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"Der Weg der Lebenspflege: Tägliche Weisheiten für ein gesundes und langes Leben" bietet für jeden Tag des Jahres Zitate aus klassischen chinesischen und japanischen Schriften zur Verwirklichung einer umfassenden geistigen, emotionalen und körperlichen Gesundheit. Das Buch ergänzt dabei den bereits erschienenen Jahresbegleiter "Der Weg des Edlen".
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Seitenzahl: 473
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Vorwort
Zitate und Gedankenanregungen für jeden Tag des Jahres
Die Themenbereiche in systematischer Darstellung
Die Kurzsprüche zum täglichen Zitat
Quellen und weiterführende Literatur
Weitere Bücher von Julian Braun
Kontaktadresse
Von Mark Twain soll der Ausspruch stammen: „Gesundheit ist das höchste Gut des Menschen.“ Eine Aussage, der vermutlich die meisten spontan zustimmen würden; und tatsächlich geben in Umfragen über achtzig Prozent der Menschen in Deutschland an, dass Gesundheit für sie sehr wichtig, wenn nicht gar das Wichtigste im Leben ist. Umso erstaunlicher ist es, dass sich der tatsächliche Gesundheitszustand der Menschen eher verschlechtert; auch wenn die Lebenserwartung als solche in den letzten hundert Jahren praktisch kontinuierlich gestiegen ist. Gesund sein wollen und auch tatsächlich gesund zu leben ist eben nicht dasselbe; und entgegen mancher esoterischer Versprechungen reicht Wünschen allein in diesem Fall auch nicht aus. Sich um seine Gesundheit zu kümmern ist eine anspruchsvolle Aufgabe und nichts, was man nebenbei oder zwischendurch erledigen kann. Das heißt nicht, dass man von früh bis spät an nichts anderes mehr denken darf, als gesund zu leben; oder dass man sich nie etwas gönnen dürfte. Aber die grundsätzliche Richtung muss stimmen, und diese einzuschlagen und auch immer wieder zu überprüfen erfordert einiges an Bewusstheit und Entscheidungen.
Das vorliegende Buch enthält (wie das vorherige Buch „Der Weg des Edlen“) für jeden Tag des Jahres ein Zitat; diesmal aus klassischen Schriften der Medizin und Lebenspflege aus China und Japan. Das Themenspektrum umfasst offensichtliche Dinge im Zusammenhang mit Gesundheit wie Ernährung und Bewegung, aber auch Punkte wie die Qualität eines Arztes, die Pflege von Angehörigen, Schlafhygiene und vor allem die Auseinandersetzung mit den eigenen, oftmals ungezügelten Verlangen, welche hauptsächlich dafür verantwortlich sind, dass wir zwar gesund sein wollen, aber uns nicht entsprechend verhalten. Wahre Lebenspflege ist nicht zu trennen vom Weg des Edlen und teilt mit diesem den Anspruch, den Menschen in einem ganzheitlichen Sinne zu kultivieren, ohne sich dabei in einer simplen Selbstoptimierung zu verlieren. Auch wenn der daoistische Einfluss auf dem Weg der Lebenspflege größer ist als auf dem Weg des Edlen, bleibt doch auch hier der konfuzianische Gedanke erhalten, dass der Mensch zum wahren Menschen in aller Regel nur in der Gemeinschaft werden kann. Dennoch, oder gerade deshalb, müssen wir bei uns beginnen, und unser eigenes Leben heilsam gestalten. Ich hoffe, dieses Buch kann dazu einige Anregungen bieten.
Julian Braun
Ansbach 2025
Die Schriftzeichen yang und sheng , welche zusammen „Pflege des Lebens, das Leben nähren“ bedeuten.
„Der Körper des Menschen hat Vater und Mutter zum Fundament und Himmel und Erde zum Anfang. Weil man durch die Gunst von Himmel und Erde, sowie durch die Gunst von Vater und Mutter geboren und aufgezogen wird, besitzt man seinen Körper nicht allein.“
(Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Dies ist der Anfang des Traktates Yôjôkun, auf Deutsch etwa „Regeln zur Lebenspflege“. Sein Verfasser ist der japanische Gelehrte, aus einer einfachen Samurai-Familie stammende Kaibara Ekken, der von 1630 bis 1714 lebte. Ekken verfasste eine Vielzahl von Werken zu unterschiedlichen Themen; einen Schwerpunkt bilden jedoch Schriften zur Samurai-Ethik sowie zur Medizin. Das yôjô im Titel des Werkes Yôjôkun ist die japanische Lesung für Chinesisch yangsheng (養生). Damit wird in China eine lange und weit gefasste Tradition von Übungen und Sichtweisen bezeichnet, welche allesamt darauf abzielen, das Leben des Menschen in physischer, emotionaler, mentaler und spiritueller Hinsicht gesund zu erhalten und weiter zu entwickeln. Zu Beginn seines diesbezüglichen Werkes erinnert uns Kaibara Ekken daran, dass der Mensch nie alleine zum Menschen werden kann: Es sind die uns wenig zugänglichen, mehr oder weniger glücklichen Fügungen, durch die wir mehr oder weniger gesund geboren werden, mit oder ohne große oder kleine Beeinträchtigungen. Und es sind (in aller Regel) die Eltern, welche sich um den hilflosen Säugling kümmern, Zeit und Geld für ihn aufwenden, und hoffentlich mit Zuneigung und Liebe begegnen. Egal für wie eigenständig wir uns also halten, sollten wir nicht vergessen, dankbar zu sein für jeden Tag an dem wir gesund waren bzw. sind.
„Der Körper des Menschen ist höchst kostbar. Er ist durch nichts auf der ganzen Welt zu ersetzen. Daher ist es äußerst dumm, wenn man die Kunst der Lebenspflege nicht kennt und seinen Begierden freien Lauf lässt, wodurch der Körper zugrunde geht und man sein Leben verliert.“
(Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Wir wissen nicht, was Kaibara Ekken zu den Möglichkeiten und Visionen der modernen Medizin sagen würde. Seit der ersten Organtransplantation 1954 (eine Niere) sind über 70 Jahre vergangen. Mittlerweile können eine Vielzahl an Organen wie Herz, Lunge, Leber, Nieren, aber auch Haut, Herzklappen und anderes transplantiert werden. Aber die Bestrebungen und Visionen gehen noch weiter, und mittels Genmanipulation, Arzneimitteln und neuronalen Netzen scheint mittlerweile sogar eine deutlich längere Lebensdauer in greifbare Nähe zu rücken. In der Realität aber sterben wir noch immer ausnahmslos alle. Die Menschen im Westen haben eine im Vergleich zu früher erheblich längere Lebenszeit. Aber sind sie auch immer glücklicher? Noch ist die Tatsache gültig, dass wir zum Leben auf unseren Körper angewiesen sind. Unsere Gesundheit liegt nicht völlig in unseren eigenen Händen, aber was wir dafür tun können, sollten wir tun. Denn wenn die Schmerzen infolge mangelnder Bewegung und zu viel Essen erst einmal chronisch sind, ist es schwer, sie wieder loszuwerden.
„Ist das Leben aber kurz, nützen einem alle Schätze der Welt nichts. Selbst wenn man Reichtum wie zu einem Berg angehäuft hätte, könnte man nichts damit anfangen. Deshalb besteht wirkliches Glück darin, dem Weg zu folgen, den Körper zu bewahren und ein langes Leben zu erlangen.“
(Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Es gibt viele unterschiedliche Meinungen darüber, was ein gutes, gelungenes, glückliches, zufriedenes, erfolgreiches usw. Leben ausmacht. Wir alle haben andere Prioritäten, was uns wichtiger ist und was weniger wichtig. Für manche Menschen gehört es zu einem guten Leben, dreimal die Woche essen zu gehen, eine teure Uhr zu tragen und immer das neueste iPhone kaufen zu können. Andere finden Befriedigung und Erfüllung in der Partnerschaft, im Dienst am Nächsten oder beim Aufenthalt in der Natur. Manche Menschen wollen Reisen und die Welt erkunden; andere bleiben gerne Zuhause. Ganz unabhängig davon, was uns wichtig ist, und wie wir ein gutes Leben definieren, kann man aber sagen: Wenn man krank ist, Schmerzen leidet und in seiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt ist, wird die Welt schlagartig ganz klein. Alle hochtrabenden Ziele verblassen, und alle bislang als ganz gewöhnlich empfundenen Möglichkeiten (wie zum Beispiel einfach Aufzustehen und sich etwas zu trinken zu holen) erscheinen verlockend und kostbar. Und auch wenn wir mit viel Reichtum vielleicht eine bessere Versorgung in der Krankheit bekommen: Wenn wir dauerhaft eingeschränkt sind und Schmerzen leiden, oder sogar früh oder vorzeitig sterben, weil wir uns nicht um unsere Gesundheit gekümmert haben, ist aller materieller Besitz nicht mehr von Bedeutung.
„Tee ist ein Wundermittel der Lebenspflege. Er besitzt die wunderbare Fertigkeit, das Leben der Menschen zu verlängern. Für Berge und Täler, in denen solcher Tee gedeiht gilt, dass sie heiliger, zauberkräftiger Boden sind; und die Menschen welchen diesen Tee pflücken und trinken erlangen ein langes Leben.“
(Myôan Eisai, Kissa Yôjôki )
Den größten Teil ihrer Zeit auf Erden mussten die Menschen ohne alle für uns heute selbstverständlichen Errungenschaften und Erkenntnisse der modernen Pharmazie und Medizin überleben. Impfungen, Antibiotika, Narkose, Desinfektionsmittel, Röntgenuntersuchung und unzählige andere Methoden und Mittel waren unvorstellbar. Den Menschen zugänglich war weitgehend nur das, was sie unmittelbar erfahren und erleben konnten; insbesondere die Natur mit ihren Pflanzen und Gewächsen. In diesem Zitat preist der berühmte Zen-Mönchen Eisai (1141-1215), der Begründer des Rinzai-Zen, die wohltuende und heilkräftige Wirkung des Tees. Vielleicht erscheint diese Lobeshymne uns heute ein wenig übertrieben. Aber auch heute noch wird Tee in all seiner Vielfalt rund um die Welt geschätzt. Von heimischen Kräutertees über die Tee-Fülle der asiatischen Länder bis hin zu Tees aus Afrika und Südamerika steht uns heute bequem eine riesige Auswahl an unterschiedlichen Teesorten zur Verfügung. Es lohnt sich, sich einmal genauer damit zu beschäftigen, welche Arten von Tee es auf der ganzen Welt gibt und wofür sie eingesetzt werden können. Und eines ist ganz sicher: Den Tag mit einer Tasse warmen oder heißen Tee zu beginnen, regt den ganzen Organismus an und ist ein guter und preiswerter Start in den Tag.
„Die Heiligen sind gesund, stark und frei von Krankheit; die Weisen sorgen sich um ihre Gesundheit und nehmen sich vor Krankheit in Acht; die gewöhnlichen Menschen sind schwach und oft krank.“
(Satô Issai, Genshi-shiroku )
Das heutige Zitat stellt uns drei Menschentypen und ihr Verhältnis zur Gesundheit vor. Die „Heiligen“ (聖人) und „Weisen“ (賢人) sind dabei (in den Lehren nicht klar voneinander unterschiedene) Begriffe der konfuzianischen und taoistischen Lehre für Menschen, welche durch ihre musterhafte Lebensführung als Ideale der jeweiligen Tradition gelten; als außergewöhnliche Menschen. Etwas anschaulicher kann man sagen, dass die Heiligen dabei die Lehren so tief verinnerlicht haben, dass sie schon ihre zweite Natur geworden sind; sie haben den ganzen Menschen durchdrungen und transformiert. Solche Menschen leben nach den Grundsätzen der Lebenspflege, ohne sich noch Gedanken darüber machen zu müssen. Die Weisen sind Menschen, welche sich darum bemühen, die Regeln der Lebenspflege zu verstehen und in ihrem Leben ernsthaft zu verwurzeln. Sie haben den Wert und die Wichtigkeit erkannt daran mitzuwirken, ein gesundes Leben zu führen, soweit es in den eigenen Kräften steht. Denn nur wer gesund ist, kann einerseits sich am Leben erfreuen und andererseits für andere Menschen da sein. Diesen beiden Arten „besonderer Menschen“ stehen die „gewöhnlichen Menschen“ gegenüber, welche aus Unwissenheit oder sogar wider besseres Wissen im Großen wie im Kleinen, über kurz oder über lang, ihre Gesundheit schädigen, bis sie schließlich immer weniger Freude am Leben empfinden können und auch noch anderen zur Last fallen.
„Damals gab es in Kyoto einen Kranken. Er war schon lange krank, hatte zahlreiche Ärzte konsultiert und allerlei Therapien durchgemacht, aber alle waren ohne Erfolg. Im Gegenteil: mit jedem neuen Arzt verschlechterte sich sein Zustand noch mehr. Nachdem so dreizehn Jahre vergangen waren, war es der Kranke überdrüssig, Arzneien einzunehmen und entschied sich dafür, die Einnahme zu beenden. Daraufhin besserte sich sein Zustand, und die jahrelange Krankheit war nach zwei Monaten verschwunden.“
(Nakagami Kinkei, Seiseidô yôjôron )
Ein guter Arzt ist Gold wert, ein schlechter Arzt kann einen umbringen. Viele Köche verderben den Brei. Es gibt die schöne Erzählung, dass im alten China die Ärzte von ihren Patienten bezahlt wurden, solang sie mit deren Hilfe gesund wurden und gesund blieben; wenn sie aber durch die Ratschläge oder Behandlungen des Arztes krank wurden, gab es auch kein Geld. Auch wenn es sich dabei wohl nicht um eine historische Wahrheit handelt, ist der Gedanke dahinter doch sofort nachvollziehbar: Allzu oft ist es die Krankheit, mit welcher ein Geschäft gemacht wird; nicht aber die Gesundheit. Verzweifelte Menschen sind bereit, sich auf die absurdesten „Therapien“ einzulassen; kosten sie, was es wolle. Moderne Krankenhäuser verdienen an Operationen mehr als an Beratungen und Gesprächen, wie der Patient selbst zu seiner Genesung beitragen könnte. Und wenn man sich anschaut, wie viel Zeit ein Arzt für einen Patienten noch aufwenden kann, ist es kein Wunder, dass normalerweise nach Schema F verfahren wird; egal ob es im konkreten Fall angezeigt ist oder nicht. Umso wichtiger ist es, selbst Verantwortung für seine Gesundheit zu übernehmen und dabei auch achtsam bei der Arztwahl zu sein.
„Obwohl der Weg der Lebenspflege mit unzähligen Wörtern beschrieben werden kann, geht es im Wesentlichen doch nur um drei Dinge: Geist und Energie nähren, sich von den Leidenschaften und Begierden fernhalten, maßvoll im Essen und Trinken sein. Obwohl dies ganz simpel ist, vernehmen die Menschen es nicht; und wenn sie es vernehmen, dann handeln sie nicht danach.“
(Manase Gensaku, Enju satsuyô )
Mit der Lebenspflege verhält es sich wie mit dem „Weg des Edlen“, dem Weg, ein integrer Mensch zu werden. Ganze Bibliotheken lassen sich mit Büchern darüber anfüllen, und große und kleine Meinungsverschiedenheiten werden seit Jahrhunderten diskutiert. Im Grunde jedoch ist der Weg des Edlen nicht kompliziert zu verstehen, sondern nur mühsam in der Ausführung. Ebenso der Weg der Lebenspflege: Man muss kein Studium der Medizin absolvieren oder ein umfangreiches Wissen besitzen, um sich um seine Gesundheit zu kümmern. Manase Gensaku, ein japanischer Arzt des 16. Jh. und Neffe des in diesem Buch ebenfalls zitierten Manase Dôsan, reduziert den Weg der Lebenspflege auf drei Aspekte: Geist und Energie nähren (für das rechte Maß an Erholung an Anstrengung sorgen), die sinnlichen Freuden ebenso wie die Emotionen regulieren, und sich vernünftig und maßvoll ernähren. Was damit konkret gemeint ist, weiß wohl jeder selbst, wenn er bereit ist, in sich hineinzuhorchen und seine Lebensweise zu hinterfragen. Und wo man unsicher ist, gibt es mehr als genug Anlaufstellen, die einem dabei weiterhelfen. Allein es umzusetzen, ist mühsam; nicht zuletzt in einer Gesellschaft und einem Wirtschaftssystem, welche stetigen Spaß und dauernden Konsum geradezu als lebensnotwendig propagieren.
„Essen und Trinken sollten wie eine Arznei angesehen werden. Der Grundsatz viel Reis, aber wenig Fleisch sollte sorgfältig beachtet werden. Reis oder Fisch die verdorben sind, werden nicht gegessen. Was sich verfärbt hat oder streng riecht, wird nicht gegessen. Auf diese Weise werden die Speisen sorgfältig ausgewählt. Auch wenn viel Fleisch vorhanden ist, soll man nicht mehr Fleisch als Reis essen. Damit ist über die Hauptmahlzeit und die Beilage aufgeklärt.“
(Satô Issai, Genshi-shiroku )
Weniger Fleisch und mehr Beilagen, z. B. in Form von Reis oder Gemüse zu essen, war vermutlich für lange Zeit für die meisten Menschen der Normalzustand; schlicht und einfach aufgrund des begrenzten Angebots. Ebenso wie insgesamt Hunger und nicht Gesättigt-Sein für die meisten Menschen der Normalzustand war und für viele Menschen auf der Welt auch noch ist. Die moderne Massentierhaltung hat jedoch dazu geführt, dass „Fleisch“ in den westlichen Ländern im Übermaß und zu Spottpreisen verfügbar ist. Es ist geradezu ein Wohlstandsversprechen der modernen Gesellschaft, dass Fleisch und Wurst nicht mehr nur den Wohlhabenden vorbehalten sind. Darüber nachzudenken, auf welchen Wegen dieses Fleisch zum Verbraucher gelangt, welche Qualen die Tiere erleiden mussten und mit welchen Mitteln es haltbar, ansehnlicher usw. gemacht wird, verdrängt man dabei lieber. Weniger Fleisch zu konsumieren hat viele Vorteile, persönliche ebenso wie gesellschaftliche und ökologische. Man kann Geld sparen (oder lieber weniger, aber dafür gutes Fleisch essen), tut seiner Gesundheit etwas Gutes, leistet einen Beitrag zum Tierwohl und Klimaschutz und anderes mehr. Umgekehrt sind Gemüse und Beilagen häufig Lieferanten vieler wichtiger Nährstoffe, Ballaststoffe und so weiter. So oder so ist die Menge des Fleischkonsums eines der zentralen Themen im Bereich der individuellen Ernährung, wie auch mit Blick auf die Ernährung aller Menschen.
„Wenn man sich gewissenhaft der Kunst der Lebenspflege widmet und diese über einen langen Zeitraum beachtet, dann sollte man einen kräftigen und von Krankheiten verschonten Körper haben, seine zugemessene Lebensdauer bewahren sowie ein langes und glückliches Leben führen können. An diesem Prinzip darf man nicht zweifeln.“
(Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Erneut weist Kaibara Ekken zu Beginn seiner Abhandlung darauf hin, welche Vorzüge die Beachtung der Grundsätze der Lebenspflege mit sich bringt. Es ist eines der größten Probleme unserer heutigen Zeit, dass die Menschen sich meist erst dann mit ihrer Gesundheit beschäftigen, wenn sie krank sind. Solange man jung ist, kann der Körper vieles wegstecken. Aber wenn man älter wird, beginnen die Folgen einer schädlichen Lebensweise sich nach und nach bemerkbar zu machen. Und ehe man sich versieht, erscheint es einem ganz normal, dass es ständig hier oder dort zwickt, dass man die eine oder andere Tablette zu sich nimmt, dass man ein paar Mal im Jahr für einige Tage krank ist und so weiter. Aber muss das wirklich so sein? Wie gesund wir sein können, werden wir nur wissen, wenn wir uns wirklich darum bemühen.
„Um das Herz gesund zu erhalten, ist das Trinken von Tee die beste Methode. Wenn das Herz schwach ist, können an allen anderen Organen Krankheiten entstehen.“
(Myôan Eisai, Kissa Yôjôki )
Herz und Gehirn gelten bis heute als die beiden zentralen Organe des Menschen. Hirntod und Herzstillstand sind die beiden Pfeiler, welche den unumkehrbaren Übergang vom Leben zum Tod markieren. Während im westlichen Denken dabei das Gehirn eine prominente Stellung einnimmt, ist im östlichen Denken traditionell das Herz der Sitz der physischen und psychischen Kräfte des Menschen. Die Gesundheit des Herzens ist damit von vorrangiger Bedeutung und beeinflusst alle anderen Organe und das gesamte Wohlbefinden. Was Myôan Eisai hier vor über 800 Jahren formuliert hat, wird dabei mittlerweile auch durch die moderne Wissenschaft mehr und mehr bestätigt: Regelmäßiger, nicht exzessiver Teekonsum kann das Risiko für Herzkrankheiten und Schlaganfälle senken. Gönnen wir uns also öfters mal eine schöne Tasse Tee.
„Der Heilige gerät durch den Tod nicht in Unruhe. Der Weise versteht den Tod als Teil des Lebens. Der gewöhnliche Mensch fürchtet den Tod.“ (Satô Issai, Genshi-shiroku )
Erneut bezieht sich Satô Issai auf drei Arten von Menschen (vgl. 05. Januar); diesmal mit Blick auf ihren Umgang mit dem Tod. Die abendländische Tradition kennt die ars vivendi , die „Kunst des Lebens“, und die ars moriendi , die „Kunst des Sterbens“. Geburt und Tod markieren Anfang und Ende des menschlichen Daseins, auf das Leben folgt irgendwann unweigerlich das Sterben. Beide Bereiche sind untrennbar miteinander verwoben; denn ein wahrhaft zufriedenes und erfülltes Leben ist nicht möglich, solange bewusst oder unbewusst die Furcht vor Sterben und Tod einen daran hindert, frei zu leben. Menschen der modernen westlichen Wohlstandsgesellschaft verdrängen Tod und Sterblichkeit nicht selten aus ihrem Bewusstsein. Gestorben wird in Pflegeheimen, Krankenhäusern, oder alleine und vereinsamt in der Wohnung. Aber keine Verdrängung währt ewig, und der Weg jedes Menschen auf Erden führt unweigerlich zum gleichen Ende, dem Dahingeschieden-Sein. Vielleicht schafft es nicht jeder von uns, durch den Tod nicht mehr in Unruhe zu versetzt werden, wie der Heilige im Zitat von Satô Issai. Aber ihn nicht nur zu fürchten, sondern auch als notwendigen Teil der menschlichen Existenz zu begreifen, sollten wir uns auf jeden Fall bemühen.
„Als diese Welt geschaffen wurde, besaßen die ersten Menschen eine so robuste Gesundheit wie die himmlischen Wesen. In der heutigen Zeit jedoch nimmt das Leben der Menschen nach und nach ab, sie werden schwach und gebrechlich, der Körper und die Organe werden wie verrottendes Holz und verfallen. Mit Akupunktur und Moxibustion fügen sie sich lediglich selbst Schmerzen zu, und auch die heißen Bäder haben keinen Effekt. Wenn diese Heilmethoden wirklich gut wären, wie kann es dann sein, dass die Menschen immer schwächer werden? Ist das nicht erschreckend?“
(Myôan Eisai, Kissa Yôjôki )
In den Mythologien vieler Völker ist die Rede von einem früheren, ursprünglichen Zustand der Menschheit, in dem sie friedlich und langlebig waren. Und auch in der Neuzeit und Gegenwart gibt es immer noch Spekulationen darüber, wie lange ein Mensch wohl leben könnte. Nach dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand scheint rein theoretisch eine Lebensdauer von 120 Jahren oder sogar mehr möglich. Als Mensch mit der längsten, zweifelsfrei dokumentierten Lebensdauer gilt die Französin Jeanne Calment, welche ein Alter von 122 Jahren erreichte (21.02.1875 bis 4.08.1997). Die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer beträgt in Deutschland derzeit etwa 78,2 Jahre, für Frauen 83,0 Jahre. Zum Vergleich: Noch 1960 waren es durchschnittlich 66,6 Jahre für Männer, und 73,1 Jahre für Frauen. Und um die Mitte des 19. Jh. wurde Männer wie Frauen wohl im Durchschnitt nur um die 40 oder 45 Jahre alt (wenn überhaupt). Man sieht, was die reine Lebensdauer betrifft, werden wir schon fast doppelt so alt wie unsere Vorfahren. Die spannende Frage ist aber: wie werden wir alt? Denn ebenso unbestreitbar wie unsere längere Lebensdauer ist die Zunahme von allerlei Erkrankungen und Beeinträchtigungen, von denen viele auf eine schlechte Lebensweise zurückzuführen sind. Heißt dies nicht, die Gabe des längeren Lebens leichtfertig zu verspielen?
„Man lege sich nicht außerhalb der üblichen Zeiten schlafen. Man verbiete sich zu langes Schlafen und sitze auch nicht längere Zeit untätig herum. Man sollte sich vielmehr von Zeit zu Zeit bewegen, wodurch die Vitalkraft zirkuliert.“ (Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Es gibt ein Buch mit dem schönen Titel „Sitzen ist das neue Rauchen“. Worum es geht ist klar: langes, oft stundenlanges Sitzen auf der Arbeit, und vielleicht auch noch fortgeführt am Feierabend auf der Couch, ist geradezu Gift für die Gesundheit. Die nachteiligen Folgen langen Sitzens bzw. Bewegungsmangels im Allgemeinen sind mittlerweile gut belegt und beschränken sich bei weitem nicht auf unmittelbare und offensichtliche Beschwerden im Bewegungsappart (Rundrücken, Schulterschmerzen etc.). Bewegungsmangel kann vielmehr auch zu der Entstehung von Depressionen oder Krankheiten wie Diabetes und Krebs beitragen. Die Reaktion darauf ist eine wahre Flut an Büchern und Online-Tipps zum Thema, wie man seinen Alltag mit kurzen Bewegungspausen und kleinen Gymnastikübungen auflockern kann. Worum es geht ist letztendlich nichts anderes, als das Prinzip der Balance von Ruhe und Muße sowie und Aktivität und Bewegung. Natürlich gibt es zuweilen Phasen, in denen der eine Bereich vernachlässigt werden muss oder zu kurz kommt; sei es durch die Arbeit, familiäre Belastungen oder anderes. Umso wichtiger ist es, nicht das Bewusstsein dafür zu verlieren, wann Pausen und wann Bewegung nötig sind, und sich diese nicht zu lange zu verwehren. Denn wenn man einmal selber krank geworden ist durch ein zu langdauerndes Ungleichgewicht, braucht man in der Regel deutlich mehr Kraft und Zeit um seinen gewohnten Modus wiederzuerlangen, als im Vorfeld nötig gewesen wären, um erst gar nicht aus der Balance zu geraten.
„Jeden Morgen das Gesicht mit warmen Händen zu massieren, lässt Runzeln verschwinden und hält die Haut jung.“ (Manase Dôsan, Yôjô haikai )
Sich eine morgendliche Routine zuzulegen ist eine der effektivsten und einfachsten Methoden, um etwas für seine Gesundheit zu tun. Egal wann, egal wo – wir wachen morgens auf, oder wir sind tot (oder in einem Zustand, der dem Tod näher ist als dem Leben). Egal ob wir gut oder schlecht geschlafen haben, ob uns noch Träume im Kopf herumschwirren, ob wir eher müde sind oder uns frisch und ausgeruht fühlen: Es kostet nur ein paar Minuten, noch im Bett oder nach dem Aufstehen das Gesicht ein wenig mit den Händen zu reiben, und so den gesamten Organismus anzuregen. Eine mögliche Abfolge könnte sein: Reiben Sie zuerst die Handflächen aneinander, bis sie schön warm sind. Dann streichen Sie mit beiden Händen das Gesicht von oben nach unten, zum Beispiel sechsmal. Als nächstes streichen Sie wechselweise mit den Händen über die Stirn von links nach rechts und rechts nach links. Dann reiben sie beide Nasenflügel. Reiben Sie noch einmal die Handflächen aneinander, dann nehmen sie die Ohren zwischen Ringfinger und Mittelfinger und streichen von oben nach unten und unten nach oben. Zuletzt ziehen mit Daumen und Zeigefinger die Ohrmuschel ringsum dreimal auf. Verstehen Sie diese Routine nur als mögliche Abfolge; ergänzen Sie nach Belieben weitere Streichungen, Reibungen, Knetungen, Klopfungen usw.
„Sind die Lebenskraft, die Energie und der Geist kräftig, kannst du Hunger und Kälte ertragen. Pflegst du den Körper, bis er fest und stark ist, und schützt du ihn vor Regen und Wind, dann ist es leichter, das Elixier zu wirken.“ (Zhang Boduan, Wuzhen pian)
In der taoistischen inneren Alchemie gibt es drei Ebenen, auf denen der Mensch sein Menschsein lebt. Die Lebenskraft steht für die ursprüngliche, instinktive Kraft des Menschen, wie sie sich in Hunger und dem Verlangen nach Fortpflanzung zeigt. Die Energie ist der soziale, aktive Aspekt des Menschen. Der Geist steht für seine psychischen und mentalen Fähigkeiten. Ein Mensch, der sich auf all diesen drei Ebenen stabil verwurzelt, wird robust, widerstandsfähig und stark; im körperlichen und im geistigen Sinne. Um dies zu erreichen, bedarf es keiner herausragenden intellektuellen Fähigkeiten, keines künstlerischen Talents, keiner besonderen Veranlagung auf diesem oder jenem Gebiet. Im Grunde genommen geht es „nur“ darum, ein redliches, bewusstes und aufrichtiges Leben zu führen – alleine für sich und ebenso in der Gemeinschaft. Je weiter man darin voranschreitet, desto mehr nähert man sich dem „Elixier“, dem Symbol für die innere Verwandlung in einen reifen Menschen.
„Die Verwirklichung der Achtung der Kinder gegenüber den Eltern besteht als erstes in dem Weg, den eigenen Körper gesund zu erhalten; diese Einstellung gilt es zu bewahren.“ (Nakagami Kinkei, Seiseidô yôjôron )
Wie der „Weg des Edlen“ ist auch der Weg der Lebenspflege insbesondere in Japan durch konfuzianische Vorstellungen beeinflusst. Während die von den Taoisten angestrebte Unsterblichkeit eine stark individuelle, selbstbezogene Färbung hat, ist die Langlebigkeit des konfuzianischen Edlen stets auch als Verantwortung gegenüber seinen sozialen Beziehungen und Verpflichtungen zu sehen. Der Mensch existiert nicht für sich allein; im Unterschied zu vielen Tieren ist er auch nach der Geburt noch für lange Zeit auf Hilfe und Unterstützung durch die Eltern und andere Menschen angewiesen. Sich um seine Gesundheit zu bemühen, trägt daher auch dazu bei in der Lage zu sein, den eigenen Eltern, aber auch anderen Menschen, in Not und Alter beistehen zu können. Lebenspflege in diesem Sinne ist kein Selbstzweck, um möglichst viel „für sich rauszuholen“; auch wenn immer wieder darauf hingewiesen wird, dass man nur wenn man gesund ist, sich auch lange und ungetrübt an den schönen Seiten des Lebens erfreuen kann. Wer gesund ist, kann nicht nur seine eigenen Ziele besser verwirklichen; er oder sie fällt anderen auch weniger zur Last und hat mehr Ressourcen, um für geliebten Menschen da zu sein.
„Die äußeren Übel von Wind, Kälte, Hitze und Feuchtigkeit sollte man fürchten und sich gegen sie schützen.“ (Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Die klimatischen Bedingungen hatten und haben einen kaum zu unterschätzenden Einfluss auf die Entwicklung und Ausgestaltung des menschlichen Lebens. In Regionen mit dauerhaft extremen klimatischen Bedingungen, wie z. B. starker Hitze, Kälte oder Feuchtigkeit, ist ein Leben wie wir es in den gemäßigten Klimazonen wie Deutschland gewohnt sind, ohne technische Hilfsmittel kaum oder nicht möglich. Dennoch dürfen wir auch bei uns nicht vergessen, uns der aktuellen Wetterlage entsprechend zu kleiden. Es kann schnell passieren, dass man sich Wind, Kälte oder Feuchtigkeit länger aussetzt, als man es eigentlich wollte, oder ohne die passende Kleidung dabei zu haben. Und immer wieder kann man von Menschen hören, die bei Wanderungen in den Bergen die dort möglichen, raschen Wetterumschwünge völlig unterschätzt und sich so in ernsthafte Lebensgefahr gebracht haben. Es ist sicherlich nichts gegen ein gewisses Maß an gesunder Abhärtung einzuwenden: aber auch hierbei gilt es, mit Bedacht vorzugehen.
„Beim Essen sollte man nur etwa die Hälfte von dem essen, was man essen könnte.“
(Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Zu viel zu essen oder Völlerei ist ein Thema, welches sich exemplarisch durch die Geschichte der menschlichen Kultur zieht. Bereits seit der Antike ist die Völlerei ein immer wieder aufgegriffenes Thema, wenn es um Maßlosigkeit des Menschen an sich oder auch ganz konkreter Personen geht. Bei römischen Banketten war es keine Seltenheit, dass bewusst erbrochen wurde, um erneut von den erlesenen und exquisiten Speisen kosten zu können. Im Christentum wird die Völlerei umgangssprachlich als eine der sieben Todsünden geführt. Tatsache ist, dass übermäßiges Essen seit jeher nicht nur verlockend scheint, sondern zugleich auch als Ausdruck mangelnder Selbstbeherrschung verstanden wird. Lassen wir die charakterliche oder moralische Seite (Verschwendung von Essen) einmal außer Acht, bleibt immer noch eins gewiss: Zu viel Essen und daraus resultierende kurz- und langfristige gesundheitliche Beschwerden sind gerade in der heutigen Zeit häufig Mitursache für eine Vielzahl von Erkrankungen. So schwer es einem auch fallen mag: Es ist auf jeden Fall lohnenswert, sich mit diesem Thema einmal auseinanderzusetzen, und für den Weg der Lebenspflege sogar unverzichtbar.
„Der Weg der Lebenspflege besteht darin, achtsam zu sein, wenn man frei von Krankheiten ist.“
(Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Die Lebenspflege entstammt zu großen Teilen der traditionellen chinesischen Medizin und dem taoistischen Denken. Ein wichtiger Grundsatz in den Lehren des Taoismus ist es dabei, auf Entwicklungen möglichst frühzeitig Einfluss zu nehmen, da dies in der Regel sehr viel weniger Widerstand hervorruft und deutlich weniger Kraft benötigt. So verhält es sich auch mit dem sich-Kümmern um die eigene Gesundheit. Wenn man dünn werden will, wenn man dick ist, muss man meist sehr viel mehr Aufwand betreiben, als wenn man beizeiten dafür sorgt, gar nicht erst zu dick zu werden. Wenn man fit sein will, sollte man beizeiten regelmäßig für Bewegung sorgen, und nicht erst, wenn einem nach zehn Treppenstufen die Puste ausgeht. Natürlich ist es so, dass das moderne Leben mit seinen vielen Annehmlichkeiten und Ablenkungen es einem leicht macht, seine Gesundheit aus den Augen zu verlieren. Umso wichtiger ist es, dass wir uns selbst regelmäßig, am besten täglich daran erinnern, frühzeitig etwas dafür zu tun, dass wir am besten erst gar nicht erkranken.
„Wenn man sorgfältig nachdenkt, erweist sich der Mensch unter allen Dingen die vom Himmel geschaffen wurden als besonders kostbar. Daher muss er seine Gesundheit bewahren und darf seine Lebenszeit nicht verkürzen. Die Grundlage dafür, seine Lebenszeit zu bewahren, ist die Lebenspflege. Was die Kunst der Lebenspflege zum Ausdruck bringt, ist die volle Funktionsfähigkeit der fünf Speicherorgane.“
(Myôan Eisai, Kissa Yôjôki )
Im Selbstverständnis vieler Religionen und anderer Weltanschauungen wird dem Menschen eine besondere Rolle im Gesamtkontext der Welt zugesprochen. Der Mensch ist das vernunftbegabte, sprechende Wesen; er ist sich seiner Sterblichkeit bewusst; er dominiert über die Tiere und die Natur. So fragwürdig und problematisch ein solches Selbstverständnis in vielerlei Hinsicht auch sein mag, kann man es doch als berechtigten Reflex einer hunderttausende von Jahren währenden Prüfung ansehen; der Entwicklung des Menschen in einer gnadenlosen und oftmals feindlichen Umwelt unter härtesten klimatischen Bedingungen. Aber egal ob man sich einfach als ein Tier unter anderen Tieren versteht, oder für die Krone der Schöpfung hält: Unser Leben verdanken wir immer noch Umständen, die wir nicht wirklich erklären können. Bescheidenheit und Demut sind daher durchaus nicht die schlechtesten Ratgeber bei der Frage, was dem Menschen möglich ist und was nicht. In jedem Fall sollten wir uns freuen, wenn wir gesund sind, und unseren Teil dazu beitragen, dass es möglichst lange so bleibt.
„Sich darüber freuen, dass man nicht hungert und friert, und zu wissen, was genug ist, ist das wahre Glück.“
(Manase Dôsan, Yôjô haikai )
Hunger und Kälte sind ganz zweifellos zwei der archaischsten Bedrängnisse, denen auch heute noch viele Millionen Menschen auf der Welt ausgesetzt sind. Auch in Deutschland gibt es ca. eine halbe Millionen Menschen ohne Wohnung, und immer mehr Menschen sind auf Hilfsorganisationen wie „Die Tafel“ angewiesen, um sich und ihre Familie mit Nahrung zu versorgen. Als Leser(in) dieses Buches gehe ich davon aus, dass Sie (wie auch ich) weder hungern noch frieren müssen. Es fällt in einer Welt voller fragwürdiger Entwicklungen und extremer Ungleichverteilung leicht, sich verunsichern zu lassen und sich Sorgen über die Zukunft zu machen. Manchmal hilft es innezuhalten und sich klarzumachen, wie gut es man es trotz möglicher Widrigkeiten hat, wenn man schon mal nicht hungern und frieren muss.
„Als wahrlich gute Ärzte kann man nur solche Ärzte bezeichnen, welche den Kranken nicht schmeicheln und keine bösen Hintergedanken haben, sondern den Kranken wichtig nehmen; welche sich nicht um ihren Ruf scheren, sondern den Himmel fürchten und deren Loyalität einzig und allein der Heilkunde gilt.“
(Nakagami Kinkei, Seiseidô yôjôron )
Es gibt die berühmte Redewendung über Ärzte als „Halbgötter in Weiß“. Mit dieser Bezeichnung sind zwei Seiten verbunden. Zum einen kommen darin die Macht und der Einfluss zum Ausdruck, über den Ärzte verfügen, da sie ja nicht selten über das ganze Leben ihrer Patienten mitbestimmen. Zum anderen ist die Bezeichnung auch eine Kritik an Ärzten, welche völlig abgehoben von den Bedürfnissen und Wünschen ihrer Patienten nur ihre eigene Agenda verfolgen und nicht mehr in der Lage sind, sich selbst und ihre Therapien kritisch zu hinterfragen. Vielleicht kann man sagen: ein schlechter Arzt ist schlimmer als gar kein Arzt. Wir sollten also aufmerksam dafür sein, um was für eine Art von Arzt es sich handelt, dem wir uns anvertrauen. Weder sollten wir uns für schlauer als der Arzt halten, noch sollten wir aus Angst vor einer Krankheit einem Arzt, Heilpraktiker oder dergleichen blind vertrauen. Ein guter Arzt oder Heiler hat tatsächlich unsere Heilung als Hauptanliegen, und nicht seinen persönlichen Erfolg, den Ruhm des Krankenhauses oder den finanziellen Nutzen.
„Zwei Dinge schaden der Lebenspflege: Zum einen die Abnahme der ursprünglichen Vitalkraft, zum anderen das Stocken der Vitalkraft.“ (Kaibara Ekken, Yôjôkun )
In der Vorstellung des klassischen chinesischen Denkens wird jeder Mensch mit einer individuellen Menge an ursprünglicher Lebensenergie geboren. Die einen Menschen haben mehr davon, die anderen weniger. Wir könnten hier an auch uns bekannte Unterschiede denken; manche Menschen sind scheinbar von Natur aus kränklicher und schwächer, andere scheinen von Natur aus robust und unverwüstlich. So wichtig dieses ursprüngliche Maß an Lebensenergie auch ist: mindestens ebenso wichtig ist es, es nicht zu vergeuden, d. h. sich nicht sinnlos zu verausgaben, seinen Begierden ungezügelt freien Lauf lassen etc. Wenn wir uns zu sehr belasten oder erschöpfen, schadet dies irgendwann nachhaltig unserer Konstitution; dies wäre eine Abnahme der ursprünglichen Vitalkraft. Davon abgesehen ist ein weiterer Hauptgrund für schlechte Gesundheit eine stockende Vitalkraft, was viele Ursachen haben kann. Zu den häufigsten Gründen gehören aber schon bestehende Erkrankungen, oder zu wenig Bewegung.
„Wenn man sich stets um Körper und Geist bemüht, wird man auch ohne Arzneien ein langes und erfreuliches Leben führen.“
(Manase Dôsan, Yôjô haikai )
In unserer Zeit in Deutschland sind viele Medikamente und Arzneimittel noch problemlos jederzeit und überall erhältlich. Gerade in Drogerien ist das Angebot an frei verkäuflichen Arzneimitteln bzw. arzneimittelähnlichen Produkten in den letzten Jahren rasant angewachsen. Nasensprays, Kopfschmerz-Tabletten oder Magenkapseln sind für lächerlich geringe Beträge erhältlich. All das macht es leicht, sich bei kleinen Wehwehchen hier schnelle Besserung zu verschaffen, anstatt die eigene Lebensweise kritisch zu hinterfragen. Auf der anderen Seite haben wir auch in Deutschland in den letzten Jahren zunehmende Medikamenten-Engpässe erlebt. Die Fälle reichen von einfachen Hustensäften für Kinder bis hin zu teuren Spezialmedikamenten bei Krebserkrankungen oder für Diabetiker. In jedem Fall sollte man auch die Möglichkeit ernsthaft in Erwägung ziehen, dass die Versorgung mit Arzneimitteln zukünftig eher schlechter als besser werden wird. All dies sollte einen anspornen, Arzneimittel zwar nicht grundsätzlich abzulehnen, aber sich immer auch zu fragen, was man selbst für seine Gesundheit tun kann.
„In der Kunst der Lebenspflege gilt es zuerst, den Herz-Geist und die Vitalkraft zu nähren. Das Wichtigste bei der Entwicklung von Herz-Geist und Vitalkraft ist es, den Herz-Geist friedlich und die Vitalkraft ruhig zu halten, Zorn und Ärger zu beherrschen, Kummer und Grübeln gering zu halten, dem Herz-Geist keine Schmerzen zuzufügen und seine Vitalkraft nicht zu schädigen.“
(Kaibara Ekken, Yôjôkun )
„Vitalkraft“, Chinesisch qi oder Japanisch ki , bezeichnet die Lebendigkeit und Leistungsfähigkeit eines Menschen als Ganzes ebenso wie die Funktionstüchtigkeit einzelner Organe oder physiologischer Strukturen. Seine Vitalkraft zu nähren und nicht zu schädigen bedeutet ganz einfach, keinen Raubbau an seinem Körper zu betreiben, sondern Anstrengung und Erholung im rechten Maß zu bewahren, sowie sich vor schädlichen Einflüssen wie Lärm, Hitze und so weiter zu schützen. Der HerzGeist wiederum steht für die mentalen, psychischen und emotionalen Kapazitäten und Fähigkeiten des Menschen. Mittlerweile ist es unbestritten, welche negativen Folgen unter anderem die pausenlose Beschäftigung mit Bildschirmen bzw. Displays für Kinder ebenso wie für Heranwachsende und Erwachsene hat. Wie wollen wir innerlich zur Ruhe kommen, wenn uns eine Nachricht nach der anderen ständig auf Trab hält? Auf der anderen Seite scheint es zunächst einmal angenehmer, sich abzulenken, als sich auf sein eigenes Innenleben einzulassen. Das ändert jedoch nichts daran, dass es auf dem Weg der Lebenspflege unverzichtbar ist, sein Gemüt, seinen Geist, zu beruhigen. Nur so können wir unsere Kraft langfristig und nachhaltig nicht nur bewahren, sondern auch erneuern und mehren.
„Ein wenig Sake trinken vertreibt Kummer, hellt das Gemüt auf und ist gut für den Körper.“
(Manase Dôsan, Yôjô haikai )
Alkohol ist mit großem Abstand die am weitesten verbreitete Droge der Welt. Schätzungen zufolge trinken ca. 1/3 der Weltbevölkerung bzw. mehr als 2.5 Milliarden Menschen Alkohol. Knapp 1 Milliarde Menschen rauchen Tabak, während knapp 200 Millionen Menschen Cannabis konsumieren. Bei 2/3 der Fälle von Gewalt gegen Frauen ist Alkohol beteiligt, bei etwa der Hälfte der Gewalttaten im öffentlichen Raum waren Beteiligte alkoholisiert. Vor den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums wird schon in Texten seit der Antike gewarnt. Mittlerweile ist der Stand der Forschung, dass schon kleinste Mengen an Alkohol ebenfalls negative Folgen für die körperliche Gesundheit haben; das „gesunde Glas Rotwein“ gibt es nicht. Nichtsdestotrotz muss man sich natürlich nicht jeglichen Alkoholkonsum untersagen. Man sollte jedoch sehr genau darauf achten, dass die angenehmen Wirkungen die unmittelbaren und langfristigen, offenkundigen und verdeckten nachteiligen Auswirkungen nicht übersteigen. Dann trifft noch am ehesten zu, was Manase Dôsan als Teil der gesunden Lebensführung seinen Mitmenschen geraten hat.
„Nach den Mahlzeiten gehe man ein wenig spazieren. Von Zeit zu Zeit strecke und dehne man seinen Körper, massiere Bauch und Hüften und bewege Hände und Füße; so kommt die Vitalkraft in Bewegung und die Nahrung wird gut verdaut.“
(Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Es gibt das Sprichwort „nach dem Essen sollst du ruhn, oder tausend Schritte tun“. Im Allgemeinen gilt, dass zumindest Schlafen direkt nach den Mahlzeiten als eher nachteilig angesehen wird, zum Beispiel was die Verdauung betrifft (aber auch was den Nachschlaf an sich angeht, wenn man sich zeitnah nach dem Abendessen zu Bett legt). Auf der sicheren Seite scheint man mit moderater Bewegung zu sein, dem „Verdauungsspaziergang“. Auch das Reiben des Bauches nach einem Essen ist eine fast schon intuitive Handlung, welche aber tatsächlich dazu beitragen kann, die Verdauung anzuregen. Da mittlerweile um die zwanzig Prozent der Menschen in Deutschland angeben Verdauungsprobleme zu haben, ist dies ein Thema, welches durchaus Relevanz besitzt.
„Kümmert man sich um die eigene Gesundheit ebenso, wie man sich um einen wichtigen Gast kümmert, wird man Krankheiten fernhalten.“
(Manase Dôsan, Yôjô haikai )
Es ist erstaunlich, wie viel Zuneigung, Zeit und Geld viele Menschen ihrem Hobby, ihrem Garten oder ihrem Haustier zukommen lassen. Ebenso kennt man das Phänomen, dass die Wohnung nur geputzt oder aufgeräumt wird, wenn sich Besuch angekündigt hat; aber die restliche Zeit des Jahres verbringt man in der schmutzigen oder unaufgeräumten Wohnung. Und der anderen Seite vernachlässigen viele Menschen genau das, was ihnen am nächsten ist und sie ihr Leben lang begleitet: ihren Körper, ihr Dasein als körperlich-geistige Einheit. Woran liegt es, dass es uns so schwerfällt, uns um uns selbst zu kümmern; uns um unsere eigene Gesundheit zu kümmern? Vielleicht ist es ja nur die Scheu vor der körperlichen Anstrengung, vielleicht sind Essen und Trinken einfach zu lecker. Aber wie ist es mit unserer Selbstachtung zu vereinbaren, dass wir uns schlechter behandeln als unsere wichtigen Gäste? Und wenn wir es uns nicht selbst wert sind, uns gesund zu erhalten, wie können wir dann gleichzeitig in Kauf nehmen, unweigerlich anderen durch unsere schlechte Gesundheit irgendwann zur Last zu fallen? Oder sind wir so hochmütig, dass wir uns nicht darum scheren, ob sich einmal andere um uns kümmern müssen? Es gibt keinen guten oder vernünftigen Grund, sich nicht um sich selbst ebenso zu sorgen, wie man sich um wichtige und liebgewonnene Personen kümmert. Und tatsächlich kümmert man sich dadurch nicht nur um sich selbst, sondern auch um die anderen.
„Seinen Begierden freien Lauf lassen und seinem Körper zu schaden, kommt der Selbsttötung durch das eigene Schwert gleich. Zwar geht das eine schnell und das andere langsam, aber durch beide tötet man sich selbst.“
(Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Immer wieder haben die Menschen über das Thema nachgedacht, wie alt Menschen theoretisch werden könnten. Aber seien es nun einhundertzwanzig Jahre oder sogar einhundertfünfzig Jahre, oder sogar noch mehr: mit diesen Überlegungen einher geht immer auch die Frage, warum Menschen überhaupt sterben. Nach Auffassung der buddhistischen Philosophie gibt es vier Arten von Todesursachen, nämlich: Erstens, das Ende der natürlichen Lebensspanne ist erreicht. Zweitens, die karmische Energie, welche neue Lebensimpulse erzeugt, ist versiegt. Drittens, die beiden ersten Ursachen fallen zusammen. Und viertens, destruktives Karma und seine Folgen, welches die natürliche Lebensspanne verkürzt. In Deutschland sind Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems die häufigste Todesursache; an zweiter Stelle folgt der Krebs in seinen vielen Arten. Auch wenn nur selten ein absoluter, mono-kausaler Zusammenhang zwischen Lebensstil, Verhaltensweisen und Erkrankungen gemacht werden kann, ist es dennoch gesichert, dass Rauchen, Trinken, schlechte Ernährung, Bewegungsmangel etc. die Lebensdauer verkürzen. Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, müssen wir uns eingestehen, wie wahr das heutige Zitat ist.
„Wer dauernd krank ist, gewöhnt sich daran, so dass er die Krankheit gar nicht mehr als solche bemerkt. Ebenso nimmt, wer ständig geistig leidet, dieses Leiden gar nicht mehr als Krankheit wahr.“
(Satô Issai, Genshi-shiroku )
Der Mensch besitzt eine schier unvorstellbare Leidensfähigkeit. Ohne sie wäre vermutlich der Ast seiner Evolution schon vor hunderttausenden von Jahren abgestorben. Hätten sich die frühen Vorfahren des Menschen einfach ihrer widrigen Umwelt ergeben, würde es uns heute nicht geben. Der Lebenstrieb des Menschen, sein Wunsch zu leben, scheint unbezwingbar. Selbst in jahrelanger Gefangenschaft unter schändlichsten Bedingungen bringen sich nur die wenigsten Menschen um (oder planen bzw. versuchen es ernsthaft). Heutzutage können wir in Deutschland ein sehr bequemes Leben führen. Nahrung, Obdach, medizinische Versorgung sind praktisch überall verfügbar. Dennoch leiden auch bei uns immer mehr Menschen physisch und psychisch. Als wäre das nicht schon traurig genug, ist es aber so, dass wir hier sehr häufig ganz klar sehen können, wie sich die Menschen mit ihren Leiden arrangieren, sie als unabänderlich akzeptieren. Man zieht den schmerzenden Rücken und den mobbenden Chef dem Aufwand und der Unsicherheit vor, den eine selbstgesteuerte Veränderung bedeuten würde. Oder man glaubt schon selbst, dass man es ja nicht besser verdient hätte; oder, dass das alles ja gar nicht so schlimm sei, anderen gehe es schließlich noch viel schlechter. All das sind aber in den meisten Fällen nur Ablenkungen und Ausreden dafür, selbst die volle Verantwortung für sein Leben zu übernehmen.
„Im Grunde genommen ist der Körper des Menschen schwach und zerbrechlich. Er ist vergänglich und verlischt so leicht wie eine Kerze im Wind. Das ist beängstigend. Daher sollte man stets aufmerksam sein und seinen Körper schützen.“
(Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Phineas Gage (geboren um 1823) war ein amerikanischer Vorarbeiter, dem bei einer von ihm durchgeführten Sprengung eine Eisenstange von unterhalb der Wange in den Kopf schoss und mit ihrem oberen Teil oben aus dem Kopf wieder austrat. Dieser Unfall ereignete sich 1848, und man müsste meinen, er hätte zum sofortigen Tod geführt. Tatsächlich jedoch starb Phineas Gage erst zwölf Jahre später, im Jahr 1860. Auf der anderen Seite können winzige Blutgerinnsel sich lösen und urplötzlich zum Tod führen; Bakterien, Viren und die Stiche von Insekten können ganze Gemeinschaften in kurzer Zeit dahinraffen. Die Anzahl der theoretisch möglichen Todesursachen ist unendlich groß, so dass wir uns über jeden Tag an dem wir leben, freuen sollten. Und natürlich sollten wir dem Weg der Lebenspflege folgen, um nicht nur am Leben zu sein, sondern um gesund und zufrieden zu leben.
Kaibara Ekken (1630-1714), Verfasser des Yôjôkun, der „Abhandlung zur Lebenspflege“.
„Bei einer Krankheit wollen die Menschen schnelle Hilfe vom Arzt, anstatt sich einzugestehen, dass sie selbst verantwortlich sind.“
(Manase Dôsan, Yôjô haikai )
In unserer Zeit findet in vielen Bereichen eine immer größer werdende Entmündigung statt. Die Menschen werden dazu gebracht, sich immer und überall auf andere zu verlassen, anstatt dass sie zur Eigenverantwortung geführt werden. Laut Unfallverhütungsvorschriften für den Arbeitsplatz müssten die Arbeitnehmer darüber aufgeklärt werden, sich kein Spülmittel in die Augen zu reiben. Auf Kaffeebechern sind Warnhinweise, dass der Inhalt heiß ist. Auf Zigarettenpackungen prangen Schreckensbilder zur Warnung, dass Rauchen schädlich ist. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Dazu kommen immer mehr „Heilmittelchen“, welche bei allen möglichen Leiden helfen sollen. Die bittere Wahrheit ist in den meisten Fällen aber ganz einfach: Wenn man sich nicht bewegt, schlecht ernährt, raucht und trinkt, ist es ganz normal, dass man gesundheitliche Beschwerden bekommt. Die einen ein bisschen früher, die anderen ein bisschen später; die einen mehr, die anderen weniger. Ein Arzt kann dann bestenfalls noch Tabletten verschreiben, um die Leiden ein wenig abzumildern oder den Verfall zu verlangsamen. Und natürlich kann man zwanzig Jahre Raubbau und Vernachlässigung am eigenen Körper nicht in ein paar Tagen wieder wettmachen. Es ändert aber nichts daran, dass in den meisten Fällen oder zu einem großen Teil nur wir selbst dafür verantwortlich, dass es uns schlecht geht; und nur wir selbst können uns dann auch wieder nachhaltig heilen.
„Die Kunst der Lebenspflege ist ein erhabener Weg und keine unbedeutende Kunst. Wer sich diese Kunst nicht von ganzem Herzen aneignet, kann diesen Weg nicht erlernen. Wenn man diese Kunst direkt von jemanden erlernt, der sie kennt, wird man das Erlernte auch gegen tausend Goldstücke nicht eintauschen wollen.“
(Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Die Fitnessbranche in Deutschland hat zuletzt einen Jahresumsatz von etwa sechs Milliarden Euro verzeichnet. Für Nahrungsergänzungsmittel haben die Deutschen etwa zwei Milliarden Euro ausgegeben. Das sind gewaltige Summen, und die Tendenz ist noch immer steigend. Dennoch resultiert all dies nicht eins zu eins in immer gesunderen Menschen. Neben einer kleinen Gruppe ernsthaft Bemühter und Trainierender darf man wohl annehmen, dass der überwiegende Teil der für den Umsatz verantwortlichen Personen nicht wirklich fit und gesund ist. Dies spiegelt sich auch in Ausgaben für das Gesundheitssystem in Rekordhöhe wider, und in immer neuen Höchstzahlen, was den Krankenstand bei Arbeitnehmern betrifft. Der Wunsch nach Gesundheit kollidiert allzu oft mit tatsächlichen oder vermeintlichen äußeren Zwängen und der eigenen Bequemlichkeit. Aber auch wenn man selbst aktiv ist, heißt das noch lange nicht, dass man es auch in der optimalen Weise ist. Eine umfassende Gesundheits- bzw. Lebenspflege ist weitaus mehr, als ein-zweimal die Woche etwas Sport zu machen. Sie betrifft alle Bereiche des Lebens, und verlangt gerade auch im körperlichen Bereich eine ausgewogene Mischung verschiedener Aktivitäten und Übungsmethoden. Aber wer einmal ihren Wert erkannt und verstanden hat, für den ist sie nicht mit Gold aufzuwiegen.
„Den Speichel nicht auszuspucken, sondern zu herunterzuschlucken, verlängert das Leben.“
(Manase Dôsan, Yôjô haikai )
Vielleicht kennt man es aus eigener Erfahrung: Jugendliche finden es zuweilen „cool“, alle paar Schritte bzw. Minuten auf den Boden zu spucken. Und manchmal kann es sein, dass man ausspuckt, weil man zum Beispiel einen schlechten Geschmack im Mund loswerden will. Aber in der Regel gilt, dass es für den Mundraum, die Zähne und die Verdauung gut ist, den Speichel zu schlucken. In der taoistischen Tradition trifft man immer wieder auf Übungen, gezielt etwas Speichel im Mund anzusammeln und diesen dann herunterzuschlucken. Zum Beispiel lässt man die Zunge mehrere Male im Mund vor den Zähnen und hinter den Zähnen im Uhrzeigersinn und gegen den Uhrzeigersinn kreisen, und schluckt den dabei angesammelten Speichel dann auf drei Etappen herunter. Auch wenn es seltsam oder anfangs etwas eklig anmuten mag: Die Wissenschaft hat schon viele heilsame Wirkungen des Speichels nachgewiesen.
„Der Herz-Geist ist der Herrscher des Körpers. Er sollte ruhig und friedlich sein. Der Körper ist der Diener des Herzens. Er sollte sich bewegen und arbeiten. Wenn der Herz-Geist ruhig und friedlich ist, dann ist er als Herrscher voll Freude und frei von Leiden. Wenn der Körper sich bewegt und arbeitet, stocken Essen und Trinken nicht, Blut und Vitalkraft zirkulieren und es gibt keine Krankheiten.“ (Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Herz-Geist eine mögliche Übersetzung für das japanische kokoro ; ein Begriff, der sowohl für das mentale wie auch psychisch-emotionale Zentrum des Menschen steht. Das Verhältnis von Körper und Geist wurde schon immer und wird noch immer unterschiedlich interpretiert: Für Platon war „der Leib das Grab der Seele“; im alten Ägypten wiederum war der mumifizierte, erhaltene Körper für ein Leben nach dem Tod unerlässlich. Kaibara Ekken vertritt wie andere die Position, dass der Körper dem Geist untergeordnet ist – was keineswegs bedeutet, dass man ihn vernachlässigen darf. Geist und Körper müssen auf ihre jeweils eigene Weise kultiviert werden. Der Geist (das Gemüt, das Denken, die Psyche) soll ruhig, friedlich und ausgeglichen werden; der Körper wiederum soll den Anweisungen des Geistes folgend aktiv und tätig sein. Das Gegenteil wären ein hektischer, unzufriedener, aufgewühlter Geist und ein träger, kraftloser Körper: wahrlich keine schöne Vorstellung.
„Alkohol kann man trinken, bis man einen leichten Rausch hat; aber man sollte aufhören, bevor man betrunken wird und nur etwa die Hälfte dessen trinken, was man gut verträgt.“
(Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Mittlerweile ist der Forschungstand, was den Konsum von Alkohol betrifft ein anderer, als noch vor ein oder zwei Jahrzehnten. Es wird immer deutlicher, dass selbst kleine oder kleinste Mengen Alkohol der Gesundheit nicht zuträglich, sondern sogar abträglich sind. Nichtsdestotrotz ist ein moderater Alkoholkonsum für sich alleine noch kein Problem; schließlich endet ja jedes Leben mit dem Tod, egal ob mit oder ohne Alkohol. Wenn man daher Alkohol trinkt, sollte man aber versuchen, nicht zu viel zu trinken; wobei die Grenze, die Kaibara Ekken hier vorschlägt, ein leichter Schwips oder leichter Rausch wäre. Mit einem solchen Alkoholkonsum läuft man zumindest nicht Gefahr, sich akut physisch zu schädigen, Dinge zu tun oder zu sagen, die man am nächsten Tag bereut, oder emotional aus der Bahn geworfen zu werden.
„Wenn man nass geworden ist oder stark geschwitzt hat, soll man umgehend die Kleidung wechseln. Auch achte man im Sommer und Winter auf angemessene Kleidung.“
(Manase Dôsan, Yôjô haikai )
Oftmals sind es kleine Unachtsamkeiten oder Bequemlichkeit, die dazu führen, dass man sich eine leichte Erkältung zuzieht. Und aus einer leichten Erkältung kann sich, wenn man nicht weiter achtgibt, eine stärkere Erkältung entwickeln. Auch wenn es sich dabei, wenn wir fit und gesund sind, nicht um gravierende Erkrankungen handelt, ist es doch so, dass wir in unseren Routinen und unserer Leistungsfähigkeit eingeschränkt sind. Gefährlich werden solche kleinen Nachlässigkeiten aber dann, wenn wir sowie so schon angeschlagen sind, sei es durch eine akute andere Erkrankung, oder weil wir insgesamt nicht mehr die jüngsten sind und nicht mehr so robust wie früher. Wie in vielen anderen Bereichen gilt daher auch hier: es ist besser, ein wenig Aufwand in Kauf zu nehmen, wenn es angezeigt ist, als später mit viel Aufwand versuchen, wieder etwas gut zu machen, was gar nicht hätte passieren müssen.
„Das Gemüt an einem Frühlingstag auf einem weiten Feld baumeln zu lassen, wo die Pflanzen gerade beginnen zu sprießen, ist sehr erquickend.“ (Manase Dôsan, Yôjô haikai )
Vermutlich, oder hoffentlich, hat jeder von uns schon einmal die Erfahrung gemacht, wie befreiend es sich anfühlt, sich in der Natur aufzuhalten. Egal ob man wandert, spazieren geht oder Rad fährt; egal ob in den Bergen oder am See: frische Luft, ein weiter Blick und eine angenehme Temperatur tragen viel dazu bei, dass man akute und chronische Sorgen einmal vergessen kann. Und nicht umsonst flüchten geradezu viele Menschen aus der Stadt am Wochenende in große Parks oder in die umliegende Landschaft. Wenn wir uns also einmal schlecht fühlen, sollten wir überlegen, ob wir nicht ein wenig in die Natur gehen können, um so auf andere Gedanken zu kommen. Aber auch wenn es uns gut geht und wir freie Zeit haben, ist es eine schöne Sache, sich in der Natur aufzuhalten.
„Im Allgemeinen sind die Menschen stark, wenn sie jung sind, während sie im Alter schwächer werden und sich mit Arzneien helfen.“
(Manase Dôsan, Yôjô haikai )
Häufig sind junge Menschen voller Tatendrang und sehr robust, was die Empfindlichkeit zum Beispiel gegenüber äußeren Einflüssen betrifft. Der ganze Organismus läuft auf Hochtouren. Das erste „Schwinden der Kräfte“, eine Abnahme der „Spritzigkeit“, verlängerte Regenerationszeiten nach Trinkgelagen oder bei Verletzungen im Sport machen sich etwa ab dem 30. Lebensjahr bemerkbar. Mit vierzig oder fünfzig Jahren führt dann normalerweise kein Weg mehr an der Einsicht vorbei, dass man nicht mehr der Jüngste ist. Kurzum: das Leben nimmt seinen gewohnten Lauf, und mangelnde Bewegung sowie schlechte Ernährung, Alkohol und Zigaretten tun ihr übriges. Zu dieser Zeit fangen viele Menschen an, vermehrt große und kleine Unterstützer in Form von Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln zu sich zu nehmen: zur Verdauung, zum Einschlafen, gegen Unruhe, gegen das immer häufigere körperliche „Zwicken“ und so weiter. Dabei wäre es auch jetzt noch nicht zu spät, durch den Weg der Lebenspflege mehr natürliche Gesundheit und Zufriedenheit zu entwickeln. Je früher, desto besser; aber besser spät, als nie.
„Es gibt drei Dinge, welche den Menschen erfreuen. Das Erste ist es, in seinem Leben dem Weg zu folgen; ohne Schlechtes zu tun und mit Freude am Guten. Das Zweite ist die Freude, frei von Krankheiten zu sein. Das Dritte ist die Freude eines langen Lebens. Selbst wenn man Reichtum und Ansehen hat, kann man sich ohne diese drei Freuden nicht wirklich am Leben erfreuen. Jeder Mensch muss einen Plan haben, um diese drei Freuden zu erlangen.“
(Kaibara Ekken, Yôjôkun )
Der Weg, von dem Kaibara Ekken hier an erster Stelle spricht, ist ganz grundsätzlich der Weg, zu dem wir berufen sind. In der traditionellen japanischen Gesellschaft wurden vier Stände unterschieden, die Kaufleute, Handwerker, Landwirte und Samurai. Damit waren aber nicht alle vorkommenden Professionen abgedeckt, so gab und gibt es natürlich auch Ärzte, Geistliche, Gelehrte usw. Worauf es hierbei aber ankommt ist, seinen persönlichen Lebensweg zu finden, anzunehmen und ihm zu folgen; und zwar in einer lauteren Art und Weise. Dadurch wird jeder Lebensweg auch zum Weg des Edlen. Die zweite und dritte Freude sind eng miteinander verbunden; ein langes Leben mit vielen Krankheiten ist ebenso unbefriedigend, wie ein kurzes aber gesundes Leben. Reichtum und Ansehen sind diesen drei Freuden nachgeordnet. Man sollte sich also vor allem darum Gedanken machen, wie man diese drei Freuden erlangen kann, anstatt falschen oder kurzlebigen Freuden nachzujagen.
„Wenn man schläft ohne das Nachtlicht auszulöschen, kann der Geist nicht zur Ruhe kommen.“
(Manase Dôsan, Yôjô haikai )
Wie wichtig gesunder Schlaf ist, ist ein Thema, welches auch bei uns in den letzten Jahren wieder vermehrt Aufmerksamkeit erfährt. Gut zu schlafen ist nicht nur die Voraussetzung dafür, dass wir uns am nächsten Tag frisch und ausgeruht fühlen. Schlafen erfüllt auch viele weitere Funktionen, wie z. B. die Heilung bei Krankheiten oder Verletzungen, oder auch die Aufnahme von Lernstoff ins Gedächtnis. Schätzungen zufolge leiden in Deutschland etwa 25% der Menschen an Schlafstörungen, das ist bereits jeder Vierte! Umso stärker boomt der Markt mit Einschlafhilfen in Form von Tabletten, Kapseln oder Säften; von harmlosen und Präparaten mit einer nicht nachgewiesenen Wirkung bis hin zu starken Schlafmitteln. Dazu kommen Tees, natürlich Alkohol und andere mehr oder weniger hilfreiche Mittel. Guter Schlaf, bzw. gut schlafen zu können, hat mehrere Ursachen; aber ein nicht zu unterschätzender Punkt sind die äußeren Faktoren wie Licht, Temperatur und Lärm. Ein kleines Lichtlein mag noch problemlos sein; aber grundsätzlich gilt, dass Licht den Schlaf und die Schlafqualität häufig negativ beeinflusst. Neuere Studien liefern hierzu eine Fülle von teils überraschenden Ergebnissen. Wenn es sich vermeiden lässt, sollten wir daher darauf achten, ohne Licht im Dunkeln zu schlafen.
„Im Innern gibt es die Leiden der sieben Gefühle, und sie resultieren alle aus einer Stockung der Vitalkraft. Unter den sieben Gefühlen zerstreuen Freude, Ärger und Aufregung die Vitalkraft; selbst ein wenig davon mindert und schwächt die Vitalkraft, sie kann nicht mehr zirkulieren und es kommt zu Stauungen. Gram, Grübeln, Trauer und Furcht sammeln die Vitalkraft, so dass es zu Beschwerden durch Stauungen kommt.“
(Takuan Sôhô, Isetsu )
Das Leben als Mensch kann aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Für manche sind es die Sprache oder der zweibeinige Gang, die den Menschen zum Menschen machen; für viele Philosophen ist es die Vernunft, welche den Menschen vom Tier unterscheidet. Wie dem auch sei: Ganz zweifellos ist unser Gefühlsleben einer der wesentlichen Aspekte unseres Daseins. Jeden Tag aufs Neue erleben und durchleben wir Zustände von Freude und Angst, Aufregung und Gelöstheit, Neugier und Zurückhaltung, Ärger und Liebe und so weiter. Können wir uns ein Leben als Mensch vorstellen, ganz ohne Emotionen und Gefühle? Dennoch ist es eine der größten Herausforderungen, sich all seinen Gefühlen bewusst zu werden, verdrängten ebenso wie gegenwärtigen, angenehmen ebenso wie unangenehmen. Worauf der Zen-Mönch Takuan uns hier hinweist, sind die Folgen davon, wenn wir unseren Gefühlen ungeregelt, unkontrolliert unterworfen sind, anstatt dass wir sie wahrnehmen und in einer heilsamen Weise mit ihnen umgehen. Vielleicht kennen wir selbst Menschen, oder gehören sogar selber dazu, die an einem erfüllteren Leben dadurch gehindert werden, dass sie gewissen Emotionen und Gefühlen, oder auch Situationen und Ursachen, die zu ihrer Entstehung führen, nichts entgegensetzen können. Dann ist es allerhöchste Zeit, sich dieser Aufgabe zu stellen; alleine oder mit Hilfe anderer Menschen.
