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Das Osmanische Reich, jahrhundertelang einer der mächtigsten Player Europas, reichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer noch von Bosnien bis zum Persischen Golf. Als es 1914 überraschend auf der Seite Deutschlands und Österreich-Ungarns in den Krieg eintrat, veränderte dies die Kräfteverhältnisse und strategischen Überlegungen grundlegend! Hier, im Mittleren Osten, verläuft nun - neben der Westfront - die wichtigste, aber wenig verstandene Front: Die beispiellose Invasion der Briten und Franzosen bei Gallipoli, die als Vorspiel zur Eroberung Istanbuls gedacht war, scheitert zwar vollständig. Trotzdem aber ist die Niederlage gegen die Entente-Mächte unausweichlich, und das Osmanische Reich muss den Weg frei machen für die Schaffung einer neuen Ordnung im Nahen Ostens, die bis heute nachwirkt. Eugene Rogan schildert eindrucksvoll den Kampf und endgültigen Untergang des Osmanischen Reiches von 1908/1914 bis 1920 und ermöglicht damit eine ganz neue, moderne Sicht auf den Ersten Weltkrieg.
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Seitenzahl: 1017
Veröffentlichungsjahr: 2021
Isabelle Tui Woods Rogan gewidmet
Die englische Originalausgabe ist 2015 bei Allen Lane / Penguin unter dem Titel The Fall of the Ottomans. The Great War in the Middle East, 1914-1920 erschienen.
© 2015 by Eugene Rogan
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wbg Theiss ist ein Imprint der wbg.
© der deutschen Ausgabe 2021 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt
Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.
Lektorat: Eva Berié, Berlin
Gestaltung und Satz: Arnold & Domnick, Leipzig
Einbandgestaltung: Martin Veicht, Regensburg
Einbandabbildungen: links: Einzug der Araber in Akaba am 6. Juli 1917, © Giancarlo Costa / Bridgeman Images, rechts: britische und britisch-indische Truppen in Jerusalem, 1918, © Pictures from History / Bridgeman Images.
Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier
Printed in Europe
Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de
ISBN 978-3-8062-4307-9
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:
eBook (PDF): 978-3-8062-4301-7
eBook (epub): 978-3-8062-4302-4
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Innentitel
Inhaltsverzeichnis
Informationen zum Buch
Informationen zum Autor
Impressum
Vorbemerkung zur Nomenklatur
Vorwort
Kapitel 1: Eine Revolution und drei Kriege: 1908–1913
Kapitel 2: Der Frieden vor dem Weltkrieg
Kapitel 3: Der weltweite Ruf zu den Waffen
Kapitel 4: Die ersten Salven: Erzurum, Basra, Aden, Ägypten und das östliche Mittelmeer
Kapitel 5: Der Beginn des Dschihad: Osmanische Kriegszüge im Kaukasus und im Sinai
Kapitel 6: Der Angriff auf die Dardanellen
Kapitel 7: Die Vernichtung der Armenier
Kapitel 8: Der osmanische Triumph auf Gallipoli
Kapitel 9: Die Invasion Mesopotamiens
Kapitel 10: Die Belagerung von Kut
Kapitel 11: Der Arabische Aufstand
Kapitel 12: Osmanen in der Defensive: Bagdad, der Sinai und Jerusalem
Kapitel 13: Von Brest-Litowsk nach Moudros
Schluss: Der Untergang des Osmanischen Reichs
Anhang
Karten
Dank
Anmerkungen
Quellen und Literatur
Bildnachweis
Register
Noch Anfang des 20. Jahrhunderts war es übliche Praxis, von der Türkei zu sprechen, wenn das Osmanische Reich gemeint war. Damit überging man die ethnische und religiöse Vielfalt des Reichs, in dem Araber, Kurden, Griechen und Armenier ebenso eine osmanische Identität beanspruchen konnten wie die Türken. Um die ermüdende Wiederholung des Wortes „osmanisch“ auf den folgenden Seiten zu vermeiden, wird hier von der alten Praxis Gebrauch gemacht werden und „osmanisch“ und „türkisch“ synonym Verwendung finden, vor allem wenn es um die Armee geht. Soll hingegen eine bestimmte ethnische oder religiöse Gemeinschaft von der türkischen Mehrheit unterschieden werden, wird von „osmanischen Arabern“ oder „osmanischen Armeniern“ die Rede sein.
Tendenziell werden im Folgenden Städte auch mit ihren modernen türkischen Namen und nicht mit den Anfang des 20. Jahrhunderts noch verbreiteten europäischen Formen aufgeführt. Insofern finden sich hier eher „Istanbul“ und nicht „Konstantinopel“ sowie „Izmir“ statt „Smyrna“ oder „Trabzon“ anstelle von „Trapezunt“. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass die Leserinnen und Leser diese Städte auf einer modernen Karte schneller zuordnen können. Aus demselben Grund werden auch die arabischen Städte in diesem Buch bei ihren üblichen westlichen Namen genannt – also Beirut, Damaskus, Mekka und Medina anstatt Bayrut, Dimaschq, Makka oder Madina.
Der Obergefreite John McDonald fiel am 28. Juni 1915 auf Gallipoli. Er wurde 19 Jahre alt und war, ohne es zu wissen, mein Großonkel. Nichts in seinem Leben hatte John McDonald auf diesen Tod in einem weit entfernten Land vorbereitet. Er stammte aus einem kleinen schottischen Dorf in der Nähe von Perth und ging auf das Dollar-Academy-Internat, wo er Charles Beveridge kennenlernte, der sein bester Freund werden sollte. Im Alter von 14 Jahren verließen die beiden die Schule, um sich Arbeit zu suchen: Sie zogen nach Glasgow und fanden eine Anstellung bei der North British Locomotive Company. Als im Sommer 1914 in Europa der Krieg ausbrach, schlossen sich Beveridge und McDonald gemeinsam den Scottish Rifles an (die auch als Cameronians bekannt sind). Die ungeduldigen Rekruten der 8th Scottish Rifles erhielten in den folgenden Monaten ihre Ausbildung und waren neidisch auf jene Bataillone, die schon vor ihnen nach Frankreich in die Schlacht ziehen durften. Erst im April 1915 wurde das 1/8th Battalion zum Dienst gerufen – allerdings nicht nach Frankreich, sondern zum Kampf gegen das Osmanische Reich.
McDonald und Beveridge verabschiedeten sich am 17. Mai 1915 von ihren Freunden und Familien und brachen in den Krieg auf. Per Schiff gelangten sie auf die griechische Insel Limnos, die britischen und alliierten Truppen als Stützpunkt für den Angriff auf Gallipoli diente. Als die Freunde am 29. Mai in den Hafen von Moudros einfuhren – einen Monat nachdem mit der Landung auf Gallipoli begonnen worden war –, passierten sie eine riesige Armada von Kriegs- und Transportschiffen, die dort vor Anker lag. Die jungen Rekruten dürften ehrfürchtig die Dreadnoughts und Super-Dreadnoughts bestaunt haben – einige der damals größten Schiffe weltweit. Viele zeigten Spuren des heftigen Kampfs um die Dardanellen, da die Schiffsrümpfe und Schornsteine von türkischer Artillerie getroffen worden waren.
Die Schotten bekamen zwei Wochen Zeit, um sich an den Sommer im östlichen Mittelmeer zu gewöhnen, und zogen dann in die Schlacht. Mitte Juni fuhren sie unter dem Jubel der Soldaten und Matrosen auf den noch nicht zum Einsatz befohlenen Schiffen aus Moudros ab. Nur jene, die schon auf Gallipoli gewesen waren und daher wussten, was auf die unschuldig dreinblickenden jungen Rekruten wartete, hielten ihre Begeisterung im Zaum. Ein Cameronian erinnerte sich: „Wir riefen zu einem Schiff voller kranker und verwundeter Australier hinüber: ‚Sind wir deswegen entmutigt? Nein!‘, als ein australischer Witzbold brüllend antwortete: ‚Nun, dann seid ihr es aber in Kürze.‘ Auch wenn unsere Jungs von dieser Antwort ein wenig verblüfft waren, so zeigten sie sich doch nicht von ihr überzeugt.“1
Am 14. Juni war das gesamte Bataillon sicher an Land. Vier Tage später rückten die 8th Scottish Rifles eine steile Klamm namens Gully Ravine zur Front hinauf. Durch das nie nachlassende Maschinengewehr- und Artilleriefeuer, für das Gallipoli bereits berüchtigt war, erlitten die Cameronians schon in den Schützengräben erste Verluste. Als den Scottish Rifles der Befehl zum Angriff auf die türkischen Stellungen erteilt wurde, hatten sie ihren jungenhaften Enthusiasmus bereits verloren. Ein Offizier hielt später fest: „Ob es eine Vorahnung war oder nur die Belastung durch die erst kurz zuvor übertragene Verantwortung, ich konnte jedenfalls [unter den Soldaten] keine Siegesgewissheit spüren.“2
Dem britischen Angriff vom 28. Juni war ein zweistündiger Beschuss durch Schiffskanonen vorausgegangen. Augenzeugen bezeichneten die Bombardierung als unwirksam – das Feuer war bei Weitem nicht ausreichend, um die entschlossenen osmanischen Soldaten aus ihren Verteidigungsstellungen zu vertreiben. Der britische Angriff begann wie geplant um 11 Uhr. Wie an der Westfront kletterten die Männer auf das schrille Pfeifsignal hin aus ihren Gräben. Als die Cameronians hinaufgestiegen waren, empfing sie das volle Feuer der osmanischen Soldaten, die, unbeeindruckt vom Bombardement der britischen Schiffe, in ihren Stellungen verharrten. Innerhalb von nur fünf Minuten waren die 1/8th Scottish Rifles praktisch ausgelöscht. John McDonald starb an seinen Verwundungen im Krankenlager vor Ort und wurde auf dem Lancashire Landing Cemetery beigesetzt. Charles Beveridge starb außerhalb der Reichweite der Krankenträger. Seine Überreste konnten erst nach dem Friedensschluss von 1918 geborgen werden, als seine Knochen bereits nicht mehr von denen der Männer zu unterscheiden waren, die neben ihm zu Tode gekommen waren. Er liegt in einem Massengrab; sein Name wurde in das große Mahnmal am Kap Helles eingraviert.
Das Schicksal der beiden Cameronians brachte Schrecken und Trauer über ihre Freunde und Familien in Schottland. Die Dollar Academy veröffentliche in der Herbstausgabe ihrer Vierteljahreszeitschrift Nachrufe auf John McDonald und Charles Beveridge. Die Zeitschrift beschrieb die beiden jungen Männer als allerbeste Freunde: „Sie arbeiteten zusammen, sie lebten in den gleichen Zimmern, meldeten sich zusammen bei der Armee und ‚in ihrem Tod waren sie nicht getrennt‘.“ Der Nachruf endete mit den Worten: „Beide waren sie junge Männer von herausragendem Charakter und der Positionen, die sie einnahmen, würdig.“ Auch den trauernden Eltern sprach man Mitgefühl aus.
Der Schmerz war größer, als dass ihn meine Urgroßeltern hätten schultern können. Nur ein Jahr nach dem Tod ihres einzigen Sohnes wagten die McDonalds den außergewöhnlichen Schritt und verließen noch während des Krieges Schottland, um sich in den Vereinigten Staaten niederzulassen. Im Juli 1916 – die deutschen U-Boot-Angriffe auf die Atlantik-Schifffahrt waren gerade unterbrochen – nahmen sie zusammen mit ihren beiden Töchtern ein Schiff mit dem für sie ergreifenden Namen SS Cameronia und reisten nach New York. Sie kehrten nie nach Europa zurück. Schlussendlich landete die Familie in Oregon, wo meine Großmutter mütterlicherseits später heiratete und meine Mutter und meinen Onkel zur Welt brachte. Sie und all ihre Nachfahren verdanken ihr Leben dem verfrühten Tod von John McDonald.
Meine persönliche Verbindung zum Ersten Weltkrieg ist alles andere als einzigartig. Eine 2013 im Vereinigten Königreich durchgeführte Umfrage der YouGov-Agentur fand heraus, dass 46 Prozent aller Briten ein Familienmitglied hatten oder in ihrem unmittelbaren Umfeld eine Person kannten, die im Ersten Weltkrieg gedient hatte. Solche persönlichen Verbindungen erklären auch noch mehr als ein Jahrhundert nach seinem Ausbruch die anhaltende Faszination für diesen Krieg. Das schiere Ausmaß der Mobilisierung und das Gemetzel trafen in den Ländern, die von dem Konflikt betroffen waren, so gut wie jede Familie.3
Ich erfuhr von der Geschichte meines Großonkels, als ich mich 2005 auf eine Reise nach Gallipoli vorbereitete. Meine Mutter Margaret, mein Sohn Richard und ich, die Vertreter dreier Generationen, brachen zu den Kriegsgräbern auf, um unseren Respekt zu bezeugen, und waren damit seit 90 Jahren die ersten Familienangehörigen, die John besuchten. Als wir über die gewundenen Straßen der Halbinsel Gallipoli zum Lancashire Landing Cemetery fuhren, bogen wir an einer Stelle falsch ab und landeten beim Nuri-Yamut-Denkmal, das an die türkischen Kriegstoten des 28. Juni erinnert – an genau jene Schlacht, in der John McDonald und Charles Beveridge ums Leben kamen.
Das Denkmal für die türkischen Gefallenen der Schlacht um Gully Ravine, auf Türkisch Zığındere, war eine absolute Entdeckung für mich. Während die Einheit meines Großonkels etwa 1400 Männer verlor – etwa die Hälfte all ihrer Soldaten – und die britischen Verluste insgesamt rund 3800 Soldaten betrugen, kamen bis zu 14 000 Osmanen bei diesen Kämpefen ums Leben. Das Nuri-Yamut-Denkmal ist das Massengrab für all diese osmanischen Soldaten, die unter einer schlichten Marmorgrabplatte mit der einfachen Aufschrift „Şehidlik 1915“ („Märtyrertod 1915“) beerdigt wurden. Alle Bücher, die ich über die Cameronians gelesen hatte, behandelten die furchtbare Verschwendung von britischem Leben an dem Tag, an dem auch mein Großonkel starb. Keine der englischen Quellen hatte die Tausenden türkischen Toten auch nur erwähnt. Es war ernüchternd, zu erkennen, dass die Zahl der trauernden türkischen Familien die Zahl jener, die in Schottland weinten, deutlich überstieg.
Ich reiste von Gallipoli mit der Erkenntnis ab, wie wenig wir im Westen über die türkischen und arabischen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg wissen. Die Unmenge der auf Englisch publizierten Bücher über die verschiedenen Fronten im Nahen Osten betrachteten ausschließlich britische oder alliierte Erlebnisse. Gallipoli galt als „Churchills Debakel“; Kut al-Amara war die „Kapitulation von Townshend“; der Aufstand der Araber wurde von „Lawrence von Arabien“ angeführt; es ging um „Maudes Einzug“ in Bagdad und „Allenbys Eroberung“ von Jerusalem. Sozialhistoriker, die sich der Umkehrung der offiziellen Geschichtsbetrachtung, die immer von oben nach unten verlief, verschrieben hatten, erforschten die Erfahrungen der einfachen Soldaten. Sie lasen die Tagebücher und Briefe, die in den Archiven der privaten Unterlagen des Londoner Imperial War Museum, im Australian War Memorial in Canberra oder in der Alexander Turnbull Library in Wellington zu finden sind. Nach einem Jahrhundert der Forschung verfügen wir über ein umfassendes Wissen über die alliierte Seite der Schützengräben. Doch wir haben gerade erst begonnen, uns auch die andere Seite anzuschauen – die Erfahrungen der osmanischen Soldaten, die sich in einem verzweifelten Überlebenskampf gegen mächtige Invasoren befunden hatten.
Es ist recht schwer, sich der osmanischen Front von der türkischen Seite der Schützengräben aus zu nähern. Auch wenn es Dutzende auf Türkisch oder Arabisch veröffentlichte Tagebücher und Autobiografien gibt, so verfügen nur wenige Wissenschaftler im Westen über die Sprachkenntnisse, diese auch zu lesen, und nur ein Bruchteil der veröffentlichten Primärquellen liegt in Übersetzungen vor. An Archivmaterialien zu gelangen scheint noch schwieriger. Das Türkische Archiv für militärische und strategische Studien in Ankara (Askeri Tarih ve Stratejic Etüt Başkanlığı Arşivi, kurz ATASE) besitzt die größte Sammlung an Primärmaterialien aus dem Ersten Weltkrieg im Nahen Osten. Doch der Zugang zum ATASE wird streng überwacht, und Forscher benötigen hierfür eine Sicherheitsfreigabe, deren Erteilung Monate dauern kann – und häufig genug verwehrt wird. Große Teile des Archivs sind für Wissenschaftler gesperrt, die zudem mit Einschränkungen beim Kopieren des Materials leben müssen. Einer Reihe türkischer und westlicher Forscher wurde dennoch Zutritt gewährt, und sie beginnen nun mit der Veröffentlichung wichtiger Analysen zu den osmanischen Erfahrungen im Weltkrieg. Andernorts im Nahen Osten wurden die Nationalarchive, sofern sie überhaupt existieren, erst deutlich nach dem Krieg gegründet und legen keinen besonderen Schwerpunkt auf den Weltkrieg.4
Die Vernachlässigung des Ersten Weltkriegs in arabischen Archiven spiegelt sich allgemein auch in den arabischen Gesellschaften wider. Anders als in der Türkei, in der das Schlachtfeld Gallipoli mit türkischen Mahnmalen übersät ist und jedes Jahr Gedenkveranstaltungen abgehalten werden, gibt es in den Städten und Dörfern der arabischen Welt keine Kriegsdenkmäler. Auch wenn so gut wie jeder moderne arabische Staat auf irgendeine Weise in den Weltkrieg hineingezogen worden ist, wird der Konflikt als ein Krieg der anderen erinnert – eine Zeit des Leidens, die dem arabischen Volk vom angeschlagenen Osmanischen Reich und dessen unbesonnener jungtürkischer Führung zugemutet wurde. In der arabischen Welt hat der Erste Weltkrieg Märtyrer hinterlassen (vor allem jene arabischen Aktivisten, die auf den zentralen Plätzen in Beirut und Damaskus gehängt wurden, welche man in beiden Städten später in „Märtyrerplatz“ umbenannte), aber keine Helden.
Es wird Zeit, die osmanische Front an die richtige Stelle zu rücken und zwar sowohl in der Geschichte des Ersten Weltkriegs als auch in der des Nahen Ostens. Denn der Kriegseintritt der Osmanen hat mehr als jedes andere Ereignis dafür gesorgt, dass der europäische Konflikt zu einem Weltkrieg wurde. Im Gegensatz zu den kleineren Auseinandersetzungen im Fernen Osten oder Ostafrika wurden im Nahen Osten über die gesamten vier Jahre des Krieges hinweg große Schlachten geschlagen. Darüber hinaus waren die Schlachtfelder des Nahen Ostens häufig die internationalsten des Krieges: Australier und Neuseeländer, alle Völker aus Südasien, Nordafrikaner, Senegalesen und Sudanesen machten gemeinsame Sache mit Franzosen, Engländern, Walisern, Schotten und Iren gegen türkische, arabische, kurdische, armenische und tscherkessische Soldaten in der osmanischen Armee und ihre deutschen und österreichischen Verbündeten. Die osmanische Front war ein veritabler Turmbau zu Babel, ein so noch nie dagewesener Konflikt zwischen internationalen Armeen.
Die meisten Kriegsplaner aufseiten der Entente hielten die Kämpfe im Osmanischen Reich für einen Nebenschauplatz, für kaum so bedeutend wie die Kriegsereignisse an der West- und Ostfront. Einflussreiche Briten wie Horatio Herbert Kitchener und Winston Churchill sprachen sich nur deshalb für einen Krieg gegen die Türken aus, da sie fälschlicherweise davon ausgingen, dies würde den Alliierten einen schnellen Sieg über die Mittelmächte bescheren und damit das Ende des Krieges beschleunigen. Dabei unterschätzten die Alliierten ihren Gegner und fanden sich bald in große Kriegszüge verwickelt – im Kaukasus, an den Dardanellen, in Mesopotamien und Palästina –, die Hunderttausende Männer von der Westfront abzogen und den Weltkrieg damit nur verlängerten.
Das alliierte Versagen an der osmanischen Front löste schwere politische Krisen in der Heimat aus. Die fehlgeschlagene Gallipolioffensive zwang den liberalen britischen Premierminister Herbert Henry Asquith im Mai 1915 in eine Koalitionsregierung mit den Konservativen und trug zu Asquiths Sturz im darauffolgenden Jahr bei. Die britischen Niederlagen auf Gallipoli und in Mesopotamien führten zu zwei separaten Untersuchungsausschüssen im britischen Parlament, deren Ergebnisse gleichermaßen vernichtend über die politischen wie militärischen Entscheider ausfielen.
Nicht nur dass die Osmanen den europäischen Konflikt zu einem Weltkrieg werden ließen, der Weltkrieg formte auch den modernen Nahen Osten. Kein Teil dieser Region blieb von den Verwüstungen verschont. Aus der gesamten Türkei und den arabischen Provinzen des Osmanischen Reichs sowie aus jedem Kolonialstaat in Nordafrika wurden Männer rekrutiert. Auch die Zivilisten litten unter dem wirtschaftlichen Niedergang und den mit dem Krieg einhergehenden Epidemien. Gekämpft wurde auf den Gebieten der heutigen Staaten Ägypten, Jemen, Saudi-Arabien, Jordanien, Israel und Palästina, Syrien, Libanon, Irak, Türkei und Iran. Die Mehrzahl dieser Länder entwickelte eine Eigenstaatlichkeit als direkte Folge des Untergangs des Osmanischen Reichs, der mit dem Ausgang des Ersten Weltkriegs besiegelt war.
Der Untergang des Osmanischen Reichs war ein epochales Ereignis. Mehr als sechs Jahrhunderte lang beherrschten die Osmanen das größte islamische Reich der Welt. Gegründet am Ende des 13. Jahrhunderts durch Stämme aus Zentralasien, erwies sich das osmanische Sultanat als jene Dynastie, die Byzanz sowohl in Kleinasien als auch auf dem Balkan herausfordern sollte. Mit der Eroberung der byzantinischen Hauptstadt Konstantinopel 1453 durch Sultan Mehmed II. waren die Osmanen zur bedeutendsten Macht im Mittelmeerraum aufgestiegen.
Mit Konstantinopel (später in Istanbul umbenannt) als ihrer Hauptstadt dehnten die Osmanen ihre Eroberungen rasch weiter aus. 1516 besiegte Selim I. das in Kairo ansässige Mamlukenreich und fügte Syrien, Ägypten und die Provinz Hedschas am Roten Meer dem osmanischen Besitz hinzu. 1529 war es dann Sultan Süleyman I. der Prächtige, der vor den Toren Wiens auftauchte und in ganz Europa für Schrecken sorgte. Bis zu ihrem letzten Angriff auf Wien 1683 expandierten die Osmanen weiter. Ihr Reich erstreckte sich über drei Kontinente und umfasste den Balkan, Kleinasien (bei den Türken unter dem Namen Anatolien bekannt), das Schwarze Meer und die meisten arabischen Länder vom Irak bis an die Grenze Marokkos.
In den folgenden zwei Jahrhunderten wurden die Osmanen von der Dynamik Europas überrollt. Sie begannen, Kriege gegen ihre Nachbarn zu verlieren – gegen das Russische Reich unter Katharina der Großen und gegen die habsburgischen Kaiser, deren Hauptstadt Wien sie ehemals bedroht hatten. Seit 1699 wurde das osmanische Territorium durch äußeren Druck kleiner. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts verloren die Osmanen nach und nach Gebiete an neue nationalistische Bewegungen, die in ihren Balkanprovinzen auftauchten. Griechenland griff als Erstes nach der Unabhängigkeit, nachdem es acht Jahre gegen Istanbuls Vorherrschaft angekämpft hatte (1821–1829). Rumänien, Serbien und Montenegro sicherten sich 1878 ihre Unabhängigkeit, wohingegen Bosnien, die Herzegowina und Bulgarien sich zur selben Zeit mehr Autonomie verschaffen konnten.
Die europäischen Großmächte streckten weiterhin die Hände nach osmanischem Gebiet aus, so beanspruchte Großbritannien zwischen 1878 und 1882 Zypern und Ägypten, Frankreich besetzte 1881 Tunesien und Russland annektierte 1878 drei Gebiete im osmanischen Kaukasus. Da es gegen innere wie äußere Bedrohungen um sein Staatsgebiet kämpfen musste, sagten politische Analysten zu Beginn des 20. Jahrhunderts den unmittelbar bevorstehenden Untergang des Osmanischen Reichs voraus. Eine Gruppe junger, patriotischer Offiziere, die sich selbst die Jungtürken nannten, hielt dagegen die Hoffnung hoch, das Reich durch eine Verfassungsreform wiederbeleben zu können. 1908 erhoben sie sich in einem verzweifelten Versuch, ihren Staat zu retten, gegen das autoritäre Regime von Sultan Abdülhamid II. (reg. 1876–1909). Mit dem Aufstieg der Jungtürken an die Macht begann für die Osmanen eine Phase bis dato unbekannter Turbulenzen, die das Reich schlussendlich in seinen letzten und größten Krieg hineinziehen sollten.
Zwischen 1908 und 1913 geriet das Osmanische Reich von innen wie von außen unter enormen Druck. Mit der Revolution der Jungtürken 1908 wurden seine politischen Institutionen wie nie zuvor auf die Probe gestellt. Reformer im Inneren strebten danach, es ins 20. Jahrhundert zu führen. Zeitgleich entfachten europäische Kolonialmächte und die neu gebildeten Balkanstaaten Krieg gegen die Türken um das osmanische Territorium. Zudem bemühten sich armenische und arabische Reformer um größere Autonomie vom geschwächten türkischen Zentralstaat. All diese Entwicklungen sollten die Agenda der osmanischen Regierung bis 1914 bestimmen und die Grundlagen für die Rolle des Osmanischen Reichs im Ersten Weltkrieg legen.
*
Der in die Jahre gekommene Sultan Abdülhamid II. berief am 23. Juli 1908 sein Kabinett zu einer Krisensitzung ein. Der autokratische Monarch stand der größten innenpolitischen Bedrohung seiner mehr als dreißigjährigen Herrschaft gegenüber. Die osmanische Armee in Makedonien – jener volatilen Balkanregion, aus der die modernen Staaten Griechenland, Bulgarien und Nordmazedonien hervorgehen sollten – hatte eine Rebellion angezettelt und verlangte die Wiederherstellung der Verfassung von 1876 und eine Rückkehr zur parlamentarischen Regierung. Der Sultan kannte die Inhalte dieser Verfassung besser als viele seiner Gegner. Ihre Verkündung war 1876 eine seiner ersten Maßnahmen, nachdem er den osmanischen Thron bestiegen hatte. Die Verfassung war zugleich der Höhepunkt eines vierzigjährigen, von der Regierung angeführten Reformprozesses geworden – eine Phase, die auch unter dem Namen Tanzimat bekannt wurde. Zu diesem Zeitpunkt galt der Sultan als aufgeklärter Reformer. Im Laufe seiner Herrschaft aber wandelte sich Abdülhamid vom Reformer zum Absolutisten.
Die Wurzeln von Abdülhamids Absolutismus finden sich in einer Reihe von Krisen, mit welchen sich der junge Sultan gleich zu Beginn seiner Regierungszeit konfrontiert sah. Das Reich, das er von seinen Vorgängern übernommen hatte, befand sich in Unordnung. Die Staatskasse war 1875 für bankrott erklärt worden, woraufhin die europäischen Gläubiger rasch Wirtschaftssanktionen gegen die Regierung des Sultans forderten. Nachdem die Osmanen 1876 bulgarische Separatisten blutig zurückgeschlagen hatten – in der westlichen Presse war von „Gräueltaten in Bulgarien“ die Rede –, stand die europäische Öffentlichkeit den Osmanen zunehmend ablehnend gegenüber. Der Liberale William Gladstone sorgte in Großbritannien für die Verurteilung der Türkei, und gegen Russland braute sich ein Krieg zusammen. Dieser Druck ging an den Herrschern des Reichs nicht spurlos vorüber: Eine mächtige Gruppe reformorientierter Offiziere setzte Sultan Abdülaziz (reg. 1861–1876) ab, der nicht einmal eine Woche später tot in seinem Palast aufgefunden wurde – es sah nach einem Selbstmord aus, da die Adern an seinem Handgelenk aufgeschlitzt waren. Sein Nachfolger, Murad V., erlitt nach nur drei Monaten auf dem Thron einen Nervenzusammenbruch. Vor diesem unheilvollen Hintergrund bestieg am 31. August 1876 der dreiunddreißigjährige Abdülhamid II. den Thron.
Mächtige Kabinettsminister drängten den neuen Sultan zur Einführung einer liberalen Verfassung und eines gewählten Parlaments mit muslimischen, christlichen und jüdischen Abgeordneten, um damit die weitere europäische Einmischung in die inneren osmanischen Angelegenheiten abzuwehren. Abdülhamid gab den Forderungen der Reformer in seiner Regierung nach, jedoch eher aus Pragmatismus denn aus echter Überzeugung. Er verkündete am 23. Dezember 1876 die osmanische Verfassung und eröffnete am 19. März 1877 die erste Sitzung des gewählten Parlaments. Kaum hatte sich die Versammlung zusammengefunden, als das Reich auch schon in einen zerstörerischen Krieg mit Russland gezogen wurde.
Das Russische Reich verstand sich als Nachfolger von Byzanz und als geistiges Oberhaupt der östlich-orthodoxen Kirche. Auch Russland verfolgte expansionistische Ziele. Es begehrte die osmanische Hauptstadt Istanbul, die bis 1453 Zentrum der orthodoxen Christenheit sowie unter dem Namen Konstantinopel byzantinische Hauptstadt gewesen war. Dem Ansinnen Russlands lagen allerdings mehr als nur kulturelle Ambitionen zugrunde. Hätte sich Istanbul in ihrem Besitz befunden, hätten die Russen den geostrategisch wichtigen Bosporus und die Dardanellen kontrollieren können, über die ihre Häfen im Schwarzen Meer mit dem Mittelmeer verbunden waren. Im 19. Jahrhundert lag es jedoch im Interesse der europäischen Nachbarn Russlands, die Flotte des Zaren auf das Schwarze Meer zu begrenzen, weshalb sie die territoriale Integrität des Osmanischen Reichs bewahrt sehen wollten. Da sich die Übernahme Istanbuls und die Beherrschung der Meerenge nicht realisieren ließen, nutzten die Russen nationalistische Unabhängigkeitsbewegungen auf dem Balkan aus, um sich in osmanische Angelegenheiten einzumischen, während sie zugleich ihre Gebietsansprüche immer wieder durch Kriege untermauerten. Ende 1876 boten Unruhen in Serbien und Bulgarien Russland die Gelegenheit zu einem weiteren Expansionskrieg. Nachdem sie sich der österreichischen Neutralität versichert hatten und Rumänien den Durchmarsch russischer Truppen genehmigte, erklärte Russland im April 1877 den Osmanen den Krieg.
Den Truppen des Zaren gelangen bei ihrem Zweifrontenangriff rasch Geländegewinne im osmanischen Teil des Balkans. Sie massakrierten auf ihrem Vormarsch durch den Kaukasus in Ostanatolien türkische und muslimische Bauern. In den osmanischen Gebieten löste der russische Angriff öffentliche Empörung aus. Sultan Abdülhamid II. setzte auf die islamische Karte, um sich für den Krieg gegen Russland die Unterstützung des Volkes zu sichern. Er schwang das Banner des Propheten Mohammed, das seit der Eroberung der arabischen Länder im 16. Jahrhundert in osmanischem Besitz war, und erklärte den Dschihad, den Heiligen Krieg, gegen die Russen. Die Bevölkerung versammelte sich hinter ihrem Krieger-Sultan, und viele meldeten sich freiwillig für den Militärdienst oder spendeten Geld für den Krieg. Die Truppen konnten dann auch zunächst den russischen Vormarsch auf osmanisches Territorium stoppen.
Während Abdülhamid für seine Kriegsbemühungen öffentliche Unterstützung bekam, sahen die Parlamentsabgeordneten das Handeln der Regierung in diesem Konflikt zunehmend kritisch. Trotz des vom Sultan ausgerufenen Dschihad war den Russen gegen Ende 1877 ein weiterer Vormarsch gelungen, Ende Januar 1878 standen sie vor den Außenbezirken Istanbuls. Im Februar berief der Sultan ein Treffen mit Parlamentariern ein, um sich über die Fortsetzung des Krieges zu beraten. Ein Abgeordneter, der Vorsitzende der Bäcker-Gilde, tadelte den Sultan: „Sie haben zu spät um unsere Meinung gefragt; Sie hätten uns um Rat ersuchen sollen, als es noch möglich gewesen war, die Katastrophe zu vermeiden. Die Kammer weist alle Verantwortung für eine Situation zurück, mit der sie nichts zu tun hat.“ Dieser Einwurf des Bäckers überzeugte den Sultan offenbar davon, dass das Parlament für die nationale Sache eher ein Hindernis denn eine Unterstützung darstellte. Am nächsten Tag setzte Abdülhamid die Verfassung außer Kraft, löste das Parlament auf und stellte einige der kritischsten Abgeordneten unter Hausarrest. Abdülhamid übte von nun an direkte Kontrolle über die Staatsangelegenheiten aus. Zu diesem Zeitpunkt war die militärische Lage allerdings bereits hoffnungslos, und der junge Sultan musste im Januar 1878 – als das russische Heer vor den Toren seiner Hauptstadt stand – einen Waffenstillstand schließen.1
Als Folge der Niederlage gegen Russland im Jahre 1878 sahen sich die Osmanen gezwungen, die auf dem Berliner Kongress (Juni–Juli 1878) in einem Friedensvertrag vereinbarten starken Gebietsverluste hinzunehmen. Organisiert vom Deutschen Reich und mit Vertretern der europäischen Mächte Großbritannien, Frankreich, Österreich-Ungarn und Italien besetzt, sollte der Kongress nicht nur den Russisch-Türkischen Krieg beenden, sondern auch die zahlreichen Konflikte auf dem Balkan lösen. Die verabschiedeten Vertragsbedingungen erlegten den Osmanen den Verlust von zwei Fünfteln ihres Territoriums und einem Fünftel ihrer Bevölkerung auf dem Balkan und in Ostanatolien auf. Zu den abzutretenden Gebieten gehörten drei Provinzen in der Kaukasusregion des östlichen Anatoliens – Kars, Ardahan und Batumi (damals Batoum oder Batum genannt) –, die zum türkisch-muslimischen Kernland gehörten und mit deren Verlust sich die Osmanen nicht abfinden konnten. Diese Regionen sollten zum Elsass-Lothringen der Osmanen werden.
Sie verloren noch weitere Gebiete an die europäischen Mächte, auch solche, die nicht im Vertrag von Berlin festgelegt worden waren. Großbritannien sicherte sich 1878 Zypern als Kolonie, Frankreich besetzte 1881 Tunesien, und nach seiner Intervention in der ägyptischen Krise von 1882 stellte Großbritannien die autonome osmanische Provinz unter britische Kolonialherrschaft. Diese Verluste dürften Sultan Abdülhamid II. in der Auffassung bestärkt haben, er müsse das Osmanische Reich mit strenger Hand regieren, um die weitere Zerstückelung seines Reichs durch gierige europäische Mächte zu verhindern. Zu seinen Gunsten lässt sich festhalten, dass Abdülhamid die osmanischen Gebiete zwischen 1882 und 1908 tatsächlich zusammenhielt. Die territoriale Integrität wurde jedoch auf Kosten politischer Bürgerrechte erkauft.
Abdülhamids autokratischer Herrschaftsstil führte schließlich zum Entstehen einer zunehmend organisierten Oppositionsbewegung. Die Jungtürken waren eine vielgestaltige Koalition von Parteien, die das gemeinsame Ziel verband, Abdülhamids Absolutismus in die Schranken zu weisen, die Verfassung wieder in Kraft zu setzen und zur parlamentarischen Demokratie zurückzukehren. Unter dem Schirm der Jungtürken gehörte das Komitee für Einheit und Fortschritt (KEF), eine Anfang der 1900er-Jahre von Zivilisten und Militärs gegründete geheime Organisation, zu den bekanntesten Parteien. Obgleich das KEF in allen Teilen des Osmanischen Reichs vertreten war – in den arabischen Ländern, den türkischen Provinzen und auf dem Balkan – erlebte die Bewegung doch vor allem in den türkischen und arabischen Provinzen die stärkste Repression. Um 1908 bildeten die verbliebenen osmanischen Gebiete auf dem Balkan das Zentrum der KEF-Operationen – in Albanien, Makedonien und Thrakien.2
Im Juni 1908 deckten Spione im Dienste des Sultans eine KEF-Zelle in der osmanischen 3. Armee in Makedonien auf. Angesichts des drohenden Kriegsgerichts entschlossen sich die Militärs zu handeln. Am 3. Juli 1908 führte der KEF-Leiter Oberleutnant Ahmed Niyazi 200 bewaffnete Soldaten und zivile Unterstützer zum Aufstand und verlangte, der Sultan müsse die Verfassung von 1876 wieder einsetzen. Sie alle gingen davon aus, diese Revolte nicht zu überleben. Doch die Rebellen konnten die Öffentlichkeit auf ihre Seite ziehen, und die Bewegung gewann an Fahrt, da sie von immer größeren Teilen der Bevölkerung getragen wurde. Ganze Städte in Makedonien erhoben sich und erklärten, dass bei ihnen fortan wieder die Verfassung gelte. Ein jungtürkischer Hauptmann namens Damad İsmail Enver – der später als Enver bekannt werden sollte – setzte unter öffentlichem Beifall die Verfassung in den makedonischen Städten Köprülü und Tikveş wieder in Kraft. Die osmanische 3. Armee drohte mit einem Marsch auf Istanbul, um der Verfassung auch in der Hauptstadt des Reichs wieder Geltung zu verschaffen.
Drei Wochen später hatte sich die revolutionäre Bewegung derart vergrößert, dass der Sultan sich nicht mehr auf die Loyalität seines Militärs verlassen konnte, um den Aufstand in Makedonien niederzuschlagen. Damit war es am 23. Juli Zeit für die bereits erwähnte Krisensitzung seines Kabinetts. Man traf sich im Yıldız-Palast, der auf der europäischen Seite Istanbuls auf einem Hügel und mit Blick auf den Bosporus errichtet worden war. Von der Erscheinung des fünfundsechzigjährigen Sultans eingeschüchtert, vermieden die Minister, die entscheidende Frage nach der Wiedereinsetzung der Verfassung anzusprechen. Sie beratschlagten stundenlang, wer an der Situation schuld sei, anstatt notwendige Lösungen für die Krise zu besprechen.
Nachdem er sich einen Tag lang die Ausflüchte seiner Minister angehört hatte, beendete Abdülhamid die Diskussion. „Ich werde dem Strom folgen“, erklärte er seinem Kabinett. „Die Verfassung wurde unter meiner Regierung zum ersten Mal verkündet. Ich war es, der ihr Gültigkeit verschaffte. Aus Sicherheitsgründen wurde sie aufgehoben. Ich wünsche, dass meine Minister nun eine Erklärung vorbereiten“, mit der die Verfassung wieder in Kraft gesetzt wird. Die erleichterten Minister folgten den Befehlen des Sultans umgehend und schickten Telegramme in alle Provinzen des Reichs, um den Beginn einer zweiten Verfassungsära anzukündigen. Man feierte die Jungtürken, die den Sultan durch eine Revolution zur Rückkehr zur Verfassung gezwungen hatten.3
Es dauerte einen Moment, bis die Nachrichten bei allen angekommen waren. Die Zeitungen brachten die Neuigkeit ohne fette Überschriften oder Kommentare: „Das Parlament wurde auf Befehl seiner Kaiserlichen Majestät wieder zusammengerufen, in Übereinstimmung mit den Vorschriften der Verfassung.“ Womöglich lag es am Umstand, dass nur wenige Menschen sich die Mühe machten, die stark zensierte Presse zu lesen, weshalb es volle 24 Stunden dauerte, bis die Öffentlichkeit auf diese Nachricht reagierte. Am 24. Juli liefen Menschenmassen in Istanbul und den Provinzstädten des Reichs zusammen, um die Rückkehr zum verfassungsgemäßen Leben zu feiern. Hauptmann Enver fuhr mit dem Zug ins Zentrum der jungtürkischen Bewegung, nach Saloniki (dem heutigen griechischen Thessaloniki), wo die jubelnde Menge ihn als „Streiter für die Freiheit“ hochleben ließ. Auf dem Bahnsteig begrüßten ihn sein Kollege, Hauptmann Ahmet Cemal, Militärinspektor der osmanischen Eisenbahn, sowie Mehmed Talât, ein Postangestellter. Beide waren im KEF aufgestiegen und sollten, genau wie Enver, später unter ihren mittleren Namen bekannt werden, Cemal und Talât. „Enver“, riefen sie, „du bist jetzt Napoleon!“4
In den folgenden Tagen schmückten die rot-weißen Fahnen mit der revolutionären Losung „Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ zahllose Straßen. Fotografien von Niyazi, Enver und weiteren „Freiheitshelden“ wurden im ganzen Reich auf den Marktplätzen aufgehängt. Reformer hielten öffentliche Reden über die Verfassung und ließen das Publikum an ihren Hoffnungen und Erwartungen teilhaben.
Die von der Verfassungsrevolution geweckten Hoffnungen verbanden in einem Moment des gemeinsamen Patriotismus alle Teile der ansonsten gänzlich unterschiedlichen osmanischen Bevölkerung. Zu ihr gehörte eine große Bandbreite ethnischer Gruppen, darunter Türken, Albaner, Araber und Kurden sowie viele verschiedene Glaubensrichtungen – die sunnitische Mehrheit und schiitische Muslime, über ein Dutzend verschiedene christliche Glaubensgemeinschaften und beträchtliche jüdische Gemeinden. Bis zur Revolution waren die Versuche der Regierung, eine osmanische Nationalidentität zu stärken, an dieser Diversität gescheitert. Ein Politiker schrieb, die Araber „umarmten die Türken aus ganzem Herzen, im Glauben, dass es nicht länger Araber oder Türken oder Armenier oder Kurden in dem Staat gibt, sondern dass alle Osmanen geworden sind, mit denselben Rechten und Verantwortlichkeiten“.5
Die Freudenfeiern anlässlich der neu erworbenen Freiheiten wurden durch Vergeltungstaten gegen jene überschattet, die in Verdacht standen, für Abdülhamids repressiven Apparat zu arbeiten. Das Osmanische Reich war unter dem Sultan zu einem Polizeistaat geworden. Man hatte Oppositionelle inhaftiert und ausgewiesen, Zeitungen und Zeitschriften waren stark zensiert, und die Untertanen sahen sich zunächst um, bevor sie mit jemandem sprachen, so groß war die Angst vor den allgegenwärtigen Spitzeln der Regierung. Der aus dem palästinischen Nablus stammende Muhammad Izzat Darwaza beschrieb „den Ausbruch von Ressentiments in den ersten Tagen der Revolution gegen bedeutende und unbedeutende Regierungsvertreter, die als Spione, als korrupt oder als Unterdrücker bekannt waren“.6
Doch den meisten Menschen vermittelte die jungtürkische Revolution ein neues, absolut berauschendes Gefühl der Hoffnung und der Freiheit. Die Begeisterung wurde in Versen festgehalten, und sowohl im arabischen wie auch im türkischen Teil des Landes verfassten Dichter Oden, um die Jungtürken und ihre Revolution zu feiern.
Dank euch erfreuen wir uns heute der Freiheit
Ohne Sorgen oder Last brechen wir am Morgen auf und kehren abends heim
Der freie Mann ist dem Gefängnis entkommen, das ihn erniedrigte
Und der geliebte Exilierte findet ins Heimatland zurück
Denn es gibt keine Spione, deren Verleumdung er fürchten muss
Und keine Zeitung, die aufzuschlagen ihm Angst bereitet
Wir schlafen nachts ohne Träume, die uns bedrohen
Und stehen am Morgen ohne Furcht und Schrecken auf.7
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Doch die Revolution, die so viele Hoffnungen geweckt hatte, führte zur Desillusionierung. All jene, die auf eine politische Transformation gehofft hatten, wurden enttäuscht, als die Revolution keine entscheidenden Veränderungen in der Politik des Osmanischen Reichs zeitigte. Das KEF entschied sich, Sultan Abdülhamid II. auf dem Thron zu belassen. Ihm war es gelungen, sein Ansehen durch die Restaurierung der Verfassung zu erhöhen, zudem wurde er von einem Großteil der Bevölkerung sowohl als Sultan als auch als Kalif, also als geistlicher Führer der muslimischen Welt, verehrt. Eine Absetzung Abdülhamids hätte den Jungtürken 1908 mehr Probleme bereitet, als Sympathien eingebracht. Zudem waren die Führer des KEF in der Tat junge Türken. Ihre Gruppe bestand zumeist aus Offizieren der unteren Ränge und eher unbedeutenden Bürokraten Ende 20, Anfang 30, denen die Zuversicht fehlte, die Macht in die eigenen Hände zu nehmen. Sie überließen die Durchführung der Regierungsgeschäfte daher dem Großwesir (dem Regierungschef) Said Pascha und dessen Kabinett und verlegten sich auf die Rolle eines Aufsichtskomitees, welches sicherstellte, dass der Sultan und seine Regierung der Verfassung treu blieben.
Sollten die Untertanen erwartet haben, dass die Verfassung ihre wirtschaftlichen Probleme lösen würde, wurden sie rasch eines Besseren belehrt. Die durch die Revolution in Gang gesetzte politische Instabilität sorgte für einen Vertrauensverlust in die türkische Währung. Im August und September 1908 stieg die Inflation auf 20 Prozent, wodurch die Arbeiterklasse unter enormen Druck geriet. Arbeiter forderten auf Demonstrationen bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen, doch die Staatskasse sah sich außerstande, ihren berechtigten Forderungen nachzukommen. Gewerkschafter stellten in den ersten sechs Monaten nach der Revolution mehr als 100 Streiks auf die Beine, was zu Gesetzesverschärfungen und einem harten Vorgehen der Regierung gegen die Arbeiter führte.8
Entscheidend war, dass all jene, die glaubten, eine Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie würde in Europa auf Zustimmung stoßen und die territoriale Integrität des Osmanischen Reichs sicherstellen, gedemütigt wurden. Die europäischen Nachbarn der Türkei nutzten die von der jungtürkischen Revolution verursachte Instabilität aus, um sich noch mehr osmanisches Territorium einzuverleiben. Am 5. Oktober 1908 erklärte die ehemalige osmanische Provinz Bulgarien ihre Unabhängigkeit. Am folgenden Tag kündigte die österreichisch-ungarische Habsburgermonarchie die Annexion der autonomen osmanischen Provinzen Bosnien und Herzegowina an. Ebenfalls am 6. Oktober gab Kreta seine Vereinigung mit Griechenland bekannt. Die Hinwendung zur Demokratie hatte der Türkei keineswegs mehr Unterstützung durch die europäischen Mächte eingebracht, sondern das Reich noch verletzlicher werden lassen.
Die Jungtürken wollten mittels des Parlaments die Kontrolle über die Revolution zurückgewinnen. Das KEF war eine der beiden Parteien, die bei der Ende November und Anfang Dezember 1908 abgehaltenen Wahl angetreten waren, und die Unionisten (wie die Mitglieder des KEF genannt wurden) bekamen im Unterhaus eine überwältigende Mehrheit. Viele unabhängige Kandidaten liefen daraufhin zum KEF über. Der Sultan eröffnete am 17. Dezember die erste Sitzung des Parlaments und hielt eine Rede, die seinen Einsatz für die Verfassung betonte. Die Vorsitzenden der beiden Kammern, des gewählten Unterhauses und des ernannten Oberhauses, erwiderten diese Rede mit eigenen Ansprachen, in denen sie Abdülhamid für seine Weisheit lobten, die verfassungsgemäße Regierung wieder eingesetzt zu haben. Dieser Austausch erweckte den Anschein einer harmonischen Beziehung zwischen dem KEF und dem Sultan. Doch absolutistische Herrscher pflegen ihre Meinung nicht über Nacht zu ändern, und Abdülhamid, keineswegs versöhnt mit den Beschränkungen seiner Macht durch die Verfassung und das Parlament, wartete nur auf einen geeigneten Augenblick, um sich der Jungtürken zu entledigen.
Nachdem sich die anfängliche Begeisterung für die Revolution gelegt hatte, sah sich das KEF einer ernsthaften Opposition aus wichtigen Politikerkreisen und einflussreichen Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft gegenüber. Der Islam war Staatsreligion, und das religiöse Establishment verurteilte die in seinen Augen säkulare Kultur der Jungtürken. Innerhalb des Militärs gab es eine deutliche Spaltung zwischen den Offizieren, die Militärakademien besucht hatten und zu liberalen Reformen tendierten, und den einfachen Soldaten, die größeren Wert auf die Loyalität legten, die sie dem Sultan geschworen hatten. Innerhalb des Parlaments verdächtigten die Mitglieder der liberalen Fraktion das KEF autoritärer Tendenzen und nutzten ihre Verbindungen zur Presse und den europäischen Diplomaten – insbesondere zur britischen Botschaft –, um die Position des KEF im Unterhaus zu unterminieren. Abdülhamid II. ermutigte von seinem Palast aus in aller Heimlichkeit jene Gruppen, die sich dem KEF entgegenstellten.
In der Nacht vom 12. auf den 13. April starteten die Feinde des KEF eine Konterrevolution. Soldaten des Sultan Abdülhamid treu ergebenen 1. Armeekorps erhoben sich gegen ihre Offiziere und verbündeten sich mit den Religionsführern der theologischen Hochschulen in der Hauptstadt. Gemeinsam zogen sie lautstark zum Parlament, wobei sie über Nacht immer mehr Zulauf von weiteren Islamgelehrten und meuternden Soldaten bekamen. Die Demonstranten verlangten ein neues Kabinett, die Verbannung einer Reihe von unionistischen Politikern und die Wiederherstellung des islamischen Rechts – obgleich im Land bereits seit Jahrzehnten eine Mischung unterschiedlichster Rechtsvorschriften galt. Die Unionisten flohen in Todesangst aus der Stadt. Das Kabinett bot seinen Rücktritt an. Der Sultan gab sich opportunistisch und kam den Forderungen des Mobs nach. Er sicherte sich damit erneut die Kontrolle über die Politik des Osmanischen Reichs.
Doch Abdülhamids Wiedereinsetzung erwies sich als kurzlebig. Die osmanische 3. Armee in Makedonien verstand die Konterrevolution in Istanbul als Angriff auf die Verfassung, die in ihren Augen entscheidend für die politische Zukunft des Reichs war. Loyale Jungtürken in Makedonien mobilisierten für eine „Interventionsarmee“ genannte Truppe, welche unter Führung von Ahmed Niyazi nach Istanbul marschierte. Das Entsatzheer brach am 17. April von Thessaloniki aus auf. In den frühen Morgenstunden des 24. April besetzte die Interventionsarmee Istanbul, schlug die Revolte nieder, ohne auf große Gegenwehr zu stoßen, und verhängte das Kriegsrecht. Die beiden Kammern des Parlaments traten als Große Nationalversammlung zusammen und stimmten am 27. April dafür, Sultan Abdülhamid II. ab- und seinen jüngeren Bruder Mehmed als Sultan Mehmed V. Reşad (Mohammed V.) einzusetzen. Mit der Rückkehr des KEF an die Macht war die Konterrevolution niedergeschlagen – nach nur zwei Wochen.
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Die Konterrevolution offenbarte, welch tiefe Risse durch die osmanische Gesellschaft gingen – wobei der türkisch-armenische Antagonismus der gefährlichste war. Unmittelbar nachdem die Interventionsarmee die Macht des KEF in Istanbul wiederhergestellt hatte, massakrierten Muslime Tausende von Armeniern in der südöstlichen Stadt Adana. Die Ursachen dieses Pogroms reichen bis in die 1870er-Jahre zurück. Im Verlaufe des Ersten Weltkriegs sollte diese Feindschaft zum ersten Genozid des 20. Jahrhunderts ausarten.
1909 verdächtigten viele osmanische Türken die Armenier, eine Minderheitengemeinschaft mit nationalistischer Agenda zu sein, die sich vom Reich lossagen wollte. Als ethnische Gruppe mit eigener Sprache, eigener christlicher Liturgie und jahrhundertealter kommunaler Organisation unter den Osmanen als eigenständige millet, also Glaubensgemeinschaft, verfügten die Armenier über alle Eigenschaften, die eine nationalistische Bewegung im 19. Jahrhundert benötigte, außer einer: Sie waren nicht in einem geografischen Gebiet konzentriert. Das Volk der Armenier lebte im Russischen und Osmanischen Reich und innerhalb der osmanischen Gebiete verstreut in Anatolien, den Regionen an den Mittelmeerküsten und den wichtigsten Handelszentren des Reichs. Die größte Konzentration von Armeniern gab es in der Hauptstadt Istanbul. Ohne eine kritische Masse an einem bestimmten Ort konnten die Armenier niemals auf eine eigene Staatsgründung hoffen – es sei denn, sie sicherten sich die Unterstützung einer Großmacht.
Auf dem Berliner Kongress von 1878 meldeten die Armenier zum ersten Mal Gebietsansprüche an. Teil der Friedensvereinbarung nach dem Russisch-Türkischen Krieg war die Abtretung dreier osmanischer Gebiete mit beträchtlicher armenischer Bevölkerung an Russland: Kars, Ardahan und Batumi. Hunderttausende Armenier kamen unter russische Herrschaft, dies bildete den Kontext für die armenische Forderung nach größerer Freiheit auf osmanischem Gebiet. Die armenische Delegation brachte in Berlin ihre Forderungen vor und sprach von den osmanischen Regionen Erzurum, Bitlis und Van als „von Armeniern bewohnten Provinzen“. Die Armenier strebten einen autonomen Status dieser Provinzen nach dem Vorbild des Mutesarriflik Libanonberg an, in dem die verschiedenen christlichen und muslimischen Gemeinschaften von einem christlichen Gouverneur regiert wurden. Die europäischen Mächte reagierten mit der Ergänzung eines Artikels im Vertrag von Berlin, mit dem die osmanische Regierung aufgefordert wurde, „ohne weiteren Zeitverlust die Verbesserungen und Reformen ins Leben zu rufen, welche die örtlichen Bedürfnisse in den von den Armeniern bewohnten Provinzen erfordern“ und sie vor Angriffen der muslimischen Bevölkerungsmehrheit zu schützen. Der Vertrag sah auch vor, dass Istanbul die europäischen Mächte regelmäßig über die hierzu ergriffenen Maßnahmen informierte.9
Die europäische Unterstützung für die christlichen nationalistischen Bewegungen auf dem Balkan hatte die Osmanen verständlicherweise auch in anderen strategischen Gebieten misstrauisch gegenüber ausländischen Absichten werden lassen. Der im Berliner Vertrag den armenischen kommunalen Bestrebungen neu zuerkannte Status im türkischen Kerngebiet Anatolien war eine erhebliche Bedrohung für das Osmanische Reich. Nachdem sie gerade erst Kars, Ardahan und Batumi als Kriegsentschädigung an Russland hatten abtreten müssen, konnten die Osmanen nicht zulassen, weitere Gebiete in Ostanatolien zu verlieren. Daraus folgte konsequenterweise, dass die Regierung Abdülhamid II. alles tat, um die im Entstehen begriffene armenische Bewegung und ihre Beziehungen zu Großbritannien und Russland zu unterdrücken. Als armenische Führer in den späten 1880er-Jahren damit begannen, politische Organisationen zu gründen, um ihre nationalen Bestrebungen zu verfolgen, behandelte die osmanische Regierung sie so wie jede andere inländische Oppositionsgruppe und schlug mit der gesamten Bandbreite der Repression zurück – Überwachung, Verhaftung, Freiheitsentzug und Exilierung.
Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich zwei große armenische Nationalgesellschaften herausgebildet. Eine Gruppe armenischer Studenten in der Schweiz und Frankreich gründete 1887 in Genf die Huntschak-Partei (Huntschak bedeutet auf Armenisch „Glocke“). 1890 schlossen sich einige Aktivisten im Russischen Reich zur Armenischen Revolutionären Föderation zusammen, besser bekannt als Daschnak (eine Abkürzung von Daschnakzutjun – „Föderation“ auf Armenisch). Es handelte sich dabei um zwei sehr unterschiedliche Bewegungen mit divergierenden Ideologien und Methoden. Die Huntschaken debattierten über die relativen Erfolge des Sozialismus und der nationalen Befreiung, während die Daschnaken die Selbstverteidigung der armenischen Gemeinden in Russland und dem Osmanischen Reich förderten. Beide Gruppierungen setzten auch auf Gewalt, um die politischen Ziele der Armenier durchzusetzen. Sie verstanden sich selbst als Freiheitskämpfer, wohingegen die Osmanen sie als Terroristen brandmarkten. Die Aktivitäten der Huntschaken und der Daschnaken verschärften die Spannungen zwischen Muslimen und Christen in Ostanatolien – wobei die armenischen Aktivisten hofften, damit eine Einmischung der europäischen Nationen provozieren zu können und die Osmanen sich veranlasst sahen, die in ihren Augen aufstrebende Nationalbewegung zu unterdrücken. Die angespannte Situation führte unweigerlich zu Blutvergießen.10
Zwischen 1894 und 1896 waren die osmanischen Armenier das Ziel einer Reihe furchtbarer Massaker. Die Gewalt brach im Sommer 1894 in der Region Sason im südöstlichen Anatolien aus, als kurdische Nomaden armenische Dörfer angriffen, die sich geweigert hatten, zusätzlich zu den offiziellen Steuerzahlungen die traditionellen Schutzgelder zu zahlen. Armenische Aktivisten griffen das Anliegen der armenischen Bauern auf und ermutigten diese zu einer Revolte. Der britische Reisende und Geschäftsmann H. F. B. Lynch, der kurz vor den Massakern die Sason-Region bereiste, beschrieb die armenischen Agitatoren: „Das Ziel dieser Männer ist es, das armenische Anliegen dadurch wach zu halten, dass sie hier und da eine Flamme anzünden und dann Feuer! rufen. Der Ruf wird in der europäischen Presse aufgegriffen, und sobald die Menschen dann hinschauen, tappen sicherlich einige türkische Offizielle in die Falle und begehen Gräueltaten.“ Die Regierung schickte die 4. Armee, verstärkt durch ein kurdisches Kavallerieregiment, um die Ordnung wiederherzustellen. Das Ergebnis waren Tausende getöteter Armenier, was den europäischen Ruf nach einer Intervention zur Folge hatte, auf den die Huntschaken so sehr gehofft und den die Osmanen unbedingt hatten vermeiden wollen.11
Im September 1895 organisierte die Partei einen Marsch durch Istanbul, um für Reformen in Ostanatolien zu werben, das in Europa zunehmend als Türkisch-Armenien bezeichnet wurde. Die Demonstranten gaben sowohl der osmanischen Regierung als auch allen ausländischen Botschaften eine achtundvierzigstündige Vorwarnzeit und machten dann ihre Forderungen bekannt, zu denen die Ernennung eines christlichen Generalgouverneurs gehörte, der Reformen in Ostanatolien überwachen sollte, sowie das Recht der armenischen Dorfbewohner, sich mit Waffen gegen die gut bewaffneten kurdischen Nachbarn zu schützen. Mit einer Polizeikette schützten die Osmanen die sogenannte Hohe Pforte, das ummauerte Gelände, das die Büros des Regierungschefs und seines Kabinetts beherbergte (der Ausdruck „Hohe Pforte“ wird zugleich für die osmanische Regierung als solche verwendet, ganz ähnlich wie man mit „Whitehall“ auch die britische Regierung bezeichnet), um die Masse der armenischen Protestierer zurückzuhalten. Im Handgemenge wurde ein Polizist getötet, und im anschließenden Tumult schlossen sich Muslime gegen die Armenier zusammen und erschossen und erschlugen allein vor der Hohen Pforte 60 Demonstranten. Die europäischen Mächte protestierten gegen die Tötung friedlicher Demonstranten: Angesichts eines stetig steigenden internationalen Drucks erließ Sultan Abdülhamid am 17. Oktober 1895 ein Dekret, das Reformen in sechs ostanatolischen Provinzen mit armenischer Bevölkerung versprach: Erzurum, Van, Bitlis, Diyarbakır, Marmuretül-Aziz (armenisch Harput) und Sivas.
Das Reformdekret des Sultans verstärkte hingegen die Ängste der Muslime in diesen sechs Provinzen. Sie verstanden die Maßnahmen als Vorspiel zu einer armenischen Unabhängigkeit in Ostanatolien, welche die muslimische Mehrheit zwingen würde, entweder unter einer christlichen Obrigkeit zu leben oder ihre Häuser und Dörfer zu verlassen, um auf muslimischem Land zu siedeln – wie es auch schon Tausende Muslime auf der Krim, im Kaukasus und dem Balkan hatten tun müssen, als die Osmanen diese Gebiete einer christlichen Herrschaft überließen. Osmanische Offizielle unternahmen nur wenig, um diese Ängste zu zerstreuen, und schon wenige Tage nach der Veröffentlichung des Dekrets kam es zu einer neuen und dieses Mal noch tödlicheren Welle an Massakern in den Städten und Dörfern Zentral- und Ostanatoliens. Im Februar 1896 schätzten amerikanische Missionare, dass nicht weniger als 37 000 Armenier ermordet worden und 300 000 obdachlos geworden waren. In anderen Schätzungen liegen die Opferzahlen zwischen 100 000 und 300 000 verletzten und getöteten Armeniern. Da die Region sehr isoliert war, dürfte man heute keine genaueren Zahlen über die Massaker von 1895 mehr ermitteln können. Doch das Ausmaß der Gewalt gegen die Armenier war in der osmanischen Geschichte eindeutig beispiellos.12
Ein terroristischer Angriff in Istanbul markierte den dritten und letzten Abschnitt in der Reihe der zwischen 1894 und 1896 an Armeniern verübten Grausamkeiten. Sechsundzwanzig als Gepäckträger verkleidete Daschnaken trugen am 26. August 1896 mit Waffen und Sprengstoff gefüllte Geldsäcke in die Hauptstelle der Ottomanischen Bank in Istanbul. Sie töteten zwei Wachleute, nahmen 150 Bankangestellte und Kunden als Geiseln und drohten damit, das gesamte Gebäude mit allen Menschen darin in die Luft zu sprengen, sollten ihre Forderungen nicht erfüllt werden – die Ernennung eines europäischen Hochkommissars zur Durchsetzung der Reformen in Ostanatolien sowie eine Generalamnestie für alle armenischen politischen Exilanten. Trotz ihres Namens war die Ottomanische Bank jedoch eine Institution in ausländischer Hand, fast ihre gesamten Aktien gehörten britischen und französischen Konzernen. Die Idee, mit dieser Aktion die europäischen Mächte zur Einmischung in die osmanisch-armenische Auseinandersetzung zu zwingen, ging nach hinten los. Man zwang die Terroristen zur Aufgabe der Geiselnahme, und sie verließen, ohne dass ihre Forderungen erfüllt worden wären, auf einem französischen Schiff das Osmanische Reich. Diese Aktion der Daschnaken wurde nicht nur von den europäischen Mächten verurteilt, sondern der Angriff auf die Bank löste zudem noch ein Pogrom an den Armeniern in Istanbul aus, bei dem 8000 Menschen ermordet wurden. Die in der Armenien-Frage uneinigen Europäer erzwangen keinerlei Veränderungen im Osmanischen Reich. Für die armenische Bewegung stellten die blutigen Ereignisse zwischen 1894 und 1896 nichts Geringeres als eine Katastrophe dar.
In den folgenden Jahren änderten die Armenier daher ihre Taktik und entschlossen sich zu einer Zusammenarbeit mit den liberalen Parteien, die das Osmanische Reich reformieren wollten. Die Daschnaken nahmen, zusammen mit dem Komitee für Einheit und Fortschritt, am zweiten Kongress der osmanischen Oppositionsparteien teil, der 1907 in Paris stattfand. 1908 zeigten sie sich von der jungtürkischen Revolution begeistert und gingen aus ihr als legal anerkannte Gruppe hervor. Aus der armenischen Gemeinschaft bewarb sich eine Reihe von Kandidaten für die Parlamentswahl im selben Jahr, 14 von ihnen wurden in das Unterhaus gewählt. Viele hofften, dass die politischen Ziele der Armenier im Kontext der osmanischen Verfassung erreicht werden könnten, und warteten auf die ihnen darin versprochene Staatsbürgerschaft sowie auf eine dezentrale Verwaltung. Nach der Konterrevolution von 1909 wurden diese Hoffnungen zunichtegemacht, als zwischen dem 25. und 28. April 1909 rund 20 000 Armenier in einem Blutrausch ermordet wurden.13
Ein Minarett, von dem aus Türken auf Christen schossen. Im April 1909 zerstörte ein muslimischer Mob christliche Häuser und Geschäfte in Adana und Umgebung und tötete rund 20 000 Armenier. Bain News Service, eine amerikanische Fotoagentur, hielt die Ruinen der christlichen Viertel nach dem Adana-Massaker im Bild fest.
Zabel Jesajan, eine der prominentesten Figuren der armenischen Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts, reiste kurz nach dem Adana-Massaker in die Stadt, um die Hilfsmaßnahmen zu unterstützen. Sie fand eine Stadt in Ruinen vor, bewohnt nur mehr von Witwen, Waisen und älteren Männern und Frauen, die durch das Erlebte traumatisiert waren. „Man kann die abscheuliche Realität nicht in einem Zug aufnehmen: Sie bleibt weit jenseits der Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft“, beschrieb sie das Grauen. „Selbst jene, die das Ereignis miterlebt haben, sind nicht in der Lage, das gesamte Bild zu schildern. Sie stottern, stöhnen, weinen und können am Ende nur von einzelnen Momenten erzählen.“ Einflussreiche Personen des gesellschaftlichen Lebens machten international auf die Massaker aufmerksam und sorgten für die öffentliche Verurteilung des Osmanischen Reichs.14
Die Jungtürken reagierten rasch und entsandten Cemal Pascha, der den Frieden in Adana wiederherstellen sollte, nachdem die Gewalt abgeklungen war. Die Unionisten mussten das Vertrauen der Daschnaken wieder zurückgewinnen, damit diese nicht weiter bei europäischen Mächten um Unterstützung der armenischen Bestrebungen ersuchten. Die Daschnaken erklärten sich einverstanden, die Kooperation mit dem KEF aufrechtzuerhalten, sofern die Regierung all jene verhaftete und bestrafte, die für das Massaker verantwortlich waren, den armenischen Überlebenden ihr Eigentum zurückerstattete, ihnen Steuererleichterungen gewährte und Geldmittel für die Armen bereitstellte. In seinen Erinnerungen behauptet Cemal, jedes zerstörte Haus in Adana innerhalb von vier Monaten wieder aufgebaut zu haben und „nicht weniger als dreißig Mohammedaner“ in Adana und 17 im nahe gelegenen Erzine hingerichtet zu haben, darunter „Mitglieder der ältesten und nobelsten Familien“. Diese Maßnahmen sollten die Armenier beruhigen und europäischen Interventionen zuvorkommen, und für den Augenblick verschafften sie den Jungtürken Zeit für den Umgang mit der Armenien-Frage.15
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Während die Osmanen in Ostanatolien um ihre territoriale Integrität kämpften, brach im Mittelmeer ein neuer Konflikt aus. Die Provinzen Bengasi und Tripolis im heutigen Libyen waren die letzten osmanischen Besitzungen in Nordafrika, nachdem die Franzosen 1830 Algerien und 1881 Tunesien besetzt und die Briten 1882 die Herrschaft in Ägypten übernnommen hatten. Mit Italien war ein neuer Staat entstanden – seine Vereinigung zu einem einzigen Königreich war erst 1871 abgeschlossen –, der nun auch Ansprüche auf ein Kolonialreich in Afrika erhob. Die Regierung von König Viktor Emanuel III. richtete ihr Augenmerk auf Libyen, um ihren imperialen Hunger zu stillen.
Die Osmanen hatten 1911 keinen Anlass zu einem Krieg mit Italien geboten. Doch da die Briten und Franzosen im Vorfeld ihre Neutralität zugesagt hatten, wusste Rom, dass ihm bei der Durchsetzung seiner Kolonialambitionen in Nordafrika militärisch nichts im Wege stand. Unter dem Vorwand, die Waffenlieferung der Osmanen an ihre Garnisonen in Libyen seien eine Bedrohung für die Sicherheit der in Tripolis und Bengasi lebenden italienischen Staatsbürger, erklärte Italien am 29. September 1911 den Krieg und startete eine breit angelegte Invasion der libyschen Küstenstädte.16
Die osmanischen Stellungen in Libyen konnten nicht gehalten werden: Etwa 4200 türkische Soldaten waren ohne jegliche Flottenunterstützung in Garnisonen stationiert und die italienische Armee rückte mit mehr als 34 000 Mann vor. Der Kriegsminister gab gegenüber seinen eigenen Offizieren freimütig zu, dass Libyen nicht verteidigt werden konnte. Anfang Oktober 1911 fielen denn auch die Küstenstädte der osmanischen Provinzen Tripolis (Westlibyen) und Bengasi (Ostlibyen, auch als Kyrenaika bekannt) in die Hände der siegreichen italienischen Armee.17
Die Regierung und die Jungtürken vertraten radikal unterschiedliche Positionen, was diesen Einmarsch anging. Der Großwesir und seine Regierung glaubten nicht, dass sie Libyen retten könnten und zogen es folglich vor, das marginale nordafrikanische Territorium abzuschreiben, anstatt Truppen in einen Kampf zu schicken, den sie nicht gewinnen konnten. Die ultranationalistischen Jungtürken wollten einen kampflosen Verlust des osmanischen Gebietes hingegen nicht hinnehmen.
Anfang Oktober 1911 reiste Hauptmann Enver nach Saloniki, um sich mit dem Zentralkomitee des KEF zu treffen. Bei dem fünfstündigen Gespräch gelang es ihm, seine Kollegen von der Aufnahme eines Guerillakriegs gegen die Italiener in Libyen zu überzeugen. Er skizzierte den Plan in einem Brief an seinen Freund aus Kindertagen und Pflegebruder, den deutschen Marineattaché Hans Humann: „Wir werden unsere Kräfte im [libyschen] Landesinneren zusammenziehen. Berittene Gruppen von Arabern, Untertanen des Landes, werden unter dem Kommando junger [osmanischer] Offiziere ganz in der Nähe der Italiener bleiben und sie Tag und Nacht bedrängen. Jeder [italienische] Soldat oder jede kleine Einheit wird überrascht und vernichtet werden. Sollte der Feind zu stark sein, ziehen sich die Gruppen ins offene Land zurück und werden später bei jeder Gelegenheit den Feind peinigen.“18
Nachdem er das KEF von seinem Vorhaben überzeugt hatte, reiste Enver nach Istanbul, wo er ein Schiff nach Alexandria bestieg. Dutzende junger Offiziere folgten ihm und nutzten Ägypten als Sprungbrett für ihren Guerillakrieg gegen Italien – unter ihnen ein junger Adjutant namens Mustafa Kemal, der spätere Atatürk. Andere kamen über Tunesien. Offiziell wurden diese jungen Offiziere von ihrer Regierung als „Abenteurer, die gegen den Wunsch der osmanischen Regierung handeln“ abgelehnt, doch in Wirklichkeit zahlte die osmanische Staatskasse den in Libyen dienenden Kommandeuren monatlich Geld aus. Sie nannten sich selbst fedaî-Offiziere, Kämpfer, die bereit waren, ihr Leben für die Sache zu geben.19
Von dem Moment an, als er Ende Oktober das Land betrat, warf sich Enver mit Leidenschaft und Einsatz in den libyschen Konflikt. Er zog sich arabische Kleidung über und ritt auf einem Kamel ins Landesinnere. Er schwelgte in der Entbehrung und Härte des Wüstenlebens und bewunderte den Mut der Beduinen, mit denen er über einen Dolmetscher kommunizieren musste, da er kein Arabisch sprach. Die Stammesangehörigen wiederum zollten Enver großen Respekt. Seine Verlobte war die Nichte von Sultan Mehmed V. Reşad (Mohammed V.), Prinzessin Emine Naciye Sultan. Auch wenn sie damals erst 13 Jahre alt war (sie heirateten 1914, als sie 17 war), stärkte doch diese Beziehung zur Familie des Sultans Envers Position unter den Libyern. „Hier bin ich der Schwiegersohn des Sultans, der Gesandte des Kalifen, der Befehle erteilt“, schrieb er. „Und es ist allein diese Beziehung, die mir hilft.“20
Enver beschränkte seinen Radius auf die östliche Provinz Bengasi. Die italienischen Soldaten waren in den drei Hafenstädten der Kyrenaika konzentriert – Bengasi, Darna und Tobruk. Der erbitterte Widerstand libyscher Volksstämme hatte die Italiener bislang davon abgehalten, weiter ins libysche Landesinnere vorzustoßen. Nachdem Enver die italienischen Stellungen ausgekundschaftet hatte, schlug er ein Lager auf dem oberhalb von Darna gelegenen Plateau auf. Die 10 000 Bewohner der Stadt waren unfreiwillige Gastgeber der 15 000 Infanteristen starken italienischen Invasionsarmee, welche nun zum bevorzugten Ziel von Envers Attacken werden sollte. Er versammelte jene demoralisierten osmanischen Soldaten hinter sich, die der Gefangennahme entkommen waren, rekrutierte Männer der einheimischen Stämme sowie Mitglieder der mächtigen Sanūsīya-Bruderschaft (ein mystisch-religiöser Orden, dessen Netzwerk aus Niederlassungen sich über das gesamte urbane wie ländliche Libyen erstreckte) und empfing andere jungtürkische fedaî-Offiziere in seinem Basislager in Ayn al-Mansur. Während seiner Zeit in Libyen – hier rekrutierte er lokale Kämpfer unter der Führung osmanischer Offiziere, nutzte die islamische Ablehnung einer Fremdherrschaft aus, um seine europäischen Feinde zu schwächen, und schuf ein effektives Geheimdienstnetzwerk – legte Enver die Grundlagen für einen neuen Geheimdienst, der sich im Weltkrieg als sehr einflussreich herausstellen sollte: die Teşkilât-ı Mahsusa („Spezialorganisation“).
Laut Envers Berichten versammelten sich viele der arabischen Stämme Libyens hinter den osmanischen Freiwilligen. Sie schätzten die Art und Weise, wie sich die Jungtürken für die Sache des libyschen Volks einsetzten und ihr Leben riskierten, um ihre Freiheit zu sichern. Auch wenn sie keine gemeinsame Sprache hatten, so erwies sich der Islam doch als starkes Band zwischen den türkischsprachigen Jungtürken und den arabischsprachigen libyschen Stammesangehörigen. Enver beschrieb die arabischen Kämpfer in Libyen als „fanatische Muslime, die den Tod im Angesicht des Feindes als Geschenk Gottes ansehen“. Dies galt insbesondere für die mächtige Sanūsīya-Bruderschaft, deren Ergebenheit gegenüber dem osmanischen Sultan mit seiner Rolle als Kalif des Islam zusammenhing. Und auch Enver, der säkulare Jungtürke, lehnte diese Hingabe an den Islam nicht ab. Vielmehr sah er in der Religion eine stark mobilisierende Kraft, die Muslime hinter dem Sultan-Kalifen vereinte, um ihre Feinde zu schlagen – im Osmanischen Reich und der ganzen muslimischen Welt. Im Hinblick auf die Macht des Islam schrieb Enver: „Es gibt keine Nationalität im Islam. Dazu muss man nur auf das schauen, was in der islamischen Welt vor sich geht.“ Was Enver ganz sicher aus seiner Zeit in Libyen mitnahm, war die feste Überzeugung, dass das Osmanische Reich die Kraft besaß, den Islam gegen seine Feinde im Inneren wie Äußeren einzusetzen.21
Zwischen Oktober 1911 und November 1912 führten die jungtürkischen Offiziere und die arabischen Stammesangehörigen einen erstaunlich erfolgreichen Guerillakrieg gegen die Italiener. Trotz deren zahlenmäßiger Überlegenheit und moderneren Bewaffnung waren sie nicht in der Lage, sich aus ihren befestigten Stützpunkten an der Küste herauszubewegen und das libysche Hinterland zu besetzen. Arabische Gruppen fügten den Italienern hohe Verluste zu; im Verlauf dieses Jahres töteten sie 3400 Mann und verletzten mehr als 4000. Der Krieg belastete auch die italienische Staatskasse, wohingegen die Osmanen kaum mehr als 25 000 türkische Pfund pro Monat zahlen mussten, um Envers Belagerung von Darna zu finanzieren (das türkische Pfund war etwa 0,90 britische Pfund oder 4,40 US-Dollar wert). Für einen Augenblick sah es so aus, als würde das Kalkül der Jungtürken in Libyen aufgehen und als würden die Italiener zurück ins Meer getrieben werden.22
Da sie in Libyen nicht gewinnen konnten, verlagerten die Italiener den Konflikt an andere Fronten. Sie wussten, dass der Krieg nur dann enden würde, wenn die osmanische Regierung Libyen der italienischen Kontrolle in einem formellen Friedensvertrag überlassen würde. Um Istanbul zu einem solchen Frieden zu drängen, griffen italienische Kriegsschiffe osmanische Gebiete an der östlichen Mittelmeerküste an. Sie beschossen im März 1912 den Hafen von Beirut, und italienische Soldaten besetzten im Mai des Jahres den Dodekanes (eine Inselgruppe in der Ägäis mit der Hauptinsel Rhodos). Im Juli entsandte die italienische Marine Torpedoboote vor die Dardanellen. Und schließlich spielten die Italiener die Balkankarte. Griechenland, Serbien, Montenegro und Bulgarien schlossen Allianzen gegen ihr ehemaliges osmanisches Oberhaupt. Sie alle beanspruchten Gebiete im verbliebenen osmanischen Territorium auf dem Balkan – in Albanien, Makedonien und Thrakien. Die italienische Krone war durch eine Heirat mit König Nikola I. von Montenegro verwandt, weshalb sie die Montenegriner zur Kriegserklärung an das Osmanische Reich am 8. Oktober 1912 ermutigte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die anderen Balkanstaaten folgen würden.
Der unmittelbar drohende Krieg auf dem Balkan löste eine Krise aus, die von Istanbul ausgehend bis nach Libyen zu spüren war. Indem man abgelegene Provinzen wie Tripolis und Bengasi verteidigte, hatte das Osmanische Reich das balkanische Kernland seines Schutzes beraubt. Der Idealismus machte augenblicklich einem neuen Realismus Platz. Zehn Tage, nachdem Montenegro den Krieg erklärt hatte, schloss das Osmanische Reich einen Friedensvertrag mit Italien, in dem man die libyschen Provinzen der italienischen Herrschaft überließ. Die fedaî-Offiziere dürften beschämt gewesen sein, ihre libyschen Kameraden im Stich lassen zu müssen, doch überließen sie den Guerillakrieg nun allein der Sanūsīya-Bruderschaft und eilten zurück nach Istanbul, wo sie sich dem nationalen Überlebenskampf anschlossen, der unter dem Namen „Erster Balkankrieg“ bekannt werden sollte.
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Die Balkanstaaten waren alle einmal Teil des Osmanischen Reichs gewesen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelten die unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gemeinschaften Südosteuropas einen je eigenen
