Der verletzte Mann - Michael Eichhammer - E-Book

Der verletzte Mann E-Book

Michael Eichhammer

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Beschreibung

„Männer nehmen sich häufig nicht ernst“, so lautet die provokante These des Therapeuten Peter Thiel. Das klassische männliche Rollenverständnis zwingt sie zum „Funktionieren“. Zu leiden hat in ihrem Selbstbild keinen Platz und wird als Energieverschwendung abgetan. Doch das Ignorieren der Probleme erweist sich als Bumerang. Die Folgen reichen von Krankheit und Suchtverhalten über Depression bis hin zum Suizid. Männer wissen ihre Gefühle oft nicht konstruktiv umzusetzen – die beiden Autoren helfen dabei wichtige Themen wie Eifersucht, Versagensängste und Krisen einfühlsam, ehrlich und mit vielen praktischen Übungen zu besprechen. Ein besonderes Buch, dass Frauen und Männern hilft, einander besser zu verstehen und sich mit mehr Verständnis füreinander zu lieben.

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Peter Thiel: Wie es zu diesem Buch kam
Für wen dieses Buch ist
Teil I: Der verletzte Mann: Was ihn kränkt
1. Das schwache Geschlecht? Männer fühlen anders, aber gewaltig
Status quo: Männer in der KriseBiologie-Nachhilfestunde für Erwachsene: Der kleine Unterschied ist noch viel kleiner, als wir dachten!Männer und Gefühle – kein Widerspruch in sich!Wer nicht fühlen will, muss leiden – das kranke Geschlecht
2. Das Schweigen der Männer: Sprachlosigkeit in der Beziehung
Passen Frauen und Männer einfach nicht zusammen?Reden ist Silber, Schweigen ist männlichProbleme lösen durch Nichtstun?Weitere Möglichkeiten fehlgeleiteter Kommunikation
3. Achillesferse Stolz: Der zurückgewiesene Mann
Starker Mann, was nun?Nein heißt neinZeit ist nicht Geld!Pioniergeist ist wieder gefragt
4. Ein Mann sieht rot: Eifersucht
Es gehören nicht immer zwei dazuMännliche und weibliche EifersuchtWenn aus Treue Reue wirdDon Juan
5. Nähe-Distanz-Probleme
Gibt es zu viel des Guten?Wenn Männer auf Distanz bleibenSpieglein, Spieglein in der Hand: Narzissten und passiv-aggressive MännerIm Schatten der Liebe: Beziehungssucht und Stalking
6. Und, wie war ich? – Sexuelle Unsicherheiten
Sex als LeistungssportGeschlechtstriebtäter und frigide Frauen? Männliche und weibliche SexualitätDeckhengst oder Schlappschwanz? ImpotenzLeben in einem feuchten Traum – Sexsucht
7. Schuld und Sühne: Liebeskummer und Trennungen
Die unterschätzte LebenskriseMänner als Opfer?Schlechte VerliererAuch Trennungen haben ein Happy End
8. Die Tücken der Emanzipation: Rollenverteilungen im Umbruch
Wo bleibt die Emanzipation der Männer?Macho, Weichei, Normalo – und wo bleibt der echte Mann?Bleibt das Privatleben auf der Strecke?Unsichtbare Väter
Teil II: Der verletzte Mann: Was ihn tröstet
1. Angriff ist die beste Verteidigung: Frühwarnsystem Seele
Die geheime Macht im KopfSitups für die Seele – wie man sein Bauchgefühl trainiertFlexibel seinIn der Ruhe liegt die Kraft
2. Fremdsprache Frau: So lernen Männer zuhören und sprechen
Taube OhrenVogelfrei in der VogelperspektiveSchöner StreitenAusnahmen bestätigen die Regel: Vom Umgang mit depressiven und aggressiven Männern
3. Jeder ist seines Unglücks Schmied
Action-Helden sind gefragt!Ego bedeutet: Selbstbewusstsein stärkenDer Lügner in unserem KopfDas Leben ist (k)ein Wunschkonzert
4. Ausbruchstimmung: Gesunde Wut
Gibt es gute und böse Gefühle?Gezähmte WutDie Gefühle müssen raus – Aggressionshemmungen aufgeben
5. Die goldene Mitte: Freiheit und Nähe in einer Beziehung
Leben auf der GoldwaageRunter vom Sockel!Freiheit bindetFeuerprobe für die Nähe: Wie Männer die Angst vor der Vaterschaft verlieren
6. Keine Lust mehr? Sex-Ratgeber
Kaputtes Spielzeug? Männer und die ImpotenzWare Liebe: PornografieDer Libido-JetlagLust auf Lust
7. Aus Schaden wird man klug: Krisen als Chance
Die Angst vor Veränderung überwindenIch krieg die Krise! Midlife-Crisis und Co.Jedem Ende wohnt ein Zauber inne: TrennungenDer Nutzen professioneller Hilfe
8. Abenteuerurlaub ins Ich: So wird man(n) authentisch
Was ist mit Authentizität gemeint?Mann sein heißt: Widersprüchlich sein dürfenWer suchet, der findet: Selbstfindung aus nächster Nähe
AnmerkungenWeiterführende Literatur
BücherZeitschriften-Artikel
Copyright

Vorwort von Peter Thiel: Wie es zu diesem Buch kam

Feindlich ist des Mannes Streben, Mit zermalmender Gewalt Geht der wilde durch das Leben, Ohne Rast und Aufenthalt.

Friedrich Schiller: Die Würde der Frauen

Im Frühjahr 2006 fragte mich Michael Eichhammer, der als Journalist im München arbeitet, ob ich Interesse hätte, gemeinsam mit ihm einen Ratgeber über verletzte Männer zu schreiben. Michael war über meine Internetseite zum Thema Männerberatung auf mich aufmerksam geworden.

Nachdem der Vertrag mit dem Verlag unter Dach und Fach und der Abgabetermin für das Manuskript festgesetzt waren, hätte es mit dem Schreiben sofort losgehen können. Vierzehn Tage später – Michael hatte schon viele Seiten geschrieben – hatte ich gerade eine Seite ausformuliert. Michael mahnte mich dann und wann auf freundliche Weise. Nur ist von Ermahnungen allein noch kein gutes Buch geschrieben worden.

Immerhin, mein schlechtes Gewissen war geweckt. Als praktizierender Paar- und Familientherapeut war mir klar, dass es auf meiner Seite gewichtige, mir bisher noch verborgene Gründe geben musste, warum ich den Arbeitsbeginn hinauszögerte. Die gut gemeinten Ratschläge meiner Kollegen brachten mich in Bezug auf diese Blockade nicht weiter. Dass ich anderweitig recht viel Arbeit zu erledigen hatte, wollte mir als Erklärung nicht genügen, denn der innere Widerstand, den ich beim Thema »Der verletzte Mann« verspürte, trat bei meinen anderen, ebenfalls recht anspruchsvollen Arbeitsaufgaben nicht auf.

Eines der wichtigsten Arbeitsinstrumente eines Therapeuten ist die Selbstwahrnehmung. Durch sie erhält jeder Mensch Informationen darüber, wie es ihm gerade geht und wie eine bestimmte Situation auf ihn wirkt. So wird man zum Beispiel in der Regel ärgerlich, wenn man mit seinem Auto auf der Autobahn seit einer Stunde im Stau steht oder wenn man schon über eine halbe Stunde auf eine Freundin wartet, mit der man verabredet ist. Vielleicht macht man sich auch Sorgen um sie, denn es könnte ja sein, dass sie einen Unfall hatte und verletzt im Krankenwagen liegt.

In der Selbstwahrnehmung erkennt man auch die Stimmungen anderer Menschen. Dieses Phänomen bezeichnet man als Übertragung. Wenn einem Berater oder Therapeuten keine gute Eigenwahrnehmung zur Verfügung steht, kann er auch nicht erfassen, mit welchen Problemen der Klient oder die Klientin kämpft.

Als ich Michael von meiner Schreibhemmung berichtete, bemerkte ich während des Gesprächs bei mir eine große Traurigkeit.

Wenn ich mich aber traurig fühlte, »nur« weil ich ein Buch schreiben sollte, dann musste dies etwas mit meinen Erlebnissen und Erfahrungen zu tun haben. Nachdem ich das verstanden hatte, war der Rest des Puzzles schnell gelegt. Mich mit dem Thema »Der verletzte Mann« zu beschäftigen, bedeutete für mich, an meinen eigenen Verletzungen und den damit verbundenen Gefühlen zu rühren. Deshalb fiel es mir natürlich schwerer, mich mit dieser Fragestellung auseinanderzusetzen als beispielsweise ein Buch über eine Reise nach Afrika, ein Nachschlagewerk zum Thema Familientherapie oder ein wissenschaftliches Buch über die Chaostheorie zu schreiben.

Dass es mir schließlich gelungen ist, mich dem für mich persönlich schwierigen Thema »Verletzungen »zu stellen und einen produktiven Umgang damit zu finden, verdanke ich der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Michael Eichhammer beim Ausdenken und Schreiben dieses Buches und meiner wunderbaren Freundin und Geliebten Sonja, die mir das Herz weit gemacht hat und bei der ich heute nicht weiß, wo wir morgen sein werden. Dass ich gemeinsam mit Michael Eichhammer dieses Buch schreiben konnte, verdanke ich auch meinen Töchtern Lisa (17) und Anna (19), die mich durch ihr Dasein und ihre Eingebundenheit vor die größte Herausforderung in meinem Leben gestellt haben.

Was Männer brauchen, um Verletzungen zu verarbeiten und als wichtige und – bei allem Leid – letztlich auch für ihren Weg wertvolle Erfahrungen in ihr Leben zu integrieren, sind andere Männer, mit denen sie einen guten und auch emotional tragenden Kontakt herstellen können, sei es nun ein Arbeitskollege, den man mag oder ein enger Freund, mit dem man durch dick und dünn gehen kann.

Was Männern ebenfalls dabei hilft, sind Frauen, mit denen sie eine Beziehung verbindet, die weder abhängig macht noch ihnen ständig neue Verletzungen zufügt, sondern die stattdessen offen ist für das Schöne, die Lust und die Leidenschaft und dabei Konflikte nicht unter den Teppich kehrt, sondern in Respekt voreinander austrägt.

Was Männern guttut, sind Frauen, mit denen emotionale, körperliche und auch sexuelle Berührungen möglich sind, die nicht verletzen, sondern wärmen, heilen und die Lebensenergie ins Fließen bringen.

Von meinen persönlichen Verletzungen, die ich in meinem Leben aufgearbeitet habe, sind einige Narben geblieben, die wie der mit einem trockenen Lappen weggewischte Kreidestrich an einer Tafel noch blass zu sehen sind. Man muss schon mit einem nassen Lappen mehrmals nachwischen, bis sich der alte Kreidestrich in der Unendlichkeit der Atome verliert.

Doch wie viel wir auch wischen mögen: Leben bedeutet letztlich auch, immer wieder neu verletzbar zu sein. Wenn wir aber aufmerksam und bereit zum Lernen sind, können wir mit neuen Verletzungen so umgehen, dass sie nicht unser Leben zerstören, sondern zu Herausforderungen werden, die wir bewältigen können. Diesem Ziel soll auch dieses Buch dienen.

Für wen dieses Buch ist

Männer verbergen oft schamhaft ihre Schwierigkeiten und Probleme, weil sie mit dem Idealbild eines Mannes nicht vereinbar scheinen. Doch alles, was im Schatten sein Dasein fristen muss, klopft wie der Frosch im Märchen vehement und unermüdlich an die Tür und verlangt, ins Leben eingelassen zu werden. Das schreckt viele Männer so sehr, dass sie versuchen, dem Klopfen des Lebens Einhalt zu gebieten. Sie fesseln ihr Herz und werden starr, sodass – ebenfalls wie im Märchen – schon fast ein Wunder geschehen muss, damit sie wieder ins Leben zurückfinden.

Doch Wunder gibt es – zum Glück nicht nur im Schlager und im Märchen – immer wieder. Manche Frau wirft den garstigen Frosch an die Wand und siehe da: Er verwandelt sich in einen Prinzen.

Doch während Frauen oft als Schneewittchen von einem schönen Prinzen wach geküsst oder als Dornröschen von einem holden Ritter aus hundertjährigem Schlaf erweckt werden wollen und geduldig oder ungeduldig auf die Erfüllung dieser Träume warten, plagen sich Männer ab, um an das Ziel ihrer Wünsche zu kommen. Dass das kaum ohne Verletzungen möglich ist, davon können Männer ein Lied singen – wenn ihnen denn danach zumute wäre.

Mit diesem Buch möchten wir dazu beitragen, dass das gemeinsame Leben von Männern und Frauen ein bisschen märchenhafter wird.

Deshalb sprechen wir beide Geschlechter gleichermaßen an. Den Leserinnen wollen wir helfen, Männer und somit auch sich selbst in Bezug auf Männer – sei es in Bezug auf ihren Ehemann, ihren Liebhaber, ihren männlichen Kumpel, ihren Chef, ihren Unterstellten, ihren Bruder, ihren Vater oder ihren heranwachsenden Sohn – besser zu verstehen. Denn Verstehen ermöglicht einen harmonischeren Umgang miteinander.

Wir wenden uns aber genauso auch an männliche Leser, die mehr über sich und ihre Geschlechtsgenossen wissen wollen, um dadurch an Lebensqualität zu gewinnen. Ihnen soll dieses Buch dabei helfen, nicht selbstzerstörerisch zu handeln sowie mehr Glück und Befriedigung im Kontakt mit Frauen zu finden. Wir möchten ihnen zeigen, wie sie sich selbst besser verstehen lernen – und damit auch ihre Frau, ihre Geliebte, ihre weiblichen Freunde, ihre Chefin, ihre weiblichen Angestellten, ihre Schwester, ihre Mutter oder ihre heranwachsende Tochter.

Sowohl Männer als auch Frauen wollen wir mit diesem Buch dabei unterstützen, den Kreislauf gegenseitiger Verletzungen zu durchbrechen und der Liebe mehr Platz in ihrem Leben zu geben.

Wie der Untertitel verrät, ist das Buch in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Bestandsaufnahme des verletzten Mannes und dem, »was ihn kränkt«. Die Beweggründe des verletzten Mannes zu kennen, ist die Voraussetzung, um ihm helfen zu können. Anzuwenden, »was ihn tröstet«, hilft sowohl dem betroffenen Mann als auch der Frau, die ihn trösten möchte. So viel sei bereits an dieser Stelle verraten: Für seelische Verletzungen gilt dasselbe wie für körperliche. Paracelsus hat es auf den Punkt gebracht: »Liebe ist der höchste Grad der Arznei.«

Teil I:

Der verletzte Mann: Was ihn kränkt

1. Das schwache Geschlecht? Männer fühlen anders, aber gewaltig

Status quo: Männer in der Krise

Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht, außen hart und innen ganz weich, werden als Kind schon auf Mann geeicht. Wann ist ein Mann ein Mann?

Herbert Grönemeyer: Männer

Jeder kennt das Klischee: Männer sind das starke Geschlecht. Verallgemeinerungen verwandeln sich in der Regel deshalb in einen allgegenwärtigen Gemeinplatz, weil sie einen wahren Kern haben. In diesem besonderen Fall handelt es sich um einen weichen Kern. Und der ist – um ein weiteres Klischee zu beanspruchen – von einer harten Schale umgeben. »Außen hart, aber innen ganz weich«, sang Herbert Grönemeyer 1984 in seiner augenzwinkernden Hymne »Männer«. Es ist den unzähligen Y-Chromosom-Trägern zu verdanken, die 24 Stunden am Tag den starken Mann spielen, dass sich das Klischee vom starken Geschlecht noch zu Beginn des dritten Jahrtausends so hartnäckig hält. Doch nichts könnte weiter entfernt von der Wahrheit sein.

Männer sind mitnichten das starke Geschlecht – zumindest nicht das stärkere. Sie sind Schauspieler, die knallharte Actionhelden wie Daniel Craig alias James Bond oder Bruce Willis mehr schlecht als recht imitieren. Tragischerweise nicht nur im Arbeitsalltag, sondern auch vor den Personen, die ihr Vertrauen und ihre Ehrlichkeit am meisten verdienen würden: vor der eigenen Partnerin und sich selbst. Kaum ein Mann gibt sich die Blöße, vor seiner Frau zuzugeben, wo der emotionale Schuh drückt. Egal, wie es in seinem Inneren aussieht, nach außen hält er das Hochglanzbild vom Superhelden aufrecht. Diese Diskrepanz kriecht in seltenen ehrlichen Augenblicken durchaus aus der diffusen Dunkelheit der Seele an die Oberfläche des Bewusstseins und macht sich dort als unbequemer Gast breit. Es ist also kein Wunder, dass viele Männer in ständiger Angst davor leben, als schlechte Statisten entlarvt zu werden, die es im Film ihres eigenen Lebens nicht zur Hauptrolle schaffen, sondern allenfalls als unterbezahlte, geschundene Stunt-Doubles auftauchen.

»Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss!« Dieses Zitat, das John Wayne nachgesagt wird, hält sich hartnäckig in den Köpfen der Männer. Ebenfalls aus Western bekannt sind Indianer. Und die kennen bekanntlich keinen Schmerz. Männer achten in der Regel genauso wenig auf ihre Gesundheit wie auf ihre Gefühle. Für den Raubbau am eigenen Körper, sei es durch Selbstaufopferung im Job, energieraubende Verdrängungsmechanismen oder Missachtung der eigenen Grenzen in anderen Lebensbereichen, zahlen sie einen hohen Preis. Der desaströse Gesundheitszustand des Mannes im Allgemeinen hat ihm in Medizin und Psychologie bereits eine neue Bezeichnung eingebracht: das kranke Geschlecht. Die Männer von heute sind unglücklich. Zahllose empirische Untersuchungen über Zufriedenheit im privaten und beruflichen Bereich bestätigen dies.

Oft wandeln diese Männer ihren Frust in Arbeitswut und anderen blinden Aktionismus um. So kämpfen sie als Ritter von der traurigen Gestalt verbissen gegen Windmühlen, anstatt ihre Energie dazu zu nutzen, sich den eigentlichen Wurzeln ihrer Probleme beherzt entgegenzuwerfen. Denn dazu müssten sie sich einem Feind stellen, dessen Bedrohlichkeit vor allem darin begründet liegt, dass er so unbekannt wirkt: der eigenen Gefühlswelt. Sie ist terra incognita, für die es kein Navigationssystem gibt.

Zusätzlich wird den Männern die Orientierung dadurch erschwert, dass die Hinweisschilder am Wegesrand der gewohnten Trampelpfade verschwunden sind, die dort seit Jahrhunderten standen und ihren Vorgängern den Weg vorgaben. Die gesellschaftliche Entwicklung macht ein Umdenken nötig. Die Emanzipation, der weibliche Wunsch nach beruflicher Selbstverwirklichung und damit einhergehend die finanzielle Selbständigkeit der Frauen, entreißen dem klassischen Mann seine Funktion als Ernährer, Versorger und Beschützer. Wie dramatisch diese zeitgeschichtliche Zäsur der Postmoderne ist, wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, was wissenschaftliche Studien ununterbrochen belegen: Arbeit ist noch immer der Identitätsstifter Nummer eins für Männer. Männern fällt die Antwort auf die Frage: »Wer bin ich?« ohnehin schon schwerer als Frauen. Ohne Arbeit oder im zunehmenden Konkurrenzkampf mit Frauen geraten sie verstärkt in einen Zustand von Orientierungslosigkeit. Was für die Arbeitswelt gilt, lässt sich natürlich auch im Privatbereich feststellen. Denn der Mann in der Krise weiß zwar, dass weder Machos noch Softies richtige Männer sind, tut sich aber schwer, zwischen diesen beiden extremen Zerrbildern von Männlichkeit die goldene Mitte zu finden, die ihm zu innerer Ausgeglichenheit und einer gleichberechtigten und reifen Partnerschaft verhelfen würde.

Die Soziologie unterscheidet momentan in Hinblick auf ihren Umgang mit der neuen Ordnung drei Männertypen: den klassischen Patriarchen mit Vogel-Strauß-Mentalität, den ambivalenten, unsicheren Mann, der die Orientierung verloren hat, und den (post)modernen Mann, der das Aufbrechen der alten Strukturen von Gesellschaft, Arbeit, Familie und Partnerschaft als Chance sieht für eine neue Ordnung.

Von der Zukunftsvision einer besseren Welt sind wir allerdings noch ein gutes Stück entfernt. Progressive Männer, die beispielsweise die Rolle als Hausmann probieren, werden vielerorts noch als Exoten belächelt. Und selbst Paare, bei denen zu Beginn ihrer Bindung noch beide Partner berufstätig waren, verfallen in der Regel in die klassische Rollenverteilung, die sie von den eigenen Eltern kennen, sobald ein Baby auf dem Weg ist. Nach der Schwangerschaft findet sie sich in der Mutter- und Hausfrauenrolle, während er Vollzeit arbeitet, um die Familie zu ernähren. Das ist wahrhaft ein Auslaufmodell der gesellschaftlichen Normen, wenn man bedenkt, wie viele Jahre es schon auf dem Buckel hat: Soziologen nennen diese Arbeitsteilung die »patriarchale Versorgungsehe«, datierbar auf das 18. Jahrhundert. Unkraut vergeht scheinbar nicht nur in der Botanik nicht. Doch solange sich daran nichts ändert, wird auch die nächste Generation so vaterlos aufwachsen wie die Generationen vor ihr. Genau genommen sogar noch vaterloser denn je: Die steigenden Scheidungsraten machen immer mehr Kinder zu erziehungstechnischen Halbwaisen. Dass Kinder aber sowohl weibliche als auch männliche Einflüsse brauchen, gilt mittlerweile als unbestritten.

»Wann ist ein Mann ein Mann?«, fragte Herbert Grönemeyer in dem bereits zitierten Song »Männer«. 23 Jahre später haben seine Geschlechts- und Leidensgenossen die Frage noch immer nicht geklärt. Tag für Tag sind sie 24 Stunden damit beschäftigt, zu tun, was ein Mann tun muss. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass sie gar nicht genau wissen, was ein Mann so tun muss. Schon gar nicht in den heutigen Zeiten des Umbruchs, in denen so mancher Mann vor dem zusammengefallenen Kartenhaus des Patriarchats steht, Beschützer, Retter, Ritter, Versorger – das war das selbstgefällige Selbstbild bis dato. Doch was macht der Ritter nun, wo es keinen Drachen mehr zu bekämpfen gibt und die Prinzessin sich selbst befreit hat? Bleibt ihm nur, frustriert seine Rüstung auf Hochglanz zu polieren?

Frauen zweifeln vielleicht mal an ihrer neuen Frisur, aber nicht an ihrer weiblichen Identität. Männer dagegen suchen ständig nach Bestätigung dafür, dass sie ihren Mann stehen. »Das Männliche«, so hat es fast den Anschein, ist nicht so selbstverständlich naturgegeben wie »das Weibliche«. Im Laufe der Geschichte haben Männer, beseelt von Pioniergeist, Abenteuerlust und Neugier, als Forscher, Entdecker, Wissenschaftler und Eroberer der Natur mehr und mehr Geheimnisse entrissen – und dabei ihre eigenen unerforscht gelassen. Sie sind selbstvergessen im wahrsten Sinne des Wortes.

Wir erleben gerade einen beispiellosen Aufbruch. Nicht zuletzt der Frauenbewegung ist es zu verdanken, dass nun auch Männer in einem nennenswerten Umfang in Bewegung kommen. In kleinen Schritten entdecken sie neben der ihnen wohlvertrauten äußeren Welt nun auch die innere Welt der eigenen Emotionen. Sie denken über ihr äußeres Bild und ihr Selbstbild nach.1 Und sie stellen fest, wie unscharf, verwaschen und vergilbt dieses Bild ist – als wäre es ein altes Foto. Was immer galt, gilt plötzlich nicht mehr. Die Klischees vom Mannsein haben ausgedient und werden der Lächerlichkeit preisgegeben. Was früher für Stärke stand, wird nun als getarnte Schwäche entlarvt.

Die Reaktionen auf den Wandel reichen von Sturheit und Verdrängung über Verunsicherung bis zur Panik. Aber es gibt auch Hoffnung: Die Frage »Ist der Patient noch zu retten?«, kann mit einem klaren »Ja« beantwortet werden. Es lässt sich ein positiver Trend erkennen. Mehr und mehr Männer entwickeln ein Problembewusstsein – oder positiver ausgedrückt, sie entwickeln ein Bewusstsein für die eigenen Wünsche und Bedürfnisse.

Doch es wächst nicht nur der Druck der Männer zur individuellen Selbstverwirklichung, sondern auch der gesellschaftliche Druck. Mit jedem Mann, der sich reif genug fühlt, authentisch zu werden, wird auch der Anspruch an die Gesellschaft, reifer zu werden, größer. Es ist höchste Zeit für die männliche Emanzipation. Allerdings nicht im Sinne einer Abgrenzung gegenüber der Frau, sondern – ganz im Gegenteil – im Sinne eines Lossagens vom falschen Männlichkeitswahn, der nicht nur den Männern selbst schadet, sondern auch ihren Partnerinnen, Kindern und Freunden. Letztlich geht es neben dem eigenen Wohlbefinden auch um ein neues, erfüllteres Zusammenleben von Mann und Frau.

Männer mit Pioniergeist machen sich auf die Suche. Diesmal gilt es nicht, einen neuen Kontinent oder Planeten zu entdecken. Es geht um ein neues männliches Selbstverständnis. Die Reise ins Innere ist noch lange nicht abgeschlossen. Verunsicherte Männer, enttäuschte Frauen und gescheiterte Ehen machen deutlich, dass es dem Mann von heute noch nicht gelungen ist, sämtlichen Ballast abzuwerfen.

Das Streben nach Authentizität lohnt sich. Denn letztlich geht es für die Männer darum, Zufriedenheit und Glück zu finden, im beruflichen wie im privaten Lebensbereich. Hinter ihren Versuchen, sich vom inneren und äußeren Leistungsdruck zu befreien, steht in erster Linie die Sehnsucht nach Veränderung.

Zur neuen Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung gehört auch der Mut, um Hilfe zu bitte und nach Hilfe zu suchen. Frauen können Männer dabei gut unterstützen, wenn es ohne falsche Fürsorge geschieht und Männer auch in ihrem Recht auf einen Irrweg respektiert werden, von dem wir schon aus der Sage des Odysseus wissen, dass sich der vermeintliche Irrweg nicht selten als ein notwendiger Weg der Reifung erweist. Frauen können Männer oft gut unterstützen, weil sie nicht nur Erfahrung mit ihrer eigenen Selbstbefreiung haben, sondern auch mit all dem, was Männern so rätselhaft erscheint: Gefühlen, Intuition, Kommunikation, Selbstreflexion. Dabei geht es nicht darum, einen Mann an die Hand zu nehmen wie einen kleinen Jungen und ihn in die gewünschte Richtung zu zerren. Das wäre nichts anderes als die Umkehrung verkrusteter Machtverhältnisse. Einem Mann helfen heißt viel mehr, ihn besser zu verstehen.

Jede Frau, die ihr angeborenes Talent zur Empathie dazu nutzt, sich in einen Mann einzufühlen, die genug Geduld hat, um einem Mann bei seiner Selbstfindung zu helfen, die ihn an ihrem »mysteriösen Geheimwissen« teilhaben lässt und ihm die Angst vor dem Eingestehen seiner Schwächen nimmt, wird nicht nur mit Dankbarkeit belohnt werden, sondern auch mit einer erfüllteren, glücklicheren Partnerschaft. Es gibt kein starkes Geschlecht. Es gibt zwei Geschlechter, die nur zusammen stark sind.

Biologie-Nachhilfestunde für Erwachsene: Der kleine Unterschied ist noch viel kleiner, als wir dachten!

Was genau macht einen Mann zum Mann? Und unterscheidet ihn damit von einer Frau? Die Wahrheit ist: nicht viel. Und mit Sicherheit weniger als Sie vermuten. Männer stammen nicht vom Mars und Frauen nicht von der Venus, auch wenn Stammtischwitze und populärwissenschaftliche Bestseller das behaupten.

Beginnen wir mit dem Offensichtlichsten: den körperlichen Besonderheiten der Geschlechtsmerkmale. Für den von Sigmund Freud unterstellten »Penisneid« haben Frauen absolut keinen Grund. Der sogenannte »kleine Unterschied« ist tatsächlich ein noch viel unwesentlicheres Unterscheidungsmerkmal als früher angenommen. Die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane ergänzen sich nicht nur perfekt, sie haben auch viel gemeinsam. So sind Klitoris und Penis mit ähnlichen Schwellkörpern ausgestattet. Wenn man so will, kann man die Scheide als nach innen gestülpten Penis betrachten. Auch ist bekannt, dass Frauen eine Ejakulation haben können.

Ein weiteres Merkmal, das oft angeführt wird, ist, dass Männer und Frauen sich in der Mengenverteilung der Sexualhormone unterscheiden. Beide Geschlechter tragen Östrogen und Testosteron in sich, wobei Männer deutlich mehr Testosteron intus haben. Mit zunehmendem Alter gleicht sich das Mischverhältnis allerdings an. Es kann sich sogar umkehren, sodass ältere Männer oft mehr weibliche Geschlechtshormone (also Östrogene) haben als Frauen nach der Menopause. Sind sie deshalb plötzlich keine Männer mehr? Wohl kaum.

Schauen wir noch genauer auf das, was den Menschen im Innersten zusammenhält: die Gene. Auch hier kommen wir kaum weiter bei der Frage nach der Männlichkeit, denn die genetische Information, die in den 30.000 Genen des menschlichen Genoms abgespeichert ist, ist bei Mann und Frau zu über 99 Prozent identisch.

Natürlich lassen sich dennoch viele kleine, aber feine Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden, wenn man sie sucht. Wissenschaft und Populärwissenschaft sind geradezu besessen davon, diese Unterschiede herauszustellen, und auch im Privaten sorgen Klischees über die Unfähigkeit der Männer, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, oder die angeblichen Gefahren, die eine »Frau am Steuer« mit sich bringt, für Gesprächsstoff. Doch die Unfallstatistiken entlarven letzteres Klischee als ebensolches, denn das Unfallrisiko halbiert sich, wenn eine Frau das Auto lenkt.

Zum Kanon der Männlich-kontra-weiblich-Debatte zählt das Faktum, dass das männliche Gehirn im Vergleich zum weiblichen um rund neun Prozent größer ist. Das verleitete den französischen Chirurgen Paul Broca dazu, in einer Abhandlung aus dem Jahr 1861 zu behaupten, »dass Frauen im Durchschnitt ein bisschen dümmer sind als Männer.« Obwohl seine Theorie längst widerlegt ist, wurde dem größenwahnsinnigen Franzosen die Ehre zuteil, dass ausgerechnet ein bestimmter Bereich des Sprachzentrums im Gehirn nach ihm benannt wurde. Das Broca’sche Zentrum liegt oberhalb der Ohren. Broca würde sich allerdings im Grab umdrehen, wenn er wüsste, wie falsch er lag. Weibliche Gehirne beweisen, was sich viele Männer in anderem Zusammenhang wünschen: Es kommt nicht auf die Größe an, sondern auf die Technik. Die Hirnrinde von weiblichen Gehirnen ist dichter mit Neuronen besetzt. In Sachen »Multitasking« sind Frauen dem vermeintlich starken Geschlecht tatsächlich haushoch überlegen.

Das Gehirn selbst liefert im Übrigen eine – wenn auch schlechte – Ausrede dafür, warum Männer dazu neigen, Gefühle eher unbewusst im Hintergrund zu belassen, anstatt sie wahrzunehmen oder gar zu artikulieren. Denn während bei Frauen ein reger Austausch zwischen der für Gefühle zuständigen rechten Gehirnhälfte und dem in der linken Gehirnhälfte angesiedelten Sprachzentrum besteht, ist bei Männern das Gefühlszentrum so gut wie gar nicht mit dem Sprachzentrum verbunden und immer nur eine der beiden Gehirnhälften im Einsatz. Die gute Nachricht ist: Die »Betriebssysteme« von Mann und Frau sind kompatibel! Es ist nur ein wenig Geduld nötig. Wer jemals mit einem Windows-Programm gearbeitet hat, kennt das ja.

Diese Vergleiche ließen sich endlos fortsetzen. Frauen haben bessere körpereigene Abwehrkräfte, dafür können Männer aufgrund des geringeren körpereigenen Fettanteils Alkohol schneller abbauen. Männer sind in der Regel zehn Prozent größer, 20 Prozent schwerer und 30 Prozent stärker als Frauen. Ganze Bücher könnte man schreiben über das, was die Geschlechter trennt. Genau genommen ist dies bereits geschehen. Aber was beweist das? Außer vielleicht, dass es auch in Zeiten des Postfeminismus einen guten Grund gibt, sich als Dame von einem Kavalier den Koffer zum Flughafenterminal tragen zu lassen?

Die Biologie bietet nicht genügend befriedigende Erklärungen für Männlichkeit. Und sie liefert auch keine wissenschaftlichen Beweise für die beliebte Ausrede, die sich auch eine auflagenstarke Männer-Lifestyle-Zeitschrift als Motto auf die Fahnen geschrieben hat: Männer sind so. Ergänzend dazu gedacht: Da kann man(n) halt nichts machen, das war schon immer so. Männlichkeit ist aber kein Freifahrtschein für Faulheit und keine Legitimation für unreflektiertes Weiterführen traditioneller Rollenverteilungen.

Im wissenschaftlichen Diskurs werden moderne Verhaltensmuster gern evolutionsgeschichtlich betrachtet. Der Ansatz, heutiges Verhalten mit den Alltagsanforderungen unserer Urahnen zu erklären, ist zwar unterhaltsam, driftet aber ins Absurde ab, wenn daraus eine Rechtfertigung für obsoletes Rollenverhalten abgeleitet wird. Dass der Steinzeitmann auf die Jagd ging, während die Steinzeitfrau sich um den sozialen Zusammenhalt kümmerte, ist interessant zu wissen. Aber es ist kein Argument gegen Veränderung, schon gar nicht Millionen Jahre später. Die Mammuts sind ausgestorben, die Steinzeitmänner leider noch nicht ganz.

Zu welchen Anteilen genetische Vorgaben, gängige Geschlechterklischees, soziale Konditionierung und die Erziehung daran beteiligt sind, wie wir uns verhalten, ist noch nicht bis ins letzte Detail geklärt. Fest steht aber – und das ist alles, was wirklich zählt – Männer sind so, aber sie müssen nicht so sein. Sie können auch anders. Und mehr und mehr Männer wollen sich verändern. Wer fatalistisch auf die naturgegebenen Grenzen des freien Willens pocht, sollte sich mit den neuesten Erkenntnissen der Neurobiologie vertraut machen. Ihnen zufolge ist das Gehirn »eine hochbegabte Lernmaschine«.2

Männer und Gefühle – kein Widerspruch in sich!

Im Wetterbericht ist die Rede von »gefühlter Temperatur«, in Zusammenhang mit der Einführung des Euro kam der Begriff »gefühlte Inflation« auf. All dem zum Trotz gibt es auch heute noch eine kleine Schar von Forschern, die allen Ernstes behaupten, Emotionen seien Atavismen aus unserer dunklen Vergangenheit, als wir noch in ebensolchen Höhlen hausten. Da wir nicht mehr mit überdimensionalen Raubtieren kämpfen müssen, bestünde – so die verschrobenen Wissenschaftler  – auch keine Notwendigkeit für Emotionen mehr. Erfreulicherweise weisen die meisten Wissenschaftler diese Behauptung entschieden zurück. Doch es scheint jede Menge Männer zu geben, die ähnlich gefühlsfeindlich denken – zumindest unbewusst.

Manche Männer können komplexeste Konstruktionszeichnungen bis ins letzte Detail verstehen, andere Albert Einsteins »Zur Elektrodynamik bewegter Körper« im Schlaf rezitieren und wieder andere beim Öffnen der Motorhaube auf einen Blick das Problem erkennen. In einem besonderen Fachgebiet aber sind Männer oft ahnungslose Dilettanten: dem eigenen Innenleben. Allen technischen Innovationen, evolutionären Schritten und sich wandelnden Geschlechterrollen zum Trotz scheinen Männer auf der Stufe der Jäger und Sammler stecken geblieben zu sein, wenn es um »Gefühlskram« geht. Daraus wird gern abgeleitet, dass Männer keine Gefühle hätten. Männer und Gefühle – für viele Frauen klingt das auch heute noch wie ein Widerspruch in sich. Ein Besuch in einem x-beliebigen Fußballstadion würde jede Ungläubige eines Besseren belehren. Doch es ist traurig, dass Fußball zu den wenigen Ausnahmen zählt, wo Männer sich trauen, zu ihren Gefühlen zu stehen. In Wahrheit haben Männer genauso Gefühle wie Frauen. Sie wissen nur nicht, wie sie damit umgehen sollen. Sie haben für ihre Gefühlswelt keine Gebrauchsanleitung erhalten, und jetzt müssen sie im Do-it-yourself-Verfahren lernen, was Frauen schon von Natur und Erziehung aus mitgegeben wurde.

Dem klassischen Männertypus sind Gefühle noch immer ein wenig suspekt. Gefühle erscheinen ihm irrationaler als ein trotziges Kind, unberechenbarer als eine knifflige Mathematikaufgabe, geheimnisvoller als das Bermudadreieck und rätselhafter als ein Geheimcode. Kommen sie zum Ausbruch, entwickeln sie das zerstörerische Potenzial einer privaten Naturkatastrophe.

Emotionen beeinflussen tatsächlich das klare Denken. Unsere Gedanken fließen schnell und geordnet, wenn wir gut gelaunt sind, und langsamer, wenn wir deprimiert sind. Daraus vorschnell zu schließen, dass Emotionen uns im Weg stehen, wäre aber ein fataler Irrtum. Das Gegenteil ist der Fall. Die meisten Emotionen hemmen uns nicht, sondern ermöglichen uns – quasi als stumme Ratgeber – Reaktionen, die an eine aktuelle Situation besser angepasst sind als die einseitige Stimme der Vernunft.

Nehmen wir als Beispiel einen Soldaten, der ohne Furcht wie ein Berserker über das Schlachtfeld läuft, und einen anderen Soldaten, der um sein Leben fürchtet, weil er raus aus diesem sinnlosen Krieg und zurück in die Arme seiner Liebsten will. Wer von den beiden ist der bessere Soldat? Darauf haben Generäle eine andere Antwort parat als Pazifisten. Fest steht aber, dass der Soldat, der seine Wünsche und Ängste bewusst spürt, eher derjenige der beiden sein wird, der den Krieg überlebt. Aber auch ohne ein derart martialisches Szenario ist offensichtlich, dass die Unfähigkeit, zu fühlen und Gefühle auszudrücken, das Denkvermögen stärker beeinträchtigt als »Gefühlsduselei«. Wer versucht, seine Gefühle dem Diktat des Verstandes unterzuordnen, lässt seine Sinne abstumpfen und zerstört seine Liebesfähigkeit.

Was passiert, wenn die Gefühlsfähigkeit gehemmt ist, wird bei einem Neurotiker besonders deutlich sichtbar. Die Hemmung der Erlebnis- und Entfaltungsmöglichkeiten des Neurotikers bedeutet nicht, dass die Bedürfnisse dadurch absterben. Als Folge der unbewussten Hemmungen, Verdrängungen und Frustrationen leidet der Neurotiker an körperlichen und psychischen Krankheiten und neigt zu Aggressionen. Damit soll natürlich nicht gesagt werden, dass alle Männer neurotisch sind. Aber Männer, die dem klassischen Abziehbild von Männlichkeit nacheifern, haben durchaus etwas gemeinsam mit Menschen, die an psychischen Erkrankungen wie Neurosen, Psychosen und Persönlichkeitsstörungen leiden: Sie verdrängen ihre Gefühle. Konkret bedeutet das, dass die Gefühle vom Erleben abgespalten und ins Unbewusste geschoben werden. Eigentlich ein lobenswerter Versuch der Psyche, innere Konflikte zu lösen. Man kann sich bei diesem Vorgang die Psyche als Richter vorstellen, der für Ruhe und Ordnung sorgt, wenn mehrere Stimmen im Kopf wild durcheinanderreden – indem er die Streithähne des Saals verweist. Die Sache hat nur einen Haken: Verdrängungsmechanismen arbeiten eher mit der rohen Kraft eines Baggerführers als mit der Feinfühligkeit eines Schweizer Uhrmachers. Da kann es schon mal vorkommen, dass neben dem eigentlich zu verschiebenden Gefühl auch noch etwas anderes mit ins Unbewusste gezerrt wird, nämlich Bedürfnisse, Wünsche, Vorstellungen und Erinnerungen.

Abgesehen davon kann man Gefühle leugnen so viel man will, letztendlich sitzen sie am längeren Hebel. Emotionen steuern unbewusst selbst die Entscheidungen, die wir als vermeintlich völlig rational wahrnehmen. Doch Gefühle machen uns nicht zu Sklaven unserer eigenen Launenhaftigkeit. Im Gegenteil, je bewusster uns unsere Emotionen sind, umso mehr Handlungsfreiheit gewinnen wir. Männer können nur profitieren, wenn sie von den Virtuosen der Emotion lernen  – den Frauen. Deren Heimvorteil in Sachen Einfühlungsvermögen, Kommunikation und »Emotionsmanagement« hat sich sogar bis in die Geschäftswelt herumgesprochen. Dort lernen zum einen Männer »Soft Skills« und »Emotionale Intelligenz« einzusetzen, zum anderen werden Frauen genau für diese Fähigkeiten geschätzt. Erkenntnisse aus der Neurobiologie könnten ein Ansporn für lernwillige Männer sein, denn der Umgang mit Gefühlen ist genau so trainierbar wie Denksport oder Marathonlaufen.

Sinnsuchende Männer, die sich als Gefühlsdilettanten erkennen, müssen einsehen, dass der Mann an sich jahrhundertelang zu einseitig war, zu hart, zu leistungsorientiert, zu unruhig. Er hat sich zu sehr als Rivale anderer Männer gesehen und zu wenig als Partner und Freund. Er hat zu kopflastig reagiert und zu wenig auf sein Bauchgefühl gehört. Er hat sich zu sehr von seinem Verstand leiten lassen und zu wenig von seinem Herzen. Äußere Normen bestärkten die Männer in dem Irrglauben, alles Weiche und Gefühlvolle sei weiblich und damit nicht Teil ihrer selbst. Durch Verdrängungsmechanismen haben sie diese Anteile in kollektiver männlicher Schizophrenie abgespalten. Im privaten Bereich haben diese Männer emotionale Belange an die Partnerin delegiert. Ihre Einsicht, dass Gefühle nicht weiblich, sondern menschlich sind, kommt spät.

Doch es gibt auch Unterschiede zwischen dem männlichen und dem weiblichen Umgang mit Emotionen. Männer, so die jüngste Erkenntnis der Wissenschaftler, drücken Gefühlserleben bevorzugt in Handlungen aus, Frauen dagegen verarbeiten Gefühle leichter anhand von Worten und Bildern. Hirnforscher fanden außerdem heraus, dass Frauen starke Gefühle intensiver erleben und diese auch deutlich länger im Gedächtnis behalten. Eine wissenschaftliche Erkenntnis, die Männern auch als Ausrede für vergessene Hochzeitstage nützlich sein könnte ...

Spaß beiseite: Gefühle sind keine Störfaktoren, die den IQ herabsetzen, sondern wichtige und hilfreiche Begleiter in allen Lebensbereichen, die maßgeblich die Chance auf Glück und Erfolg mitbestimmen  – nicht umsonst »fühlt« man sich prima oder glücklich und »denkt« sich nicht gut oder glücklich. »Sinn und Sinnlichkeit« gehören zusammen wie in dem gleichnamigen Werk von Jane Austen. Der populäre Begriff von der »Emotionalen Intelligenz« macht deutlich: Es kommt auf den klugen Umgang mit Gefühlen an.

Wer nicht fühlen will, muss leiden – das kranke Geschlecht

Gefühlsleben und Körperlichkeit stehen in direktem Zusammenhang. Sogar unzählige Redewendungen bezeugen dies. So sagen wir zum Beispiel, etwas »liegt mir im Magen« oder »geht mir an die Nieren«. Die Wissenschaft bestätigt, was der Volksmund – »aus dem Bauch heraus« – schon lange wusste: Das Gehirn steuert Körperreaktionen auf Emotionen. Jedem »Grundgefühl« sind bestimmte somatische Reaktionen zugeordnet. Wer sich in Grund und Boden schämt, wird rot, weil ihm das Blut ins Gesicht schießt. Ekel kann zu Übelkeit führen, und der Schreck fährt einem sprichwörtlich in die Glieder. Männer haben zwar bezüglich dieser Funktionalität keinen »Konstruktionsfehler«, die »Software« allerdings benötigt dringend ein Update. »Mens sane in corpore sano« sagte der Lateiner, »ein gesunder Geist in einem gesunden Körper«. Scheinbar sind aber immer mehr Männer mit ihrem Latein am Ende.

Gefühle bedrohen in ihren Augen die Ordnung der Dinge. Deshalb verlässt man(n) sich besser auf den kühlen Verstand, anstatt zum Hitzkopf zu mutieren. Auch wenn manchem die typisch männliche Vogel-Strauß-Mentalität auf den ersten Blick wie das geringere Übel vorkommen mag: Diese scheinbar einfachere Lösung birgt ein großes Gefahrenpotenzial in sich. Denn der Weg des geringsten Widerstandes ist ein Spaziergang über dünnes Eis.

Auf die Frage »Wie geht’s?«, sagen Männer reflexartig »Gut«. Oft glauben sie es sogar selbst. Weil sie ihre Gefühle und Bedürfnisse nicht wahrnehmen. Aber was tun sie, wenn sie dann doch den Frust, die Trauer oder den Zorn spüren, wenn die Sehnsucht nach Nähe und Zusammengehörigkeit wächst und ihre eigene Verletzlichkeit und Abhängigkeit ihnen Angst machen? Dann versuchen sie, ihre Gefühle zu verleugnen oder mehr schlecht als recht zu kompensieren. Statt die Hilfe von Freunden oder gar eines Therapeuten zu suchen, stürzen sich Männer lieber in die Ablenkung, um sich die eigene Hilflosigkeit nicht eingestehen zu müssen. Die vermeintliche Stärke, die ein Mann sich und der Umwelt beweisen will, erweist sich oftmals als ein Kartenhaus, das äußerst anfällig für Erschütterungen und Windstöße ist. Wenn dieses Kartenhaus einstürzt, drohen Suchtverhalten, Gewalt, Depressionen und Krankheiten. Im schlimmsten Fall ist der Leidensdruck so stark, dass dem Betroffenen ein Suizid, die Auslöschung des eigenen Lebens, als einzige Fluchtmöglichkeit vor einer unerträglichen, einsamen Zukunft erscheint.

Wir erinnern uns an den bereits zitierten Spruch: »Ein Indianer kennt keinen Schmerz.« Der Haken an der Sache ist, dass die wenigsten Männer Indianer sind – und gute Schauspieler ebenso wenig. Deshalb ist die Angst vor der eigenen Entlarvung ihr ständiger Begleiter.