Der Wüstenplanet Band 1-3: Der Wüstenplanet / Der Herr des Wüstenplaneten / Die Kinder des Wüstenplaneten (3in1-Bundle) - Frank Herbert - E-Book

Der Wüstenplanet Band 1-3: Der Wüstenplanet / Der Herr des Wüstenplaneten / Die Kinder des Wüstenplaneten (3in1-Bundle) E-Book

Frank Herbert

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Beschreibung

Frank Herberts Meilenstein der Zukunftsliteratur – ein monumentales Epos, das jede Generation von Leserinnen und Lesern neu für sich entdeckt - jetzt für kurze Zeit zum Einführungspreis (eine befristete Preisaktion des Verlages)

Das atemberaubende Panorama unserer Zivilisation in ferner Zukunft - und eine Welt, die man nie vergisst: Arrakis, der Wüstenplanet. Einzigartig, herrlich – und grausam. Und doch haben es die Menschen geschafft, sich dieser lebensfeindlichen Umwelt anzupassen ...

Band 1: Der Wüstenplanet

Tausende von Jahren in der Zukunft: Herzog Leto, Oberhaupt des Hauses Atreides, erhält Arrakis zum Lehen, den Wüstenplaneten, eine lebensfeindliche und doch begehrte Welt, denn unter dem Sand liegt das Gewürz. Diese Droge, die man auf Arrakis im großen Stil abbaut, verleiht Menschen die Gabe, in die Zukunft zu sehen, und bildet damit die Grundlage der interstellaren Raumfahrt. Als Letos Armee in einen tödlichen Hinterhalt gerät und der Herzog fällt, flieht sein Sohn Paul in die Wüste und taucht bei Arrakis‘ Ureinwohnern, den Fremen, unter. Diese erkennen in ihm den lange vorhergesagten Messias, und Paul rüstet sich zu einem gnadenlosen Rachefeldzug …

Band 2: Der Herr des Wüstenplaneten

Die ferne Zukunft: Der Kampf um Arrakis, den Wüstenplaneten, ist beendet, und Paul Atreides, genannt Muad’dib, ist von den Fremen zu ihrem Propheten ernannt worden. Sie folgen ihm bedingungslos in einen Djihad, der wie ein Sturmwind durch die Galaxis fegt. Pauls neues Imperium und seine Machtfülle ruft Neider auf den Plan, die seine Herrschaft brechen wollen. Und so mischen sich unter die Pilger, die nach Arrakis kommen, um den Erlöser zu sehen, Attentäter, menschliche Zeitbomben …

Band 3: Die Kinder des Wüstenplaneten

Paul Atreides, der Retter des Wüstenplaneten, ist verschwunden. In seiner Abwesenheit regiert seine Schwester Alia mit immer grausamerer Hand, bis sich schließlich die anderen Kinder von Paul Atreides gegen sie erheben. Doch der Machtkampf hat ungeahnte Folgen für den Planeten und das ganze Sternenimperium …

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Seitenzahl: 2239

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DIE ROMANE

Das atemberaubende Panorama unserer Zivilisation in ferner Zukunft – und eine Welt, die man nie vergisst: Arrakis, der Wüstenplanet. Einzigartig, herrlich – und grausam. Und doch haben es die Menschen geschafft, sich dieser lebensfeindlichen Umwelt anzupassen …

BAND 1: DER WÜSTENPLANET

Tausende von Jahren in der Zukunft: Herzog Leto, Oberhaupt des Hauses Atreides, erhält Arrakis zum Lehen, den Wüstenplaneten, eine lebensfeindliche und doch begehrte Welt, denn unter dem Sand liegt das Gewürz. Diese Droge, die man auf Arrakis im großen Stil abbaut, verleiht Menschen die Gabe, in die Zukunft zu sehen, und bildet damit die Grundlage der interstellaren Raumfahrt. Als Letos Armee in einen tödlichen Hinterhalt gerät und der Herzog fällt, flieht sein Sohn Paul in die Wüste und taucht bei Arrakis’ Ureinwohnern, den Fremen, unter. Diese erkennen in ihm den lange vorhergesagten Messias, und Paul rüstet sich zu einem gnadenlosen Rachefeldzug …

BAND 2: DER HERR DES WÜSTENPLANETEN

Die ferne Zukunft: Der Kampf um Arrakis, den Wüstenplaneten, ist beendet, und Paul Atreides, genannt Muad’dib, ist von den Fremen zu ihrem Propheten ernannt worden. Sie folgen ihm bedingungslos in einen Djihad, der wie ein Sturmwind durch die Galaxis fegt. Pauls neues Imperium und seine Machtfülle ruft Neider auf den Plan, die seine Herrschaft brechen wollen. Und so mischen sich unter die Pilger, die nach Arrakis kommen, um den Erlöser zu sehen, Attentäter, menschliche Zeitbomben …

BAND 3: DIE KINDER DES WÜSTENPLANETEN

Paul Atreides, der Retter des Wüstenplaneten, ist verschwunden. In seiner Abwesenheit regiert seine Schwester Alia mit immer grausamerer Hand, bis sich schließlich die anderen Kinder von Paul Atreides gegen sie erheben. Doch der Machtkampf hat ungeahnte Folgen für den Planeten und das ganze Sternenimperium …

DER AUTOR

FRANK HERBERT (1920–1986) wurde in Tacoma, Washington, geboren. Nach einem Journalismus-Studium arbeitete er unter anderem als Kameramann, Radiomoderator, Dozent und Austerntaucher, bevor 1955 sein Debütroman The Dragon in the Sea zur Fortsetzung in einem Science-Fiction-Magazin veröffentlicht wurde. Der Durchbruch als Schriftsteller gelang ihm schließlich Mitte der 1960er-Jahre mit seinem Roman Der Wüstenplanet, der sowohl mit dem Hugo Award als auch mit dem Nebula Award ausgezeichnet wurde. Bis heute gilt Der Wüstenplanet zusammen mit den Nachfolgeromanen als einzigartige literarische Weltenschöpfung, die jede Generation von Leserinnen und Lesern neu für sich entdeckt.

www.diezukunft.de

FRANK HERBERT

DER WÜSTENPLANET

DER HERR DES WÜSTENPLANETEN

DIE KINDER DES WÜSTENPLANETEN

Drei Romane in einem Band

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

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Titel der Originalausgaben:

DUNE

DUNE MESSIAH

CHILDERN OF DUNE

Aus dem Amerikanischen von Jakob Schmidt

Copyright ©1965, 1969, 1976 by Frank Herbert

Copyright © 2021 der deutschsprachigen Ausgaben by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH

Covergestaltung: Das Illustrat, München, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-29018-4V001

DER WÜSTENPLANET

Der Wüstenplanet

Gerade zu Beginnmuss man größte Achtsamkeit darauf verwenden, alles ins richtige Verhältnis zu setzen. Das weiß jede Schwester der Bene Gesserit. Wenn du also damit beginnst, das Leben von Muad’Dib zu studieren, achte darauf, ihn zunächst in seiner Zeit zu verorten: geboren im 57. Jahr des Padischah-Imperators Shaddam IV. Und achte besonders darauf, Muad’Dib räumlich zu verorten: auf dem Planeten Arrakis. Lass dich nicht davon täuschen, dass er auf Caladan geboren wurde und dort die ersten fünfzehn Jahre seines Lebens verbrachte. Arrakis, den man auch den Wüstenplaneten nennt, wird immer der mit ihm verbundene Ort sein.

– Aus: »Handbuch des Muad’Dib« von Prinzessin Irulan

In der Woche vor ihrem Abflug nach Arrakis, als die Hektik der letzten Reisevorbereitungen ein fast unerträgliches Maß erreicht hatte, kam eine Greisin die Mutter des Jungen Paul besuchen.

Es war ein warmer Abend auf Schloss Caladan, und dem uralten Steinhaufen, der der Familie Atreides seit sechsundzwanzig Generationen ein Zuhause bot, haftete der leichte Geruch von abgekühltem Schweiß an, der einen Wetterumschwung ankündigte.

Die alte Frau wurde durch eine Seitentür am Ende des Gewölbegangs eingelassen, von dem Pauls Zimmer abging, und für einen Moment durfte sie zu ihm hineinspähen, während er dort in seinem Bett lag.

Im Zwielicht einer Schweblampe, die gedimmt in Bodennähe hing, sah der erwachte Junge an der Tür eine ausladende Frauengestalt, die schräg vor seiner Mutter stand. Die alte Frau war ein hexengleicher Schatten – mit Haaren wie verfilzten Spinnweben um das verdunkelte Gesicht, aus dem die Augen wie Edelsteine hervorblitzten.

»Ist er nicht etwas klein für sein Alter, Jessica?«, fragte die Alte. Ihre Stimme schnarrte wie ein schlecht gestimmtes Balisett.

Pauls Mutter antwortete mit ihrer sanften Altstimme: »Es ist bekannt, dass die Atreides spät zu ihrer vollen Größe heranwachsen, Ehrwürden.«

»Das hörte ich schon, das hörte ich schon«, schnarrte die Alte. »Aber er ist bereits fünfzehn.«

»Ja, Ehrwürden.«

»Er ist wach und hört uns zu«, sagte die Alte. »Verschlagener kleiner Schlingel.« Sie keckerte. »Aber wer von edlem Geblüt ist, muss verschlagen sein. Und wenn er wirklich der Kwisatz Haderach ist … nun …«

In den Schatten seines Bettes hielt Paul die Lider einen Spaltbreit geöffnet. Die Vogelaugen der Alten schienen sich zu zwei leuchtend hellen Ovalen auszudehnen, während sie ihm ins Gesicht starrten.

»Schlaf gut, verschlagener kleiner Schlingel«, sagte die Alte. »Morgen, wenn du dich meinem Gom Jabbar stellen musst, wirst du all deine Fähigkeiten brauchen.«

Und damit verschwand sie, schob seine Mutter zur Tür hinaus und schloss sie mit einem festen, dumpfen Laut hinter sich.

Paul lag wach da und fragte sich: Was ist ein Gom Jabbar?

Bei aller Unruhe in dieser Zeit der Veränderung war ihm noch nichts so Seltsames wie diese Alte begegnet.

Ehrwürden.

Und die Art, wie sie seine Mutter Jessica wie eine gewöhnliche Dienstbotin angesprochen hatte – und nicht als das, was sie war, eine Dame der Bene Gesserit, Konkubine eines Herzogs und Mutter des herzoglichen Erben.

Ist der Gom Jabbar etwas von Arrakis, wovon ich erfahren muss, bevor wir dorthin aufbrechen?, überlegte er. Mit den Lippen formte er ihre seltsamen Worte nach. Gom Jabbar … Kwisatz Haderach.

Es gab so viel zu lernen. Das Leben auf Arrakis würde sich so sehr von dem auf Caladan unterscheiden, dass Paul schon jetzt der Kopf schwirrte von all dem Wissen, das er aufgenommen hatte. Arrakis – der Wüstenplanet.

Thufir Hawat, der Assassinenmeister seines Vaters, hatte es ihm erklärt: Ihre Todfeinde, die Harkonnen, waren achtzig Jahre lang auf Arrakis gewesen und hatten den Planeten im Rahmen eines Vertrags mit der MAFEA-Gesellschaft mehr oder weniger als Lehen gehalten, um dort das geriatrische Gewürz Melange abzubauen. Nun räumten die Harkonnen ihren Posten und wurden vom Haus der Atreides abgelöst, die als echte Lehnsherren auftraten – anscheinend ein Sieg für Herzog Leto. Doch Hawat hatte gesagt, dass gerade dieser Anschein die tödlichste Gefahr barg, denn Herzog Leto war beliebt bei den Großen Häusern des Landsraads.

»Der Beliebte weckt die Eifersucht der Mächtigen«, hatte Hawat gesagt.

Arrakis. Der Wüstenplanet.

Paul schlief ein und träumte, er sei in einer Höhle auf Arrakis, umgeben von schweigenden Menschen, die sich im schwachen Schein von Leuchtgloben bewegten. Alles wirkte ernst und feierlich wie in einer Kathedrale, und er lauschte einem leisen Geräusch – dem Tröpfeln von Wasser. Noch während er träumte, wusste Paul, dass er sich nach dem Erwachen an den Traum erinnern würde. An die Träume, die ihm die Zukunft zeigten, erinnerte er sich immer.

Der Traum verblasste.

Paul erwachte und fand sich in seinem warmen Bett wieder, denkend … denkend. Diese Welt von Schloss Caladan, wo es keine Spiele und auch keine Spielgefährten in seinem Alter gab, verdiente es vielleicht nicht, dass man ihr nachtrauerte. Sein Lehrer Dr. Yueh hatte angedeutet, dass man auf Arrakis das Faufreluches-Klassensystem nicht besonders streng einhielt. Der Planet beherbergte Menschen, die ohne einen Kaid oder Baschar, der sie befehligte, am Rande der Wüste lebten; Sandirrwische, Fremen genannt, die in keiner Volkszählung des Imperialen Regats auftauchten.

Arrakis – der Wüstenplanet.

Als Paul merkte, wie angespannt er war, wandte er eine der Geist-Körper-Techniken an, die ihm seine Mutter beigebracht hatte. Drei rasche Atemzüge lösten die gewünschten Reaktionen aus: Er fiel in einen Zustand frei schwebender Aufmerksamkeit … Fokussierung des Bewusstseins … Weitung der Aorten … die unscharfen Automatismen des Geistes meiden … sich aus freien Stücken für das bewusste Sein entscheiden … angereichertes Blut, das in die überlasteten Bereiche strömt … Nahrung-Sicherheit-Freiheit erlangt man nicht durch den Instinkt allein… das tierische Bewusstsein geht nicht über den gegenwärtigen Moment hinaus, noch erfasst es den Gedanken, dass seine Beute aussterben könnte … das Tier zerstört, ohne zu schaffen … tierische Genüsse sind dem Gespür verhaftet und entziehen sich der Wahrnehmung … der Mensch benötigt ein Hintergrundraster, durch das er sein Universum betrachten kann … körperliche Ganzheitlichkeit folgt aus einem Nerven-Blut-Fluss, der dem tiefstmöglichen Bewusstsein für die Bedürfnisse der Zellen gehorcht … alle Dinge/Zellen/Geschöpfe sind von begrenzter Dauer … strebe nach einem inneren Flussgleichgewicht …

Immer wieder spulte sich die Lektion in Pauls Zustand frei schwebender Aufmerksamkeit ab.

Als das gelbe Licht der Morgendämmerung das Fensterbrett berührte, spürte er es durch die geschlossenen Lider. Er öffnete die Augen, hörte, wie das geschäftige Treiben im Schloss von Neuem losging, sah die vertrauten Lichtmuster an der Schlafzimmerdecke.

Die Tür zum Flur öffnete sich, und seine Mutter blickte zu ihm herein. Ihr matt bronzefarbenes Haar wurde von schwarzen Bändern zusammengehalten. Ihre grünen Augen sahen ihn ernst an, ihr ovales Gesicht verriet keine Gefühle.

»Du bist wach«, sagte sie. »Hast du gut geschlafen?«

»Ja.«

Er betrachtete ihre hochgewachsene Gestalt, bemerkte die Spur von Anspannung in ihren Schultern, als sie ihm Kleider aus dem Schrank herauslegte. Einem anderen wäre wohl nichts aufgefallen, doch ihn hatte sie in den Künsten der Bene Gesserit unterwiesen – in der Beobachtung kleinster Details. Sie drehte sich um und hielt ihm eine vergleichsweise förmliche Jacke hin. Über der Brusttasche prangte das rote Falkenwappen der Atreides.

»Schnell, zieh dich an«, sagte sie. »Die Ehrwürdige Mutter wartet.«

»Ich habe einmal von ihr geträumt«, sagte Paul. »Wer ist sie?«

»Sie war meine Lehrerin an der Bene-Gesserit-Schule. Jetzt ist sie die Wahrsagerin des Imperators. Und Paul …« Jessica hielt einen Moment lang inne. »Du musst ihr von deinen Träumen erzählen.«

»Das werde ich. Haben wir Arrakis wegen ihr bekommen?«

»Wir haben Arrakis nicht bekommen.« Jessica schnippte ein Staubkorn von einer Hose und hängte sie zusammen mit der Jacke an den stummen Diener neben Pauls Bett. »Beeil dich, wir wollen die Ehrwürdige Mutter nicht warten lassen.«

Paul setzte sich auf und schlang die Arme um die Knie. »Was ist ein Gom Jabbar?«

Einmal mehr offenbarte ihm die Ausbildung, die sie ihm hatte zukommen lassen, ihr fast unmerkliches Zögern, eine verräterische Nervosität, aus der er Angst herauslas.

Jessica trat ans Fenster, zog die Vorhänge weit auf und blickte über die Obstgärten am Fluss hinweg zum Berg Syubi. »Du wirst früh genug … etwas über den Gom Jabbar erfahren«, sagte sie.

Es verwunderte ihn, Furcht in ihrer Stimme zu hören.

Ohne sich umzudrehen, sprach Jessica weiter: »Die Ehrwürdige Mutter wartet in meinem Morgenzimmer. Bitte beeil dich.«

Die Ehrwürdige Mutter Gaius Helen Mohiam saß in einem verzierten Sessel und beobachtete, wie sich Mutter und Sohn näherten. Durch Fenster zu beiden Seiten konnte man den gewundenen Fluss im Süden und die grünen Äcker der Atreides-Ländereien sehen, doch die Ehrwürdige Mutter verschwendete keinen Gedanken an die Aussicht. An diesem Morgen spürte sie ihr Alter in den Knochen und war mehr als nur ein wenig missgelaunt. Sie gab der Raumreise und dem Umgang mit diesen abscheulichen, hintertriebenen Leuten von der Raumgilde die Schuld. Doch dies war eine Mission, die die persönliche Aufmerksamkeit einer Bene Gesserit mit dem Gesicht verlangte. Selbst die Wahrsagerin des Padischah-Imperators konnte sich dieser Verantwortung nicht entziehen, wenn sie gerufen wurde.

Diese verfluchte Jessica!, dachte die Ehrwürdige Mutter. Wenn sie uns doch nur ein Mädchen geboren hätte, wie man es ihr befohlen hatte!

Jessica blieb drei Schritte von ihrem Sessel entfernt stehen und machte einen kleinen Knicks, nicht mehr als eine leichte Bewegung der Linken an ihrem Rocksaum entlang. Paul verneigte sich auf die knappe Art, die sein Tanzlehrer ihm für Gelegenheiten beigebracht hatte, »bei denen du dir über den Rang deines Gegenübers unsicher bist«.

Die Feinheiten von Pauls Begrüßung entgingen der Ehrwürdigen Mutter nicht. Sie sagte: »Dein Junge ist vorsichtig, Jessica.«

Jessicas Hand wanderte zu Pauls Schulter und umfasste sie fest. Einen Herzschlag lang spürte er die Angst, die in ihr pulsierte. Dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. »So hat man es ihm beigebracht, Ehrwürden.«

Wovor fürchtet sie sich?, fragte sich Paul.

Die Alte beäugte Paul mit einem raschen Gestalt-Blick. Ein ovales Gesicht wie das von Jessica, aber kräftige Knochen. Das Haar: schwarz-schwarz wie das des Herzogs, aber mit dem Haaransatz des Großvaters mütterlicherseits, dessen Name nicht genannt werden darf. Die schmale, hochmütige Nase. Die Form der sie direkt anblickenden grünen Augen: wie der alte Herzog, der Großvater väterlicherseits, der Tote.

Das war ein Mann, der wusste, wie man mit Kühnheit beeindruckt – bis in den Tod, dachte die Ehrwürdige Mutter.

»Jemandem etwas beizubringen ist eine Sache«, sagte sie, »aber die grundsätzliche Anlage ist etwas anderes. Wir werden sehen.« Ihr kalter Blick traf Jessica. »Lass uns allein. Ich weise dich an, die Meditation des inneren Friedens durchzuführen.«

Jessica nahm die Hand von Pauls Schultern. »Ehrwürden, ich …«

»Jessica, du weißt, dass es getan werden muss.«

Verwirrt sah Paul zu seiner Mutter auf.

Jessica straffte sich. »Ja … natürlich.«

Paul blickte zur Ehrwürdigen Mutter. Die Höflichkeit seiner Mutter und ihre offensichtliche Ehrfurcht vor dieser alten Frau rieten zur Vorsicht. Doch gleichzeitig verspürte er angesichts der Angst, die seine Mutter ausstrahlte, Wut und Bangigkeit.

»Paul …« Jessica holte tief Luft. »Diese Prüfung, der du gleich unterzogen wirst … sie ist sehr wichtig für mich.«

»Prüfung?« Er hob den Blick zu ihr.

»Vergiss nie, dass du der Sohn eines Herzogs bist«, sagte Jessica. Sie wirbelte herum und schritt mit raschelndem Rock aus dem Zimmer. Die Tür schlug schwer hinter ihr zu.

Paul sah die Alte an und hielt seinen Zorn im Zaum. »Entlässt man die Lady Jessica etwa wie ein einfaches Dienstmädchen?«

Ein Lächeln umspielte den faltigen alten Mund. »An der Schule war die Lady Jessica vierzehn Jahre lang mein Dienstmädchen, Junge.« Sie nickte. »Und sie hat ihre Arbeit gut gemacht. Und jetzt kommst du her!«

Der Befehl traf ihn wie ein Peitschenschlag. Paul stellte fest, dass er gehorchte, ehe er darüber nachdenken konnte. Sie setzt die Stimme gegen mich ein, dachte er. Ein Wink von ihr brachte ihn zu ihren Füßen zum Stehen.

»Siehst du das?«, fragte sie. Sie zog einen grünen Metallwürfel von etwa fünfzehn Zentimeter Kantenlänge aus den Falten ihres Kleids. Sie drehte ihn, und Paul sah, dass eine Seite offen war – ein schwarzes und seltsam Furcht einflößendes Loch. Kein Licht drang in diese Schwärze.

»Steck die rechte Hand hinein«, sagte sie.

Angst durchzuckte Paul. Er wollte zurückweichen, doch die Alte sagte: »Gehorchst du so deiner Mutter?«

Er sah in ihre glitzernden Vogelaugen.

Dann, einem unwiderstehlichen Zwang folgend, steckte Paul die Hand in den Würfel. Er spürte Kälte, als die Schwärze sich um sie schloss, und dann glattes Metall an den Fingern und ein Kribbeln, als schliefe ihm der Arm ein.

Die Züge der Alten nahmen etwas Raubtierhaftes an. Sie löste ihre rechte Hand von dem Würfel und hielt sie dicht an Pauls Hals. Er sah Metall aufblitzen und wollte den Kopf wenden.

»Halt!«, blaffte sie.

Sie benutzt wieder die Stimme! Er blickte ihr ins Gesicht.

»Ich halte dir den Gom Jabbar an den Hals«, sagte sie. »Der Gom Jabbar, der rücksichtslose Feind. Eine Nadel mit einem Tropfen Gift an der Spitze. Ah-ah! Weiche nicht zurück, sonst wirst du das Gift zu spüren bekommen.«

Mit trockener Kehle versuchte Paul zu schlucken. Er konnte den Blick nicht von dem faltendurchzogenen alten Gesicht wenden, von den glitzernden Augen, dem blassen Zahnfleisch um die silbernen Metallzähne, die aufblitzten, wenn die Alte sprach.

»Natürlich kennt sich der Sohn eines Herzogs mit Giften aus«, sagte sie. »So ist das heutzutage, nicht wahr? Moschum, ein Gift in einem Getränk. Aumas, ein Gift in einer Speise. Die schnell wirkenden, die langsamen und die dazwischen. Jetzt lernst du ein neues Gift kennen – den Gom Jabbar. Er tötet nur Tiere.«

Sein Stolz ließ Paul die Angst überwinden. »Sie wagen es anzudeuten, dass der Sohn eines Herzogs ein Tier ist?«

»Sagen wir, ich deute an, dass du vielleicht ein Mensch bist«, erwiderte sie. »Ruhig! Ich warne dich, versuche nicht, dich loszureißen. Ich mag alt sein, aber meine Hand kann diese Nadel in deinen Hals treiben, ehe du mir entkommst.«

»Wer sind Sie?«, flüsterte er. »Mit welchem Trick haben Sie meine Mutter dazu gebracht, mich mit Ihnen allein zu lassen? Gehören Sie zu den Harkonnen?«

»Den Harkonnen? Liebe Güte, nein! Und jetzt sei still.« Ein trockener Finger berührte seinen Hals, und er unterdrückte den unwillkürlichen Drang zurückzuzucken.

»Gut«, sagte sie dann. »Den ersten Teil der Prüfung hast du bestanden. Nun erfährst du, wie der zweite abläuft. Wenn du deine Hand aus dem Kasten ziehst, stirbst du. Das ist die einzige Regel. Lass die Hand im Kasten und lebe. Zieh sie heraus und stirb.«

Paul holte tief Luft, um sein Zittern zu besänftigen. »Wenn ich schreie, dann sind innerhalb einer Sekunde meine Bediensteten hier – und dann sterben Sie.«

»Deine Bediensteten werden nicht an deiner Mutter vorbeikommen, die vor der Tür Wache hält. Darauf kannst du dich verlassen. Deine Mutter hat diese Prüfung überlebt. Jetzt bist du an der Reihe. Du kannst dich geehrt fühlen – wir führen sie bei Männer-Kindern nur selten durch.«

Nun ließ die Neugier Pauls Angst auf ein erträgliches Maß schrumpfen. Er hörte der Stimme der Alten an, dass sie die Wahrheit sagte. Wenn seine Mutter draußen Wache hielt … wenn das hier wirklich eine Prüfung war … worum auch immer es sich handelte … er wusste, dass er nicht entrinnen konnte. Die Hand an seinem Hals hielt ihn gefangen: der Gom Jabbar. Er erinnerte sich an die Litanei gegen die Angst, wie sie ihn seine Mutter gemäß des Ritus der Bene Gesserit gelehrt hatte: »Ich darf keine Angst haben. Die Angst tötet den Geist. Die Angst ist der kleine Tod, der die völlige Vernichtung bringt. Ich werde mich meiner Angst stellen. Ich werde sie über mich hinweg und durch mich hindurch lassen. Und wenn sie vorübergezogen ist, dann richte ich mein inneres Auge auf den Weg, den sie genommen hat. Wo die Angst vorübergezogen ist, wird nichts mehr sein. Nur ich werde noch da sein.«

Er spürte neue Gelassenheit und sagte: »Dann machen Sie weiter, alte Frau.«

»Alte Frau!«, zischte sie. »Mut hast du, das lässt sich nicht abstreiten. Nun, wir wollen sehen, Sirra.« Sie beugte sich vor und sprach beinahe im Flüsterton. »Du wirst Schmerz in deiner Hand in dem Kasten spüren. Schmerz. Aber wenn du die Hand herausziehst, dann berühre ich deinen Hals mit meinem Gom Jabbar – dem Tod, der so rasch kommt wie das Beil des Scharfrichters. Ziehst du deine Hand heraus, dann holt dich der Gom Jabbar. Hast du verstanden?«

»Was ist in dem Kasten?«

»Schmerz.«

Als das Kribbeln in seiner Hand zunahm, presste er die Lippen fest aufeinander. Was für eine Prüfung soll das sein?, fragte er sich. Das Kribbeln wurde zu einem Jucken.

Die Alte sagte: »Hast du davon gehört, dass es Tiere gibt, die sich ein Bein abkauen, um einer Falle zu entkommen? Das ist ein Verhalten für ein Tier. Ein Mensch würde in der Falle bleiben, den Schmerz ertragen und sich tot stellen, sodass er den Jäger vielleicht töten und eine Bedrohung für seine Artgenossen beseitigen kann.«

Das Jucken wurde zu einem ganz leichten Brennen. »Warum tun Sie das?«, fragte er.

»Um festzustellen, ob du ein Mensch bist. Sei still.«

Paul ballte die Linke zur Faust, als das Brennen in der anderen Hand zunahm. Mehr Hitze, mehr und mehr … und mehr. Er spürte, wie sich ihm die Fingernägel seiner freien Hand ins Fleisch gruben. Er versuchte, die Finger der brennenden Hand zu bewegen, doch sie waren wie erstarrt.

»Es brennt«, flüsterte er.

»Schweig!«

Schmerz pulsierte in seinem Arm. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Jede Faser seines Körpers schrie danach, die Hand aus dieser Feuergrube zu ziehen … aber … da war der Gom Jabbar. Ohne den Kopf zu drehen, bewegte er die Augen, um die schreckliche Nadel an seinem Hals zu sehen. Er merkte, dass sein Atem stoßweise ging, doch sein Versuch, ihn zu beruhigen, blieb erfolglos.

Schmerz!

Alles verblasste, bis Pauls Welt nur noch aus seiner von Qualen umspülten Hand und dem uralten Gesicht bestand, das ihn aus wenigen Zentimetern Entfernung anstarrte.

Seine Lippen waren so trocken, dass er sie kaum auseinander bekam.

Das Brennen! Das Brennen!

Er meinte zu spüren, wie sich die Haut schwarz von der gepeinigten Hand schälte, wie das Fleisch knisternd zerstob, bis nur noch verkohlte Knochen übrig waren … und dann …

Vorbei!

Als wäre ein Schalter umgelegt worden, war der Schmerz vorbei. Paul spürte das Beben seines rechten Arms, spürte seinen schweißgebadeten Leib.

»Das reicht«, brummte die Alte. »Kull wahad! Kein Frauen-Kind hat je so viel ertragen. Vermutlich wollte ich, dass du scheiterst.« Sie lehnte sich zurück und nahm den Gom Jabbar von seinem Hals. »Zieh deine Hand aus dem Kasten, junger Mann, und sieh sie dir an.«

Er unterdrückte ein Schaudern des Schmerzes und starrte in die lichtlose Leere, in der seine Hand, wie es schien, verweilen wollte. Jeder Augenblick war von der Erinnerung an den Schmerz durchdrungen. Er rechnete damit, nichts als einen verkohlten Stumpf aus dem Kasten zu ziehen.

»Los!«, zischte sie.

Paul riss seine Hand aus dem Kasten und starrte sie verblüfft an. Sie war unversehrt, das Fleisch zeigte keine Spur von seinen Qualen. Er hielt sie hoch, drehte sie, bewegte die Finger.

»Schmerz durch Nerveninduktion«, erklärte die Alte. »Schließlich können wir nicht einfach so menschliches Potenzial verstümmeln. Es gibt Leute, die für das Geheimnis dieses Kastens viel bezahlen würden.« Sie ließ ihn zurück in die Falten ihres Gewands gleiten.

»Aber der Schmerz …«, sagte er.

»Schmerz«, schnaubte sie. »Ein Mensch kann mit seinem Willen jeden Nerv in seinem Körper außer Kraft setzen.«

Pauls linke Hand tat ihm weh. Er öffnete die verkrampften Finger und betrachtete die vier blutigen Male, wo sich die Fingernägel in die Haut gebohrt hatten. Dann ließ er die Hand sinken und sah die Alte an. »Das haben Sie auch meiner Mutter angetan?«

»Hast du jemals Sand gesiebt?«, fragte sie.

Der plötzliche Themenwechsel versetzte seinen Verstand in einen Zustand erhöhter Aufmerksamkeit: Sand gesiebt. Er nickte.

»Wir Bene Gesserit sieben Leute, um die Menschen unter ihnen zu finden.«

Paul hob die rechte Hand und beschwor die Erinnerung an den Schmerz herauf. »Und weiter ist nichts dabei – nur Schmerz?«

»Ich habe dich beobachtet, während du Schmerzen gelitten hast, Junge. Schmerz ist lediglich die Achse des Tests. Deine Mutter hat dir von verschiedenen Möglichkeiten des Beobachtens erzählt. Ich sehe ihre Lehren in dir. Unsere Prüfung besteht aus Krise und Beobachtung.«

An ihrem Tonfall war etwas, das ihren Worten absolute Glaubwürdigkeit verlieh. »Das ist die Wahrheit«, murmelte Paul.

Die Alte musterte ihn. Er spürt die Wahrheit! Ist er vielleicht tatsächlich der Eine? Sie erstickte ihre Aufregung im Keim und gemahnte sich: Hoffnung vernebelt die Beobachtungsgabe.

»Du weißt, wenn jemand das, was er sagt, glaubt«, bemerkte sie.

»Ja, das weiß ich.«

Aus seiner Stimme klang das feste Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, das er durch langjähriges Training erlangt hatte. Sie hörte diese Färbung und sagte: »Vielleicht bist du der Kwisatz Haderach. Setz dich, kleiner Bruder, hier zu meinen Füßen.«

»Ich stehe lieber.«

»Deine Mutter saß früher zu meinen Füßen.«

»Ich bin nicht meine Mutter.«

»Du hasst uns, nicht wahr?« Die Ehrwürdige Mutter blickte zur Tür und rief: »Jessica!«

Die Tür flog auf, und Jessica starrte mit kaltem Blick ins Zimmer. Aber die Kälte wich, als sie Paul sah. Sie brachte ein schwaches Lächeln zustande.

»Jessica, hast du jemals aufgehört, mich zu hassen?«, fragte die Alte.

»Ich liebe Sie und hasse Sie zugleich«, erwiderte Jessica. »Der Hass – er rührt von Schmerzen, die ich nie vergessen kann. Die Liebe – sie ist …«

»Bleib bei den Fakten«, sagte die Alte, doch ihre Stimme war sanft. »Du darfst nun hereinkommen, aber schweig. Schließ die Tür, und sorg dafür, dass uns niemand stört.«

Jessica trat ein, schloss die Tür und blieb mit dem Rücken zu ihr stehen. Mein Sohn lebt, dachte sie. Mein Sohn lebt und ist … ein Mensch. Ich wusste, dass er einer ist, aber dennoch … er lebt. Jetzt kann auch ich weiterleben. Die Tür in ihrem Rücken fühlte sich fest und real an. Alles im Zimmer kam ihr unmittelbar vor und drang auf ihre Sinne ein.

Mein Sohn lebt.

Paul sah seine Mutter an und dachte: Sie hat die Wahrheit gesagt. Er wollte allein sein und dieses Erlebnis in Ruhe durchdenken, aber er wusste, dass er erst gehen konnte, wenn man ihn entließ. Die Alte hatte Macht über ihn. Sie haben die Wahrheit gesagt. Auch seine Mutter hatte sich dieser Prüfung unterzogen. Sie musste einer furchtbaren Bestimmung dienen … denn auch Schmerz und Angst waren furchtbar gewesen. Er wusste, was es mit furchtbaren Bestimmungen auf sich hatte. Sie liefen allen Wahrscheinlichkeiten zuwider; sie fanden ihre Notwendigkeit in sich selbst. Paul spürte, dass er mit einer furchtbaren Bestimmung infiziert worden war. Nur wusste er noch nicht, um was für eine Bestimmung es sich handelte.

»Eines Tages, Junge«, sagte die Alte, »wirst auch du draußen vor einer Tür wie dieser stehen. Das verlangt einiges.«

Paul blickte auf die Hand, die den Schmerz erfahren hatte, und dann wieder zur Ehrwürdigen Mutter. Der Klang ihrer Stimme war in einer Hinsicht anders als der jeder anderen, die er kannte: Die Worte waren von einem leuchtenden Schein umgeben, sodass ihre Umrisse klar hervortraten. Er spürte, dass ihm jede Frage, die er ihr stellen würde, eine Antwort bescheren konnte, die ihn aus seiner fleischlichen Welt in etwas Größeres heben würde.

»Warum suchen Sie nach Menschen?«, fragte er.

»Um euch zu befreien.«

»Befreien?«

»Einst haben die Menschen das Denken den Maschinen übertragen, in der Hoffnung, dass das sie befreien würde. Doch stattdessen ermöglichte es nur anderen Menschen mit Maschinen, sie zu versklaven.«

»›Du sollst keine Maschine nach dem Bild des Geistes eines Menschen fertigen‹«, zitierte Paul.

Die Alte nickte. »So steht es in Butlers Dschihad und in der Orange-Katholischen Bibel«, sagte sie. »Aber eigentlich sollte in der O. K.-Bibel stehen: ›Du sollst keine Maschine fertigen, die eine Fälschung des menschlichen Geistes darstellt.‹ Hast du den Mentaten in deinen Diensten studiert?«

»Ich habe bei Thufir Hawat studiert.«

»Der Große Aufstand hat eine Krücke beseitigt«, sagte sie. »Er hat den menschlichen Geist dazu gezwungen, sich zu entwickeln. Schulen wurden ins Leben gerufen, um menschliche Gaben zu trainieren.«

»Die Schulen der Bene Gesserit?«

Sie nickte erneut. »Zwei wichtige Schulen aus jenen Tagen haben bis in die heutige Zeit überlebt – die Bene Gesserit und die Raumgilde. Soweit wir wissen, legt die Gilde die Betonung fast ganz auf Mathematik. Die Bene Gesserit erfüllen eine andere Funktion.«

»Politik«, sagte Paul.

»Kull wahad!«, sagte die Alte. Sie warf Jessica einen strengen Blick zu.

»Ich habe es ihm nicht erzählt, Ehrwürden«, sagte Jessica.

Die Ehrwürdige Mutter wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Paul zu. »Das hast du mit bemerkenswert wenigen Hinweisen erkannt«, sagte sie. »Ja, Politik. Die ursprüngliche Bene-Gesserit-Schule wurde von jenen geleitet, die die Notwendigkeit einer gewissen Kontinuität in den menschlichen Angelegenheiten sahen. Sie erkannten, dass eine solche Kontinuität nur gewährleistet werden konnte, indem man menschliches Material von tierischem trennte – zu Zuchtzwecken.«

Mit einem Mal verloren die Worte der alten Frau für Paul ihre hervorstechende Klarheit. Er empfand einen Verstoß gegen das, was seine Mutter als seinen »Instinkt für das Richtige« bezeichnete. Aber es war nicht so, dass die Ehrwürdige Mutter ihn anlog; offensichtlich glaubte sie das, was sie sagte. Es war etwas Tiefergehendes, etwas, das mit seiner furchtbaren Bestimmung zu tun hatte. Er sagte: »Aber meine Mutter hat gesagt, dass viele Bene Gesserit von den Schulen gar nicht wissen, von wem sie abstammen.«

»Die Genlinien werden in unseren Archiven aufbewahrt«, sagte die Alte. »Deine Mutter weiß, dass sie entweder von Bene Gesserit abstammt oder dass das Genmaterial ihrer Vorfahren von sich aus akzeptabel war.«

»Warum durfte sie dann nicht erfahren, wer ihre Eltern sind?«

»Manche dürfen es erfahren … und viele nicht. Es wäre zum Beispiel möglich, dass wir sie mit einem engen Verwandten paaren wollten, um eine Dominanz einer gewissen genetischen Eigenschaft zu erzeugen. Unser Handeln kennt viele Beweggründe.«

Einmal mehr spürte Paul einen Verstoß gegen das, was richtig war. »Sie maßen sich einiges an«, sagte er.

Die Ehrwürdige Mutter betrachtete ihn und dachte: Habe ich da Kritik aus seinem Tonfall herausgehört? »Wir tragen eine schwere Bürde«, sagte sie.

Paul fühlte, wie der Schock der Prüfung langsam abebbte. Er maß die Alte mit einem gleichmütigen Blick und sagte: »Sie haben gesagt, dass ich vielleicht der … Kwisatz Haderach bin. Was ist das? Ein menschlicher Gom Jabbar?«

»Paul«, sagte Jessica. »Du darfst nicht in diesem Ton mit der …«

»Ich regele das, Jessica«, unterbrach sie die Alte. »Also gut, Junge, weißt du von der Wahrsagedroge?«

Paul nickte. »Man nimmt sie, um die Fähigkeit zum Aufdecken von Täuschungen zu verbessern«, sagte er. »Meine Mutter hat mir davon erzählt.«

»Und hast du jemals die Wahrheitstrance beobachtet?«

Er schüttelte den Kopf.

»Die Droge ist gefährlich«, sagte die Alte, »doch sie verleiht Einsichten. Wenn eine Wahrsagerin die Gabe der Droge erhält, kann sie an viele Orte in ihrer Erinnerung schauen – in der Erinnerung ihres Körpers. Auf diese Weise verfolgen wir viele Wege in die Vergangenheit … aber nur weibliche Wege.« Ihre Stimme nahm einen traurigen Ton an. »Es gibt einen Ort, an den keine Wahrsagerin sehen kann. Er stößt uns ab, versetzt uns in Schrecken. Es heißt, dass eines Tages ein Mann kommen und durch die Gabe der Droge sein geistiges Auge entdecken wird. Er wird dorthin blicken, wo wir nichts sehen können – in weibliche wie auch in männliche Vergangenheiten.«

»Der Kwisatz Haderach?«

»Ja. Derjenige, der an vielen Orten zugleich sein kann – der Kwisatz Haderach. Etliche haben die Droge ausprobiert … aber keiner hatte Erfolg.«

»Sie haben es versucht und sind gescheitert?«

»Oh nein.« Die Ehrwürdige Mutter schüttelte den Kopf. »Sie haben es versucht und sind gestorben.«

Der Versuch, Muad’Dib zu verstehen, ohne auch seine Todfeinde, die Harkonnen, zu verstehen, ist wie der Versuch, die Wahrheit zu sehen, ohne die Lüge zu kennen. Es ist der Versuch, das Licht zu sehen, ohne die Dunkelheit zu kennen. Es ist nicht möglich.

– Aus: »Handbuch des Muad’Dib« von Prinzessin Irulan

Angetrieben von einer fetten, mit glitzernden Ringen bestückten Hand, drehte sich der teilweise in Schatten getauchte Reliefglobus einer Welt. Der Globus stand frei vor der Wand eines fensterlosen Raums, dessen übrige Wände mit einem bunten Wirrwarr aus Schriftrollen, Filmbüchern, Bändern und Spulen bedeckt waren. Erleuchtet wurde der Raum von goldenen Kugeln, die in mobilen Suspensorfeldern schwebten.

In der Mitte des Raums befand sich ein ellipsoider Schreibtisch mit einer Platte aus versteinertem Elaccaholz in Jaderosa. Darum herum standen selbstverformende Suspensorsessel, von denen zwei besetzt waren. In dem einen saß mit griesgrämiger Miene ein rundgesichtiger, dunkelhaariger Junge von etwa sechzehn Jahren, im anderen ein schmaler, kleiner Mann mit weibischen Zügen.

Junge und Mann beobachteten beide den Globus und den halb in den Schatten verborgenen Mann, der ihn drehte.

Ein Kichern ertönte neben dem Globus, und aus dem Kichern polterte eine Bassstimme hervor: »Da ist sie, Piter – die größte Menschenfalle, die es jemals gegeben hat. Und der Herzog ist in ihre Fänge unterwegs. Ist es nicht etwas Großartiges, was ich, Baron Vladimir Harkonnen, da eingefädelt habe?«

»Aber ja doch, Baron«, sagte der Mann. Er sprach in einem süßen, melodischen Tenor.

Die fette Hand senkte sich auf den Globus und brachte ihn zum Stehen. Jetzt konnten sich alle Blicke auf die unbewegte Oberfläche richten und erkennen, dass es jene Sorte Globus war, die man für reiche Sammler oder Planetengouverneure des Imperiums herstellte. Es war echte imperiale Handarbeit. Längen- und Breitengrade waren haarfeine Platindrähte; die Polkappen bestanden aus feinsten Wolkenmilchdiamanten.

Die fette Hand zog die Linien auf der Oberfläche nach. »Seht nur«, polterte die Bassstimme. »Sieh genau hin, Piter, und du auch, Feyd-Rautha, mein Liebster. Vom sechzigsten nördlichen Breitengrad bis zum siebzigsten südlichen – diese köstlichen Kräuselungen. Ihre Färbung, erinnert sie euch nicht an süßen Karamell? Nirgends ist das Blau von Seen, Flüssen oder Meeren zu sehen. Und diese herzallerliebsten Polkappen – wie klein sie sind. Ist das nicht ein unverwechselbarer Planet? Arrakis! Wahrhaft einzigartig. Ein grandioser Schauplatz für einen einzigartigen Sieg.«

Ein Lächeln ließ Piters Lippen zucken. »Und man stelle sich vor, Baron, der Padischah-Imperator glaubt, dass er dem Herzog Ihren Gewürzplaneten geschenkt hätte. Welch bittere Ironie.«

»Das ist eine unsinnige Aussage«, polterte der Baron. »Das sagst du, um Feyd-Rautha zu verwirren. Aber das ist völlig unnötig.«

Der Junge mit dem missmutigen Gesicht regte sich im Sessel und glättete eine Falte seines hautengen Anzugs. Er richtete sich auf, als hinter ihm an der Tür ein zurückhaltendes Klopfen ertönte.

Piter erhob sich aus seinem Sessel, ging an die Tür und öffnete sie gerade weit genug, um einen Nachrichtenzylinder entgegenzunehmen. Nachdem er die Tür wieder geschlossen hatte, entrollte er den Inhalt des Zylinders und überflog ihn. Er gab ein leises Lachen von sich, dann noch eines.

»Und?«, fragte der Baron fordernd.

»Dieser Dummkopf hat geantwortet, Baron.«

»Wann hat ein Atreides jemals die Gelegenheit zu einer großen Geste ausgeschlagen?«, sagte der Baron. »Und, was schreibt er?«

»Er ist höchst ungehobelt, Baron. Er spricht Sie als ›Harkonnen‹ an, kein ›Sire und geschätzter Cousin‹, kein Titel, kein gar nichts.«

»Es ist ein guter Name«, knurrte der Baron, und sein Tonfall verriet seine Ungeduld. »Was schreibt der liebe Leto?«

»Er schreibt: ›Die Kunst des Kanly hat noch immer ihre Verehrer im Imperium.‹ Und unterzeichnet hat er mit ›Herzog Leto von Arrakis‹.« Piter lachte. »Von Arrakis! Liebe Güte! Das ist fast schon zu gut!«

»Sei still, Piter«, knurrte der Baron, und Piters Lachen verstummte, als hätte man einen Schalter umgelegt. »Kanly also?«, sagte der Baron. »Eine Vendetta, was? Und er benutzt dieses hübsche alte Wort, das von Traditionen trieft, damit ich auch ganz sicher weiß, dass er es ernst meint.«

»Sie haben eine Geste des Friedens gemacht, Baron«, sagte Piter. »Die Form wurde gewahrt.«

»Für einen Mentaten redest du zu viel, Piter«, sagte der Baron. Und er dachte: Ich muss mir diesen Kerl bald vom Hals schaffen. Er ist mir kaum noch von Nutzen. Der Baron sah quer durch den Raum seinen Mentaten-Assassinen an, und sofort fiel ihm das an Piter auf, was die meisten als Erstes bemerkten – die Augen, die überschatteten Schlitze aus Blau in Blau, diese Augen, in denen überhaupt kein Weiß mehr zu sehen war.

Ein Grinsen huschte über Piters Gesicht, unter den Augen wie Löchern hatte es etwas Maskenhaftes. »Aber Baron! Nie war Rache schöner. Wir sehen hier einen Plan von erlesenster Hinterlist. Leto dazu zu bringen, dass er Caladan gegen den Wüstenplaneten eintauscht – und zwar ohne dass ihm eine Alternative bleibt, weil der Imperator es befiehlt. Sie sind ein Schelm!«

Mit kalter Stimme sagte der Baron: »Du hast Sprechdurchfall, Piter.«

»Aber ich bin glücklich, mein Baron. Während Sie … Sie verspüren einen Anflug von Neid.«

»Piter!«

»Ah-ah, Baron! Ist es nicht bedauerlich, dass Sie nicht in der Lage waren, sich diese köstliche Intrige selbst auszudenken?«

»Eines Tages werde ich dich strangulieren lassen, Piter.«

»Aber gewiss, Baron. Enfin! Doch eine gute Tat ist nie vergebens, oder?«

»Hast du Verit oder Semuta gekaut, Piter?«

»Wahre Worte ohne Furcht überraschen den Baron«, sagte Piter. Er setzte eine gespielt finstere Miene auf. »Ah, ha! Aber Sie müssen sich darüber im Klaren sein, Baron, dass ich als Mentat weiß, wann Sie den Henker schicken. Sie werden sich zurückhalten, solange ich Ihnen von Nutzen bin. Früher zu handeln wäre Verschwendung, und noch kann man mich zu vielem gebrauchen. Ich weiß, welche Lektion Sie von diesem wunderbaren Dünenplaneten gelernt haben – verschwende nie etwas. Nicht wahr, Baron?«

Der Baron starrte Piter weiter an.

Feyd-Rautha rutschte in seinem Stuhl herum. Dieses alberne Gerangel der beiden!, dachte er. Mein Onkel kann nicht mit seinem Mentaten reden, ohne Streit anzufangen. Denken die etwa, dass ich nichts Besseres zu tun hätte, als mir ihr Gezänk anzuhören?

»Feyd«, sagte der Baron. »Als ich dich hergebeten habe, habe ich dir gesagt, dass du zuhören und lernen sollst. Lernst du etwas?«

»Ja, Onkel.« Feyd-Rautha war sorgsam auf einen unterwürfigen Tonfall bedacht.

»Manchmal gibt mir Piter wirklich zu denken«, sagte der Baron. »Ich verursache aus Notwendigkeit Schmerz, aber er … ich könnte schwören, dass es ihm echte Freude bereitet. Ich für meinen Teil kann Mitleid mit dem armen alten Herzog Leto empfinden. Dr. Yueh wird bald handeln, und das wird dann das Ende der Familie Atreides sein. Aber mit Sicherheit wird Leto erkennen, wessen Hand den gefügigen Doktor lenkte – und dieses Wissen wird schrecklich für ihn sein.«

»Warum haben Sie den Doktor dann nicht angewiesen, Leto still und effektiv einen Kindjal zwischen die Rippen zu bohren?«, fragte Piter. »Sie sprechen von Mitgefühl, aber …«

»Der Herzog muss begreifen, dass ich es bin, der hinter seinem Verderben steht«, erwiderte der Baron. »Und die anderen Großen Häuser müssen auch davon erfahren. Dieses Wissen wird sie zum Nachdenken bringen. Was mir etwas Spielraum verschafft. Die Notwendigkeit ist offensichtlich, aber deshalb muss mir das nicht gefallen.«

»Spielraum«, höhnte Piter. »Schon jetzt hat der Imperator Sie im Auge, Baron. Sie handeln zu kühn. Eines Tages wird er ein bis zwei Legionen seiner Sardaukar hierher nach Giedi Primus schicken, und dann ist es vorbei mit Baron Vladimir Harkonnen.«

»Das würde dir gefallen, was, Piter?«, sagte der Baron. »Es würde dir gefallen zu sehen, wie ein Sardaukar-Korps meine Städte plündert und dieses Schloss hier einnimmt. Das würde dir wirklich Freude bereiten.«

»Muss der Baron das überhaupt fragen?«, flüsterte Piter.

»Du hättest ein Baschar bei den Korps werden sollen«, sagte der Baron. »Du interessierst dich zu sehr für Blut und Schmerz. Vielleicht war es voreilig von mir, dir etwas von unserer Beute auf Arrakis zu versprechen.«

Piter machte fünf seltsam affektierte Schritte in den Raum hinein und blieb direkt hinter Feyd-Rautha stehen. Knisternde Anspannung lag in der Luft, der Junge blickte mit einem besorgten Stirnrunzeln zu Piter auf.

»Spielen Sie lieber nicht mit Piter, Baron«, sagte der Mentat. »Sie haben mir Lady Jessica versprochen … Sie haben sie mir versprochen.«

»Wofür willst du sie, Piter?«, fragte der Baron. »Für Schmerzen?«

Piter starrte ihn an, während sich das Schweigen ausdehnte.

Feyd-Rautha bewegte seinen Suspensorsessel zur Seite und sagte: »Onkel, muss ich bleiben? Du meintest, du …«

»Mein liebster Feyd-Rautha wird ungeduldig«, sagte der Baron und bewegte sich neben dem Globus in den Schatten. »Geduld, Feyd.« Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Mentaten zu. »Was ist mit dem Herzöglein, dem Kind Paul, mein lieber Piter?«

»Die Falle wird ihn in Ihre Hände spielen, Baron«, brummte Piter.

»Das habe ich nicht gefragt«, sagte der Baron. »Du wirst dich an deine Vorhersage erinnern, dass die Bene-Gesserit-Hexe dem Herzog eine Tochter gebären wird. Da hast du dich geirrt, nicht wahr, Mentat?«

»Ich irre mich nur selten, Baron«, sagte Piter, und erstmals lag ein Hauch von Angst in seiner Stimme. »Das müssen Sie mir zugestehen. Und Sie wissen selbst, dass die Bene Gesserit meistens Töchter zur Welt bringen. Auch die Gemahlin des Imperators hat nur weibliche Kinder hervorgebracht.«

»Onkel«, sagte Feyd-Rautha, »du meintest, dass es hier etwas Wichtiges für mich …«

»Hör dir meinen Neffen an«, sagte der Baron. »Er hat es darauf abgesehen, über meine Baronie zu herrschen, dabei hat er sich nicht einmal selbst im Griff.« Der Baron regte sich neben dem Globus, ein Schatten in den Schatten. »Also gut, Feyd-Rautha Harkonnen, ich habe dich in der Hoffnung hierherbestellt, dir etwas Klugheit beizubringen. Hast du unseren Mentaten beobachtet? Du müsstest etwas aus unserem Wortwechsel gelernt haben.«

»Aber Onkel …«

»Ein höchst tüchtiger Mentat, unser Piter, findest du nicht, Feyd?«

»Ja, aber …«

»Ah! Allerdings, aber! Aber er nimmt zu viel Gewürz zu sich, er konsumiert es wie eine Süßigkeit. Sieh dir seine Augen an! Er könnte ebenso gut ein Tagelöhner auf Arrakis sein. Er ist tüchtig, aber er ist trotzdem emotional und neigt zu leidenschaftlichen Ausbrüchen. Tüchtig ist er, unser Piter, aber er kann sich irren.«

Leise und im Schmollton sagte Piter: »Haben Sie mich hergerufen, um meine Tüchtigkeit durch Kritik zu beeinträchtigen, Baron?«

»Deine Tüchtigkeit beeinträchtigen? Du kennst mich doch, Piter, ich will nur, dass mein Neffe begreift, welche Grenzen einem Mentaten gesetzt sind.«

»Bilden Sie bereits meinen Nachfolger aus?«, wollte Piter wissen.

»Einen Nachfolger für dich? Aber Piter, wo sollte ich denn einen anderen Mentaten finden, der eine so verschlagene Giftschlange ist wie du?«

»Am selben Ort, an dem Sie mich gefunden haben, Baron.«

»Hm, vielleicht sollte ich das wirklich versuchen«, sinnierte der Baron. »Du kommst mir in letzter Zeit etwas instabil vor. Und wie viel Gewürz du verspeist!«

»Sind meine Verlustierungen zu teuer, Baron? Haben Sie Einwände dagegen?«

»Mein lieber Piter, deine Verlustierungen sind es, die dich an mich binden. Wie könnte ich etwas dagegen haben? Ich möchte lediglich, dass mein Neffe das an dir sieht.«

»Dann werde ich also vorgeführt«, sagte Piter. »Soll ich tanzen? Soll ich dem hochgeehrten Feyd-Rautha meine zahlreichen Talente demonstrieren?«

»Ganz genau«, sagte der Baron, »du wirst vorgeführt. Und jetzt sei still.« Er wandte sich Feyd-Rautha zu, und sein Blick fiel auf die Lippen seines Neffen, den vollen Schmollmund, genetischer Ausweis der Harkonnen und in diesem Moment in leichter Belustigung verzogen. »Dieses Geschöpf ist ein Mentat, Feyd. Man hat es dazu ausgebildet und konditioniert, bestimmte Pflichten zu erfüllen. Jedoch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es in einem menschlichen Körper steckt. Das ist ein ernsthafter Nachteil. Manchmal glaube ich, dass unsere Vorfahren mit ihren Denkmaschinen auf der richtigen Spur waren.«

»Im Vergleich zu mir waren das Spielzeuge«, fauchte Piter. »Selbst Sie, Baron, könnten Besseres leisten als diese Maschinen.«

»Mag sein«, sagte der Baron. »Ach ja …« Er holte tief Luft und rülpste. »Und jetzt, Piter, umreiße für meinen Neffen die hervorstechenden Merkmale unserer Kampagne gegen das Haus Atreides. Übe deine Funktion als Mentat aus, wenn es dir genehm ist.«

»Baron, ich habe Sie davor gewarnt, einem so jungen Menschen diese Informationen anzuvertrauen. Meine Beobachtungen …«

»Das lass meine Sorge sein«, sagte der Baron. »Ich befehle es dir, Mentat. Demonstriere eines deiner zahlreichen Talente.«

»So sei es«, sagte Piter. Er straffte sich und nahm eine seltsam würdevolle Haltung an – als setzte er eine weitere Maske auf, die diesmal seinen ganzen Körper bedeckte. »In einigen Standardtagen wird der gesamte Hofstaat von Herzog Leto mit einem Schiff der Raumgilde nach Arrakis aufbrechen. Die Gilde wird die Atreides bei der Stadt Arrakeen absetzen, nicht bei unserer Stadt Carthag. Der Mentat des Herzogs, Thufir Hawat, wird zu Recht zu dem Schluss gelangt sein, dass sich Arrakeen besser verteidigen lässt.«

»Hör gut zu, Feyd«, sagte der Baron. »Beachte, wie sich in jedem Plan ein weiterer versteckt, und darin noch einer.«

Feyd-Rautha nickte und dachte: So habe ich mir das schon eher vorgestellt. Endlich weiht mich das alte Ungetüm in ein paar Geheimnisse ein. Offenbar will er mich wirklich als seinen Erben.

»Es gibt mehrere randständige Möglichkeiten«, sagte Piter. »Ich sage voraus, dass das Haus Atreides nach Arrakis gehen wird. Wir dürfen allerdings nicht die Möglichkeit außer Acht lassen, dass der Herzog eine Abmachung mit der Gilde getroffen hat und man ihn an einen sicheren Ort außerhalb des Systems bringen wird. Schon andere Häuser sind unter ähnlichen Umständen zu Renegaten geworden. Sie haben ihre Atomwaffen und Schilde mitgenommen und sind über die Grenzen des Imperiums geflohen.«

»Dafür ist der Herzog ein zu stolzer Mann«, sagte der Baron.

»Die Möglichkeit besteht«, sagte Piter. »Im Endeffekt liefe es für uns aber auf das Gleiche hinaus.«

»Nein, das liefe es nicht!«, zischte der Baron. »Ich brauche ihn tot – und sein Haus muss mit ihm sterben.«

Piter nickte. »Das ist das Wahrscheinlichere. Es gibt gewisse Vorbereitungen, die darauf hindeuten, dass ein Haus abtrünnig wird. Der Herzog trifft offensichtlich keine davon.«

»Na also.« Der Baron seufzte. »Mach weiter, Piter.«

»In Arrakeen«, sagte Piter, »wird der Herzog mit seiner Familie die Residenz beziehen, die zuletzt das Zuhause von Graf und Lady Fenring war.«

»Der Schmuggler-Botschafter«, warf der Baron kichernd ein.

»Was für ein Botschafter?«, fragte Feyd-Rautha.

»Dein Onkel beliebt zu scherzen«, sagte Piter. »Er nennt Graf Fenring Schmuggler-Botschafter und spielt damit auf das Interesse des Imperators am Schmuggel auf Arrakis an.«

Feyd-Rautha sah seinen Onkel verwirrt an. »Warum?«

»Sei nicht dumm, Feyd«, blaffte der Baron. »Wie sollte es denn anders sein, solange sich die Gilde der Kontrolle durch das Imperium weitgehend entzieht? Wie sonst sollten sich Spione und Assassinen bewegen?«

Feyd-Rauthas Mund bildete ein lautloses »Oh«.

»Wir haben in der Residenz für Ablenkung gesorgt«, fuhr Piter fort. »Es wird einen Anschlag auf das Leben des Atreides-Erben geben – einen Anschlag, der von Erfolg gekrönt sein könnte.«

»Piter«, polterte der Baron, »du hast vorhergesagt …«

»Ich habe vorhergesagt, dass es zu Unfällen kommen kann«, sagte Piter. »Und der Anschlag muss glaubwürdig aussehen.«

»Ah, aber der Junge hat einen so süßen Körper«, sagte der Baron. »Natürlich ist er potenziell gefährlicher als der Vater … wo er doch von seiner Hexenmutter ausgebildet wird. Verfluchte Frau! Nun ja, mach weiter, Piter.«

»Hawat wird voraussehen, dass wir einen Agenten auf ihn angesetzt haben«, erklärte Piter. »Der offensichtliche Verdächtige ist Dr. Yueh, der tatsächlich unser Agent ist. Aber Hawat hat Untersuchungen angestellt und herausgefunden, dass unser Doktor ein Absolvent der Suk-Schule mit imperialer Konditionierung ist – eigentlich müsste er damit vertrauenswürdig genug sein, um selbst den Imperator zu behandeln. Man geht davon aus, dass die ultimative Konditionierung nicht entfernt werden kann, ohne die betreffende Person zu töten. Aber wie einmal jemand feststellte, kann man mit dem richtigen Hebel sogar einen Planeten bewegen. Wir haben den Hebel gefunden, mit dem sich der Doktor bewegen lässt.«

»Wie?«, fragte Feyd-Rautha. Dieses Thema fand er faszinierend. Jeder wusste, dass sich eine imperiale Konditionierung nicht unterwandern ließ.

»Ein andermal«, sagte der Baron. »Weiter, Piter.«

»Anstelle von Yueh werfen wir Hawat also eine andere hochinteressante Verdächtige zum Fraß vor«, sagte Piter. »Die schiere Kühnheit eines Verdachts gegen diese Person wird seine Aufmerksamkeit erregen.«

»Eine Frau?«, fragte Feyd-Rautha.

»Die Lady Jessica persönlich«, sagte der Baron.

»Ist das nicht göttlich?«, sagte Piter. »Hawats Verstand wird so sehr mit dieser Möglichkeit befasst sein, dass seine Funktion als Mentat darunter leidet. Vielleicht wird er sogar versucht sein, sie zu töten.« Piter runzelte die Stirn. »Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er tatsächlich dazu fähig ist.«

»Du willst nicht, dass er das tut, was?«, sagte der Baron.

»Bleiben wir bei der Sache, Baron«, sagte Piter. »Während Hawat mit Lady Jessica beschäftigt ist, lenken wir ihn zusätzlich mit ein paar Aufständen in Garnisonsstädten und derlei mehr ab. Diese Aufstände wird man niederschlagen. Der Herzog soll glauben, dass er ein gewisses Maß an Sicherheit gewinnt. Und dann, wenn die Zeit reif ist, geben wir Yueh ein Zeichen und marschieren mit unserer Hauptstreitkraft ein … ähm …«

»Nur zu, erzähl ihm alles«, sagte der Baron.

»Wir marschieren verstärkt um zwei mit Harkonnen-Uniformen getarnte Sardaukar-Legionen ein.«

»Sardaukar?«, hauchte Feyd-Rautha. Seine Gedanken wandten sich den gefürchteten imperialen Truppen zu, den gnadenlosen Killern, den fanatischen Soldaten des Padischah-Imperators.

»Du siehst, wie sehr ich dir vertraue, Feyd«, sagte der Baron. »Nicht ein Hauch von alldem darf jemals einem anderen Haus zu Ohren kommen, sonst würde sich der Landsraad womöglich gegen das Haus des Imperators zusammenschließen, und Chaos wäre die Folge.«

»Die Hauptsache ist«, sagte Piter, »dadurch, dass das Haus Harkonnen eingesetzt wird, um die schmutzige Arbeit des Imperiums zu erledigen, gewinnen wir einen echten Vorteil. Es ist natürlich ein gefährlicher Vorteil, aber wenn wir ihn achtsam einsetzen, werden wir den Harkonnen größere Reichtümer verschaffen, als irgendein anderes imperiales Haus sie besitzt.«

»Du machst dir keine Vorstellung, um was für Reichtümer es geht, Feyd«, sagte der Baron. »Nicht in deinen wildesten Träumen. Für den Anfang erhalten wir einen permanenten Posten im Direktorat der MAFEA-Gesellschaft.«

Feyd-Rautha nickte. Es ging um Reichtum. Die MAFEA war der Schlüssel zum Reichtum, und jedes Adelshaus angelte sich aus der Schatzkammer der Gesellschaft so viel wie über das Direktorat möglich. Die MAFEA-Direktoratsposten – sie waren der eigentliche Ausweis politischer Macht im Imperium. Und sie passten sich der Stimmenstärke im Landsraad an, der ein Gegengewicht zum Imperator und dessen Unterstützern darstellte.

»Herzog Leto wird vielleicht versuchen, zu dem Fremen-Abschaum am Rande der Wüste zu fliehen«, sagte Piter. »Oder seine Familie in diese trügerische Sicherheit zu schicken. Aber dieser Weg wird ihm durch einen Agenten Seiner Majestät versperrt sein – den planetaren Ökologen. Du erinnerst dich vielleicht an ihn – Kynes.«

»Feyd erinnert sich an ihn«, sagte der Baron. »Red weiter.«

»Ihr Geifern ist recht unschön, Baron«, sagte Piter.

»Red weiter, habe ich gesagt!«, brüllte der Baron.

Piter zuckte mit den Schultern. »Wenn alles wie geplant abläuft«, sagte er, »dann wird das Haus Harkonnen innerhalb eines Standardjahrs ein neues Lehen auf Arrakis haben. Dein Onkel wird über dieses Lehen verfügen. Und sein persönlicher Agent wird auf Arrakis herrschen.«

»Mehr Profite«, bemerkte Feyd-Rautha.

»In der Tat«, sagte der Baron. Und er dachte: Das ist nur gerecht. Wir sind es, die Arrakis gezähmt haben … abgesehen von diesen Fremen-Missgeburten, die sich an den Rändern der Wüste verstecken … und einigen handzahmen Schmugglern, die beinahe ebenso fest an den Planeten gebunden sind wie die einheimischen Arbeitskräfte.

»Und die Großen Häuser werden wissen, dass der Baron die Atreides vernichtet hat«, sagte Piter. »Sie werden es wissen.«

»Sie werden es wissen«, hauchte der Baron.

»Das Allerschönste daran ist allerdings«, sagte Piter, »dass der Herzog es auch wissen wird. Er weiß es schon jetzt. Er spürt, dass ihn eine Falle erwartet.«

»Es stimmt, der Herzog weiß es.« In der Stimme des Barons lag ein trauriger Unterton. »Er konnte sich diesem Wissen nicht entziehen … umso bedauerlicher.«

Der Baron entfernte sich von dem Arrakis-Globus, und als er aus den Schatten trat, nahm er deutlicher Gestalt an – er war widerwärtig und unglaublich fett. Die Ausbeulungen unter den Falten seiner schwarzen Gewänder verrieten, dass all das Fett großteils von tragbaren Suspensoren gehalten wurde, die er um den Leib geschnallt trug. Er mochte an die zweihundert Standardkilo wiegen, doch seine Füße trugen nicht mehr als fünfzig davon.

»Ich bin hungrig«, brummte der Baron und rieb sich mit seiner beringten Hand die vorstehenden Lippen. Dann sah er aus fettverquollenen Augen Feyd-Rautha an. »Lass etwas zu essen bringen, mein Liebster. Wir halten ein Mahl, bevor wir uns zurückziehen.«

So sprach die Heilige Alia des Messers: »Die Ehrwürdige Mutter muss die listenreichen Verführungskünste einer Kurtisane mit der unberührbaren Majestät einer jungfräulichen Göttin vereinen und die Spannung zwischen diesen beiden Eigenschaften so lange aufrechterhalten, wie die Kräfte ihrer Jugend bestehen. Denn wenn Jugend und Schönheit dahin sind, wird sie feststellen, dass jener Ort dazwischen, den zuvor die Spannung eingenommen hat, zu einem Quell von Gerissenheit und Einfallsreichtum wird.«

– Aus: »Muad’Dib: Familienkommentare« von Prinzessin Irulan

»Nun, Jessica, was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen?«, fragte die Ehrwürdige Mutter.

Es war kurz vor Sonnenuntergang auf Schloss Caladan, der Abend nach Pauls Feuerprobe. Die beiden Frauen waren allein in Jessicas Morgenzimmer, während Paul nebenan in der schallgeschützten Meditationskammer wartete.

Jessica stand mit dem Gesicht zu den Südfenstern. Sie sah auf die abendlichen Farbstreifen über Wiese und Fluss, ohne sie wirklich zu sehen. Und sie hörte die Frage der Ehrwürdigen Mutter, ohne sie wirklich zu hören.

Einst war da eine andere Feuerprobe gewesen – vor vielen Jahren. Ein dünnes Mädchen mit bronzefarbenem Haar, ihr Körper gemartert von den Launen der Pubertät, hatte das Arbeitszimmer der Ehrwürdigen Mutter Gaius Helen Mohiam, oberste Sachwalterin der Bene-Gesserit-Schule auf Wallach IX, betreten … Jessica blickte auf ihre rechte Hand hinab, bewegte die Finger, dachte an den Schmerz, das Entsetzen, die Wut.

»Armer Paul«, flüsterte sie.

»Ich habe dir eine Frage gestellt, Jessica.« Der Tonfall der Alten war bissig und fordernd.

»Wie? Ach ja …« Jessica riss ihre Aufmerksamkeit von der Vergangenheit los und wandte sich der Ehrwürdigen Mutter zu, die mit dem Rücken zur Steinwand zwischen den beiden Westfenstern saß. »Was soll ich Ihrer Meinung nach sagen?«

»Was du meiner Meinung nach sagen sollst? Was du sagen sollst?« Die krächzende Stimme hatte einen gemeinen, nachäffenden Unterton.

»Ich habe einen Sohn geboren – und?«, brach es aus Jessica heraus. Dabei wusste sie natürlich, dass sie absichtlich angestachelt wurde.

»Man hat dir befohlen, den Atreides nur Töchter zu gebären.«

»Es hat ihm so viel bedeutet«, verteidigte sich Jessica.

»Und in deinem Stolz hast du geglaubt, den Kwisatz Haderach hervorbringen zu können.«

Jessica hob das Kinn. »Ich habe die Möglichkeit erahnt.«

»Du hast nur an den Wunsch deines Herzogs nach einem Sohn gedacht«, blaffte die Alte. »Aber seine Wünsche spielen hier keine Rolle. Eine Atreides-Tochter hätte man mit einem Harkonnen-Erben vermählen können, um den Bruch zu heilen. Du hast alles hoffnungslos verkompliziert. Jetzt verlieren wir vielleicht beide Blutlinien.«

»Sie sind nicht unfehlbar«, sagte Jessica und trotzte dem scharfen Blick der Alten.

Die Ehrwürdige Mutter brummte: »Nun, was geschehen ist, ist geschehen.«

»Ich habe mir geschworen, meine Entscheidung nie zu bereuen«, sagte Jessica.

»Wie edelmütig«, höhnte die Alte. »Nichts zu bereuen. Warten wir ab, bis ein Preis auf deinen Kopf ausgesetzt ist und du auf der Flucht bist. Wenn sich die Hand eines jeden Mannes gegen dich wendet und dir und deinem Sohn nach dem Leben trachtet – vielleicht bereust du dann.«

Jessica erblasste. »Gibt es keine Alternative?«

»Alternative? Das fragt eine Bene Gesserit?«

»Ich frage nur, was Sie mit Ihren überlegenen Fähigkeiten in der Zukunft sehen.«

»Ich sehe in der Zukunft, was ich in der Vergangenheit gesehen habe. Du kennst das Muster, dem deine Geschicke folgen, Jessica. Die Art weiß um ihre eigene Sterblichkeit und fürchtet eine Stagnation des Erbguts. Es liegt im Blut – der Drang, Erblinien planlos zu vermischen. Das Imperium, die MAFEA-Gesellschaft, all die großen Häuser sind nur Treibgut in der Bahn der Flut.«

»Die MAFEA«, murmelte Jessica. »Es ist offenbar bereits entschieden, wie sie ihre Beute auf Arrakis neu verteilen.«

»Die MAFEA ist nichts als ein Fähnchen im Wind unserer Zeiten«, sagte die Alte. »Der Imperator und seine Verbündeten kontrollieren inzwischen neunundfünfzig Komma sechs fünf Prozent der Stimmen im MAFEA-Direktorat. Sicherlich wittern sie Gewinne, und wenn andere diese Gewinne ebenfalls wittern, wird sich ihr Stimmanteil vermutlich noch erhöhen. Das ist der Lauf der Geschichte, Mädchen.«

»Das kann ich jetzt wirklich gebrauchen«, sagte Jessica. »Eine Geschichtslektion.«

»Nur keinen Sarkasmus, Mädchen! Du weißt genauso gut wie ich, welche Kräfte uns umgeben. Wir leben in einer Zivilisation mit drei Polen. Das imperiale Haus hält sich die Waage mit den vereinigten Großen Häusern des Landsraads – und zwischen ihnen die Gilde mit ihrem verdammenswerten Monopol auf interstellaren Transport. In der Politik ist das Dreibein die instabilste Struktur. Es wäre schon schlimm genug ohne die zusätzliche Komplikation einer feudalen Handelskultur, die der Wissenschaft weitgehend den Rücken gekehrt hat.«

»Treibgut in der Bahn der Flut«, sagte Jessica bitter. »Und dieses Stück Treibgut hier ist Herzog Leto, und das dort ist sein Sohn, und das …«

»Ach, jetzt halt schon den Mund, Mädchen. Du hast dich selbst in diese Sache hineinbegeben, wohl wissend, auf welch schmalem Grat du wandelst.«

»›Ich bin eine Bene Gesserit. Ich lebe nur, um zu dienen‹«, zitierte Jessica.

»Das ist wahr«, sagte die Alte. »Und jetzt können wir nur noch hoffen, dass es uns gelingt, einen Flächenbrand zu verhindern und so viel wie möglich von den wichtigsten Blutlinien zu retten.«

Jessica schloss die Augen und spürte den Druck der Tränen unter ihren Lidern. Sie kämpfte gegen ihr inneres Zittern an, gegen ihr äußeres Zittern, ihr unregelmäßiges Atmen, ihren flatternden Puls und den Schweiß auf ihren Handflächen. Dann sagte sie: »Ich bezahle selbst für meinen Fehler.«

»Und dein Sohn wird mit dir bezahlen.«

»Ich werde ihn so gut schützen, wie ich kann.«

»Schützen?«, kläffte die Alte. »Du weißt sehr wohl, welche Schwäche darin liegt. Schütze deinen Sohn zu sehr, Jessica, dann wird er niemals stark genug, um irgendein Schicksal zu erfüllen.«

Jessica wandte sich ab und sah hinaus in die zunehmende Dunkelheit. »Ist es wirklich so schrecklich dort, auf dem Planeten Arrakis?«

»Schlimm genug, wenn auch nicht in jeder Hinsicht. Die Missionaria Protectiva war dort und hat die Verhältnisse etwas abgemildert.« Die Ehrwürdige Mutter richtete sich schwerfällig auf und strich eine Falte in ihrem Kleid glatt. »Ruf den Jungen herein. Ich muss bald gehen.«

»Müssen Sie das wirklich?«

Die Stimme der Alten wurde sanfter. »Jessica, Mädchen, ich wünschte, ich könnte dein Leid an deiner statt auf mich nehmen. Aber jede von uns muss ihren eigenen Weg beschreiten.«

»Ich weiß.«

»Du bist mir so nahe wie meine eigenen Töchter, aber ich kann mich dadurch nicht in meinen Pflichten beirren lassen.«

»Ich verstehe … die Notwendigkeit.«

»Was du getan hast, Jessica, und weshalb du es getan hast – das wissen wir beide. Aber es ist ein Gebot der Freundlichkeit, dir zu sagen, dass dein Junge wohl kaum die Bene-Gesserit-Totalität sein wird. Du darfst dir keine zu großen Hoffnungen erlauben.«

Wütend wischte sich Jessica Tränen aus den Augenwinkeln. »Sie geben mir das Gefühl, wieder ein kleines Mädchen zu sein, das gerade seine erste Lektion aufsagt: ›Menschen dürfen sich niemals Tieren unterwerfen.‹« Ein trockenes Schluchzen schüttelte sie. Leise sagte sie: »Ich bin so einsam.«

»Das ist eine deiner Prüfungen«, sagte die Alte. »Menschen sind fast immer einsam. Und jetzt ruf den Jungen. Er hatte einen langen, beängstigenden Tag. Aber er hatte auch Zeit nachzudenken und sich zu erinnern, und ich muss ihm noch mehr Fragen zu seinen Träumen stellen.«

Jessica nickte, ging zur Tür der Meditationskammer und öffnete sie. »Paul, komm jetzt bitte herein.«

Mit widerstrebender Langsamkeit betrat Paul das Zimmer. Er starrte Jessica an wie eine Fremde. Dann sah er misstrauisch die Ehrwürdige Mutter an, doch diesmal nickte er ihr zu, ein Nicken wie unter Gleichen. Er hörte, wie seine Mutter die Tür hinter ihm schloss.

»Junger Mann«, sagte die Alte, »wenden wir uns wieder diesen Träumen zu.«

»Was wollen Sie wissen?«

»Träumst du jede Nacht?«

»Keine Träume, an die man sich erinnern müsste. Ich erinnere mich an alle meine Träume, aber einige sind es wert, sie sich zu merken, und andere nicht.«

»Woher weißt du den Unterschied?«

»Ich weiß es einfach.«

Die alte Frau warf Jessica einen kurzen Blick zu und sah dann wieder zu Paul. »Was hast du letzte Nacht geträumt? War es der Traum wert, sich daran zu erinnern?«

»Ja.« Paul schloss die Augen. »Ich habe eine Höhle geträumt … und Wasser … und ein Mädchen, das dort war … Sie war sehr dünn und hatte große Augen … durch und durch blaue Augen, ohne Weiß darin … Ich rede mit ihr und erzähle ihr von Ihnen, davon, wie ich auf Caladan der Ehrwürdigen Mutter begegnet bin.« Er öffnete die Augen wieder.

»Und was du diesem seltsamen Mädchen über mich erzählt hast, ist heute geschehen?«

Paul überlegte und sagte dann: »Ja. Ich erzähle dem Mädchen, dass Sie gekommen sind und mir einen Stempel der Andersartigkeit aufgedrückt haben.«

»Einen Stempel der Andersartigkeit«, hauchte die alte Frau und sah für eine Sekunde wieder zu Jessica. »Sag mir die Wahrheit, Paul, träumst du oft von Dingen, die sich anschließend genau so ereignen, wie du sie geträumt hast?«

»Ja. Und ich habe auch schon früher von diesem Mädchen geträumt.«

»Ach? Du kennst sie?«

»Ich werde sie kennenlernen.«

»Erzähl mir von ihr.«

Erneut schloss Paul die Augen. »Wir befinden uns in einem kleinen Raum zwischen Felsen, wo wir geschützt sind. Es ist beinahe Nacht, aber es ist heiß, und durch eine Öffnung zwischen den Felsen sehe ich eine Sandfläche. Wir … warten auf etwas … auf eine Gruppe von Leuten, die ich treffen soll. Sie hat Angst, auch wenn sie versucht, das vor mir zu verbergen, und ich bin aufgeregt. Und sie sagt: ›Erzähl mir von den Wassern deiner Heimatwelt, Usul.‹« Paul öffnete die Augen. »Ist das nicht seltsam? Meine Heimatwelt ist doch Caladan. Ich habe noch nie von einem Planeten namens Usul gehört.«

»Geht der Traum noch weiter?«, fragte Jessica.