Deutschland, dein Fußball! - Manuel Neukirchner - E-Book

Deutschland, dein Fußball! E-Book

Manuel Neukirchner

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Beschreibung

Ein Buch wie ein Museum! "Deutschland, dein Fußball" präsentiert 44 Kultobjekte und Geschichten zur deutschen Fußballgeschichte, von den Anfängen bis in die Gegenwart, mal ikonisch, mal heiter, mal nachdenklich. Dabei sind legendäre Erinnerungen wie die Schuhe der WM-Torschützen Helmut Rahn und Mario Götze, das 1974er-Trikot von Gerd Müller, Jens Lehmanns berühmter Elfmeterschießen-Spickzettel von 2006 oder der römische Elfmeterpunkt, von dem Andy Brehme Deutschland 1990 zum Weltmeister schoß. Dazu gibt es überraschende Geschichten wie die des Rekordtorschützen Gottfried Fuchs, der 1912 in einem Länderspiel sagenhafte 10 Tore erzielte, als Jude aber 1939 aus den deutschen Fußball-Annalen verschwand. Oder die des berühmten Sportfotos von 1966, das einen scheinbar niedergeschlagenen Uwe Seeler beim Verlassen des Wembley-Stadion zeigt - heute wissen wir: der Kapitän bückte sich in diesem Moment, um seine Stutzen zu richten. Diese und weitere einmalige Objekte und die Geschichten dahinter, viele davon aus dem Deutschen Fußballmuseum, lassen einen aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommen. Ein packendes Panorama des deutschen Fußballs!

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Edel Sports

Ein Verlag der Edel Verlagsgruppe

© 2022 Edel Verlagsgruppe GmbH

Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edelsports.com

Projektkoordination und Lektorat: Dr. Marten Brandt

Layout: schaefermueller publishing GmbH

Satz: Datagrafix GSP GmbH, Berlin

Covergestaltung: Groothuis. Gesellschaft der Ideen und Passionen mbH | www.groothuis.de

ePub-Konvertierung: Datagrafix GSP GmbH, Berlin | www.datagrafix.com

Alle Fotos wurden durch das Deutsche Fußballmuseum Dortmund zur Verfügung gestellt.

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

eISBN 978-3-98588-039-3

INHALT

01 Premiere in Crouch EndIllustration des ersten Frauenfußballspiels der Geschichte 1895

02 Erster Skandal im deutschen FußballReisebroschüre der Zeeland Steamboat Company 1896

03 Vom Karzer in die GeschichtsbücherTrikotemblem der deutschen Nationalmannschaft vom ersten Länderspiel 1908

04 Getilgt aus den AnnalenTeilnehmermedaille von den Olympischen Sommerspielen 1912

05 Fußballspiel im NiemandslandFotografie von Fußball spielenden Soldaten im »Weihnachtsfrieden« 1914

06 Könige der StraßeGusseiserner Kanalstein aus den 1920er-Jahren

07 Die Ästhetisierung des FußballsBronzefigur Fußballspieler von Renée Sintenis 1927

08 Geschichte einer FluchtMeistertrikot von Max Girgulski 1937

09 »Komme nach Oberschlesien, noch in Deutschland«Postkarte von Julius Hirsch an seine Familie 1943

10 Späte ErinnerungTschammerpokal 1952

11 Als das Wunder zur Tragödie wurdeUngarischer Wimpel aus dem WM-Endspiel 1954

12 Im Auftrag des »Chefs«Endspielball der Weltmeisterschaft 1954

13 Das Tor war sein SchicksalLinker Fußballschuh von Helmut Rahn aus dem WM-Endspiel 1954

14 Im Schlagschatten der SchloteBronzestatue Kurze Fuffzehn 1950er-Jahre

15 Echte StaatsmännerErinnerungspokal vom Freundschafts-Länderspiel Sowjetunion — BR Deutschland 1955

16 Man muss dem Herrgott dankbar seinHandschriftliche Notiz »Das nächste Spiel ist immer das schwerste« von Sepp Herberger 1950er-Jahre

17 Die Antithese zu Sepp HerbergerBrief von Günter Grass an Sepp Herberger 1969

18 Husarenstück der PräsidentengattinSchreiben der Staatsanwaltschaft an Liselotte Kremer 1963

19 Momente der WahrheitSchiedsrichterpfeife aus dem WM-Finale 1966

20 Das letzte Geheimnis von WembleyDas Sportfoto des Jahrhunderts 1966

21 Idol ohne VerfallsdatumBundesverdienstkreuz für Uwe Seeler 1970

22 Stille FrechheitenPeter Handkes Roman Die Angst des Tormanns beim Elfmeter 1970

23 Monarchen unter sichFotografie von Franz Beckenbauer in der Wiener Hofburg 1971

24 »Ich habe da einen duften Vorschlag«Magnetophon aus dem Bundesliga-Bestechungsskandal 1971

25 Wie der schmollende AchillesFußballschuh von Günter Netzer aus dem DFB-Pokalfinale 1973

26 Sein letztes HemdTrikot von Gerd Müller aus dem WM-Endspiel 1974

27 »Die lange Zeit des Langen, sie ist aus«Mütze von Helmut Schön 1974

28 Für immerMedaillen für das Jahrhunderttor von Klaus Fischer 1977

29 Hölzenbein, Hölzenbein, Stolperbein!Langspielplatte Edi Finger live 1978

30 Abschiedsgrüße aus HamburgKabinenspindtür von Kevin Keegan und Franz Beckenbauer 1980

31 Tod eines RepublikflüchtlingsStasidokument über Lutz Eigendorf 1983

32 Kanonaden auf und neben dem PlatzManuskriptseiten von Harald Schumachers Bestseller Anpfiff 1987

33 Der lange Weg aus dem AbseitsKaffeeservice für die Frauenfußballnationalmannschaft 1989

34 Rückkehr der SiegesgöttinWandertrophäe Viktoria 1990

35 Es roch nach Gras und KreideDer Elfmeterpunkt aus dem Olympiastadion Rom 1990

36 Im hellenischen GötterhimmelOlympia-Fackel von Otto Rehhagel 2004

37 Der große BluffZettel mit argentinischen Elfmeterschützen für Jens Lehmann 2006

38 Ein Sommer, ein RauschSchlagzeugbecken der Sportfreunde Stiller 2006

39 Geplatzte TräumeGipsverband von Michael Ballack 2010

40 Im Zwiespalt der HerzenTrikot von Mesut Özil von der Weltmeisterschaft 2010

41 Zwei nette MännerKarikatur Uli Hoeneß von Karl Lagerfeld 2013

42 Das neue MaracanazoSpielball aus dem WM-Halbfinale 2014

43 HeldeneposDeutschlandfahne 2014

44 Ein Wimpernschlag der FußballgeschichteSchuh von Mario Götze aus dem WM-Finale 2014

VORWORT

Als mir Horst Eckel sein Endspieltrikot für das Deutsche Fußballmuseum überreichte, sprach er wenig. Er wich meinen Blicken aus und fixierte das weiße Stück Stoff. Irgendwann sah er mich an und sagte fast vorwurfsvoll: »In diesem Trikot steckt mein Leben!« Unvorstellbar für ihn, dass sein Hemd aus dem epochalen Spiel gegen Ungarn von 1954 den vertrauten Platz in seinem Haus verlassen sollte. Immer wieder stand er vor der heimischen Vitrine und betrachtete sein Heiligtum. Dann war er seinen verstorbenen Mannschaftskameraden ganz nah, und manchmal hat er zu ihnen gesprochen, vor allem zu Fritz Walter, der wie ein großer Bruder für ihn war. Der epochale Sieg im Weltmeisterschaftsendspiel im Berner Wankdorfstadion hat das Leben von Horst Eckel von einem auf den anderen Tag verändert. Der Werkzeugmacher aus Vogelbach bei Kaiserslautern hatte mit den anderen Berner Helden Nachkriegsgeschichte geschrieben. Millionen Deutsche nahmen sich an den Mannen von Bundestrainer Sepp Herberger ein Beispiel. Das unglaubliche Aufbäumen der Mannschaft, der nicht mehr für möglich gehaltene Umschwung gegen die scheinbar übermächtigen Ungarn, das 3:2 durch Rahn. – Das alles gab den Menschen im Nachkriegsdeutschland Mut. Elf Fußballer hatten es vorgemacht: So kann es gehen im beschwerlichen Neuanfang. Der 4. Juli 1954 als emotionaler Gründungsakt der Bundesrepublik.

Das weiße Baumwollhemd mit dem Adler auf der Brust und der Nummer sechs auf dem Rücken war für Eckel zum persönlichen Code geworden, der ihm das Tor zur Vergangenheit öffnete. Ein dünnes, weißes Stoffhemd baute für ihn eine Brücke zu den verstorbenen Mannschaftskameraden. Er war der Letzte, der von diesem verschworenen Haufen übrig geblieben war. Und jetzt sollte er nach 60 Jahren das Insigne seines Lebens dem Deutschen Fußballmuseum als Dauerleihgabe übergeben. Plötzlich fasste mich Horst Eckel fest am Arm, wie einer, der es gut mit einem meint. »Im Deutschen Fußballmuseum«, sagte er, »sollen die Kinder und Jugendlichen lernen, dass sie niemals aufgeben dürfen, selbst wenn die Lage noch so hoffnungslos erscheint wie uns damals, als wir gegen Ungarn schon mit zwei Toren hinten lagen.« Seine Stimme klang jetzt so energisch wie damals auf dem Platz, als er, der rechte Außenläufer, den sie »Windhund« riefen, den magyarischen Spielmacher Nándor Hidegkuti zur Bedeutungslosigkeit degradierte. »Immer weitermachen, immer weitermachen. Zeigt den Kindern mein Trikot und erzählt ihnen diese Geschichte.« Und mit einem Augenzwinkern sagte er noch ganz nachdrücklich: »Ja, ja, das hätte Herberger so gefallen.«

Vielleicht hatte Horst Eckel erst in diesem Moment begriffen, dass sein persönlichstes Erinnerungsstück vom Höhepunkt seiner Laufbahn eine übergeordnete Bedeutung besitzt. Sein Trikot war nicht länger nur Chiffre seiner eigenen Vergangenheit, sondern auch Träger der nationalen Erinnerungskultur. Der deutsche Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin sprach in seinem bekannten kunsthistorischen Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1936) von jener »Aura« und »Authentizität«, die auch von Eckels Endspieltrikot wie von jedem der 44 Objekte ausgehen, über die ich in diesem Buch erzähle. Für Benjamin ist die Originalität, als Referenz für die Einzigartigkeit, das Qualitätsmerkmal und das Gütesiegel für museale Objekte und Exponate, die als sonderbare Gespinste aus Raum und Zeit zu Zeugen der Geschichte und zu Transporteuren historischer Wirklichkeit werden. Die Aura hat immer auch mit uns, den Betrachtern zu tun: Wir nehmen Exponate als besonders wahr, weil wir in ihnen den Geist des Tatsächlichen spüren. Wie beim Endspieltrikot von Horst Eckel. In diesem Stück Stoff wurde Deutschland zum ersten Mal Weltmeister, »wir alle hätten Sepp Herberger und die Spieler umarmen können«, sagte mir Hans-Dietrich Genscher, der deutsche Außenminister der Wendezeit, in einem Zeitzeugeninterview kurz vor seinem Tod. Als 27-jähriger Rechtsreferendar hatte er das Endspiel in seiner Einzimmerwohnung mit seiner Mutter am Transistorradio verfolgt. Der 4. Juli 1954 markierte für ihn wie für Millionen Deutsche Veränderung und Aufbruch.

Der ästhetische Augenblick beim Betrachten des Originals macht etwas mit uns: Es weckt persönliche Erinnerungen und Gefühle wie bei Horst Eckel, löst Assoziationen aus wie bei Hans-Dietrich Genscher, erzeugt historisches Bewusstsein bei der jüngeren Generation und führt zur Würdigung und Verehrung außergewöhnlicher sportlicher Leistungen. Das Trikot von Horst Eckel besitzt eine Wirkung, die von der Vergangenheit bis ins Heute reicht. Ein Stück Stoff ist nicht einfach nur ein Stück Stoff; wie das Trikot von Horst Eckel erzählen 44 Objekte in diesem Buch von der Zeit, aus der sie stammen, waren Teil des unterhaltsamen, nachdenklichen oder auch bedrückenden Geschehens. 44 Objekte stellen den übergreifenden Zusammenhang des Fußballs her. Dreidimensionale Gegenstände, Dokumente oder Fotografien ordnen Fußball sportlich, kulturell, gesellschaftlich und zeitgeschichtlich ein und verknüpfen dabei die Gegenwartserfahrungen mit den Perspektiven früherer Generationen. Eine Karikatur, eine Illustration, ja sogar ein Kaffeeservice, eine bloße handschriftliche Notiz, ein gusseiserner Kanaldeckel, ein Gipsverband oder ein Schlagzeugbecken: Es sind Relikte, die Vergangenes gegenwärtig halten, es sind kulturhistorische Symbole, die Geschichte widerspiegeln.

Ich möchte die Leserinnen und Leser auf eine Reise durch die Jahrzehnte mitnehmen, ausgehend vom Ende des 19. Jahrhunderts, als der verpönte Fußball so gar nicht mit den wilhelminischen Idealen vereinbar war, hinein ins 20. Jahrhundert, in dem sich der bürgerliche Fußball zunächst schwertat, dann aber rasant an Popularität gewann und zum proletarischen Massenphänomen wurde. In der Weimarer Republik wurde Fußball zum Ausdruck des neuen, freiheitlichen Zeitgeistes. Welches Gesicht hat der Fußball im Nationalsozialismus gezeigt? Welche Rolle spielte er im Nachkriegsdeutschland? Auch in der ehemaligen DDR wurde leidenschaftlich Fußball gespielt, im Wettstreit der politischen Systeme avancierte er zum Spielball der Macht. Dann der Mauerfall. Die Weltmeisterschaften 1990 und 2006 erzählen von der deutschen Wiedervereinigung, und der WM-Titel 2014 spannt den Bogen ins neue Jahrtausend. Aufbruch, Vertreibung, Flucht und Exil, Migrationsgeschichte, emanzipatorische Gleichberechtigung, nationale, regionale und persönliche Identitäten, die Faszination des Spiels, unvergessene Persönlichkeiten und Begegnungen, die zu Merksteinen unserer Erinnerungen geworden sind – die Erzählstoffe und die Themen der 44 Objekte in diesem Buch sind so vielfältig wie der Fußball selbst. Der Fußballsport ist eine besondere Spielart unserer nationalen Gedächtniskultur. 44 Objekte stemmen sich gegen die Zeitverfallenheit der Dinge.

Das Endspieltrikot von Horst Eckel hat im Deutschen Fußballmuseum einen Stammplatz gefunden. Seit 2015 nehmen Tausende Besucherinnen und Besucher das Original generationsübergreifend in Augenschein. Auch an jenem diesigen Dienstagvormittag im Dezember finden sich zahlreiche Schulklassen zur Entdeckungstour in der Dauerausstellung ein. Mit lautem Getöse nähern sich 20 Kinder im Alter von zwölf, dreizehn Jahren dem Deutschlandtrikot in der großen Wandvitrine. Sie sehen den weißen Baumwollstoff. Die kurzen Ärmel und der Kragen sind jeweils schwarz abgesetzt. Auf der Brust das kreisrunde Emblem des DFB. Eine dünne, weiße Kordel, durch acht Ösen gezogen, ziert den Kragenausschnitt. Neben dem Trikot ist auf einer Plakette, die hinter dem Vitrinenglas angebracht ist, vermerkt: »Endspieltrikot von Horst Eckel aus dem Weltmeisterschaftsfinale 1954«. Die Kinder werden still, als sie vor der großen Wandvitrine stehen. Sie merken, etwas ist anders an dieser Station. An der Vitrine mit dem Trikot lehnt ein großer Trauerkranz mit gelben Gerbera und roten Rosen, auf der weißen Schleife steht: »In Gedenken an Horst Eckel«. – In den Morgenstunden des 3. Dezember 2021 war der letzte verbliebene und jüngste Spieler aus Herbergers Weltmeistermannschaft mit 89 Jahren gestorben. In die Stille hinein gehe ich zu den nachdenklichen Jungen und Mädchen, die der Totenkranz, zum Greifen nahe, überrascht. Ich erzähle ihnen über das Trikot hinter dem Glas und über den rechten Außenläufer, der nun im Himmel mit seinen Mannschaftskameraden wieder vereint ist. Wie gebannt schauen die Kinder auf das Baumwollhemd. Und mit seinen eigenen Worten lasse ich Horst Eckel gegenwärtig werden: »Immer weitermachen, niemals aufgeben, selbst wenn die Lage noch so hoffnungslos erscheint wie damals, als Deutschland gegen die große ungarische Mannschaft schon mit zwei Toren hinten lag und doch noch gewann.« Ich denke daran, wie mir dieser großartige Fußballer und Mensch vor sieben Jahren bei der Trikotübergabe väterlich seine Hand auf meinen Arm gelegt hatte, beobachte die immer noch staunenden Kinder und sage zu mir: Ja, ja, das hätte Horst Eckel so gefallen.

Henry Marriott Paget zeichnete das epochale Frauenfußballspiel für die Wochenzeitschrift The Graphic.

(Holzstich, 30 x 22 cm)

01

PREMIERE IN CROUCH END

Illustration des ersten Frauenfußballspiels der Geschichte 1895

Das kleine, beschauliche Örtchen Crouch End, acht Kilometer von der pulsierenden City of London entfernt, hatte einen solchen Trubel noch nicht erlebt. Am frühen Nachmittag des 23. März 1895 tauchten Tausende aufgeregte Menschen unvermittelt in ihrem Stadtteil auf. Wie ein bedrohlicher schwarzer Lindwurm bewegte sich die Masse, die in großer Erwartung und mit Getöse aus den Waggons der Sonderzüge geklettert war, vom Bahnsteig zum nahen Sportplatz. Hunderte Kutschen und respektable Automobile verstopften die Straßen, verursachten Lärm und Chaos, den die Vorstädter in ihrem Idyll fernab des hektischen Londoner Finanzbetriebs noch nie zuvor erlebt hatten. Nur einmal noch sollten die Anwohner in vergleichbare emotionale Aufruhr geraten – als Stephen King in den 1980er-Jahren eine seiner Gruselgeschichten in Crouch End spielen ließ und sie auch noch nach dem kleinen Städtchen benannte.

Aber was war schon diese Verunglimpfung gegen das erste offizielle Frauenspiel der Fußballgeschichte, das den Ort bereits 85 Jahre vor Stephen King weit über die Insel hinaus ins Gerede brachte. Mary Hutson hatte unter dem Pseudonym Nettie Honeyball eine Zeitungsannonce veröffentlicht, in der sie nach Frauen suchte, die Fußball spielen wollten. 30 Gleichgesinnte im Alter zwischen 15 und 26 Jahren meldeten sich bei ihr. Gemeinsam gründeten sie in Crouch End den British Ladies’ Football Club. Unter der Anleitung des Mittelläufers Bill Julian von Tottenham Hotspurs trainierten die jungen Frauen zweimal in der Woche. In ihrem ersten offiziellen Match traten die Fußball-Pionierinnen dann unter sich gegeneinander an, weil es schlicht keine anderen Frauenmannschaften gab. Nettie Honeyball, die Kapitänin und Managerin der Mannschaft, teilte den Kader in »South« und »North«. Gespielt wurde nach den von Männern gemachten Regeln der englischen FA, der Football Association, von 1863. Das »North«-Team gewann in roten Blusen mit 7:1 – vor unfassbaren 10.000 Zuschauern, die Crouch End an diesem denkwürdigen Samstagnachmittag geradezu in einen Belagerungszustand versetzten.

Der bekannte Zeichner und Portraitmaler Henry Marriott Paget, der 1874 in die Royal Academy of Arts aufgenommen wurde und dort von 1879 bis 1894 seine Werke ausstellte, war einer von denen, die nach Crouch End gekommen waren. Er schuf mit seiner Illustration vom ersten regelkonformen Frauenfußballspiel als Titelmotiv für die Wochenzeitung The Graphic ein spätviktorianisches Sittengemälde. Im Vordergrund sind die Fußballerinnen zu sehen, wie sie in Knickerbockern und weiten Blusen um den Ball, der im Vergleich zum etablierten Männerfußball kleiner und leichter war, kämpfen. Zum Schutz der Frisuren tragen sie Fischerkappen, die sich im Spielverlauf als Hindernis erwiesen. Verrutschten die Kopfbedeckungen oder fielen zu Boden, etwa bei einem Kopfball, wurde das Spiel so lange unterbrochen, bis die Haarnadeln gerichtet und die Hauben wieder aufgesetzt waren. Das Spiel dauerte 60 Minuten, auf Korsetts und hohe Schuhe musste verzichtet werden. Bedrohlich wirkt die Szenerie im Bildhintergrund: Die Menschenmenge beobachtet als gesichtslose, anonyme, dunkle Masse das Geschehen, uniformierte Schutzpolizisten halten sie in Schach – die grausame, unerbittliche Großstadtmeute wittert Spektakel und Sensation. Die Illustration wurde für den Nachdruck in Deutschland koloriert und erschien noch im gleichen Jahr in der Illustrierten Chronik der Zeit.

Henry Marriott Paget hatte für das immer drängendere Emanzipationsbestreben im ausklingenden 19. Jahrhundert den trefflichen Ausdruck gefunden: Fortschrittliche Frauen brechen in die Männerdomäne Fußball ein. »Ich habe den Verein mit dem festen Entschluss gegründet, der Welt zu beweisen, dass Frauen nicht die dekorativen und nutzlosen Kreaturen sind, die Männer sich vorgestellt haben«, sagte Nettie Honeyball der Zeitung The Sketch. Der Jarrow Express hielt dagegen: »Es wird immer interessant sein, Frauen zu sehen, die unweibliche Dinge tun, und es ist daher nicht verwunderlich, dass dieses Spiel mehrere tausend Zuschauer besuchten, von denen vermutlich nur sehr wenige ihre eigenen Schwestern oder Töchter auf dem Fußballplatz sehen möchten. Es ist bezeichnend, dass ein beträchtlicher Teil der Zuschauer das Feld aber schon zur Halbzeit wieder verlassen hat. Das Lachen war leicht und die Unterhaltung plump.«

 

Nettie Honeyball gründete den ersten Frauenfußballclub in England.

Der Mut von Nettie Honeyball und ihren Mitstreiterinnen wurde indes belohnt – der Frauenfußball eroberte in England seinen festen Platz, noch bevor sich in Deutschland der Männerfußball organisierte. Ab den 1920er-Jahren hatte jede größere Ortschaft auf der Insel ihre eigene Frauenfußballmannschaft. Die Begegnung zwischen den Dick Kerr’s Ladies und den St. Helens Ladies in Everton sahen etwa 53.000 Eintritt zahlende Zuschauer – und dies ganz ohne Häme. In Deutschland bildeten sich Frauenclubs nach englischem Vorbild erst ab den 1930er-Jahren, bis der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Frauenfußball 1955 untersagte und ihn erst 1970 wieder zuließ.

Neben Nettie Honeyball zählte vor allem die schottisch-aristokratische Feministin, Journalistin und Schriftstellerin Lady Florence Dixie zu den Vorkämpferinnen des Frauenfußballs. Sie hatte auf Bitten von Nettie Honeyball die Präsidentschaft des British Ladies’ Football Club übernommen. Die Frauenrechtlerin schwärmte – ausgerechnet – für den extravaganten Schriftsteller und Dandy Oscar Wilde, der noch wenige Wochen vor dem legendären Match in Crouch End mit seiner Meisterkomödie The Importance of Being Earnest eine rauschende und viel bejubelte Premiere gefeiert hatte. So sehr sich Lady Florence Dixie und Oscar Wilde seelenverwandt miteinander verbunden fühlten – für Fußball hatte der skandalumwitterte Exzentriker so gar nichts übrig. Der Dichter gab der angehenden Fußballpräsidentin mit auf den Weg: »Dieser Sport mag ein durchaus passendes Spiel für harte Mädchen sein, als Spiel für feinsinnige Knaben ist er wohl kaum geeignet.«

Die Reisebroschüre für die Schifffahrt nach England versprach Luxus für die bürgerlichen Fußballer des Duisburger Turnvereins von 1848.

(Papier, 22,3 x 15,6 cm)

02

ERSTER SKANDAL IM DEUTSCHEN FUSSBALL

Reisebroschüre der Zeeland Steamboat Company 1896

Mit dem Zug ging es für die Fußballer des Duisburger Turnvereins von 1848 zunächst über Venlo in die niederländische Hafenstadt Vlissingen. Von dort aus steuerten sie mit dem nagelneuen Nachtdampfer Koningin Regentes der niederländischen Zeeland Steamboat Company den Queenborough Pier westlich von London an. Die Herren waren im Sommer 1896 zur allerersten Auslandsreise einer deutschen Fußballmannschaft aufgebrochen. Sie reisten auf eigene Kosten und vor allem standesgemäß. Der Luxusdampfer besaß einen »imperialen Empfangssaal«, wie die Reisebroschüre versprach, »sechs Deckkabinen und einen Rauchsalon«. Der fürstliche Speisesaal war mit Bildtafeln niederländischer Maler gestaltet, die Betten waren mit patentierten Federkernmatratzen versehen. Die vom Deutschen Fußballmuseum entdeckten Reisedokumente bringen ans Licht und belegen: Es waren Studenten, Ingenieure, Kaufleute und Lehrer aus Duisburg, die im Kaiserreich den ersten großen Impuls für die neu entdeckte Sportart setzten. Dabei galt hierzulande lange Zeit das Proletariat als Geburtshelfer für die englische »Fußlümmelei«, die am Ende des 19. Jahrhunderts von der Insel überall nach Europa schwappte. Der Mythos sitzt tief. Noch immer. Auch wenn die Arbeiterschaft seit den 1920er-Jahren den Fußball für sich entdeckt hatte – die Anfänge des Fußballs waren bürgerlich!

Rückenwind bekam der aufstrebende Fußball in Deutschland durch englische Unternehmer, Techniker und Kaufleute, die es im Zeitalter der Industrialisierung auf den Kontinent verschlug. Sie brachten das Fußballspiel gleich mit. Wie die Ingenieure Bass und Barton, die für das Siemens Kabelwerk in Woolwich in London arbeiteten und zeitweise im Kabelwerk in Duisburg eingesetzt wurden. Sie schlugen ihren deutschen Kollegen aus der Fußballmannschaft des durch und durch bürgerlichen Duisburger Turnvereins von 1848 eine Gastspielreise auf die Insel vor. Die Fußballtournee, die prompt den ersten großen Eklat im deutschen Fußball auslöste, fiel dann aber weniger erfolgreich aus: vier Spiele gegen eher unterklassige Mannschaften, vier Niederlagen. 0 zu 46 Tore! Welche Schmach! War es nur ein dummer Übersetzungsfehler oder doch tollkühnes Kalkül, dass die Duisburger als »Association« ins Mutterland des Fußballs gereist waren? – »Association« kann als »Verein« oder »Verband« verstanden werden. Die englische Presse machte sich jedenfalls lustig, der Londoner Evening Standard schrieb: »So wie die Dinge liegen, dürften die Deutschen wohl stark entmutigt worden sein, uns in nächster Zeit wieder einen Besuch abzustatten.« Die Heimat schäumte vor Wut. Der Deutsche Fußball- und Cricket-Bund, einer von mehreren Verbänden, die um den Alleinvertretungsanspruch des deutschen Fußballs konkurrierten, ließ in seinem Verbandsorgan am 29. August 1896 verlautbaren: »Hier in Deutschland weiß man in Fußballkreisen nichts über diese Spieler, obwohl wir die Idee haben, dass ein fast unbekannter und nie gehörter Club vom Rhein, der sich selbst Association nennt, aller Wahrscheinlichkeit nach die gemeinte Mannschaft ist.« Die eifrigen Verbandsfunktionäre fühlten sich in ihrem Stolz so tief verletzt, dass einer von ihnen, ein Herr namens Schlechta, inkognito auf die Insel übersetzte. Er reiste mit dem Auftrag, die Hintergründe des Skandals um die erste Englandreise einer deutschen Fußballmannschaft aufzudecken. Am 15. September 1896 distanzierte sich der Deutsche Fußball- und Cricket-Bund in einer Stellungnahme von der »Association« aus Duisburg und schickte die Übersetzung an 50 englische Zeitungen. »Wenn die Zeit kommt, und wir hoffen, dass es sehr bald sein wird, wo eine legitimierte deutsche Elf den Kanal kreuzt, wird sie eine ganz andere Vorstellung von deutschem Fußball abgeben.« – Das erste offizielle Länderspiel England gegen Deutschland wurde dann am 13. März 1909 ausgetragen. Es endete 9:0 für England.

 

Die Duisburger Fußballer kehrten erfolglos von ihrer Englandreise zurück.

Die Funktionäre des Deutschen Fußball- und Cricket-Bundes hätten nicht schlecht gestaunt, hätten sie damals gewusst, dass neun Jahre nach der Englandreise der Torwart des skandalumwitterten Duisburger Turnvereins zum dritten Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes gewählt werden würde. Von 1905 bis 1925 führte Gottfried Hinze nach Ferdinand Hueppe und Friedrich-Wilhelm Nohe in zwei schwierigen Jahrzehnten den am 28. Januar 1900 in Leipzig gegründeten DFB. Für die Vereine wurde »Papa Hinze« zum Anwalt in der beschwerlichen Gründerzeit des Fußballs. Er setzte sich zur Wehr, als der Fußball zunächst noch gesellschaftlichen Ressentiments ausgesetzt war. Der Lärm beim Wettkampf entheilige den Sonntag, hieß es, die leichte Sportbekleidung sei unsittlich, der Kampf um den Ball beeinträchtige die Lernbegierde der Kinder. Schließlich versuchte mancher Amtsschimmel, durch Erhebung von Umsatz-, Einkommens-, Lustbarkeits- oder Körperschaftssteuern auf Kosten der Fußballer die Behördenkassen zu sanieren. Noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde der Fußball dann aber allmählich salonfähig – mit königlicher Weihe. Das Deutsche Fußballjahrbuch 1913 zeigt auf der ersten Bildseite Seine Königliche Hoheit, den Prinzen Friedrich Karl von Preußen – im gestreiften Trikot. Hinze hielt den DFB in schweren Zeiten auf Kurs, als der Krieg und seine Folgen dem Fußballbetrieb zusetzten. Auf dem DFB-Bundestag 1925, im 20. Jahr seiner Präsidentschaft, trat Hinze von seinem Amt zurück und wurde zum ersten DFB-Ehrenvorsitzenden ernannt. Als ihm zur Feier des Tages Reichspräsident Hindenburg und Außenminister Stresemann gratulierten, waren seine 46 Gegentore von England längst vergessen.

Beim ersten Länderspiel der Nationalmannschaft zierte dieser Reichsadler mit ausgebreiteten Flügeln, Krone und einem Wappen auf der Brust die Trikots der Spieler. Der beigefarbene Stoff, mit rot-weißer Kordel umrandet, ist das erste Trikotemblem der Nationalmannschaft von 1908.

(Beigefarbener Stoff mit rot-weißer Kordel umrandet, auf einen grünen Samtschal genäht, 15 x 12cm )

03

VOM KARZER IN DIE GESCHICHTSBÜCHER

Trikotemblem der deutschen Nationalmannschaft vom ersten Länderspiel 1908

Dem Primaner Fritz Becker schwante nichts Gutes, als ihn die Sekretärin zum Rektor rief. Der Schuldirektor war berüchtigt und die Arrestzelle der Klinger Oberrealschule in Frankfurt am Main gut besucht. Als ob er zum Schafott geführt werden sollte, schlich »das Beckerle«, wie ihn der oberste Schulwächter zu nennen pflegte, den langen Flur entlang. Dabei war er am Morgen noch mit breiter Brust in die Schule gekommen – seine beiden Tore für die Frankfurter Stadtauswahl am Vorabend gegen Newcastle United auf dem Hermannia-Platz im Frankfurter Ostpark hatten sich überall herumgesprochen. Zwei Treffer bei der respektablen 2:6-Niederlage gegen den amtierenden englischen Ligameister, darauf konnte er wahrlich stolz sein. Aber jetzt rief der Rektor. »Beckerle, was sage ich euch immer?«, begann er seine Standpauke mit einer rhetorischen Frage und fuhr mit erhobenem Zeigefinger fort: »Mens sana in corpore sano«, und das »Beckerle« musste die lateinische Redewendung übersetzen: »Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper.« Dann holte der Rektor weiter aus: »Diese hohen Ideale, Beckerle, erreichen Sie nicht, indem Sie, inmitten eines Haufens von Rohlingen, mit den Beinen gegen einen Ball treten. Schlagen Sie sich dieses englische Rabaukenspiel ein für alle Male aus dem Kopf.« Als erzieherische Maßnahme für seine Tore gegen Newcastle wurden drei Stunden Karzer angesetzt. Offizielle Begründung: Teilnahme an einer öffentlichen Zurschaustellung ohne Erlaubnis der Schule.

Aus dem Kopf hatte sich Fritz Becker die englische Krankheit nicht geschlagen, wie er später erzählte, auch wenn er für einen Moment ins Grübeln geriet, als er kurze Zeit später in der Frankfurter Lokalzeitung von seiner Berufung für das erste Länderspiel der Nationalmannschaft gegen die Schweiz in Basel erfuhr. Doch der 19-Jährige war ein unerschrockener Bursche und auf Abenteuer aus. Wer zweimal gegen den englischen Ligameister getroffen hatte, war gut genug für das erste Vergleichsspiel der neuen DFB-Auswahlmannschaft. Diese Chance wollte sich der Angreifer der Frankfurter Kickers nicht nehmen lassen. Was waren schon ein paar Stunden Schulkarzer gegen den Ruhm der großen Fußballwelt? Am Freitagnachmittag, keine 24 Stunden vor der Abfahrt vom Frankfurter Hauptbahnhof nach Basel, erhielt Becker mit der Zugfahrkarte ein knappes Schreiben vom DFB: Er solle bitte seine Fußballschuhe und einen Smoking nicht vergessen. Der verdatterte Pennäler suchte sofort einen Kostümverleiher auf – zwölf Mark kostete ihn das noble Kleidungsstück, vorausgesetzt, er brächte den Smoking bis Montagabend unversehrt zurück.

Am Sonntag, dem 5. April 1908, durfte Fritz Becker erst einmal in die Kluft der Nationalmannschaft schlüpfen: schwarzes Hemd mit weißen Ärmeln, auf der Brust der Reichsadler auf beigem Wappenschild, schwarze Hose, schwarze Stutzen. DFB-Schatzmeister Wilhelm Behm hatte sich das Recht erkämpft, die Ausrüstungsgegenstände auf seinem Hotelzimmer im Metropol am Vormittag des Spieltages höchstpersönlich auszugeben. Die Spieler waren stolz, zum ersten Mal offiziell den Reichsadler auf der Brust für ihr Land tragen zu dürfen. Es folgte die kurze Mannschaftsansprache. Das war Aufgabe des DFB-Spielausschuss-Vorsitzenden Hugo Kubaseck, einen Trainer gab es noch nicht. Über das Spiel sprach er wenig, sein kurzer Auftritt wurde vielmehr zum Anstandsunterricht, wie sich die besten deutschen Fußballer beim Bankett nach dem Spiel zu verhalten hätten. Um halb drei dann endlich Abfahrt zum Landhof-Stadion Basel, umgezogen hatten sich die angehenden Nationalspieler schon im Hotel. Auf der Sportplatzanlage hatte der Schweizerische Fussballverband eine Zusatztribüne errichten lassen, 4.000 Menschen empfingen die elf deutschen Fußballpioniere, die elf verschiedene Vereine repräsentierten und mit einem Durchschnittsalter von 21 Jahren Aufstellung zum historischen Spiel nahmen.

 

Fotografie von der ersten Elf (von links): Willy Baumgärtner (Düsseldorfer FV), Fritz Becker (Kickers Frankfurt), Gustav Hensel (1. Kasseler FV), Fritz Baumgarten (Germania Berlin), Arthur Hiller (1. FC Pforzheim), Walter Hempel (Leipziger Sportfreunde), Fritz Förderer (Karlsruher FV), Ernst Jordan (Cricket Magdeburg), Karl Ludwig (Kölner SC 99), Eugen Kipp (Stuttgarter Sportfreunde), Hans Weymar (Viktoria Hamburg). Im Frack links und rechts die DFB-Funktionäre Max Dettinger und Hugo Kubaseck.

Die Begegnung begann furios – und in der 6. Spielminute markierte ausgerechnet der Oberprimaner der Klinger Oberrealschule den ersten Treffer in der Nationalmannschaftsgeschichte. In der 21. Minute, mit einsetzendem Gewitterregen, glichen die Schweizer aus, sieben Minuten später unterlief Jordan gar ein Eigentor. Zur Pause stand es 3:1 für die Schweiz, die durch Förderers Anschlusstreffer kurz nach der Halbzeit wankte, aber nicht fiel und nach gut einer Stunde sogar mit 4:2 in Führung ging. Dann aber meldete sich wieder Fritz Becker zu Wort – sein 3:4 zwanzig Minuten vor Schluss hätte fast die Wende herbeigeführt, bevor Sekunden vor dem Abpfiff nach einem unglücklichen Abwehrversuch der deutschen Hintermannschaft der letzte Treffer fiel. Sein erstes offizielles Fußball-Länderspiel verlor Deutschland gegen die Schweiz mit 3:5. Ein Ergebnis für die Geschichtsbücher.

Am Abend saßen die Spieler und Funktionäre beider Mannschaften in geselliger Runde im Metropol zusammen. Endlich konnten der Smoking und die guten Ratschläge des weltmännischen DFB-Spielausschuss-Vorsitzenden zum Einsatz kommen. Draußen wurde es schon hell und drinnen die Stimmung immer besser, als der schweizerische Torwart Dreifuß unmittelbar vor dem Schüler aus Deutschland seine Husarenstücke aus dem Spiel nachstellte. Den Ober mit dem Tablett hatte er zu spät gesehen. Worcestersauce, Essig und Senf hinterließen eine gefährlich einfressende Essenz auf der schicken Abendgarderobe unseres jungen Helden. Mit zwei Treffern, einem ramponierten Smoking und gemischten Gefühlen im Gepäck trat der Jungspund die Heimreise nach Frankfurt an. Für die Wiederherrichtung des Abendanzuges mussten die verärgerten Eltern beim Kostümverleiher 48 Mark berappen. Ob der Schuldirektor für den ersten Torschützen der Nationalmannschaft wieder eine Arrestzelle herrichten ließ, bleibt bloße Mutmaßung. Belegt ist aber, dass Fritz Becker kein weiteres Spiel mehr für die deutsche Fußballnationalmannschaft bestritten hat.

Medaille für die erste Olympiateilnahme eines deutschen Fußballteams 1912, bei der Gottfried Fuchs zehn Tore gegen Russland erzielte.

(Metall, 5,1 x 0,2 cm)

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GETILGT AUS DEN ANNALEN

Teilnehmermedaille von den Olympischen Sommerspielen 1912

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