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Dieser neue Ratgeber ist die perfekte Hilfestellung für alle, die das Mammutprojekt Promotion vor sich haben. Promovierende müssen heute den Anforderungen eines verschulten Wissenschaftsbetriebes genügen, ohne die hohen Ansprüche an wissenschaftliches Arbeiten aufzugeben. Sie wollen zügig vorankommen und zugleich den Überblick behalten. Das Schreiben der Dissertation erfordert eine strukturierte Planung und Durchhaltevermögen. Und vor allem ein Selbstbewusstsein, das sich durch die allfälligen Probleme auf dem Weg zur Promotion nicht aus der Ruhe bringen lässt. Wie findet man sein Thema, wie wählt man eine Betreuer*in? Wie findet man durch den Literaturdschungel? Wie verhält man sich, wenn die Betreuungsperson ihren Verpflichtungen nicht nachkommt? Wie arbeitet man effizient? Wie motiviert man sich zum Schreiben eines großen Textes? Stephan Schmauke berät seit vielen Jahren angehende Doktorandinnen und Doktoranden. Er weiß, wie sich Orientierungslosigkeit und Panik vermeiden lassen und wie das Ziel, der Doktortitel, mit Struktur und Gelassenheit erreicht wird.
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Seitenzahl: 250
Veröffentlichungsjahr: 2021
Stephan Schmauke
DER WEG ZURPROMOTION
STRUKTURIERT UND GELASSEN ZUM DOKTORTITEL
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
ISBN 978-3-8012-7025-4 (E-Book)
ISBN 978-3-8012-0585-0 (Printausgabe)
Copyright © 2021
by Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH
Dreizehnmorgenweg 24, 53175 Bonn
Umschlag: Birgit Sell, Köln
Typographie & Satz: Ralf Schnarrenberger, Hamburg
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, 2021
Alle Rechte vorbehalten
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Einleitung
Die Organisation der Promotion
Eine Entscheidung treffen!
Gründe für und gegen eine Promotion
Themen- und Betreuerinnenwahl
Kontaktaufnahme
Strukturierte Promotion oder Individualpromotion?
Ein Exposé schreiben
Die Geschichte von der verschwundenen Promotionsordnung
Finanzplanung
Beschäftigungsverhältnisse an der Universität oder an einem Forschungsinstitut
Stipendien
Die Rezeptionsphase der Promotion
Literaturbeschaffung
Das Schneeballprinzip
Online-Recherche
Lektüretechniken
Literatur »verwalten«
Vorschlag 1: Das »handwerkliche« Literaturverzeichnis
Vorschlag 2: Das »maschinelle« Literaturverzeichnis
Die Produktionsphase der Promotion
Welcher Wissenschaftstyp bin ich?
Der Anspruch
Die Methode
Der normative Background
Dem Schreiben ein Gerüst geben: Die Gliederung
Die Medien des Schreibens
Stilkritik
Technisches Equipment
Schreibhemmungen und Creative Writing
Auf dem Weg zur Endfassung: Die Struktur eines wissenschaftlichen Textes
Die »große Korrektur«
Der Endspurt
Die Probleme der Promotion
Professorinnentypen – und wie man ihnen begegnet
Die Vielbeschäftigte
Die Gelehrte
Die Koryphäe
Die Wortmetze
Die Pflaume
Die Försterin
Zeitvernichtung – oder: Wie strukturiere ich mein Leben?
Dem Zeitplan hinterherhinken
Motivationsprobleme
Prokrastination und (Selbst-)Zweifel
Promotionsabbruch
Überarbeitung – Burnout
Mehr Selbstbewusstsein!
Probleme akademischer Randgruppen
Frauen
Arbeiterkinder
Ausländerinnen
Die Geschichte der Promotion
Die Organisation der Gelehrsamkeit
Die Grade der Gelehrsamkeit
Heroes and Villains – Aufstieg und Fall des Doktortitels
Vom Gründungsboom zum Universitätssterben und preußischen Reformen
Die Entstehung der Habilitation, der Verfall der Examenskultur und die mühsame Öffnung der Universitäten
Von Bologna zum Bologna-Prozess
Schluss
Anhang
Stichworte
Namen
Bildnachweis
Über den Autor
Die Idee zu diesem Buch stammt aus meiner Arbeit mit Promotionsstipendiatinnen eines der 13 Begabtenförderungswerke der Bundesrepublik Deutschland. In Seminaren mit durchschnittlich 20 bis 30 Teilnehmerinnen stellen die Promovierenden ihre Promotionsprojekte einer kleineren Gruppe von maximal acht Teilnehmerinnen vor, worauf diese Projekte, begleitet von einem Tutor oder einer Tutorin, diskutiert werden. Die in diesen Gruppen vertretenen Fächer sind heterogen. Zwar berücksichtigen wir bei der Kleingruppenzusammenstellung fachliche Affinitäten, soweit das geht, doch lässt es sich aus logistischen Gründen nicht immer vermeiden, dass die Fächerverteilung manchmal seltsame Konstellationen mit sich bringt. So kann es durchaus passieren, dass eine Juristin ihr Projekt einem Auditorium vorstellt, das aus Kunsthistorikerinnen, Mathematikerinnen, Historikerinnen und Geologinnen zusammengesetzt ist. Was von uns anfangs als notwendiges Übel angesehen wurde, hat sich aber im Verlauf von ein paar Veranstaltungen als segensreich herausgestellt: Zum einen haben Promovierende sonst nur sehr selten die Gelegenheit, ihre Dissertationsprojekte einem fachfremden Publikum vorstellen zu können. In den üblichen Promotionskolloquien bleibt man so gut wie immer unter seinesgleichen; für Fachkongresse gilt dasselbe. Das ist bedauerlich, weil es für die wissenschaftliche Arbeit ungemein produktiv sein kann, wenn man genötigt wird, sie für das Verständnis von Akademikerinnen anderer Disziplinen herunter zu brechen. Zum anderen machen viele Teilnehmerinnen auf unseren Seminaren die Erfahrung, dass bestimmte Schwierigkeiten, mit denen ihr persönliches Dissertationsprojekt konfrontiert ist, Allgemeingut aller Promovierenden sind. Bestimmte Probleme betreffen nämlich nicht nur Juristinnen oder Mathematikerinnen (auf je eigene Weise), sondern alle, die versuchen, an einer deutschen Hochschule den Doktortitel zu erwerben.
Zum Sprachgebrauch eine Anmerkung: Historisch korrekt müsste man sagen: promoviert werden (siehe auch das Kapitel »Die Geschichte der Promotion« in diesem Band). In Anlehnung an den alltäglichen Sprachgebrauch benutze ich hier jedoch die aktive Form (promovieren) gleichberechtigt neben der passiven (promoviert werden).
Einige Fragenkomplexe verdichteten sich in unserer Wahrnehmung zu Dauerbrennern, weshalb wir ein weiteres Seminarformat für die Promotionsstipendiatinnen konzipierten: Die »Strukturwerkstatt«, die ich zusammen mit meinem Kollegen Rainer Fattmann leite. Sie richtet sich an fortgeschrittene Promovierende und thematisiert explizit die Probleme, Krisen und Katastrophen, die in drei und mehr Jahren des Arbeitens an einer Dissertation zusammenkommen können – natürlich nebst den Strategien, diese Probleme zu umschiffen, Krisen auszukurieren und sich auch von Katastrophen nicht anfechten zu lassen. Zu diesen Dauerbrennerfragen gehören: Wie organisiere ich mein Zeitbudget? Wie bringe ich Struktur in meine Dissertation? Wie reagiere ich angemessen auf Schwierigkeiten in der Betreuungssituation?
Den Ausschlag, ein Buch über dieses Thema zu verfassen, gab dann eine Sichtung der vorhandenen Ratgeberliteratur. Promotionsratgeber sind ja nicht gerade rar gesät; von der reich mit Stockfotos bebilderten Broschüre (bebrillte Studentin hält sich an Kaffeebecher fest, Text: »Wie fühlt es sich an, sich für drei Jahre festzulegen?«) bis zur 400-seitigen Bleiwüste gibt es alles, was das Promovierendenherz zu begehren scheint. Was fehlt, ist ein Promotionsratgeber, der sein Problembewusstsein aus eigener Erfahrung, aus der Arbeit mit aktuell Promovierenden bezieht und in seinem Orientierungsanspruch über die bloße Informationsvermittlung hinausgeht (wenden Sie sich bei psychischen Problemen an Ihren Psychiater. Hier eine Adressenliste …).
Klar war aber auch, dass das Buch nicht nur bereits promovierende Leserinnen ansprechen sollte, sondern auch Fragen erörtern muss, die sich schon vor dem Entschluss zu promovieren stellen. Fragen wie: Warum sollte ich mich für (oder gegen) eine Promotion entscheiden? Welche Schritte sind zu tun, wenn die Entscheidung für eine Promotion gefallen ist? Was ist zu beachten, wenn es um die Finanzierung der Promotion geht? Aus diesem Grunde beginnt der Text mit dem Kapitel zum Thema »Organisation«.
Dem ersten Kapitel, das organisatorischen Fragen gewidmet ist, folgen dann jene Abschnitte, in die am meisten von meiner Arbeit mit den Promotionsstipendiatinnen eingeflossen ist. Kapitel 2 bis 4 befassen sich mit den Themen »Literaturrecherche«, »wissenschaftliches Schreiben« und »Problembewältigungsstrategien«. Die Hauptintention meines Schreibens ist dabei immer, ein Gefühl dafür zu wecken, dass es neben dem berechtigten Bedürfnis, effizient und erfolgreich zu promovieren, noch etwas anderes gibt: nämlich mit der Promotion etwas Sinnvolles zu leisten, das sich kaum in ökonomischen Kategorien messen lässt. (Ob man diesen nicht geldwerten »Gewinn« nun mit Aristoteles »nous«, mit Hegel »Geist«, mit Humboldt »Bildung« oder mit Bourdieu »kulturelles Kapital« nennen will, braucht hier ja gar nicht entschieden zu werden.)
Aus meiner Sicht gehört zur Promotion ein reflektiertes Verhältnis zur Tätigkeit des Promovierens. Deswegen finden Sie in diesem Buch auch einen historischen Abschnitt zur Geschichte der Universitäten und der Universitätsabschlüsse. (Aus welcher wissenschaftlichen Tradition stammt die Promotion? Wann wurde der erste Mensch promoviert? Wie veränderte sich im Lauf der Universitätsgeschichte der Stellenwert der Promotion?) Wer sich damit intensiver befassen möchte, dem empfehle ich Hartmut Boockmann: Wissen und Widerstand. Geschichte der deutschen Universität, Berlin 1999, ein Buch, aus dem ich vor allem über die mittelalterliche Universitätsgeschichte viel gelernt habe. Des Weiteren finden Sie (im Kapitel zum Schreiben der Dissertation) einen Abschnitt, der ein paar Stichworte geben möchte, um Ihnen den Versuch zu erleichtern, Ihr eigenes wissenschaftliches Weltbild ein wenig klarer zu umreißen. (Was meine ich eigentlich damit, wenn ich einen »wissenschaftlichen Nachweis« für etwas erbringe?) Meiner bescheidenen Meinung nach sollten Sie sich nicht nur das Knowhow des Promovierens »draufschaffen«, sondern Sie sollten am Ende auch wissen, was Sie da eigentlich tun, wenn Sie promovieren.
Die Grundlage meines Schreibens ist, wie gesagt, die eigene Erfahrung – sowohl die Erfahrung, die darauf beruht, selbst einmal eine Dissertation geschrieben zu haben (mit allen emotionalen Höhen und Tiefen, die das mit sich brachte), als auch die Erfahrung mit der heutigen Generation Promovierender (die im Großen und Ganzen genau dieselben Probleme hat, wie ich sie vor 20 Jahren hatte. Bologna hat da keine neuen Probleme geschaffen, allenfalls ein gesteigertes Problembewusstsein). Erfahrung heißt das Zauberwort – und deswegen ist der hier gewählte Stil essayistisch, manchmal vielleicht salopp, aber er vermeidet den weihevollen Jargon von Ratgebern sowie einer wie auch immer gearteten Fachwissenschaft.
Und noch ein Wort zur Schreibweise: Da ich einerseits im Deutschen die sprachliche Unterrepräsentiertheit von Frauen als Problem ansehe (man redet von Professoren, meint aber damit Professoren und Professorinnen), andererseits aber alle üblichen Formen gendergerechter Schreibweise hässlich finde (Professor_in, ProfessorIn, Professor*in, Professor:in), habe ich mich für die generelle Verwendung des Femininums entschieden. Diese Formulierungen umfassen gleichermaßen weibliche, männliche und Transpersonen sowie alle, die binäre Zuschreibungen für sich ablehnen; alle sind damit selbstverständlich gleichberechtigt angesprochen. Die einzige Ausnahme ist das historische Kapitel, in dem es um die Geschichte der Universitäten geht, bei der es sich bis ins 20. Jahrhundert hinein um ausschließlich von Männern gebildete Organisationen handelt. Gerade dieser Umstand würde durch die generelle Verwendung des Femininums verwischt werden.
Ich danke allen, die mich bei der Planung, Ideenfindung und Abfassung dieses Buches unterstützt haben. Bei der Friedrich-Ebert-Stiftung: Roland Feicht, Jacob Hirsch, Kathrein Hölscher, Simone Stöhr und Markus Trömmer, ohne die dieses Buch weder entstanden noch gediehen wäre. Ganz besonders danke ich Ursula Bitzegeio, die mit ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrem geradezu übernatürlichen Sinn, die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt zusammenzubringen, die Initialzündung gegeben hat. Schlaubischlumpf! Natürlich habe ich mich auch bei den vielen Promotionsstipendiatinnen der FES zu bedanken, bei denen ich über etliche Jahre hinweg viel gelernt habe – nicht nur über die Leiden der jungen Promovierenden, sondern auch über wissenschaftliche Moden, Konjunkturen und generell über Fachdisziplinen, die mir als Philosophen früher nichts gesagt haben. Stellvertretend darf ich hier Felix Kollritsch, Aymar Koukoubou, Carla Lohmann und Mariam Muwanga nennen, die Liste würde sonst einfach viel zu lang werden. Besonders danke ich auch Rainer Fattmann, meinem Mitstreiter bei der Strukturwerkstatt und dem Menschen mit dem trockensten Humor, den man sich vorstellen kann, ich danke Diana Gohle, die die Figur der »Försterin« erfunden hat, und Peter Gohle, mit dem ich mich immer gerne über Materialismus beziehungsweise Postmaterialismus und über Musik streite, und natürlich danke ich Alexander Behrens vom Dietz-Verlag für sein feinfühliges Lektorat. Vor allem aber danke ich meiner Familie: Flora – Emma – Beda.
Danke!
In diesem Kapitel werden grundsätzliche Gesichtspunkte erwähnt, die die Entscheidung für (oder gegen) eine Promotion beeinflussen können. Ist die Entscheidung zu promovieren erst einmal gefallen – und davon gehe ich im weiteren Verlauf dieses Buches natürlich aus –, müssen etliche organisatorische Schritte unternommen werden. Darunter fällt zunächst einmal die Wahl des Promotionsortes beziehungsweise die Wahl der geeigneten Betreuerin. Sie finden dazu einige Kriterien, die Ihnen diese Suche erleichtern können. Dann wird die entscheidende Rolle des Exposés angesprochen, zusammen mit ersten Hinweisen für die Abfassung. Es folgt eine Anekdote über die nicht zu unterschätzende Bedeutung der Promotionsordnung, bevor es schließlich um die verschiedenen Finanzierungsmöglichkeiten geht, wobei die Hinweise zu möglichen Stipendiengeberinnen dabei den weitaus größten Raum einnehmen.
Vermutlich haben Sie die Entscheidung, das Abenteuer einer Promotion auf sich zu nehmen, längst getroffen, wenn Sie dieses Buch in die Hand nehmen. Rekapitulieren Sie aber trotzdem noch einmal, welche Gründe es waren, die Sie dazu bewogen haben! Es klingt zwar auf den ersten Blick banal, dass alles mit der Entscheidung zu promovieren anfängt. Aber ganz so banal ist es nicht. Denn von der Tatsache, ob Sie sich entscheiden, und von den Gründen, die für Ihre Entscheidung ausschlaggebend sind, hängt bereits vieles ab. Vor allem beeinflusst die Art und Weise Ihrer Entscheidung bereits unmittelbar gewisse organisatorische Aspekte, die sie beachten sollten. Denn in diesem Kapitel geht es darum, was es am Anfang eines Promotionsprojekts zu beachten und zu organisieren gibt.
Was also steht am Anfang Ihrer Überlegungen? Ist es der Wunsch, eine akademische Karriere anzustreben? Wollen Sie Professorin werden? Oder wollen Sie ganz allgemein Ihre persönliche Qualifikation für den Arbeitsmarkt erhöhen, weil sie denken, ein höherer Universitätsabschluss erleichtere die Chancen auf einen gut dotierten Job? Oder hat Sie so etwas wie ein akademischer Furor gepackt, ein wissenschaftliches Problem, das Sie schon während Ihres Studiums so fasziniert hat, dass sie daran unbedingt weiter arbeiten möchten?
Oder ist es ganz anders: Wollen Sie sich selbst beweisen, dass sie eine Promotion schaffen können, dass Sie drei und mehr Jahre an einem hochkomplexen Thema arbeiten können? Oder wollen Sie das vielleicht gar nicht so sehr sich selbst beweisen, sondern Ihren Eltern? Ist Ihr Entschluss, zu promovieren, Ausdruck der Konformität Ihrem Elternhaus gegenüber? Stammen Sie aus einem bildungsbürgerlichen Haushalt, in dem Sie nicht die erste Angehörige mit Universitätsabschluss wären, wo der Entschluss, den Doktortitel zu erlangen, also gleichsam die Familientradition fortführt? Oder ist es umgekehrt: Sie nehmen das Wagnis einer Promotion als Erste in Ihrer Familie auf sich, wie Sie bereits die Erste waren, die überhaupt angefangen hat zu studieren?
Diese Fragen können Sie natürlich nur selbst beantworten, da es sich um subjektive und letztlich persönliche Gründe für oder gegen eine Promotion handelt. Um die Entscheidung ein wenig zu objektivieren, komme ich zu ein paar Aspekten, die Ihnen bei der konkreten Entscheidungsfindung helfen könnten, und die Ihnen vor allem auch dabei helfen können, Ihre Entscheidung gegenüber anderen als wohlerwogene Entscheidung zu verantworten; denn wie für fast alles gibt es auch für eine Promotion Gründe, die dafür und dagegen sprechen.
Pro Promotion:
•Sie ist notwendig für eine wissenschaftliche Karriere. Ohne Promotion ist eine unbefristete Festanstellung an einer Hochschule oder an einem Forschungsinstitut unmöglich.
•Sie ist in manchen Berufsfeldern, die eine akademische Ausbildung voraussetzen, oftmals die Grundbedingung dafür, später überhaupt in einem Arbeitsbereich beschäftigt zu werden, der annähernd Ihrem akademischen Bildungsstand entspricht. Vor allem für Geistes- und Kulturwissenschaftlerinnen ist der Doktortitel häufig die Voraussetzung, um eine adäquate Beschäftigung im Kultursektor zu bekommen.
•Sie gilt potenziellen Arbeitgebern als Ausweis für die Eignung als Führungspersönlichkeit, da Sie mit Ihrer Promotion zeigen, dass sie selbstständig arbeiten können, durchsetzungsfähig und belastbar sind, ausgeprägte analytische Fähigkeiten besitzen sowie Organisationstalent und Projekterfahrung. Auch in technischen Berufen geraten übrigens die Diplomingenieure zunehmend durch den »Dr. ing.« unter Druck.
•Sie erleichtert den Zugang zu höheren Gehaltsklassen beziehungsweise Besoldungsstufen im öffentlichen Dienst.
•Sie schadet nicht, wenn sie beim Gesellschaftsspiel der Elitenreproduktion mitspielen möchten (besonders der »Dr. jur.« und der »Dr. med.« sind für viele immer noch die Eintrittskarten in exklusive gesellschaftliche Kreise.
•Sie macht (möglicherweise) Ihre Eltern glücklich.
•Sie ermöglicht es Ihnen (unter der Voraussetzung, dass sie Ihre Finanzierung für drei und mehr Jahre gesichert haben), eine relativ sorgenfreie Lebensphase, die sie ganz einer (hoffentlich interessanten) wissenschaftlichen Forschung widmen können.
Contra Promotion:
•Sie ist zwar notwendig, aber nicht hinreichend für eine wissenschaftliche Karriere. Ich muss es leider so deutlich sagen: Selbst wenn Sie während der Arbeit an Ihrer Dissertation noch so fleißig an Kongressen und Fachtagungen teilnehmen, Aufsätze in Fachzeitschriften veröffentlichen, als wissenschaftliche Hilfskraft an Ihrem Institut arbeiten, ist die Aussicht, eine langfristige Festanstellung an einer Universität zu bekommen, verschwindend gering. Wenn Sie nicht das Glück haben sollten, eine (zeitlich befristete) Juniorprofessur zu erlangen, steht Ihnen nach der Promotion nur der Weg der Habilitation offen – also weitere Jahre des unterbezahlten oder gar nicht bezahlten wissenschaftlichen Arbeitens. Und selbst wenn Sie sich nach der Promotion erfolgreich habilitieren sollten, ist das immer noch keine Garantie auf eine Professorinnenstelle, sondern häufig nur der Einstieg in ein ökonomisch prekäres Privatdozententum.
•Sie führt – vor allem für Geistes- und Sozialwissenschaftlerinnen – relativ häufig zu unsicheren Berufsperspektiven.
•Sie kann zu sozialer Ausgrenzung und Vereinsamung führen. Zum einen gibt es immer noch Menschen, die Vorurteile gegen Angehörige des akademischen Milieus haben. Zum anderen besteht die Gefahr, dass Sie durch die jahrelange Beschäftigung mit einem hochspezialisierten Thema zu einem Nerd werden, der nur noch wenige echte Sozialkontakte hat.
•Sie garantiert keinen gesellschaftlichen Aufstieg, da bei der Elitenreproduktion immer noch der Besitz ökonomischen Kapitals höher rangiert als der Besitz kulturellen Kapitals; sollten Sie aus »einfachen Verhältnissen« kommen, wird man Sie das unter Umständen auch trotz ihres Doktortitels spüren lassen.
•Sie bedeutet für mindestens drei Jahre Entbehrung, Verzicht auf viele Annehmlichkeiten und eine nicht zu unterschätzende geistige Anstrengung auf einem Gebiet, das nur ganz wenige Menschen interessiert.
•Sie birgt Gefahren für Partnerschaft und Familie. Eine Promotion bedeutet, in Vollzeit berufstätig zu sein. Frauen sind nach wie vor besonders benachteiligt, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Trotz aller inzwischen etablierten Hilfeprogrammen ist das Promovieren mit Kind immer noch eine besondere Belastung. (Auch als promovierender Vater haben Sie eine andere Belastung als kinderlose Kommilitonen.)
•Sie ist teuer. Wenn Sie die Wahl zwischen einer bezahlten Festanstellung und einer Promotion haben: Überlegen Sie gut! Da die Promotion auf jeden Fall eine ökonomische Belastung darstellen wird, ist es nicht verkehrt, sich sehr früh Gedanken über die Finanzierung zu machen, am besten noch bevor Sie die nächsten konkreten Schritte einleiten (vgl. dazu unten den Abschnitt »Finanzplanung«, S. 32).
Sie sehen: Die Entscheidung sollten Sie nicht dem Zufall überlassen, selbst wenn sie von einer Professorin darauf bereits angesprochen worden sind – gerade in einem solchen Fall nicht! Denn die schlechteste Ausgangsposition wäre die, dass sie von Dritten gleichsam zur Promotion gedrängt würden, und sie selbst sich nur wegen eines Mangels an Alternativen darauf einließen. Promovieren sollten Sie, wenn sie selbst es wollen, und nicht, weil Ihnen nichts Besseres einfällt.
Ist die Entscheidung gefallen, sollten Sie als erstes eine doppelte Überlegung anstellen: Über welches Thema wollen Sie arbeiten? Und: An welcher Universität beziehungsweise bei wem würden Sie am liebsten promovieren? Wenn Ihr Entschluss zu promovieren primär aus dem Interesse an einem bestimmten Forschungsproblem entstanden sein sollte, zum Beispiel wenn sie darüber nachdenken, das Thema Ihrer Masterarbeit zu vertiefen, ist die Themenwahl zunächst einmal keine langwierige Angelegenheit. Und wenn der Plan aus Ihrer Bindung an ein Institut heraus gewachsen ist, dürfte auch die Frage, wo und bei wem sie promovieren wollen, leicht zu beantworten sein. Komplizierter wird die Sache, wenn sie von vornherein eine »externe« Promotion planen, also an einem Institut oder Seminar Ihre Arbeit schreiben möchten, das Sie noch gar nicht kennen.
Die Themen- und Betreuerinnenwahl sollten Sie nicht getrennt voneinander angehen. Da es keine Universalgelehrten mehr gibt, und da redlicherweise nicht einmal die »Koryphäen« eines Faches mehr behaupten können, Expertise zu sämtlichen Facetten ihrer Disziplin zu besitzen, sollten die Untersuchungsgebiete der zukünftigen Betreuerin schon einigermaßen nahe an dem sein, was Sie als Ihr Dissertationsthema anpeilen. Dabei muss es sich nicht um eine hundertprozentige Deckung handeln – schlecht wäre es aber, wenn Ihre zukünftige Betreuerin vom Thema, von der einschlägigen Fachliteratur und von den anzuwendenden Methoden überhaupt keine Ahnung hätte. Sammeln Sie also als erstes eine Namensliste derjenigen Wissenschaftlerinnen, die zu Ihrem Wunschthema affine Literatur publiziert haben. Auf den Personalseiten der Webauftritte der Forschungsinstitute beziehungsweise Fakultäten finden Sie eigentlich immer auch entsprechende Publikationslisten.
Es spielt letztlich keine Rolle, ob Sie die Auswahl Ihres Themas von der Entscheidung, bei Betreuerin X zu promovieren, abhängig machen, oder ob Sie mögliche geeignete Betreuerinnen nach der Entscheidung für ein bestimmtes Thema auswählen: Wichtig ist lediglich, dass Betreuerin und Thema zueinander passen.
Bei der Begutachtung der Liste der grundsätzlich für Sie in Frage kommenden Betreuerinnen gibt es mehrere Kriterien, nach denen Sie eine engere Auswahl treffen können:
•Das Renommee: Bei berühmten Persönlichkeiten zu promovieren kann natürlich förderlich sein für Ihr eigenes Standing innerhalb der Scientific Community. Bedenken Sie jedoch, dass sich berühmte Professorinnen ihre wissenschaftliche Reputation in der Regel nicht aufgrund ihrer herausragenden Lehrfähigkeiten erworben haben, sondern aufgrund ihrer Fähigkeiten, die eigenen Forschungsprojekte zu bewerben, zu finanzieren und in den akademischen Diskursen up to date zu halten. Für besonders gute Betreuungsleistungen hat noch niemand den Nobelpreis bekommen! Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Berühmtheit generiert in der Regel Neid bei den Minderberühmten. Wenn Sie sich entscheiden, bei einem wissenschaftlichen Superstar zu promovieren, müssen sie später eher mit Gegenwind rechnen, als wenn Sie bei einer in der akademischen Welt eher unauffälligen Betreuerin promovieren.
•Die Anzahl der betreuten Promotionen: Professorinnen, die jedes Jahr viele Promotionen betreuen, stehen unter Studentinnen im Ruf, dass es bei ihnen leichter zu promovieren sei als bei jenen Professorinnen, die nur ganz wenige Doktorandinnen haben. Das mag gelegentlich sogar zutreffen, nur sollten Sie sich selbst die Frage stellen, ob »Leichtigkeit« hier das richtige Kriterium ist. Jemand, der 20 und mehr laufende Promotionen betreut beziehungsweise von seinen Mitarbeiterinnen betreuen lässt, wird mit Sicherheit weniger Zeit für jedes einzelne Projekt haben und generell seltener ansprechbar sein als jemand, der nur ein oder zwei laufende Promotionen betreut. Ob Sie sich für eine Betreuerin entscheiden, bei der viele oder nur sehr wenige Promotionsverfahren angängig sind, hängt auch von Ihrer eigenen Persönlichkeit ab und dem, was sie sich wissenschaftlich zutrauen: Gehören Sie selbst zu den eher selbstbewussten Menschen, die sich nicht gerne allzu viel in ihre Projekte hineinreden lassen wollen, dann wählen Sie eine Betreuerin, die ohnehin wenig Zeit für Beratungsgespräche hat. Gehören Sie aber zu den eher anleitungsbedürftigen Menschen, suchen Sie sich eine Betreuerin, die sich dafür viel Zeit nehmen kann.
•Die Vernetztheit: Eine inner- und außeruniversitär gut vernetzte Professorin kann Ihnen viel leichter Zugänge zu Kongressen, Fachtagungen, Publikationsmöglichkeiten verschaffen als eine Professorin, die kaum jemand kennt. Gleichzeitig steigt bei zunehmender Vernetztheit Ihrer Betreuerin natürlich die Gefahr, dass Sie vor lauter Anfragen, am Workshop X, der Fachtagung Y oder dem Publikationsband Z teilzunehmen, gar nicht mehr die Zeit für Ihre eigene Dissertation finden – dass Sie zur Fliege im Netz Ihrer Professorin werden.
•Das Image des Faches beziehungsweise der Fakultät an der in Betracht kommenden Universität: Es ist in Deutschland dank der föderalen Bildungslandschaft glücklicherweise (noch) nicht so, dass sie an einer »Eliteuniversiät« promovieren müssten, um sich einen akademischen Namen zu machen oder um später beruflichen Erfolg zu haben. Trotz der mannigfachen Bemühungen vieler Universitäten, hohe Positionierungen in Rankings zu besetzen und Drittmittel aus den immer wieder neu aufgelegten Elitenförderungsprogrammen einzuwerben, haben wir in Deutschland (bisher) weder so etwas wie die amerikanischen »Big Five« oder das englische Oxford/Cambridge-Duopol noch die französischen Grandes Écoles. Trotzdem gibt es auch in Deutschland Fächer oder Institute, die an der Universität X einen besseren Ruf haben als an der Universität Y. Welche das jeweils sind, kann ich Ihnen hier natürlich nicht verraten. Das müssen Sie selbst herausfinden. Nur soviel: Ein öffentlich publiziertes Universitätsranking ist nicht hilfreich dabei, das wissenschaftliche Ansehen eines Instituts zu ermitteln. Ihr Fach wird möglicherweise an der Eliteuniversität X viel schlechter repräsentiert als an der »Normalouniversität« Y.
•Die Bereitschaft, Ihre Promotion auch dann zu betreuen, wenn Sie sich von vornherein nicht für eine akademische Karriere, sondern für außerakademische Berufsoptionen qualifizieren möchten. Idealerweise sollte Ihre Betreuerin in diesem Fall eine Expertise oder ein Netzwerk besitzen, die die Anschlussfähigkeit Ihrer Promotion in Wirtschaft oder Verwaltung sicherstellen kann. Wenn Sie kumulativ promovieren, sollte Ihre Betreuerin sich mit den Publikationsbedingungen der einschlägigen Journale auskennen, ebenso sollte eine entsprechende Expertise vorhanden sein, falls Sie Ihre Arbeit auf Englisch verfassen wollen (oder müssen).
•Die Attraktivität des Hochschulstandortes: Vorausgesetzt, Sie wollen Ihren Lebensmittelpunkt an den Hochschulstandort verlegen, an dem die von Ihnen favorisierte Betreuerin lehrt, ist die Attraktivität der Stadt in die Überlegungen einzubeziehen. Denn selbst ein ideales Betreuungsverhältnis wird Ihnen mittelfristig kaum darüber hinweghelfen können, wenn Sie sich mit dem Leben in Ihrer Universitätsstadt nicht arrangieren können oder wollen. Ein Beispiel: Eine Promotionsstipendiatin, die aus einem afrikanischen Land kommt, hat mir berichtet, dass Professorin X an der Universität Y für Ihr Fach eigentlich die am besten geeignete Person gewesen sei. Die Stipendiatin hat dann aber die Berichterstattung über regelmäßig stattfindende rassistische Kundgebungen in der entsprechenden Stadt zur Kenntnis nehmen müssen und sich aufgrund dessen nach einer Alternative umgesehen.
•Der politische Wertekanon der Betreuerin beziehungsweise des Instituts. Insbesondere wenn Sie selbst ein politisch engagierter Mensch sind, sollten Sie sich zumindest grob über das politische Mindset der von Ihnen favorisierten Betreuerin informieren. (zum Beispiel durch Artikel in der Tagespresse oder Informationen vom AStA.) Es hat nämlich nur geringe Erfolgsaussichten, wenn Sie selbst etwa betont progressiv-ökologische Ansichten vertreten sollten und gleichzeitig versuchen würden, bei einer bekannten erzkonservativen Professorin zu promovieren. Natürlich sind mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Fächer von dieser Problematik der inkompatiblen politischen Mindsets seltener betroffen als geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer, doch auch hier kann es zu großen Problemen kommen, wenn Sie zu spät merken sollten, dass der von Ihrer Betreuerin oder Ihrer Fakultät vertretene Wertekanon dem Ihrigen diametral entgegengesetzt ist.
Die Frage, wie die Persönlichkeiten, das wissenschaftliche Renommee, der Vernetzungsgrad und die allgemeine Betriebsamkeit der infrage kommenden Betreuerinnen einzuschätzen sind, wird uns übrigens weiter unten (im Abschnitt »Professorinnentypen« ab S. 106) erneut beschäftigen.
Sie haben also einige Professorinnen als mögliche Betreuerinnen Ihrer Promotion in die engere Wahl genommen. Der nächste Schritt besteht dann darin, Termine mit den Sekretariaten der infrage kommenden Professorinnen auszumachen. (Telefonisch, nicht per Email. Emails landen gerne mal im Spam!) In den meisten Fällen werden Sie bereits am Telefon Informationen über bestimmte Vorbedingungen erhalten: Etwa, dass man für ein erstes Kontaktgespräch bereits die Einsendung eines Exposés erwarte. Koordinieren Sie die verschiedenen Termine gut – und sagen Sie auf jeden Fall rechtzeitig ab, wenn Sie einen Termin nicht wahrnehmen können! Vermeiden Sie unter allen Umständen, bei den Sekretärinnen Ihrer möglichen späteren Betreuerinnen einen unhöflichen Eindruck zu hinterlassen, denn sie sind die Mittlerinnen zwischen Ihren Interessen und denen Ihrer Betreuerin. (Sie sind unheimlich wichtig!)
Das Vier-Augen-Gespräch mit den möglichen zukünftigen Betreuerinnen ist von entscheidender Bedeutung, denn das allerwichtigste Kriterium für die Betreuerinnenwahl ist die persönliche Eignung der Betreuerin. Die Professorin muss Ihnen sympathisch sein (und idealerweise auch umgekehrt), und das können Sie nur in einem persönlichen Gespräch herausfinden. Gehen Sie nicht das Wagnis ein, bei jemandem zu promovieren, bei dem sie das Gefühl haben, es könnte im Zwischenmenschlichen zu Problemen kommen – mag dieser jemand auch noch so renommiert, vielbeschäftigt und perfekt vernetzt sein. Denn vergessen Sie nicht: Sie begeben sich freiwillig in eine mehrjährige Abhängigkeitsbeziehung zu dieser Person, weshalb nicht nur sachliche (fachliche) Aspekte wichtig sind, damit sie gemeinsam mit Ihrer Betreuerin eine gute Promotion zustande bringen, sondern auch emotionale.
Verhalten Sie sich weder kriecherisch noch überheblich: Bekommen Sie also weder weiche Knie vor dem Namen einer weltberühmten »Koryphäe« noch tun Sie klüger, als Sie sind. Formulieren Sie sachlich Ihre Vorstellung von Ihrem wissenschaftlichen Projekt und seien Sie bereit, an dieser frühen Stelle schon mit inhaltlicher Kritik, mit Erweiterungsvorschlägen oder sogar mit der kompletten Ablehnung Ihres Themas konfrontiert zu werden. Formulieren Sie insbesondere auch Ihre eigenen Erwartungen, die Sie an die Betreuungssituation stellen – denn schließlich hat Ihr Gegenüber auch ein Interesse daran, abschätzen zu können, wie groß der Betreuungsaufwand werden wird.
Im Falle einer inhaltlichen Verständigung über das Promotionsprojekt (und gegenseitiger persönlicher Sympathie) kommt es nach einem solchen Vier-Augen-Gespräch in der Regel schon dazu, dass die Professorin Ihnen zu erkennen gibt, Ihre Promotion betreuen zu wollen. In der Regel wird dazu eine »Betreuungsvereinbarung« abgeschlossen, eine Art Compliance-Kodex, ein fakultätsweit verwendetes Standardformular, das die gegenseitigen »Erwartungen« von Doktorandin und Betreuerin schriftlich fixiert. (Früher begnügte man sich mit der mündlichen Zusage seitens der Betreuerin.) Diese Betreuungsvereinbarung ist (zusammen mit Ihrem Hochschulabschlusszeugnis) die formale Voraussetzung zur »Zulassung zur Promotion«, die Sie bei der entsprechenden Fakultät einreichen müssen. Mit der Zulassung beginnt dann die sogenannte »Qualifikationsphase« Ihrer Promotion. Das heißt, Sie sind ab diesem Zeitpunkt offiziell »Doktorandin« beziehungsweise eine »Promovierende«.
Wenn Ihnen solch ein Abhängigkeitsverhältnis zu einer einzelnen Person unheimlich sein sollte: Seit ein paar Jahren gibt es in Deutschland die Möglichkeit, sich für »strukturierte Promotionsprogramme« nach dem Vorbild der PhD-Ausbildung zu bewerben, wie sie an nordamerikanischen und britischen Universitäten üblich ist. Dabei handelt es sich um an verschiedenen Universitäten angesiedelte, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Graduiertenkollegs. Im November 2019 liefen 56 derartige Projekte in geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern, 77 im Bereich der Biomedizin und Pharmakologie und 87 im MINT-Bereich.
Bevor Sie sich zu früh freuen: Der Einstieg in diese Promotionsprogramme führt immer noch traditionell über eine einzige Betreuerin, die Sie gegebenenfalls für eine strukturierte Promotion vorschlägt. Und: Im Gegensatz zum angelsächsischen PhD ist der Abschluss einer strukturierten Promotion hierzulande nicht mit dem Recht verbunden, an einer Universität zu lehren – genauso wenig wie der traditionelle Doktortitel übrigens.
Aber immerhin: Sie wären als Teilnehmerin an einem solchen Programm nicht einer einzigen Betreuerin (der »Doktormutter« oder dem »Doktorvater«) zugeordnet (und in gewisser Weise ausgeliefert), sondern würden von einem Team an Betreuerinnen und Mentorinnen im Promotionsverlauf gemanagt werden. Sie würden auch enger mit Kolleginnen zusammenarbeiten, weil die einzelnen Forschungsprojekte in einem mehr oder weniger koordinierten Zusammenhang mit dem Forschungsprogramm des gesamten Kollegs stehen, das heißt, Sie hätten weniger Gelegenheit zu akademischem Einzelgängerinnentum, als es bei der klassischen individuellen Promotion der Fall wäre. Allerdings würden Sie auch häufiger zu regelmäßigen Erfolgskontrollen herangezogen werden – was für den Fortschritt eines Promotionsprojekts förderlich sein kann, Ihnen persönlich aber in geringerem Maße das Gefühl von »akademischer Freiheit« vermitteln dürfte als bei einer klassischen Promotion. Wenn Sie also ein eher geselliger Typ sind, ein Thema haben, das zum Forschungsdesign eines Graduiertenkollegs passt, oder wenn Ihre Fragestellung zu einer interdisziplinären Bearbeitung drängt, dürfte die Bewerbung an einem Graduiertenkolleg eine Überlegung wert sein. Für Naturwissenschaftlerinnen besonders, denn für sie bieten sich darüber hinaus die Promotionsprogramme der außeruniversitären Forschungseinrichtungen an, wie die der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft. Für ausländische Studierende sind die internationalen Promotionsprogramme interessant, die auf den Seiten des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD) präsentiert werden.
Doch wie immer Sie sich auch entscheiden, ob für eine klassische Promotion oder für eine strukturierte Promotion in einem Graduiertenkolleg: Sehr früh, nämlich am besten, schon bevor es zu einem ersten persönlich Treffen mit einer zukünftigen Betreuerin kommt, sollten Sie sich die Zeit nehmen für die sorgfältige Erstellung eines Exposés.
Funktional ist das Exposé gleichzeitig ein Programmplan Ihres Promotionsprojektes (zu Ihrem eigenen Gebrauch) und ein Bewerbungsschreiben (für gleich mehrere Gelegenheiten). Sie empfehlen sich dadurch Ihrer zukünftigen Betreuerin, es bildet die Grundlage für die Bewerbung auf eine wissenschaftliche Stelle und es ist ebenso die Voraussetzung dafür, ein Stipendium zu erlangen, wenn sie sich um ein solches bewerben wollen.
Inhaltlich sollte das Exposé eine Einführung in Ihr Promotionsthema beinhalten, eine vorläufige Gliederung Ihrer Dissertationsschrift und schließlich einen mit den einzelnen geplanten Arbeitsschritten verknüpften Zeitplan. Es ist die schriftliche geistige Vorwegnahme des gesamten zukünftigen Forschungsprozesses (inklusive des Abfassens der Dissertation) auf wenigen Seiten Papier. Das Paradoxe an einem Exposé ist: Sie müssen so tun, als wüssten Sie schon alles, als hätten Sie alles durchgeplant. Und Ihre zukünftige Betreuerin muss so tun, als würde sie Ihnen das glauben. Das gehört zu den Spielregeln.
Dass diese Darstellung ihres Promotionsplans in den meisten Fällen nur sehr wenig mit dem tatsächlichen Verlauf Ihrer Promotion zu tun haben wird, dass sich Ihr erstes Gliederungskonzept für die Dissertation von Ihrer endgültigen Gestalt bis zur Unkenntlichkeit unterscheiden wird, dass Zeitpläne in der Realität so gut wie nie eingehalten werden: Darauf kommt es gar nicht an.
