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Es war der Reflex eines Sonnenstrahls auf einem Zinnteller, der wie ein Blitz in die Welt des einfachen Schuhmachers Jakob Böhme einschlug. Blitzartige Einsicht, unio mystica, Erleuchtung, satori und tao, Grenzüberschreitungen in Musik, Literatur, Kunst und Erotik - dass es sich dabei immer um ein und dieselbe Erfahrung der Nicht-Dualität handelt, ist eine Hypothese, die sich durch die frappierende Übereinstimmung der Erlebnisberichte aus den verschiedensten Kulturkreisen und über alle Zeiten hinweg, stützen lässt. Der bewegende Augenblick außerhalb von Raum, Zeit und dem eigenen Ich gilt weltweit und durch die gesamte Geschichte als Höhepunkt persönlicher Erfahrung. Eng damit verknüpft ist die Überwindung der Todesangst. Im globalen Kontext gewinnen unsere Vorstellungen neue Perspektiven.
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Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Die gewaltigen Offenbarungen,
auf die sich die Religionen berufen,
sind der stillen wesensgleich,
die sich allerorten und allezeit begibt.
(Martin Buber)
Vorwort
Augenblicke jenseits von Raum und Zeit
Entrückung, Ekstase, absolutes Bewusstsein. Nicht-Dualität als Ereignis
Die Uhr meines Lebens holte Atem
Beschreibungen unbeschreiblicher Erlebnisse
Über das Denken hinaus
Philosophische Versuche, das Unbegreifliche zu begreifen
Eins zu sein mit allem was lebt
Poetische Deutungen
Das unteilbare Ganze
Wissenschaftliche Erklärungsversuche
Seinsverloren
Das gespaltene Individuum
Gott, Götter, Natur, Kosmos
Wege zur Einheit und zur Überwindung der Todesangst
Rhythmuswechsel
Der Körper ist ein Instrument, das gestimmt werden kann
Weisheit der direkten Wahrnehmung
Der östliche Weg
Ekstatische Visionen
Die „absolute Einheit“ im Westen
Die Sprache der anderen Wirklichkeit
Grenzüberschreitung
Heil sein heisst ganz sein
Re-ligio und Tod
Quellennachweise
Namenverzeichnis
Es war der matte Glanz eines Zinntellers, der wie ein Blitz in die Welt des einfachen Schuhmachers Jakob Böhme einschlug. Der Lichtblitz erhellte das Leben der Dinge und gab den Blick frei in das Herz des Universums – der Schuster fühlte sich aufgefordert, seinen Beruf aufzugeben und seine Gedanken niederzuschreiben.
Der Titel ZINNTELLER-REFLEX bezieht sich auf dieses weithin bekannte ‚Erleuchtungserlebnis’ des bedeutenden Mystikers Jakob Böhme, stellvertretend für andere ähnliche Erfahrungen blitzartiger Erkenntnisse, die Thema dieses Buches sind.
Der Moment der blitzartigen Einsicht, in dem jedes Raum-, Zeit- und Ichgefühl abhanden kommt, lässt sich nicht beschreiben. Er lässt sich jedoch einkreisen, in Zitaten von Dichtern, Denkern, Künstlern, Wissenschaftlern und alten Weisheitslehren, die sich an diesen unbeschreiblichen Augenblick herantasten. In vierzig Jahren der Lektüre quer durch Dichtung, Philosophie, Mystik, Wissenschaft, Weisheitslehren des alten Ägypten und des Fernen Ostens habe ich zufällig gefundene Hinweise auf das überwältigende Erlebnis der Einheit, der inneren Ungespaltenheit, der Nicht-Dualität festgehalten.
Der bewegende Augenblick ausserhalb von Raum, Zeit und dem eigenen Ich ist weltweit durch unsere gesamte Geschichte ein Höhepunkt persönlicher Erfahrung. Er gilt grundsätzlich und überall als unbeschreibbar. Die direkte Wahrnehmung, die intuitive Erkenntnis, die unvermittelte Erfahrung, die blitzartige Einsicht ist höchstes Ziel spiritueller Praxis oder zufälliges Gipfelerlebnis im Alltag. Nicht selten lenkt das überwältigende Erleben der mystischen Einheit mit Gott, Göttern, Natur und Kosmos das Leben in neue Bahnen.
Das Phänomen kosmischen Bewusstseins ist bekannt. Rüdiger Safranski bezeichnet es als die grosse Kommunion. Dass aber alle Kulturen dieses Phänomen kennen und es sich in allen Kulturen möglicherweise um ein und dieselbe Erfahrung der Nicht-Dualität handelt, ist eine Hypothese, die sich durch die frappierende Übereinstimmung der Zitate aus den verschiedensten Kulturkreisen in allen Teilen unseres Globus und über alle Zeiten hinweg, stützen lässt. In der aufgezeigten Übereinstimmung der Beschreibungs- und Erklärungsversuche von Stille, kosmischem Bewusstsein, unio mystica, Erleuchtung, satori und tao liegt der Kernpunkt dieser Textsammlung.
Reflexe und Reflektionen werfen Licht auf den Zerrspiegel des Unbegreiflichen und lassen das Erlebnis erleuchtungsartigen Glücks in immer neuen Aspekten aufblitzen. Für unseren Verstand und unsere Begriffswelt wird dieser unfassbare Moment wohl immer im Dunkeln bleiben.
Klassische und moderne, fremde und bekannte Zitate in diesem Buch weisen Zusammenhänge auf, die global, zeitlos und gerade deshalb aktuell sind und ‚hellhörig’ machen für diese Augenblicke jenseits von Raum und Zeit. Ich habe die Zitate nach Schwerpunkten nebeneinander gestellt, ohne Rücksicht darauf, aus welcher Epoche, aus welchem Kulturkreis sie stammen. Nur so zeigen die ausgewählten Textstellen, dass dieses ergreifende Ereignis der Nicht-Dualität in allen Kulturen quer durch die Geschichte und über unseren ganzen Erdball hinweg von höchster Bedeutung ist. Zitate von Dichtern, Denkern, Wissenschaftlern und Mystikern stehen gleichwertig neben Initiationsberichten aus Afrika und Zitaten aus den Weisheitslehren von Ägypten, Indien und Fernost.
Dichter, Denker, Künstler, Wissenschaftler und Extremsportler erzählen von einem Ausflug in die andere, mit Sprache nicht erfassbare Wirklichkeit, indem sie das, wofür ihnen die Begriffe fehlen, poetisch, philosophisch, wissenschaftlich umschreiben. Friedrich Hölderlin, Else Lasker-Schüler und Paul Celan; Platon, Rousseau und Ernst Bloch; John Cage, Sun Ra und Charles Mingus; Albert Einstein, Nils Bohr und Erwin Schrödinger; Sigmund Freud, Fritz Perls und Albert Hofmann; Jakob Böhme, Bayazid Al Bistami und Dschalaleddin Rumi und eine fast enzyklopädische Anzahl anderer spürten der ekstatischen Grenzüberschreitung aus unserer gewöhnlichen in eine andere Realität nach.
Überzeugt davon, dass in Zeiten globaler Wirtschaft auch im Denken Grenzen abgebaut werden müssen, hoffe ich, mit diesem Hinweis auf ein Phänomen, das in einem ganz wesentlichen Bereich persönlichen Erlebens alle Kulturen verbindet, zu mehr Verständnis, Respekt und Toleranz dem Fremden gegenüber zu führen und bin mir sicher, dass unser eigenes Erleben im Spiegel anderer Kulturen an Essenz gewinnt.
Für literarische Hinweise danke ich Günther Bonheim vom Jakob Böhme-Archiv Goerlitz, Winfried Feifel vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach, Dirk Heisserer, Ulrich Holbein, Mechthild Rausch, Detlef Thiel, Elisabeth Trautwein-Heymann, herman de vries und meinem aufgeschlossenen humorvollen langjährigen Partner Hartmut Geerken.
Die Quellennachweise beschränken sich auf nicht allgemein bekannte Literatur. Einige wenige sind leider nicht mehr festzustellen.
Sigrid Hauff
Ruhe. Eine unheimliche innere Stille. Das Denken setzt aus. Leicht, als ob du dich auflöst im Nichts. Oder im All. In einem Raum ohne Grenzen. Ohne Zeit. Du bist nicht mehr du. Du bist alles. Du bist nichts. Du bist – plötzlich, unerwartet, grundlos überglücklich.
Als ich, 17-jährig und erstmals verliebt, im Foyer eines Pariser Hotels traurig und verzweifelt auf die Eingangstür starrte und vergeblich auf meinen Freund wartete, trippelte durch die Schattenmuster der schmiedeeisernen Eingangstür in der Sonne ein Sperling auf mich zu: in diesem Moment geschah etwas mir völlig Unverständliches.
Der kleine Vogel wurde urplötzlich zur Erfüllung aller nur denkbaren Wünsche.
In diesem Augenblick einer bis dahin unbekannten absoluten Stille wurde mir die ganze Welt geschenkt. Der Moment, als dieser Vogel auf mich zuging, veränderte mich und mein Leben. Seit diesem Tag weiss ich, dass Glück unabhängig ist von allem, was unsere Alltagswelt an Kummer und Verzweiflung mit sich bringen mag.
Was tatsächlich geschehen war, blieb mir lange ein Rätsel. Bis ich bei der Lektüre immer wieder auf ähnliche Erfahrungen anderer stiess. Ich versuchte, dem Rätsel auf die Spur zu kommen.
Das Phänomen dieser überwältigenden Stille begegnete mir im Laufe der Jahre in literarischen Zeugnissen aller Zeiten in Ost und West. Philosophische Erkenntnis, religiöse und mystische Erfahrung, künstlerisches Schaffen und persönliche Lebenserfüllung scheinen im Erlebnis dieser ganz besonderen Stille miteinander verwurzelt. Es ist ein Augenblick, in dem sich das Bewusstsein dem ganzen Universum öffnet. Es ist das Erlebnis der Allgegenwart, der mystischen Einheit mit Gott, Göttern, Natur und dem eigenen Ich.
Augenblicke der Stille sind Augenblicke, in denen man einfach nur ist: offen, achtsam, präsent. Weder ein nach aussen noch nach innen gerichtetes Bewusstsein – selbstvergessen, in der Raum-Zeit der Kinder. Die innere Zerrissenheit verfliegt. Die Entzweiung des Menschen mit sich selbst weicht der wiederhergestellten Einheit.
Ich stiess auf spirituelle und physische Praktiken, die dieses kosmische Bewusstsein, das je nach Kultur einen anderen Namen hat, auslösen sollen und können. Die Hindus sprechen von Samadhi, die Buddhisten von Erleuchtung, Zenbuddhisten von Satori und Taoisten von Tao. Meditation, Mantras, Yoga- und Zenübungen sind Wege, diesen Zustand tiefer Entspannung bei wachem Geist gezielt auszulösen. Der Tanz der Derwische leitet über Trance und Ekstase in diesen Zustand über. Magische und religiöse Rituale wie auch Initiationsriten zielen ab auf Bewusstseinszustände jenseits von Raum und Zeit. Ekstase – das griechische Wort Ek-stasis bedeutet wörtlich: ausser sich sein. Sich in einem anderen Bewusstseinszustand befinden. Aus sich heraustreten, aussteigen aus der Ordnung von Raum, Zeit und Kausalität.
Die Kluft zwischen Sein und Bewusstsein schliesst sich in Augenblicken, wo das Unendliche unmittelbare Gegenwart ist. Das Glückgefühl, aufgehoben zu sein in einem Grösseren, überwindet jede Angst, auch die Angst vor dem Tod.
Es gibt Kulturen, die dieses Bewusstsein von Einheit zum Ziel aller spirituellen Anstrengungen machen, zum Wichtigsten, was es zu erreichen gilt. Es gibt Kulturen, die mit veränderten Bewusstseinszuständen ganz selbstverständlich umgehen, arbeiten und heilen. Und es gibt Kulturen wie unsere, in denen diese Momente eines ins Universale erweiterten Bewusstseins im Alltag eine so geringe Rolle spielen, dass sie nicht der Rede wert sind.
Oder doch?
moments
in
which
one
simply
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Augenblicke in denen man einfach nur ist – das Gedicht des amerikanischen Dichters und Griechenland-Eremiten Robert Lax (1915 – 2000) nimmt den gemeinsamen Nenner aller nachfolgenden Berichte über Erlebnisse der Stille, der Einheit mit Gott, Göttern, Welt, Kosmos und mit dem eigenen Ich vorweg.
Im Augenblick der völligen Selbstauflösung bist du nicht du. Du bist ein Universum, das Universum. Du könntest antworten, sollte dich jemand fragen. Aber deine Antwort käme von weither, von anderswo. Du bist abwesend, schwebst ausserhalb von Raum und Zeit. Du schwebst auch zwischen Leben und Tod. Als ob die Entscheidung für Sein oder Nichtsein in diesem Augenblick bei dir liege.
Auch den Wortgewaltigen hat diese unerklärliche Erfahrung von Stille zunächst die Sprache verschlagen. Und doch haben Dichter, Schriftsteller und Philosophen versucht, in Worte zu fassen, wie ihnen diese Erfahrung in ihrem Leben zum grossen Ereignis wurde. Diese Stille ist mehr als das Gegenteil von Lärm und Unrast. Diese Augenblicke ausserhalb von Raum und Zeit überwältigen durch ein bislang unerlebtes Ausmass von Glück.
Die grössten Ereignisse – das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.
(Nietzsche, Zarathustra)
Mittags.
Und Zarathustra lief und lief und fand niemanden mehr und war allein
Und fand immer wieder sich und genoss und schlürfte
Seine Einsamkeit
Und dachte an gute Dinge, – stundenlang …
Unter einem knorrigen Baum, um den sich ein Traubenstock rankt, legt er sich zum Mittagsschlaf nieder. In der Stille dieses Augenblicks scheint ihm die Welt vollkommen. Er ist glücklich, und er fragt sich, was das ist, das Glück:
Das Wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse Rascheln, ein Hauch, ein Busch, ein Augen-Blick – wenig macht die Art des besten Glücks. Still! – Was geschah mir:
Horch! Flog die Zeit wohl davon?
(Nietzsche, Zarathustra)
Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Atem – nie hörte ich solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak.
(Nietzsche, Ecce Homo)
Und so stand mein Geist geblendet in höchster
Verwunderung bewegungslos, still und gespannt,
und meine Verwunderung flammte weiter
während ich in Erstaunen starrte …
(Dante, Göttliche Komödie)
Auslöser für diese Aufrüttelerlebnisse sind offensichtlich sehr häufig völlig unbedeutende Gegenstände, unscheinbare Tiere, Pflanzen, beiläufiges Geschehen, die plötzlich und unerwartet berühren.
Die ganze Ewigkeit pocht aus meiner kleinen Taschenuhr und der ganze Weltenraum hat Platz im kleinen glücklich-blauen Schneckenhaus … aber das Gesicht ist ebenfalls ein normaler Zustand, allerdings im anderen Zeitspalt der Welt, einer Welt nach dem Tode oder gar – vor dem Leben … Doch die Menschen, welche ins Gesicht versetzt wurden, zurückgekehrt in die reale Welt, sie haben nicht geträumt. Ich möchte beifügen, himmlischer Tau schimmert noch auf ihrem Gemüte.2
(Else Lasker-Schüler, Die heilige Stadt)
Jedes Zufällige kann unser Weltorgan werden. Ein Gesicht, ein Stern, eine Gegend, ein alter Baum kann, so Novalis, Epoche in unserem Innern machen.3
Es ist auch für kurze Momente der echte Reichtum des Lebens offenbargeworden. – und hintnach merke ich erst wie oberflächlich wir für gewöhnlich leben! wie ein Schleier hängt unser sonstiges bewusstes Tun über dem gähnenden Abgrund.
Ein Hauptkennzeichen des Erlebnisses ist die vollkommene Stille – die aber, es klingt irrsinnig wie ein feierlicher Ton eine ‚Stimme’ im Innen ist.
Kennen Sie diese Zustände?? Leider dauern diese Hellgesichte nur kurz und die Trübung durch sprachlich waches Denken tritt bald ein. – Ich kenne dieses Erlebnis seit 1903 wo ich’s in Friedenau bei Berlin eines Abends als ich (bei einem Freunde zu Besuch) allein in fremder Wohnung noch arbeitete. Alles war still; – das Mädchen schlief in einem andern Trakt, – mein Freund war in der Stadt. – Über meine Zeichnung hinweg, blickte ich auf die vielerlei Gegenstände auf dem Tisch – und da kams! – alle die kleinen Sachen auf dem Tisch erschienen mir sinnlos aber Millionen Mal mehr daseiender und bedeutungsvoller, und das ganze halbdunkle Zimmer bekam eine Existenzkraft und ich selbst wusste auf einmal wie ein Blitz von meiner Ewigkeit, aber ohne irgend ein Erkennen, vollkommen selbstverständlich, trotz der Sinnlosigkeit. Anders kann ich’s nicht beschreiben.4
(Alfred Kubin an Salomo Friedlaender/Mynona)
Kubin war 26 Jahre alt, als er einen Blick in eine andere Raum-Zeit werfen konnte. Jean Paul war wesentlich jünger, als ihm ähnliches widerfuhr:
An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind an der Haustüre und sah links nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht, ich bin ein Ich, wie ein Blitzstrahl vom Himmel vor mich fuhr und seitdem leuchtend stehen blieb; da hatte mein Ich zum erstenmale sich selber gesehen und auf ewig.5
Stimmen, Stimmen: Höre, mein Herz, wie sonst nur
Heilige hörten: dass sie der riesige Ruf
Aufhob vom Boden; sie aber knieten,
Unmögliche, weiter und achteten’s nicht:
So waren sie hörend (…) Aber das Wehende höre,
die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet.6
(Rainer Maria Rilke, Erste Duineser Elegie)
Nach einiger Zeit bemerkte er, dass es in seinem Kopf zum ersten Mal an diesem Tag vollkommen still geworden war. Den ganzen Tag hatte er gleichsam, ohne Atempause, reden müssen. Jetzt hörte er nur noch zu. Niedergebeugtes Gras am Rand des Spielplatzes … Er lauschte. Der Wind legte sich. Als er sich wieder hob und die Bäume aufrauschten, spürte Keuschnig ein fremdes, ruhiges Lebensgefühl. Das Gras stand aufgerichtet und zitterte. Die Autos fuhren ohne Unterlass hinter den Bäumen auf den Champs Elysées; ab und zu ein Hupen, oder ein Knattern und Röhren, wenn ein Motorrad die Autos überholte. Er war weggedacht und doch da.
Dann hatte er ein Erlebnis – und noch während er es aufnahm, wünschte er, dass er es nie vergessen würde. Im Sand zu seinen Füssen erblickte er drei Dinge:ein Kastanienblatt; ein Stück von einem Taschenspiegel; eine Kinderzopfspange. Sie hatten schon die ganze Zeit so dagelegen, doch auf einmal rückten diese Gegenstände zusammen zu Wunderdingen. – „Wer sagt denn, dass die Welt schon entdeckt ist?“ – Sie war nur entdeckt, was die Geheimnistuereien betraf, mit denen die einen ihre Gewissheiten gegen andre verteidigten, und es gab jedenfalls keine künstlichen Geheimnisse mehr, mit denen er erpresst werden konnte, weder ein Geheimnis der Heiligen Kommunion noch des Universums (…). Doch die Wunschdinge jetzt vor ihm auf der Erde schreckten nicht ab. Sie stimmten ihn so zuversichtlich, dass er nicht mehr ruhig bleiben konnte. Er scharrte mit den Fersen und lachte …7
(Peter Handke, Die Stunde der wahren Empfindung)
Ich war niedergeschlagen. Die Welt erschien mir flach und farblos. Ich hatte mich zurückgezogen. Ich war ein winziger Kern in meinem Körper, Notwendigkeiten und Verpflichtungen hilflos preisgegeben, bedrückt von meiner Isoliertheit, abgeschnitten vom Urquell meiner Seele. Ich ging zum Teich, zog mich aus und stürzte mich ins Wasser – ein plötzlicher Schock, kalt auf der Haut. Als ich wieder an die Oberfläche kam, hörte ich über die Wiese her einen Vogel rufen. Plötzlich war es absolut still in mir. Der Vogelruf war meine Stimme. Wir waren getrennt und doch eins. Ich war dort draussen und hier drinnen (...) Alles traf sich in mir und strahlte von mir aus. ‚Das Zentrum des Kreises ist überall, die Peripherie nirgends’. Ich erkannte dies und wusste, es war schon immer so gewesen, wenn ich es auch nicht hatte erleben können, weil ich davon abgeschnitten war. Mein Kopf füllte sich mit poetischen Bildern. Die Dimension des Unendlichen war überall.8
(Elizabeth Herron)
Als rund um den Flakhelfer und späteren Journalisten Klaus Harpprecht die Bomben einschlugen, fielen seine Augen auf Schneekristalle – er erlebte eine ungeahnte Freude.9
Intensive Erlebnisse von Licht, Klang und Stille sind vielen Erfahrungsberichten gemeinsam. Paul Celan fragt sich, ob diese Stille nicht einfach ein anderes Wort sei für Licht.
Dietrich Bonhoeffer, Pfarrer im Widerstand, schrieb im Gestapo-Gefängnis in der Berliner Prinz-Albrecht-Strasse 8, wenige Wochen bevor man ihn erhängte, vom vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet als einem Klang, der nur in der Stille vernehmbar sei.
Für Paul Celan ist der Ur-Klang ein Dröhnen: Es dröhnt, als sei die Wahrheit selber unter die Menschen getreten, mitten ins Metaphern-Gestöber.10 Das ist Shabd, der innere Weltenton, der erklingt aus sich selbst innerhalb und ausserhalb des Raumes11 und von dem Dschalaleddin Rumi behauptet, dass er durch die Sinne nicht erfasst werden kann.
Shabd, oder Naam sind für indische Heilige wie Kabir Sahib die Schwingungen der Kraft, die das Universum kontrolliert.
Silvia Ostertag, Musikerin und Zenlehrerin, berichtet:
Als ich das erste Mal den Cellisten Pablo Casals spielen hörte, ist etwas Seltsames in mir vorgegangen. Es war bei den Zermatter Meisterkursen, und zu jedem Unterricht waren auch Teilnehmer zugelassen, die nur zuhören wollten. Zu denen gehörte ich, eine von vielen. Casals unterrichtete, und ich erinnere mich an den Augenblick, in dem er seinen Bogen in die Hand nahm und einen Ton vorspielte, einen einzigen Ton. Es war sicher nicht so, dass ich vorher geschlafen hätte. Aber im Augenblick, da dieser Ton erklang, war es mir, als würde ich erwachen, schlagartig und sanft zugleich (…)
Es war so, als habe dieser Ton ein Ohr in mir erreicht, das es bisher noch gar nicht gab. Es war mir, als habe dieser Ton alle Höhen durchdrungen und mich im Innersten getroffen. In einem Innersten, das ich bis dahin nicht wahrgenommen hatte. Und doch war mir dieses Innerste mit einem Male mehr vertraut als alles, was ich an mir kannte; sonst würde ich es nicht mein Innerstes nennen.
Als dieser eine Ton verklungen war, fand ich mich für einen Augenblick unsicher, ob Casals ihn überhaupt gespielt hatte oder ob es nur gerade ganz still im Raum war. Und wenn ich ihn beschreiben wollte … es war ein Ton, in dem alle Töne klangen und in dem zugleich alle Stille war …12
(Silvia Ostertag)
Ort der Handlung: der Crane Prairie Lake im Gebirge der Cascades Mountains in Oregon, 1700 Meter hoch. Ich liege auf einem Bett aus Kiefernadeln am Rande des Sees.
Zeit: August 1984, ein heisser Sommertag, 35 Grad Hitze, unerträglich in den Tiefen der viel befahrenen Route Ninety Seven, aus denen ich hier heraufgeflüchtet bin.
Ich sehe, hineinblinzelnd in die Helle des Sommerhimmels: drei senkrecht über mir in die Höhe ragende Kiefern – pine trees – vor leuchtend blauem Hintergrund. Keine einzige Wolke. Ab und zu ein seine Bahn ziehender Vogel. Näher bei mir: schnell vorbeihuschende Fliegen, sich wiegende Libellen, kreisende Moskitos. Nicht viel für die Augen.
Aber ich höre: Stille. Sie höre ich zuerst. Wie ein Gewicht, das ich greifen kann. Ein schweres, glattes Gewicht. Meine Ohren befühlen es, als seien sie tastende Finger. Ich nehme wahr: Das Gewicht fühlt sich gut an. Ich denke: Solche Stille hast du lange nicht gehört.
Ich beschäftige mich mit: Stille. Sie ist lebendig. Ein Tropfen aus Stille. Meine Ohren dringen ein in ihn. I c h bin in ihm. Der Tropfen wird Universum. Ein Kosmos, der – zu tönen beginnt.13
(Joachim-Ernst Berendt)
Der umstrittene indische Guru Bhagwan Shree Rajneesh hat, wie er sagt, fast zwanzig Jahre lang das wichtigste Erlebnis seines Lebens geheim gehalten. Später beschreibt er diesen unbegreiflichen Augenblick so detailliert, dass ich ihn hier ungekürzt wiedergeben möchte.
