Deutsche Hoheitszeichen - Andreas Janek-Israel - E-Book

Deutsche Hoheitszeichen E-Book

Andreas Janek-Israel

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Beschreibung

Eine umfassende und reich bebilderte Dokumentation der Geschichte der deutschen Wappen, Embleme und Flaggen.

Das E-Book Deutsche Hoheitszeichen wird angeboten von BoD - Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Heraldik,Wappen,Flaggen,Vexillologie,Deutscher Adler

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Seitenzahl: 366

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Andreas Janek-Israel studierte an der TU Dresden Mediävistik, Politikwissenschaft und Kunstgeschichte.

Seine Forschungsgebiete sind das Hoch- und Spätmittelalter - vornehmlich in England, Schottland, Frankreich, Polen und Litauen - sowie Untersuchungen zu politischen Systemen. Die Heraldik und Vexillologie sind für ihn neben dem wissenschaftlichen Interesse auch in gestalterischer und künstlerischer Hinsicht ein praktisches Betätigungsfeld.

Bisherige Publikationen:

Aufsätze

Heiligkeitsvorstellungen im 13. Jahrhundert. Analyse am Beispiel Simon de Montfort’s, 2004

Quellenlage zum mittelalterlichen Bergbau in Dippoldiswalde (In: Aufbruch unter Tage. Stand und Aufgaben der montanarchäologischen Forschung in Sachsen), 2011

Fach- und Sachbücher

Rückblicke Einblicke Ausblicke. 15 Jahre Hatikva (Eine Chronik), 2008

Stadt- und Stiftswappen von Quedlinburg (Heraldik), 2019

Woher kommen die Wappen? (Heraldik), 2019

Wunderbare Wappenwelt. Deutschland und Sachsen-Anhalt. Mehrbändig (Heraldik) 2019, 2020

Automobil-Logos weltweit und ihre Umsetzung in die Sprache der Wappen. Mehrbändig (Heraldik, bislang Band 1), 2023

Wappen, Flaggen und Logos der Kommunen im Landkreis Harz. Mehrbändig (Heraldik, bislang Band 1), 2023

Belletristik, Stücke, Lyrik, Kinderbücher

Fünf Gedichte (In: Anhaltiner Achterbahn), 2001

Von Rittern, Stiftsdamen und dem kleinen Quedel (Kinderbuch), 2019

Richard III. (Ein Schauspiel), 2019 (1994)

Seelen aus Glas (Lyrik), 2019

Der Himmel ein Spiegel (Lyrik), 2020

Gesammeltes Schweigen. Gedichte 1986 bis 1988 (Lyrik), 2023

Gesammeltes Schweigen. Gedichte 1988 bis 1989 (Lyrik), 2024

Bildbände

Ballenstedt im Wandel der Zeit. Ältere und jüngere Momentaufnahmen der einstigen anhaltischen Residenzstadt im Vergleich (Regionale Bildbände, bislang Album 1 bis 11), 2021-2025

Diskographie (mit der Band tauReif)

Erinnerst du dich (CD), 1999

Zwei Welten (CD), 2001

Bettler und Könige (CD), 2011

INHALTSVERZEICHNIS

Prolog

Das Wappen und seine Bestandteile

Wappenbilder

Die Blasonierung ist das Wappen

Heraldische Regeln und Maßregelungen

Flaggen

Embleme

Das Fränkische Reich (

Regnum Francorum

)

487 bis 843 Merowingische Könige 487 bis 751 (Pippinische und Karolingische Hausmeier 580 bis 751); Karolingische Könige 751 bis 843

Das Ostfränkische Reich (

Regnum Francorum Orientalum

)

843 bis 1000

Karolinger

: König Ludwig II. (I.) der Deutsche (um 806/843-876), König Karlmann I. von Bayern (um 830/876-880), König Ludwig III. (II.) der Jüngere (um 835/876-882), König & Kaiser Karl III. der Dicke (839/876/881-887/888), König & Kaiser Arnulf I. von Kärnten (um 850/887/896-899), König Ludwig IV. (III.) das Kind (893/900-911);

Konradiner

: König Konrad I. der Jüngere (um 881/911-918),

Luidolfinger

: König Heinrich I. der Vogler (um 876/919-936), König & Kaiser Otto I. der Große (912/936/962-973), König & Kaiser Otto II. der Rote (955/961/973-983), König & Kaiser Otto III. (980/983/996-1002), König und Kaiser Heinrich II. (Sankt Heinrich) der Überschwängliche (um 973/1002/1014-1024)

Das Königreich der Deutschen (

Regnum Teutonicorum

)

1000 (936) bis 1157

Luidolfinger

: König Heinrich I. der Vogler (um 876/919-936), König & Kaiser Otto I. der Große (912/936/962-973), König & Kaiser Otto II. der Rote (955/961/973-983), König & Kaiser Otto III. (980/983/996-1002), König und Kaiser Heinrich II. (Sankt Heinrich) der Überschwängliche (um 973/1002/1014-1024);

Salier

: König & Kaiser Konrad II. der Ältere (um 990/1024/1027-1039), König & Kaiser Heinrich III. der Schwarze (1016/1039/1046-1056), König & Kaiser Heinrich IV. (1050/1056/1084-1105/1106), (Mit-)könig Konrad (III.) (1074/1087-1098/1101), [

Gegenkönige

: König Rudolf von Rheinfelden (um 1025/1077-1080), König Hermann I. von Luxemburg (um 1035/1081-1088)],

Salier

: König & Kaiser Heinrich V. (um 1081/1099/1111-1125),

Supplingburger

: König & Kaiser Lothar III. (1075/1125/1133-1137);

Staufer

: König Konrad III. (um 1093/1138-1152), (Mit-)könig Heinrich (VI.) Berengar (1137/1147-1150), König & Kaiser Friedrich I. Barbarossa (um 1122/1152/1155-1190)

Das Heilige Reich (

Sacrum Imperium

)

1157 bis 1254

Staufer

: König & Kaiser Friedrich I. Barbarossa (um 1122/1152/1155-1190), König & Kaiser Heinrich VI. der Grausame (1165/1169/1191-1197), König Philipp I. von Schwaben (1177/1198-1208);

Welfen

: König & Kaiser Otto IV. von Braunschweig (um 1175/1198/1209-1218)

Adler

Steig nur, Sonne,

Auf die Höhn!

Schauer wehn,

Und die Erde bebt vor Wonne.

Kühn nach oben

Greift aus Nacht

Waldespracht,

Noch von Träumen kühl durchwoben.

Und vom hohen

Felsaltar

Stürzt der Aar

Und versinkt in Morgenlohen.

Frischer Morgen!

Frisches Herz,

Himmelwärts!

Laß den Schlaf nun, laß die Sorgen!

(Joseph von Eichendorff)

PROLOG

Bis in die heutige Zeit fußt das Selbstverständnis Europas auf dem Einheitsgedanken des antiken Römischen Reiches (Imperium Romanum); jenem von etruskischer Kultur geprägten, ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. weitgehend kontinuierlich zu einem Weltreich expandierenden ursprünglichen Stadtstaat Rom im Herzen Italiens. Auch heute wird Rom zumindest von der katholischen Christenheit als eine Art Mittelpunkt der Welt empfunden, den es im Altertum zumindest für Europa und dessen engeren Dunstkreis gebildet hatte. Dieses das Mittelmeer einschließende Römische Imperium und vor allem seine Rechtssetzung sollte neben der griechischen Kultur und der jüdischen Religion für Europa wie auch für die freie Westliche Welt bis heute kulturprägend bleiben.

Mit der Teilung des Reiches und der Absetzung des letzten Kaisers des Römischen Westreiches (Hesperium Imperium), Romulus Augustulus,1 im Jahre 476 blieb lediglich das Ostreich als der antike Zeuge einer römischen Einheit Europas unter der Pax Romana, also einer Befriedung unter römischer Oberhoheit und nach römischem Recht erhalten. Dessen Benennung als Byzantinisches Reich wurde ihm erst während des 19. Jahrhunderts zugeteilt. Die Byzantiner selbst bezeichneten dagegen ihr immer stärker auf die griechische und dann auch christlich-orthodoxe Kultur ausgerichtetes Imperium weiterhin als das Römische Reich, während bei ihnen mit den »Griechen« einzig die vorchristlichen Griechen der Antike gemeint waren. Der Anspruch, das antike Römische Imperium zu repräsentieren, blieb im Byzantinischen Reich bis zu seiner Zerschlagung durch das Osmanische Reich im Jahre 1453 erhalten, während man im westlichen Europa für Ostrom die abwertende Bezeichnung »Reich der Griechen« bevorzugte und die Byzantiner allgemein als Griechen betrachtete. Untermauert wurde diese Nichtachtung des fortbestehenden Reichsgedankens bei den Oströmern durch die »Translatio imperii«, also die Theorie von der »Übertragung des Reiches«, nach der das antike Römische Reich mit der Kaiserkrönung des Frankenkönigs – namentlich Karl I. der Große – im Jahre 800 durch diesen weitergeführt wurde und der Titel des Römischen Kaisers zuerst auf die Könige der Franken über die Könige des Ostfränkischen Reiches bis hin zum Kaiser und König des Heiligen Römischen Reiches überging.

Hinzu kam die mit dem Morgenländischen Schisma2 von 1054 eingeleitete, bis heute anhaltende tiefe Spaltung zwischen den westlichen und den östlichen Kirchen und also auch des westlichen und östlichen politischen Selbstverständnisses. Mit dem Ende des Byzantinischen Reiches betrachtete sich der Großfürst von Moskau als der Wahrer des Römischen Reiches; was durch die Ehe zwischen Großfürst Johannes III. dem Großen3 und Sofia Palaiologa, der Nichte des letzten Kaisers von Byzanz, Konstantin XI. Dragasis Palaiologos,4 im Jahre 1472 aus Sicht der Moskowiter bestätigt und unterstrichen wurde.

Die 1147 urkundlich erstmals erwähnte, wohl von dem späteren Großfürst Juri I. Dolgoruki5 von Kiew gegründete, womöglich etwas ältere Stadt Moskau wurde allerdings erst 1263 Zentrum eines anfangs zum Großfürstentum Wladimir-Susdal gehörenden Fürstentums Moskau, welches 1328 das Großfürstentum Wladimir-Susdal beerbte und zum Großfürstentum Moskau avancierte. Dessen Großfürsten verleibten sich 1478 die Republik Nowgorod mit deren Unterwerfung durch einen von Großfürst Johannes III. den Großen6 erzwungenen Gewaltfrieden ein.

In Nowgorod hatte der warägische Fürst Rjurik nach Angaben der zwischen 1113 und 1118 verfaßten Nestorchronik um 862 ein Fürstentum errichtet, dessen Sitz 882 in das zuvor eroberte Kiew verlegt und somit der Grundstein für das Fürstentum Kiew, ab 978 Großfürstentum Kiew gelegt wurde. In diesem etablierte sich ab 1136 die Republik Nowgorod, die weiterhin unter der Oberhoheit von Kiew stand. Ab etwa 1150 wurde das Großfürstentum Kiew zunehmend destabilisiert, und es bildeten sich mehrere, miteinander konkurrierende Teilfürstentümer. Nach den Verwüstungen durch die Mongoleneinfälle 1240 gelangte es ab 1252 auf Betreiben von Alexander I. Newski, der 1236 Fürst von Nowgorod, 1249 Großfürst von Kiew und 1252 Großfürst von Wladimir-Susdal geworden war, unter die formelle Oberhoheit des Großfürsten von Wladimir-Susdal, welches damals den Mongolen unterstand. Faktisch war das Großfürstentum Kiew damals ein Vasallenstaat der Goldenen Horde, die es nach der Schlacht am Irpen 1321 und endgültig in der Schlacht am Blauen Wasser 1362 an das Großfürstentum Litauen verloren, von dem die alte Ordnung von vor 1240 unter litauischer, ab 1569 polnisch-litauischer Herrschaft weitgehend wieder hergestellt wurde. Mit dem Russisch-Polnischen Krieg von 1654 bis 1667 und den Polnischen Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts verlor Polen-Litauen das Gebiet des Großfürstentums Kiew an Rußland. Maksim, der Metropolit von Kiew und der ganzen Rus hatte seinen Sitz 1299 von Kiew nach Wladimir, sein Nachfolger Peter von Rata wiederum 1321 von Wladimir nach Moskau verlegt. Hierdurch gilt der letztgenannte als Begründer des Moskauer Patriarchats.

Im Jahre 1328 wurde Fürst Johannes I. Danilowitsch Kalita7 von Moskau vom Großkhan des mongolischen Khanats der Goldenen Horde, Muhammed Usbek Khan,8 als tributpflichtiger9 »Großfürst von Moskau« zum Oberhaupt der Rus10proklamiert. Fürst Johannes IV. Wassiljewitsch der Schreckliche11 erhob sich schließlich 1547 selbst zum Zaren von Rußland. Innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche wurde aus der beanspruchten Vormacht Moskaus auf die Rus und dem Ende des Byzantinischen Reiches die Lehre vom »Dritten Rom« entwickelt, in der das Römische Reich das Erste Rom, das Byzantinische Reich das Zweite Rom und letztlich das Großfürstentum Moskau, ab 1547 das Zarenreich Rußland das Dritte Rom sei.

Nicht nur in diesem Anspruch der Wahrung und Fortführung des Römischen Reiches existieren zum Teil recht unselige Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Russen. Während sich das von den Russen dominierte Moskau und dann Rußland mit seinem bis heute währenden Expansionsdrang zu der größten Macht, aber auch zu der größten Bedrohung des östlichen Europa entwickelte, übernahm das von den Deutschen dominierte Heilige Römische Reich diese Rolle im westlichen, dem zentralen Europa. Im Gegensatz zu der fortwährend expandierenden Großmacht Rußland erfuhr der einstige Mittelpunkt des westlichen Europa über die Jahrhunderte eine zunehmende Erschlaffung und wurde zentraler Schauplatz der untereinander konkurrierenden europäischen Mächte wie auch ihrer Kriege, zu deren traurigen Höhepunkten der Deutschland bis heute prägende Dreißigjährige Krieg gehörte. Des Reiches wichtige westliche Nachbarn England und Frankreich entwickelten sich grundsätzlich diametral zu diesem von einem anfangs eher schwachen Königtum mit zumindest in Frankreich nur sehr kleinem Eigenbesitz zu starken Zentral- und Nationalstaaten. Innerhalb des als Heiliges Römisches Reich bekannten Kolosses im westlichen Zentrum Europas erstarkten dagegen die regionalen Mächte und suchten sich immer stärker vom Kaiser unabhängig zu machen. Unterstützt wurde dieses Streben durch die Reformation im 16. Jahrhundert. Und am Ende des Heiligen Römischen Reiches stand 1806 seine schlichte Auflösung. Dem deutschen Volk verwährte diese folgenschwere Rolle der dominierenden und innerlich zerrissenen Großmacht die Selbstfindung als Nation. Auch die zu ihrer nördlichen Hälfte diesem größten Reich des westlichen Europa zugehörigen Italiener teilten mit den Deutschen dieses Schicksal der verspäteten Nation ebenso wie das der in jedem Fall auch damit zusammenhängenden nationalistischen Entartungen durch den italienischen Faschismus und durch das deutsche Naziregime. Und in ihrem unbewußten Selbstverständnis scheinen die Deutschen als das noch immer zahlenmäßig größte Volk der Europäischen Union sowie Europas ohne Rußland und die Türkei in vielerlei Hinsicht weiterhin die »Wahrer« des Römischen Reiches und somit der Oberlehrer seiner Nachbarvölker geblieben zu sein wie auch der Wunsch nach Dominanz ungebrochen; ähnlich der russischen nationalen Lüge einer Rolle als »Wahrer« des rechten (orthodoxen) Glaubens gegen die angebliche Verderbtheit des Westens und des damit verbundenen Willens zur eigene Vorherrschaft.

So viel die Deutschen und Russen nicht immer zum Wohle Europas emotional auch verbindet, sind desgleichen aber auch entscheidende Unterschiede erkennbar. Während sich für Rußland vergleichsweise spät das Machtzentrum Moskau und die Dominanz der Russen über ihre slawischen Brüder und andere unterworfene Völker herauskristallisiert und dann fundamentiert wird, finden die Deutschen in der frühen Reichsbildung als vorwiegend germanische Stämme zusammen, ohne jedoch ein über die Zeit konstantes Machtzentrum zu errichten. Die Herrscher kommen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands und Europas wie Sachsen, Franken, Schwaben, Luxemburg, Bayern, Böhmen oder Ungarn. Und ihre Machtzentren befinden sich häufig innerhalb der Hausgüter der jeweiligen Könige und Kaiser. Erst mit den Habsburgern beginnt die von etwa 1500 bis 1806 andauernde fortwährende Dominanz durch Wien, verbunden mit der stetigen Schwächung der Zentralmacht; während in Rußland diese Zentralmacht infolge der fortgesetzten Expansion des Reiches lange Zeit immer stärker wird.

Beiden Reichen gemein ist, daß die jeweiligen Machtzentren den bevorzugten Raum des Reiches bilden; oft auf Kosten der übrigen Regionen. Mit dem Deutschen Kaiserreich ab 1871 schließt der deutsche Nationalstaat scheinbar zu den anderen europäischen Nationen auf, und das unselige Preußen wird sein verhängnisvoller Taktgeber; während das sich im Laufe des 19. Jahrhunderts allmählich an Europa annähernde Russische Zarenreich 1917 in der Revolution versinkt und die hieraus entstandene totalitäre Diktatur der Sowjetunion diese zarten Bande wieder zerreißt. Ein Riß, welcher auch im neuen Rußland bei eigentlich ähnlichen geopolitischen Interessen beider Seiten wohl vorerst durchtrennt bleibt.

Ein weiterer wichtiger Unterschied zwischen Deutschen und Russen ist, daß das Reich der Deutschen schon sehr früh umgeben war von politisch progressiven Nationen wie Frankreich, England (Großbritannien), Dänemark und Polen. Rußlands hauptsächliche Nachbarn waren und sind dagegen aufgrund seiner Größe teils anarchische, auf jeden Fall imperiale Mächte wie China, Persien oder das Osmanische Reich; auch in ihrer heutigen Staffage als VR China, Iran und die Türkei. Die derzeitige Orientierung beider Länder scheint diese historische Prägung zu bestätigen, und Deutschland hat - so ist zu hoffen - im Gegensatz zu Rußland seinen Platz in der progressiven, dem Menschen und nicht der Macht zugewandten westlichen Welt gefunden.

Wie schwer sich die Deutschen in ihrer Selbstfindung taten und tun, veranschaulicht auch die Vielfalt ihrer im Laufe der Zeit verwendeten und verworfenen nationalen Zeichen und Symbole, denen diese mehrbändige Arbeit gewidmet ist. Trotz all der Unordnung im deutschen Selbstverständnis läßt sich dennoch eine Kontinuität der von den Deutschen bevorzugten positiven Farben erkennen, so daß die derzeit von der Bundesrepublik Deutschland in der schlichten Streifenflagge verwendeten Farben Schwarz, Rot und Gelb wie auch der ihnen entsprechenden Tinkturen Gold, Schwarz und Rot im Bundeswappen zwar ihren derzeitigen Ursprung im 19. Jahrhundert haben, doch als solche bereits in den frühen Zeugnissen zumindest der Wappen der Römisch-deutschen Kaiser und Könige ihre Anwendung finden.

In diesem mehrbändigen Buch sollen die Entwicklungen der Flaggen, Wappen und Embleme der Deutschen aufgezeichnet und die Hintergründe zu ihrer Entstehung näher betrachtet werden. Dabei gehe ich ferner auf die den deutschen Herrschern zugeordneten Familienwappen wie auch auf deren Herkunft und Weiterentwicklung ein, da diese Wappenbilder oft in die Zeichen der Kaiser und Könige eingeflossen sind oder zumindest neben ihnen verwendet wurden.

An den Anfang der Arbeit habe ich eine etwas ausführlichere, jedoch nicht allumfassende Einführung in die recht komplizierte Welt der Wappen sowie eine wesentliche kürzere in die weniger komplizierte Welt der Flaggen und Embleme gesetzt. Danach folgen die Zeichen der unterschiedlichen Reiche der Deutschen und ihrer Herrscher bis zur modernen Bundesrepublik Deutschland.

1 Eigentlich: Romulus Augustus. Im Grunde ist »Augustulus« ein Spottname und bedeutet »das Kaiserlein«.

2 Auch: Großes Schisma oder Schisma von 1054. Wörtlich: Griechisches Schisma (Schisma Graecorum).

3 Besser bekannt unter dem russischen Namen Iwan III. Auch: Iwan III. Wassiljewitsch.

4 Er war der Sohn von Kaiser Manuel II. von Konstantinopel und Bruder von Sofia’s Vater Thomas Palaiologos, der nach 1453 in Westeuropa als Kaiser von Konstantinopel, also als Kaiser von Byzanz anerkannt wurde.

5 Auch: Juri I. Wladimirowitsch.

6 Auch: Iwan III. Wassiljewitsch.

7 Besser bekannt als Iwan I. Danilowitsch Kalitat; Übersetzt: Johann(es) I. Danilowitsch der Geldsack.

8 Auch: Sultan Mohammed Öz Beg, Uzbek Chan oder Özbek Chan.

9 Erst 1480 konnte sich das Großfürstentum Moskau endgültig aus der Abhängigkeit der Tataren lösen.

10 Der Name »Rus« bezeichnet eigentlich ein historisches Volk, dessen Ursprung nicht gänzlich geklärt ist. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um skandinavische Wikinger. Ihr Name ist wohl vom altnordischen rođr für »Rudern« oder »Rudermannschaft« abgeleitet und womöglich sprachhistorisch mit den Namen der schwedischen Provinz Roslagen sowie dem finnischen Begriff Ruotsi für Schweden verwandt. Die Rus werden auch als Waräger bezeichnet. Sie erschlossen von Skandinavien aus ab dem 8. Jahrhundert das Gebiet vom Dnepr, Düna, Wolga und Don bis zum Schwarzen Meer. Von ihnen wurden die meisten der im europäischen Rußland ab dieser Zeit entstandenen Reiche begründet und beherrscht, zu denen auch das Großfürstentum Kiew gehörte. Die Abkömmlinge der warägischen Dynastie der Rurikiden waren bis 1598 auch Zaren von Rußland. Nach den Rus sind Rußland, das Rus-Khaganat, die Kiewer Rus, Schwarzrußland, Rotrußland und Weißrußland (Belarus) benannt. Weitere Begriffe hierfür sind das aus dem Lateinischen abgeleitete Ruthenien und das deutsche Reußen. Der in Rußland geschaffene ideologische Begriff »Kiewer Rus« suggeriert allerdings eine Gleichheit zwischen Rußland und der Ukraine, den es so historisch nie gegeben hat. Günstigere Begriffe hierfür sind »Großfürstentum Kiew« oder »Kiewer Reich«.

11 Besser bekannt als Iwan IV. der Schreckliche. Wörtlich bedeutet sein russischer Beiname Grosny (der Schreckliche) deutsch . »furchteinflößend« oder »streng«.

DAS WAPPEN UND SEINE BESTANDTEILE

Der deutsche Name »Wappen« geht sprachlich auf das mittelhochdeutsche Wort wâpen zurück, was ursprünglich alle Waffen eines Ritters benannte. Zu diesen Waffen gehörte neben dem Schwert auch der Schild als wichtigste Verteidigungswaffe. Eine begriffliche Trennung zwischen der Waffe als offensives Kampfgerät und dem Schild als defensive Schutzwaffe bildete sich erst mit dem 16. Jahrhundert, also in einer Zeit nach der Blüte der Heraldik, heraus.

Das Wappen im eigentlichen Sinne besteht einzig aus dem Wappenschild, welcher mit einem Zeichen oder Symbol versehen ist. Genaugenommen handelt es sich bei dem deutschen Begriff »Wappenschild« um eine Doppelung des ursprünglichen, auch mit Schilde bezeichneten Begriffes »Wappen« und der Bezeichnung »Schild« für die spezielle Verteidigungswaffe. Im Niederländischen und den skandinavisch-germanischen Sprachen wird in den entsprechenden Ländern, deren Heraldik auch von der deutschen mehr oder weniger stark beeinflußt ist, für die Wappen noch heute diese Namensdoppelung »Wappenschild« verwendet;12 was eigentlich ein präziserer Begriff als »Wappen« ist. Durch den Unterschied zwischen den Wörtern »Wappen« und »Waffen« wird dies im Deutschen aber nicht mehr als störend empfunden.

Daß mit den Wappen nicht einfach Waffen gemeint sind, zeigen auch die englischen und französischen Bezeichnungen für Wappen. So verweist das englische coat of arms recht poetisch darauf, daß es sich um eine Art Mantel für die Waffen handelt, während die sehr präzise französische heraldische Sprache mit blason speziell die Zeichnung auf dem Wappenschild meint.

Für den Wappenschild wiederum gibt es im Französischen wie im Englischen den präziseren Begriff écusson beziehungsweise escutcheon, aus dem sich wiederum der spanische Begriff für das Wappen, escudo, herleitet.13 Hier zeigt sich anschaulich, daß das Bild auf dem Wappenschild unabhängig von diesem existiert und Bestand hat. Die jeweiligen, den zeitlichen gestalterischen Gepflogenheiten unterworfenen unterschiedlichen Schildformen haben keinerlei Auswirkungen auf das Wappen selbst. Ob in einem Rundschild, einem Halbrundschild, einem Spitzschild, einem Voll- oder Prunkwappen gezeigt; das Wappen selbst bleibt davon unberührt.

Gerade in der deutschen kommunalen Heraldik werden inzwischen oftmals wieder einzig die eigentlichen Wappen ohne jegliche Beizeichen und Prunkstücke verwendet. Diese nur im weiteren Sinne zum Wappen gehörenden Beizeichen und Prunkstücke sind sehr zahlreich und verschieden und haben in den heraldischen Traditionen der europäischen Länder während deren eigenständiger Entwicklungen einen ganz unterschiedlichen Stellenwert erlangt. So gehörten oder gehören in England vor allem Schildhalter und Banner, in den Benelux-Ländern sowie Frankreich Wappenmäntel und Wappenzelte und in Deutschland viele Helme zu den dominierenden und oft verwendeten Prunkstücken. In dieser Arbeit auf diese vielfältigen stilistischen Entwicklungen einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Und auch hinsichtlich der verschiedenen Formen der Wappenschilde, kann in diesem Buch nur ein kleiner Einblick vermittelt werden.

Abgeleitet ist der Wappenschild aus dem bereits im antiken Ägypten nachweisbaren Kampfschild. Anfangs aus Geflecht gefertigt, bestanden die Schilde schon bald meist aus Holz und waren mit Leder bespannt; aber auch aus Metall gefertigte Schilde sind bekannt. Auffällig ist, daß bei den europäischen und vorderasiatischen Kampfschilden seit der Antike innerhalb unterschiedlicher Formen und Größen die runden weit in der Überzahl sind.

Abb. 1: Beispiel für einen griechischen Rundschild mit Mäander und einer Eule als Symbol für die Schutzgöttin Athene. Viele Symbole wiesen Bezüge zur antiken griechischen Götterwelt auf wie zum Beispiel auch das beliebte Medusenhaupt.

Diese bereits ab dem 7. vorchristlichen Jahrhundert von den Griechen benutzten Rundschilde (Abb. 1) bildeten die Grundlage, auf welcher sich der im 11. und 12. Jahrhundert zu den am häufigsten verwendeten Schilden gehörende sogenannte Normannenschild entwickelte (Abb. 2, 3).

Bei ihm handelt es sich allerdings nicht um eine Erfindung der Normannen, sondern er erhielt seinen Namen nachträglich aufgrund seiner Darstellungen auf dem Teppich von Bayeux (Abb. 17). Andere Namen für ihn sind Mandelschild, Drachenschild, Langspitzschild oder Kiteschild. Seine Form entstand, indem man den Rundschild nach unten verlängerte. Hierdurch konnte gerade für Reiter ein höherer Schutz der Beine bei nahezu gleichbleibender Handlichkeit gewährleistet werden. Der Normannenschild wurde sowohl von Reitern als auch von Fußtruppen verwendet. Aufgrund von zeitgenössischen Darstellungen des Kiteschildes kann bei ihm von einer Höhe zwischen 50 und 75 Prozent der Körpergröße des Trägers ausgegangen werden. Somit taugte der Schild auch zu Schildwall-Verteidigungsformationen wie sie ebenfalls auf dem Teppich von Bayeux zu sehen sind.

Ähnlich den Rundschilden befanden sich auf den Normannenschilden Schildbuckel. Sie werden Umbo genannt, was übersetzt »Nabel« bedeutet. Beim Rundschild dienten diese metallenen Kalotten dem Schutz der Hand in dem für den Griff ausgesparten Loch im Schild. Da die Handgriffe an den Normannenschilden in einer anderen Technik als bei den Rundschilden gestaltet waren, verlor der Umbo bei ihnen seine technische Notwendigkeit und diente fortan lediglich als Schmuckelement, welches auch zur Grundlage einiger Wappenbilder geworden ist; dies bisweilen auch in Verbindung mit verstärkenden Streben auf und um den Schild, beispielsweise die sogenannten Ketten von Navarra oder die ab 1330 nachweisbare Lilienhaspel (Glevenkranz) von Grafschaft und Herzogtum Kleve. Mit der Entstehung der Wappen verschwand der Umbo jedoch alsbald aus den Schilden.

Interessant ist, daß sich im deutschen Sprachraum die durch verschiedene Genera gekennzeichnete Unterscheidung zwischen der Verteidigungswaffe des Schildes, zu dem auch der Wappenschild gehört, und dem Schild als Zeichen, wie es noch heute bei den unterschiedlichen Formen von Schildern Verwendung findet, erst im Mittelhochdeutschen ab etwa 1350 herausbildet; also während der Blütezeit der Heraldik. Der Wappenschild hat demnach inhaltliche und linguistische Bezüge sowohl zu der Waffe als auch zum Zeichen und verbindet beide miteinander.

Abb. 2: Früher, schmaler Normannenschild aus dem 11. Jahrhundert.

Abb. 3: Später, breiter Normannenschild aus dem 12. Jahrhundert.

Abb. 4: Beispiel eines Wappenschildes aus dem 13. Jahrhundert.

Als dominierende Schildform zur Zeit der Entstehung der Wappen bestimmte der Normannenschild dessen Schema, was man an der Gestaltung der alten Schildfiguren wie Löwe und Adler auch heute noch recht gut erkennen kann. Ihre Grundform ist auf ein Dreieck mit der Spitze nach unten konzipiert und mußte mit dem Wandel der Schildformen zwangsläufig Modifizierungen durchlaufen, welche allerdings die jeweilige Grundform nur den Feldern anpaßten ohne deren abstraktes Grundkonzept zu ändern. In der Folgezeit waren der Wappenschild wie auch Schildfiguren und Prunkstücke einem immer umfangreicher werdenden Formenwandel unterworfen, was der heraldischen Ästhetik nur sehr selten zuträglich gewesen ist.

Allein die historischen und regionalen Entwicklungen der unterschiedlichen Schildformen aufzuzeigen, bedürfte es bei ausführlicher Behandlung mehrerer Bücher. Deshalb sei an dieser Stelle lediglich auf entscheidende Entwicklungen hinsichtlich der Wappenschilde im deutschsprachigen Raum verwiesen. War der Normannenschild anfangs gemäß seines Gebrauches von langer und schmaler Form, beginnt er ab dem 12. Jahrhundert insgesamt kürzer und somit in seinen Proportionen breiter zu werden.14 Dies war unter anderem neuen Waffentechniken, modischen Veränderungen und vor allem den stärkeren Rüstungen geschuldet, welche einen zusätzlichen Schutz der Beine durch den Schild nicht mehr notwendig machten. Dadurch wurde der Schild insgesamt kürzer und handlicher (Abb. 3).

In zeitgenössischen Darstellungen sind fast alle Normannenschilde mit einem Bord umgeben. Dieser entwickelte sich später innerhalb der Heraldik zu einem eigenständigen Wappenbild, wobei hier die Grenzen manchmal fließend waren.

Mit dem Aufkommen des Topfhelmes (Abb. 13) um 1200 wurde damit begonnen, die Schilde oben nicht mehr rund zu gestalten. Immer mehr Schilde schlossen nun oben mit einer geraden oder leicht gebogenen Kante ab (Abb. 4). Ob hierbei der rundum Schutz bietende Topfhelm eine Rolle gespielt hat, ist fraglich, denn neben ihm wurde der Nasalhelm gerade im militärischen Bereich noch über 100 Jahre weiter im Kampfe benutzt, während der Topfhelm auf zeitgenössischen realen Kampfszenen selten zu finden ist.15 Für den militärischen Gebrauch ergibt die gerade Linie der oberen Schildkante ein etwas eingeschränkteres Blickfeld. Der Schutzeffekt des Schildes hingegen ist nicht beeinflußt. Bei den oben nun eher geraden Schilden spricht man nicht mehr von Normannenschilden.

Lange Zeit galt der um 1200 angefertigte Schild von Seedorf (Abb. 18)16 als der einzige erhaltene Normannenschild, bei welchem die obere Rundung abgetrennt worden sei, um die ab etwa 1220 in Mode gekommene gerade Oberkante zu erhalten. Vermutlich soll bei ihm die obere Rundung hart am Scheitel des Löwen abgeschnitten worden sein. Das womöglich einstmals die Rundung oben ausfüllende Lederstück ist noch vorhanden und könnte von vorn auf die Rückseite des Schildes geklappt worden sein. Untersuchungen des Schildes ergaben 1990 aber, daß sich der obere Rand weder in der Bespannung noch in der Bemalung von den seitlichen Rändern unterscheidet. Auffallend war auch, daß die umgeschlagene Bespannung in ihrer heutigen Größe einen vermuteten runden oberen Rand lediglich bündig abgeschlossen hätte, obwohl dieser zu den am stärksten beanspruchten Stellen des Schildes gehört.17

Diese Fakten stellen die Deutung des Schildes als ursprünglichen Normannenschild zwar infrage, sind aber noch kein Beweis dafür, daß es sich nicht um einen solchen handelt. Die Anordnung des Löwen spricht eher für einen nachträglichen Schnitt an der Oberkante. Ausgeschlossen ist auch nicht, daß das umgeklappte Lederstück nachträglich ebenfalls beschnitten wurde oder es andere Formen der Verstärkung der Oberkante gegeben hat. Auch könnte die Rundung kleiner als angenommen gewesen sein. Somit fehlt bislang ein handfester Beweis dafür, ob es sich hier um einen Normannenschild handelt oder nicht. Eine eindeutige Zuordnung dieses durchaus seltenen, erhalten gebliebenen Kampfschildes mit Wappen wäre dem Verständnis des damaligen Umgangs mit Wappenschilden als Kampfschilde sehr zuträglich.

Davon abgesehen zeigt die Darstellung von Gottfried V. dem Schönen18 auf seiner Grabplatte schon Mitte des 12. Jahrhunderts einen oben geraden, wenn auch noch sehr langen Wappenschild. Offensichtlich ist diese Schildform schon damals - wofür auch immer - verwendet worden, was wiederum dafür sprechen könnte, daß es sich bei dem Seedorfer Schild nicht um einen nachträglich veränderten Normannenschild handelt.

Die abgeschnittene Oberkante blieb bei den späteren mittelalterlichen Wappenschilden stilprägend. Diese wurden nun noch etwas breiter proportioniert (Abb. 5) und reiften trotz einiger regionaler Unterschiede in ganz Europa im 14. und 15. Jahrhundert zu einer ästhetisch ausgewogenen Form (Abb. 6). Ab dem 15. Jahrhundert werden die regionalen Unterschiede bei den Wappen und somit auch bei den Schildformen immer gravierender, und es bilden sich relativ stark voneinander abweichende Formvarianten heraus. Während in England und Frankreich vornehmlich die unten spitzen Schilde beibehalten werden (Abb. 7), etablieren sich im Heiligen Römischen Reich die erstmals im 13. Jahrhundert in Spanien verwendeten sogenannten Halbrund- oder Rundbogenschilde (Abb. 8), wie sie auch heute in vielen Gemeinden innerhalb Deutschlands Verwendung finden.

Abb. 5: Beispiel eines Wappenschildes aus dem 14. Jahrhundert.

Abb. 6: Beispiel eines ästhetisch ausgereiften Wappenschildes aus dem 15. Jahrhundert.

Abb. 7: Ein für England und auch Frankreich typischer Wappenschild aus dem 15. Jahrhundert.

Die dann ab dem 16. Jahrhundert eintretende Entwicklung bringt in ganz Europa eine nie zuvor dagewesene Vielfalt der Schildformen, welche teilweise überbordende Verzierungen und Schnörkeleien enthalten (Abb. 9). Besaß der Wappenschild zumindest noch bei den Turnieren des 15. Jahrhunderts eine praktische Bedeutung und somit einen Bezug zu den im Turnier verwendeten Kampfschilden, geht dieser mit dem Ende der Turniere im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert völlig verloren. Innerhalb der Kriegsführung hatten die herkömmlichen Schilde schon lange Zeit vorher keine Rolle mehr gespielt. An ihre Stelle waren neue Waffentechniken und damit verbunden auch völlig andere spezielle Schutzschilde getreten wie zum Beispiel die Pavese.19

Als Gegenstück hierzu fand eine speziell für das Turnier entwickelte Schildform Eingang in die Heraldik; vor allem im Heiligen Römischen Reich, in Italien und in England. Dies war die Tartsche (Abb. 10) - auch Stechschild genannt - welche auf der heraldisch rechten Seite eine Aussparung aufweist, die als Halterung für die Lanze bei Turnierkämpfen diente. Vor allem bis zum 17. Jahrhundert ist diese aus rechteckigen Wappenschilden entwickelte Schildform in Wappen sehr verbreitet und weist dieselbe Formenvielfalt auf wie die anderen Wappenschilde auch.20

Abb. 8: Der in Deutschland ab dem 16. Jahrhundert bis heute sehr verbreitete Rundbogenschild.

Abb. 9: Beispiel für einen Renaissance-Wappenschild aus dem 16. Jahrhundert.

Abb. 10: Beispiel für eine vor allem in Deutschland und Italien oft verwendete Tartsche.

Die Wappenschilde selbst nahmen die unterschiedlichsten Formen an und sind schwer in ein System zu fassen, stehen aber in der Regel mehr oder weniger in ästhetischer Korrespondenz mit der jeweiligen Kunstepoche. Besonders beliebt waren vor allem im 17. und 18. Jahrhundert das Wappen einrahmende Kartuschen, was zudem der überbordenden Formensprache des Barock und Rokoko entspricht.

Erwähnt sei an dieser Stelle noch eine Schildform, die zeitweise und teilweise bis heute vor allem in der russischen, spanischen, ungarischen, französischen, englischen, niederländischen und italienischen Heraldik oft verwendet wird. Hier hat der Schild beinahe die Form eines Rechtecks erlangt und zeigt bei unten abgerundeten Kanten in der Mitte unten eine kleine Spitze (Abb. 11). Dieser Schildtyp eignet sich besonders für mehrfeldrige Wappenbilder, da hier alle Felder annähernd rechteckig ausfallen und somit Schildfiguren sehr gut in jeden Platz des Wappens eingefügt werden können ohne sie übermäßig stauchen, strecken oder beschneiden zu müssen.21

Neben dem Wappenschild erscheint als das früheste zusätzliche Element eines Wappens der Helm, welcher anfangs in der Regel neben dem Schild aufgezeigt wurde. Später legte man ihn normalerweise auf den Schild. Hierfür wurde der Wappenschild anfangs leicht gekippt, so daß sich das Bild des Kopfes eines Reiters mit einem Schild in seinem linken Arm ergab (Abb. 19).22 Später wird der Schild meist aufrecht gestellt gezeigt. Zudem lag der oder lagen - speziell im Heiligen Römischen Reich - die Helme auf ihm. Diese Kombination aus Wappenschild und Helm mit Zimier23 nennt man Vollwappen (Abb. 34 bis 39).

Abb. 11: Der vor allem in Spanien und Rußland gern verwendete breite Schild. Er erleichtert das Zeigen von Wappenbildern in vielfeldrigen Wappen.

Dem zur Entstehungszeit der Heraldik und dann noch lange in der Praxis verwendete Normannenhelm mit aus Ketten gefertigten Halsbergen24 um den Kopf (Abb. 12) gelang der Eingang in die heraldischen Darstellungen des Mittelalters nicht.25 Allerdings steht es jedem, der ein Wappen annehmen möchte, frei, auch diesen als seinen Helm zu wählen. Grundsätzlich können jegliche Helmtypen oder auch Kopfbedeckungen als heraldischer Helm verwendet werden.

Das Eisen der Helme wird normalerweise entweder grau oder türkis tingiert, meist versehen mit goldenen Verzierungen oder Orden und Ketten. Vom Hochadel wird Gold für den ganzen Helm beansprucht, in selteneren Fällen auch Silber. Beide Tinkturen sind trotz dieses Anspruches ebenso wie auch alle nur erdenklichen Helmformen für die Darstellung in allen anderen Vollwappen möglich.

Allerdings blieben für die Heraldik bis heute lediglich nur vier beziehungsweise fünf Helmtypen von Bedeutung. Der früheste von ihnen, der Topfhelm (Abb. 13), wirft einige Fragen auf. Seinen Namen verdankt er seiner Form, die in der Tat an einen Topf erinnert. Mit ihm war der Kopf des Ritters nun völlig eingerüstet. Es blieb lediglich ein Schlitz für die Augen. Die Nasenpartie war verstärkt und konnte ornamental verziert sein, während die Wangen mit Platten abgedeckt waren. Innen war der Helm gepolstert. Unter einem solchen Helm ist das Atmen nur durch einige Luftlöcher auf der Wangenseite möglich, welche zu unterschiedlichen Ornamenten gestaltet waren; nicht selten und aus nachvollziehbaren Gründen in Form eines Kreuzes.

Abgesehen davon, daß eine solche Einhüllung des Gesichts, ein sehr kleines Blickfeld sowie die erschwerte Atmung einen Kampfeinsatz erheblich schwerer und kräftezehrender gemacht haben mögen, gab man mit dieser Helmform auch einen wichtigen technischen Vorteil des Nasalhelmes (Abb. 12) auf. Dieser Nasalhelm verlief nämlich nach oben hin konisch, so daß ein Schwertschlag abgelenkt werden konnte. Die Form des Topfhelmes dagegen bietet einem Schwertschlag auf den Kopf eine ideale Angriffsfläche und könnte selbst beim Standhalten des Materials dem Getroffenen erheblichen Schaden zufügen, zumal der Helm direkt auf dem Kopf auflag. Offensichtlich um dies zu minimieren, trug der Ritter unter dem Topfhelm die Hirnhaube, aus der sich später eigene Formen wie die Beckenhaube entwickelten.

Abb. 12: Beispiel eines Normannenhelmes mit den Halsbergen um den Kopf.

Ottfried Neubecker vermutet hinter diesen offensichtlichen Nachteilen des Topfhelmes die damals unausgereifte Schmiedetechnik.26 Es fällt allerdings auf, daß Topfhelme vornehmlich auf Miniaturen mit Turnierdarstellungen, zu literarischen Werken, zu biblischen Szenen (Abb. 20), auf Allegorien (Abb. 21) beziehungsweise phantastischen Bildern oder zu bestimmten Personen mit ihrem Wappen beziehungsweise auf Siegeldarstellungen oder Münzen zu finden sind. All diese Abbildungen sind nur schwer eindeutig mit den damaligen Kriegshandlungen in Verbindung zu bringen und dienen fast ausschließlich nicht der Dokumentation von Kampfhandlungen, sondern der eigenen Repräsentation und Selbstdarstellung.

Es ist durchaus möglich, daß der Topfhelm in der Praxis ein reiner Turnierhelm gewesen ist, wofür auch seine für den Krieg ungünstigen Eigenschaften sprechen. Im Turnier hingegen wurden in der Regel von Anfang an Kämpfe und Kampfsituationen nach festen Regeln nachgestellt ohne die Absicht, den Gegner zu töten. Es genügte allein der sportliche Sieg. Zudem bot der Topfhelm eine deutlich bessere Grundlage für die Anbringung der Helmzieren. Die Turniere selbst waren anfangs ein notwendiges Training für den Krieg, in dem konkrete Kampfsituationen nachgestellt und Kampfhandlungen sowie technische Bewegungsabläufe geübt wurden. In deren Entstehungszeit gab es den Topfhelm noch nicht.

Aus dem Training im Turnier entwickelten sich formalisierte Kämpfe wie der Burhut, das Turnei oder der Tjost, welche in zunehmendem Maße öffentlich ausgetragen wurden und eine Art kampfsportliche Schau darstellten. Ist anfangs wohl mit scharfen Waffen gekämpft worden, wurde dies mit der Einführung konkreterer Regeln, und - wen wundert es - des Topfhelmes, vor allem ab dem 13. Jahrhundert eingeschränkt. Sehr wahrscheinlich erfolgte dies vornehmlich deshalb, um das Risiko und die damit verbundenen Verletzungen und Todesfälle durch stärkere Einrüstung zu minimieren.27

Im Gegensatz zu einem Kampfeinsatz im Krieg wurde der ungünstige Topfhelm im Turnier nur für vergleichsweise kurze Zeit und für einen sehr speziellen Zweck verwendet, mußte also somit nicht den sehr unterschiedlichen Kampfsituationen und oft unberechenbaren Gefahren, wie sie sich im Krieg ergeben, gerecht werden. Ebenso mußte er im Turnier nicht durchweg idealen Schutz mit angenehmen Trageigenschaften für die dauerhafte Verwendung auch außerhalb der Kampfhandlungen verbinden. Während die Turniere anfangs ausschließlich dem militärischen Training dienten, sind sie bereits für das 12. Jahrhundert als kulturelle Großereignisse der Selbstdarstellung des Adels auch gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen faßbar, zu dem neben den Ritterkämpfen auch Fahrendes Volk wie Musikanten, Tierbändiger oder Gaukler gehörten. Dies ist genau die Zeit, in der nach heutigem Wissen Wappen innerhalb des Adels etabliert wurden.

Vor diesem Hintergrund entwickelt sich der Topfhelm, der durchaus einzig ein speziell für das Turnier entwickelter Helm gewesen sein kann. Dafür spricht auch die daneben sehr lange Verwendung des Nasalhelmes, welcher erst mit der Einführung des Kübelhelmes und der Entwicklung der Beckenhaube, nicht aber durch den Topfhelm verdrängt wird. Im Gegenteil ist auf den militärischen Darstellungen dieser Zeit im Gegensatz zum Topfhelm vorwiegend der Nasalhelm zu finden (Abb. 22).28 Ottfried Neubecker führt außerdem an, daß die zeitgenössischen Dichter zwar gern und ausführlich schildern, wie breit die Verstärkungsbänder des Topfhelmes waren – vor allem die vergoldeten – aber eben nirgends sich jemand darüber äußert, daß ein Schwertschlag direkt auf den Topfhelm verderbliche Folgen gehabt habe.29 Das macht es sehr wahrscheinlich, daß dies gar nicht vorgesehen war und der Kampf mit einem Topfhelm nur nach den Turnierregeln möglich gewesen ist, ohne unnützen Schaden zu erleiden. Für die Schlacht scheint er offensichtlich zu gefährlich und zu unpraktisch gewesen zu sein.

Es ist zudem bekannt, daß bei Turnieren der Helm erst unmittelbar vor dem Turnier aufgesetzt wurde, da er offensichtlich nicht sonderlich praktisch war. Während eines Krieges oder gar der Kreuzzüge war es dagegen wichtig, stets auf den Kampf vorbereitet zu sein. Ein Nasalhelm konnte ständig getragen werden, war vergleichsweise bequem und ließ den Ritter fortwährend kampfbereit sein. Der Topfhelm vermag diese Sicherheit nur für den Preis kräftezehrender Umstände zu bieten.

Von den meisten Waffenkundlern wird der in der Heraldik als Kübelhelm (Abb. 14) bezeichnete Helm ebenfalls als Topfhelm angesehen. Dieser ist auf zeitgenössischen Kampfszenen zu finden, unterscheidet sich allerdings vom Topfhelm trotz augenscheinlicher Ähnlichkeit in einigen entscheidenden Details. Offensichtlich hat er wieder oder immer noch die altbewährte konische Wölbung des Nasalhelmes, so daß Schwerthiebe abgewiesen werden können. Außerdem lag der Helm nicht mehr auf dem Kopf auf, sondern auf den Schultern, was die Kraft eines Schlages wesentlich besser abmildern konnte. Die in zeitgenössischen Darstellungen zu findenden Visiere von Kübelhelmen lassen sich zwar archäologisch nicht eindeutig nachweisen, wären aber ein weiterer entscheidender Unterschied.

Zusammen mit einer gepolsterten Kappe wurde unter dem Kübelhelm die Beckenhaube getragen, eine Weiterentwicklung der Hirnhaube. Sie war größer, und an ihr wurde ab etwa 1320 das Ringelpanzergeflecht zum Schutz des Halses und des Nackens angebracht. Diese Beckenhaube (Abb. 23)30 entwickelte sich zu einem der gebräuchlichsten Helmtypen im frühen 14. bis in das 15. Jahrhundert und ist auf zeitgenössischen Abbildungen gemeinsam mit dem Eisenhut viel häufiger zu finden als der Kübelhelm. Oft ist sie zusätzlich mit einem aufklappbaren Visier versehen.

Abb. 13: Beispiel eines Topfhelmes in Halbseitenansicht.

Abb. 14: Beispiel eines Kübelhelmes mit der Änderung der flachen Oberdecke in eine Rundung.

Abb. 15: Beispiel eines Stechhelmes in Halbseitenansicht.

Auch hier stellt sich die Frage, ob der Kübelhelm zwar nicht ausschließlich, aber wohl mehr als Turnierhelm denn als Kriegshelm verwendet wurde und die Beckenhaube sowie ihre Weiterentwicklungen - wie zum Beispiel die Hundsgugel, der Armet, die Barbuta oder der Grand Bacinet - neben anderen Helmtypen der eigentliche Kampfhelm dieser Zeit gewesen ist.

Eine weitere Möglichkeit wäre, daß es sich bei dem Kübelhelm um eine bedingt kriegstaugliche Variante des Topfhelmes handelt, welche dem Bedürfnis der Selbstdarstellung auch im Felde Rechnung trug. So könnte die ritterliche Eigenpräsentation innerhalb des Turniers real oder bildhaft auf den Krieg übertragen worden sein, womit auch die noch heute übliche Herleitung der Heraldik aus dem Krieg eine praktische Umsetzung und eigene Interpretation erfahren hat und es sich eher entgegengesetzt verhalten haben könnte, daß nämlich auch die Wappen aus ihrer repräsentativen Funktion im Turnier und im »zivilen« Leben auf das Militärische übertragen worden sind.

Wie auch immer es gewesen ist, aus dem Kübelhelm entwickelte sich im Laufe des 15. Jahrhunderts der Stechhelm (Abb. 15), welcher bisweilen aufgrund seiner Form auch als Krötenkopfhelm bezeichnet wird. Seinen Namen verdankt er nicht der stechenden Spitze31 vorn, sondern der Tatsache, daß er als der angemessene Helm für das Stechen galt. Hiermit ist der Tjost gemeint, also das Gestech zwischen zwei Rittern, bei dem zu Pferde mit einer stumpfen Lanze der Gegner vom Pferd gestoßen wird, aber auch Zweikämpfe mit dem Schwert. Später reduzierte man dies teilweise auch auf das Stoßen der Lanze auf den Schild. Der Stechhelm war während des Einsatzes am Harnisch festgeschnallt. So entwickelten sich im 15. Jahrhundert auch die Einrüstungen des ganzen Körpers in Vollmontur, welche die Kettenhemden ablösten.

Zu Beginn des Turniers senkten die Kämpfer den Kopf, um durch den Sehschlitz an der Spitze die Zielrichtung erkennen zu können. Kurz vor dem Zusammenprall beider Ritter hoben sie ihren Kopf, um somit die Abgleitwirkung des Helmes zur Wirkung kommen zu lassen und das Eindringen von Lanzensplittern in die Augen zu verhindern. Beim Stechhelm war die Brustpartie der bisherigen Kübelhelme verlängert worden. Diese Verlängerung bewirkt in heraldischen Darstellungen eine ideale Auflage des Helmes auf dem Wappenschild. Wohl auch deshalb wurden diese Helmform und ihr Nachfolger bis heute zum Standardmodell eines auf einem Wappen liegenden Helmes.

Bei dem Stechhelm handelte es sich – wie offensichtlich auch bei seinem heraldischen Vorgänger – um einen reinen Turnierhelm. Einer der zu seiner Zeit verbreitetsten Kampfhelme im Krieg war hingegen der Eisenhut (Abb. 144). Aus dem abnehmbaren oberen Teil des Stechhelmes entwickelte sich wiederum die Schallern, auf deren Form bei dem ab 1916 benutzten deutschen Stahlhelm M1916 unverkennbar zurückgegriffen worden ist.32

Mit der teilweisen und oft auch nur vorübergehenden Abschaffung der trotz stumpfer Waffen gefährlichen Turnierregeln begann im 15. Jahrhundert der Übergang vom Stechen mit der Lanze zum Kolbenturnier.33 Hierbei wurde mit hölzernen Schwertern, Streitkolben oder anderen Schlagwaffen lediglich die Helmzier des Gegners abgeschlagen. Deshalb öffnete man das Blickfeld des Helmes weiter und schützte diese Öffnung nur noch durch einige vorgesetzte Spangen. Die für das Turnier verwendeten Helme wiesen oftmals mehr Spangen auf als der entsprechende heraldische Helm oder waren mit einer Art Gitter versehen. Der ansonsten dem Stechhelm ähnliche Kolbenturnierhelm war ebenfalls ausschließlich für den Gebrauch beim Turnier geschaffen worden, da sich die im Krieg zum Einsatz gebrachte Waffentechnik und somit der Krieg selbst noch weiter von dem im Turnier gezeigten Kampfsport entfernt hatte. In der Heraldik wird der

Abb. 16: Beispiel eines Bügelhelmes in Halbseitenansicht.

Kolbenturnierhelm als Bügelhelm beziehungsweise Spangenhelm bezeichnet (Abb. 16).34 Dieser ist allerdings nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls auch als Bügel- oder Stechhelm bezeichneten spätantiken Kammhelm.

Eine weitere Form des Helmes ist heute in Deutschland kaum anzutreffen, obwohl dieser in frühneuzeitlichen Wappen auch im Heiligen Römischen Reich nicht unbekannt war und auch heute noch in Italien, Spanien und Portugal relativ weit verbreitet ist. Es handelt sich bei ihm um eine Weiterentwicklung des Bügelhelmes, dem Visierhelm, bei welchem die Bügel durch ein aufklappbares Visier ersetzt wurden. Dieser Helmtyp ist heute vor allem in der landläufigen Vorstellung über die Rüstung von Rittern35 viel präsenter als der Stech- oder Bügelhelm. In der Heraldik ist er heute neben Spanien und Italien vor allem in England, meist als bürgerlicher Helm, präsent, obwohl er ursprünglich auch als Fürstenhelm galt. Er wird meistens mit offenem Visier und gerne in Frontalansicht gezeigt. Nicht selten befinden sich im offenen Visier zusätzliche Bügel. Das Visier verleiht diesem Helm eine sehr charakteristische Gestalt. Vornehmlich in Spanien und Italien wird er oft mit Straußenfedern als Zimier gezeigt (Abb. 24).36 In Italien findet man außerdem eine Sonderform dieses Visierhelms, den Cittadino, und in England und Irland wurde ebenfalls eine spezielle Form entwickelt, welche in Seitenansicht ein recht beliebtes Wappenbild geworden ist, zum Beispiel in dreifacher Ausführung im Wappen des 35. US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy (Abb. 25).37 Diese Helme bezeichneten oft einen englischen oder irischen Esquire38 oder Gentleman, im Deutschen vergleichbar mit einem Angehörigen des niederen Adels oder eines wappenführenden Bürgers. Die spezielle Grundform des Helmes für einen Esquire orientiert sich an den Kampfhelmen des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts.

Kaiser Friedrich III. erhob seit dem letzten Kolbenturnier im Heiligen Römischen Reich im Jahre 1487 in Worms den Bügelhelm (Abb. 16) offiziell zu einem Wappenzeichen. Seine Verwendung sollte im Gegensatz zum Stechhelm (Abb. 15), auf den Adel als Träger der Turniertradition beschränkt bleiben. Hinzu kamen Personen, die als dem Adel gleichgestellt galten, so zum Beispiel Doktoren der Rechtswissenschaft oder der Theologie. Dieses Bestreben nach Abgrenzung des Adels ist vor allem im Aufstieg des Bürgertums begründet. Viele Bürger waren inzwischen vermögender als der niedere und oft auch als der höhere Adel, führten eigene Wappen und strebten eine Beteiligung an den Turnieren an, von denen sie weitgehend ausgeschlossen wurden. Waren die Turniere anfangs zumindest jedem ritterbürtigen Kämpfer aber wohl auch Nichtadeligen zugänglich, verschärften sich die Zulassungsreglements später immer stärker, so daß auch viele Adelige von einem Turnier ausgeschlossen wurden. Erst mit dem Ausklingen der Turnierkultur kam es vereinzelt auch wieder zur Beteiligung von schwertfähigen Nichtadeligen an Turnieren. Zudem richteten dann auch Freie Reichsstädte oder bedeutende Provinzstädte eigene Turniere aus.

Abb. 17: Kämpfende Ritter. Zeichnung nach einer Abbildung auf dem um 1070 angefertigten Teppich von Bayeux (Bayeux, Centre Guillaume le Conquérant).

Abb. 18: Zeichnung des Reiterschilds von Seedorf (Zürich, Schweizerisches Landesmuseum).

Abb. 19: Vollwappen im Kontext von Roß und Ritter, hier am Beispiel des Römischdeutschen Königs.

Abb. 20: König David im Kampf gegen die Syrer. Abbildung in der Maciejowski-Bibel, Île de France, um 1250 (New York, Pierpont Morgan Library).

Abb. 21: Kämpfende Hengste und Ritter. Zeichnung nach einer Abbildung in einem englischen Bestiarium, frühes 13. Jahrhundert (London, British Library).

Abb. 22: Diepold von Schweinspeunt. Zeichnung nach einer Abbildung aus dem Liber ad honorem Augusti sive de rebus Siculis, 1196 (Bern, Burgerbibliothek) mit Wappenbildern auf Schild, Fähnlein und Helm.

Abb. 23: Kaiser Heinrich VII. im Kampf mit den Florentinern. Zeichnung nach einer Abbildung im um 1340 angefertigten Codex Balduini Trevirensis (Koblenz, Landeshauptarchiv).

Abb. 24: Modell eines Visierhelmes im Vollwappen des spanischen Nationaldichters Miguel de Cervantes Saavedra.

Abb. 25: Drei goldene Helme eines Esquire im schwarzen Wappen des von 1961 bis 1963 amtierenden 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika John Fitzgerald Kennedy.