Der Weg zur Weltdemokratie - Alexander Schulz - E-Book

Der Weg zur Weltdemokratie E-Book

Alexander Schulz

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Beschreibung

Die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert wiederholt sich in fataler Weise in Afrika und Asien im 21. Jahrhundert. Starkes Wachstum der Bevölkerung und extreme wirtschaftliche Schwankungen destabilisieren die politischen Ordnungen so stark, dass globale Antworten darauf gefunden werden müssen. Welche Schritte leiten die Demokraten weltweit ein, um dem Chaos entgegenzutreten? Wie kann es gelingen, eine stabile Menschheit zu etablieren, die auf der Basis der Menschenrechte, Freiheit und Demokratie vollständig ohne Diktatur und Ideologie auskommt? Alexander Schulz fü̈hrt die Leser durch das Panorama der dringlichsten Zukunftsfragen und wagt einen Ausblick in die Jahre 2050 und 2100.

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Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Alexander Schulz

Der Weg zurWeltdemokratie

Die Überwindung vonTerror, Ideologie und Diktaturim 21. Jahrhundert

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Deutsche Erstausgabe 2018

1. Auflage 2018

© 2018 der deutschsprachigen Ausgabe:

Self-Publishing durch Alexander Schulz, Kiel

 

 

Umschlag, Karten und Graphiken: Alexander Schulz, KielDruck und Bindung: Tredition – Self-PublishingISBN 978-3-7469-6496-6

 

E-Book-Version - ISBN 978-3-7482-1110-5

Inhaltsübersicht

  1Das 21. Jahrhundert ist eine Neuauflage des 20. Jahrhunderts

  2Globales Wirtschaftswachstum

  3Die Erde der zehn Milliarden Menschen

  4Gruppenbildung

  5Ideologien

  6Kriegsszenarien im Nahen Osten

  7Der Nahe Osten bis 2050

  8Eine Menschheit - eine Weltdemokratie

  9Onlinedemokratie

10Die neue Menschheit ab 2050

Schlusswort

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

Abbildungen

Literatur

Inhaltsverzeichnis

     1Das 21. Jahrhundert ist eine Neuauflage des 20. Jahrhunderts

  1.1_ Die drei Phasen der Demokratiewerdung

  1.2_ Demokratiewerdung am Beispiel Deutschlands

  1.3_ Eine Kultur und eine Unkultur

  1.4_ Europa im 21. Jahrhundert

     2Globales Wirtschaftswachstum

  2.1_ Was ist das Brutto-Inlands-Produkt?

  2.2_ Die Bedeutung des BIP im Alltag

  2.3_ Weltweites Wachstum anhand von Index-Karten

     3Die Erde der zehn Milliarden Menschen

  3.1_ Überbevölkerung in Armut

  3.2_ Langlebigkeit durch moderne Medizin

  3.3_ Mangel an Bildung und Arbeit

  3.4_ Natur und Erderwärmung

  3.5_ Staatsschulden

  3.6_ Männer zerstören die Welt

     4Gruppenbildung

  4.1_ Das Individuum und die Gruppe

  4.2_ Struktur einer Gruppe

  4.3_ Gruppe als Machtinstrument

  4.4_ Von der Sektengruppe zur Staatsdiktatur

     5Ideologien

  5.1_ Wie Ideologien funktionieren

  5.2_ Chauvinismus

  5.3_ Staatliche Religionsideologien

  5.4_ Politische Ideologien

  5.5_ Veränderungen versus Ideologie

     6Kriegsszenarien im Nahen Osten

  6.1_ Regionen im Nahen Osten

  6.2_ Grundkonflikt: Saudi-Arabien versus Iran

  6.3_ Grundkonflikt: Kurden versus Türkei

  6.4_ Grundkonflikt: Israel versus Palästinenser

  6.5_ Grundkonflikt: Freie Welt versus Diktatur

  6.6_ Gefahrenstufe I: Balkanisierung von Staaten

  6.7_ Gefahrenstufe II: Bildung von Machtblöcken

  6.8_ Gefahrenstufe III: Eskalation mit ABC-Waffen

     7Der Nahe Osten bis 2050

  7.1_ Bündnispartner

  7.2_ Handlungsmaxime

  7.3_ Intervention in Failed States

  7.4_ Krieg gegen Ideologieführer

  7.5_ Der freie demokratische Nahe Osten

     8Eine Menschheit - eine Weltdemokratie

  8.1_ Der globale Deal

  8.2_ Bildung und Arbeit für alle

  8.3_ Das Ende der freien Natur

  8.4_ Staatsschulden lähmen Demokratien

  8.5_ Die Freiheit aller Frauen und Männer

  8.6_ Die Antiideologie

  8.7_ Demokratische Gruppen

  8.8_ Asyl und Migration

  8.9_ Sicherheit, Militär, Grenzen

8.10_ Starkes geeintes Europa

     9Onlinedemokratie

  9.1_ Abstimmungsplattform

  9.2_ Intervention der Demokraten

  9.3_ Globale Interaktion von Mensch zu Mensch, Gruppe zu Gruppe, Stadt zu Stadt

   10Die neue Menschheit ab 2050

10.1_ Der Mensch

10.2_ Die Wirtschaft

10.3_ Die Politik

10.4_ Die Metaphysik

Schlusswort

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

Abbildungen

Literatur

Kapitel 1

_ 1. Das 21. Jahrhundert ist eine Neuauflage des 20. Jahrhunderts

Die Grundthese dieses Buches basiert darauf, dass das 20. Jahrhundert Europas sich weltweit im 21. Jahrhundert wiederholt. Diese Wiederholung geschieht aufgrund eines starken doppelten Effekts: Wirtschaftswachstums und Bevölkerungswachstum in Afrika und Asien. Beide Wachstumsraten zusammen ziehen erhebliche politische Auswirkungen nach sich. Schritt um Schritt nähern sich die Länder Afrikas und Asiens einer demokratischen Organisation an. Doch der Weg dahin geht vielfach mit Revolten, Bürgerkriegen und ideologischen Irrwegen einher.

Im 20. Jahrhundert ereignete sich dieser Weg der Demokratiewerdung in Europa in zwei großen Etappen. Zwischen 1900 und 1950 entluden sich große politische Spannungen. Krieg und Terror waren ständig vorhanden. Demokratien und Diktaturen wechselten sich ab, wie auch Wachstum und Wirtschaftskrisen. Langfristig wuchs das Brutto-Inlands-Produkt (BIP) in den Staaten der westlichen Welt stetig an. Neben Europa betraf diese Entwicklung auch die USA und Japan. Die Güter und Dienstleistungen, die die Menschen erwirtschafteten, nahmen sukzessive zu. Armut ging zurück, die Geburtenrate pro Frau fiel langsam und der Massen-Konsumentenmarkt wuchs und wuchs. Die verheerenden Weltkriege von 1914-1918 und 1939-1945 änderten am BIP-Wachstum wenig, denn die Rüstungsproduktion war ein wichtiger Teil des BIP. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in den Jahren von 1950 bis 2000, wurde dieser Prozess weiter fortgesetzt, dieses Mal aber ungestört von großen Kriegen. Besonders hilfreich für das ungestörte BIP-Wachstum war, dass problematische Länder in Europa über Jahrzehnte hinweg besetzt wurden oder ausländische Militärbasen auf ihrem Territorium zuließen. Die stetige Gefahr eines Krieges mit den kommunistischen Ländern Osteuropas führte in Westeuropa dazu, dass eine wirtschaftsfreundliche Politik nachhaltig verfolgt wurde. Von weiteren ideologischen Experimenten nahmen die Länder Westeuropas Abstand. Dies bereitete den Nährboden für einen besonderen gesellschaftlichen Durchbruch. Ende der 1960er Jahre lag das durchschnittliche BIP pro Person und Jahr bei über 25.000 US-Dollar und stieg später weiter an. Allgemeiner Wohlstand ermöglichte einer breiten Gesellschaft einen kreativen und individuellen Lebensentwurf: Reisen, Autos, Jobentwicklung, politische Freiheiten, Immobilienbesitz, Sicherheit in der Öffentlichkeit, Hobbies, Sport. Selbst in Jahren der Wirtschaftskrise stellte niemand mehr ernsthaft die Vorteile der freiheitlichen Demokratie in Frage. Linke und rechte Terroristen galten allgemein als abnorm. Militärdiktaturen in Spanien und Griechenland ließen in den 1970er Jahren einen schrittweisen Übergang in die Demokratie zu. Und dann fielen am Ende des 20. Jahrhunderts auch noch die kommunistischen Diktaturen im Osten Europas. Dies geschah fast überall auf friedlichem Wege. Es genügte, dass die kommunistischen Ländern in den Bankrott fuhren.

Aus diesem Verlauf lässt sich – grob – ein Ablaufplan für Afrika und Asien im 21. Jahrhundert ableiten. Mehr als zwei Milliarden Menschen, das sind 2.000 Millionen Menschen, arbeiten dort jeden Tag unter schwersten Bedingungen daran, das Wohlfahrtsniveau der 1960er Jahre Europas zu erreichen. Der Traum ist bei diesen Menschen jeden Tag der gleiche wie damals in Europa: Ein sicheres Einkommen, ein sicherer Job, 5-Tage-Arbeitswoche, eine eigene Wohnung, Geld für ein Hobby, ein Urlaub im Jahr, ein Auto, persönliche Freiheit, ein gutes Leben mit Familie und Freunden, Sicherheit und eine gute medizinische Versorgung. Ist dieser Rahmen gegeben, entsteht die „Eine-Welt-Kultur“. Dafür geben diese zwei Milliarden Menschen Tag für Tag alles. Doch nun kommt ihnen die Politik in die Quere und das noch sehr lange Zeit im 21. Jahrhundert. In den Jahren 2000 bis 2050 leben viele Menschen in Afrika und Asien in Diktaturen. Insgesamt drei Milliarden Menschen erdulden aktuell die Willkür diktatorischer Länder. Es sind militärische, traditionell monarchische oder ideologische Diktaturen. Jederzeit kann die Staatsgewalt kommen und einen Menschen ohne Grund bestehlen, ins Gefängnis bringen oder sogar töten. Und selbst wenn sich die Demokratie für kurze Zeit durchsetzt, kann sie bei der nächsten Wirtschaftskrise schon wieder verspielt werden. Eine Planungssicherheit wie in den letzten 70 Jahren in Westeuropa gibt es für diese drei Milliarden Menschen nicht. Ihre Länder sind zu arm, um aus Steuereinnahmen die teuren demokratischen Institutionen ausfinanzieren zu können.

Der Anteil der Bevölkerung, der ein BIP von mehr als 25.000 US-Dollar pro Person und Jahr erwirtschaftet, ist zu gering. Eine Folge davon ist, dass den Staatsbeamten zu wenig Gehalt gezahlt wird. Einige neigen deswegen zu einem Zubrot durch Korruptionshandlungen. Zusätzlich entsteht eine große Anzahl von arbeitslosen jungen Menschen. Davon ist ein Teil bereit, sich mit Gewalt an der Politik eines Landes zu beteiligen, was oft neuen Diktatoren den Weg an die Macht ebnet.

Die Länder Afrikas und Asiens befinden sich noch über Jahrzehnte hinweg in einem sehr problematischen Übergangsbereich. Es handelt sich um eine Übergangszeit, in der das durchschnittliche BIP pro Person zwischen 5.000 und 25.000 US-Dollar pro Jahr liegt. Diese „gelbe“ Phase der Demokratiewerdung zieht sich für Milliarden von Menschen bis circa 2050 hin. Dann erreichen viele asiatischen Länder bereits die Schwelle zum allgemeinen Wohlstand und die afrikanischen folgen einige Jahrzehnte später. Bis dahin wächst weltweit das BIP jedes Jahr um zwei bis fünf Prozent im Durchschnitt an. Die politisch unruhigsten Jahre ereignen sich für die gesamte Welt bis 2050. Insbesondere der Nahe Osten wird einer erheblichen Anzahl von Aufständen, Terroranschlägen, zwischenstaatlichen Kriegen und Bürgerkriegen unterliegen. Ist ein Brandherd gelöscht kommt es gleich zum nächsten. Nach 2050 wird es dagegen nur noch wenige Revolutionen und Kriege geben. Ähnlich wie in Europa zwischen 1950 und 2000 ereignet sich dann eine Phase, in der unstabilen Länder militärisch besetzt und damit für die dauerhafte wirtschaftliche Entwicklung gesichert werden. Die Militär- und Polizeieinheiten stellen entweder weltweit agierende Mächte oder stabile Nachbarstaaten. Das Vorgehen sollte nach Möglichkeit durch den rechtlichen Rahmen der Vereinten Nationen (UNO) legitimiert werden.

Gegen Ende des 21. Jahrhunderts stellt sich ein kaum für möglich gehaltener globaler Weltfriede ein. Eine Welt vereint im Wohlstand, in der der einzelne Mensch im Durchschnitt für ein BIP von 25.000 US-Dollar pro Jahr Verantwortung trägt und dadurch in individueller Freiheit lebt: Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechten werden zur weltweiten Norm. Dies ist keine Utopie mehr, sondern eine Funktion massenhafter regelmäßiger Arbeit von Milliarden von Menschen. Diese Entwicklung ist sehr nahe. Sie ereignet sich in diesem Jahrhundert.

_ 1.1 Die drei Phasen der Demokratiewerdung

Solange Staaten mit einem durchschnittlichen BIP von weniger als 5.000 US-Dollar versehen sind, solange ist eine gut funktionierende korruptionsfreie Demokratie in weiter Ferne. Der tägliche Überlebenskampf lässt großes politisches Engagement des einzelnen Menschen nicht zu. Die Menschen kämpfen gegen Missernten und Hunger. Sie leben in der „roten“ Phase staatlicher Entwicklung. Es geht um das schiere tägliche Überleben.

Entwickelt sich das BIP aber in die Bandbreite von 5.000 bis 25.000 US-Dollar, dann entsteht in den Großstädten eines Landes immer eine neue Mittelschicht, die sehr schnell auf den Gedanken der Mitbestimmung kommt. Leider sind die Kräfteverhältnisse insgesamt aber meist nicht ausreichend. In den Vorstädten und auf dem Land existieren viel zu viele Menschen, die weiter deutlich ärmer sind als die neue Mittelschicht. In dieser Situation sind viele arme Menschen gegen Geld bereit, demokratische Aufstände niederzuschlagen. Wandert eine Volkswirtschaft über viele Jahrzehnte durch den BIP-Bereich von 5.000 bis 25.000 US-Dollar, kommt es dadurch immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen armen und reicheren Bevölkerungsgruppen. Die brennende Frage der sozialen Gerechtigkeit entfacht tausendfach die Gemüter in dieser „gelben“ Übergangsphase. Ein stetiges Hin und Her der politischen Verhältnisse ist unumgänglich. Monarchie, Demokratie, Ideologieterror und Militärdiktaturen wechseln sich unablässig ab.

Nach sehr langer Zeit, oft nach 100 Jahren, erreichen Volkswirtschaften einen magischen Moment. Den allgemeinen Wohlstand mit einem BIP von 25.000 US-Dollar und sogar deutlich mehr. Die „grüne“ Phase der Demokratie bricht an. Demokratien werden gut organisiert und bleiben über Jahrzehnte hinweg bestehen. Manchmal bedürfen ihre Institutionen eines Umbaus, was dann aber nicht zur erneuten Diktatur führt, sondern zu einer Demokratiereform. So geschah es 1958 in Frankreich. In einem Moment der nationalen Krise wurde das Verhältnis von Parlament und Präsident neu geordnet. Die Franzosen erlebten den Übergang von der 4. zur 5. Republik, von einer Demokratie zur nächsten.

_ 1.2 Demokratiewerdung am Beispiel Deutschlands

Den Prozess der Demokratiewerdung erlebte Europa zwischen 1789 und 1989 sehr intensiv. In den meisten europäischen Ländern herrschten Erbmonarchen, also Diktatoren. Die arbeitenden Menschen wurden durch die Industrialisierung zwar langsam reicher, doch es entstand auch ein großes Gefälle zwischen Arm und Reich. Diese Ungleichheit im Wohlstand führte zu großen Spannungen in den Gesellschaften. Als 1848/49 der Wind der Demokratie durch viele Staaten Europas ging, schossen die Monarchen diese Revolutionen nieder. Dadurch erlosch die Flamme der Demokratie für lange Zeit, die Glut aber blieb erhalten.

Der Startschuss der Demokratiewerdung auf dem europäischen Kontinent ging von Frankreich aus. Die Französische Revolution 1789 leitete eine neue Demokratieform mit gewählten Parlament ein. Der französische Kaiser Napoleon machte diese Errungenschaft zwar schon wenige Jahre später wieder zunichte, doch er führte 1804 auch den Code Zivil ein. Dieses neue Gesetzbuch sah Grundrechte für alle Bürger vor. Die Rechte der Bürger wurden in Gesetzesform niedergeschrieben und von einem unabhängigen Justizwesen durchgesetzt. Staatliche Willkür wurde im privaten Leben untersagt. Nach Napoleons Niedergang saßen die alten diktatorischen Mächte in Europa wieder fest im Sattel. Für viele Jahrzehnte verhallte der Ruf nach Demokratie im Nichts. Und doch kam es zu einer Stärkung der bürgerlichen Demokratiebewegung. Zum einen stieg im Hintergrund das BIP der Staaten durch die industrielle Revolution kontinuierlich an. Zum anderen befeuerte die demokratischen Entwicklungen in Frankreich, England und vor allem in den USA die Gedanken der Menschen nachhaltig.

Auch Deutschland erfassten wieder und wieder Unruhen, die schließlich zu einer dauerhaften Demokratie führten. Leider zeigt die Geschichte Deutschlands exemplarisch auf, welch große und grausame Irrwege ein Land bestreiten kann, bis es den Weg in die Demokratie findet. Sie verdeutlicht, mit wieviel Leid der lange Übergang von Monarchie, über den Irrweg der Ideologien hin zur dauerhaften Demokratie einhergehen kann. Und sie mahnt die Politik der Gegenwart, nicht darauf zu vertrauen, dass sich Demokratie von selbst einstellt. Die Demokratiewerdung Deutschlands verlief in vier Phasen:

Die erste Republik:

1848/49 erhoben sich wie in vielen Staaten Europas so auch in Deutschland die Menschen gegen die Monarchen. Ein gewähltes Parlament trat in Frankfurt am Main zusammen. Die erste demokratische Republik entstand auf deutschem Boden. Doch das gerade erst geborene Konstrukt verstarb schon nach einem Jahr. Die alten Mächte kämpften sich mit Militärgewalt zurück in ihre Positionen. Für ganze 70 Jahre, also für zwei volle Generationen, wurde damit die demokratische Staatsform in Deutschland zurückgedrängt. Die neu zugelassenen Parteien und Parlamente verfügten nur über wenig Macht. Zum Teil oblag ihnen eine Beratungsfunktion für die Herrschenden. Die Monarchen vergaßen den Umsturz von 1848/49 nie mehr. Sie wussten, wenn sie den Bürgern nicht mindestens auf halbem Wege entgegenkommen, dann sind sie ihres Lebens nicht mehr sicher. So kam es nach der staatlichen Einheit Deutschlands 1871 zu zahlreichen Sozialreformen. Das gelang auch deshalb, weil die Regierung unter dem Reichskanzler Otto von Bismarck nicht permanent Krieg gegen andere Länder führen wollte. Sein Ziel war es, das Erreichte zu bewahren.

Die zweite Republik:

Nach einem von Diktatoren entfachten Weltkrieg von 1914 bis 1918 siegte die Demokratie 1919 endlich auch in Deutschland. Die zweite deutsche Demokratie konnte sich dieses Mal für 14 Jahre halten. Dann erlag sie der Weltwirtschaftskrise und dem Niedergang des allgemeinen BIP-Niveaus. Vier Jahre lang, von 1929 bis 1933, nahm das BIP ab. Das waren 16 Quartale in Folge. So schlimm sollte sich der wirtschaftliche Niedergang nie wieder in Europa ereignen. Jahr für Jahr hatten die Deutschen weniger Geld zur Verfügung. Der Hunger kehrte in die Gesellschaft zurück. Radikale Kräfte mit absurden Ideologien wurden gewählt. Am Ende gewann ein Diktator die Hand über den Staat. Er ließ endlos viele Menschen umbringen. Diese Diktatur war um ein Vielfaches schlimmer als das Kaisertum vor 1919. Es zeigt, dass Rebellion auf Basis zu geringen Wohlstands zu einer Katastrophe führen kann. Insbesondere wenn das Land industrialisiert ist und über viel zu viele junge kriegsbereite Männer verfügt. Gegen die Nazi-Diktatur mit Weltherrschaftsanspruch half nur ein Mittel: Die totale Niederlage der Deutschen. Das umfasste die völlige Besetzung des Landes und der Hauptstadt Berlin, aber auch erhebliche Aufbauhilfen, den Anschluss an den Welthandel und die nachhaltige Entideologisierung der Menschen.

Die dritte Republik:

Der Sieg der Alliierten Mächte über Nazi-Deutschland brachten im Westteil die Demokratie ins Land zurück. Die dritte Republik auf deutschen Boden entstand 1949. Nach hundert Jahren sollte sie zum ersten Mal dauerhaft funktionieren. Dafür mussten die Siegermächte endlos viel Geld und Menschenleben opfern. Deutschland erlebte danach über 40 Jahre militärische Besatzungsmächte im eigenen Land. Der Wiederaufbauplan der USA und die intensive Arbeit der Bevölkerung trugen Früchte. Der wirtschaftliche Wiederaufbau gelang nach 25 Jahren so gut, dass sich die Menschen Ende der 1960er Jahre auch innerlich überzeugt mehrheitlich zu Demokraten wandelten. Wenn Menschen Arbeit, Wohlstand und Sicherheit erlangen, dann wollen sie ihre Gesellschaft auch konstruktiv mitgestalten. Mit diesem bürgerlichen Engagement ging die Saat der Demokratie in Deutschland auf.

Der Wohlstand wuchs nicht nur auf 25.000 US-Dollar pro Person und Jahr, sondern sogar auf ein durchschnittliches BIP von 40.000 US-Dollar. Dadurch nimmt der Staat genug Steuern ein, um Menschrechte und rechtstaatliche Gerichtsentscheidungen für die Bürger zu ermöglichen. Deutschland lebt in einer Wohlstands-Komfortzone. Das erkennen Menschen heute weltweit selbst dann, wenn ihre eigenen Regierungen nicht demokratisch geprägt sind. Trotz der extrem starken Arbeitskultur und dem immer schlechten Wetter, Deutschland ist heute Sehnsuchtsort von Millionen.

Die vierte Republik:

Von 1945 bis 1989 mussten die Menschen im Osten Deutschlands unter einer weiteren ideologischen Diktatur leben: Dem Kommunismus. Spätestens seit Anfang der 1980er Jahre wussten sie, dass das reichere Westdeutschland viel mehr Lebensperspektiven bot als der Osten. Die Medien und Hilfspakete aus dem Westen transportierten täglich Ideen und Dinge über die Grenze nach Osten: Reisefreiheit, interessante Jobs, besseres Nahrungsangebot, keine Mangelwirtschaft, Redefreiheit und vieles mehr. Als es möglich war, flohen 1989 tausende Ostdeutsche von Ungarn aus über die Grenze nach Westdeutschland. Sie flohen auch vor der Bespitzelung, vor Schauprozessen und der Waffengewalt eines Überwachungsstaates. Die Ostdeutschen, die nicht flohen, hatten ebenfalls genug von der kommunistischen Herrschaft. Sie begannen in Massen zu demonstrieren und es gelang Ihnen, einen friedlichen Übergang von der Diktatur hin zur Demokratie zu erreichen. Eine solche friedliche Demokratiewerdung war für Deutschland ein Novum. Nach der Wiedervereinigung mit Westdeutschland 1990 entstand die 4. Republik auf deutschem Boden. Ihre Hauptstadt liegt heute in Berlin und nicht mehr in Bonn. Die Ideologien des Faschismus und Kommunismus sind überwunden aber nicht ausgestorben. Nach einem Kaiser ruft niemand mehr. Die Zeit und das wirtschaftliche Sein verändert den Denkinhalt der menschlichen Gehirne. Demokratie benötigt Zeit, um sich in den Menschen zu verankern. Im Falle von Westdeutschland dauerte es 100 Jahre, im Falle von Ostdeutschland 140 Jahre.

_ 1.3 Eine Kultur und eine Unkultur

Es gibt die Behauptung, es gäbe viele verschiedene Kulturen auf der Erde. Das Gegenteil ist richtig. Es gibt nur eine einzige Kultur auf diesem Planeten: Die eine Bildungs-, Freiheits- und Wohlstandskultur der einen Menschheit. Diese eine Kultur der Menschheit kommt nur dann nicht zum Tragen, wenn es zu viele arme Menschen gibt und der Abstand zwischen armen und reichen Menschen zu groß ist. Ist der Wohlstand nicht ausreichend, werden Menschen manipulierbar und verführbar. Gibt man aber allen Menschen auf der Welt von Geburt an die gleichen Chancen, ausreichend Geld und einen freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat, dann erhält man auf dem ganzen Planeten nach einigen Jahrzehnten die nahezu gleiche Kultur. Sie wird sich noch etwas unterscheiden, zum Beispiel in Sprache, Essensgewohnheiten, Musik und so weiter, doch mehrheitlich werden alle Menschen ihr individuelles Konzept vom Glück anstreben. Sie werden sich befreien von irrationalen Zwängen und der Unterdrückung durch andere. Sie werden sich von den traditionellen Familien- und Gruppenzwängen schrittweise lösen und erkennen, wozu das Leben eigentlich da ist: Das individuelle Glück suchen und es zeitweise finden.

Dieser Vorgang der Verwandlung ist messbar über das BruttoInlands-Produkt. Das, was die Menschen an Geld auf ihrem Konto haben und das, was sie damit kaufen können, entscheidet darüber, wer sie als Individuen sind und wie sie ihr Leben gestalten. Weil dieses BIP von Jahr zu Jahr auf diesem Planeten seit 200 Jahren (!) kontinuierlich zunimmt, gerät die Menschheit in der 2. Hälfte des 21. Jahrhunderts in die Lage, alle verbleibenden Diktaturen und Ideologien abzusetzen.

Bis es soweit ist, hat die große Freiheitskultur der einen Menschheit noch einen bedeutenden Gegenspieler. Ihr gegenüber liegt die Unkultur der Unterdrückung, der Ausbeutung und der Gewalt. Diese Unkultur ist weltweit anzutreffen und immer gleich. Eine Gruppe der Gesellschaft unterdrückt einen anderen Teil der Gesellschaft. Es ist egal in welchem ideologischen Gewand die Unkultur sich einhüllt, im Kommunismus, Faschismus oder im Gewand der frommen Religion. Immer ist das Prinzip gleich. Andersdenkende werden brutal unterdrückt. Eine Gruppe zieht Privilegien aus dem System, für das alle anderen arbeiten müssen. Liegt das BIP unter 25.000 US-Dollar kommt es regelmäßig dazu, dass die Demokratie „gestohlen“ wird. Durch Wahlen kommen Diktatoren an die Macht. Danach ändern Sie die Gesetze und lassen ihre Abwahl nicht mehr zu. So geschah es zum Beispiel in Russlands jüngerer Vergangenheit. Aber auch alte Eliten nutzen schwache Demokratien aus oder es kommt zu Militärputschen wie zum Beispiel 2013 in Ägypten. Die Feinde der Demokratie sind oft besser organisiert als die Demokraten. Fast immer kommt durch diese Unkultur der Krieg der Männer gegen die Frauen zum Ausdruck. Letztlich handelt es sich um eine Unkultur von Männergruppen, die Krieg gegen alle Feinde führen. Sie halten stark zusammen, sind gut organisiert und gemeinsam zur Gewalt bereit. Sie führen Krieg gegen alle Wettbewerber, sowohl gegen Demokraten als auch gegen andere Diktatoren.

Die freie Menschheit kann das nicht unbeteiligt hinnehmen. Sie muss die Unkultur der Gewalt stoppen und Gerechtigkeit herstellen. Um die Unkultur zu besiegen, müssen die Schreie der Unterdrückten und Opfer öffentlich gemacht werden. Die Unkulturisten sind besiegbar, insbesondere in dem Moment, wo man sie aus ihrem Umfeld raus löst und sie in die Verlassenheit ihres eigenen Seins führt. Dies geschieht durch rechtstaatliche Justiz einerseits und durch die Kraft der pädagogischen Umerziehung andererseits.

_ 1.4 Europa im 21. Jahrhundert

Europa befindet sich im 21. Jahrhundert in der Rolle Großbritanniens im 20. Jahrhundert. Die Briten verfügten am Anfang des 20. Jahrhunderts über eine solide Demokratie und beherrschten ein Weltreich. Auf dem Kontinent Europa hielten sie sich zurück. Sie verfolgten nur ein strategisches Interesse: Keine Macht auf dem Kontinent sollte zur alleinherrschenden Macht werden. Stattdessen traten sie für eine Balance der Mächte ein, damit kein europäisches Land den Briten weltweit Konkurrenz machen konnte. Um das zu erreichen, musste Großbritannien sehr viel investieren. Zusammen mit ihren Verbündeten gewannen sie zwei große Weltkriege, waren danach aber wirtschaftlich mehr als angeschlagen und verloren weltweit fast alle Militärbasen und Kolonien. Ihre teuer erkauften Siege ermöglichten ihnen aber trotzdem etwas, was fast allen anderen Ländern auf dem Kontinent verwehrt blieb.

Die Briten erhielten jederzeit ihre Demokratie und ihre staatliche Souveränität im 20. Jahrhundert. Sie wurden weder von einer Ideologie beherrscht noch von einer fremden Macht unterworfen. Sie verteidigten ihren Grund und Boden gegen den Faschismus und den Kommunismus erfolgreich.

Das ist die Rolle, die ein vereintes Europa im 21. Jahrhundert einnehmen kann und muss. Die Stürme des Krieges, der Diktatur und der Ideologie wüten in Afrika und Asien. Europa aber schafft es mit einer großen Kraftanstrengung, seine demokratische Gesellschaftsordnung nach innen zu verteidigen und nach außen schrittweise zu exportieren. Die Bandbreite der Zukunftsszenarien ist dabei breit:

Im schlechtesten Fall ereilt Europa die Teilnahme an einem dritten Weltkrieg im Nahen Osten. Im besten Fall wird Europa proaktiv der Motor der Wirtschaftsentwicklung des Nahen Ostens. Welche Rolle Europa einnimmt hängt zum einen an den Europäern selbst und zum anderen an der Entwicklungsdynamik Afrikas und Asiens. Sicher ist heute nur, dass Europa dem Wechselbad zwischen Freiheit und Diktatur in den instabilen Ländern des Nahen Osten nicht neutral gegenüber bleiben kann. Große Bewegungen von Kriegsflüchtlingen nach Europa führen schon jetzt zu einem Aufstieg der populistischen Parteien in Europa. Diese sind tendenziell antidemokratisch eingestellt. Eine Aushöhlung der Menschenrechte in Europa wäre die Folge.

Traditionell stand die Supermacht USA auf der Seite der freien Demokratien. Das war die Lebensversicherung der Demokratien in Europa im 20. Jahrhundert. Das gemeinsame Militärbündnis der Nordatlantischen Allianz (NATO) galt als gemeinsamer Garant für Frieden, Freiheit und Sicherheit. Doch in der Gegenwart wird den Europäern klar, dass sie im schlechtesten Fall auf sich selbst gestellt sein werden. Sie intensivieren ihre Zusammenarbeit jetzt, um gemeinsame militärische Eingreiftruppen und Waffensysteme zu entwickeln. Diese enge militärische Zusammenarbeit ist ein wichtiger Baustein, um die Demokratien in Europa am Leben zu erhalten.

Die europäische Sicherheitspolitik muss darüber hinaus in großem Maße außerhalb Europas staatfinden. Zerfallende Staaten im Nahen Osten sind permanente Brutstädten des internationalen Terrors. Europa muss eine Handlungsdoktrin umsetzen, die in zerfallende Staaten drei Dinge transportiert: Sicherheit der Bürger, Bildung für alle Menschen und Jobperspektiven. Über Jahrzehnte kann so der wirtschaftliche Aufbau einer Gesellschaft und damit dauerhafte Demokratie gelingen. Über Jahrzehnte! Als Vorbilder für diese Prozesse dienen die Befriedung Deutschland nach 1945 und das zerfallende Jugoslawien in den 1990er Jahren.

Die Kernstaaten der Europäischen Union (EU) haben nur dann eine Chance sich zu behaupten, wenn sie nach innen wie nach außen im Team auftreten. Gemeinsame europäische Institutionen sind dafür unausweichlich. Die Bürger werden dies mehrheitlich auch verstehen und bejahen, wenn sie merken, dass sie sonst in ihrem privaten Leben direkt bedroht wären. Die Kernstaaten Europas bilden insbesondere die Gründungsländer Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande. Sie verfügen über die längste demokratische Historie und ein ähnliches BIP-Niveau. Ihr gemeinsamer Konsens wird zu einer gemeinsamen Handlungsdoktrin für die Mehrheit aller europäischen Staaten führen.

Die kommenden Krisenjahrzehnte des Nahen Ostens sind damit eine Chance zur Einigung Europas, die es zu nutzen gilt: Eine gemeinsame Armee, ein einheitliches Steuersystem, eine direkt gewählte Regierung und eine gemeinsame Verfassung. Auf dem Weg zu einer demokratischen Weltregierung ist die Einigung Europas ein wichtiger Zwischenschritt. Denn das ist das große politische und wirtschaftliche Ziel im 21. Jahrhundert: Die Einigung der Menschheit in Freiheit, Demokratie, Wohlstand, globalen Sozialstandards und die Geltung der allgemeinen Menschenrechte für alle.

Um den zukünftigen Entwicklungsweg der Menschheit dahin zu skizzieren, führt dieses Buch zunächst in die Analyse der wichtigsten Menschheitsprobleme: Globales Wirtschaftswachstum, Bevölkerungsexplosion, Gruppenbildung, Ideologien und Kriegsszenarien. Danach werden Lösungsansätze beleuchtet und schließlich die Möglichkeit der Entstehung neuer demokratischer Gruppen via Internet. Das Schlusskapitel wagt einen Ausblick in die großen technischen Innovationen der Jahre 2050 bis 2100.

Kapitel 2

_ 2. Globales Wirtschaftswachstum

Das globale Wirtschaftswachstum, gemessen am Brutto-InlandProdukt (BIP), wächst und wächst seit 200 Jahren weltweit an. Solange die Menschheit ohne großen technischen Fortschritt unterwegs war, solange herrschten einige wenige sehr reiche Menschen über 95 Prozent sehr arme Menschen. Doch dann passierte etwas Neues und Einmaliges. Es ereigneten sich so viele Erfindungen, dass eine Massenproduktion einsetzte, deren Güter nun auch für die normalen Bürger erschwinglich waren. Die Industrialisierung startete in England am Ende des 18. Jahrhunderts. In dieser Zeit kam es zeitgleich zu Erfolgen der Demokratisierung in England, Frankreich und den USA. Die Gerechtigkeit und der Wohlstand wuchsen nicht linear konstant an, sondern in Wellen. Generation für Generation schuf mehr Wohlstand. Die Produkte wurden besser, die Medizin auch. Der Handel wuchs, die Mobilität auch. Energie wurde immer billiger und die Erfindungen überschlugen sich. Laut einer Theorie kommt es pro eine Milliarde Menschen pro Jahr zu einer Erfindung, die für die gesamte Welt bahnbrechend ist. Das Rad, die Glühbirne, Penicillin, der PC, das Smartphone. Diese Bewegung ist ungebrochen. Die Weltwirtschaft wächst jedes Jahr um drei bis fünf Prozent. Die großen Erfindungen kommen immer schneller in das Leben aller. Es läuft alles in die richtige Richtung. Wohlstand für alle verbunden mit Demokratie, Menschenrechte, Freiheit und Rechtstaatlichkeit sind für alle – wirklich alle Menschen - auf diesem Planeten zum Ende des 21. Jahrhundert realisierbar. Das ist die Wachstumsschiene auf der die Menschheit langfristig fährt. Doch die Gleise sind Gefahren ausgesetzt. Zum einen die immensen Umweltschäden, die immer stärkere Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit der Menschen haben. Zum anderen wird das notwendige globale Wachstum von Wirtschaftskrisen und Kriegen in vielen Ländern der Erde begleitet.

_ 2.1 Was ist das Brutto-Inlands-Produkt?

Philipp Lepenies beschreibt das Bruttoinlandprodukt wie folgt: „Das Bruttoinlandsprodukt ist die mächtigste Kennzahl der Menschheitsgeschichte. Keine andere statistische Größe hat jemals eine ähnliche Wirkung entfaltet. Vordergründig ist das BIP nur das Maß der wirtschaftlichen Leistung einer Volkswirtschaft, der in einer Zahl ausgedrückte Wert aller in einer Periode hergestellten Güter und Dienstleistungen. Aber zusammen mit dem Wachstum, das die Veränderungsrate des BIP angibt, ist es viel mehr als bloße Statistik. Das BIP dient als Hauptindikator für Entwicklung und Fortschritt. Positives BIP-Wachstum ist nicht nur erklärtes Ziel fast jeder Regierung, sondern gilt oft auch als einzig möglicher Ausweg aus einer ökonomischen Krise. Die Wirtschaft und die Politik der Welt definiert sich in hohem Maße über das BIP.“ Es schließen sich folgende Definitionen zu den einzelnen Bestandteilen des BIP an:

A. Brutto-Inlands-Produkt:

„Wert der im Inland erwirtschafteten Leistung einer Volkswirtschaft in einer Periode.“

B. Definition Wert:

Der Wert betrifft alle im Inland erwirtschafteten Leistungen einer Volkswirtschaft in einer Periode, meist ein Jahr.

C. Geldeinheiten:

Der Wert wird mit Geldeinheiten gemessen, die aufaddierte Preise aller produzierten Güter (Produkte und Dienstleistungen).

D. Preis:

Es werden dabei nicht die Endpreise erfasst, sondern nur die Preise der hergestellten „Wertschöpfung“ minus verwendete Rohstoffe, Dienstleistungen oder Vorprodukte. Das heißt auch, dass alle Leistungen, die nicht am Markt gehandelt werden, nicht mit in die Berechnung eingehen (zum Beispiel Hausarbeiten).

E. Wachstum:

Vergleicht man verschiedene Zeitperioden miteinander, so kann man das Wachstum in Prozent ermitteln. Die Inflation wird dabei herausgerechnet.

F. Brutto:

Das „Brutto“ im BIP bedeutet, dass die Wertminderung zum Beispiel von Maschinen bei der Produktion in der Berechnung nicht berücksichtigt wird (im Gegensatz zur Netto-Berechnung).

G. Inland:

Um ein Inlandsprodukt handelt es sich, wenn alle erwirtschafteten Leistungen eines Wirtschaftsgebietes gemessen werden, unabhängig davon wo die beteiligten Individuen leben oder welcher Nationalität sie angehören. Die Berechnung des BIP hat die Berechnung des Brutto-Sozial-Produkts (BSP) abgelöst, die sich an der Wertschöpfung durch Menschen mit permanenten Wohnsitz im Inland orientierte.

H. Produkt:

Das BIP ist ein mathematisches „Produkt“, weil es eine Addition mit einem Endergebnis ist.

I. Ermittlung:

Das BIP kann auf drei Wegen ermittelt werden. Alle drei Wege führen inhaltlich zu dem gleichen Ergebnis und können sich so gegenseitig bestätigen.

Weg 1: Berechnung nach Produktion, das heißt der Entstehung von Produkten und Dienstleistungen. Hier wird das BIP beim Produzenten ermittelt.

Weg 2: Berechnung nach Ausgaben, das heißt nach der Verwendung der Güter auf der Nachfrageseite. Hier erfasst das BIP, was die Verbraucher für die Waren und Dienstleistungen ausgeben.

Weg 3: Berechnung nach Einkommensverteilung, das heißt es wird gemessen wie hoch die Einkommen sind, die während des Produktionsprozesses entstanden sind.

_ 2.2 Die Bedeutung des BIP im Alltag

Das BIP ist nicht das Netto-Geld, was die einzelnen Menschen wirklich auf Ihrem jährlichen Verdienstkonto haben. Es ist nur der Geldwert aller produzierten Güter während eines Jahres in einem Land pro Person. Es wird also ein Durchschnittswert auf den einzelnen Bürger heruntergerechnet. Um herauszufinden, was der durchschnittliche Bürger verdient, müssen die Kosten der Arbeitsplätze abgezogen werden. In den Industrieländern liegt der Bruttolohn der Menschen dadurch bei ungefähr 70 Prozent des BIP-Wertes. Davon gehen dann noch Steuern und Sozialabgaben ab. Erst dann entsteht das Nettogehalt, das der durchschnittliche Verdiener erhält. Es liegt dann meist bei circa 35 Prozent des BIP-Wertes.

In armen Ländern sind in der Regel die Lebenshaltungskosten geringer als in reichen Ländern oder anders gesagt: Die Kaufkraft des Geldes ist in armen Ländern höher. So ist ein direkter Vergleich der Länder anhand der BIP-Quoten nicht möglich. Dafür muss vorher noch die Kaufkraftparität berechnet werden. Dieser Wert versucht, die unterschiedliche Kaufkraft des Geldes in verschiedenen Ländern zu berechnen und in US-Dollar darzustellen. Mit diesem Modell der BIP-Kaufkraftparität operieren zum Beispiel die UNO und die Weltbank, um damit die wirtschaftliche Vergleichsgrundlage zwischen den Ländern der Welt zu ermöglichen. Die in diesem Buch verwendeten Zahlen basieren auf dieser Berechnung der BIP-Kaufkraftparität.

Die Werttätigen in den Industriestaaten erhalten circa 70 Prozent des erzeugten BIPs als Vergütung ausgezahlt. Angenommen in Deutschland lebt ein Mensch mit einem Bruttolohn von 40.000 US-Dollar pro Jahr, dann bleiben ihm davon circa 20.000 USDollar netto übrig. Die andere Hälfte geht in Form von Steuern und Sozialabgaben an den Staat. Mit dem Nettolohn von 1.667 Dollar pro Monat kann ein Mensch in Deutschland gut leben. Ein Auto, eine Auslandsreise pro Jahr, Lebenshaltungskosten, Miete für eine eigene Wohnung, eine Vereinsmitgliedschaft, einige Feiern im Jahr, etwas Sparen für die Rente, berufliche Weiterbildungen. So weit so gut. Jetzt folgt eine gedankliche Herausforderung. Was wäre, wenn durch zukünftige Katastrophen dieser Mensch von heute auf morgen nur noch über 30 Prozent der Einkünfte, also 500 US-Dollar, verfügen könnte? Alle Preise blieben dabei gleich hoch. Was kann der Mensch in einer solchen Situation tun? a. Massiver Konsumverzicht – oder b. Eine Revolte gegen die Regierung anstrengen. Geht er den Weg des Konsumverzichts, zieht er in eine Wohngemeinschaft, lebt sogar mit mehreren Menschen auf einem Zimmer, verkauft das Auto, streicht alle Ausgaben außer dem Essen, dann überlebt er. Doch das Leben ist sehr hart geworden. Im Winter ist das Zimmer nicht mehr voll geheizt. Bei noch weniger Verdienst, würde das Hungern beginnen. Eine irritierende Vorstellung für Menschen in reichen Ländern. Essen scheint dort fast nichts zu kosten. Die Konsumwelt scheint unverwüstlich. Die Angebotspalette der modernen Supermärkte ist ein logistisches Weltwunder.

Doch in Großteilen der gesamten restlichen Welt geht es leider anders zu. Viele Menschen leben mit noch weniger als diesen 500 US-Dollar pro Monat. Sie leben nicht in Häusern, nur unter Planen und sind täglich auf der Suche nach Nahrung. Ihr Körper ist geschwächt. An eine organisierte Rebellion ist nicht zu denken. Die ist nur Menschen möglich, die über mehr als 500 US-Dollar pro Monat verfügen. So ausgestattet können sie noch politisch aktiv sein, weil die tägliche Nahrungsmittelversorgung ausreicht. In Europa ist das Steueraufkommen so hoch, dass Menschen ohne Arbeit Sozialleistungen von deutlich mehr als 500 US-Dollar pro Monat erhalten. Wäre das BIP aber geringer, dann würde das viele Millionen Menschen sehr schwer treffen. Als Ergebnis verändert sich ihr Wählerverhalten. Demokratie und Sicherheit können verloren gehen und das ausschließlich, weil die Finanzen der Menschen nicht mehr stimmen. Alles, wirklich alles hängt an dem BIP. Der Mensch ist, was er auf dem Konto hat.

Oft fehlt es den Menschen in Europa an der Wahrnehmung ihres Wohlstandes. Mit einem Experiment kommt man diesem Phänomen auf die Spur: Man geht einen Tag lang durchs Leben und macht jede halbe Stunde ein Foto von der Umgebung, um am Ende des Tages die genutzten Gegenstände mit Preisen zu versehen. Was kostet diese Infrastruktur, die Straßen, Büros, Transportmittel, Technik, Geschäfte, Kliniken, Behörden, Arztpraxen? Schnell subsumieren sich große Beträge. Der gesellschaftliche Reichtum ist riesig, die Wahrnehmung dessen aber nur sehr gering. Wenn die Menschen das Wachstum des BIP erkennen wollen, dann helfen auch Reisen in sich entwickelnde Länder in Abständen von fünf oder mehr Jahren. Wo früher nur schlechte Straßen zu sehen waren, wurde nun zementiert und beschildert. Städte erhalten eine Vielzahl von neuen deutlich sichtbaren Gebäuden. Die Qualität von Sanitäranlagen nimmt auf breiter Front zu. Es gibt mehr Freizeitmöglichkeiten und mehr Konsumeinflüsse aus weltweitem Handel. Die Menschen können sich diese Produkte auf einmal leisten. Sie sind Teil des Welthandels. Zum Vergleich helfen auch Bilder der heimischen Städte, die vor 50 und 100 Jahren aufgenommen wurden. Diese Bildvergleiche zeigen fast überall deutliche Entwicklungen auf. Der Wohlstand nahm zu.

_ 2.3 Weltweites Wachstum anhand von Index-Karten

In Europa, den USA und Japan nahm die Bevölkerung und das Wirtschaftswachstum über zwei Jahrhunderte stetig zu. Seit Mitte des 20. Jahrhundert traten immer mehr Länder der Welt in diesen Wachstumsprozess ein, der mittlerweile fast ganz Asien und große Teile von Afrika erfasst hat.

BIP-Entwicklung der letzten 2.000 Jahre

Abb. 1

Mittlerweile stehen jeden Tag mehr als zwei Milliarden Menschen auf, um konkret für die Erlangung ihrer eigenen Konsumwünsche zu arbeiten. Sie wollen und müssen arbeiten. Alle anderen Ziele im Leben treten dahinter zurück. Bildung und Arbeit wird zur Nummer 1 im Leben. Familie, Religion und Traditionen werden nachrangig. Das Ergebnis schlägt sich in der obigen Graphik nieder. Das weltweite BIP wächst rasant. Im Jahr 2015 lag es weltweit bei 15.415 US-Dollar. Ein Rückgang gab es in den letzten Jahrzehnten selbst dann nicht, wenn einzelne Regionen sich in schweren Wirtschaftskrisen befanden. Das Wachstum in anderen Regionen konnte den Rückgang des Welt-BIP verhindern. Alle Nationen haben erkannt, dass das Modell der Industrialisierung auf alle Gesellschaften übertragbar ist. Die notwendigen Schulen und Universitäten werden weltweit gebaut. Immer mehr Menschen lernen lesen und schreiben. Konsumgüter sind für immer mehr Menschen erschwinglich. Immer mehr Länder betreiben Forschung und Entwicklung in staatlichen Instituten oder in den Unternehmen der Privatwirtschaft. Die Geschwindigkeit der Wissensvermehrung der Menschheit nimmt von Jahr zu Jahr zu. Der daraus entstehende Fluss an Innovationen und Lebensverbesserungen für den normalen Menschen reißt nicht ab. Trotz aller politischen Krisen ist ein Ende dieses Prozesses nicht in Sicht.

Exemplarisch lässt sich die Entwicklung einer Volkswirtschaft eines Landes an der Geschichte der USA ablesen. Inflationsbereinigt gab es ein langfristiges Wachstum der Wirtschaft um zwei bis fünf Prozent pro Jahr. Durch eine progressive Einwanderungspolitik der USA wächst dort die Wirtschaft etwas stärker als in Europa. Die Sättigung der Konsumbedürfnisse bei Einwanderern tritt nicht so schnell ein. Historisch traumatisch war der Rückgang des BIP der USA in den Jahren 1928 bis 1932 durch eine große Wirtschaftsdepression. Diese führte nicht nur zu neuen Sozialgesetzen in den USA und dem Ausbruch des 2. Weltkrieges, sondern auch zu einer nachhaltigen Änderung in der amerikanischen Wirtschaftspolitik. In Wirtschaftskrisenzeiten wurde seitdem immer wieder massiv staatlich investiert, um einen zu starken Rückgang des BIP zu vermeiden. Leider vergaßen die Politiker in den guten Jahren, die entstandenen Staatsschulden zurückzuzahlen.

BIP der Vereinigten Staaten von Amerika

Abb. 2

Asien und Afrika sind am Anfang des 21. Jahrhunderts am stärksten von großer Armut betroffen (siehe Abbildung 3). Zeitgleich sind es die Regionen, die sowohl über ein hohes Bevölkerungswachstum verfügen als auch über starke BIP-Wachstumsraten. Sie benötigen ungleich mehr neu zu schaffende Jobs für die jungen Menschen als Regionen in Europa und Amerika. In den guten Wirtschaftsjahren kommt es zwar zu vielen neuen Jobs, in den Krisenjahren werden aber auch sehr schnell Millionen Menschen entlassen. Staaten mit einem BIP von 25.000 US-Dollar und mehr können in Krisenzeiten die ärmere Bevölkerung lange mit Sozialleistungen versehen. In Entwicklungsländern gibt es dagegen keine staatlichen Sicherungssysteme. Schnell leidet ein Teil der Bevölkerung an Hunger. Das ist die zentrale Gefahr eines Wachstumsprozesses mit hohen Schwankungseffekten in armen Ländern.

BIP-Verteilung weltweit

Abb. 3

Die Volkswirtschaftslehre hat das Bestreben, komplexe Sachverhalte in einfache Darstellungsformen zu transferieren. Ein Sachverhalt wird als S-Kurve dargestellt: Die Entwicklung des Wirtschaftswachstums bzw. des BIPs in einer Volkswirtschaft.

Die S-Kurve ist eine Zick-zack-Kurve

Abb. 4

Diese vereinfachte Darstellung der Entwicklung einer Volkswirtschaft hat einen entscheidenden Nachteil. Sie unterschlägt die endlosen Leiden der Menschen und das Hin und Her von Diktatur und Demokratie. Emotional ist es für die Menschen eher ein Ritt auf der Rasierklinge als eine gleichmäßige Fortbewegung. Große Einschnitte durch Wirtschaftskrisen, Kriege und Fehler der Regierungen werden nicht dargestellt. Unsägliche Arbeitsbedingungen, Verfolgung, Vertreibung, Enteignung, Hyperinflation, Hungersnöte, das alles fällt vom Tisch der volkswirtschaftlichen S-Kurven-Darstellung. Sie glättet die erheblichen politischen und sozialen Unwuchten mit der Macht der Langfristbetrachtung.

Emotional handelt es sich für die betroffenen Menschen aber nicht um eine S-Kurve, sondern um eine Zick-zack-Kurve. Deswegen kann die Politik sich eine solche Betrachtung nicht erlauben. Sie muss dort sein, wo die Menschen täglich mit den Erdbeben der Zick-zack-Kurve umgehen müssen. Politik muss insbesondere die Abwärtsbewegungen der Wirtschaft erkennen und angemessen darauf reagieren. Sonst wiederholen sich die Wirtschafts-Wachstumsschmerzen des 20. Jahrhunderts mit den gleichen negativen Resultaten in Afrika und Asien im 21. Jahrhundert.