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Als Anna Zielke nach dem Tod ihrer Großmutter in ihr Heimatdorf Alt-Kaster zurückkehrt, ahnt sie nicht, dass die alten Legenden, die sie als Kind belächelt hat, blutige Wirklichkeit sind. Zwischen den engen Gassen, den Nebeln des Kasterer Waldes und den unausgesprochenen Geheimnissen der Dorfbewohner spürt Anna bald eine unheimliche Präsenz, die in jeder Vollmondnacht stärker wird. Die Spuren führen tief in die Familiengeschichte – zu einem uralten Pakt, der niemals hätte geschlossen werden dürfen. Je mehr Anna die Wahrheit erfährt, desto mehr gerät sie selbst in den Sog einer Bestie, die nicht nur das Dorf bedroht, sondern auch in ihr erwacht. Gefangen zwischen Mensch und Monster, Schuld und Verantwortung, muss Anna entscheiden, ob sie das Erbe annimmt oder zerstört – und welchen Preis sie dafür zahlen will. Ein düsterer, atmosphärischer Roman über Sagen und Schuld, über Gemeinschaft und Ausgrenzung – und die Frage, ob das wahre Monster im Wald lebt oder in uns selbst.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Für meine Freundin.
Meine Wegbegleiterin, Muse, Fee.
Danke, dass du da bist.
Der Abend fällt kalt über Alt-Kaster wie ein schwerer Mantel. Das letzte Licht schiebt sich zwischen die Ziegeldächer, zieht die Schornsteine lang und grau, und die Pfarrturmuhr schlägt langsam, jede Bewegung ein kleiner Donner in der kühlen Luft. Auf dem Kopfsteinpflaster liegt der erste Frost am Rand der Fugen; die Blätter, die tagsüber noch raschelten, sind zu knisterndem Papier geworden und drehen einsam in den Rinnsteinen.
Aus den Kaminen zieht dünner Rauch, der nach angefeuertem Holz und trockenem Gras riecht. An der Bäckerei hängt noch der Nachgeschmack von frischem Brot in der Luft, obwohl die Tür längst zu ist; hinter den Scheiben liegen die leeren Theken wie Erinnerungen. Eine Laterne wirft runde Lichtinseln auf die Straße, ihr Schein tropft an den Hauswänden hinunter und macht die Schatten länger, bis sie wie schwarze Finger über die Gassen kriechen.
Menschen bewegen sich rasch, in die Kragen gezogen, Hände tief in den Taschen vergraben. Ein paar Schritte, ein hastiges Lachen, dann Schweigen – die Gespräche dauern nun kürzer, als wäre die Kälte ein Argument gegen Verweilen. Ein Fahrrad kurz an einer Ecke, ein verschlossener Laden, das Klacken einer Ladentür: kleine, klare Töne in der dicken, kalten Stille.
Am Rand des Ortes presst sich der Kasterer Wald wie ein dunkles Versprechen an die letzte Gartenhecke.
Der Wind fährt durch die Bäume und trägt den feuchten Geruch von Moos, nassem Laub und Erde herüber; er hebt die Zweige, lässt sie gegeneinander schaben, und irgendwo antwortet ein Hund mit langem, einsamem Jaulen. Die alte Windmühle am Feldrand ächzt gelegentlich, ein müder Atem, der zwischen den Stangen klingt und die Weite der Nacht betont.
Wenn man genau hinhört, ist da noch etwas anderes: das entfernte Klirren einer Flasche in einem Hinterhof, das Murmeln von Stimmen, die schneller werden, als wollten sie dem Dunkel keine Zeit geben, sich zu setzen. Der Atem der Menschen steht weiß in der Luft, kleine Wolken, kurz und fragil, die sofort von der Kälte zerrieben werden. Und über allem spannt sich der Himmel wie eine dunkle Decke, schon bestickt mit den ersten kalten Punkten der Sterne – klar, hart und unbeirrbar.
Der Empfang im kleinen Hotel ist so nüchtern, wie Anna es erwartet – und doch trifft er sie wie eine kalte Hand. Die Rezeption ist ein Schreibtisch aus dunklem Holz, darüber ein vergilbtes Schild mit dem Namen „Hotel Klose“. Hinter dem Schreibtisch steht eine Frau mittleren Alters mit zurückgekämmtem Haar und einem Gesicht, das Lächeln als etwas Ungewohntes trägt; Frau Klose reicht Anna den Schlüssel, als wäre es ein Tauschgeschäft, und sagt trocken: „Zimmer drei, oben rechts. Frühstück gibt’s ab acht.“ Ihre Stimme enthält kein Beileid. Anna lächelt gezwungen, gibt ihren Namen, nennt den Grund ihrer Rückkehr: „Meine Großmutter ist gestorben“, und sieht, wie die Frau kurz, kaum merklich, die Augen zusammenkneift, als wollte sie eine Erinnerung wegschieben.
Draußen vor dem Hotel bläst der Herbstwind; Anna zieht den Kragen ihres Mantels hoch und hat das Gefühl, die Kälte kriecht nicht nur von draußen, sondern von innen in das Dorf hinein. Sie ist fünfundzwanzig, braunes Haar zu einem praktischen Knoten gebunden, die Gesichtszüge klar, die Schultern nicht schmal, aber angespannt. Beruflich ist sie weit genug weg gewesen, um sich eine sachliche Haltung zu leisten – Projektmanagerin in Düsseldorf, Termine, kein Platz für sentimentale Rückkehr – und doch ist etwas in ihrem Magen, das sich nicht von Logik beruhigen lässt: eine Schwere, die mit dem Namen „Agnes“ verbunden ist.
Im Flur des Hotels hört sie, wie die anderen Gäste die Teller klappern lassen, wie die Stimme eines Mannes in der Ecke lacht; sie würde gern dabei sein, einklinken, die gewöhnliche Wärme einer Kneipe aufnehmen, aber überall, wo Blicke fallen, spürt sie Zurückhaltung. Die paar, die sie sieht, wenden die Augen ab, als ließe sich so ein Gespräch besser vermeiden. Es ist nicht offene Feindseligkeit – die wäre einfacher – sondern eine gedämpfte Distanz, die erklärt: Hier hat jemand ein Kapitel geliefert, das man nicht gern wieder aufschlägt.
Am nächsten Morgen macht sie sich auf den Weg zum Haus der Großmutter. Der Weg dorthin ist kurz; Alt-Kaster ist klein genug, dass der Puls des Ortes in Minuten gemessen wird. Die Häuser reihen sich wie geduldete Gäste aneinander. Anna kennt jede Ecke noch, obwohl ihr Schritt zunächst unsicher ist – dann fester. Alte Gerüche kommen ihr entgegen: gemahlener Kaffee, nasses Laub, die saure Note von Kastanien. Kinder schwirren vorbei, ein Schulbus fährt, kurz und blechern, und jemand ruft schelmisch einen Namen, der nicht ihr gilt.
Das Haus, in dem Agnes lebte, steht am Ende einer schmalen Straße; ein zweigeschossiges Fachwerk mit verblasster Farbe, der Garten eingewachsen, das Holz der Veranda vom Regen dunkel gezeichnet.
Die Fenster sind noch geschlossen, die Gardinen grau wie Staub. Die Haustür schwingt unter Annas Hand überraschend leicht auf; ein Schlüsselbund liegt unter einem kleinen Stein neben der Treppe – genau so, wie es ihre Großmutter immer gemacht hat. Anna denkt an die Hände ihrer Großmutter: kleine, verknöcherte Finger, immer nach den Tassen tastend, immer Arbeit in ihnen. Sie tritt ein.
Im Flur hängt ein Kreuz, darunter eine kleine Garderobe mit Haken, an denen Mäntel hängen, die längst keiner mehr trägt. Luft, die nach Lavendel und alten Büchern riecht, schlägt ihr entgegen. Auf dem Tisch liegt ein Stapel Briefe, unaufgeräumt, als wäre das Haus gestern erst verlassen worden. Das Wohnzimmer bewahrt den Geruch von Politur und Vanille; die Möbel stehen an vertrauten Plätzen, der Sessel, in dem Agnes jahrelang gestrickt hat, ist eingedrückt. Anna lässt ihren Koffer ab, atmet diesen Geruch ein und fühlt, wie eine Welle von Erinnerungen sie durchfährt – Weihnachten mit dem geräucherten Lachs, die Sommer, in denen Agnes Eistee gemacht hat, die Katzen, die auf dem Ofen geschlafen haben.
Sie beschließt spontan: Ich ziehe hier ein. Das Hotelzimmer, mit seinen dünnen Wänden und dem anonymen Frühstücksbuffet, fühlt sich jetzt wie eine Flucht an – eine Flucht, die sie nicht mehr nehmen will. Das Haus ihrer Großmutter ist ein Versprechen von Beständigkeit, auch wenn es zerfallen ist. Anna stellt eine Matratze ins Gästezimmer, packt Bettwäsche aus, richtet eine kleine Ecke mit einem Beistelltisch und einer Lampe her. Später, als die Dunkelheit kommt, sitzt sie auf dem Sessel mit einer Tasse Tee in den Händen, und das Haus atmet um sie herum; es knarrt, es setzt kleine Geräusche frei, die kein Hotel je hat.
Die ersten Tage vergehen in einem Nebel aus Papierstapeln und Schachteln. Anna sortiert Konten, öffnet Schubladen, gießt den verbliebenen Lavendel aus einer Dose in ein Einmachglas und beschriftet es „Agnes – Garten“. Rechnungen auf der einen Seite, Briefe auf der anderen. Es sind die banalen Dinge, die den Nachlass ausmachen: Quittungen von Apotheken, Päckchen mit Samen, eine Sammlung von handgeschriebenen Rezepten, die in einer unordentlichen Handschrift vermerkt sind. Manchmal bleibt sie in einer Zeile hängen – ein Name, eine Jahreszahl.
Sie fühlt, wie ein Puzzle sich zusammenfügt und zugleich neue Kanten freilegt.
Doch die Kälte der Dorfbewohner bleibt. Anna versucht, die Haushaltsgegenstände zu verkaufen: Teller, die Agnes von Hand bemalt hat; eine Silberkanne, die sich beim Abendessen auf der Seite glänzend zeigt; ein altes Schaukelpferd mit eingeritztem Namen. Sie klingelt bei den Nachbarn, bringt Proben in den kleinen Antiquitätenladen an der Straße, hängt Anzeigen am schwarzen Brett im Laden von Frau Mertens aus. Überall die gleiche Reaktion: höfliches Ablehnen, ein „Wir haben selbst genug“ oder ein Ausweichen der Augen. Einmal bietet ihr Herr Jansen, der frühere Besitzer des Gemischtwarenladens, einen halben Blick und sagt mit einer Stimme, die sorgfältig festgelegt ist: „Manche Dinge gehören zu Erinnerungen. Wir nehmen nicht gern Dinge, die an… na ja. Es ist besser, das so zu lassen.“ Anna fragt nicht weiter, weil Worte in diesem Dorf oft lauter sind, wenn sie unausgesprochen bleiben.
Sie versucht es mit einem Flohmarkt in der nächsten größeren Stadt; sie bringt Kisten voller Porzellan, eine Schreibmaschine, ein Messingmesser. Doch der Transport ist teuer, und die Resonanz geringer als erwartet. Käufer zieren sich, wenn sie erklären muss, woher die Sachen stammen. „Alt-Kaster? Nein danke, keine Zeit“, murmelten einige, und Anna spürt, wie der Wunsch, schnell zu verkaufen, in eine Scham übergeht, die sie nicht teilen will. Sie hat gehofft, dass praktische Dinge – Teller, Bügeleisen, Bettwäsche – einfach eine andere Hand finden. Stattdessen stößt sie auf Mauern: Nicht aus Missgunst, eher aus einem instinktiven Schutzreflex. Die Leute behandeln die Gegenstände, als wären sie noch belebt, als hätten sie Fäden zur Vergangenheit, die man nicht so leicht durchschneiden darf.
An einem Vormittag in der Bäckerei, wo der Duft von Hefe und Zucker eine temporäre Wärme spendet, hört sie ein Gespräch. Zwei Frauen, die ihre Einkäufe aufs Band legen, sprechen in gedämpften Stimmen. Sie stoppen, als Anna näher kommt. Eine von ihnen ist die Pfarrersfrau, schlank, mit einer Schürze, die noch Mehlspuren trägt. Die Blicke werden kurz, freundlich, aber die Worte bleiben weg. Anna grüßt, nennt den Namen: „Ich bin Anna Zielke.“ Die Pfarrersfrau nickt, die Lippen flüstern: „Von Agnes.“ Es klingt fast wie eine Beschwörung. Dann senkt sie den Blick und schiebt die Tüten weiter. Eine kleine Geste, eine Freundlichkeit ohne Einladung, doch Anna fühlt die Distanz wie ein Messer.
Ein Mann, der ihr schon am ersten Tag aufgefallen ist, begegnet ihr am Markt. Er ist der Förster, heißt Herr Berg, ein breiter Kerl mit rauer Jacke, dessen Hände vom Heben schwerer Stämme erzählen. Sein Blick bleibt bei Anna hängen, prüfend, nicht feindlich, aber misstrauisch. „Sie bleiben also?“, fragt er, und in der Frage liegt kein Urteil, nur Interesse. Anna antwortet: „Ja. Ich sortiere den Nachlass.“ Er nickt langsam, sagt nichts weiter, und dann fügt er fast beiläufig hinzu: „Die Nächte sind anders geworden.“ Anna hat das Gefühl, dass er mehr weiß, als er sagt – und dass Alt-Kaster Dinge kennt, die in anderen Dörfern unbemerkt bleiben. Aber daraus macht sie noch kein Drama; für sie sind es nur Sätze, die sich später wie Samen legen.
Sie versucht, die Einsamkeit des Hauses mit Arbeit zu füllen. Sie entrümpelt den Dachboden; an der Decke hängen Spinnweben wie zerbrechliche Gardinen. Unter einem Schutztuch findet sie Kisten mit Fotoalben: vergilbte Bilder von jungen Frauen in langen Röcken, von Männern, die stolz posieren, von Hunden mit festgezurrten Bändern. Ein Foto fesselt sie: Agnes als junge Frau, mit dichtem, dunklem Haar, das Gesicht weich, die Augen groß. Neben ihr sitzt ein Mann, den Anna nicht kennt – ein Vorfahre, vielleicht, oder ein geheimnisvoller Bekannter. Auf dem unteren Rand des Fotos steht mit flüchtiger Handschrift: „Sommer 1958“. Anna hält das Bild, spürt, wie die Kälte des Hauses sich mit einer Wärme mischt, die vom Papier selbst kommt. Sie legt die Fotos beiseite, markiert die Kisten „Erinnerungen“ und stapelt sie ordentlich.
Nach ein paar Tagen, als die ersten Nächte im Haus sie länger wach halten und die Geräusche fremder werden, hängt Anna ein Schild an die Haustür: „Verkauf – Hausrat, antik, zu fairem Preis.“ Die Idee ist pragmatisch; vielleicht bringt Sichtbarkeit Käufer, vielleicht schwindet die Distanz, wenn die Dinge offen angeboten werden. Aber die Reaktion ist verhalten. Ein junger Mann von der Sparkasse schaut nur kurz, ein Paar aus der Stadt fährt vorbei und misst die Räume mit Blicken, die eher an Renovierung denken als an Sammlung. Niemand bleibt, um zu verhandeln. Manchmal stehen neugierige Blicke am Gartenzaun, Menschen, die urteilen ohne zu handeln.
Abends sitzt Anna oft allein am Küchentisch, zwischen Papieren, die sie nicht sofort sortiert, eine Kerze flackert, der Herd tickt. Sie blickt auf die Straße; vereinzelt gehen Leute vorbei, aber niemand klingelt. Eine ältere Nachbarin, Frau Weiß, bringt ihr einmal eine Schüssel mit Eintopf und stellt sie in einem Abstand von anderthalb Metern vor die Tür. „Ich bring’s hin und geh’ wieder“, sagt sie und lächelt müde. Anna öffnet die Tür, nimmt die Schüssel, lädt Frau Weiß ein hereinzukommen; die Frau schüttelt den Kopf. „Nein, nein. Es ist alles gut. Ich dachte, Sie könnten es brauchen.“ Es ist eine Geste, die Zuneigung zeigt, aber sie ist von Vorsicht begleitet. Frau Weiß ist nicht kalt, aber sie trägt die Vorsicht wie eine zweite Haut. „Die alte Zeit ist nicht dieselbe“, murmelt sie, als sie geht, „manche Geschichten bleiben besser in den Schränken.“
Die Abweisung nagt an Anna. Sie ist selbstbewusst, sie kann mit Ablehnung umgehen, aber diese Art von Zurückhaltung schmerzt auf eine andere Weise, weil sie nicht auf ihr persönliches Versagen zurückzuführen ist. Es ist, als säßen alle an einem Tisch, und jemand hat ihr den Platz verboten, ohne es zu sagen. Ein Abend, als sie die Tür abgeschlossen hat und die Stille des Hauses sich wie eine Decke über sie legt, hört sie das Heulen eines Hundes vom Waldrand. Es ist ein langes, klares Heulen, das in der Dunkelheit ausklingt. Anna stellt ihre Tasse ab und lauscht. Der Ton klingt wie eine Frage, wie ein Ruf in die Leere.
Am dritten Tag des Sortierens stößt sie auf eine Schachtel mit Dokumenten, die anders wirken als die Rechnungen – dickeres Papier, eng beschrieben, mit einem Siegel, das verblasst ist. In einem Umschlag findet sie handschriftliche Briefe, die offenbar an Agnes gerichtet sind; die Schrift ist altmodisch, die Sprache warm und schwer. Einer der Briefe enthält eine Zeile, die Anna nicht erwartet: „Wir haben getan, was nötig war, um zu überleben. Aber das Dorf darf nie das Gleiche wissen.“ Anna runzelt die Stirn. Wer „wir“ sind, ist nicht ersichtlich; der Brief ist nicht datiert. Ein kleiner Zettel, der als Lesezeichen dient, trägt in ihrer Großmutters Handschrift die Worte: „Nur für dich, Anna, wenn du zurückkommst.“ Anna schlägt den Umschlag zu und fühlt ein Ziehen im Brustkorb, eine Aufregung, die mehr mit Neugier als mit Furcht zu tun hat.
Sie überlegt lange, ob sie den Brief lesen soll. Privates ist ein heiliges Gut, erklärt ihr Vater immer, wenn er über Familienangelegenheiten spricht. Aber der Zettel liegt da, als hätte er auf sie gewartet. Langsam, fast feierlich, öffnet Anna den Umschlag. Die Handschrift ist reduziert, klar: „Meine liebe Anna, wenn du dies liest, bin ich fort. Verzeih mir meine Geheimnisse. Ich wollte dich schützen, nicht belasten.“ Dann folgt eine Reihe von Namen und Daten, Aufzeichnungen über Schulden, über Personen, die in der Gemeinde ihre Hilfe in Anspruch nahmen. Es klingt nach einem Netz von Gefälligkeiten und kleinen Gefahren, die Agnes jongliert hat – dass jemandem in der Not geholfen wurde, dass jemand anderes dafür zahlen musste. Die letzte Zeile aber schlägt eine dunklere Note an: ein Vermerk, ein Wort, das nicht erklärt wird – „Der Pakt.“
Anna legt den Brief neben sich. „Der Pakt.“ Es klingt wie ein Satz aus einem alten Roman, wie eine Überlieferung, die man Kindern erzählt, um sie zu ermahnen. Doch in Agnes’ Handschrift hat es Gewicht. Anna atmet tief ein und beschließt, dass sie nicht weglaufen wird. Sie wird bleiben, die Papiere ordnen, Antworten suchen. Vielleicht ist es nur eine Metapher für einen langen Handel – ein privates Versprechen – doch die Art, wie das Dorf reagiert, lässt sie glauben, dass mehr dahintersteckt. Menschen mögen Geheimnisse mehr bewahren, als sie es zugeben.
Die Nächte werden länger. Einmal, als sie spät in der Küche sitzt und alte Rechnungen sortiert, fällt der Strom aus; Dunkelheit senkt sich wie ein Vorhang. Kerzen flackern, und die Geräusche des Hauses treten in den Vordergrund – ein Wasserrohr, das leise arbeitet, ein Fenster, das in seinem Rahmen zittert. In der Ferne, jenseits der Gärten, hört sie wieder das Heulen, diesmal näher, eindringlicher. Anna steht auf, geht zur Tür, schaut hinaus auf den Pfad, auf die Bäume, die sich im Wind bewegen. Niemand ist zu sehen. Nur die Silhouette der Windmühle zeichnet sich gegen den Himmel.
Sie schüttelt den Kopf, lacht leise über sich selbst, rückt die Kerze näher und liest weiter. Sie weiß, dass Alt-Kaster Dinge hat, die keine Stadt kennt: Geschichten, die in den Ritzen sitzen, Erinnerungen, die nicht weggehen, weil sie niemand aufräumt. Und sie weiß auch, dass sie nicht umkehren wird. Die Kälte der Menschen bleibt eine Herausforderung, aber keine Hürde, auf die sie kapitulieren würde. Agnes hat ihr Haus hinterlassen, und mit ihm eine Kiste voller Fragen. Anna legt den Brief zurück in die Schachtel, schließt sanft den Deckel und flüstert, ohne genau zu wissen, an wen die Worte gerichtet sind: „Ich bleibe. Ich ordne. Ich finde heraus, was du verborgen hast.“
Vor dem Haus macht sich der Schatten des Waldes länger; ein Windstoß trägt Blätter vorbei, die im Schein der Kerze wie kleine Geister wirbeln. Anna zieht die Decke um die Knie und hört dem Ticken der Uhr zu – dem leisen, beständigen Herzschlag des Hauses. Draußen hört das Heulen auf, als würde es eine Grenze respektieren, einen kleinen, unsichtbaren Kranz, in den es nicht eindringen darf. Anna schließt die Augen. Morgen wird sie weiter sortieren, morgen wird sie mit dem Förster sprechen, mit dem Pfarrer, mit wem auch immer, der ihr helfen kann, die Dinge zu verstehen. Sie ist müde, abgespannt, genervt – aber sie ist nicht allein mit dem Schmerz. Die Stille im Haus ist nicht nur Leere; sie ist eine Aufforderung, etwas zu tun.
Als das Haus in der Nacht atmet, denkt Anna an Agnes’ Hände, an die Geschichten am Küchentisch, an das Lächeln, das sie ihr einmal gegeben hat, als Anna noch klein war und Angst vor dem Dunkeln hatte. „Das Dunkel hat seine Gründe“, hat Agnes gesagt. „Manchmal sind es nur Tiere. Manchmal sind es Menschen.“ Anna fragt sich, zu welcher Sorte die Geheimnisse der Großmutter gehören. Sie weiß nur eins: Wenn etwas in Alt-Kaster sie gesucht hat, wird es sie jetzt finden – und sie wird nicht davonlaufen.
Der Morgen ist grau, ein schmaler Streifen Licht versucht, durch die Wolkendecke zu brechen, aber das Dorf bleibt gedämpft, als hätte es sich auf ein unangenehmes Geständnis geeinigt. Anna zieht ihren Mantel enger, die Hände in den Taschen, der Atem bildet kleine Wölkchen, während sie die schmale Lehmstraße entlanggeht. Sie hat die Fotos und Briefe in einer Tasche; der schwere Umschlag mit Agnes’ Notizen liegt wie ein Ballast am Herzen. Sie hat vor, heute mit Herrn Berg, dem Förster, zu sprechen – weil er derjenige ist, der die Ränder von Alt-Kaster kennt, die Wege, die niemand sonst geht. Aber schon an der Ecke, wo der Weg sich teilt, bleiben ihre Schritte unsicher.
„Hast du das schon gesehen?“, ruft eine Stimme hinter ihr. Zwei Jugendliche stehen am Zaun, die Hände in den Taschen, die Haare vom Wind zerzaust. Als Anna nähertritt, sehen sie sie an, unsicher, neugierig.
„Was denn?“ Anna bemüht sich um Gleichmut. Sie will keine Panik säen, will keine Bühne für Gerüchte liefern – und doch hat ihr Magen ein Messer: die Erinnerung an Agnes’ letzte Zeile, „Der Pakt“.
„Am Lehmweg. Die Spuren. Blut auch. Die Polizei war da.“ Einer der Jungen deutet mit dem Kopf in Richtung Feldweg, der in den Kasterer Wald führt. „Wir dachten erst, ein Reh, aber… na ja.“
Anna nickt, ohne zu zeigen, wie sehr ihr Herz schneller schlägt. „Danke“, sagt sie und geht weiter, die Schritte jetzt mit einem Ziel. Der Lehmweg liegt nicht weit vom Haus entfernt; in wenigen Minuten steht sie an der Stelle, an der die Dorfstraße in einen schmaleren Pfad übergeht.
Bereits von weitem ist etwas Ungeordnetes zu sehen: weiße Markierungen, ein schmaler Streifen, als hätte jemand mit hastigen Schritten das Gras gequert. Polizeiabsperrband flattert leise im Wind – gelb, sachlich, fast deplatziert in der ländlichen Umgebung.
„Guten Morgen.“ Ein Mann in einer dunklen Jacke, mit einem dünnen Schal und einer Mütze, steht neben dem Band. Sein Namensschild verrät ihn: Herr Kahl, Polizist aus Bedburg, der zuständig ist. Sein Blick bleibt kurz an Anna hängen, als würde er sie abwägen, dann reicht er ihr eine gefaltete Seite mit einer Fotoserie: Abdrücke im Lehm, Risse in einem Mantel, eine Dreingabe aus dunklen Punkten auf dem Boden.
„Sie sind Anna Zielke?“, fragt er. Seine Stimme ist routiniert, aber irgendwie gleichgültig – das Gesicht des Menschen, der oft Tassen und Papiere sieht, nicht Tragödien.
Anna nickt. „Ja. Das ist bei meiner Großmutter in der Nähe.“
Er schaut sie an, und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft fühlt sie eine direkte, nicht ausweichende Aufmerksamkeit. „Sie wohnen in dem Haus? Gut. Wir sind noch am Sichten. War ein Anwohner, der die Spuren fand. Erst dachten wir an ein Tier, aber… nun ja.“ Er stockt, die Worte bleiben aus, als wären sie zu groß für die kleine Straße.
Anna beugt sich über die Fotos. Die Abdrücke sind merkwürdig – nicht ganz wie Rehfährten, nicht wie Hundespuren. Die Umrisse sind länger als ein Menschenfuß, aber breiter, mit einer undeutlichen Ausziehung an der Ferse, die fast so aussieht, als wäre der Abdruck gezogen worden. An einer Stelle sind Kratzer im Lehm, gebogene Linien, die nicht zu einem normalen Gang passen.
„Was sagen Sie?“, fragt Anna.
Herr Kahl schiebt die Mütze zurück. „Wir wissen es nicht. Nicht sicher. Es ist schwierig. Es könnte ein Tier sein, das etwas deformiert ist – oder Menschen, die etwas hinterlassen haben. Das Blut…“ Er senkt die Stimme. „Das Blut passt nicht ganz zu einem Tierbiss. Aber das ist vorläufig. Wir nehmen Proben mit.“
„Und der Mantel?“, fragt Anna. Auf den Fotos ist ein Stück Stoff zu sehen, halb zerrissen, an einer Hecke gezogen. Ein dunkler Fleck, so groß wie eine Hand, prangt darauf.
„Halb verbrannt. Oder gerissen. Wir fanden ihn dort.“ Herr Kahl blickt über die Felder. „Keine Leiche. Keine Vermisstenmeldung bisher. Manche sagen, jemand sei nachts gerufen worden. Ich weiß es nicht.“
Anna kniet sich in den kalten Lehm, obwohl ihre Fingernägel sofort rot werden. Die Abdrücke liegen wie ein stiller Text. Sie legt die Fingerspitzen nahe an einen der Abdruckränder, ohne ihn zu berühren. Die Erde ist feucht und friert rasch, als würde die Kälte das Geschehen konservieren. Eine kleine Haarsträhne klebt am Rand eines Abdrucks – hell, fast weiß im Kontrast zum dunklen Boden. Anna hebt sie behutsam, legt sie in einen Umschlag. Wissenschaft, beginnt sie zu denken, und in ihr wächst ein merkwürdiges Verantwortungsgefühl: sie ist nicht nur Erbin, sie ist Zeugin.
„Die Leute tuscheln“, sagt plötzlich eine Stimme hinter ihnen. Anna dreht sich um. Eine Frau beugt sich über den Zaun; ihr Gesicht ist von tiefen Falten durchzogen, die Haare dünn, die Augen weit und klar. Die Hunde haben sie verlassen, doch ihre Stimme trägt etwas, das Aufmerksamkeit lässt – nicht die gewünschte Normalität, sondern das Gewicht von etwas, das schon lange nicht mehr gehört wird.
„Frau Mertens?“, sagt Anna. Sie kennt den Namen: die alte Frau, die manchmal in der Bäckerei sitzt, die man lächelnd ignoriert, weil sie zu sehr die Vergangenheit trägt.
Frau Mertens nickt langsam. „Sie nennen mich eine spinnerte, sei’s drum. Aber ich habe Augen. Und Ohren. Und die Alten haben gesprochen, als ich noch ein Kind war. Gealt, sagten sie dann. Gealt. Das Wort gibt’s nicht oft. Sie sagten es, wenn die Nächte anders werden.“ Sie beugt sich vor, ihre Stimme wird zu einem Flüstern, das trotz des Volksratsbandes an den Bäumen alles durchdringt. „Seht ihr nicht? Es beginnt wieder.“
Ein paar der Bauern, die am Rand stehen, tauschen unruhige Blicke. Einer räuspert sich, als wollte er etwas Beruhigendes sagen. „Ach, Mertens, sag doch nicht so was. Wir haben hier Füchse und verwilderte Hunde, nichts Geistiges.“ Er versucht, sein Lachen in der Stimme zu verstecken, aber seine Augen bleiben auf den Spuren haften.
„Gealt“, wiederholt Frau Mertens und schaut Anna direkt an. „Du bist Zielke. Agnes’ Enkelin. Deine Oma hat mir oft geholfen. Ich pass’ auf, wenn du zuhörst.“ In ihren Augen blitzt etwas, das mehr ist als Aberglaube: eine traurige Gewissheit, die Jahre kennt.
Anna fühlt, wie ihr Magen sich zusammenzieht. Die Worte „Gealt“ und „Der Pakt“ treffen zusammen wie zwei Tasten, die plötzlich den gleichen Akkord anschlagen. Sie schluckt. „Was heißt das genau?“, fragt sie mit so sachlicher Stimme wie möglich.
Frau Mertens atmet aus. „Es ist ein altes Wort. Nicht in den Büchern, nicht in der Schule. Vor langer Zeit gab es in diesem Land Dinge, die man nicht erklären konnte. Manche sagten, es seien Flüche. Manche sagten, es seien Tiere mit Seelen. Wir nannten es Gealt, wenn ein Mensch zur Nacht wurde und nicht mehr zurückkehrte in den Tag.“ Sie schaut in die Gruppe, die jetzt plötzlich still ist. „Ich sage nur, was ich weiß.“
Herr Berg, der Förster, kommt langsam um die Ecke, groß, mit breiten Schultern, die Stiefel sind Lehm verschmiert. Er hat den Hut in der Hand, sein Gesicht wirkt müde. „Wir sollten nicht in Geschichten verfallen“, sagt er, aber seine Stimme zittert leicht. „Wir nehmen die Proben. Wir prüfen die Spuren. Solange wir keine Beweise haben, sind es nur Spuren.“
„Proben von was?“, fragt Anna. „Mensch oder Tier?“
„Beides“, antwortet Kahl knapp. „Die DNA wird’s zeigen. Wir übertragen in die Stadt.“ Er kratzt sich am Kinn, wirkt plötzlich sehr jung, als trügen ihn die Uniform und das Band nicht. „Aber sagen Sie mir eines: Haben Sie etwas Ungewöhnliches gehört, Frau Zielke? Geräusche? Schritte?“
Anna denkt an die Nächte der letzten Woche – das Heulen, das an eine Frage erinnerte, die in ihren Knochen widerhallte, die Schatten, die sich langzogen, als hätten sie ein Bewusstsein. Sie sagt: „Ich habe ein Heulen gehört. Letzte Nacht. Es war nah, aber nicht wie Hund. Mehr wie… ein Ruf.“
Herr Berg knurrt leise. „Das Heulen ist älter als wir. Ich höre es gelegentlich, wenn der Wind ungünstig steht. Aber es ist nicht oft. Wenn Herr Kahl hier Proben nimmt, überprüfen wir auch Tierbewegungen. Es könnte alles Mögliche sein.“ Er versucht, das Gespräch zu normalisieren, doch seine Hände zittern jetzt merklich.
Die Dorfbewohner gruppieren sich, die Meinungen splittern; einige reden laut, andere flüstern, aber unter der Geräuschkulisse liegt ein dünner, sickernder Kern von Angst. Anna steht da, die Briefe von Agnes warm in ihrer Tasche, und ihr Verstand arbeitet: Wenn es wirklich etwas Altes ist, dann ist es größer als Aberglaube. Wenn die Spuren nicht menschlich sind und auch nicht eindeutig tierisch – dann ist der Zwischenraum da, wo alte Geschichten sich einnisten.
„Wirst du das stecken lassen?“, fragt Frau Mertens, als ob sie die Frage schon kennt und nur eine Bestätigung will. „Oder willst du sehen, was zurückgeblieben ist?“
Anna fühlt den Druck der Blicke. „Ich werde es mir ansehen“, sagt sie langsam. „Ich will wissen, was passiert ist.“
Am Nachmittag kommt der junge Assistent des Kommissars aus Bedburg mit Gummistiefeln und einer Sorgfalt, die an eine Prüfung erinnert. Er nimmt Proben, verpackt Haare, schabt den Boden, fotografiert die Mantelreste und notiert alles in langen, routinierten Sätzen. Er fragt mundgerechte Dinge, die Anna beantworten muss: wann sie das Haus zuletzt verließ, wen sie hat kommen sehen, ob die Großmutter irgendwelche Feinde hatte. Seine Fragen sind sachlich, doch zwischen den Zeilen liegt eine Ahnung.
„Hatte Agnes jemanden, der ihr nachstellen könnte?“, fragt er.
Anna denkt an die alten Dorfbüger, an die Uneinigkeit, an Briefe mit Andeutungen. „Nicht, dass wir wissen. Sie war beliebt, aber sie hatte… Geheimnisse. Sie hat geholfen, sie hat verborgen, sie hat sich Sorgen gemacht.“ Anna zögert, aber ihr Mut wächst mit der Neugier. „Sie hat etwas in einem Brief erwähnt. Ein Wort: ‚Der Pakt‘.“
Der junge Mann hebt eine Augenbraue. „Der Pakt?“
„Ich weiß nicht, was es ist. Noch nicht.“ Anna spürt, dass sie an einer Schwelle steht. „Aber ich habe das Gefühl, dass es damit zusammenhängt.“
Die Sonne sinkt, das Dorf flattert in eine graue Kühle. Die Polizei packt zusammen, verspricht, am Abend die Ergebnisse zu übermitteln – DNA wird dauern, sagen sie. Die Menschen lösen sich langsam auf, zurück zu ihren Häusern, wo Heizungen pfeifen und Kinderstimmen kurz aufleuchten.
Nur Frau Mertens bleibt, als der Zaun fast leer ist. Sie streicht mit der Hand über die Rinde des alten Holzzauns, als würde sie daran die Geschichten lesen.
„Pass auf dich auf, Anna Zielke“, sagt sie schließlich, und in ihrer Stimme liegt kein Spott, nur eine Falte Hoffnung. „Es stellt dich auf die Probe. Nicht nur die Nacht. Auch die Menschen. Manchmal ist beides schwerer.“
Anna fühlt eine Mischung aus Trotz und Erleichterung. „Ich weiß“, sagt sie. „Ich bin nicht mehr das Kind, das wegläuft.“
Als sie am Abend nach Hause zurückkehrt, ist das Licht im Wohnzimmer ihrer Großmutter gedämpft. Sie macht sich eine Tasse Tee, setzt sich ans Fenster und sieht hinaus. Der Lehmweg liegt ruhig da, wie eine Ader, die zur Ruhe kommt. Aber in ihr ist es nicht ruhig. Die Worte „Gealt“ und „Der Pakt“ kreisen wie zwei Vögel, die keiner füttert – sie wissen, dass etwas kommt, und sie wissen nicht, ob es gütig ist.
Sie öffnet die Schachtel mit den Dokumenten noch einmal. Zwischen Rechnungen und Fotos findet sie eine alte Sammlung von Zeitungsausschnitten, in denen vor Jahrzehnten von gerissenen Schafen und verschwundenen Hunden die Rede ist. Die Artikel tragen Namen, die sie wiedererkennt – Familien, die noch im Dorf leben. Auf einer vergilbten Seite steht geschrieben: „Nächte des Terrors in Alt-Kaster: Schäfer berichtet von unerklärlichen Angriffen“. Der Bericht ist knapp, sachlich, als würde ein Autor etwas beschreiben, das er nicht zu deuten wagt. Anna legt die Zeitung beiseite, ihre Hände zittern leicht.
Draußen zeichnet sich die Silhouette der Windmühle gegen den Himmel; weiter weg, irgendwo im Kasterer Wald, bricht ein einzelnes Heulen die Stille – kurz, wie ein Wink. Anna setzt die Tasse ab, steht auf, legt die Hand flach gegen das Fenster, spürt die Kälte durch das Glas. Sie denkt an Agnes’ Hände, an das Kreuz im Flur, an die Schachtel mit dem Vermerk „Nur für dich“. Sie weiß jetzt, dass sie nicht nur Erbin materieller Dinge ist; sie ist Erbin einer Geschichte, die schwer wiegt und vielleicht gefährlich ist. Die Frage, die vor ihr liegt, ist keine akademische: Will sie die Wahrheit wissen, egal wie hässlich sie ist? Oder wird sie die Dinge so lassen, wie die meisten es tun – hinter verschlossenen Türen, in der Stille begraben?
Anna atmet aus.
„Ich will es wissen“, flüstert sie, mehr zu sich selbst als zum Raum. „Egal was es kostet.“
Die Nacht legt sich wie eine Decke über Alt-Kaster. In der Ferne heult es wieder, diesmal länger, eindringlicher. Es klingt nicht nur wie ein Tier; es klingt wie ein Ruf, der Antworten sucht. Anna schaut länger aus dem Fenster, bis der Ton verhallt. Dann dreht sie das Licht aus und geht ins Schlafzimmer. Unter ihrem Kopfkissen liegt der Brief mit der handschriftlichen Notiz: „Nur für dich, Anna.“ Sie schließt die Augen, doch Schlaf bleibt weit entfernt. Draußen raschelt der Wind im Wald, und irgendwo im dunklen Geäst knirscht etwas, als würde es sich regen.
Die Nacht knackt leise im Kirchenschiff wie altes Holz, das sich an die Kälte gewöhnt hat. Anna schließt die Tür hinter sich, obwohl sie weiß, dass das Schloss ohnehin nicht mehr richtig hält; der Wind hat ihm den Takt vorgegeben. Sie ist ohne groß zu überlegen hierhergekommen – eine irrationale Regung, ein Bedürfnis nach einem Ort, der länger gewachsen ist als das Hotel, als Verkaufsschilder und als Misstrauen. Die Kirche riecht nach Wachs und kaltem Stein; vom Altar steigen Staubkörnchen wie winzige Planeten in den Strahl einer Straßenlaterne, der durch eines der hohen Fenster fällt.
Im vorderen Teil des Kirchenschiffs brennen zwei Kerzen in einfachen Messinghaltern. Jemand hat sie kürzlich gesetzt; der Wachs ist noch weich. Anna streicht mit der Hand über den Rand einer Bank und setzt sich, den Mantel um sich geschlungen. Die Stille hat hier eine andere Dichte, sie fühlt sich wie Stoff an, der alles schützend einschließt und doch nichts verschweigt. Sie denkt an Agnes, an den schweren Duft von Tee in ihrer Küche, an die kleinen, festen Hände, die ihr früher Stricknadeln gereicht haben. Warum fühlt es sich so an, als würde Agnes’ Geist gerade hinter ihr sitzen und fragen, ob sie es nun gut macht?
Sie steht auf, geht leise zum Seiteneingang – zur Pfarrbibliothek, die sich im Anbau neben dem Pfarrhaus befindet. Die Tür ist nur angelehnt; vermutlich hat der Pfarrer, so denkt Anna, vergessen, sie zuzuziehen. Oder er erwartet sie nicht. Ein leichtes Flimmern im Raum deutet auf eine Lampe hin; jemand ist hier, sie ist nicht allein. Bevor sie klopft, bleibt sie stehen, lässt die Stille ein zweites Mal prüfen.
„Anna?“
Die Stimme ist überrascht, aber nicht schockiert. Pfarrer Martin tritt aus dem Halbdunkel zwischen den Bücherregalen hervor, in einer Hand eine alte Taschenlampe, im Gesicht Spuren einer Nachtwache. Er hat die Sonntagsstola nicht an, seine Hemdsärmel sind aufgekrempelt, und seine Brille sitzt schief. Sein Blick bleibt an ihr haften, nicht vorwurfsvoll, eher fragend.
„Ich konnte nicht schlafen“, sagt Anna und sagt es so, dass es nicht nach einer Entschuldigung klingt. „Ich wollte ein Licht anzünden… für meine Großmutter. Ich dachte, hier ist es am besten.“
Pfarrer Martin nickt, seine Stimme weich. „Du bist zu jeder Zeit willkommen. Agnes war… sie war eine konstante Gestalt in dieser Gemeinde. Ich wusste, dass du kommst. Kinderspiele der Vorsehung, nicht?“ Er lächelt kurz, dann schiebt er die Brille höher: „Warum bist du in der Bibliothek? Die Archive sind normalerweise abgeschlossen.“
Anna blickt zur Tür. „Die Tür war offen. Und ich… ich brauche etwas anderes als Papierkram in meinem Zimmer. Ruhe, vielleicht Antworten.“ Sie sagt das letzte Wort leiser, als hätte sie es sich selbst nicht ganz anvertrauen wollen.
Der Pfarrer mustert sie noch einen Moment, dann klopft er sich die Hände ab, als wolle er Arbeit aufnehmen. „Wenn du Antworten suchst, bist du hier richtig – aber nicht auf die leichte Art. Die Archive sind voll alter Protokolle und Chroniken, manche davon deutlich älter als die heutige Gemeindeordnung. Manche Dokumente wünscht man sich nicht zu finden, und dennoch sitzen sie hier.“
„Ich nehme, was ich kriegen kann“, antwortet Anna und folgt ihm in den kleinen, verwinkelten Raum.
Regale aus dunklem Holz füllen den Raum; in den Ecken stehen Lederbände, deren Rücken Goldrisse zeigen. Eine Leiter lehnt an einem Regal, und der Geruch von Pergament und altem Leim schlägt ihr entgegen. Sie setzt sich an den massiven Tisch in der Mitte, wo neben einer Petroleumlampe ein Stapel Bände liegt.
„Warum so spät?“, fragt Pfarrer Martin, als er eine Decke von einem Kasten nimmt und vorsichtig aufzieht. Seine Hände sind sicher, die Bewegungen vertraut. „Die Chroniken sind… sensibel.“
„Weil die Wahrheit nachts weniger laut zu sein scheint“, sagt Anna. „Weil ich nicht will, dass jemand mitbekommt, dass ich frage.“
Er lächelt, aber es ist kein heiteres Lächeln. „Das kann ich verstehen. Gut. Dann pass auf, was du findest. Manche Geschichten… sie leben weiter, nicht weil sie unbedingt wahr sind, sondern weil wir sie immer wieder anrufen.“
Anna schaut auf einen alten Band mit dem handgeschriebenen Titel: „Chronik von Alt-Kaster — 1703–1900“. Die Schrift ist dicht, in Tintenstrichen, die noch von der Feder stammen müssen. Daneben liegt ein dickes, gepresstes Bündel mit der Aufschrift „Gemeindeprotokolle – 1898–1950“. Pfarrer Martin reicht ihr zuerst die Chronik. „Die Familien der Dörfer“, sagt er, „führen oft ihre Ahnenlisten hier. Man findet Geburt, Tod, Hochzeit – und manchmal Haschereien, weil Menschen Dinge versuchen zu erklären.“
Anna öffnet die Chronik, die Seiten knistern und geben einen Hauch von vergangener Luft frei. Bildlich vor ihr laden Namen zu kurzen, scharfen Erinnerungen ein: Zielke, Klenke, Mertens, Berg – Namen, die im Dorf noch klingen. Sie blättert und bleibt an einem Eintrag aus dem Jahr 1837 hängen; die Feder hat einen schweren Punkt gesetzt.
„21. August 1837 – Bericht des Schäfers Heinrich L., mehrere Schafe gerissen, bizarre Bissmuster, keine Spuren von Raubzeug, nur tiefe Kratzspuren. Dorfversammlung sieht mysteriöse Ursachen. Vorschlag: Nächtliche Wachen und Gebet. Unterschrieben: A. Zielke.“
Anna liest laut, obwohl niemand sie darum gebeten hat.
Der Name Zielke steht da in einer sauberen Handschrift, wie eine Unterschrift, die das Gesetz der Dinge bestätigt. Ihr Herz schlägt schneller, aber ihre Finger bleiben ruhig. „Mein Ur-Ur-Großvater?“, murmelt sie.
Pfarrer Martin blickt über ihre Schulter. „Die Zielkes sind eine alte Familie hier. Manche ihrer Mitglieder waren Gemeinderäte, andere Küster, wieder andere… nun ja, sie hatten Einfluss.“ Seine Stimme wird leiser. „Manchmal zu viel.“
Anna blättert weiter. Zahlreiche Einträge beschreiben nächtliche Phänomene: „Heulen in der Nacht“, „Verschollene Hunde“, „Spuren wie von zwei gleichzeitig gehenden Schritten, die sich dehnen“. Ein Protokoll, datiert 1901, trägt die schlichte Notiz: „Einigkeit darüber, die Vorfälle nicht öffentlich zu besprechen. Sühne wird privat gehalten.“ Daneben, in einer anderen, flüchtigeren Handschrift, ein Vermerk: „Der Pakt wird erneuert.“
„Der Pakt“, liest Anna, und die Worte hallen. Sie denkt an Agnes’ Brief, an die Notiz „Der Pakt“ und an das Wort, das Frau Mertens geflüstert hat: Gealt. Ein eisiger Knoten zieht sich in ihrem Magen zusammen. „Was heißt das?“
Pfarrer Martin zieht den Stuhl näher, seine Stirn in Falten gelegt. „Das ist kein juristisches Dokument, das dich schützt“, sagt er. „Es sind Worte, die die Menschen gewählt haben, um Abmachungen zu nennen, die außerhalb unseres Rechts stattfinden. Ich habe schon Geschichten gehört, als ich hierher kam – Geschichten, die man eher in Legendenbüchern erwartet als in Gemeinderatsprotokollen. Aber sie sind hier. Sie sind aufgeschrieben. Das macht sie nicht wahrer, aber es macht sie real.“
Anna berührt mit dem Finger die Zeile „Der Pakt wird erneuert“. Die Tinte ist blass, als hätte man versucht, etwas zu verschleiern.
„Womit?“, fragt sie leise. „Was für ein Pakt?“
Pfarrer Martin seufzt. „Es wird selten konkretisiert. Meist sind es Euphemismen: ‚Opfer‘ wird zu ‚Sühne‘, ‚Ausgabe‘ wird zu ‚Abgabe‘. Man nennt es Schutz gegen Hunger, Gegenleistung für eine ertragreiche Ernte – Dinge, die rationale Gründe verhehlen. Und dann gibt es die mündlich überlieferten Worte, die niemand schriftlich festhält, aus Angst, sie könnten Macht haben.“
Anna dreht eine Seite um. Dort ist ein Abschnitt, der anders wirkt; die Schrift ist strenger, beinahe amtlich. „9. November 1872 – Sonderversammlung. Zeuge: Pastor J. berichtet von Beschwörung, die von Jakob Zielke initiiert wurde. Ziel: Schutz des Dorfes in Zeiten von Missernte. Folgende Zeugen berichten Übereinkunft: Schenkung von Weideland gegen ‚eine Last‘. Beschluss: Dokumente bleiben im Verschluss der Gemeinde. Unterschrieben: Gemeinderat.“
Anna liest den Satz noch einmal. „Beschwörung? Eine Last? Was ist eine Last?“
„Eine Last kann vieles sein“, sagt der Pfarrer und streicht mit dem Finger über die Seite, als könnte er damit die Bedeutung abwischen. „Manchmal denkt man an Schuld, manchmal an Verantwortung. Aber in vielen Geschichten, die bis in unsere Regionen zurückreichen, bedeutet ‚Last‘ genau das, was Frau Mertens ‚Gealt‘ nennt: ein Leiden, das in der Nacht seine Form annimmt.“
Die Lampe wirft warme Kreise auf das Papier; um sie herum wirken die Worte wie kleine Inseln. Anna blättert weiter, tiefer, bis sie auf ein anderes Dokument stößt – ein Protokoll, das offenbar privat geführt wurde. Dessen Papiere sind dünn, die Schrift enger, und zwischen den Zeilen tauchen Namen auf, die sie kennt: Jansen, Mertens, Berg. Neben einigen Einträgen stehen Kringel, als wollte jemand bestimmte Passagen markieren.
„Hören Sie das?“, flüstert sie, obwohl es niemanden gibt, der ihr etwas zuflüstern müsste. „Da stehen Namen, die heute noch hier sind.“
Der Pfarrer beugt sich vor. „Das ist das Schlimme. Manche Abmachungen werden in den Familien weitergegeben wie ein Rezept. Manche halten daran fest, weil sie denken, es sei unvermeidlich. Manche führen Protokoll über die ‚Last‘, als wäre sie ein Haushaltsbuch. Die Praktiken ändern sich, aber die Muster bleiben.“
Anna spürt, wie sich ein leichter Schwindel ausbreitet. Sie hat das Gefühl, am Rand einer Klippe zu stehen: Auf der einen Seite die Gewissheit, dass ihre Familie Teil einer Tradition ist; auf der anderen die Möglichkeit, dass diese Tradition etwas Entsetzliches verbirgt. „Gibt es Hinweise, dass Menschen unmittelbar betroffen waren?“, fragt sie mit zusammen gerissener Stimme.
„Ja“, antwortet er. „Verschollene. Verletzte. Tiere gerissen. Und immer wieder die gleichen Familien, die in den Berichten auftauchen. Aber es ist unklar, ob die Dorfbewohner die Sache als notwendiges Übel betrachteten oder als Fluch, der aus Abhängigkeitsverhältnissen entstand.“ Er atmet tief ein, als wolle er sich ordnen. „Manchmal half die Gemeinschaft. Manchmal… sah man weg.“
In einem längst vergilbten Protokoll findet Anna eine verstörende Passage, so nüchtern formuliert, dass ihr der Atem stockt.
„Protokoll 12. März 1893 – Bericht: H. K. beschreibt, wie eine Person der Familie Zielke in der Nacht verändert scheint. Der Betroffene wurde von der Gemeinde in eine Stube gebracht; die Verwandlung dauerte drei Nächte. Beschluss: Beteilige sorgen für Nahrung; ein Rat rät zur Verheimlichung. ‚Die Last darf nicht über das Maß der Gemeinschaft hinaus bekannt werden.‘“
Anna legt die Hand auf die Papiere, als wollten ihre Finger Informationen transportieren. Sie fühlt sich, als habe sie unerlaubten Zugang zu einem Familienalbum, in dem niemand sie erwartet hat. „Drei Nächte“, flüstert sie. „Verwandlung. Das klingt…“ Sie findet kein Wort, das nicht wie ein Beschönigen wirkt.
„So wie die Berichte über Gealt“, sagt Pfarrer Martin. „Aber wir sollten vorsichtig sein mit dem Wort ‚Verwandlung‘. Die Berichte sind oft religiös gefärbt. Manche Beobachter sahen eine Person am Morgen müde, am Abend ‚anders‘. Andere sprachen von Dämonisierung. Es ist schwer, objektiv zu bleiben, wenn die Augen bereits erwarten, etwas zu sehen.“
Anna schüttelt den Kopf. „Aber hier steht es. Mehrmals. Es wiederholt sich. Und der Name Zielke taucht immer wieder auf.“ Sie fühlt eine Flut von Emotionen: Scham, weil ein Teil ihrer Familie offenbar zur Last geworden ist; Wut, weil die Dorfbewohner offenbar schweigen und die Betroffenen zum Opfer machen; Neugier, die schneidend schmerzt. „Meine Großmutter… könnte sie…“
„Sie könnte viel gewesen sein“, unterbricht der Pfarrer vorsichtig. „Oder wenig. Erinnerungen einzelner Menschen sind nicht alles. Aber Agnes hat in der Gemeinde viel getan. Wenn sie in irgendeiner Weise in diesen Abmachungen verfangen war, dann aus der Überzeugung, Menschen zu helfen, nicht ihnen zu schaden. Wir sollten nicht schnell urteilen.“
Anna zieht die Schultern hoch wie zum Schutz. „Wer würde so etwas begründen? Warum würde man einen Menschen opfern?“
