsam in Verwahrung bei der Obrigkeit, dann beschlich einen den ganzen Tag lang ein Gefühl des Unwohlseins, eines unbestimmten Unbehagens, das man Stunde um Stunde nicht mehr loswurde. Der Schluchtenscheißer war also lieber stolz darauf, ein gut Teil mehr schuften zu können als der verhasste Wiener-Wasserschädlbewohner. Noch dazu war bei denen da unten alles noch viel billiger als hier, wo das Leben eh schon so hart genug war. Dass das eventuell heißen konnte, dass der Wiener möglicherweise intelligenter war; - weniger arbeiten für mehr Geld trotz günstigerer Preise; als er, der brave Bergbewohner; - mehr arbeiten für weniger Geld trotz teurerer Preise; der Gedanke kam selten einem, obwohl er auf der Hand lag. Wie ein fellig atmendes Wesen, kuschlig in der Kuhle der Handfläche dösend. Eigentlich ganz offensichtlich.

Aber wie gesagt, ein grammatikalisch schwach beleuchteter Landesvater ist der Intelligenz wahrscheinlich nicht förderlich. Und ein Smiley mit Fischgräten im Kreuz auch nicht.

„I hu oba scho ois probiert.“ (11) Opa war wieder im Gespräch, Josef der Faden abhanden gekommen, das Weizenbier immer noch halbvoll.

Er hob den weißen Kittel an … - Oha, unverhofft kommt oft, das sagte schon die weise Binse, und Josef rückte seine Brille zurecht, bemüht, die Zeile und damit den Anschluss nicht wieder zu verlieren. … schob ihn über das blütenweiße Höschen hoch. Lüstern leuchteten seine leicht gelbstichigen Augen, seine schneeweißen Eckzähne wurden immer länger. Und spitzer. Er zog ihr das Höschen hinunter und kniete sich über sie.

Leider musste man hier feststellen, dass auch die Siebziger ihre selbstauferlegten Grenzen hatten, denn den Rest musste man sich vorstellen. Es folgten ein Absatz und der liebevoll gestaltete Holzschnitt eines sehr schlanken Vampirs mit hochgestelltem Kragen nebst langen Eckzähnen als Kapiteltrennung. Lasset uns kurz die Vorstellung eines optimal geschwollenen männlichen Geschlechtsteils, das in eine optimal geschwollen befeuchtete Vulva eintaucht, illuminieren. Je violetter die Organe wurden, je weniger konnte Josef davon Abstand nehmen. Vielmehr hätte er seine Hundsrute in alles gesteckt, was verfügbar wäre. Auch gleichzeitig. Von vorn und von hinten. Gleichzeitig. Alles, Ganz egal. Hauptsache geil und spritzig.

Ah. Das Glück ist so nah.

So waren sie, diese Hefte. Und nicht nur die.

„Frau Wirtin!“

„Ja?“

„Lassen sie mich zahlen bitte.“

„Kimm i glei, gei.“ (12)

(2)

„Ich brauche etwas zum Rascheln, sonst kann sie nicht. Ein Raschel-Sackerl. Ja das brauche ich. Wo ist es denn? Ah, da habe ich es ja!“

(3)

„Nein, der Hund von der Mali! Als ich mit dem spazieren gegangen bin, hat er sich danach gleich niedergelegt und geschlafen.“

„Wenn ein Weib nur ein schönes Gesicht hat, ist das auf Dauer zuwenig. Ist für den Misthaufen das Weib.“

(4)

„Lass die Herumfuchtelei Bub! Du tust dir noch weh.“

„Aber das ist Kung Fu Opa!“

„Das ist mir egal! Leg den Stock hin, sonst nehme ich dich nicht mehr mit!“

(5)

„Wenn wir gehen und mehrere sind, dann läuft sie immer vor und zurück. Sie tut eben immer alle beschützen, nicht.“

(6)

„Nein, jetzt bin ich einmal gegangen, ist mir der Hund vom Nachbarn nach. Bin ich stehen geblieben und habe zu ihm gesagt: – Geh jetzt!“

„Ja?“

„Bin ich weiter gegangen. Ich habe aber immer etwas gehört hinter mir. Gesehen habe ich nichts. Bis dann eben die Holundersträucher gewackelt haben.

Ist der Hund leise hinten nach, ein bisschen über dem Weg halt. Und immer wenn ich stehen geblieben bin, ist er auch stehen geblieben, so was.“

„Ja, das tun sie.“

(7)

„Das Aufreiten auch.“

(8)

„Das ist wie bei den Jugendlichen.“

(9)

„Und; das ist aber schon immer so gut!“

(10)

„Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!“

(11)

„Ich habe aber schon alles probiert.“

(12)

„Komme ich gleich, ja.“

4. Spazierwegende

Eine Zwischenstation, die Josef gleich wieder bereute. Sie hätte eigentlich nicht mehr unbedingt sein müssen. Es war eine Burg. Eine Trutzburg. Ein Missverständnis. Nicht nur geografisch. Der Burgturm stand dickmäuerig auf einem Schuttkegel. Seine Funktion; - verschiedene Feinde von oben mit diversen Grauslich- oder Tödlichkeiten zu bewerfen, sofern diese so dumm waren seinen Mauern zu nahe zu kommen, hatte er natürlich schon vor langer Zeit eingebüßt. Vor einiger Zeit von den Stadtvätern reanimiert, diente die Burg nun den Touristen und Einheimischen als Jausenstation mit angeschlossenem Heimatmuseum und Heiratsmöglichkeit. Der Burgvogt schien niemals gutgelaunt zu sein, empfing einen schon mal mit einem zerbissenen: „Wos willschn du scho wieda do?“ (13) Oder ähnlichem. So auch diesmal als Josef den kleinen, kühlen Gastraum betrat.

„Hosch scho wieda nix z´toa, oda?“ (14)

„Offensichtlich. Und ich könnte ein Weizenbier dazu ganz gut gebrauchen.“

„Wennsch moansch.“ (15)

„Ich meine nicht, ich weiß.“

Am Ecktisch hatte sich eine deutsche Ausflüglergruppe niedergelassen, offenbar kurz vor Josefs Ankunft denn der Wirt steuerte sie an und fragte die Leute nur unwesentlich freundlicher als Josef nach ihren Wünschen.

„Ne Apfelschorle.“

Ja. Der Schein hatte nicht getrogen.

„Gespritzt mit Leitung.“

„Haben sie auch ein Kännchen Kaffee?“

„Na. Hob i nit. An Valängatn kennans hom.“ (16)

„Nein. Dann nehme ich lieber einen Tee.“

„Wos fia oan denn?“ (17)

Josef konnte förmlich sehen, wie der Wirt die Augen verdrehte, obwohl er ihn nur von hinten sah.

„Was für welchen haben sie denn?“

„Schwarzen, Früchte, Pfefferminz und Kamille.“

„Nehme ich einen Kamillentee.“

„Zwei Cola.“

„Und einen Pfefferminztee. Bitte.“

Versprengte Deutsche in der Burg. Verloren in der Provinz. Mutti, Vati, Oma, ein Bub, ein Mädel. Pfefferminztee. Kaffee. Apfelsaft gespritzt mit Leitung. Cola, eh klar. Bedenklich war eigentlich nur der Kamillentee für den Vater. Schließlich machte Kamille aggressiv. Wussten die das nicht? Beruhigte den Magen, stachelte aber das Gehirn auf. Möglichweise bahnte sich hier eine Familientragödie an, ein Massaker von langer Hand vorbereitet, mittels fortgesetztem Kamillenteemißbrauchs im Ausland zu seinem schrecklichen Ende gebracht, hier, direkt vor Josefs Augen. Der Wirt hing die Teebeutel in die heißen Tassen, das Unheil schien seinen Lauf zu nehmen.

„Tante Marita gefällt das auch nicht.“

„Was gefällt ihr nicht?“

„Dass Bernd alles bekommen soll.“

„Was alles?“

„Na das Haus und die Wohnung. Das Auto bekommt die Heike.“

„Und die Hella?“

„Die geht leer aus. Wegen dem Günther, du weißt schon.“

„Warum gibt Anne nicht das Auto Hella, die Wohnung Heike und das Haus Bernd? Dann wären alle zufrieden, und wir hätten auch etwas davon.“

„Das hätt ich auch so gedacht. Wär doch vernünftig.“

„Solang nicht alles der Tierschutzverein kriegt.“

„Sonja!“

„Du Papa?“

„Ja Sohnemann?“

„Ist Tante Anne gestorben?“

Pfefferminz und Kamillentee wurden serviert. Gerade rechtzeitig.

Eine Burg. Ein Trutz, ein Miss, vor allem ein Miss. Griff einer, der. Josef hätte sich den Abstecher in die Burg sparen sollen. Jetzt war er wieder völlig geerdet, die ganze Tagestour im Rauch eines Nullsummenspiels aufgegangen. Ohne jede dringend benötigte Wärmeentwicklung, umsonst verpufft. Verschlimmert wurde das Ganze noch durch den wunderbaren Ausblick, den man von hier oben genoss. Auf die ganze kleine Stadt. Auf die ganz kleine Stadt. Auf die Kleinstadt. Eine Kleinstadt ist ein Ort, in dem die Provinzler versuchen zu Städtern zu werden. Immer noch. Wo sie vom Sein keine Ahnung haben. So nahmen sie alles, was ihnen vorgebetet wurde, gleichsam eingefüllt in ihre Unwissenheit. Und sie machten alles platt, was ihnen dabei im Wege war. Ihrer biederen Schläfrigkeit. Ein Industriedenkmal. Einebnen, bevor am Ende noch dem Denkmalschutz was Blödes einfiel. Eine alte Allee? Weg mit dem hinfälligen Staudenwerk! Aber in der Nacht. Damit das Geschrei dann zu spät ist, am nächsten Morgen. Vor allem dann. Am nächsten Morgen. Nur mehr Katzenjammer. Fortwährend. Und ganz ohne vorherigen Alkoholkonsum. Der wurde einem einfach dazu serviert, der Katzenjammer. Ungefragt aber nicht gratis. In so einer blöden Stadt musste er leben, tat er es immer noch, obwohl er längst erwachsen, das Argument vom Hingeschissensein also nicht mehr zog. Es schien endgültig Zeit zu sein, diesen unmöglichen Ort zu verlassen, der eigentlich nur aus dem Neid auf das Nichts des Nachbarn bestand. Aus dem Nichtdenken. Dem Nichttun. Dem Gleichmachen von allem. Dem Nichtsmehrsehenkönnen. In der nivellierten Bedeutungslosigkeit der Nach-denker. Es war wirklich Zeit, dieses Rattenloch zu verlassen. Was hatte es ihm individuell noch zu bieten? Seine PSA Werte waren jenseits von gut und böse und sein AMS-Berater schrieb die Firma Deco mit k. Besserte ihm, Josef, das c aus. Weil er es besser wusste. Er. Schließlich war er hinter seinem Schreibtisch ja immer noch der Beamte hier. Er war der Angestellte hier, er war besser als er, als Josef. Josef war nur einer von vielen tumben Antragstellern, von unwürdigen Unterstützungsempfängern, die noch nicht bereit waren jede Scheißarbeit anzunehmen, bloß damit sie nicht zuviel soffen. Den ganzen Tag über. Aber wenn es nach den Plakaten ging, die hier überall an den Wänden hingen, dann wunderte man sich ohnehin, dass in dieser cute little town überhaupt jemand ohne Arbeit war. Das AMS hatte die Lösung für alles parat. Für wirklich alles. Die Aussichten waren glänzend. „The future is so bright, I´m gonna wear shades!“ Ein Golden shower für alle. - Vorversteuert. Bedankenswert. Vielfach bedankenswert. Ablassverlängerung für Sozialschmarotzer.

Josef wusste schon längere Zeit, dass das alles nicht mehr aushaltbar war. War es nicht allemal besser, seine letzten Ressourcen auf einer Weltreise zu verbrauchen und am Ende, gleich wie seine leere Geldbörse, den Löffel abzugeben? Am besten in Australien. Da wollte er schon immer mal hin. Hiererorts war ja nicht nur der Himmel, sondern auch die Amtsstuben grau. Endlich sich das von der Welt ansehen, was er schon immer sehen wollte und nie konnte, weil er arbeiten musste. Wenn man arbeitete, hieß das ja noch lange nicht, dass man seinen Urlaub so verbringen konnte wie man wollte. Nein, nachdem die Entlohnung ohnehin eh schon zu schmal war, um etwas Anständiges zu unternehmen, musste man auch noch auf die saisonalen Bedürfnisse des Betriebes Rücksicht nehmen, überhaupt seine Bedürfnisse auf die der Firma abstellen. Flexibel sein, froh sein für die Chefs arbeiten zu dürfen, zu können. Regelmäßig durfte man bei Sonnenschein Überstunden schieben, und wenn es dann schiffte und einem der Wind ins Gesicht blies, dann durfte man frei haben, frei um einheizen zu können; kurzum so auch noch auf seine Freizeit zu verzichten. Dann noch die Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Kollegen, beziehungsweise von deren Kindern, die man nie zu Gesicht bekam. Gott sei Dank bekam man sie nie zu Gesicht, diese Gfraster, die unbekannterweise Lebensraum für sich beanspruchten. Von Josef beanspruchten, dafür, angeblich, seine, Josefs Pension bezahlen würden. Josef lachte sich bei dem Gedanken an die verwöhnt gepiercten Ärsche einen wahren Ast. Pensionsvorsorge ging hier buchstäblich im Rauch des Nachtlebens auf, diese Gfraster schauten doch nur auf sich selber. Warum auch nicht? Sollten sie so lang warten wie er, bis sie draufkamen, dass auch sie nur verarscht wurden? Die ganze Zeit? Bis man endlich selbst zu etwas kam was man wirklich wollte, für das es Sinn machte bezahlt zu werden, rannen viele Flüsse himmelwärts. Bis dahin konnte man seinen Verdienst nur dazu benutzen um wieder fit zu werden für die Kack-Firma, und sich wieder brav in die Lohnsklaverei einzufügen. Und, ja, bis dahin konnte man eigentlich gleich schon im eigenen Arschloch Schifahren, obwohl einem dieser Nationalsport auch schon mächtig auf die Eier ging und so wie alles andere als braunfade Schleimschnecke aus dem betäubten Maul hing.

(13)

„Was willst denn du schon wieder hier?“

(14)

„Hast schon wieder nichts zu tun, oder?“

(15)

„Wenn du meinst.“

(16)

„Nein. Habe ich nicht. Einen Verlängerten können sie haben.“

(17)

„Was für einen denn?“

5. WIEN; die Hauptstadt, in echt

A Situation (18)

Und a Flughafen, vor allem a Flughafen. Einer der weniger sauber, aber dafür wärmer war. Vom Licht und den Farben her. Josef ging an der gläserenen Raucherbox vorbei, in der der Nebel dafür sorgte dass sich neben dem missverständlich gestalteten grünen Logo mit der durchgestrichenen Zigarette auch ein paar Behinderten Icons in der Scheibe spiegelten, die die Raucher auf Bauch, Rücken oder Seite gleich zufällig wie sarkastisch verzierten sozusagen illuminatorisch tätowierten. Hochsensible Daten gleichsam transparent, öffentlich zu machen schienen. Ein Vorabbefund des Lungenfacharztes. In der nächsten, größeren Halle setzte sich Josef in die Freifläche eines großen Cafes, das im Altwiener Stil eingerichtet war. Alte hölzerne Möbel, geschwungen, gebogen, geflochten, verschieden gepolstert. Eine Art Jugendstil-Biedermeier-Verquasung, festgenagelt mit hunderten von Ziernägeln. Die Freifläche zur übrigen Halle war abgegrenzt mit goldglänzenden Messingsäulen, zwischen denen ein dickes rotes Hanfseil aufgefädelt war, über das sich eben eine ältere versnobt wirkende Dame lehnte, ihre Zigarettenasche in den Aschenbecher auf dem Cafehaustisch fallen ließ. Der Kellner kommentierte dies mit den nonchalanten Worten, „Dangge fiar´s oaschen, gnä´ Frau.“ (19), nahm den beschmutzen Ascher mit und kam zu Josef, um seine Bestellung aufzunehmen. Der bestellte ein Weizenbier.

„Mit Zitrone der Herr?“

„Bitte.“

„Kommt sofort der Herr.“

Das tat es auch wirklich. Es war ein klares Weizen und die Zitronenscheibe gab ihm noch geschmacklich wie frischemäßig einen Extrapfiff. Schmeckte hervorragend und erinnerte Josef, während er die vorbeiströmende Menschenmenge beobachtete, die sich, unterwegs in gegensätzlichen Richtungen, nicht nur ver- sondern sich ineinander mischte; die einen flogen ab, die anderen waren gelandet; die versnobte Dame, die mit der linken auf den Halter ihres Trollys aufgestützt, ihre Goldkettchen darauf klimpern ließ, ungeniert einen weiteren Aschenbecher für ihre kalte Asche benutzte; all das ließ die Bilder einer wirkliche Situation hochkommen, die er im vorigen Sommer in der Hauptstadt erlebt hatte. Es war in etwa um zwei Uhr nachmittags gewesen, im letzten Jahr als er an einer schon sehr nach Altwiener Beisl aussehenden Location ein Weizenbier ordernd, ein helles Weizenbier, dann ein scheissnormales Ottakringer kredenzt bekommen hatte, noch dazu um volle drei fünfzig. Euro, nicht Schilling. In Schilling wär´s eindeutig zuwenig gewesen. In Euro war es aber eindeutig zuviel. Erst recht wenn man den Betrag wieder in Schillinge umrechnete. Achtundvierzigundsechzehn. Das konnte gar nicht mehr schmecken und das an sich war schon ein starkes Stück gewesen. Dann aber auch noch keine Chance zur Reklamation zu haben, weil der Wirt alles andere als ein Wiener war, das konnte einen geradezu dazu nötigen die verdammte Pisse auszusaufen. Musste es. Widriger Umstände halber. Oder das Ganze um drei fünfzig in den Rinnstein zu schütten, wo es eigentlich hingehörte. Die palästinensische Schläferzelle am Nebentisch hielt ihn aber davon ab. Die fuhrwerkten an ihrem Laptop herum, dass sogar Arnold in True Lies blasser als blass geworden wäre. Und Jamie Lee damit. Wow! Was für ein Film! Immer noch in jeder Einstellung vorhanden. Szenisch. Im Hirnkastel. Ein Meisterwerk des gediegenen Trashs. Perfecto! Die wahrscheinlich zurzeit kürzeste Japanerin kam an seinem Tisch vorbei, forschen Schrittes, einem, wahrscheinlich ihrem, Japaner folgend, der mit hektisch schaukelnder Krawatte so heftig ausschritt, dass man meinte, er wäre kaserniert. Okinawa, oder so. Müßig zu erwähnen, dass Krawatte wie Anzug schwarz, das Hemd hingegen weiß war, blütenweiß, ohne jeden Makel. In Japan verlief ja sogar die ganze Kirschblüte makellos, ohne jeden kleinsten braunen Fleck. Kein Wunder. In Japan fiel kein Blütenblatt zu früh oder zu spät aus den Kronen der Bäume, keines war zu rosa angehaucht oder zuwenig weiß. Ein wahrhaft schönes Schneien, ein weiches, dickes, unschuldiges Zudecken, etwas, das man hierzulande nur zu gerne hätte, ein schönes Schneien ohne groben Temperaturabfall für volle Kassen. Etwas wie die beschaulich meditative Kirschblüte konnte aber nur in der schlichten Perfektion und Tradition des japanischen Volkes gelingen. Einem Volk, das die Selbsttötung zum in höchstem Maße ehrenvollen Ritual stilisieren konnte. Wo spritzend rote Blutfontänen zu wunderbar geschwungenen Kalligraphien, zu letzten Haikus wurden. Zu wahren Erkenntnissen. Kein Tropfen Blut zuviel und keiner falsch gesetzt.

Die Schläferzelle erging sich gerade in bestem Arabisch, von dem Josef kein Wort verstand. Jedoch vermochte er schon eine gewisse Ungeduld aus den gebellten Worten heraus zu hören.

Hierzulande, also nicht in Japan, blieb einem nur der bröselige Ersatzschnee aus kalten Schneekanonen, der bald braun verspurt war, dachte er. Das lag an den klingelnden Kassen, deren Geldladen, unaufhörlich aufschnappend, nach Füllung bettelten, um sich in einem Fort zu mästen.

Der wahrscheinlich größte Norweger, der momentan auf Erden wandelte, zog an Josef vorbei - wie ein Elch in den besten Jahren. Erkennbar war er sehr leicht am Norwegerpullover, dem zerzausten Bart, der ebenfalls zerzausten Frisur und den leicht wässrigen Augen unter den enorm dichten Augenbrauen, denen an Länge zum Zerzausen auch nicht mehr viel fehlte. Der Bast hing ihm in blutigen Fetzen von den Schaufeln. Bellend röhrte er eine Heiligenstatue an, die ruhig von einem Dachfirst aus nach unten auf ihn blickte. Er schüttelte den Kopf was einige Bastfetzen davonfliegen ließ. Beinahe meinte man, er würde jeden Moment seinen mächtigen Elchpenis ausschachten, die Gebirge faltiger Vorhaut zu entfalten um all seine Pheromone in den Wind zu setzen. So konnte er seinen Talgdrüsen die Arbeit überlassen, die Luft mit seiner übermächtigen Geilheit zu schwängern, um alle Weibchen in der Umgebung mit aufgeblähten Nüstern in die geilste Stimmung zu versetzen, die sie bislang gekannt hatten. Übermächtig, willenlos hinrasend die stärksten und dicksten Schwänze erwartend, um sie in ihren Lusthöhlen zu vergraben und sie auszusaugen bis auf den letzen Tropfen. Die nächstbeste Frau wollte er solcherart in höchster egoistischer Brunft einfach bespringen, ihr seinen zügellosen Herren tiefer als jemals zuvor in die Vulva zu treiben, am Kelch ihrer Lust zu reiben bis er eimerweise Sperma in sie vergoss, alles das, bevor er röhrend und allein um die nächste Ecke, und endlich, in einem gesuchten Antiquariat verschwand, das Bestiarium eines alten Meisters zu finden. Genauer gesagt, das Bestiarium des Abdul Alhazred, jenes verrückten Arabers, der auch das berühmt berüchtigte Necronomicon geschrieben hatte, das Buch des Teufels und seiner höllischen Heerscharen. Ein gleich monströses wie gefährliches Werk, das jeden seiner Leser früher oder später in den Wahnsinn oder in noch schlimmeres trieb. Alhazreds Bestiarium war ein milderer Ableger, ein Buch, das die Dämonen und andere Wesen aus noch unentdeckten und unerforschten Teilen der Wüste illustrierte. Es zeigte ihre schrecklichen Körper, wenn sie sich manifestierten und beschrieb ihre abscheulichen Gewohnheiten bis hin zu ihrer bevorzugten Nahrung, die meist aus menschlichen Organen und Fleisch bestand. Ein Buch, das nur die grauenvolle Oberfläche zeigte, scheinbar aber keinerlei Magie besaß. Sofern man nicht durch Zufall oder allzu große Neugier einen Schritt zu weit ging. Dann gab es auch hier kein Zurück mehr.

Die sichtlich genervte Kellnerin stieß indes zur Schläferzelle, meinte Annie Lennox wär doch was. Josef war inzwischen völlig klar, warum der Wirt Araber war; ebenso wie ihm klar war, dass sie sich tatsächlich immer so einfach verrieten wie im Film. Er meinte blöder als wie bloß ein falsches Bier zu servieren, konnte es wohl nicht laufen. Und schon war dem Wirt die ganze Aufmerksamkeit dieses einen, zufällig hereingeschneiten Gastes sicher. Und am Ende war ausgerechnet der Gast von der Staatssicherheit. Die fanden ihre Körner ja zumeist auch nur zufällig wie die blinden Hühner. Selbe Arbeitsweise. Pick, pick. Scharr, scharr. Aber jetzt Annie Lennox? Warum nicht RuPaul? Oder Donna Summer? Zu plakativ? Zuwenig musikalisch?

„Entschuidigst, i muas oabeitn a no, i muas orechnan, die Hearn.“ (20)

Sichtlich genervt sauste die Kellnerin wieder in die Gaststube, die beiden von der Schläferzelle sahen sich an wie zwei Schafe und meckerten sich auf Arabisch an.

Langsam fragte Josef sich, ob er hier wirklich sicher saß, oder ob das Plastik schon unter der Jacke des einen auf ihn wartete. Eine Explosion in Kürze seinen Leib in herumfliegende Fleischfetzen und Innereien verwandeln würde, die an Wände, Pflastersteine und Gastgartenmöbel klatschen würden. Sein Geschlecht in einen Teller herrlich duftenden Salonbeuschels mit Serviettenknödel patschen würde. Die Dame dahinter würde soßenbeschmiert aufkreischen, während Josefs harte Knochenteile die Fensterscheiben der Cafes in der näheren Umgebung wie Geschosse zerschlagen würden, Emailbehältnisse von Einspännern, Melangen und kleinen Braunen zersplittern und Passanten lebensgefährlich treffen würden. Das Stakkato einzelner Zähne aus seinem weggesprengten Mund grübe sich wie eine dentine Maschinengewehrsalve in die Brust einer dunkelhaarig gut gelaunten Kellnerin, perforierte hellrote Löcher in ihre frisch blütenweiß sauber gestickte Servierschürze, was ihren Gesichtsausdruck überrascht wirken lassen würde, ehe sie in sich zusammensänke. Ein tödliches Zahnstakkato.

Indes zog ein Engländer, ausgestattet mit dem Kopf einer vollreifen Pelati, einer sonnengereiften San Marzano, wirklich zum Platzen reif, mit seiner Frau, wahrscheinlich Frau, vorbei, erklärte ihr das „Marvellous von genau hier“ sehr enthusiastisch, sehr genau, und auch sehr anschaulich. „This, darling, this is truly marvellous! Look at the headstones! What gorgeous shiny headstones! A pavement all over!“

Headstones? Hatte der Engländer nicht mehr alle Sinne beisammen? Kopfstein hieß doch cobble-stone im englischen wenn Josef sich richtig erinnerte. Der Englischunterricht war zu seinen Schulzeiten damals nicht gerade praxisnah gewesen, erschöpfte sich mehr in der profanen Liga von bananas, oranges, apples, tomatoes und so weiter, von vegetables und fruits. Egal. Wenn einen blankgescheuerte Pflastersteine derart aus der Fassung bringen konnten, dann hatte man ohnehin nicht mehr alle Tassen im Schrank. Oder alle Socken in der Kommode. Alle Kulis im Sekretär. Alle Gewürze am Bord. Oder alle Nudeln in Asien.

Mittlerweile war die Kellnerin wieder zur Stelle, pries die EEls. Die EEls, ja die EEls, die wären auch gut, sagte sie. Josef sah auf sein halbvolles Glas Pisse und fragte sich, ob er davon schon so besoffen sein könnte. Eher nicht, dennoch vermochte er sich keinen Reim mehr auf die Geschehnisse am Nebentisch zu machen. Maximal wollte man sich als Pop-Agentur tarnen, wozu dann aber hektisch versuchen, sich Musikvideos runterzuladen? Noch dazu so dilettantisch? Irgendein Businessplan, ein mit Terminen vollgestopfter Organizer wäre doch authentischer gewesen. Er sah wie die Kellnerin sogar noch die Enter-Taste für den einen drückte, den Bildschirm für den anderen richtig hindrehte. Das war alles mehr Schläfer denn Zelle, geschweige denn Terror.

Und dann sah er sie. Ihm blieb der Mund offen, und das perfekte Bild konnte so unbehelligt an ihm vorüberziehen, ohne festgehalten zu werden. Seine Kamera war weggepackt in der Tasche seiner Jacke, er griff schnell danach, bekam den Knopf nicht auf, wusste am Weiterziehen der traurigen Gestalt, dass er es nicht schaffen konnte. Verdammt! Was tun? Das Motiv des Jahrhunderts sausen lassen? Nein. Dazu fiel ihm noch etwas ein. Die Tasche auf, Kamerasack raus, auf, Kamera raus, Bier ansetzen, auf zwei Züge weg damit, die unverschämten drei fünfzig waren schon geparkt, und auf, und wo war sie jetzt, war sie links oder war sie rechts? Erst einmal geradeaus, da hinein, nein, da vorn, nein, hinten, ja, doch, da war noch ein Eck, obwohl, nein, doch vorn, aber die schräge Gasse da, ja das könnte sein, weiter, ja das hatte die Haltung, dieser dunkle Fleck dort, dieses nichts mehr, dieses abgeschlossen mit dem Leben haben, ja jeden Tag machte man trotzdem weiter, nur weil er so war, so kam, so zu sein hatte, der Tag; jeden Tag ohne Lust, mechanisch, nur weil es eben ein neuer Tag war, ein weiterer, den man durchzustehen hatte, ein weiterer, den man abhaken konnte. Ja das musste sie sein. Die Körperhaltung war eindeutig, die schwarze Kleidung, er vermeinte auch die Tasche auszumachen. Schneller schritt er aus, immer schneller, die Kamera im rechten Winkel haltend, im Voraus zoomend, ins Display schauend, ob es klappen könnte. Schließlich, an einer Abzweigung die elegant schräg abbog, erreichte er sie, schwitzte schon einigermaßen und drückte schnell zweimal, ab ohne bemerkt zu werden. Heftig atmend hielt er inne, sah sich die Fotos im Display an. Eins war verschwommen, zu verschwommen wahrscheinlich, eins schien brauchbar, man sah worum es ihm bei dem Foto ging. Ihre riesige schwarze Einkaufstasche, auf der in schlichten weißen, aber großen Lettern die Worte SUPER SHOPPER standen.

So war das gewesen, an diesem Tag, im letzten Sommer in Wien.

(18)

Eine Situation

(19)

„Danke für die Asche, gnädige Frau.“

(20)

„Entschuldigt, ich muss arbeiten auch noch, ich muss abrechnen, die Herren.“

6. THAILAND; Traum, der

Suvarnabhumi

Ankommen und da sein. Am Suvarnabhumi. In Bangkok. Oder vielmehr noch dreißig Kilometer davon entfernt. Von Bangkok. Ein Flughafen wie eine Spinne. Erbaut auf dem Kobrasumpf, auf dem Nong Ngu Hao, ein zischelndes Schlängeln im Metall. Heute goldenes Land. Land von Gold. Die Luft in der Fluggastbrücke war von dumpfer Hitze. Sie schmeckte nach Verbrennung und totem Sumpf. Förderbänder, die auf ein gemeinames Ziel zusteuerten, zuzusteuern schienen, unaufhörlich fuhren, fuhren in ihr Eigenstes. Fuhren tief hinein. Kein Mensch wusste das. Das Förderband verschwand unter den Füßen. Aber es verschwand nicht einfach. Es fuhr tief hinein in die Eingeweide des Flughafens, den Untergrund unbekannter Tiefen, wo sich die metallenen Bänder ineinander verschlangen und neue Rolltreppen und Förderbänder gebaren.

Hitze in der Hose, wen wundert´s, in geilgrau langer Unterwäsche gestartet, bei Minus zehn Grad, lebensnotwendig, die zweite Haut aus hundert Prozent Baumwolle. Hier, obwohl klimatisiert, galt es, überflüssige Textilien so schnell wie möglich loszuwerden. Es war höchste Zeit, unangenehmes Dampfen an den Ober- und Unterschenkeln war bereits länger spürbar. Die Füße in den dicken Socken begannen zu jucken. Die Reproduktionen von Gemälden verschiedenster Künstler heimischer Provenienz neben dem Förderband passierend, hielt Josef Ausschau nach dem Piktogramm, das Männern Erleichterung verhieß, versprach, und in den meisten Fällen auch hielt. Jedes Einzelne der Bilder strafte Europas Dünkel Lügen. Die Werke waren wunderbar. Hervorragend. Glaswände dazwischen offerierten Raucherparadiese, die man nicht betreten wollte. Man sah nur Gliedmaßen im Nebel. Wusste nicht, zu wem sie gehörten. Manchmal tauchte auch ein verschwommenes Gesicht hinter der Scheibe im Rauchgrau auf. Kurz. Moderne Poltergeistphänomene. Bewegungen erzeugten Wirbel im Grau. Ein Francis Bacon des modernen Lebens.