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Wie gut kennen wir unsere Hunde wirklich? Simon Garfield sieht eines Tages seinen Labrador-Retriever Ludo an und beginnt sich zu fragen, warum gerade dieses Tier zu seinen Füßen liegt. Wie und warum hat die Beziehung zwischen Mensch und Hund begonnen? Wie hat sie sich im Laufe der Jahrhunderte verändert? Und wer hat dabei die Oberhand? Des Hundes bester Freund spiegelt die Vielfalt dieser besonderen Verbindung wider und ist dabei unterhaltsam und informativ zugleich. Neben Simon Garfields spannenden Erkenntnissen kommen auch Trainer, Züchter und Psychologen zu Wort. Vor allem aber erforscht es die außergewöhnliche Fähigkeit von Hunden, unser Leben in so vielen Bereichen besser zu machen.
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Seitenzahl: 379
Veröffentlichungsjahr: 2021
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© eBook: 2021 GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, Postfach 860366, 81630 München
© Printausgabe: 2021 GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, Postfach 860366, 81630 München
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Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Verbreitung durch Bild, Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeder Art nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.
Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »Dog’s Best Friend: A Brief History of an Unbreakable Bond« bei Weidenfeld & Nicolson, ein Imprint der Orion Publishing Group, London, England.
First published by Weidenfeld & Nicolson, an imprint of the Orion Publishing Group, London.
Projektleitung: Fabian Barthel
Übersetzung: Dr. Cornelia Panzacchi
Lektorat: Antje Becker für bookwise medienproduktion GmbH, München
Covergestaltung: Bettina Stickel, ki 36 Sabine Krohberger Editorial Design, München
eBook-Herstellung: Linda Wiederrecht
ISBN 978-3-8338-8215-9
1. Auflage 2021
Bildnachweis
Coverabbildung: Shutterstock
Fotos: Alamy Stockfoto; Beinecke Rare Book and Manuscript Library; David Hockney/Richard Schmidy; Getty Images; Hans Christian Adam; Magnum Photos; Mary Evans Picture Library; Private Eye Magazine; Simon Garfield; Shutterstock; Unbekannt; Virginia Woolf; WeRateDogs
Syndication: www.seasons.agency
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Ludo ist ein Hund – Simon Garfields geliebter schwarzer Labrador Retriever, einer von Millionen von Hunden, die zu einem festen Bestandteil unseres Lebens geworden sind. Aber wie kam es, dass diese treuen Tiere uns nicht nur bei der Jagd, sondern auch bei der Bombenentschärfung und Krebserkennung halfen – und schließlich zu unseren engsten Begleitern wurden? «Des Hundes bester Freund» durchleuchtet klug und mit Witz, wie sich diese Bindung im Laufe der Jahrhunderte entwickelte und wie sie unzählige Leben verändert hat, sowohl das der Menschen als auch das der Hunde.
Für all die Hunde, die wir lieben.
»Wenn Sie keinen Hund haben, dann heißt das nicht unbedingt, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt. Vielleicht stimmt aber mit Ihrem Leben etwas nicht.«
Roger Caras
»Nur selten hat ein Hund den Menschen auf das Niveau seiner Klugheit hochziehen können. Dafür hat der Mensch den Hund nur allzu häufig auf sein Niveau hinuntergezerrt.«
James Thurber
»Dass ein Hund Gerüche wahrnimmt, die ein Mensch nicht riechen kann, macht den Hund nicht zu einem Genie. Sie macht ihn zu einem Hund.«
Temple Grandin
Einer wie wir? Ausgehbereiter viktorianischer Gentleman.
Warum ist er hier?
Warum liegt mein Hund, während ich das hier schreibe, wie ein Halbmond eingerollt zu meinen Füßen? Seit wann mag ich seinen warmen und gleichzeitig leicht aufdringlichen Geruch? Warum ist sein fischiger Mundgeruch immer wieder Gegenstand witziger Bemerkungen, wenn Freunde zum Abendessen da sind? Warum blättere ich Jahr für Jahr über 1000 Pfund für seine Versicherung hin? Und warum liebe ich ihn so sehr?
Ludo ist kein außergewöhnlicher Hund. Er ist einer von vielen Labrador Retrievern; allein in Großbritannien leben ungefähr 500.000 von ihnen. Ludo hat mit all diesen Hunden viel gemeinsam. Er spielt gern Ball, und natürlich kann er gut apportieren. Er könnte das ganze Futter des Universums auffressen und den anderen Hunden kein Krümelchen übrig lassen. Er neigt zu Hüftdysplasie. Besonders gut macht er sich auf einem Plüschkissen in einem Haus mit Zentralheizung – weit, weit weg von der neufundländischen Heimat seiner Vorfahren.
Trotz alledem ist Ludo für mich und seine übrige Menschenfamilie einzigartig. Mit seinen zwölfeinhalb Jahren ist er mittlerweile ein älterer Herr, und wir würden so ziemlich alles dafür tun, dass er glücklich ist. Es macht uns nichts aus, bis auf die Knochen nass zu werden, wenn er im Park spannende Gerüche verfolgt. Unsere Tage sind nach seinen Bedürfnissen getaktet: seine Mahlzeiten, seine Spaziergänge, die Einnahmen lebenswichtiger Medikamente (weil unser armes Schätzchen an Epilepsie leidet), und wir geben einen absurd großen Teil unseres verfügbaren Einkommens für ihn aus.1 Ich freue mich, dass ich ihn kennenlernen durfte. Nur der Himmel weiß, wie wir damit fertig werden, wenn er eines Tages stirbt.
Dieses Wochenende will ich in einem Messezentrum im Osten Londons eine Veranstaltung besuchen, bei der Hunde Agility- und Obedience-Prüfungen ablegen. Ich werde dort Gelegenheit haben, 200 Hunderassen kennenzulernen, von denen einige leicht in meine Tasche passen würden, während für andere sogar mein Auto zu klein wäre. Ich werde dort zudem unzählige Artikel für Hundebesitzer und allen möglichen anderen Mist kaufen können, darunter Ölgemälde, Kleidung und Geschirr mit Aufdrucken wie »Wenn ich meinen Hund nicht mitbringen darf, komme ich nicht« oder »Ich würde jetzt lieber mit meinem Schnauzer Gassi gehen«. Um Ludo dafür zu entschädigen, dass er nicht mitkommen kann, weil man zu dieser Veranstaltung das eigene Tier nicht mitbringen darf, werde ich am darauffolgenden Freitag zusammen mit ihm eine Vorstellung von Rocketman im Exhibit Cinema im Süden Londons besuchen. Zwar ist Ludo kein ausgewiesener Elton-John-Fan, aber er wird seinen eigenen Sitzplatz neben mir, eine Decke und Hundesnacks bekommen. An diesem Abend haben Hunde freien Eintritt, und im Gegenzug dürfen die Kinoangestellten sie knuddeln. Während der Vorführung wird das Licht im Saal außerdem nur gedimmt und nicht abgeschaltet, damit die Dunkelheit die Hunde nicht stresst.
Wie ist es so weit gekommen, dass der Hund zum Chef geworden ist? Wie kann es sein, dass Hunde ins Kino gehen? Wie und wann haben wir gemerkt, dass Hunde dem Menschen nicht nur bei der Jagd helfen können, sondern auch bei der Bombenentschärfung und Krebserkennung? Warum haben wir Menschen eines Tages einfach klein beigegeben und es zugelassen, dass unser Alltag – unsere Arbeitszeiten, wie sauber unsere Teppiche sind, wo wir unseren Urlaub verbringen – von nun an durch die Bedürfnisse eines Tiers bestimmt werden, das ursprünglich draußen gelebt und für sich selbst gesorgt hat? Wann und warum haben das Sofa und Fertigfutter die Suche nach fressbaren Abfällen ersetzt?
Dieses Buch geht der Frage nach, wie sich die starke gegenseitige Verbindung über Jahrhunderte hinweg herauskristallisiert und auf welche Weise sie das Leben von Millionen Menschen und Hunde verwandelt hat. Wenn es zumindest ein Stück weit stimmt, dass die Welt »aufgrund des Verstands der Hunde existiert«, wie Nietzsche es behauptete, dann stimmt es möglicherweise auch, dass uns eine Betrachtung des Hundes wertvolle Selbsterkenntnisse ermöglicht.
Warum ist er hier?
Warum macht dieser Mann etwas, bei dem diese leisen, klopfenden Geräusche entstehen, und warum seufzt er dabei immer wieder? Wie oft holt er sich noch etwas Heißes zu trinken und unterbricht dabei das Klopfen? Warum stellt er mir mein Mittagessen niemals pünktlich hin? Warum erinnert sich dieses Hundebett mit sogenanntem Memory Foam nicht daran, wie ich mich gestern hineingekuschelt habe? Warum macht es mich so glücklich, bei diesem Menschen zu sein?
Das Vermenschlichen von Hunden ist kein neues Phänomen. Auf meinem Schreibtisch steht ein Foto aus dem 19. Jahrhundert, das einen schwarzen Labrador zeigt, der mit Jackett und Zylinder bekleidet ist und eine Pfeife im Maul hat. Praktisch seit es den Tonfilm gibt, kommen in Filmen sprechende Hunde vor. Doch die Kollusion von Hund und Mensch hat noch nie derart üppige, fantasievolle und absurde Früchte hervorgebracht wie heute. Das Wesen unserer Verbindung, unsere gegenseitige Hingabe, scheint sich im Laufe der letzten 50 Jahre vertieft zu haben – nicht zuletzt, weil Erkenntnisse in der Genetik unser wissenschaftliches Verständnis vom Hund verändert und unsere soziologische Interpretation des Hundeverhaltens uns mehr Möglichkeiten erschlossen hat, uns mit ihm zu beschäftigen. Leider hat eine solch heftige Leidenschaft nicht immer ein Happy End. Neben dem Foto des viktorianischen Hunde-Gentlemans steht eines von einem Hund, der mit Kangol-Mütze und Brille aussieht wie Samuel L. Jackson. Auf meinem Computer habe ich Bilder von Hunden, die lesen, segeln oder Fahrrad fahren. Ich weiß, dass diese Bilder in gewisser Weise unmoralisch sind, doch kann ich ihnen einfach nicht widerstehen und speichere in meinem Ordner ständig neue ab.
Immer häufiger erhalten Hunde Namen, die man eigentlich Kindern gibt. Statt Fido und Major heißen sie jetzt Florence oder Max. Vor 30 Jahren war das noch anders. Die heutigen Hundenamen sind oft auch die Namen menschlicher Helden. Nelson ist immer noch beliebt, und bald werden wir viele Gretas haben. Britische Rechtsanwälte nennen ihren Hund gern Shyster (»Winkeladvokat«), Architekten bevorzugen Zaha (nach der inzwischen verstorbenen Star-Architektin Zaha Hadid), und es tollen derzeit massenhaft junge Fleabags umher (dank einer gleichnamigen britischen Fernsehserie). Nur in der Welt der Rapmusik hält man es mit den Namen andersherum: Snoop Dog, Phife Dawg, Nate Dogg, Bow Wow.
Genau die Regierung, die wir verdienen. Pluto, Minister für Arbeit und Renten, sagt: »Ich kann es kaum erwarten, endlich loszulegen.«
Immer öfter bemühen wir den Hundevergleich. Ein taffer Radiointerviewer ist ein Rottweiler, ein allzu nachgiebiger ein Pudel (oder Welpe). Freundliche, loyale Figuren in Romanen sind Labradore, korrupte und dabei erfolgreiche Geschäftsleute Pitbulls. Jemand, der nie aufgibt, ist ein Terrier, ein Detektiv folgt dem Verdächtigen wie ein Bluthund. Sie verstehen schon. Sie verstehen, weil Sie flink sind wie ein Windhund und schlau wie ein Schäferhund.
Seit Langem müssen Hunde herhalten, wenn wir unser Handeln und unsere Gefühle beschreiben. Nachdem wir gearbeitet haben wie ein Hund, sind wir hundemüde. Sind wir krank, ist uns hundeelend. Bei schlechtem Wetter jagen wir keinen Hund vor die Tür. Finden wir nach langer Suche die Ursache für etwas, dann liegt dort der Hund begraben. Haben wir eine erhellende Erkenntnis, ist das des Pudels Kern. Manchmal stehen wir da wie ein geprügelter Hund oder wie ein begossener Pudel, wir heulen wie die Schlosshunde. Gelegentlich beißt sich der Hund in den Schwanz, und wir alle kennen einen Menschen, der bekannt ist wie ein bunter Hund. Wir verachten den Underdog, bellen den falschen Baum an und gehen schließlich vor die Hunde.
Ich beendete die Arbeit an diesem Buch im virusgeplagten April 2020, und Ludo war als Einziger in der Familie nicht gedrückter Stimmung. Stattdessen war er erschöpft. Es wurde schon vielfach festgestellt, dass Hunde von der Pandemie profitieren: Sie müssen nicht mehr so lange alleine zu Hause bleiben und werden beinahe öfter Gassi geführt, als sie verkraften. Freunde und Nachbarn betteln darum, sie sich »ausleihen« zu dürfen, denn wer einen Hund hat, hat einen Grund, aus dem Haus zu gehen. Die Tierheime berichten von einer Flut von Anfragen. Das Messezentrum, in dem wenige Monate zuvor die Veranstaltung Discover Dogs stattgefunden hatte, ist in ein Krankenhaus mit 4000 Betten umgewandelt worden. In den sozialen Netzwerken wird man mit Corona-Hundevideos und -Hundecartoons förmlich überschüttet. Der Sportreporter Andrew Cotter hat seine Labradore Olive und Mabel zu Internetstars gemacht. Allein lebende Hundebesitzer sind ihren Vierbeinern für die Gesellschaft, die sie ihnen leisten, dankbarer als je zuvor.
Auch wenn man selbst noch nie Hunde hatte, weiß man, dass unsere Beziehung zu Hunden vielschichtig, verwirrend und kompliziert ist – ebenso vielschichtig, verwirrend und kompliziert wie unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen. Hunde sind zunehmend nicht einfach nur Teil des Haushalts, sondern ein vollwertiges Familienmitglied. Die Beziehung zu ihnen ist die engste, die wir uns trauen, mit einer anderen Spezies einzugehen.
Dieses Buch beleuchtet unsere menschlichen Versuche, diese Beziehung noch weiter auszubauen, um aus dem Hund das perfekte Tier zu machen und ihm menschenähnliches Verhalten zu bescheinigen. In vielerlei Hinsicht sind Hunde zu einer Erweiterung unseres Selbst geworden. Albert Einstein hat einmal gesagt, sein Drahthaar-Foxterrier Chico verfüge sowohl über hohe Intelligenz als auch über die Fähigkeit, nachtragend zu sein. »Ich tue ihm leid, weil ich so viel Post bekomme. Deshalb versucht er, den Postboten zu beißen.« Nur Sozialwissenschaftler bezeichnen eine derartige Einstellung hartnäckig als Anthropomorphismus; wir Hundefreunde dagegen finden sie vollkommen normal. Verhaltensforscher bewerten sie als unmenschlich, doch das stört uns nicht. Tatsächlich ist uns die Vermenschlichung unserer geliebten Vierbeiner mittlerweile so selbstverständlich geworden, dass wir uns fragen, ob es noch zu verantworten ist, ihnen Futter ohne Kurkuma vorzusetzen.
Als das Exhibit Cinema 2017 mit seiner Veranstaltungsreihe für Hunde und ihre Besitzer begann, wurden Hundefilme gezeigt wie Susi und Strolch oder Ataris Reise. In letzter Zeit jedoch klingen die Titel nur noch so, als habe der Film etwas mit Hunden zu tun. Nach dem Film bleibt den modernen Hunden ihr Hollywood-Glamour erhalten: Wir legen ihnen teure Mäntel und glitzernde Halsbänder an und machen sie auf Instagram zu Stars.2
Dieses Buch soll vor allem die Intelligenz, Neugier, Schönheit und Loyalität der Hunde würdigen. Ich frage mich, ob je ein Hund auf die Idee käme, ein entsprechendes Lob über den Menschen zu schreiben? Sie werden auf den folgenden Seiten aufbauende und absurde, herzerwärmende und erschreckende, lustige und traurige Hundegeschichten finden. Gleichzeitig wird dieses Buch einige ernste Fragen über unseren heutigen Umgang mit den geliebten Caniden aufwerfen. Zum Beispiel hinterfragt es, ob die Liebe zu unseren Haustieren nicht in Respektlosigkeit umschlägt und unsere Begeisterung für Vielfalt und Neues nicht in Ausbeutung. Haben wir womöglich vergessen, wo Hunde herkommen und wie sie ursprünglich gelebt haben? Versuchen wir stets, ihnen das bestmögliche Leben zu bieten, oder optimieren wir immer nur unser eigenes? Und laufen wir Gefahr, das zu verlieren, was die Hundepsychologin Alexandra Horowitz als das »Hundehafte des Hundes« bezeichnet?
Im Mittelpunkt dieses Buchs steht die Frage: Wie ist es gekommen, dass wir früher mit dem Eurasischen Wolf (einer von vielen Varianten von Canis lupus) auf die Jagd gegangen sind und heute einem Cavalier King Charles Spaniel (einer weiteren Variante von Canis lupus) ein elektrisch beheizbares Hundebett kaufen? Um diese Frage zu beantworten, begeben wir uns auf eine kulturelle und wissenschaftliche Reise, die uns nach Australien, Japan, in die USA und zu den Crufts im Messezentrum Birmingham führt.
Unterwegs kläre ich die Herkunft des Cheagle (Kreuzung aus Chihuahua und Beagle) und des Chiweenie (Kreuzung aus Chihuahua und Dackel) und was ein Designerhund ist. Das Buch betrachtet die Sequenzierung des ersten vollständigen Hundegenoms und die wichtigsten aktuellen wissenschaftlichen Experimenten und Theorien. Ich gehe der Frage nach, ob Charles Darwin für seine Arbeit über Hunde nicht ebenso gewürdigt werden sollte wie für seine Arbeit über die Evolution und ob Charles Dickens tatsächlich ein Gewehr kaufen wollte, um wahllos Hunde zu erschießen. Ich erkunde zusammen mit Ihnen einen abgelegenen Hundefriedhof und untersuche auch andere Formen des Andenkens an unsere vierbeinigen Lieblinge. Ich versuche auch zu erklären, warum sich Kunstdrucke mit Poker spielenden Hunden eine Zeit lang so gut verkauft haben und warum Sie sich auf YouTube unbedingt »Ultimate Dog Tease« anschauen sollten – ein Video, auf dem ein Hund namens Clark erzählt bekommt, welche Leckereien aus dem Kühlschrank sein Herrchen ihm vorenthält, und das bisher über 200 Millionen Mal angeschaut wurde.
Ludo als Welpe, der ein wunderschönes Leben vor sich hat.
Weil ich selbst weder Psychologe noch Verhaltensforscher bin und schon gar kein Genetiker, habe ich die Arbeiten von Experten auf diesen Gebieten herangezogen. Meine eigenen Recherchen sind journalistischer Natur, außerdem berichte ich von meinen Erlebnissen mit den Hunden, die im Laufe von 30 Jahren unter meinem Schreibtisch vor sich hin gedöst haben: ein Basset Hound namens Gus, ein gelber Labrador Retriever namens Chewy und mein schwarzer Labrador Ludo. Also werde ich hin und wieder sentimental werden (und ihre Eigenschaften annehmen; in einer Rezension eines meiner Bücher in der Sunday Times wurde ich einmal als »überschwänglicher Trüffelhund« bezeichnet). Man kann nicht auch nur eine Stunde mit einem gut erzogenen Hund zusammen sein, ohne sich zu fragen, was er oder sie wohl gerade denken mag, was ihm oder ihr Angst oder Freude macht und wie man sich am besten zusammen amüsieren könnte. (Insgesamt tendiert dieses Buch zu einem positiven Hundebild. Auf der Welt gibt es auch viele böse Hunde; ich selbst wurde als Kind einmal von einem Deutschen Schäferhund gebissen. Die Folgen waren eine Tetanusspritze für mich und ein wütender Brief meines Vaters, seines Zeichens Rechtsanwalt, an den Schäferhund. Dennoch habe ich beschlossen, mich auf die zum Glück überwiegend harmonischen Aspekte der Beziehung zwischen Hund und Mensch zu konzentrieren.)
Ein Hund residiert stolz und selbstbewusst in jenem Gefüge, das der Biologe Jakob von Uexküll als eigene Welt oder Umwelt bezeichnete. Der Primatologe Frans de Waal wiederum betitelte eines seiner Bücher: Are We Smart Enough to Know How Smart Animals Are? (»Sind wir schlau genug, um zu wissen, wie schlau Tiere sind?«) Wenn ein Hund unser Zeitkonzept oder Wirtschaftssystem nicht begreifen kann, liegt das nicht an mangelnder Intelligenz, sondern daran, dass diese Dinge in seiner Welt keine Bedeutung haben.
Das Gehirn eines Hundes ist durchschnittlich ungefähr ein Drittel so groß wie das durchschnittliche Gehirn eines Menschen. Andererseits sitzen in der Hundenase über 200 Millionen Geruchsrezeptoren, im Gegensatz zu fünf Millionen in der menschlichen Nase, was darauf schließen lässt, dass Hunde ganz andere Prioritäten haben. Ungefähr ein Drittel der Masse des Hundegehirns ist mit dem Geruchssinn beschäftigt, während es bei uns Menschen nur fünf Prozent sind. Immer wieder fällt mir auf, wie mein Hund mit seiner Nase die Welt erkundet. Seine exzellenten olfaktorischen Fähigkeiten ermöglichen ihm, nicht nur seine Umgebung und andere Hunde, sondern auch Menschen kompetent zu beurteilen: Er merkt, welche Leute Angst vor Hunden haben, und kann sie meiden; er erinnert sich, wer ihm in der Vergangenheit besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat, und wird ihn bei der nächsten Begegnung fröhlich und mit einem Lieblingsspielzeug im Maul begrüßen; und er weiß, wann seine menschlichen Gefährten traurig sind und Trost benötigen. Manchmal frage ich mich, ob wir ihn und seine vielen Freunde mit ebenso viel Einfühlungsvermögen und Respekt behandeln.
Neben der Tatsache, dass Welpen verdammt süß sind, ist ihre Neugier eine der vielen Eigenschaften, die uns ansprechen. Sie untersuchen gern alles, was ihnen vor die Nase kommt. Diese Neugier reift mit dem Älterwerden, verschwindet aber nie: Hört ein älterer Hund ein ungewohntes Geräusch, dann wird er ihm auf den Grund gehen wollen. In gewisser Weise gleicht dieses Buch einem Hund, der die Welt um sich herum erforschen will: ungewöhnliche Geräusche, ein sich schnell änderndes Umfeld und eine zunehmend größer werdende Aufmerksamkeit durch Fremde. Diese Fremden sind wir, die wir mit welpenhafter Neugier und zunehmend forensischer Präzision erkunden wollen, was genau einen Hund zu einem Hund macht und warum die Beziehung zu ihm beide Seiten derart bereichert. Auch wenn wir Hundemenschen uns untereinander nicht kennen, sind wir als Hundebesitzer und Hundeliebhaber Teil einer riesigen Gemeinschaft: Die Verbindung mit unseren Hunden teilen wir mit Millionen von Menschen auf der ganzen Welt, mit denen wir dadurch gleichermaßen verbunden sind.
1 Falls Sie darüber nachzudenken beginnen, ob Sie sich Ihren ersten Hund anschaffen sollten, und einen Kaufpreis von 800 Pfund überteuert finden, muss ich Ihnen leider sagen: Dieser ist – verglichen mit den Folgekosten für Tierarzt, Futter, Hundebetreuung und wichtiges sowie überflüssiges Zubehör – geradezu lächerlich niedrig.
2 Vielleicht ist der Kinoabend mit Hund doch keine neue Erfindung. Hier ein Witz aus den 1990ern: Als ich das letzte Mal ins Kino ging, war da eine Frau mit ihrem Hund. Der Hund lachte während des ganzen Films, und als der Held am Ende starb, weinte er bitterlich. Nach der Vorstellung ging ich zu der Frau, um ihr zu sagen, wie erstaunt ich sei, dass ein Hund einen Film so genießen konnte. »Ich bin genauso erstaunt wie Sie«, sagte die Frau, »denn das Buch hat ihm überhaupt nicht gefallen.«
Quirlige Musen: David Hockney mit Stanley und Boodgie vor ihrer Hundewand.
Die Protein Studios, ein Kulturzentrum in Shoreditch in London, hängten einige Tage lang Bilder in der Augenhöhe von Hunden auf. Das Thema der Ausstellung waren »berühmte Hunde von gestern«, und gezeigt wurden u. a. die Corgis der Queen, der sowjetische Kosmonautenhund Laika und die Hündin Petra aus der Kinder-Fernsehserie Blue Peter an einer Schreibmaschine, beim Beantworten ihrer Fanpost. Außerdem gab es Fotos von »Hundehelden«, die nach dem Verlust ihrer Hinterbeine mit Rollwägen liefen, und Bilder der fotogensten Hunde-Influencer auf Instagram. Die Ausstellung trug den Titel The National Paw-Trait Gallery (»Nationale Pfotenausstellung«, eine Anspielung auf die National Portrait Gallery in London) und sollte für den Facebook-Wettbewerb »Most Amazing Dog« werben. Zum Sieger gekürt wurde schließlich ein neunjähriger Chihuahua aus Mexiko namens Toshiro Flores – und niemand verstand, warum.
Hundeporträts gibt es, seit Menschen auf Höhlenwände malen, und jeder Galeriebesitzer seit der Renaissance weiß: Man braucht nur ein Hundebild an die Wand zu hängen, und schon kommen die Leute angelaufen. Mit möglichst vielen Hundebildern an möglichst vielen Wänden könnte man vielleicht einen faszinierenden Überblick über die Mensch-Hund-Beziehung über die Jahrtausende hinweg erhalten.
Welche Erkenntnisse liefern uns andere Ausstellungen? Zugunsten eines Tierheims für Hunde und Katzen wurden 2013 in einer Galerie in Battersea von Hunden geschaffene Kunstwerke verkauft: Auf dem Fußboden waren große Papierbögen ausgebreitet worden, und Hunde schoben darauf mit der Schnauze einen Futternapf umher, an dem ein Pinsel befestigt war. Hunde waren sowohl als Zuschauer als auch als Künstler willkommen – vorausgesetzt, sie hatten Kaufabsichten.1
Im Juli 2019 fand in den Southwark Park Galleries in London eine ähnliche Veranstaltung statt. Unter dem Titel »Zeitgenössische Kunst, von Hunden für Menschen und Hunde ausgewählt« wurden von Galeristen und Kritikern kuratierte Werke mit Hundebezug gezeigt, darunter Arbeiten von Martin Creed, Joan Jonas, David Shrigley und Lucian Freud. Die Radierungen, Ölgemälde, Filme und Standbilder, die Hunde in unterschiedlichen Situationen zeigten, schienen abgesehen vom Oberthema auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben, doch auf den zweiten Blick offenbarte sich eine Gemeinsamkeit: Sie alle sahen bezaubernd aus. Unsere Liebe zu Hunden lässt sich offenbar durch nichts besser zum Ausdruck bringen, als wenn sie auf Leinwand oder eine Fotografie gebannt wird, und ebenso verhält es sich mit unserer Abhängigkeit von unseren vierbeinigen Begleitern.
Die in den Southwark Park Galleries gezeigten Arbeiten gehören zu einem edlen Pantheon. Der Gang durch eine beliebige größere Gemäldegalerie offenbart Hundedarstellungen für alle Stimmungslagen und illustriert, wie sich die Mensch-Hund-Beziehung im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat. Es beginnt im 15. Jahrhundert mit Abbildungen des Hundes als Jagdgefährte, als Sinnbild der Zuverlässigkeit und Statussymbol der Aristokratie und endet mit Hunden mit fantasievollen Hüten, die online Millionen von Likes einheimsen. Hunde auf Instagram sind nicht weniger bedeutend als Hunde in gemalten Jagdszenen, denn beides bereitet uns beim Anschauen große Freude. Zwar haben sich die Hunde äußerlich etwas verändert, doch ihre Bedeutung für das Bild und seinen Urheber ist gleich geblieben.
Bei einem Gang durch die Ausstellungs- und Lagerräume der Londoner National Gallery kann man an die 200 Bilder von Hunden betrachten. Die meisten von ihnen wirken eher zufällig zustande gekommen. Beim genaueren Hinsehen fällt jedoch auf, wie viele Hunde die Leinwand beherrschen: Sie dominieren das Bild ebenso subtil, wie sie dessen Erschaffer verzaubert haben. Diese Dominanz bestätigt ihre Bedeutung, denn selbst dann, wenn sie scheinbar zufällig anwesend sind – so wie der winzige Brüsseler Griffon zu Füßen des Arnolfini-Brautpaars (Die Arnolfini-Hochzeit, 1434) –, transportieren sie eine wichtige Botschaft: Der Hund in diesem Bild steht für Treue und Stolz. In Gerard Davids Christus ans Kreuz genagelt (1481) erstreckt sich die fast nackte Hauptfigur diagonal über die Leinwand, und im Vordergrund schnüffelt ein kleiner, fast haarloser Hund an einem Schädel; der eine steht für das Schicksal und der andere für die Frage, was mit uns geschieht. Der Jagdhund in Jens Juels Joseph Greenway (1778) schaut seinen Herrn mit vermutlich derselben Mischung aus Respekt und Furcht an, wie die Besatzungen auf Greenways Handelsschiffen es taten. In Canalettos Piazza San Marco und die Kolonnade (1756) sitzt ein struppiger Terriermischling vor zwei feinen Herren und hofft, dass etwas vom Gebäck des Café Florian für ihn abfällt. Jeder Hundebesitzer kennt Situationen wie diese.
Bulldoggen halten zusammen:A Friend in Needvon Cassius Marcellus Coolidge.
Diese Hunde scheinen alle wie zufällig auf das Bild gelangt zu sein. In anderen Bildern aus aller Welt sind Hunde die Hauptfiguren, und man findet Hunde für jede Stimmungslage. Sie suchen einen aristokratisch-stolzen Vierbeiner? Sie finden ihn auf Gustave Courbets Die Windhunde des Grafen von Choiseul (1866). Einen Hund als Beschützer? Den finden Sie auf Jeanne-Elisabeth Chaudets Säugling in der Wiege schlafend, bewacht von einem mutigen Hund, der soeben eine riesige Viper tötete (1801). Etwas unglaublich Niedliches? Dann schauen Sie sich Philip Reinagles Porträt eines außergewöhnlich musikalischen Hundes (1805) an: ein Spaniel mit den Pfoten auf der Klaviertastatur, der so unschuldig schaut, als wolle er sagen: »Ich übe gerade nur.« Eiskalte Verachtung drückt der Dackel im Vordergrund von Otto Dix’ Der Streichholzhändler (1920) aus, der die titelgebende Figur anpinkelt, und schiere Lebensfreude Keith Harings viele schwarz umrandeten Hip-Hop-Hunde. Aber was, bitte schön, sollen all diese unterschiedlichen Hunde gemeinsam haben? Der rote Faden, der sich herauskristallisiert, ist ihre Wärme, ihre tröstliche Gesellschaft, das Hundehafte an ihnen. Gleichgültig, ob sie im Mittelpunkt stehen oder während des Malvorgangs nur zufällig vorbeigekommen zu sein scheinen: All diese Bilder wären ohne sie unvollständig, und dies auf eine eigenartig schmerzhafte Weise.
Einmal besuchte ich David Hockney in seinem Atelier in Los Angeles, und natürlich kam das Gespräch auf seine geliebten Dackel Stanley und Boodgie. Als Modelle wären sie alles andere als einfach, erzählte er, und dass sie sich leicht durch Besuche und Aktivitäten in der Küche ablenken ließen. Er schloss daraus, dass sie nicht besonders an Kunst interessiert seien.
So, wie er auch die meisten seiner engsten menschlichen Gefährten überlebte, überlebte Hockney auch die beiden Dackel. Ihnen zu Ehren schuf er in seinem Anwesen in Los Angeles eine Hundewand: Zusammengerollte Hunde, auf dem Rücken liegende Hunde, aneinander schnuppernde Hunde, mit der ins Kissen gepressten Schnauze träumende Hunde. Es gibt ein besonders anrührendes Foto, auf dem Hockney lässig auf einem gestreiften Sessel sitzt, zu beiden Seiten einen Dackel im Arm, und hinter ihm sieht man die Wand mit über 40 Bildern von Stanley und Boodgie. »Ich entschuldige mich nicht für dieses Sujet«, schreibt er in der Einleitung seines Buchs über Hundeporträts. »Diese beiden liebenswerten kleinen Kreaturen sind meine Freunde. Sie sind intelligent, herzlich und lustig, und oft ist ihnen langweilig. Sie schauen mir bei der Arbeit zu. Ich sehe die warmen Formen, die sie miteinander bilden, ihre Traurigkeit und ihre Freuden.« Er erklärte, dass er sich in einer von Trauer erfüllten Welt verzweifelt danach sehne, etwas Liebevolles zu malen. »Das Sujet waren nicht Hunde, sondern meine Liebe zu den kleinen Wesen.« Und genau das ist es, was uns in den meisten Kunstwerken, die Hunde thematisieren, anspricht.
Weitere Belege für die beinahe erstickende Zuneigung des Menschen für den Hund findet man im Kennel Club in London und in The Kennel Club’s Museum of the Dog in New York, Hüter und Bewahrer der weltweit größten Sammlungen künstlerischer Hundedarstellungen. Hier sehen wir den Hund als Helden, als hervorragendes Wesen. In der Londoner Sammlung sind unzählige Trophäen und Urkunden von Hundeschauen aus über 100 Jahren ausgestellt sowie Unmengen von Porträtfotos stolzer, eifriger Menschen neben stolzen, erschöpften Hunden. Unter ihnen finden wir königliche Hoheiten, normale Sterbliche und zahlreiche in Tweed gekleidete Exzentriker. Detailliert beschreibt die Sammlung außerdem die unterschiedlichen und sich wandelnden Rollen des Hundes im England des 19. Jahrhunderts. Da gibt es Jagd- und Hunderennenszenen und eine Lithografie von Billy, vermutlich ein Terrier, der 1823 in einem Kampfring innerhalb von gut fünf Minuten 100 Ratten tötete. Richard Ansdells Ölgemälde Buy a Dog Ma’am (»Kaufen Sie einen Hund, Madame«, 1860) gibt am eindrücklichsten Aufschluss darüber, wie aus dem Arbeitshund ein Gesellschaftshund wurde. Das stark von Sir Edwin Landseer beeinflusste und nach seiner Entstehung in der Royal Academy ausgestellte Bild zeigt einen gefühllos wirkenden Mann, der zwischen Säulen am Rand eines Marktplatzes sitzt. In einer Hand hält er einen weißen, mit einer roten Schleife geschmückten kleinen Hund (vielleicht eine Kreuzung aus Pudel und Mops), unter den anderen Arm hat er sich einen Spaniel geklemmt, und neben seinen Beinen stehen zwei wesentlich größere Arbeitshunde. Die Botschaft ist klar: Sie sind für ihre Arbeit zu alt geworden und suchen ein neues Wirkungsfeld.
Die heute in New York beheimatete Sammlung war 2019 nach vielen ruhigen Jahren in St. Louis dorthin umgezogen. Zu ihren Schätzen zählt viel witziger Hundekitsch wie Zinn- und Porzellanfigürchen, aber auch einige wirklich bemerkenswerte Objekte, darunter ein Photofit-Monitor. Dieser zeigt, in welchen Hund man sich verwandeln würde, wenn man das könnte (allerdings orientiert sich der Computer am Aussehen des Menschen und nicht an seinem Temperament).
Das Museum of the Dog ist im Besitz sämtliche Klassiker, darunter Maud Earls Silent Sorrow (1910; Cesar, der Hund Eduards VII., lehnt sich traurig an einen Sessel) und John Sargent Nobles Pug and Terrier (1875) mit dem verloren wirkenden Terrier, an dessen Halsband eine Bettelschale befestigt ist, und dem gut genährten Mops, der aussieht, als würde er über die Ungerechtigkeit in der Welt nachdenken. Das bemerkenswerteste Bild aber, das eine ganze Wand für sich hat, ist Christine Merrills Millie on the South Lawn. Millie war ein Englischer Springer Spaniel, der H. W. Bush und Barbara Bush gehörte. Auf dem Gemälde sitzt Millie neben einem roten Ball und nimmt beinahe die ganze Leinwand ein; das Weiße Haus mitsamt Springbrunnen ist bloße Dekoration. Millie sieht aus, als wäre sie hier der Boss. Und sie sieht wie ein sehr geliebter Hund aus. Neben dem Bild hängt ein Brief, den Barbara Bush anlässlich der Eröffnung des Dog Museum 1990 in St. Louis schreibt: »Hunde bereicherten unsere Kultur und haben sich im Laufe der Jahrhunderte in unsere Herzen und Familien gekuschelt …« (Donald Trump war seit über einem Jahrhundert der erste US-Präsident, der keinen Hund mit ins Weiße Haus brachte.2)
Das faszinierendste Exponat dieses Museums ist jedoch nicht etwa ein Gemälde, sondern der Fallschirm eines hündischen Helden aus dem Zweiten Weltkrieg. In diesem Krieg erfüllten Hunde wichtige Missionen. Einer von ihnen war der Langhaarcollie Rob, der im Rahmen seines Einsatzes für den Special Air Service (SAS) in der Nordafrikakampagne über 20 Mal mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug absprang oder aber hinausgestoßen wurde und nach Kriegsende mit der Dickin Medal ausgezeichnet wurde, der Hundeversion des Viktoriakreuzes.3
Die eigentliche Heldin des Museums in New York aber ist die berühmte Yorkshire-Terrierdame Smoky. Der genaue Hergang ist, ebenso wie bei Rob, schwer nachzuprüfen, doch soll Smoky im Dschungel von Neuguinea gekämpft und dabei geholfen haben, eine Fernmeldeleitung unter einer Landebahn einzurichten. Sie gehörte dem 5th Air Force, 26th Photo Reconnaissance Squadron an, und obwohl sie keine Fotos schoss, war sie doch in zwölf Gefechte verwickelt und erhielt acht Battle-Star-Auszeichnungen. Der Yorkshire Post zufolge, die begeistert über die ursprünglich aus Yorkshire stammende Hündin schrieb, rettete Smoky insgesamt 250 Menschen das Leben und bewahrte über 40 Flugzeuge vor dem Absturz. Doch Smoky genügte das noch nicht; sie wollte mehr.
Als ihr Besitzer Bill Wynne ins Krankenhaus musste, setzte sich Smoky auf sein Bett. Schnell suchten auch andere Patienten bei ihr Trost, und die kleine Terrierdame wurde zu einem gefragten Therapiehund. Wynne zog mit ihr nach Australien, und bald ging es auch dort vielen Krankenhauspatienten besser. Doch auch das genügte Smoky (oder Wynne) immer noch nicht. Smoky sprang mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug ab und schnappte 400 Mitwettbewerbern den Titel »Bestes Maskottchen des südwestlichen Pazifikraums« vor der Schnauze weg. Sie wurde eine richtige Berühmtheit und war bald auch in Hollywood bekannt – zwar nicht so sehr wie Rin Tin Tin oder Lassie, aber doch berühmt genug, um zu Supermarkteröffnungen und Shows im Kabelfernsehen eingeladen zu werden.
Warnung vor dem Hunde: ein Mosaik in Pompeji zur Abschreckung von Eindringlingen.
Um sich klarzumachen, wie lange der Hund in der Kunst des Menschen bereits eine Rolle spielt, muss man Pompeji besuchen. Seinerzeit gab es hier überall halb zahme Hunde, und einige wurden von der heißen Vulkanasche begraben. Wesentlich mehr von ihnen aber flohen (mit oder ohne Herrchen und Frauchen) bereits, als der Vesuv im Jahr 79 n.Chr. warnend zu grollen begann. Der berühmteste zurückgebliebene Hund bewachte den Eingang zum Haus des Tragischen Dichters im Nordwestteil der Stadt, ein Muss auf jeder Besichtigungstour durch die Ruinen. Der Hund ist allerdings nur ein Mosaik. Man sieht ihn schon von der Straße aus drohen, angebunden zwar, aber bereit, jeden Eindringling anzuspringen. Mit seinem Schutzauftrag identifiziert er sich so stark, dass die darunter geschriebene Warnung Cave canem (»Vorsicht, Hund!«) überflüssig erscheint.
Doch vielleicht war das Mosaik nur eine Art Warnschild, das den leibhaftigen Wachhund ersetzte. Ich habe schon öfters gelesen, dass ähnliche Hinweise in Pompeji Besucher eventuell nicht etwa vor einem scharfen Wachhund im Haushalt warnten, sondern weil in den Räumen eines dieser kleinen, whippetähnlichen Wesen herumlief, die man nur allzu leicht übersehen, über sie stolpern und dadurch unabsichtlich verletzen kann.
Der Tragische Dichter aber besaß weder einen scharfen Wachhund noch ein zerbrechliches Windhündchen. Er hatte nur seine tragischen Verse. Das 1824 ausgegrabene Haus wurde nach einer Wandmalerei benannt, die, wie man zunächst angenommen hatte, einen ergreifenden Gedichtvortrag darstellte. Später gelangte man zu der Ansicht, es handle sich um die dramatische Wiedergabe eines Orakelspruchs. Das heißt, dass wir gar nicht wissen, wer in dem Haus lebte und den furchterregenden Wachhund besaß (oder aber vorgab, ihn zu besitzen). Allerdings waren zu beiden Seiten des Hauseingangs Geschäfte, von denen eines möglicherweise Schmuck verkaufte; vielleicht investierte der Juwelier in das abschreckende Mosaik.
Daneben gibt es in Pompeji auch noch den Lavahund: der Hund, der beim Ausbruch des Vesuvs ums Leben kam. Durch Kette und dickes Lederhalsband an der Flucht gehindert, sich vor Schmerzen auf dem Rücken windend, ist er im Todeskampf erstarrt.
Wie ich selbst denken auch viele andere, dass man einen Hund im Aschemantel zu sehen bekommt oder auch einen echten, von gehärteter Lava überzogenen Hund. Stattdessen ist es jedoch ein in den 1870er Jahren angefertigter Abguss: In den Hohlraum, der durch das Verrotten des armen Hundes in den Jahrhunderten nach seinem Tod entstanden war, wurde Gips gegossen. Nach dessen Aushärtung klopfte man den umgebenden Bimsstein vorsichtig weg. Übrig blieb eine Reproduktion, die uns einen sehr echt wirkenden Eindruck von dem vor langer, langer Zeit erlittenen Schmerz vermittelt.
Es kursieren verschiedene Theorien darüber, wo der Hund gelebt hatte und wer sein Besitzer war. Manche halten ihn für einen Wachhund, angekettet im Vorhof der Villa des römischen Generals Marcus Vesonius Primus. Andere wie Mary Beard gehen von bescheideneren Verhältnissen aus und denken, der Hund könnte einem Tuchwalker gehört haben, einem Wäscher und Tuchmacher. Wem auch immer dieser Hund gehört haben mag – warum kehrte er nicht zurück, um ihn zu befreien und zu retten? Und an was mag das arme Tier als Letztes gedacht haben?
Die gute Nachricht: Die Hunde kehrten nach Pompeji zurück. Wie in einer Nachinszenierung der ursprünglichen Domestikation entdeckten die Streuner aus Neapel und Umgebung, dass es dort, wo Touristen sind, auch etwas zu fressen gibt. Ende des 20. Jahrhunderts fielen sie schließlich in solchen Scharen in Pompeji ein, dass die Touristen Angst vor ihnen bekamen und das italienische Kultusministerium sich zum Eingreifen gezwungen sah.
2009 wurde eine Hunderettungsaktion von herkulischen Ausmaßen eingeläutet: Viele der Streuner wurden fotografiert und auf der (heute nicht mehr existierenden) Website »(C)Ave Canem« zur Adoption angeboten. In den ersten sechs Monaten fanden 20 der Hunde ein neues Zuhause, was zwar gut ist, aber nicht viel, wenn man weiß, dass nach Schätzungen der Italienischen Liga gegen Vivisektion 70.000 herrenlose Hunde in der umliegenden Region Kampanien herumstreunten. Auch Sterilisierungs- und Chipaktionen kommen nur langsam voran, und so herrschen Hunde noch immer über Pompeji.
Es gibt keinen Bereich im Leben des Menschen, der nicht durch Hunde verbessert und aufgewertet worden ist, und Künstler haben alles pflichtschuldigst dokumentiert. Angesichts dieser Bilderfülle muss gefiltert werden, und deshalb beschränke ich mich im weiteren Verlauf des Kapitels auf meine Top Sechs. Auch wenn Sie mir nicht zustimmen sollten, inspirieren sie Sie hoffentlich dazu, Ihre eigene Hitliste aufzustellen. Auf jeden Fall aber will meine Auswahl eines deutlich machen: Unser Bedürfnis danach, unsere Hunde abzubilden – das heutzutage auf Instagram und Twitter in geradezu ekstatischer Form ausgelebt wird, aber dazu kommen wir später –, belegt nicht nur unsere Liebe zu diesen Tieren, sondern auch unsere Abhängigkeit von ihnen.
Meine Hitliste in umgekehrter Reihenfolge:
Auf Platz sechs ist Trial by Jury (»Geschworenengericht«) von Sir Edwin Landseer (1840). Landseer, ein Lieblingsmaler von Königin Viktoria, war der Beste unter den sentimentalen Hundeporträtisten des 19. Jahrhunderts (und das waren nicht wenige). Dieses besondere, in Chatsworth House in Derbyshire hängende Gemälde vermenschlicht Hunde auf eine für diesen Künstler untypische Weise. Ein vornehm gelockter Pudel hat seine Pfote auf ein aufgeschlagenes Buch gelegt, das juristischer Natur sein könnte; die kleine Lesebrille des Pudels liegt neben der Pfote. Der Pudel füllt seinen roten Sessel ganz aus, noch dazu in einer sehr aristokratischen Pose, in der er all die anderen um ihn herum angeordneten Hunde dominiert: Ein Boxer, ein Windhund, ein Neufundländer, ein Spaniel und noch ein paar andere scheinen von dem Pudel einen Urteilsspruch zu erwarten. Es heißt, der Pudel stehe für den Lordkanzler, doch wurde (zumindest, solange die Farbe noch feucht war) diskutiert, ob Lord Brougham oder Lord Lyndhurst gemeint sei. Die Bildaussage: Sogar unter Hunden existieren eine natürliche Ordnung der Dinge und ein Sinn für Gerechtigkeit, und Menschen sind nicht die Einzigen, die darüber befinden können, was gerecht ist und was nicht.
Mein Platz fünf gebührt Nipper, dem Terriermischling, der vor einem Grammofon sitzend der Stimme seines Herrchens lauscht. Nipper lebte in den 1890er-Jahren in Bristol. Sein forschender Blick in den Trichter des Grammofons – wo kommen bloß die Stimmen her? – wurde von seinem Herrchen, dem Maler Francis Barraud, in dem Bild His Master’s Voice festgehalten. Die Grammophone Company kaufte das Bild zunächst für Werbezwecke.
Mit dem Geld, das er für das Bild erhielt, erwarb Barraud ein Haus, in dem er dann Schallplatten mit dem Bildnis seines Hundes auf dem Etikett abspielte. Barraud starb, bevor sein Werk von der Marketingabteilung von His Master’s Voice zum Sinnbild der Klangtreue ihrer Erzeugnisse erklärt wurde. »Das Bild spricht uns wohl deshalb so stark an«, hieß es in einer Werbeanzeige aus den 1950er-Jahren, »weil uns die Treue des Hundes so stark anspricht. Treue ist seit jeher das Grundprinzip von His Master’s Voice: Klangtreue der Aufnahmen von Werken großer Musiker, Treue zu dem Kundenkreis, der His Master’s Voice seit einem halben Jahrhundert vertraut, weil HMV ihn zuverlässig mit den modernsten und besten Unterhaltungsgeräten versorgt.«4 Doch bevor das Bild zu einem Werbelogo wurde, war seine Aussage: Wir sind kultiviert und neugierig, ganz Ohr und offen für alles Wunderbare, das das Leben für uns bereithält.
Meinen Platz vier hält Frida Kahlos Itzcuintli-Hund mit mir. Auf diesem Selbstporträt sitzt die Malerin in der Bildmitte und schaut den Betrachter unbekümmert an. Ihr dunkles Kleid fällt in üppigen Falten über die Beine, und vor dem voluminösen Rock steht ein frecher, kleiner Mexikanischer Nackthund, dessen Blick deutlich sagt: »Was zum Teufel guckst du so?« Kahlo hatte mehrere Hunde, von denen etliche auf ihren Selbstporträts auftauchen. Es ist unklar, warum der Mexikanische Nackthund auf diesem Bild derart klein dargestellt ist, wo Hunde im Leben der Künstlerin doch eine so große Rolle spielten. (Kahlo schätzte Mexikanische Nackthunde als Teil des aztekischen Erbes – es heißt, dass sie über starke Heilkräfte verfügen, und nicht zuletzt strahlen sie erstaunlich viel Körperwärme ab.) Man nimmt an, dass der auf diesem Bild porträtierte Hund ihr Lieblingshund war, ein gewisser Mr. Xolotl. Das Gemälde sagt uns: Größe ist unwichtig, und wir werden dich, so gut wir können, durch diese Welt begleiten.
Auf meinem Platz drei liegt Sniper, ein von Samuel Fulton porträtierter Held des Ersten Weltkriegs. Fulton war ein schottischer Maler, der sich auf melancholisch dreinblickende Hunde spezialisiert hatte. Der berühmteste unter ihnen war Sniper, ein Staffordshire Bullterrier mit leichtem Dalmatinereinschlag, der 1916 in einem Schützengraben das Licht der Welt erblickte. Sniper blieb bis zum Waffenstillstand an der Front und beteiligte sich, mit Uniformjacke und Gasmaske ausgerüstet, an wichtigen Aufklärungsmissionen. Außerdem soll der von mehreren schottischen Regimentern zum Maskottchen erklärte Sniper der erste britische Hund gewesen sein, der nach Kriegsende deutschen Boden betrat. Er war gern gesehener Gast auf Veteranentreffen, und auf einem von ihnen posierte er für Fulton. Der wählte in Kontrast zu Snipers weißem Fell einen dunkelerdfarbenen, an Schützengräben erinnernden Hintergrund. Sowohl der Maler als auch sein Modell starben 1939 und hinterließen der Welt ein Gemälde, aus dem der Satz spricht: Ich werde dich niemals im Stich lassen.
Auf Platz zwei befindet sich bei mir nicht ein einzelnes Gemälde, sondern ein ganzes Genre: »Neufundländer rettet ertrunkenes Kind aus See oder Fluss, oft mit panischen Eltern im Hintergrund.« Seit 200 Jahren ist dies ein in der Malerei häufig wiederkehrendes Thema, eine wahre Trope, in den unterschiedlichsten Variationen von zahlreichen Künstlern interpretiert. Besonders beliebt war es bei den moralistisch eingestellten Viktorianern, die gerade damit begannen, den Hunden Zutritt zu ihrem Wohnzimmer zu gewähren und die ganze Mensch-Hund-Beziehung neu zu überdenken. Heutzutage treiben uns solche Bilder nicht mehr unbedingt Tränen in die Augen, entlocken uns aber oft noch ein mildes Lächeln. Landseer malte einen Klassiker dieses Genres. Es trägt den Titel Saved (»Gerettet«) und basiert auf der Geschichte des Neufundländers Milo, dem Hund des Leuchtturmwärters George B. Taylor, der seinen Dienst im Egg Rock Lighthouse im US-Bundesstaat Maine versah. Landseers Arbeit wurde erstmals 1856 in der Royal Academy gezeigt, und der nach ihr angefertigte Stich fand seinen Weg in die Häuser und Wohnungen von Tausenden von Familien. Das Bild zeigt einen riesigen, erschöpft hechelnden Hund mit schwarzem Kopf und weißem Körper auf einem Felsvorsprung, auf dessen Vorderbeinen ein durchnässtes Kind liegt, das langsam zu sich kommt. Im Hintergrund tobt die aufgewühlte See. Das Kind scheint ein Mädchen zu sein und hat seltsamerweise trotz allem immer noch seinen Hut auf, doch anscheinend stand – oder besser: lag – für diese Figur der Sohn des Leuchtturmwärters, Fred, Modell. Milo leistete übrigens mehr, als ertrinkende Kinder zu retten: Sein Gebell durchdrang auch dann noch den dichten Nebel, wenn das Licht des Leuchtturms kaum noch sichtbar war. Auf diese Weise warnte Milo Fischer und andere Seeleute vor den gefährlichen Felsen und sorgte gleichzeitig dafür, dass er nicht ständig Ertrinkende retten musste.
Ein anderer Stich, basierend auf einem um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen Gemälde des Franzosen Joseph Beaume, zeigt ebenfalls einen Neufundländer, allerdings in einer noch weitaus dramatischeren Szene: Auf diesem Bild zieht der Hund gerade ein Kind aus dem Wasser. Es hat seine Arme ausgestreckt, doch das Wasser wirkt verdächtig seicht, und der Hund schaut müde den Betrachter an, als wolle er sagen: »Nicht schon wieder …« Doch Liebhaber dieses Bilds scheinen den Blick nicht so verstanden zu haben. In Henry James’ Roman Damen in Boston (1886) gibt es eine Szene in einer Pension, in der »ein Teppich vor dem Kamin liegt mit der Darstellung eines Hundes, der ein ertrinkendes Kind rettet«. Der Symbolismus ist nicht zu übersehen: Hunde retten Menschen vor Gefahren; sie werden da sein, wenn man sie am wenigsten erwartet und am dringendsten braucht.
Und nun zu meinem Platz eins, dem Top-Hund. Ihnen dürfte ja bereits aufgefallen sein, dass ich in meiner Auswahl zum Populären tendiere. Aufgrund eines echten Faibles und nur eines Hauchs postmoderner Ironie nimmt daher der Druck Poker Game aus der Serie Dogs Playing Poker von Cassius Marcellus Coolidge den Spitzenplatz ein. Ein weit verbreitetes amerikanisches Lieblingsbild – aber ich finde, man braucht sich nicht zu schämen, wenn es einem gefällt. Gezeigt werden drei gebildet wirkende Bernhardiner, allesamt Brillenträger, die an einem mit grünem Tuch bespannten Tisch sitzen. Alle drei rauchen: zwei Zigarren, einer Pfeife (der Künstler wurde von einem Zigarrenhersteller gesponsert). Ein vierter, jüngerer Hund, mit angezündeter Zigarette in einer Pfote, steht offenbar auf den Hinterbeinen und schaut dem Spiel aufgeregt zu. Die Spieler trinken Whisky Soda, und die Partie scheint bereits weit fortgeschritten zu sein. Ganz eindeutig hielt der Künstler einen entscheidenden Moment fest: Ein Hund hält vier Asse in der Pfote.
Das Gemälde stammt aus dem Jahr 1894 und stellt einen Triumph des Kitschs, aber auch der Spannung und der Schönheit dar. (Und es ist alles andere als billig: 2015 wurde es bei Sotheby’s für 658.000 Dollar verkauft.) Die Komposition parodiert Caravaggios Die Kartenspieler (1594), und beim Betrachten vergisst man schnell, dass hier wirklich Hunde Poker spielen. Die Geschichte zieht uns in ihren Bann. (Wer gewinnt? Wer blufft? Wessen Schuldschein liegt da auf dem Tisch?«) C. M. Coolidge merkte bald, dass er mit dem Sujet einen Volltreffer gelandet hatte, und malte weitere elf Hundebilder, die alle gleichsam wunderlich und horrend sind. In Waterloo zum Beispiel sitzt ein Bernhardiner zusammen mit einem Boxer und einem Collie am Tisch, und es sieht ganz danach aus, als stünde ein furchtbarer Showdown unmittelbar bevor. Oder A Friend in Need (»Ein Freund in Nöten«): Sieben unterschiedliche Hunde sitzen beim Pokern zusammen. Im Vordergrund reicht eine Bulldogge, unter dem Tisch vor den Blicken der Mitspieler verborgen, dem Sitznachbarn mit der Hinterpfote ein Ass. Skandal! Dieser Hund sollte lebenslang vom Spieltisch verbannt werden! Aber was für eine coole Idee!
Coolidges Ölgemälde wurden Ende des 19. Jahrhunderts von dem in Minnesota ansässigen Verlag Brown & Bigelow vervielfältigt und millionenfach verkauft. Was ihren besonderen Reiz ausmacht, liegt auf der Hand. Man könnte es mit den Worten von Samuel Johnson erklären, der im 18. Jahrhundert schrieb: »Ich würde mir lieber das Porträt eines Hundes anschauen, den ich kenne, als all die allegorischen Gemälde, die in der ganzen Welt gezeigt werden.« Und Coolidges Hunde sind einfach Hunde, die wir kennen: Pragmatiker und Opportunisten, die unsere Plätze eingenommen haben. Spieler.
