Der unsichtbare Garten - Karine Lambert - E-Book
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Der unsichtbare Garten E-Book

Karine Lambert

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Beschreibung

Vincent wird erblinden. Eine seltene Augenkrankheit zerstört alle Träume, alle Zukunftspläne des jungen Mannes. Rastlos arbeitet er eine Liste an letzten Abenteuern und Wünschen ab. Erst bei einem Besuch auf dem Land findet er wieder zu sich. Er will den verwilderten Gemüsegarten seines Großvaters bestellen, solange er noch sieht. Und während er jätet, gräbt und sät, tritt Nachbarin Coline zwischen seine Cosmeen und Küchenkräuter. Wenn er sich einer Fremden öffnen kann, dann vielleicht auch einer Welt in neuen Farben?

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Seitenzahl: 250

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Zum Roman

Vincent wird erblinden. Eine seltene Augenkrankheit zerstört alle Träume, alle Zukunftspläne des jungen Mannes. Rastlos arbeitet er eine Liste an letzten Abenteuern und Wünschen ab. Erst bei einem Besuch auf dem Land findet er wieder zu sich. Er will den verwilderten Gemüsegarten seines Großvaters bestellen, solange er noch sieht. Und während er jätet, gräbt und sät, tritt Nachbarin Coline zwischen seine Cosmeen und Küchenkräuter. Wenn er sich einer Fremden öffnen kann, dann vielleicht auch einer Welt in neuen Farben?

Zur Autorin

Karine Lambert ist eine belgische Fotografin und Schriftstellerin. Nach längeren Aufenthalten in verschiedenen Ländern lebt sie heute wieder in ihrer Geburtsstadt Brüssel. Ob in Bildern oder Worten, immer erzählt Karine Lambert von der Freude und der Liebe, von der Verletzlichkeit und der Fähigkeit, sich neu zu erfinden. Die Romane der Bestsellerautorin erscheinen in über 25 Ländern.

KARINELAMBERT

DER

UNSICHT

BARE

GARTEN

ROMAN

Aus dem Französischen

von Pauline Kurbasik

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright © 2019 by Calmann-Lévy

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel

Toutes les couleurs de la nuit bei Calmann-Lévy, Paris

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2020

by Diana Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Uta Rupprecht

Umschlaggestaltung: Geviert, Christian Otto,

unter Verwendung einer Illustration

von © Redlio Designs

Satz: Leingärtner Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-25616-6V001

Avec le soutien de la Fédération Wallonie-Bruxelles

www.diana-verlag.de

Den Frauen, Männern und Kindern,

die sich in Dunkelheit bewegen,

und all jenen, die ihnen den Weg erhellen.

»Wer einen Garten anlegt,

glaubt an den nächsten Tag.«

Audrey Hepburn

1

Ich habe keine guten Neuigkeiten, Monsieur Morel.«

Vincent fragt sich, warum ihn die Augenärztin dermaßen intensiv mustert.

»Ihre Sehbehinderung ist auf eine mitochondriale Mutation des Genoms zurückzuführen, wie bei fünfundneunzig Prozent der Patienten mit dieser Neuropathie.«

Ärzte haben die Fähigkeit, ihre Patienten mit Fachausdrücken zu erschlagen, und das Exemplar da hat diese Kunst perfektioniert. Gestern beim Freundschaftsspiel hat er nach dem ersten Satz die Fäuste triumphierend gen Himmel gereckt. Seine Schüler feuerten ihn an: »Vincent der Champion! Vincent der Champion!« Er lag in Führung, doch sein Freund Nicolas spielte die Bälle abwechselnd knapp hinters Netz oder quer über den Platz bis kurz vor die Grundlinie. Dank eines Adrenalinschubs gewann Vincent wieder die Oberhand, Punkt für Punkt bis zum Matchball. Sein Gegner war wegen des perfekten Lobs, den Vincent zuvor gekonnt auf die Grundlinie gespielt hatte, verunsichert und verlor. Denise, Madeleine, Edwige und Arlette, die zusammen zweihundertsiebenundachtzig Jahre alt waren und Faltenröcke wie zu Navratilovas Zeiten trugen, applaudierten ihrem Trainer.

Die Ärztin Catherine Leroy kritzelt unleserliche Zahlen und eine unverständliche Skizze auf ein Blatt. Er zögert. Ein Mond, Bolzen, Glühbirnen? Oder ein löchriges Kondom? Nichts, was auch nur im Entferntesten nach Augen aussieht.

»Die Ursachen von genetisch bedingten Krankheiten sind meist schwer herauszufinden. Das liegt an den vielen verschiedenen Variablen, die von Geschlecht und Alter abhängen. In sechzig Prozent aller Fälle liegen Sehprobleme innerhalb der Familie vor. Üblicherweise geben Frauen, die von dieser Krankheit betroffen sind, sie an sämtliche Nachkommen weiter, Männer recht selten. Sind Sie schon Papa?«

»Wir wollten uns erst eine größere Wohnung suchen.«

Nach dem Spiel hatte er sich auf seinen Drahtesel geschwungen und im Stehen wie wild in die Pedale getreten, um pünktlich zur Besichtigung zu kommen; er war ganz aufgeregt bei dem Gedanken, dass ihr Kind wahrscheinlich in dieser Wohnung aufwachsen würde.

Émilie und er wollen zusammenziehen. Vor zwei Jahren hatte seine Schülerin sich vom Gruppen- in den »Privatunterricht« gemogelt, hatte seinen Terminplan, sein Bett und schließlich seinen Alltag in Beschlag genommen. Er hat ihr zugesehen, wie sie in den leeren Zimmern umherwanderte, so leicht und frühlingshaft wie ihr Blumenkleid. Sie ignorierte den Immobilienmakler, der seinen Text aufsagte, wuschelte Vincent sanft durchs Haar und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich glaube, hier könnten wir es schön haben, auch wenn es nicht unsere Traumwohnung ist.« Er mag es sehr, wenn sie »unsere Ferien«, »unsere Traumwohnung« sagt, weil sie damit ihrer beider Leben miteinander verbindet.

Durch das Panoramafenster in der Praxis sieht Vincent auf der anderen Seite des Boulevards Jugendliche, die auf einem Basketballfeld dribbeln. In ihrem zukünftigen Schlafzimmer wird er das Bett vors Fenster stellen, damit sie ein Stück Himmel sehen. Seine Kräuter werden windgeschützt auf dem Balkon blühen, und anstelle der Seine ist eine herrschaftliche Platane im Nachbargarten zu sehen.

»Monsieur? Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?«

»Äh …«

»Monsieur Morel, ich weiß nicht, ob Sie den Ernst der Lage verstehen. Sie leiden an einer Leberschen Optikusatrophie. Nicht zu verwechseln mit der kongenitalen Amaurose, dem Leberschen Miliaraneurysmen-Retinopathie und der Leberschen kongenitalen Amaurose.«

»Ich muss zugeben, dass ich gerade nicht mehr mitkomme.«

»Ihre Augen verschlechtern sich unterschiedlich schnell.«

So ist das also. Er hat irgendwann gelesen, dass man ein stärkeres und ein schwächeres Auge hat. Das Auge, welches das andere immer ausgleicht, muss ja erschöpft sein. In letzter Zeit sind ihm die weißen Grundlinien auf dem Platz ungewöhnlich groß vorgekommen. Im beschlagenen Spiegel der Umkleide hat er sich nach dem Duschen nur verschwommen wahrgenommen. Und gestern, bei der Besichtigung, hat er die kleine Stufe im Badezimmer nicht gesehen und sich gerade noch am Waschbecken abgefangen. Émilie hat lauthals gelacht. Natürlich ist das nichts Schlimmes. Im Übrigen hat er keine Schmerzen, und falls er eine Brille tragen muss, dann trägt er sie halt. Darum muss man nicht so ein Brimborium machen.

»Wenn ich es mir aussuchen könnte, hätte ich lieber Kontaktlinsen, eine Brille könnte mir beim Tennisspielen von der Nase rutschen.«

Doktor Leroy verschränkt die Hände auf ihrem Schreibtisch.

»Vielleicht habe ich mich zu kompliziert ausgedrückt. Um es mit einfachen Worten zu sagen: Ihre Augen sind krank. Sie werden Ihr Sehvermögen verlieren.«

Sein gesamtes linkes Bein beginnt zu zittern. Er muss das in den Griff bekommen, muss aufstehen, diesen Ort verlassen.

»Möchten Sie ein Glas Wasser, Monsieur Morel?«

Es ist wirklich unmöglich, sich auf ihre Worte zu konzentrieren. Er flüchtet erneut. Der Immobilienmakler hat gemeint, ihre Bewerbung habe gute Chancen. Sie würden am liebsten zum Sommeranfang umziehen.

»Ich weiß nicht, was Sie mir sagen wollen.«

»Ich gebe Ihnen diese Broschüre eines Vereins mit, der Sehbehinderten hilft. Darin finden Sie zahlreiche Informationen. An Ihrer Stelle würde ich den Verein recht bald kontaktieren.«

»Das Sehvermögen verlieren und sehbehindert sein, ist das dasselbe?«

»Eigentlich nicht. Ich habe Sie bei unserem letzten Termin gewarnt, dass das genaue Resultat der Tests noch nicht vorliegt.«

»Sie haben das so formuliert, als würden Sie mir einen Regenschauer ankündigen.«

Nachdem sie ihn gebeten hat, lächerlich kleine Buchstaben zu lesen und Farben zu benennen – als könnte er Blau nicht von Grün unterscheiden –, hat sie seine Pupillen mit einer unangenehm kalten Flüssigkeit erweitert, um sie unter dem Mikroskop zu untersuchen. Dann bestand sie darauf, das Gesichtsfeld zu messen und eine Aberrometrie durchzuführen, und er hat gedacht, sie würde übertreiben.

»Es handelt sich um schwierige Untersuchungen, ich wollte Sie vor der endgültigen Diagnose nicht unnötig beunruhigen.«

»Zu spät.«

»Die Krankheit schreitet voran. Ihr linkes Auge ist schon betroffen, das andere wird bald folgen.«

»Bald?«

Sie blickt auf ihre Unterlagen, als denke sie über einen letzten Aufschub nach. Oder versuche, Zeit zu schinden.

»Zwischen drei und fünf Wochen. Es tut mir leid.«

Es tut ihr leid! Fällt ihr nichts Besseres ein? Er hätte Folgendes bevorzugt: »Ein wenig Geduld, eine einfache Operation, ein wenig Erholung, und Sie sehen wieder wie früher.«

»Gibt es denn gar keine Hoffnung? Wie hoch stehen die Chancen, dass ich doch noch drum herumkomme?«

»Die Krankheit ist leider irreversibel.«

Im Krankenhauszimmer seines Opas, seines Papigui, hatte der Arzt denselben Begriff verwendet: irreversibel. Einen Monat später war er gestorben.

»Das war es für heute, aber Sie müssen für ein Gehirn-MRT wiederkommen, um eventuelle Begleiterkrankungen auszuschließen. Hat Sie jemand hergebracht?«

»Ich komme noch gut allein zurecht.«

»In so einem Moment ist es besser, nicht allein zu sein. Sie sollten jemanden anrufen, der Sie abholt.«

Im Wartezimmer sitzt ein kleiner Junge heulend neben seiner Mutter. Er stammelt, dass die Mädchen Brillenschlangen nicht mögen. Sie versichert ihm, er habe die schönsten Augen der Welt.

2

Ohne die Arme vor sich auszustrecken, ohne zu stolpern, ohne sich bei jemandem am Ellbogen festzuhalten oder einen dieser schreckenerregenden weißen Stöcke zu umklammern, geht Vincent den Bürgersteig entlang vom Ärztezentrum bis zum Park Jeanne-d’Arc und überquert wie ferngesteuert den Boulevard de la Marne. Drei oder fünf Wochen?

Er betritt eine Buchhandlung und sichtet wahllos die Buchcover. Der Autor hat mehrere Monate im tiefsten Sibirien verbracht. Die Buchstaben sind scharf. Am Comicregal sieht er eine Frau in einem taillierten grünen Kleid, einem ins kastanienbraune Haar geknoteten orangefarbenen Halstuch und Schuhen, die ins Gelbliche spielen. Die Wände sind himmelblau.

Auf der ganzen Länge der Avenue de l’Opéra sind die Geschäfte bunt, die Menschen strahlen, die Schilder sind hell erleuchtet. Er hat noch nie so gut gesehen.

Früher im Pausenhof hat er »Wärst du lieber taub oder blind?« gespielt. »Wenn du während eines Schluckaufs schielst, bleiben deine Augen für immer so stehen.« Er hat stets »taub« geantwortet, er hat nie geschielt, immer Möhrensaft getrunken und Biolebensmittel gegessen. Er raucht nicht, läuft jeden Sonntag zwanzig Kilometer und wird beim Radfahren auch bei Steigungen nicht langsamer. Von Zeit zu Zeit genehmigt er sich mal einen, aber nur, wenn er mit seinen Kumpels feiern geht.

Drei Querstraßen von seinem Haus entfernt öffnet gerade das Kino. Er kauft sich eine Karte, der Film ist ihm egal, er setzt sich in die letzte Reihe. Die Handlung spielt in London. Zwei Jugendliche stehen im Regen vor einem roten Backsteinhaus und unterhalten sich. Als die Untertitel erscheinen, zuckt sein Bein wie wild. Er beugt sich näher zur Leinwand, reibt sich die Augen, steht abrupt auf, tritt einem anderen Zuschauer auf die Füße und rennt in der Dunkelheit hinaus.

Die Ärztin Catherine Leroy empfängt wahrscheinlich gerade einen neuen Patienten. Kurzsichtigkeit oder Bindehautentzündung. Leicht heilbar, ein paar Augentropfen, nichts Beunruhigendes. Was wird sie sich heute zum Abendessen machen? Sie schwankt noch zwischen Lammkeule mit Prinzessbohnen und Brokkoli-Quiche. Ihr Terminplan ist unverändert. Falls sie glaubt, dass siebenundzwanzig Jahre Studium vor einer Katastrophe schützen, hat die Streberin nicht alle Tassen im Schrank. Man bewältigt den Hindernislauf des Lebens, so gut es eben geht, nach Anlage und Umwelt, mit kleinen Fähigkeiten und großen Ängsten, und dann, an einem gewöhnlichen Frühlingstag, der mit Masturbieren unter der Dusche und einer Schale Müsli begonnen hat, kommt dieser Einschlag.

Drei Wochen, höchstens fünf. Drei mal sieben ist einundzwanzig. Fünf mal sieben ist fünfunddreißig. Zwischen einundzwanzig und fünfunddreißig Tagen. Außer Atem stellt er sich in eine Toreinfahrt. Soll er Émilie anrufen? Sein Herz pocht; solange er es nicht laut ausspricht, ist es auch nicht wahr. Er muss Émilie anrufen! Sie wird seine Sorgen lindern.

»Ich warte auf dich. Wann kommst du?«

»Ich habe eine schlimme Erkältung, ich komme nicht«, sagt er.

»Mist. Hast du Fieber?«

»Mindestens neununddreißig, ich kann mich kaum auf den Beinen halten.«

»Armer Schatz. Soll ich dir was aus der Apotheke holen?«

»Ich muss nur schlafen. Morgen bin ich wieder fit.«

»Ich bringe dir Suppe und Schmerzmittel vorbei.«

»Das brauchst du nicht, ich gehe früh schlafen. Küsschen!«

Vincent winkt das nächstbeste Taxi heran und lässt sich erschöpft auf die Rückbank fallen.

Soll er den Fahrer bitten, ihn zum Flughafen zu bringen? Wenn er nach Sibirien auswandert, wird ihm die Krankheit folgen? Wird die Kälte sie zerstören? Er würde gerne im Körper eines anderen Menschen erwachen, den Tag bis zum heutigen Morgen zurückspulen. Diesen 25. April ausradieren. Die Augenärztin von der Landkarte streichen.

»Wohin soll es denn gehen, Monsieur?«

»87, Avenue des Chênes, über die Kais.«

Im Rückspiegel erblickt Vincent einen Typen mit glänzenden schwarzen Augen und dunklem Teint. Also wird er nie Falten in seinem Gesicht sehen und auch keine grauen Strähnen in der vollen braunen Mähne?

»Einbahnstraßen, Fußgängerzonen und Bauarbeiten, alles wird schwieriger, es gibt immer weniger richtige Straßen.«

Vincent hört nicht zu. Dabei weiß er sonst solche flüchtigen Begegnungen zu schätzen.

»Steuern, das Punktesystem, davon haben wir mehr als genug. Ganz zu schweigen von Strafzetteln und von Uber, das mir alle Kunden wegnimmt.«

Warum ausgerechnet er? Was hat er denn falsch gemacht?

»Wie soll ich in meinem Alter noch einen neuen Job finden? Ich kann doch nur Taxi fahren.«

»Lassen Sie mich hier raus.«

Und er, Vincent Morel? Er kann anderen beibringen, einen Ball übers Netz zu spielen, aber welchen Beruf könnte er sonst noch ausüben?

Der Fluss leckt an der Kaimauer. Unter der Brücke liegen zerfledderte Kartons, ein rostiger Einkaufswagen, eine abgewetzte Decke und eine aufgeschlitzte Matratze. Jemand lebt in diesem Chaos. Ein paar Schritte weiter sitzt ein Angler auf seinem Campingstuhl und hat die Schnur ausgeworfen. Der Köder schwimmt regungslos, er wird ganz sicher verschlungen. Nur eine Frage der Zeit. Die Fische wissen nichts von ihrem Schicksal. Das graue Wasser rauscht, der Angler spult mehr Schnur ab, der Fisch zappelt am Haken, der siegreiche Mensch holt einen sich windenden Karpfen ein. Und wendet sich an Vincent.

»Ich warte schon seit Ewigkeiten. Man braucht wirklich verdammt viel Durchhaltevermögen, um im Leben belohnt zu werden.«

Vincent hat nicht gesehen, wie der Köder verschwunden ist. Drei Wochen, das ist in wie vielen Stunden?

3

Zwölf Stufen bis zum ersten Treppenabsatz. Vincent hält sich am Geländer fest und geht mit geschlossenen Augen nach oben zu seiner Wohnung.

»Was veranstalten Sie da, Monsieur Morel?«

Der Nachbar aus der zweiten Etage hat die Tür geöffnet.

»Ich übe einen Sketch ein, Monsieur Martinez, für eine Aufführung in meinem Tennisklub.«

Yannick Noah auf einem Hocker ziert die Titelseite einer Zeitschrift. Im nächsten Monat beginnen die French Open. Früher mochte er diese Zeit im Frühsommer besonders gern, inzwischen spielt er da Freundschaftsspiele, ganz anders als die Wettkämpfe damals. Statt Stress ist nun Spaß angesagt. Vincent hatte ein einziges Spiel auf einem internationalen Turnier in Paris gewonnen. Und etwas sehr Seltenes war passiert: Seine Mutter und sein Vater hatten ihn in Auteuil angefeuert, und trotz der Enttäuschung, dass er sehr früh von einem schwedischen Spieler aus dem Wettkampf geworfen wurde, hatte er noch lange davon gezehrt. Er bereut nichts. Kinder und ältere Damen in Faltenröcken zu trainieren ist genau sein Ding.

Auf dem Schrank stehen Pokale und im Regal ein Rahmen mit vielen Fotos, den seine Mutter ihm geschenkt hat. Weil Émilie nicht bei ihm übernachtet hat, stehen die Sachen vom Frühstück noch auf der Arbeitsplatte in der Küche. Sie mag es gar nicht, wenn sie sich längere Zeit nicht sehen.

Makuladegeneration, Retinitis pigmentosa, der Computer spuckt fremde Begriffe aus, die ihn nicht betreffen. Lebersche Optikusatrophie! Der Feind in fetten Lettern auf dem Bildschirm. Fünftausend Betroffene in Frankreich und Hunderttausende weltweit. Diese seltene Krankheit bricht hauptsächlich bei Männern zwischen fünfzehn und fünfunddreißig Jahren aus. Er befindet sich ganz am äußersten Rand der Statistik, aber auf der falschen Seite. Wie jedes Mal, wenn er fast gewonnen hat, fast Landesmeister wurde, beim zweiten Versuch beinahe die Junioren-French-Open gewonnen hätte. Er liest Erfahrungsberichte in Foren, stößt auf eine Frage, die vor mehr als einem Dutzend Jahren gestellt wurde. Er schafft es nicht, sein Bein zu beruhigen, das wieder zu zittern begonnen hat. Wie viele Menschen suchen wie er nach Informationen im Netz? Wie viele haben sich auf Streifzügen, die sie eigentlich beruhigen sollten, darin verlaufen?

Was er jetzt braucht, ist eine heiße Dusche. Im Badezimmer findet er eine alte Packung Xanax und schluckt gedankenlos zwei Tabletten. Durchs Fenster betrachtet er den Fluss, der ruhig und reglos dahinfließt. Von einem Augenblick auf den anderen gleiten die Wolken, die sich darin spiegeln, ins Wasser. Er hätte Émilies Fürsorge annehmen sollen. Er wäre gern wieder der kleine Junge, den die Mutter bei der Hand nimmt. Wie soll er es ihr beibringen? Es ihnen beibringen? Nicht nur er ist krank, auch andere werden seinetwegen leiden. Wie kündigt man eine Naturkatastrophe an?

Am gegenüberliegenden Ufer flattern die Fahnen frei im Wind, er hat sie nie gezählt. Plötzlich verspürt Vincent eine jähe, heftige Liebe zu diesem Fluss. Die Nacht bricht herein. Der Flieder des Nachbarn duftet, es riecht angenehm und zugleich aufdringlich. Er holt seine Kräuter herein, dann legt er sich angezogen aufs Bett.

Er lässt den Strahl der Taschenlampe, die er im Nachttisch aufbewahrt, über die Karte von Frankreich gleiten. Die Regionen, die Départements, die Städte, die mit Fähnchen übersät sind, er kennt sie auswendig. Rennes: 6/4, 2/6, 6/3; Clermont-Ferrand: 7/5, 6/1; Nizza: 6/2, 6/4, 6/6 Regen, das Spiel wurde mitten im Tiebreak abgebrochen, zwei Punkte vor dem grandiosen Sieg. Wenn er könnte, würde er die Zeit bis zu diesem Tag in Nizza zurückdrehen. Die Grundlinie klar und deutlich, präzise Schläge, schnelle Aufschläge. Der Schiedsrichter hat gezögert, aber Vincent war sich ganz sicher. Kein Millimeter zu weit rechts, kein Millimeter zu weit links, der Ball hat die Linie gestreift und er den Sieg.

Er kämpft gegen den Schlaf an. Und wenn er beim Aufwachen blind ist? Maximal fünf Wochen. Und minimal? Wie viele Minuten, Sekunden? Wenn er schläft, wie viele sehende Stunden verliert er dann? Das Telefon steht neben ihm. Ein Anruf würde genügen, schon müsste er nicht mehr allein vor sich hin grübeln. Er ist schweißnass, sein Magen zieht sich krampfartig zusammen, und er rennt auf die Toilette, um sich zu übergeben. Galle, schon wieder Galle. Nächtliche Ängste ähneln einer Mischung aus Krämpfen, Furcht, Auflehnung und Verzweiflung. Er reißt den Stecker des Fernsehers heraus und dreht das Gerät zur Wand.

4

Unter der Decke zögert Vincent eine Sekunde lang, dann streichelt er Émilie über das blonde Haar und die winzigen Brüste, die nach dem Winter noch blass sind. Eines Morgens wird er sie nicht mehr sehen. Eine schnelle Dusche, eine Schale Müsli, die er im Stehen am Küchentresen hinunterschlingt, ein letzter Blick auf seine schlafende Libelle – bläuliche Augenringe, bebende Nasenlöcher, Grübchen auf dem Kinn –, und er rennt die Treppe hinunter. Er weiß es seit fünf Tagen. In diesen fünf Tagen hat er es nicht geschafft, mit ihr zu sprechen. Bald wird er nicht mehr ins Treppenhaus fliehen können. Er hat mehrmals angesetzt, herumgedruckst und sich dann aus dem Staub gemacht. Am Samstag wollte er es ihr an einer roten Ampel an der Ecke Place de Marché/Rue Carnot sagen, aber es wurde sehr schnell Grün, und dann hat sie ihm erzählt, dass ihre Freundin Sandrine vom Abteilungsleiter begrapscht wurde. Am Sonntag haben um neun Uhr, als er gerade loslegen wollte, die Glocken geläutet. Er hat sämtliche Gelegenheiten verpasst und auch nicht die Kraft aufgebracht, sein Kündigungsschreiben einzuwerfen. Denis würde es verstehen, sie arbeiten seit zwölf Jahren zusammen. Ein solcher Chef ist ein Glücksgriff. Laut Doktor Leroy wird er in kurzer Zeit weder die Grundlinie noch die Netzmaschen erkennen können. Erst verschwimmt alles, dann sieht man gar nichts mehr. Seine Karriere als Tennislehrer ist damit beendet, außer ihm weiß es noch niemand. Er schlendert ziellos umher, setzt sich auf eine Bank, ruft beim Tennisklub an, erreicht nur den Anrufbeantworter und stammelt etwas von einer schlimmen Grippe. Nicht gerade mutig.

Was hat er in diesen letzten fünf Tagen gemacht? Er hat sie an sich vorüberziehen lassen, dennoch haben sie unendlich lange gedauert. Fünf Tage in absoluter Einsamkeit. Fünf Tage wie ausgeklammert. Sein Geheimnis beherrscht alles, jeder Quadratzentimeter seines Körpers ist von der explosiven Wahrheit verunreinigt. Nachher wird er die Bombe platzen lassen. An einem schönen Ort, um die Neuigkeit erträglich zu machen. Eine ruhige Umgebung soll seine Eröffnung abfedern, vergleichbar mit dem Verlangen, angesichts der Gewaltigkeit wegzugehen und durchzuatmen.

Wie soll er Émilie beibringen, was ihm passiert? Zum Glück kann er sich auf ihren Optimismus und ihr heiteres Gemüt verlassen. Aber seine eigenen Ängste, seine Wut will er ihr nicht aufhalsen.

Sie sitzt bereits an einem Tisch an der Schenke am Wasser. Eine Lichterkette spiegelt sich auf der Wasseroberfläche, Weißwein wartet in der Karaffe.

Er hat sie immer schon gern überrascht, indem er sie an ungewöhnliche Orte einlud. Eines Nachts sind sie in die Gärtnerei eingebrochen, wo er als Student arbeitete, und haben mitten in Kohl und Rüben ein Picknick abgehalten. Trifft er ihren Geschmack, dann ist sie total aus dem Häuschen. Liegt er daneben, lacht sie nachsichtig und sagt, dass er nächste Woche etwas Besseres findet. Er fürchtet, dass sie diese Sorglosigkeit bald verlieren wird.

»Ich wollte dir Blumen mitbringen …«

»Du schenkst mir nie Blumen, weder zum Valentinstag noch zum Geburtstag.«

Heute Abend wird er ihr die Wahrheit sagen. Heute Abend wird er das Unsagbare erzählen. Heute Abend wird kein Lachen ertönen.

»Hast du mich hierhergeführt, um unsere zukünftige Wohnung zu feiern, haben wir sie bekommen? Das ist zugleich originell und altmodisch.«

Mit leicht schräg gelegtem Kopf betrachtet sie ihn aus graugrünen Augen. Die Diagnose der Augenärztin wird zum ersten Mal über jemand anders als ihn selbst hereinbrechen. Er kennt sie auswendig: Lebersche Optikusatrophie, nicht zu verwechseln mit der kongenitalen Amaurose, der Zapfen-Stäbchen-Dystrophie, der Retinitis pigmentosa. Einmal laut ausgesprochen, hier, unter den Lampions, werden die Begriffe die Wahrheit geradezu herausschreien.

»Hörst du mir zu?«

Er wartet noch wenige Sekunden mit der schmerzhaften Ankündigung, die ihr Lächeln gefrieren lassen wird.

»Deine Augen sind glasig. Hast du wieder Fieber?«

Der Fluss hinter ihnen wird weiter in seinem gewohnten Bett fließen. Er steht nicht still, nur weil Vincents Welt plötzlich aus den Fugen geraten ist. Die Vögel werden weitersingen. Émilie wird weinen. Und er, unfähig, ihre Tränen zu trocknen oder sie in die Arme zu nehmen, wird die Ungerechtigkeit des Schicksals verfluchen.

»Feiern wir zusammen?«

Zusammenleben. Eine Familie gründen. Vater werden. Das Baby, das sie schon seit sechs Monaten andeutungsweise erwähnen. Vincent schwankt. Ein Kind, ohne etwas zu sehen? Wenn er es anzieht, wird es wie ein Clown aussehen. Und wenn er es im Park verliert? Wenn er es in der Badewanne unter Wasser rutschen lässt? Ein Baby, zwei Babys, drei Babys. Ein gerahmtes Foto von ihnen im Regal?

Er trinkt einen Schluck Wein, dann noch einen. Der Kellner bringt die Karte. Von nun an prägt sich Vincent unwillkürlich jedes Gesicht genau ein, weil er es wahrscheinlich zum letzten Mal sieht. Langes, mageres Gesicht, große Nase, vorstehende Augenbrauen, schmaler Mund, seltsam fliehendes Kinn.

»Wünschen die Herrschaften eine Vorspeise?«

Vincent antwortet ihm monoton: »Wir haben uns noch nicht entschieden.«

»Du denkst zu viel nach. Du bist hier nicht auf dem Tennisplatz, wo du alles analysieren musst. Atme mal tief durch.«

Sie war ihm in der zweiten Trainingsstunde aufgefallen. Die einzige Schülerin, die von Kopf bis Fuß weiß angezogen war. Bei jeder geglückten Rückhand hüpfte sie vor Freude auf und ab. Diese Leichtigkeit hat es ihm angetan. Ja, er träumt von einem Kind mit ihr, ja, er liebt sie, ja, er ist sich sicher, die nächsten fünfzig Jahre mit ihr verbringen zu wollen.

»Du wirst es irgendwann bereuen, dass du dein ganzes Leben dem Sport gewidmet hast.«

Der Kellner bringt ihnen Brot und salzige Butter auf einem hübschen Holzbrett. Vincent kann es nicht länger aufschieben, deswegen stürzt er den Wein hinunter und fasst sich ein Herz.

»Ich leide an einem Gendefekt. In einem Monat werde ich völlig erblindet sein.«

Die graugrünen Augen mit den bläulichen Augenringen füllen sich mit Tränen. Entweder wird Émilie ihr Glas ruhig wieder abstellen oder es in einem Zug austrinken. In manchen Augenblicken hat man das Gefühl, die Zeit bleibt stehen, weil einen der Abgrund, der sich vor einem auftut, schwindelig werden lässt.

Das Glas Sauternes in der Hand, stammelt sie schließlich: »Du willst nicht mehr mit mir zusammen sein und kannst es mir nicht offen sagen, deswegen erfindest du wer weiß was, damit ich dir die Entscheidung abnehme. Wusstest du das bereits, als wir die Wohnung besichtigt haben, oder hast du erst danach deine Meinung geändert? Echt mutig! Wie kannst du so dreist sein, mir so etwas aufzutischen?«

5

Wie hoch ist der Prozentsatz an Diagnosefehlern in der Medizin? Zwei Prozent? Fünfzehn Prozent? Wahllos hat er die Nummer eines Augenarztes herausgesucht – im Urlaub. Er verliert das Augenlicht, und die Leute fahren in den Urlaub! Der nächste bietet ihm einen Termin in drei Monaten an.

Er sitzt in der Notaufnahme und ist ein wenig ruhiger. Hier wird man ihn ernst nehmen. Catherine Leroy ist eine Spinnerin. Zwischen Verschwommensehen und Erblinden gibt es noch viele Schattierungen. Fünf Wochen oder fünf Jahre, was weiß sie schon? Vielleicht wird er auch niemals erblinden. Etwas Vorübergehendes. Sie hat nichts probiert. Keinerlei Behandlung. Überhaupt nichts. Er sollte ihren Patienten mitteilen, dass sie ihren Doktortitel im Lotto gewonnen hat.

Eine kleine Rothaarige in Krankenschwesteruniform steht plötzlich in Flur B, doch sie ruft eine Dame auf. Er hockt hier schon ewig lange herum. Die anderen warten artig. Sobald sie sich angemeldet haben, lassen sie sich treiben. Jemand wird sich schon um sie kümmern. Wie abhängig die Menschen doch sind. Oder ahnungslos.

»Die Leute kommen nach der Schwere ihrer Verletzungen dran, Monsieur. Zuerst sind lebensbedrohliche Notfälle an der Reihe: Herzkranke, dann Schwerverletzte und Unfallopfer.«

An der anderen Seite des Raumes flüstert ein Paar. Hervorstehende Wangenknochen, eingefallenes Gesicht, tiefe Falten. In hohem Alter, zerbrechlich. Er hat buschige Augenbrauen unter einer weißen Mähne und große knochige Hände. Sie ist schlank und hat struppiges kurzes Haar. Vincent schaltet sein Telefon ein, steckt es wieder in die Tasche, dann zögert er und tippt. Mir ist etwas Schlimmes passiert, ich brauche dich, er löscht es. Kannst du kommen? Jetzt. Er löscht es. Hast du demnächst mal Zeit? Jean-Marc antwortet umgehend: Bin im Stress, zu viel Arbeit. Frühestens in zwei Wochen. Nicolas antwortet: Ich fliege in einer Stunde nach Mauritius, hast du das vergessen? Wir sehen uns auf dem Platz, wenn ich wieder da bin.

»Heute ist kein Augenarzt verfügbar, ich werde nachschauen, ob Sie ein Allgemeinmediziner empfangen kann.«

Und immer noch keine Nachricht von Émilie.

»Es tut mir leid, der diensthabende Arzt ist äußerst beschäftigt.«

Zwei Stunden auf diesen kalten und ungemütlichen Stühlen inmitten von zu wenig Pflegepersonal, metallischen Geräuschen und dem Geruch nach Angst. Er hätte ihr sagen sollen: »Ich liebe dich, ich will ein Kind mit dir. Eine Wohnung oder ein Haus mit Garten, aber mit dir.« Er hat nicht versucht, sie zurückzuhalten, nicht daran gedacht, ihr den Befund zu zeigen. Zwischen den Lichterketten und der Weinkaraffe, den Tränen in ihren graugrünen Augen. Sie hat die Jacke angezogen, die er ihr zum ersten Jahrestag auf dem Flohmarkt gekauft hatte, ist aufgestanden und abgehauen. Und er ist wie ein Idiot sitzen geblieben.

Auf der Richterskala ist Erblinden ein Erdbeben der Stärke 12. Und trotzdem sagt man ihm, kein Augenarzt sei verfügbar und der Notarzt überlastet.

Er wird Émilie noch einmal anrufen, ihr vorschlagen, im Café des Arcades etwas zu trinken, damit sie weiß, dass er nicht vor ihrer gemeinsamen Zukunft flieht. Er wird ihr seine Krankheit erklären, sich entschuldigen, dass er erst jetzt damit herausrückt, aber er hat es erst verdauen müssen. Sie werden der Sache gemeinsam entgegentreten.

Ein Kerl kommt schreiend herein, er hat ein vollgeblutetes Küchentuch um die linke Hand gewickelt, die Finger befinden sich in einer Plastiktüte mit Eiswürfeln. »Warten« und »Notfall« – zwei Worte, die nicht zusammenpassen.

Wie viele Menschen kommen wegen eines Schnupfens hierher? Einem eingewachsenen Zehennagel? Wie viele sterben auf den Plastikstühlen? Er verlangt nicht viel. Ein Heilmittel gegen das Unannehmbare oder eine Bestätigung, dass Madame Schießmichtot eine falsche Diagnose gestellt hat.

Kopflos schnappt sich Vincent seine Jacke, läuft über den nach Desinfektionsmittel riechenden Flur an einem Verletzten auf einer Trage vorbei, flieht durch die automatische Tür und steht schließlich wieder auf dem Parkplatz. Er atmet so tief und gierig ein, als würde er aus Wasser auftauchen. Wenn ihm nur noch so wenig Zeit bleibt, die Welt in drei Dimensionen zu sehen, will er sie nicht in diesem deprimierenden Bau verbringen.

Kaum zu Hause, zieht er ruckartig die Schreibtischschublade auf, nimmt das in blaues Leinen gebundene Notizbuch heraus, reißt die ersten Seiten heraus, auf denen er die Ausrüstung für den Campingurlaub mit seinen Kumpels in der Verdonschlucht notiert hat, und fängt an zu schreiben.

3. Mai

–  Rasen von Wimbledon betreten

–  200 Meter freihändig Fahrrad fahren

–  Schlittschuhfahren lernen

–  Mit meinem Vater den Mont Blanc besteigen

–  Europareise mit Émilie, Tulpenfelder in Amsterdam (abhängig von der Jahreszeit) und Balaton in Ungarn

–  Sambatanzen beim Karneval in Rio

–  Jakobsweg … 39 Tage wandern

–  Nordlichter in Skandinavien oder auf Island sehen

–  Roter Platz in Moskau bei Schnee

–  Grand Canyon Nein, Dune du Pilat

–  Auf Hawaii surfen In Biarritz surfen

–  Einen bissigen Hund beißen

–  Eine Unbekannte küssen

–  Meinen Körper der Wissenschaft zur Verfügung stellen (nicht die Augen)

–  Ein Tattoo: Ich sehe euch

–  Madame Humblet aus der Grundschule besuchen und ihr sagen, dass sie mir viel bedeutet hat.

–  An einen Gott glauben … aber an welchen?

–  Eine Spur hinterlassen

6

Vincent sieht beim Frühstück immer auf die über der Seine aufgehende Sonne. Den Frühling, wenn sie das Wasser rosafarben und golden färbt, mag er lieber als andere Jahreszeiten. Er verteilt langsam Butter, dann Marmelade auf seinem Toast, gießt sich eine erste Tasse Kaffee ein, trinkt noch eine. Das Telefon klingelt. Sicher seine Mutter, die in drei Tagen bereits vier Nachrichten hinterlassen hat. Émilie wird zurückkommen. Er wird ihre Schritte im Treppenhaus hören und ihr in die Augen sehen, sie wird sagen: »Meine Reaktion tut mir leid, wir bleiben zusammen.« Wirklich? Nichts ist mehr sicher.

Er dreht sich zum Fenster, der strahlende Himmel zwingt ihn nach draußen. Zu einer Spritztour mit hundert Prozent Adrenalin. Es laufen lassen. Die Maschine zum Explodieren bringen. Die Arme triumphierend nach oben reißen. Sich selbst belügen, um zu überleben.

Man erwartet ihn beim Orga-Treffen für die Sommerkurse, doch das wird ohne ihn stattfinden. Er hat es nicht geschafft, ihnen die Wahrheit mitzuteilen, sie werden es früh genug erfahren. Warum soll er Kurse planen, die er sowieso nicht geben kann?