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Dieses Buch bietet einen kompakten Überblick über die Geschichte des römisch-deutschen Reiches von seinen Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit. Es vermittelt die Grundzüge der politischen Geschichte, gibt aber auch einen Einblick in zentrale Aspekte von Gesellschaft und Kultur. Damit werden Strukturen und Tendenzen verständlich gemacht, welche die deutsche Geschichte bis zum Beginn der Moderne, ja teilweise bis in die jüngste Vergangenheit hinein geprägt haben.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Frank Rexroth
DEUTSCHE GESCHICHTE IM MITTELALTER
C.H.Beck
Cover
Inhalt
Textbeginn
Titel
Inhalt
Karte: Das Reich Ottos des Großen
Karte: Hausmachtpolitik im 13. und 14. Jahrhundert
I. Zur Einführung drei Fragen
1. Welches Mittelalter?
2. Inwiefern deutsch?
3. Was ist der Gegenstand einer «Deutschen Geschichte im Mittelalter»?
II. Vom Karolingerreich zum Reich der Deutschen
1. Vom karolingischen zum ottonischen Kaisertum (800–962)
2. Sozialmodelle (I): Stände, «Familien» und Gilden
3. Spätere Ottonen- und frühe Salierzeit (962–ca. 1075)
III. Das Reich bis zum Ende der Stauferzeit
1. Sozialmodelle (II): Adelsherrschaft, Friedensbewegung und Kirchenreform
2. Herrscherdynastie und Fürstenversammlung (1075–1152)
3. Eine Gesellschaft entsteht
a) Eine Epoche des Aufbruchs?
b) Ständeordnung und Gemeinde
c) Neuer Wohlstand und neue Unduldsamkeit
d) Ritterlich-höfische Kultur und freiwillige Christusnachfolge
4. Das Zeitalter der Staufer (1152–1250)
IV. Das Reich im späten Mittelalter (1250–1495)
1. Sozialmodelle (III): Der lange Weg zu einer dualistischen Reichsverfassung
2. Herrschaft nach staufischem Vorbildoder hegemoniales Königtum? (1250–1400)
3. Die Gesellschaft des späten Mittelalters
a) Ein Zeitalter der Krise?
b) Herren und Genossen: Gruppenkultur in Stadt und Land
c) Beten oder studieren? Frömmigkeit und erste Universitäten
4. Allmähliche Reform und der Aufstieg des Hauses Österreich (1400–1495)
V. Epilog: Die Humanisten entdecken die deutsche Nation
Hinweise zum Weiterlesen
Die Könige und Kaiser von den Ottonen bis zu Maximilian
Personenregister
Zum Buch
Vita
Impressum
Das Reich Ottos des Großen
Hausmachtpolitik im 13. und 14. Jahrhundert
Spricht man vom «Mittelalter», dann meint man damit mehr als nur eine Epoche der europäischen Geschichte, die die Jahre von ca. 500 bis ca. 1500 christlicher Zeitrechnung umfasst. Schon seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist dieser Begriff aufgeladen mit einer ganzen Reihe von Vorstellungen und Wertungen und steuert – gemeinsam mit anderen Begriffen wie «Neuzeit», «Moderne» oder «Revolution» – die Versuche der Menschen, die historische Bedingtheit ihrer Existenz zu begreifen. Humanisten hatten ihn seit dem 14. Jahrhundert verwendet, wenn sie die kulturelle Blüte der Antike von der vermeintlichen Barbarei der vergangenen Jahrhunderte abheben wollten; sie sprachen dann von einem «mittleren Zeitalter» (media aetas, medium aevum). Als Epoche betrachteten sie das Mittelalter dabei zunächst nur im Hinblick auf Sprache («Zeit minderwertiger Latinität»), bildende Kunst («Zeit mangelhaften Ausdrucksvermögens») und Wissenschaft («Epoche unfruchtbarer Scholastik»), nicht aber auf den Gang der Geschichte insgesamt. Diese verstanden sie in christlicher Tradition noch bis ca. 1700 als eine von Gott begründete Anordnung von Zeiten (Augustinus: ordo temporum), das heißt als Abfolge entweder von sechs Weltaltern oder von vier Weltreichen. Dabei war jedes Weltalter und jedes der Reiche definiert durch die Bedeutung, die ihm in der Heilsgeschichte zukam. Ein geschichtlicher Prozess, der sich aus seinen innerweltlichen Bedingungen heraus hätte verstehen lassen, war auch für die Humanisten noch unvorstellbar.
Dies änderte sich im 18. Jahrhundert. Zunächst übertrug der Hallenser Professor Christoph Cellarius in einem schulmäßigen Kompendium (Historia universalis, 1704) die Dreiteilung der Geschichte in «Altertum», «Mittelalter» und «Neuzeit» schließlich doch von der Literatur- auf die Allgemeingeschichte.
Noch wichtiger war aber der Umstand, dass in den Jahren seit ca. 1760 die Zeitwahrnehmung der Menschen revolutioniert wurde: Man glaubte, einem immer rasanter werdenden Wandel der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse ausgesetzt zu sein. Die Veränderung des sozialen Lebens schien sich exponential zu beschleunigen.
Menschen, die so viel Instabilität erleben, verfallen auf griffige Deutungsmuster, wenn sie sich in ihrer Lebenswelt orientieren wollen. Zu einem besonders populären Muster wurde das «Mittelalter»: eine scheinbar festgefügte Epoche der Vergangenheit, in der Menschen angeblich in soliden Verhältnissen lebten. So gesehen, gibt es das Mittelalter erst, seit sich Menschen der Moderne durch eine profane Geschichtlichkeit bestimmt sehen. Zweierlei Entwürfe vom Mittelalter entstanden auf diese Weise. Der eine, in der Tradition der Aufklärung, war von einer optimistischen Sicht auf die Gegenwart und die Chancen zur Verbesserung der Lebensverhältnisse getragen. Seine Vertreter stellten sich das Mittelalter als eine besonders «finstere» Epoche vor, geprägt durch religiösen Wahn und religiös verbrämte Antiintellektualität, durch lähmende Institutionen der «feudalen» Ordnung, durch kulturelle Barbarei und menschenverachtende Grausamkeit. Die Rede von den «finstern Tagen» (I. Iselin 1764), vom «eingeschränkten, düstern Pfaffenschauplatz des medii aevi» (J. W.v. Goethe 1772) wirkte traditionsstiftend bis zur Gegenwart. Wenn man heute besonders prägnant aussagen will, dass ethnische Konflikte, Folter oder religiöser Wahn die Standards der Moderne verfehlen, dann spricht man von einem «Rückfall ins finstere Mittelalter».
Der zweite Entwurf ist nur scheinbar gegensätzlich zum ersten angelegt, denn auch er begreift das Mittelalter als historisches Gegenstück zur Moderne. Wo Menschen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert die rasante Weiterentwicklung sozialer Verhältnisse als Verlust erfuhren, stellte man sich dasselbe Mittelalter als vergangenen Ort harmonischer und stabiler Lebensentwürfe vor. Die Geschichte der Neuzeit wurde so zur Verlustgeschichte, veranlasst und beschleunigt durch die einheits-sprengenden Ursünden von Reformation und Revolution. Wie das «aufklärerische», so hat auch dieses «romantische» Mittelalterbild bis heute nachgewirkt: Immer wieder hat man geglaubt, mit seiner Hilfe die Vernunft-Fixiertheit oder die soziale Zersplitterung der modernen Gesellschaften kritisieren zu müssen. In Deutschland bemühte man es in Krisenzeiten immer wieder, ja hoffte man auf den Anbruch eines «neuen Mittelalters».
Es ging also letztlich stets um die Moderne selbst, wenn seit ca. 1800 Mittelalterbilder bemüht wurden. Dass beide Seiten eines «entzweiten» Mittelalters (O. G. Oexle), die «aufgeklärte» und die «romantische», einander nicht wirklich widersprechen, kommt schon darin zum Ausdruck, dass sie sich stets miteinander vereinen ließen und lassen. Die Mittelalter-Inszenierungen (Märkte, Spektakel, Spiele, virtuelle Welten) heutiger Unterhaltungskultur sind deshalb so populär, weil sie die Bilder von der finsteren und der verklärten Gegenwelt zugleich ansprechen, das heißt: zugleich Abscheu und Faszination hervorrufen sollen.
Ein «deutsches Volk», verstanden als eine durch gemeinsame Herkunft bestimmte Gemeinschaft aller Deutschen, hat es während des Mittelalters nicht gegeben, und streng genommen machten die mittelalterlichen Reiche der Ottonen, Salier, Staufer etc. auch kein «deutsches Reich» aus. Das mag erstaunlich klingen, da doch beide Größen für die Geschichtsentwürfe seit dem späten 18. Jahrhundert eine hervorragende Rolle spielten. Wieder waren es die Humanisten, die die Grundlagen legten. Sie identifizierten die Deutschen mit den Germanen, auf die sie mit der Wiederentdeckung (1455) von Tacitus’ Schrift «Germania» (98 n. Chr.) aufmerksam geworden waren, gaben damit der deutschen Geschichte eine Tiefendimension, die bis in die römische Kaiserzeit zurückreichte, und gelten damit heute als Urheber «der ersten Deutschtümelei unserer Geschichte» (K. F. Werner). Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert wurde diese Lesart der Germanengeschichte als deutscher Volksgeschichte forciert, wurde das Lob germanischer Lebensart in der Schrift des römischen Ethnographen und Gegenwartskritikers Tacitus zu einem Spiegel deutscher Tugenden schlechthin. «Durch eines Römers unsterbliche Schrift war ein Morgenroth in die Geschichte Deutschlands gestellt worden, um das uns andere Völker zu beneiden haben», verkündete Jacob Grimm (1835). Großzügig ließen sich durch diese Gleichsetzung Kontinuitäten konstruieren: Der Westgotenkönig Alarich, sagte man, habe 410 Rom «mit 30.000 deutschen Soldaten erobert» (H. Rückert), Generationen von Schülern lernten den Ostgoten Theoderich den Großen als den «deutschen» Dietrich von Bern und die wanderungszeitlichen Sagenkreise um Burgunder und Nibelungen als «ihr» Nationalepos kennen. Im frühen Mittelalter dann, im 9. oder 10. Jahrhundert, sei dieses Volk überdies in einem «deutschen Reich», also einem politischen Verband, geeint worden. Damit schien den mittelalterlichen Vorfahren eine Leistung geglückt zu sein, an der man sich in der Gegenwart des 19. Jahrhunderts mühevoll abarbeitete: Sie hatten ihrer Nation ein politisches Haus gegeben. Die Franken und Sachsen, die Bayern und Schwaben des frühen Mittelalters verstand man dabei in Anlehnung an Luthers Rede von den Zwölf Stämmen Israels als «deutsche Stämme», das heißt: als quasi-biologische Zweige eines größeren ethnischen Ganzen.
Gegen diese Sichtweise spricht einmal der Umstand, dass in den mittelalterlichen Schriftzeugnissen nur äußerst selten vom «deutschen Volk», ja von «den Deutschen» die Rede ist, dass hingegen Sachsen, Franken, Bayern und Schwaben als regna (Herrschaften, mhd. rîche, lender) bzw. als gentes und patriae (Völker), nicht aber als Untergliederungen eines deutschen Gesamtvolks bezeichnet wurden. Man hat mittlerweile gelernt, Ethnien wie Reiche nicht als objektiv gegebene bzw. überzeitlich existierende Größen zu betrachten, denen eine Existenz unabhängig vom Bewusstsein ihrer Angehörigen zukommt; vielmehr begreift man beide als Resultate sozialer Konstruktionen. Die Frage konnte also fortan nicht mehr lauten: Seit wann gab es ein deutsches Volk?, sondern nur noch: In welchen historischen Prozessen prägte sich bei mittelalterlichen Menschen eine Identität als Deutsche aus?
Dies vorausgesetzt, hat man in der Forschung des 20. Jahrhunderts nach dem Vorbild der sog. Ethnosoziologie den ursächlichen Zusammenhang zwischen den Größen «Volk» und «Reich» umgedreht: Erschien früher eine Reichsgründung undenkbar, die nicht von einem bereits existierenden deutschen Volk herbeigeführt worden wäre, so ist man heute der Überzeugung, dass die Tatsache des gemeinsamen Beherrschtseins die wichtigste strukturelle Voraussetzung für die allmähliche Entstehung einer deutschen Identität gewesen ist. Das «Reich» ging dem «Volk» voran, nicht umgekehrt. Man hat folglich zuerst nach dem «Reich der Deutschen» zu fragen, bevor man nach einem«deutschen Volk» Ausschau hält.
Abermals hat man dabei von den Sichtweisen der Zeitgenossen auszugehen. Von einem «König der Deutschen» (rex Teutonicorum) ist fürs erste in Fremdbezeichnung, nämlich durch Papst Gregor VII. und seinen Umkreis, die Rede (1074ff.). Die Bezeichnung soll den Salierkönig Heinrich IV. deklassieren, sie soll ihm «die Rechte des imperialen Königs und künftigen Kaisers … bestreiten und ihn als König der Deutschen auf eine Stufe mit dem König der Ungarn … stellen» (E. Müller-Mertens). Sie bezog demnach ihre abwertende Qualität aus der Spannung zwischen Heinrichs universalem Herrschaftsanspruch und der von Gregor VII. zum Ausdruck gebrachten Sichtweise, dass dieser in Wirklichkeit ja nur nördlich der Alpen etwas zu sagen habe, eben in einem «Reich der Deutschen», das nur eines neben vielen anderen europäischen Königreichen war.
