Der Weg des Lebens - Leo N. Tolstoi - E-Book

Der Weg des Lebens E-Book

Leo N. Tolstoi

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Beschreibung

Für sein letztes Buch stellte Leo N. Tolstoi 1903 bis 1910 - neben eigenen Texten - in freier Bearbeitung viele Gedanken "brahmanischer, konfuzianischer, buddhistischer Weisheit, aus den Evangelien, den Apostelbriefen sowie den Schriften vieler anderer, alter wie neuer Denker" zusammen (ohne Nennung der Verfassernamen). Nur zwei Jahre nach seinem Tod wurde das Werk einer deutschsprachigen Leserschaft unter dem Titel "Der Lebensweg - Ein Buch für Wahrheitssucher" (1912) dargeboten. Die Übersetzung stammte von Dr. Adolf Heß. In seinem einleitenden Text zur vorliegenden Neuedition dieser Ausgabe schreibt Holger Kuße: "Der Weg des Lebens ist systematisch aufgebaut, aber es ist dennoch bemerkenswert, wie der Text zur Sammlung von Gedanken wird, die im wörtlichen (im Druckbild sichtbare) wie im übertragenen Sinne Freiräume lässt, in die eigene Erfahrungen eingetragen werden können. Weisheit ist hier nicht nur die von allen Weisen aller Zeiten und Religionen übereinstimmend erkannte Wahrheit des wahren Lebens, sondern auch die Weisheit der Beschränkung. Einzelne Worte werden in den Alltag gesprochen. Zusammen bilden sie vielleicht ein System, eine allumfassende Welterklärung und Philosophie, aber vor allem sollen sie jedes für sich im Leben ihrer Leserinnen und Leser wirken. Weisheit ist bei Tolstoi universal und individuell zugleich. Der Gedanke, egal ob Aussage oder Imperativ, muss sich im einzelnen Leben bewähren. Er kann nicht Theorie bleiben, sondern muss individuelle Lebenspraxis sein. Das zeigt (und ermöglicht) die Lücke im Text oder die Lücke zwischen den Texten, die individuelle Füllungen, Weiterdenken und Überdenken, aber auch Pausen im Denken ermöglichen." Die Sammlung erschließt - neben einer heute befremdlichen Abteilung zur "Geschlechtsbegierde" - Tolstois Anschauungen über Religion, die Einheit der menschlichen Familie, die Liebe zu allem Lebendigen, Macht, Gewalt, Straf-Ideologie, Eigentumsverhältnisse und weitere Fragen eines anderen Lebens jenseits der getriebenen Eigensicherung. Tolstoi-Friedensbibliothek Reihe A, Band 14 (Signatur TFb_A014) Neu ediert von Peter Bürger und Ingrid von Heiseler, mit einer Hinführung von Holger Kuße

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Tolstoi-Friedensbibliothek Reihe A | Band 14

Herausgegeben von Peter Bürger

Korrektorat: Ingrid von Heiseler

Inhalt

Hinführung

LEO TOLSTOI ALS MORALIST UND WEISHEITSLEHRERAnmerkungen zu seinen ‚drei Werken‘ und Der Weg des LebensHolger Kuße

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Leo Tolstoi

DER WEG DES LEBENS

Ein Buch für WahrheitssucherIns Deutsche übertragen von Dr. Adolf Heß
Einleitung des Übersetzers1. Über den Glauben2. Gott3. Die Seele4. Eine Seele lebt in allem5. Die Liebe6. Sünden, Verführung, Aberglaube7. Überfluß8. Geschlechtsbegierde9. Müßiggang10. Habsucht11. Der Zorn12. Hochmut13. Ungleichheit14. Gewalt15. Strafe16. Ruhmsucht17. Falscher Glaube18. Falsche Wissenschaft19. Buße20. Das Leben in der Gegenwart21. Das Nichtstun22. Das Wort23. Der Gedanke24. Selbstverleugnung25. Demut26. Wahrhaftigkeit27. Das Böse28. Der Tod29. Nach dem Tode30. Das Leben ist das höchste Gut

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Bibliographie zu Tolstois Werk

„Der Weg des Lebens“ (1910)

Übersicht zu den Bändender Tolstoi-Friedensbibliothek, Reihe A

Hinführung

Leo Tolstoi als Moralist und Weisheitslehrer

Anmerkungen zu seinen ‚drei Werken‘ und Der Weg des Lebens

HOLGER KUßE

Im Verlauf der vergleichenden Lektüre von Leo Tolstoi und Friedrich Nietzsche erschien dem Religions- und Existenzphilosophen Leo Schestow (1866–1938) sein russischer Klassiker von Seite zu Seite immer mehr wie ein Prediger und immer weniger als Philosoph. Er bemerkte, dass der große Erzähler in seinen publizistischen Schriften als vollmächtiger Verkünder einer neuen Welt auftrat, der „ein Mittel gefunden habe, die Menschen von allen gesellschaftlichen Krankheiten zu heilen. Seiner Meinung nach hat er den Hebel des Archimedes gefasst. Man braucht nur auf diesen Hebel zu drücken und die ganze alte Welt wird aus den Angeln gehoben, alles Elend verschwindet und die Menschen werden glücklich.“1 In Tolstois kritischer Schrift Was ist Kunst? fällt Schestow auf: „Er will die Menschen nicht überzeugen, er will sie einschüchtern: ‚Tut, was ich euch sage, sonst werdet ihr unsittliche, lasterhafte, verdorbene Wesen!‘ Solche Art Worte suchte ich in Tolstois Buch zu unterstreichen. Ganze Seiten wurden voll von Bleistiftstrichen.“2

Die Charakterisierung ist durchaus treffend und dürfte wohl von allen Leserinnen und Lesern, die sich durch Das Reich Gottes ist in Euch (Carstvo Božie vnutri vas, 1890–1893), Über das Leben (O žizni, 1886–1887), Was ist Kunst? (Čto takoe iskusstvo?, 1897–1898) oder auch andere Schriften der 1880er und 1890er Jahre durchgearbeitet haben, unterschrieben werden. Doch Schestows Beobachtungen erschienen bereits im Jahr 1900, und danach entstanden noch zahlreiche Schriften Tolstois, die eine zumindest modifizierte Rezeption erlauben, auch wenn der ‚Prediger‘ von der radikal-moralischen Haltung, die er in seiner Beichte (Ispoved’, 1879–1882) formuliert und danach in die Welt getragen hatte, bis zum Lebensende nicht mehr abwich. Tatsächlich unterschied sich das späte Spätwerk ab 1900 in seiner grundsätzlichen deontischen, um nicht zu sagen imperativen Ausrichtung nicht von den erwähnten großen Schriften des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Es gibt aber einen nicht unwesentlichen formalen Unterschied. Den durchgehenden philosophisch-publizistischen oder, deutlicher gesagt, religiös-propagandistischen Text löste die Sammlung von Zitaten, Gedankensplittern, kurzen Beobachtungen, kleinen Erzählungen, Gleichnissen und Aphorismen ab. Tolstois Schreiben nahm damit eine Form an, die als Weisheitsliteratur bezeichnet werden kann. 1906 erschien die erste Ausgabe der Sammlung Lesezyklus (Krug čtenija), an der Tolstoi bereits seit den späten 1880er Jahren gearbeitet hatte und zu der er bis 1908 immer wieder zurückkehrte. Parallel dazu entstanden Gedanken weiser Menschen für jeden Tag (Mysli mudrych ljudej na každyj den’) zwischen 1902 und 1903, Für jeden Tag (Na každyj den’) zwischen 1906 und 1910 und schließlich als letztes Werk Der Weg des Lebens oder auch Der Lebensweg (Put’ žizni) im Todesjahr 1910.3

Gerade dieses letzte Werk, dessen Übertragung ins Deutsche durch den Tolstoi-Übersetzer Adolf Heß – er übersetzte unter anderem Auferstehung (Voskresenie) – bereits 1912 erschien4, kann nicht nur aufgrund der Entstehungszeit als Höhepunkt der letzten Werkphase Tolstois angesehen werden. In ihm verbindet sich die moralische Klarheit der vorhergehenden Schriften mit der offenen Form des weisheitlichen Ausdrucks, so dass die Apodiktik, an der nicht nur Tolstois Kritiker Schestow Anstoß nahm, aufgehoben wird in der Öffnung für weiteres Denken, für Modifikationen des Gedachten und vor allem für die Möglichkeit zum Sprung in den nächsten Gedanken, der vielleicht situationsgemäßer, dem Moment angemessener ist als das zuvor Gelesene. Sammlungen wie Der Weg des Lebens laden zum Blättern und Finden ein und zwingen nicht zur durchgehenden Lektüre von der ersten bis zur letzten Seite, selbst dann nicht, wenn sie einer erkennbaren Systematik folgen. Der Weg des Lebens führt von den Themen Glauben, Gott und Seele über moralische Verfehlungen wie Habsucht und Zorn bis hin zu Tod und Nach dem Tode, aber das Buch lässt sich auf jeder Seite aufschlagen und jedes Wort ist für sich verständlich und bedarf nicht der vorhergehenden und nachfolgenden Textteile, um als Anregung mit in den Tag genommen zu werden. Dass Tolstoi heute als Zitatsteinbruch in den sozialen Medien, die sich durch konsequente Dekontextualisierung auszeichnen, eifrig bedient wird, hätte ihn sicher gefreut.

Tolstois Werk lässt sich nicht nur in Prosa, Publizistik, Briefe und weitere Schriften unterteilen. Es lässt sich von ‚drei Werken‘ sprechen, die sich zum Teil mit den Lebensphasen bis Anna Karenina (1873–1877) und vor Beichte (Ispoved’), sodann bis zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert und schließlich dem Jahrzehnt danach decken.5 Auf die große Prosa als ‚erstes Werk‘ folgte die moralische und religiöse Publizistik als ‚zweites‘ und schließlich die Weisheitsliteratur als ‚drittes Werk‘. Natürlich sind diese ‚drei Werke‘ miteinander verbunden, und sie überlappen sich zeitlich. Der dritte große Roman, Auferstehung (Voskresenie, 1889–1899), fällt bereits in die Phase des ‚zweiten Werks‘, liest sich aber auch wie die narrative Variante eines moralischen Traktats, und Hadschi Murat (Chadži Murat, 1896–1906), die Großerzählung aus den Kaukasuskriegen des 19. Jahrhunderts, fällt in seiner Entstehungszeit sogar mit dem ‚dritten Werk‘ zusammen. Dennoch lässt sich der literarische Schwerpunkt in den jeweiligen Phasen gut erkennen. Ab der Jahrhundertwende wandte sich Tolstoi kleinen Formen und dem Format der Sammlung zu, die seit den 1870er Jahren bereits durch kleine erzählerische Formen wie Märchen und Legenden bis hin zur Parabel in der Form der Novelle vorbereitet wurden: z. B. Alphabet (Azbuka, 1872, 1875), Der Leinwandmesser (Cholostomer, 1875), Volkslegenden (1886) – darin besonders Die drei Starcen (Tri starca) –, Herr und Knecht (Chozjain i rabotnik, 1894–1895) und viele andere.

Wenn wir von Weisheit als Form sprechen, so ist zuerst die Kürze hervorzuheben, die vom Spruch im Format des einfachen Satzes, dem Sprichwort, Aphorismus oder auch dem Lied oder Liedrefrain bis zur kurzen Erzählung, dem Gleichnis oder der Parabel reichen kann. Weisheit ist an diese Textformen gebunden. Sie ist kurz und textuell. Ein großer Roman oder ein Spielfilm von epischer Breite können Weisheit enthalten, sind aber selbst keine Formen der Weisheit. Allerdings hat die kurze textuelle Form der Weisheit das Potential zur Entgrenzung. Sie kann mottogebend für epische Formen sein wie der berühmte Beginn von Anna Karenina – „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise“ –, als Spruch das ganze Leben eines Menschen begleiten wie etwa der Rat zum positiven Denken „Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die frohen Stunden nur“6 und kann als normatives Fundament gesellschaftlichen Zusammenlebens angesehen werden wie die goldene Regel.

Ein zweites Merkmal von Weisheitstexten ist ihre starke Bildlichkeit. Ein Bild oder gar ein Ornament ohne Text bilden zwar für sich keine Weisheit, sondern sind Formen, die in einen weisheitlichen Text eingebunden werden können, Weisheit ist jedoch bildaffin. Ihre Texte zeichnen sich in der Regel durch den Gebrauch von Metaphern und Vergleichen aus – man denke etwa an Sprüche wie Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer; Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm; Einer trage des Anderen Last; Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein; Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die frohen Stunden nur; Dem Glücklichen schlägt keine Stunde; Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König usw.

Als kurze Form kann Weisheit in umfangreichen Texten eingebettet sein: in philosophischen und theologischen Traktaten ebenso wie in epischen Formen von schwergewichtigen Romanen bis hin zu den Blockbustern der Gegenwart. Markante Beispiele sind die Spruchweisheiten von Gandalf oder Dumbledore oder Meister Yoda und anderen Filmfiguren.7 Diese eingebettete Weisheit findet sich auch in den großen Romanen und Erzählungen Tolstois bis hin zu Hadschi Murat. Aber es gibt auch die Einbettung des Großen im Kleinen, d. h. die Umrahmung eines umfangreichen Textes mit einem weisheitlichen Bild oder einen Weisheitsspruch, also die Einbettung in Weisheit. Diese Funktion erfüllen zum Beispiel Epigraphen, die vor einen Text gesetzt werden. Im Werk Tolstois besonders eindrücklich ist die Erinnerung des Erzählers in Hadschi Murat an den Versuch, eine sogenannte Tatarendistel vom Feldrand zu pflücken, um sie in einen schon gesammelten Strauß einzubinden. Mit der Erinnerung beginnt und endet die historische Erzählung. Sie umrahmt und deutet sie. Der Versuch, die Blume zu pflücken, erweist sich als mühsam und schmerzhaft, und als er gelungen ist, ist die Blume zerstört und passt nicht zum Strauß. Der beschriebene Akt, der von der Schönheit der Blume und des schon gepflückten Straußes zur Gewalt und Zerstörung führt, umschließt als Metapher und Quintessenz die Geschichte des kaukasischen Widerstands gegen den russischen Imperialismus und stellt ethisch-gnoseologisch sowohl eine Erkenntnis von Widerstand und Überlebenskraft als auch eine Mahnung gegen jede Art von Gewalt und Überwältigung dar. Diese Einbettung der großen Form der langen Erzählung in die kleine Form der weisheitlich gedeuteten Erinnerung wählte Tolstoi in der Phase seines ‚dritten‘, des dezidiert weisheitlichen Werks, in dem Weisheit als eigenständige, isolierte Textform in Sammlungen von Zitaten, Sprüchen, Aphorismen und kleinen Erzählformen wie dem Gleichnis oder der Parabel auftritt.

Mit der Kürze als Form ist Weisheit jedoch noch nicht hinreichend charakterisiert. Weisheit ist auch eine Form des Diskurses, und als Diskurs zeichnet sie sich durch das unmittelbare Zusammenspiel von Erkenntnis und Verhalten aus. Der russische Linguist Sergej Workatschjow bemerkt treffend, dass die Kategorie Weisheit (Mudrost’) im Unterschied zur kognitiven Kategorie (kognitivnaja kategorija) des ‚reinen‘ Intellekts (prosto intellekt) einen gemischten „ethisch-gnoseologischen Charakter (smešannyj, ėtiko-gnoseologičeskij charakter)“ hat.8 In der Weisheit kommen Deontik und Kognition oder auch Moral und Erkenntnis zusammen9, und das eine ist vom anderen nicht zu trennen, auch wenn in manchen Texten die Erkenntnis, in anderen eher die Mahnung als Sprechhandlung und Intention überwiegen. Das bis heute – zumindest in seinen alltagssprachlichen Variationen – bekannte Bibelwort aus dem Buch der Sprüche (Proverbia) – „Wer eine Grube gräbt, der wird hineinfallen; und wer einen Stein wälzt, auf den wird er zurückkommen“ (Spr. 26:27) – ist ethisch-gnoseologisch in Reinform, denn es verallgemeinert (tatsächliche oder vermeintliche) empirische Beobachtungen zu einer allgemeinen Erkenntnis, die funktional als Mahnung verstanden werden soll und verstanden wird. Ein Spruch wie „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ ist dagegen eine reine Alltagserkenntnis und enthält keine Mahnung und keinen Ratschlag – und stellt deshalb eher eine Ausnahme in der Weisheit dar –, während Aussagen wie „Gerechtigkeit führt zum Leben; aber dem Bösen nachjagen führt zum Tode“ (Spr. 11:19) zwar auch als Erkenntnis formuliert sind, aber als indirekte Sprechakte klar die Funktion moralischer Anweisungen haben: Jage dem Bösen nicht nach! Trachte nach Gerechtigkeit!

Wer in Sammlungen wie Der Weg des Lebens blättert, wird durchgehend mit ethisch-gnoseologischen Aussagen konfrontiert, die mal mehr gnoseologisch, mal mehr ethisch (deontisch) und durchgehend von dem Anspruch sicheren Wissen getragen sind, dass es sich tatsächlich so verhält, wie der Weise es sagt (Schestows Beobachtungen treffen in dieser Hinsicht voll auch auf das ‚dritte Werk‘ zu). Sein Vorbild hat diese Art weisheitlichen Redens im erwähnten Buch der Sprüche des Alten Testaments, und es lässt sich sogar sagen, dass Tolstoi im frühen 20. Jahrhundert die Weisheit dieses Buches mit seinen klaren Vorstellungen von Gut und Böse, Heilig und Unheilig, Toren und Weisen in monumentaler Form wiederbelebt hat. Andere Richtungen der Weisheit wie die Weisheit als Erkenntnis der Grenzen des Wissens und der Skepsis, die sich zum Beispiel im ebenfalls biblischen Buch Prediger Salomo (Ekklesiast, Kohelet) findet, oder gar die Weisheit aus Nichtwissen und als (bewusstes) Nichtwissen, deren berühmtestes Beispiel das chinesische Daodejing ist, der unter anderem aber auch in den indischen Upanischaden oder in der Zen-Philosophie oder der christlichen Mystik zu begegnen ist10, spielen für Tolstoi keine Rolle, wenn er auch Zitate aus diesen Traditionen in seine Sammlungen eingefügt hat.

Zu Tolstois radikaler moralischer Weisheit als Wissen gehört die feste Überzeugung, dass das Reich Gottes, d. h. das ideale Leben, als Idee und intuitives Wissen in jedem Einzelnen zu finden ist und nur durch die Einsicht jedes Einzelnen Wirklichkeit werden kann. Das Einzige, dass der Mensch verbessern könne, sagt Tolstoi in Der Weg des Lebens, sei er selbst. Schon das aber falle dem Menschen schwer:

Die Menschen sehen, dass in ihrem Leben etwas nicht gut ist und dass etwas verbessert werden muss. Aber verbessern kann der Mensch nur das, was in seiner Macht steht – sich selbst. Aber um sich selbst zu verbessern, muss man zuerst anerkennen, dass man selbst nicht gut ist, und das will man nicht. (PSS 1956/45: 202; Heß 1912: 203; zit. n. Kuße 2010: 134)

Jeder Versuch, egal ob wohlmeinend oder nicht, die Wirklichkeit besser zu machen, ohne die Einsicht und innere Zustimmung der Einzelnen, die von solchen Versuchen betroffen sind, zu erlangen, ist für Tolstoi immer zum Scheitern verurteilt, insbesondere, wenn Gewalt angewendet wird:

Nichts hemmt die Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden mehr als der Wille der Menschen, es mit Taten aufrichten wollen, die ihm entgegengesetzt sind: mit Gewalt. (PSS 1956/45: 216; Heß 1912: 217; zit. n. Kuße 2010: 135)

Gewalt beginnt für Tolstoi bereits bei der Aufrichtung von Institutionen wie der Kirche, der Schule, der Ehe oder dem Recht, die Menschen immer ein bestimmtes Denken und Verhalten aufzwingen, unabhängig davon, ob sie von dessen Richtigkeit innerlich überzeugt sind oder nicht, und mehr noch, unabhängig davon, ob das Verhalten, dem Menschen sich in den Institutionen unterwerfen sollen, tatsächlich gut und richtig und nicht vielmehr eine verdeckte Form der Ungerechtigkeit zum Nutzen weniger und zum Schaden vieler ist.11 Demgegenüber sei „das Gesetz des wahren Lebens (istinnyj zakon istinnoj žizni)“, das nach Tolstois Überzeugung jeder Mensch innerlich kenne und das bei allen vernünftigen Menschen dasselbe sei, unmittelbar einsichtig und leicht zu verstehen. Wer es leugne, der verleugne seinen Verstand:

Das wahre Gesetz des Lebens ist so einfach, klar und verständlich, dass die Menschen ihr schlechtes Leben nicht damit rechtfertigen können, dass sie dieses Gesetz nicht kennen. Wenn die Menschen gegen das Gesetz des wahren Lebens verstoßen, bleibt ihnen nur eins: ihren Verstand verleugnen. Das ist es, was sie tun. (PSS 1956/45: 21; Heß 1912: 2; zit. n. Kuße 2010: 115–116)

„Das wahre Gesetz des Lebens (istinnyj zakon istinnoj žizni)“ oder auch „das Gesetz des wahren Lebens (zakon istinnoj žizni)“ oder schlicht „das Gesetz des Lebens (zakon žizni)“, das auch „das Gesetz Gottes (zakon Boga, zakon Božij)“ ist, findet Tolstoi bei Religionsstiftern, Philosophen, Politikern und Weisheitslehrern, ob sie nun Jesus, Mohammed, Seneca, Kant, Schopenhauer, Mazzini, Silesius, Ramakrishna oder Konfuzius heißen. In Der Weg des Lebens zitiert er neben Kant, Lessing und der Bibel die Stoa (Mark Aurel), Mystiker (Angelus Silesius) und östliche Weisheitslehrer (Lao-Tse). Doch im Anschluss an die und im Dialog mit den Vorbildern aus der Menschheitsgeschichte entstehen eigene Worte und Einsichten, die als absolut wahr präsentiert werden. Tolstoi tritt selbstbewusst und mit der vollen Überzeugung auf, das „Gesetz des Lebens“ gefunden zu haben und verkündigen zu können, weil es keine Erfindung, sondern eine Offenbarung sei.12 In Der Weg des Lebens paraphrasiert er einen Lehrtext des indischen Mystikers Ramakrishna Paramahamsa (1836–1886):

Wenn das Regenwasser durch die Regenrinnen fließt, so scheint es uns, als ob es aus ihnen herausfließt. Aber das Wasser fällt vom Himmel. Das Gleiche gilt von den Lehren der Heiligen und der Weisen: Es scheint uns, als ob die Lehren von ihnen kämen, aber sie kommen von Gott. (nach Ramakrishna) (PSS 1956/45: 31; Heß 1912: 13; zit. n. Kuße 2010: 118)

Es ist also alles schon offenbar und klar. Es muss nur befolgt werden, was die Weisen sagen und was das Gewissen gebietet:

Nichts verunstaltet das Leben der Menschen mehr und nimmt ihnen so sicher das wahre Wohl, wie die Gewohnheit nicht nach den Lehren der weisen Menschen der Welt und nicht nach ihrem Gewissen zu leben, sondern danach, was diejenigen Menschen für gut heißen und befürworten, zwischen denen der Mensch lebt. (PSS 1956/45: 242; Heß 1912: 244; zit. n. Kuße 2010: 136)

Weisheit kennt viele spielerische Formen13: Wortspiele, Paradoxa, Analogien, Antithesen usw. Auch Tolstois Weisheit ist nicht nur imperative Forderung und Mahnung, sondern findet ihren Ausdruck ebenso in Rätseln, Wortspielen, Vergleichen, Metaphern sowie Wiederholungen, Gegensätzen und parallel konstruierten Prädikationen, die für das Buch der Sprüche des Alten Testaments charakteristisch sind (parallelismus membrorum14):

Zu sündigen ist die Sache des Menschen, die Sünden zu rechtfertigen ist die Sache des Teufels. (PSS 1956/45: 95; Heß 1912: 87; zit. n. Kuße 2010: 129)

Vom Leib kommen die Sünden, von den Meinungen der Menschen kommen die Irrtümer, vom mangelnden Vertrauen in die eigene Vernunft der Aberglauben. (PSS 1956/45: 98; Heß 1912: 90; zit. n. Kuße 2010: 129)

In Paradoxa, antithetischen und konversen Konstruktionen werden Widersprüche aufgedeckt und es wird verbreiteten Irrtümern widersprochen:

Wenn ein Mensch viel Überfluss hat, dann fehlt vielen anderen das Nötigste. (PSS 1956/45: 113; Heß 1912: 109; zit. n. Kuße 2010: 110)

Die Religion ist nicht deshalb wahr, weil sie heilige Menschen gepredigt haben, sondern heilige Menschen haben sie gepredigt, weil sie wahr ist. (Lessing) (PSS 1956/45: 31; Heß 1912: 13; zit. n. Kuße 2010: 118)

Wer sagt, dass er Gott liebt, aber seinen Nächsten nicht liebt, der betrügt die Menschen. Der aber, der sagt, dass er seinen Nächsten liebt, aber nicht Gott liebt, der betrügt sich selbst. (PSS 1956/45: 75; Heß 1912: 64; zit. n. Kuße 2010: 127)

Im Gebrauch von Analogien, Vergleichen und Metaphern wird in einer Aussage ein Ausdruck einmal wörtlich und einmal bildlich gebraucht, und die Grenze zwischen Metapher und wörtlichem Gebrauch ist nicht immer eindeutig:

Es ist besser, wenn die Kleidung zur Seele passt, als wenn sie nur dem Körper passt. (PSS 1956/45: 113; Heß 1912: 109; zit. n. Kuße 2010: 130)

Eisen ist härter als Stein, Stein ist härter als Holz, Holz ist härter als Wasser, Wasser ist härter als Luft. Das, was man nicht befühlen kann, was nicht sichtbar und nicht hörbar ist, das ist härter als alles. Nur dieses war, ist und wird sein und geht nie verloren. Was ist das? Das ist die Seele im Menschen. (PSS 1956/45: 35; Heß 1912: 3; zit. n. Kuße 2010: 119)

In Beispielerzählungen weist Tolstoi scheinbar selbstverständliche Meinungen und Verhaltensweisen zurück:

Der griechische Weise Pythagoras aß kein Fleisch. Als Plutarch, der griechische Schriftsteller, der das Leben des Pythagoras aufgeschrieben hat, gefragt wurde, warum Pythagoras kein Fleisch äße, antwortete Plutarch, dass es ihn nicht wundere, dass Pythagoras kein Fleisch aß, sondern dass es ihn wundere, dass die Menschen, die sich ausreichend mit Getreide, Gemüse und Früchten ernähren können, lebende Geschöpfe fangen, sie schlachten und essen. (PSS 1956/45: 110; Heß 1912: 105; zit. n. Kuße 2010: 130)

Jemand kommt an die Tür. Ich frage: Wer ist da? Es wird geantwortet: Ich. – Wer ist Ich? – Ich eben, antwortet der, der gekommen ist. Das war ein Bauernjunge. Er wundert sich, wie man fragen kann, wer dieses Ich ist. Er wundert sich, weil er in sich dieses eine geistige Wesen spürt, das in allen eins ist. Deswegen wundert er sich, wie man nach dem fragen kann, was allen bekannt sein sollte. Er sprach vom geistigen Ich, ich aber fragte nach dem Fenster, durch das dieses Ich schaut. (PSS 1956/45: 36; Heß 1912: 35; zit. n. Kuße 2010: 119– 120)

Eines darf nicht vergessen werden: das ist die Lücke zwischen den Texten. Der Weg des Lebens ist systematisch aufgebaut, aber es ist dennoch bemerkenswert, wie der Text zur Sammlung von Gedanken wird, die im wörtlichen (im Druckbild sichtbare) wie im übertragenen Sinne Freiräume lässt, in die eigene Erfahrungen eingetragen werden können. Weisheit ist hier nicht nur die von allen Weisen aller Zeiten und Religionen übereinstimmend erkannte Wahrheit des wahren Lebens, sondern auch die Weisheit der Beschränkung. Einzelne Worte werden in den Alltag gesprochen. Zusammen bilden sie vielleicht ein System, eine allumfassende Welterklärung und Philosophie, aber vor allem sollen sie jedes für sich im Leben ihrer Leserinnen und Leser wirken. Weisheit ist bei Tolstoi universal und individuell zugleich. Der Gedanke, egal ob Aussage oder Imperativ, muss sich im einzelnen Leben bewähren. Er kann nicht Theorie bleiben, sondern muss individuelle Lebenspraxis sein. Das zeigt (und ermöglicht) die Lücke im Text oder die Lücke zwischen den Texten, die individuelle Füllungen, Weiterdenken und Überdenken, aber auch Pausen im Denken ermöglichen. Die Lücken zwischen den Sprüchen sind deshalb nicht weniger wichtig als die Worte selbst. In ihnen sind in das unaufhörliche Schreiben Tolstois das Schweigen und die Meditation eingetreten, die auch ein Akt der Weisheit sind.15

* * *

Zum Verfasser: Prof. Dr. phil. Holger Kuße, Professor für Slavische Sprachwissenschaft und Sprachgeschichte am Institut für Slavistik der Technischen Universität Dresden

1 Leo SCHESTOW: Tolstoi und Nietzsche. Die Idee des Guten in ihren Lehren. München: Mathes und Seitz 1994, S. 50–51; Lev ŠESTOV: Dobro v učenii gr. Tolstogo i Nicše (Filosofija i propoved’). // Izbrannye sočinenija. V. Erofeev (red.). Moskva: Izdatel’stvo Nauka 1993, str. 39–156, str. 68; siehe auch Holger KUßE: Lev Tolstoj und die Sprache der Weisheit. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2010, S. 85–87; Rainer GRÜBEL: Existenzialismus (Šestov, Heidegger, Camus, Sartre). In: Martin George, Jens Herlth, Christian Münch & Ulrich Schmid (Hrsg.), Tolstoj als theologischer Denker und Kirchenkritiker. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, S. 668–682, hier: S. 670–673.

2 SCHESTOW: Tolstoi und Nietzsche, S. 120; ŠESTOV: Dobro v učenii gr. Tolstogo i Nicše, str. 97.

4 Leo TOLSTOI: Der Lebensweg. Ein Buch für Wahrheitssucher. Ins Deutsche übertragen von Dr. Adolf Heß. Leipzig: Verlagsbuchhandlung Schulze & Co. 1912.

5 Vladimir KARASIK, Chol’ger KUSSE & Ljudmila TOKATOVA: Jazyki mudrosti. Pavlodar, Kasachstan: Pavlodarskij pedagogičeskij universitet imeni Älkei Marğūlan 2023, str. 173–185. [https://tu-dresden.de/gsw/slk/slavistik/ressourcen/dateien/institut/publikationen-pdfs/Karasik-Kusse-Tokatova-Jazyki-mudrosti-1.pdf?lang=de]

6 Ebd., str. 14–20.

7 KARASIK, KUSSE & TOKATOVA: Jazyki mudrosti, str. 72–75, 210.

8 Sergej Grigor'evič VORKAČEV: Lumen naturale: Aksiologija intellekta v jazyke. Moskva: Nauke/Flinta 2016, str. 17.

9 VORKAČEV: Lumen naturale, S. 36–54.

10 Siehe dazu James E. BIRREN & Laurel M. FISHER: The elements of wisdom: overview and integration. In: Robert J. Sternberg (ed.), Wisdom. Its Nature, Origins and Development. Cambridge: Cambridge University Press 1990, P. 317–332. Mihaly CSIKSZENTMIHALYI & Kevin RATHUNDE: Psychology of wisdom: evolutionary interpretation. In: Robert J. Sternberg (ed.), Wisdom. Its Nature, Origins and Development. Cambridge: Cambridge University Press 1990, P. 25–51; Masami TAKAHASHI & Willis F. OVERTON: Cultural Foundations of Wisdom. An Integrated Developmental Approach. In: Robert J. Sternberg & Jennifer Jordan (eds.), A Handbook of Wisdom. Psychological Perspectives. Cambridge: Cambridge University Press 2005, P. 32–60; Gert SCOBEL: Weisheit. Über das, was uns fehlt. Köln: DuMont Buchverlag 2008; KUßE: Lev Tolstoj und die Sprache der Weisheit, S. 102–109; Ders.: Die Sprache der Weisheit bei Lev Tolstoj. In: Harald Schwaetzer & Henrieke Stahl (Hrsg.), Weisheit – Brücke der Kulturen. Bernkastel-Kues (Kueser Akademie): Aschendorff Verlag 2011, 185–214; KARASIK, KUSSE & TOKATOVA: Jazyki mudrosti, str. 20–23.

11 Siehe KUßE: Lev Tolstoj und die Sprache der Weisheit, S. 48–69; Ders.: „Pis’mo studentu“: Lev Tolstoj i diskurs prava. In: Martin Henzelmann (Hrsg.), Linguistik als diskursive Schnittstelle zwischen Recht, Politik und Konflikt. Hamburg: Verlag Dr. Kovač 2018, S. 55–68; zur antidogmatischen religiösen Dimension Position Tolstois in diesem Zusammenhang vgl. auch KUßE: Lev Tolstoj und die Sprache der Weisheit, S. 34–39; Marian MACHINEK: „Das Gesetz des Lebens?“ Die Auslegung der Bergpredigt bei L. N. Tolstoj im Kontext seines ethisch-religiösen Systems. St. Ottilien: EOS Verlag 1998, S. 227 u. ö.; Ulrich SCHMID: Lew Tolstoi. München: C.H. Beck Verlag 2010, S. 80–83.

12 Vgl. Holger KUßE: Religion. In: Martin George, Jens Herlth, Christian Münch & Ulrich Schmid (Hrsg.), Tolstoj als theologischer Denker und Kirchenkritiker. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2014, S. 408–432, hier: S. 427–429.

13 Gerhard VON RAD: Weisheit in Israel. Neukirchen-Vluyn: Neukirchner Verlag 1985 (3. Auflage), S. 73; KUßE: Tolstoj und die Sprache der Weisheit, S. 109–111; Ders.: Die Sprache der Weisheit bei Lev Tolstoj, S. 204–208.

14 Markus SAUR: Einführung in die alttestamentliche Weisheitsliteratur. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2012, S. 10–13; KUßE: Tolstoj und die Sprache der Weisheit, S. 110; Ders.: Die Sprache der Weisheit bei Lev Tolstoj, S. 204.

15 Siehe KUßE: Lev Tolstoj und die Sprache der Weisheit, S. 113–114.

Leo Tolstoi

Der Weg des Lebens

Ein Buch für Wahrheitssucher

Ins Deutsche übertragen von Dr. Adolf Heß

Textquelle der dargebotenen Übersetzung | Leo TOLSTOI: Der Lebensweg. Ein Buch für Wahrheitssucher. Ins Deutsche übertragen von Dr. Adolf Heß. Leipzig: Verlagsbuchhandlung Schulze & Co. 1912. [508 Seiten] – Das Werk ist auch in einer von Franz Gnacy bearbeiteten Taschenbuchausgabe erhältlich (epubli.de). Die hier vorgelegte Neuedition weist – aus sprachlichen Gründen – den abweichenden Titel „Der Weg des Lebens“ auf. Der Übersetzer Dr. A. Heß starb laut Kurzeintrag der deutschen Nationalbibliothek im Jahr 1922. (pb)

Olgemälde „Leo N. Tolstoi – Rast im Wald (1891)“ von ИльяЕфимович Репин | Ilya Efimovich Repin (1844-1930)

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EINLEITUNG DES ÜBERSETZERS

Das nachfolgende, hier zuerst in deutscher Sprache erscheinende Werk Leo N. Tolstois, „Der Lebensweg“ bildet die letzte größere Arbeit des im November 1910 auf der kleinen Eisenbahnstation Astapowo verstorbenen Predigers der Menschheit und Weltpropheten. Bekannt ist, daß Tolstoi aus der Flucht von Haus und Hof – auf der Weltflucht –, durch seelische Qualen und sein hohes Alter geschwächt, einem an und für sich nicht gefährlichen Leiden erlag. Weniger bekannt ist, daß Tolstoi auf dem Krankenlager in Astapowo noch die Korrekturen dieses „Lebensweges“ las und das Werk der besonderen Sorgfalt seines russischen Herausgebers empfahl. Der Verleger hat denn auch die russische Ausgabe genau nach Tolstois Vorschrift besorgt und dem Werke ein längeres Vorwort beigegeben, das hier folgen mag:

Bekanntlich hat Tolstoi trotz seines hohen Alters bis in seine letzten Tage mit immer gleichem Eifer an dem wichtigsten Werke seines Lebens gearbeitet. Dieses bestand einerseits in ausgedehnter eigener und fremder Aufklärung über den wahren und höchsten Sinn des Lebens, über wahre Bedeutung und Angabe des richtigen Weges zur Verwirklichung dieser Wahrheit im Dasein des Einzelnen wie der ganzen Menschheit. Andererseits war es aber die Aufklärung über alles das, was den Menschen bei der Verwirklichung dieser Wahrheit im Wege steht. Und endlich sollte es hinweisen auf ein Mittel zum Kampf gegen „Sünden, Verführung und Aberglauben“, die den Einzelnen wie die ganze Menschheit an der Erfüllung ihrer Bestimmung, ihrer „Mission“ in dieser Welt, wie Tolstoi sich ausdrückt, hindern.

In dieser Arbeit, auf die Tolstoi alle Fülle seiner Gedanken, alle Kraft seines Genies, seiner Liebe und seines großen Fleißes verwandte, vereinigte er allmählich auch die tiefsten Aussprüche der Religionsstifter und Weltweisen über den höchsten Sinn des menschlichen Lebens, den er selbst nach langem und leidenschaftlichen Suchen in seiner ganzen Klarheit gefunden hatte. Es war für Tolstoi die schönste Freude, eine Bestätigung der Wahrheit über den höchsten Sinn des menschlichen Daseins, die er entdeckt hatte, in den Schaffensfrüchten der größten Geister aller Völker und Zeiten zu finden, und es war obendrein für ihn ein besonderer Trost, durch seine Arbeit die Menschheit mit diesen tiefsten und besten Gedanken wieder bekanntzumachen.

So schreibt Tolstois Freund und Verleger Gorbunow, den russische Richter wegen Verbreitung Tolstoischer Gedanken kürzlich zu längerer Kerkerhaft verurteilten.

Tolstoi selbst aber schickt in seiner zu weit gehenden Bescheidenheit dem Werk die Bemerkung voraus: „Die hier gesammelten Gedanken gehören den verschiedensten Autoren an. Aus brahmanischer, konfuzianischer, buddhistischer Weisheit, aus den Evangelien, den Apostelbriefen und sowie den Schriften vieler anderer, alter wie neuer Denker sind sie entlehnt. Die meisten Gedanken sind jedoch bei der Übersetzung und Bearbeitung einer solchen Veränderung unterzogen worden, daß ich es nicht für angebracht halte, sie mit dem Namen ihres ursprünglichen Schöpfers zu versehen. Die besten von diesen nicht unterzeichneten Gedanken gehören nicht mir, sondern den größten Weltweisen.“

Ist je ein Werk von der Bedeutung und Tragweite des vorliegenden bescheidener und anspruchsloser an die Öffentlichkeit getreten?

Wie kam dieses Weisheitsbuch zustande? Auch darüber gibt der russische Herausgeber uns Auskunft:

Tolstois Arbeit an dieser Sammlung der höchsten menschlichen Weisheit fand im letzten Jahrzehnt seines Lebens statt. Die Arbeit begann im Jahre 1903. Im Januar 1903 hing infolge einer schweren Krankheit Tolstois Leben nur noch an einem Faden. Tolstoi konnte damals der gewohnten Arbeit nicht nachgehen; er fand aber trotzdem die Kraft, täglich im Neuen Testament und auf einem Kalender im Schlafzimmer die Aussprüche verschiedener großer Männer zu lesen und zu überdenken. Aber das Jahr und mit ihm der Kalender gingen zu Ende, und nun entstand in Tolstoi der Wunsch, sich selbst Aussprüche verschiedener Denker für jeden Tag zusammenzustellen. Täglich, vom Krankenlager aus, machte er solche Auszüge, fügte auch vieles Eigene hinzu, und so entstand zunächst das Samenkorn, aus dem später ein riesiger Baum wuchs.

Hatte Tolstoi anfangs ein Werk geschaffen, das dem Leser ermöglichte, jeden Tag bei einem oder zwei Gedanken großer Denker zu verweilen, so wollte er nun ein Werk für das ganze Jahr herstellen, das jeden Tag eine Reihe von Aussprüchen und Gedanken von Religionsstiftern und Weltweisen lieferte, die zugleich eine fortlaufende Lektüre bildeten. Täglich sollte der Leser einige Augenblicke in den lebenspendenden geistigen Strom tauchen, in dem die Quellen aller Weltweisheit zusammenflossen, sollte sich in ihm erquicken und wieder und immer wieder an den Fragen der Wahrheit des Lebens und der Lebensführung arbeiten. Solcher Fragen fand Tolstoi eine ganze Reihe, die er über die einzelnen Tage verteilte.

Hatte Tolstoi an der ersten Fassung schon viel, sehr viel gearbeitet, indem er sich immer aufs neue in die geistigen Produkte seiner Lieblingsdenker vertiefte und zu ihnen seine eigenen früheren und jetzigen Gedanken über dieselben Gegenstände hinzufügte – so war die neue Arbeit geradezu riesig. Immer aufs neue ging Tolstoi an das Studium der größten Weltweisen und Religionslehrer, sah lange Reihen von Gedankensammlungen durch, in denen die Hauptfragen des menschlichen Daseins eingehend behandelt wurden; zog die Perlen der geistigen Arbeit der ganzen Menschheit aus all diesen Werken und gruppierte sie um die wichtigsten Fragen des menschlichen Lebens. Tolstoi suchte und fand überall, selbst bei denen, die seine Weltanschauung nicht teilten – wenn nur ihre Äußerungen als Bestätigung einer der Grundwahrheiten des menschlichen Lebens dienen konnten. Fand Tolstoi, z. B. bei Bismarck, irgendein Geständniswort über das Verkehrte eines ausschließlich auf Gewalt gegründeten Lebens, so setzte er es unmittelbar neben andere ähnliche Weisheitswörter als Beweis dafür, daß auch dem konsequentesten Vertreter der Gewaltpolitik jener göttliche Funke innewohnte, der sein Licht in die Seelen anderer Menschen warf.

Der geistigen Arbeit anderer Denker gesellte Tolstoi viele eigene Gedanken über dieselben Lebensfragen bei, die er teils früheren Werken entnahm, zum größten Teile aber neu niederschrieb. So bildet das Werk nicht nur ein Sammelbuch der Weisheit anderer Denker, sondern zugleich einen neuen Niederschlag der selbständigen schöpferischen Gedankentätigkeit Tolstois. Wie in einer gefüllten Schatzkammer des menschlichen Geistes finden wir hier die erhabensten und tiefsten Gedanken der Wahrheitssucher und -verkünder der ganzen Menschheit, von der Weisheit ältester Zeiten aus Indien, China, Iran, Palästina, Griechenland, Rom, bis auf die der Denker und Apostel unserer Tage.

Aber trotz der großen, tiefeindringenden Bedeutung dieser Arbeit gab der nimmermüde, unaufhörlich vorwärts strebende Tolstoi sich auch mit dieser Form noch nicht zufrieden, was er mit so vieler Mühe, unter so unausgesetzter Anspannung seiner Geisteskräfte herausgefunden, sollte allen Herzen, jedem Verstande zugänglich gemacht werden, und dazu mußte es auf die einfachste, klarste Form zurückgeführt werden. Das geschah im Verkehr mit – Kindern.

Gerade damals, fast ein halbes Jahrhundert nach der Schule in Jassnaja Poljana, kehrte Tolstoi zu seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Unterricht von Kindern, zurück. Dieses Mal war sein Hauptziel, das Allerhöchste, was Menschenweisheit herausgefunden, Kindern zugänglich zu machen. In ungezwungener, bisweilen recht lärmender, von dem reinen und lebhaften Interesse der Kinder durchdrungener Unterhaltung suchte Tolstoi ihnen in passender Form die Gedanken über irgendeine grundlegende Lebensfrage zu erläutern und zu erklären. Da wurde jeder Gedanke eifrig hin und her gewandt, entwickelt, auf die einfachste Form zurückgeführt, von Tolstoi niedergeschrieben, abermals umgearbeitet und so allen Menschen verständlich gemacht.

Tolstoi sammelte und ordnete dann die bis dahin zerstreuten Gedanken nach einheitlichem Plane, indem er aus der Fülle des gesamten Materials 30 Grundfragen des Lebens und Glaubens absonderte und dann alle Gedanken auf diese 30 verschiedenen Rubriken verteilte und ordnete. Auf diese Weise wird jede der 30 Fragen, nachdem ein Leitsatz über das Wesen der Frage an die Spitze gestellt ist, in ganz bestimmter Disposition behandelt und erörtert.

Dem ganzen Werk gab Tolstoi anfangs den Titel „Gedanken über das Leben“, später endgültig den Titel „Der Lebensweg“.

„Angesichts des immer näher rückenden Todes und nach einer Reihe tiefer Ohnmachtsanfälle“, erzählt Tolstois Verleger und Freund, „spannte der Greis seine geistigen Kräfte bis zuletzt auf das Äußerste an, um mit der Flamme des eigenen Genius und der anderer großer Denker seinen Mitmenschen den Lebensweg hell zu erleuchten.“

Drei verschiedene Korrekturen des Werkes las Tolstoi nacheinander. Immer wieder fand er etwas zu ändern und zu ergänzen und verweilte mit ganz besonderer Liebe bei dieser Arbeit. (Es war für ihn stets eine Freude, wenn die Korrektur des einen oder anderen Heftes ankam. War er mit der Arbeit fertig, so brachte er sie oft zu Pferde dem damals 6 Werst von Jassnaja Poljana weilenden Verleger.

„Deutlich sehe ich noch“ – schreibt letzterer – „sein von Güte leuchtendes Greisengesicht mit dem unschuldigen Lächeln, mit dem er, der Weltgenius, dessen Worte der Menschheit so heilig, sagte:

,Da habe ich wieder alles schrecklich vollgeschmiert; verzeihen Sie nur, ich werde es nicht wieder tun.‘“

Bei dem vorletzten Besuch in Jassnaja Poljana am 18./31. Oktober 1910 sagte Tolstoi, wenn die Hefte des „Lebenswegs“ erschienen wären, würde er darangehen, sie noch einmal zu bearbeiten, zu vereinfachen, und sie jedem noch verständlicher und begreiflicher machen.

Das letzte Mal brachte der Verleger Anfang November zwei Korrekturen nach Astapowo, wo Tolstoi sterbend lag. Bei dem letzten Wiedersehen am 17. November, drei Tage vor Tolstois Tode, als er noch einige Kraft besaß, hörte der Greis zunächst die Mitteilungen über Vorbereitungen zum Druck mit an. Dann sagte der Herausgeber ihm, er hätte für alle Fälle die beiden Abteilungen „Selbstverleugnung“ und „Demut“ mitgebracht. Mit erlöschender Stimme, aus der tiefer Kummer darüber klang, daß er nicht die Kraft besaß, sofort an die Arbeit zu gehen, sagte Tolstoi: „Ich kann nicht mehr …. machen Sie das selbst.“ –

So erscheint nun hier in deutscher Sprache Tolstois Lebenswerk der letzten Jahre; sein Weisheitsbuch und sein Vermächtnis an die Menschen, die er liebte und denen er bis zum letzten Atemzuge diente.

Berlin, Anfang Juni 1912 Dr. Adolf Heß.

Лист из Альбома В. Россинского. "Последние дни Л.Н. Толстого". 1911 (Blatt aus dem Album von V. Rossinsky. „Die letzten Tage von Leo Tolstoi“. 1911 | commons.wikimedia.org)

Über den Glauben

Um ein gutes Leben zu führen, muß man wissen, was man zu tun hat und was nicht . Dazu ist der Glaube nötig. Glaube ist das Wissen dessen, was der Mensch bedeutet und wozu er in der Welt lebt. Solchen Glauben hatten und haben alle vernünftigen Menschen.

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WORIN BESTEHT DER WAHRE GLAUBE?

Um ein gutes Leben zu führen, muß man verstehen, was Leben ist, was man im Leben tun, und was man lassen muß. Das haben zu allen Zeiten die weisen und besten Männer aller Völker gelehrt. Die Lehren dieser weisen Männer laufen in der Hauptsache auf eins hinaus. Dieses Eine besteht in der Erklärung des Lebens und der Aufklärung darüber, wie man es hinbringen muß. Das ist der wahre Glaube.

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Was ist diese ganze unendliche Welt, von deren Anfang und Ende ich nichts weiß; was ist mein Leben in ihr, und wie muß ich dieses Leben hinbringen?

Nur der Glaube antwortet auf diese Fragen.

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Der wahre Glaube besteht in der Kenntnis des höchsten, alle Menschensatzung überragenden Gebotes, das für alle eins ist.

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Vielleicht gibt es viele falsche Religionen, wahre gibt es aber nur eine.

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Wenn du an deinem Glauben zweifelst, ist er schon kein Glaube mehr. Der Glaube ist nur dann Glaube, wenn dir nicht einmal der Gedanke kommt, das, was du glaubst, könnte unwahr sein.

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Es gibt zwei Glauben: erstens den an die Richtigkeit dessen, was die Menschen sagen – das ist der Glaube an einen oder mehrere Menschen. Solcher Glauben gibt es viele. Zweitens den an die Abhängigkeit von Dem, Der mich in die Welt gesandt hat. Das ist der Glaube an Gott, und der ist für alle Menschen derselbe.

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DIE WAHRE GLAUBENSLEHRE IST STETS KLAR UND EINFACH

Glauben heißt dem vertrauen, was uns offenbart wird, ohne zu fragen, warum das so ist und was daraus folgt. Das ist der wahre Glaube. Er zeigt uns, wer wir sind und was wir deswegen tun müssen, sagt aber nichts darüber, was daraus folgt.

Wenn ich an Gott glaube, habe ich nicht danach zu fragen, was aus meinem Gottesglauben folgt; denn ich weiß, daß Gott die Liebe ist und daß aus der Liebe nur Gutes folgen kann.

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Das wahre Lebensgesetz ist so einfach, klar und verständlich, daß man sein schlechtes Leben nicht damit rechtfertigen kann, man habe keine Kenntnis dieses Gesetzes. Wer dem wahren Lebensgesetz zuwider lebt, dem bleibt nur eins übrig: auf die Vernunft zu verzichten. Das geschieht denn auch.

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Da heißt es, die Erfüllung der Gebote Gottes sei schwer. Das ist nicht wahr. Die Gebote verlangen von uns nur Liebe zum Nächsten. Liebe ist aber nicht schwer, sondern ein frohes Werk.

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Wenn jemand den wahren Glauben kennen lernt, so geschieht mit ihm dasselbe wie mit dem, der in einem dunklen Zimmer Licht anzündet. Alles wird hell und Frohsinn zieht ins Herz hinein.

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DER WAHRE GLAUBE BESTEHT IN DER LIEBE ZU GOTT UND DEM NÄCHSTEN

„Liebet einander, wie ich euch geliebet habe, so werden alle erfahren, daß ihr meine Schüler seid, wenn ihr die Liebe zueinander habt,“ hat Christus gesagt. Er sagte nicht: Wenn ihr dieses oder jenes glaubt, sondern wenn ihr liebt. Der Glaube kann bei verschiedenen Menschen zu verschiedenen Zeiten verschieden sein; die Liebe aber ist stets und bei allen dieselbe.

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Die wahre Religion besteht in einem: Liebe zu allen Lebenden.

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Die Liebe bringt den Menschen Heil, weil sie diese mit Gott vereinigt.

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Christus hat den Menschen geoffenbart, daß das Ewige nicht das Zukünftige ist, sondern daß es jetzt in diesem Leben unsichtbar in uns lebt; daß wir ewig werden, wenn wir uns mit dem Geiste Gottes vereinigen, in dem alles lebt und sich bewegt. Diese Ewigkeit erreichen wir nur durch Liebe.

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DER GLAUBE LENKT UNSER LEBEN

Nur der kennt das Lebensgesetz, der es befolgt.

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Jeder Glaube ist nur die Antwort auf die Frage: wie muß ich – nicht vor Menschen, sondern vor Dem leben, Der mich in die Welt gesandt hat.

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Beim wahren Glauben ist nicht wichtig, über Gott, die Seele und das, was war und sein wird, gut zu urteilen, sondern nur: genau zu wissen, was man in diesem Leben tun und lassen muß.

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Wenn jemand ein schlechtes Leben führt, rührt das nur daher, daß er keinen Glauben hat. Das kommt auch bei ganzen Völkern vor. Wenn ein Volk ein schlechtes Leben führt, rührt das daher, daß das Volk den Glauben verloren hat.

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Das Leben der Menschen ist nur insofern gut oder schlecht, wie sie das wahre Lebensgesetz auffassen. Je klarer und bewußter das geschieht, um so besser ist ihr Leben, und je verworrener man den Sinn des Lebensgesetzes auffaßt, um so schlechter ist das Leben.

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Um aus dem Schmutz der Sünde, der Sittenverderbnis und des Jammerlebens, das man jetzt führt, herauszukommen, ist nur eins erforderlich: ein Glaube, in dem die Menschen nicht, wie jetzt, jeder für sich, sondern alle gemeinsam leben, sich zu einem Gebot und einem Lebensziel bekennen. Nur dann können die Menschen beim Beten der Worte: „Dein Reich komme auf Erden wie im Himmel“ hoffen, daß Gottes Reich wirklich auf Erden kommt.

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Wenn eine Religion lehrt, man müsse dem ewigen Leben zulieb auf dieses Leben verzichten, so ist das eine falsche Religion. Man kann nicht dem ewigen Leben zulieb auf dieses Leben verzichten, weil das ewige Leben schon in diesem enthalten ist.

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Je stärker der Glaube jemandes ist, um so bestimmter ist sein Leben. Ein Leben ohne Glauben ist das Leben eines Tieres.

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FALSCHER GLAUBE

Das Lebensgesetz: Gott und seinen Nächsten lieben, ist einfach und klar – jeder, der zur Vernunft kommt, empfindet es in seinem Innern. Wenn es also keine Irrlehren gäbe, würden alle Menschen dieses Gesetz befolgen, und das Himmelreich herrschte auf Erden.

Falsche Propheten haben aber überall und stets die Menschen gelehrt, für Gottes Gebot zu halten, was nicht Gottes Gebot ist. Und man hat den falschen Lehren geglaubt und sich vom wahren Lebensgesetz und der Erfüllung der wahren Gebote entfernt, und so ist das Leben immer schwerer und unglücklicher geworden.

Man muß keiner Lehre glauben, die nicht zur Liebe zu Gott und zum Nächsten führt.

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Man muß nicht glauben, eine Religion sei deswegen wahr, weil sie alt ist. Im Gegenteil, je länger die Menschen leben, um so klarer wird ihnen das wahre Lebensgesetz. Die Annahme, wir in unserer Zeit müßten dasselbe glauben wie unsere Väter und Großväter, ist gerade so wie die, dem erwachsenen Manne müsse die Kinderkleidung passen.

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Wir grämen uns darüber, daß wir den Glauben unserer Väter nicht mehr besitzen. Darüber müssen wir uns nicht grämen, sondern uns bemühen, in uns einen Glauben zu erwecken, dem wir ebenso fest anhängen, wie unsere Väter dem ihrigen.

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Um den wahren Glauben zu erlangen, muß man vor allem eine Zeitlang dem Glauben entsagen, dem man blindlings ergeben war, und mit der Vernunft alles prüfen, was einem von klein auf gelehrt ist.

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Lebte einst ein Arbeiter in einer Stadt. Der wurde mit seiner Arbeit fertig und ging nach Hause. Auf dem Heimwege begegnete ihm ein Wanderer. Der sagte: „Laß uns zusammen gehen; ich habe denselben Weg und kenne ihn gut.“ Der Arbeiter glaubte dem Fremden und sie gingen zusammen.

Gingen eine, zwei Stunden; dem Arbeiter kommt es vor, als wenn der Weg nicht derselbe sei, den er in die Stadt gegangen. Er sagt: „Ich erinnere mich, das ist nicht der richtige Weg.“ Der Fremde aber erwidert: „Es ist der richtige, kürzeste Weg. Glaub mir, ich kenne ihn gut.“ Der Arbeiter hört auf ihn und folgt ihm. Je weiter man geht, um so schlechter und schwieriger wird der Weg. Der Arbeiter verbrauchte und verzehrte seinen ganzen Verdienst und war noch immer nicht zu Hause. Je weiter er aber ging, um so fester wurde sein Glaube, und schließlich war er selbst überzeugt, es sei der richtige Weg. Er war deswegen überzeugt, weil er nicht umkehren wollte, sondern immer hoffte, auch auf diesem Wege zum Ziel zu kommen. So kam der Arbeiter weit, weit vom Hause ab und litt große Not. So geht es denen, die nicht auf die Stimme in ihrem Innern hören, sondern an das glauben, was Fremde über Gott und Sein Gebot sagen.

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Schlimm ist, daß die Menschen Gott nicht kennen; das Schlimmste aber, daß sie für Gott halten, was nicht Gott ist.

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ÜBER ÄUßERE GOTTESVEREHRUNG

Der wahre Glaube besteht darin, an ein einziges Gebot zu glauben, das für alle Menschen maßgebend ist.

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Wahrer Glaube zieht stets nur in der Einsamkeit und Stille ins Herz.

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Der richtige Glaube besteht darin, stets ein gutes Leben in Liebe zu allen zu führen; gegen die Nächsten so zu handeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Darin besteht der wahre Glaube. Diesen haben stets alle Weisen und Heiligen aller Völker gelehrt.

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Jesus sagte zu den Samaritern nicht: Gebt euren Glauben und eure Überlieferungen auf und nehmt den jüdischen Glauben an. Er sagte zu den Juden nicht: Vereinigt euch mit den Samaritern. Sondern er sagte diesen wie jenen: Ihr seid beide übel beraten. Wichtig ist nicht Garizim oder Jerusalem – es kommt eine Zeit, sie ist schon nahe, wo man den Vater nicht in Garizim, nicht in Jerusalem anbetet, sondern wo die wahrhaft Frommen den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten, denn solche Anhänger sucht der Vater.

Solche Anhänger suchte Jesus zur Zeit Jerusalems. Er sucht sie noch jetzt.

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Ein Herr hatte einen Arbeiter. Der wohnte in einem Hause mit dem Herrn und sah ihn häufig am Tage. Der Arbeiter arbeitete immer weniger und wurde schließlich so faul, daß er gar nichts mehr tat. Der Herr sah das mit an, sagte aber nichts, sondern wandte sich nur ab, wenn jener ihm begegnete. Der Arbeiter sah, daß der Herr unzufrieden mit ihm war und wollte sich bei ihm einschmeicheln, ohne zu arbeiten. Er ging zu den Bekannten und Freunden des Herrn und bat sie, dafür zu sorgen, daß der Herr ihm nicht böse sei. Der Herr erfuhr das, rief den Arbeiter zu sich und sagte: Warum bittest du andere, Fürsprache für dich einzulegen? Du bist ja stets in meiner Nähe, kannst mir selbst sagen, was du nötig hast. Der Arbeiter wußte nichts zu erwidern und ging fort. Jetzt ersann er etwas anderes: sammelte Eier, die dem Herrn gehörten, nahm dazu die Henne und brachte alles dem Herrn als Geschenk dar, damit dieser ihm nicht zürnte. Da sagte der Herr: „Erst bittest du meine Freunde um Fürsprache, obwohl du selbst mit mir sprechen kannst. Jetzt kommst du auf den Gedanken, mich durch Geschenke zu gewinnen. Alles, was du da hast, ist mein Eigentum. Aber selbst wenn du mir deine eigenen Gaben brächtest – ich brauche deine Geschenke nicht.“ Jetzt kam der Arbeiter auf einen dritten Einfall: Er verfaßte ein Gedicht zum Ruhme des Herrn, begab sich unter sein Fenster, ging dort auf und ab, deklamierte und sang laut das Gedicht, nannte den Herren groß, allgegenwärtig, allmächtig, Vater, Gnadenbringer und Wohltäter. Da rief der Herr den Arbeiter wieder zu sich und sagte: „Erst wolltest du mir durch andere gefällig sein; dann beschenktest du mich mit meinem Eigentum; jetzt bist du auf einen noch sonderbareren Einfall gekommen; schreist und singst, ich sei der und der – dabei kennst du mich gar nicht und willst mich nicht kennen. Ich brauche weder die Fürsprache anderer für dich, noch deine Geschenke, noch dein Lob, das Lob Dessen, Den du nicht kennen kannst. Ich brauche nur deine Arbeit.“

Gott braucht nur unsere guten Werke.

Darin liegt das ganze Gesetz.

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DER BEGRIFF DER BELOHNUNG FÜR EIN GUTES LEBEN IST MIT DEM WAHREN GLAUBEN UNVEREINBAR

Wenn jemand nur deswegen an seinem Glauben festhält, weil er in Zukunft alle möglichen äußeren Wohltaten dafür erwartet, so ist das kein Glaube, sondern Berechnung, und diese ist stets unsicher. Sie ist deswegen unsicher, weil der wahre Glaube nur in der Gegenwart Glück gibt, äußeren Lohn in der Zukunft aber nicht gibt und nicht geben kann.

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Jemand wollte sich als Arbeiter verdingen. Und fand zwei Stellenvermittler. Er sagte ihnen, daß er Arbeit suchte. Da wollten beide Vermittler ihn haben, jeder für seinen Herrn. Der eine sagte: „Komm zu meinem. Die Stelle ist gut. Allerdings, wenn du nicht parierst, fliegst du ins Loch und bekommst Prügel; wenn du aber deine Pflicht tust, gibt es kein besseres Leben. Wenn du mit der Arbeit fertig bist, kannst du müßiggehen, hast jeden Tag Gäste, Wein, Süßigkeiten, Ausfahrten. Mußt ihm nur dienen. Dann führst du ein Leben, wie du es dir nicht besser wünschen kannst.“ So lockte der eine Vermittler den Arbeiter zu sich.

Der andere forderte ihn ebenfalls auf, zu seinem Herrn zu kommen, sagte aber nichts darüber, wie der Herr den Arbeiter lohnen würde; konnte nicht einmal angeben, wie und wo die Arbeiter wohnten, und ob ihre Arbeit schwer oder leicht sei; er konnte nur sagen: der Herr sei gut, er bestrafe niemanden und wohne selbst bei den Arbeitern.

Da dachte der Mensch, der Arbeit suchte, über den ersten Herrn: Er verspricht doch eigentlich reichlich viel. Wenn die Sache mit rechten Dingen zugeht, kann man nicht so viel versprechen. Läßt man sich durch das üppige Leben verlocken, so stellt es sich hinterher womöglich als sehr kümmerlich heraus. Der Herr muß auch böse sein, weil er diejenigen strenge bestraft, die nicht seinen Willen tun. Ich werde lieber zum zweiten gehen; der verspricht nichts, soll aber gut sein und wohnt selbst bei den Arbeitern.

So ist es mit den Religionen. Die einen Lehrer suchen die Menschen dadurch zu einem guten Leben zu bewegen, daß sie sie durch Strafen erschrecken und ihnen Lohn in jener Welt in Aussicht stellen, wo noch niemand war. Die anderen Lehrer lehren nur, daß der Anfang alles Lebens, die Liebe, in den Seelen der Menschen wohnt und daß der wohl fährt, der ihr folgt.

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Wer Gott um ewigen Lohn dient, dient sich selbst und nicht Gott.

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Der Hauptunterschied zwischen wahrem und falschem Glauben ist der, daß man beim falschen Glauben den Wunsch hat, Gott möchte einem wegen seiner Opfer und Gebete gefällig sein. Beim wahren Glauben wünscht der Mensch dagegen nur zu lernen, wie man Gott gefällig ist.

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DIE VERNUNFT PRÜFT DEN GLAUBEN

Um den wahren Glauben kennen zu lernen, muß man die Vernunft nicht betäuben, sondern sie im Gegenteil läutern und anspannen, um mit ihr zu prüfen, was die Religionslehrer lehren.

Nicht durch Vernunft gelangen wir zum Glauben. Aber die Vernunft ist notwendig, um den Glauben zu prüfen, in dem man uns unterweist.

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Trag keine Bedenken, alles überflüssige, körperliche, Sichtbare, Fühlbare aus deiner Religion zu verwerfen, und ebenso alles Dunkle, Unklare: je mehr du den geistigen Kern herausschälst, um so deutlicher erkennst du das wahre Lebensgesetz.

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Nicht der ist ungläubig, der nicht glaubt, was alle Menschen in seiner Umgebung glauben, sondern der, der denkt und sagt, er glaube etwas, in Wirklichkeit aber nicht daran glaubt.

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DAS RELIGIÖSE BEWUßTSEIN DER MENSCHEN WIRD IMMER VOLLKOMMENER

Wir müssen die Lehren alter Weiser und Heiliger benutzen; wir müssen aber selbst mit unserer Vernunft untersuchen, was sie uns lehren: Das annehmen, was mit ihr übereinstimmt, und das andere verwerfen.

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Wenn jemand, um an Gottes Gebot nicht irre zu werden, sich nicht entschließen kann, von einem einmal angenommenen Glauben wieder abzugehen, so handelt er wie jemand, der, um nicht irre zu gehen, sich mit einem Strick an eine Säule bindet.

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Wunderbar, daß die meisten Menschen fest an alte Lehren glauben, die gar nicht mehr in unsere Zeit passen, alle neuen Lehren aber für überflüssig halten und verwerfen. Diese Leute vergessen, daß, wenn Gott den Alten Seine Wahrheit geoffenbart hat, Er sie ebenso denen offenbaren kann, die kürzlich lebten und jetzt leben.

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Das Lebensgesetz kann keine Änderung erfahren; die Menschen können es aber immer klarer und klarer erfassen und lernen, wie es zu erfüllen ist.

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Eine Religion ist nicht deswegen wahr, weil Heilige sie verkünden, sondern die Heiligen verkündigen sie, weil sie wahr ist.

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Wenn Regenwasser aus der Dachrinne träufelt, kommt es uns vor, als wenn es aus der Rinne fließt. Dabei fällt das Wasser vom Himmel. Ebenso ist es mit den Lehren der Heiligen und Weisen: es kommt uns vor, als gingen die Lehren von ihnen aus; sie kommen aber von Gott.

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Gott

Außer allem Körperlichen an uns und in der ganzen Welt kennen wir noch etwas Unkörperliches, das unserem Körper Leben gibt und mit ihm verbunden ist. Dieses Körperlose, das mit unserem Körper verbunden ist , nennen wir Seele. Das selbe Körperlose, sofern es mit nichts verbunden ist und allem Leben gibt, nennen wir Got t.

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DER MENSCH ERKENNT GOTT IN SICH

Die Grundlage jedes Glaubens besteht darin, daß außer dem, was wir in unserem Körper und in dem anderer Wesen sehen und fühlen, noch etwas Unsichtbares, Körperloses existiert, das uns und allem Sichtbaren und Körperlichen Leben gibt.

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Ich weiß, daß in mir etwas ist, ohne das nichts wäre. Das ist dasjenige, was ich Gott nenne.

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Jeder Mensch, der darüber nachdenkt, was er ist, muß bemerken, daß er nicht das Ganze, sondern ein besonderer, einzelner Teil von etwas ist. Wer das begriffen hat, glaubt gewöhnlich, dieses Etwas, von dem er ein Teil ist, sei die materielle Welt, die er sieht, die Erde, auf der er lebt und seine Vorfahren lebten; der Himmel, die Sterne, die Sonne, die er sieht.

Sobald man aber tiefer hierüber nachdenkt, oder sich klar wird, wie die Weltweisen darüber denken, kommt man dahinter, daß dieses Etwas, von dem man sich als ein Teilchen fühlt, nicht die materielle Welt ist, die sich ohne Grenzen nach allen Seiten im Raum und ebenso ohne Grenzen in der Zeit erstreckt – sondern etwas anderes. Wer hierüber tiefer nachdenkt und sich klar wird, wie Weltweise hierüber gedacht haben, der begreift, daß die materielle Welt, die nie begonnen hat und nie endet, und die gar kein Ende haben kann, nicht etwas Wirkliches, sondern nur unser Traum ist, und daß deshalb auch jenes Etwas, als dessen Teilchen wir uns fühlen, weder Anfang noch Ende im Raum und in der Zeit hat, sondern immateriell, geistig ist.

Eben dieses Geistige, das der Mensch als seinen Ursprung bezeichnet, ist dasjenige, was alle Weisen Gott nannten und nennen.

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Erkennen kann man Gott nur in sich. Solange man Ihn nicht in sich findet, findet man Ihn nirgends.

Es gibt keinen Gott für den, der Ihn nicht in sich kennt.

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Ich kenne in mir ein von allem getrenntes geistiges Wesen. Ebensolches von allem getrenntes geistiges Wesen kenne ich auch in anderen Menschen. Wenn ich dieses geistige Wesen aber in mir und in anderen kenne, muß es unbedingt auch an und für sich existieren. Dieses an und für sich existierende Wesen nennen wir Gott.

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Nicht du lebst: was du dein Ich nennst, ist tot. Was dich belebt, ist Gott.

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Glaub' nicht, Gott durch Werke zu dienen; vor Gott sind alle Werke nichts. Nicht verdient machen muß man sich vor Gott, sondern Er sein.

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Wenn wir mit den Augen nicht sähen, mit den Ohren nicht hörten, mit den Händen nicht fühlten, wüßten wir nichts von unserer Umgebung. Wenn wir Gott in uns nicht kennten, würden wir uns selbst nicht kennen und in uns nicht Den, Der die Umwelt sieht, hört und fühlt.

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Wer nicht Gottes Sohn zu werden versteht, bleibt im Finstern.

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Wenn ich ein weltliches Leben führe, kann ich ohne Gott auskommen. Ich brauche aber nur darüber nachzudenken, woher ich bei der Geburt gekommen bin, und wohin ich im Tode gehe, so muß ich merken, daß ich von etwas gekommen bin und zu etwas gehe. Ich muß merken, daß ich von etwas mir Unbegreiflichem in diese Welt gekommen bin und zu etwas mir Unbegreiflichem gehe.

Dieses Unbegreifliche, von dem ich gekommen bin und zu dem ich gehe – nenne ich Gott.

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Man sagt, Gott ist die Liebe, oder die Liebe ist Gott. Man sagt auch, Gott sei die Vernunft, oder die Vernunft sei Gott. Alles das ist nicht ganz richtig. Liebe und Vernunft sind die Eigenschaften Gottes, die wir in uns kennen; was Er an und für sich ist, können wir nicht wissen.

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Gott fürchten ist gut; besser, Ihn lieben. Das Allerbeste aber: Ihn in sich zum Leben erwecken.

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Der Mensch bedarf der Liebe. Richtig lieben kann aber nur der, in dem nichts Schlechtes ist. Deswegen muß es etwas geben, woran nichts Schlechtes ist. Solches Wesen ohne alles Schlechte gibt es nur eins: Gott.

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Wenn nicht Gott sich selbst in dir geliebt hätte, könntest du nie weder dich noch Gott noch deinen Nächsten lieben.

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Wenngleich die Menschen bisweilen verschieden über Gottes Wesen urteilen, wissen doch alle, die fest an Gott glauben, stets, was Gott von ihnen will.

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Gott liebt die Einsamkeit. Er zieht nur dann in dein Herz, wenn Er allein in ihm ist, wenn du nur an Ihn allein denkst.

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Es existiert folgende arabische Erzählung: Als Moses in der Wüste umherzog, hörte er, wie ein Hirt zu Gott betete. Der Hirt betete so: „O Herr, wie gelange ich zu Dir und werde Dein Knecht! Wie gern würde ich Dir Schuhe anziehen, Deine Füße waschen und küssen, Dein Haar kämmen, Deine Kleider reinigen, Deine Wohnung aufräumen und Dir Milch von meiner Herde darbringen! Mein Herz sehnt sich nach Dir.“

Als Moses solche Worte hörte, wurde er böse auf den Hirten und sagte: „Du bist ein Gotteslästerer. Gott hat keinen Körper – Er braucht weder Kleidung noch Wohnung, noch Dienerschaft. Du redest übel.“

Da wurde der Hirt traurig. Ohne Körper und leibliche Bedürfnisse konnte er sich Gott nicht vorstellen; konnte nun nicht mehr zu Ihm beten und Ihm dienen und geriet in Verzweiflung. Da sagte Gott zu Moses: „Warum hast du Mir meinen getreuen Knecht entfremdet? Jeder Mensch hat seine eigenen Gedanken und Worte, was für den einen schlecht, ist für den andern gut; was für dich Gift, ist dem andern süßer Honigseim. Worte bedeuten gar nichts. Ich sehe denen, die sich an mich wenden, ins Herz.“

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Die Menschen sprechen verschieden über Gott, fühlen und verstehen Ihn aber alle gleich.

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Der Mensch muß an Gott glauben, wie er auf zwei Beinen gehen muß. Dieser Glaube kann sich ändern, kann ganz erstickt werden; der Mensch kann aber ohne Ihn sich selbst nicht verstehen.

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Wenn jemand noch nicht weiß, daß er Luft einatmet, weiß er doch, daß, wenn er erstickt, ihm etwas fehlt, ohne das er nicht leben kann. Dasselbe ist mit dem der Fall, der Gott verliert, wenn er auch nicht weiß, worunter er leidet.

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EIN VERNÜNFTIGER MENSCH MUß AN GOTT GLAUBEN

Die Leute sagen, Gott lebt im Himmel. Sie sagen auch, Er lebe im Menschen. Beides ist richtig. Er lebt sowohl im Himmel, d. h. in der unendlichen Welt, wie in der Seele des Menschen.

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In seinem abgesonderten Körper ein geistiges ungeteiltes Wesen – Gott wahrnehmend und denselben Gott in allem Lebenden erblickend, fragt sich der Mensch: warum hat Gott das geistige, einheitliche, unteilbare Wesen, nämlich Sich in getrennte Körper, in mich und andere Wesen eingeschlossen? Weshalb hat ein geistiges einheitliches Wesen sich gleichsam in sich selbst geteilt? Warum ist das Geistige, Unteilbare geteilt und körperlich geworden? Warum hat das Unsterbliche Sterblichem sich vereint?

Die Antwort hierauf kennt nur derjenige, der den Willen Dessen erfüllt, der ihn ins Leben gesandt hat.

„Das geschieht zu meinem Heil“, sagte der Betreffende. „Ich bin dafür dankbar und frage nicht weiter.“

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Das, was wir Gott nennen, sehen wir am Himmel und in jedem Menschen.

Da blickt man im Winter nachts zum Himmel auf, sieht die Sterne, Sterne über Sterne ohne Ende. Und wenn man dann bedenkt, daß jeder von diesen Sternen viel, vielmal größer ist als die Erde, auf der wir leben, und daß hinter den Sternen, die wir sehen, noch Hunderte, Tausende, Millionen ebensolcher und noch größerer Sterne sind, und daß weder Sterne noch Himmel ein Ende haben – so begreift man, daß es etwas gibt, was wir nicht erfassen können.

Wenn wir aber in unser Inneres blicken und das sehen, was wir unser Ich, unsere Seele nennen, etwas, was wir ebenfalls nicht zu begreifen vermögen, dabei aber besser als alles andere kennen, und durch das wir alles Existierende erkennen –: so sehen wir in unserem Inneren etwas noch Verständlicheres und Größeres als das, was wir am Himmel wahrnehmen.

Ebendas, was wir am Himmel sehen und das, was wir in uns in unserer Seele erkennen, nennen wir Gott.

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Zu allen Zeiten, bei allen Völkern hat der Glaube an eine unsichtbare Macht gelebt, die die Welt erhält.

Die Alten nannten diese Macht: Weltvernunft, Natur, Leben, Ewigkeit; Christen nennen sie: Geist, Vater, Herr, Vernunft, Wahrheit.

Die sichtbare, veränderliche Welt ist gleichsam der Schatten dieser Macht.

Wie Gott ewig ist, ist es auch die sichtbare Welt – Sein Schatten. Sie ist aber nur ein Schatten. Wirklich existierend ist nur die unsichtbare Macht: Gott.

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Es gibt ein Wesen, ohne das weder Himmel noch Erde wäre. Dieses Wesen ist ruhig, körperlos; seine Eigenschäften heißen: Liebe, Vernunft, das Wesen selbst hat keinen Namen, es ist das Allerentfernteste und Nächste.

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