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Ein Deutschland ohne Ausländer – eine schreckliche Vorstellung oder doch der geheime Traum vieler Bundesbürger? Fast 40 Prozent aller Deutschen wünschen sich weniger Ausländer in der Bundesrepublik. Ob aus rechtsradikalen Ressentiments, aus Angst vor »Überfremdung« oder aus Angst um einen Arbeitsplatz. In diesem Buch lassen sich die renommierten Journalisten Matthias Thieme und Pitt von Bebenburg gedanklich auf das Experiment Deutschland ohne Ausländer ein: Was wäre, wenn plötzlich alle Mitbürger ohne deutschen Pass um uns herum verschwänden, letztlich Millionen Menschen von heute auf morgen weg wären? Was wäre mit dem Gesundheitssystem, den Unternehmen, dem Einzelhandel, aber auch bei Sport und Schulen? Was wären unsere Städte ohne Dönerbuden und chinesische Restaurants?
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Seitenzahl: 312
Veröffentlichungsjahr: 2012
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1. Auflage 2012
© 2012 by Redline Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,
Nymphenburger Straße 86 D-80636 München Tel.: 089 651285-0 Fax: 089 652096
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Redaktion: Matthias Michel, Wiesbaden Umschlagabbildung: Bearbeitet nach einem Motiv von iStockphoto.com Satz: HJR, Jürgen Echter, Landsberg am Lech EPUB: Grafikstudio Foerster, Belgern
ISBN Epub 978-3-86414-277-2
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Vorwort
Die Experten
Deutschland ohne Ausländer
I. Arbeiten ohne Ausländer
Altenheime ohne Pfleger
Autoindustrie ohne Ausländer
»Das gäbe sofort einen Börsencrash« – Interview mit Baki Irmak (Finanzexperte)
Deutschland ohne Sauberkeit
Deutschland ohne Gründer
Deutsche Männer ohne Prostituierte
Deutschland ohne Steuern
»Das Ende der deutschen Wirtschaft« – Interview mit Gerhard Bosch (Arbeitswissenschaftler)
II. Die Deutschen allein zu Haus
Deutschland ohne Liebe
Deutschland ohne Döner
Bundesliga ohne Ausländer
Deutschland ohne Kultur
Religionen ohne Ausländer
Kriminalität ohne Ausländer
Wohnen ohne Ausländer
Hochschulen ohne Ausländer
»Das wäre die Atombombe für das Bildungssystem« – Interview mit Wassilios E. Fthenakis (Bildungsforscher)
III. Die anderen Inländer
Neue Deutsche
Ohne Papiere in Deutschland
»Das gäbe einen Bürgerkrieg« – Interview mit Daniel Cohn-Bendit (Politiker)
IV. Deutschland und die Welt
Deutschland ohne Tourismus
Deutschland ohne Flüchtlinge
Deutschland gegen Europa
»Homogenisiert und unkultiviert« – Interview mit Dieter Oberndörfer (Politikwissenschaftler)
V. Ist so ein Szenario möglich?
Gefahr für Deutschland
Was sagen die Politiker?
Was sagen die Juristen?
Was sagt die Wissenschaft?
»In einem Deutschland ohne Ausländer müsste man sich die Kugel geben« – Interview mit Günter Wallraff (Schriftsteller)
Dank
Über die Autoren
Literaturhinweise
Anmerkungen
Was denken Sie über Ausländer? Und was wissen Sie genau? Sind Sie sicher, dass Sie schon alles wissen?
Schon das Wort »Ausländer« ist merkwürdig. Meistens wird es für Menschen gebraucht, die in Deutschland leben, aber keinen deutschen Pass haben. Früher nannte man solche Menschen Fremde. In Österreich heißen sie immer noch so. Ganz offiziell. Der Fremde ist ein Mensch, »der heute kommt und morgen bleibt«, schrieb der Soziologe Georg Simmel vor 100 Jahren.1 Dort, wo er bleibt, wird er als Fremder wahrgenommen. Die Unterscheidung von Eigenem und Fremdem ist eine Grunderfahrung des Menschen. Die Fremden sind denjenigen, die sie so nennen, nicht vertraut, andersartig und fern.
In der Antike war der Fremde der Barbar, der unverständlich spricht. Viel hat sich an dieser Wahrnehmung nicht verändert. Die Fremden sind da, leben in der Nähe und sind gleichzeitig fern. Oder anders gesagt: Mit den Fremden kommt die Ferne gefährlich nahe an uns heran. Wir wissen nicht, was das bedeutet. »Fremde bedeuten das Fehlen von Klarheit, man kann nicht sicher sein, was sie tun werden, wie sie auf die eigenen Handlungen reagieren würden; man kann nicht sagen, ob sie Freunde oder Feinde sind – und daher kann man nicht umhin, sie mit Argwohn zu betrachten«, notiert der Soziologe Zygmunt Bauman.2
Längst sind viele Menschen, die ohne einen deutschen Pass in der Bundesrepublik leben, keine Fremden mehr. Sie gehören dazu. Trotzdem ist ein Argwohn gegen Ausländer geblieben. Man liest viel von Gewalt in den Schulen, von Ausländerkriminalität, Terrorismus, Drogenkartellen, Ehrenmorden. Sind das Medienkampagnen, oder beschreibt es die Wirklichkeit? Welche Zahlen, Daten, Fakten liegen dazu vor? Was sagen die Wissenschaft und die Wirtschaft, die Juristen und Politiker?
Viele Deutsche glauben, dass Ausländer große Probleme verursachen, die Sozialsysteme belasten, die Nachbarschaft stören – und dass es einfach zu viele von ihnen in Deutschland gibt. Manche wünschen sich, diese Fremden unter uns gingen einfach alle weg. In diesem Buch tun sie es.
Mehr als sieben Millionen Ausländer verlassen Deutschland. Morgen. Auf den kommenden Seiten. Was würde dann geschehen? Würde die Kriminalität sinken, die Wirtschaft besser dastehen? Würden die Sozialsysteme entlastet werden? Was wäre mit dem Sport, der Kultur, der Gastronomie? Dieses Buch führt Sie in die Fiktion eines ausländerfreien Deutschlands – treten Sie ein und staunen Sie. Denn im Verhältnis zum Fremden lernen wir mehr über uns selbst als irgendwo sonst.
Dieses Buch ist mit der Unterstützung zahlreicher Fachleute aus allen Gesellschaftsbereichen zustande gekommen, die sich auf unser Gedankenexperiment eingelassen haben. Ihre Aussagen und Einschätzungen finden sich auf den folgenden Seiten wieder. Zu besonderem Dank sind wir verpflichtet:
Bülent Arslan, Unternehmensberater, Gründer des imap-Instituts und Vorsitzender des Deutsch-Türkischen Forums der CDU Nordrhein-Westfalen
Dr. Dmitrij Belkin, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Fritz-Bauer-Instituts und Kurator des Jüdischen Museums Frankfurt am Main
Prof. Dr. Gerhard Bosch, geschäftsführender Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen
Daniel Cohn-Bendit, Ko-Vorsitzender der Grünen-Fraktion im Europaparlament und ehemaliger Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten in Frankfurt am Main
Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios E. Fthenakis, emeritierter Professor für Entwicklungspsychologie an der Freien Universität Bozen
Dr. Naika Foroutan, Sozialwissenschaftlerin und Leiterin des Forschungsprojekts »Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle« an der Humboldt-Universität Berlin
Thomas Grätz, Geschäftsführer des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbandes
Dr. Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender Die Linke im Bundestag
Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga)
Juanita Henning, Sprecherin des Prostituiertenverbandes Doña Carmen e.V.
Bernd Hölzenbein, Fußball-Weltmeister 1974 und Chef-Scout von Eintracht Frankfurt
Baki Irmak, Head of Global Communication der Fondsgesellschaft DWS
Dr. Matthias Jaroch, Sprecher des Deutschen Hochschulverbands
Burkhard Kieker, Geschäftsführer von visitBerlin, der Berliner Tourismus- und Kongress GmbH
Karl Kopp, Europareferent von Pro Asyl
Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl
Dr. Jürgen Micksch, Vorsitzender des Interkulturellen Rates in Deutschland und ehemaliger Interkultureller Beauftragter der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
Hamideh Mohagheghi, Juristin und islamische Theologin, Vorstandsvorsitzende der Muslimischen Akademie in Deutschland
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Peter-Christian Müller-Graff, Professor für bürgerliches Recht und Europarecht sowie geschäftsführender Direktor des Instituts für deutsches und europäisches Gesellschafts- und Wirtschaftsrecht an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Prof. em. Dr. Dr. h.c. Dieter Oberndörfer, emeritierter Professor für Politikwissenschaft und langjähriger Direktor des Arnold-Bergstraesser-Instituts in Freiburg sowie ehemaliger 1. Vorsitzender des Rats für Migration
Vural Öger, Touristikunternehmer und ehemaliger SPD-Europaabgeordneter
Cem Özdemir, Ko-Vorsitzender Bündnis 90/Die Grünen
Marei Pelzer, rechtspolitische Referentin von Pro Asyl
Dr. Rudolf Ridinger, Direktor des Verbands der Südwestdeutschen Wohnungswirtschaft
Prof. Dr. Dieter Rössner, Professor für Strafrecht und Kriminologie am Institut für Kriminalwissenschaften der Philipps-Universität Marburg
Dr. Manfred Schmidt, Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge
Martin Schulz, SPD, Präsident des Europäischen Parlaments
Hiltrud Stöcker-Zafari, Bundesgeschäftsführerin des Verbands binationaler Familien und Partnerschaften
Christine Sudhop, Vize-Geschäftsführerin des Bundesinnungsverbands des Gebäudereiniger-Handwerks
Prof. Dr. Rita Süssmuth, CDU, ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestags
Bernd Tews, Geschäftsführer Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste
Dr. h.c. Wolfgang Thierse, SPD, Vizepräsident des Deutschen Bundestags, Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken
Dr. Dita Vogel, Netzwerk Migration in Europa
Dr. Bernd Wagner, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Kulturpolitik und stellvertretender Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft
Günter Wallraff, Journalist und Buchautor
Prof. Dr. Joachim Wieland, Professor für Öffentliches Recht, Rektor der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften, Speyer
Matthias Wissmann, Präsident des Verbands der Automobilwirtschaft VDA und ehemaliger Bundesforschungs- und Bundesverkehrsminister (CDU)
Prof. Dr. Andreas Zick, Erziehungswissenschaftler, Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld
Dr. Theo Zwanziger, ehemaliger Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (bis 2012) und Mitglied im Exekutivkomitee des Fußball-Weltverbandes Fifa
Jeden Tag verschwinden in Deutschland Menschen. Spurlos. Massenhaft. Einfach so. Gestern waren sie noch da, erzählten von ihren Plänen, gingen arbeiten, umarmten ihre Liebsten, trafen Verabredungen. Und heute ist es, als hätte es sie nie gegeben. Die Vermisstendatei des Bundeskriminalamtes umfasst zwischen 5500 und 6100 Personen. 50.000 zählt die Polizei europaweit. Eine Kleinstadt von Verschwundenen. Kein böses Märchen, sondern unsere heutige Realität. Was aber, wenn plötzlich noch viel mehr Menschen verschwänden? Nicht nur Tausende, sondern Millionen?
Der Tag, an dem die Ausländer verschwinden, ist sonnig und warm. Die Meteorologen haben Temperaturen bis 30 Grad vorausgesagt, mit einzelnen Sommergewittern am Abend. Es ist Ende Juli, ein blauer, fast wolkenloser Himmel spannt sich über Deutschland. Man hat den Stichtag für die Ausreise auf einen Sonntag gelegt, damit alle ausreisenden Ausländer mit ihren Autos nicht vom Lkw-Verkehr behindert werden. Außerdem soll der Berufsverkehr nicht gestört werden. Der ADAC warnt dennoch vor langen Staus auf den Hauptreiserouten Richtung Süden und Osten und rät deutschen Autofahrern dringend, an diesem Sonntag auf Fernreisen zu verzichten.
Das deutsche Verkehrssystem auf den großen Autobahnen steht trotzdem kurz vor dem Kollaps. Die aus dem Land geworfenen Ausländer sind ohnehin verärgert, manche auch resigniert. Je länger der Stau wird, je unklarer wird, wann die Fahrt endet, und je mehr die Vorräte der Ausreisenden zur Neige gehen und die Kinder quengeln, desto gereizter wird die Stimmung. Zahlreiche Fahrzeuge der Polizei, der Feuerwehr und des Roten Kreuzes versuchen, den in kilometerlangen Staus Eingeschlossenen zu helfen, Wege freizumachen, Wasser zu verteilen, wichtige Medikamente an die Leute zu bringen. Weil liegen gebliebene Fahrzeuge auch den Standstreifen blockieren, kommen die Helfer vielerorts nicht durch.
Doch die Mehrheit der Ausländer bewegt sich in ihren Autos im Stop-and-go auf der Autobahn Richtung Grenze. An den Autobahnbrücken hängen Transparente mit der Aufschrift »Danke und gute Heimreise« in verschiedenen Sprachen – eine Aktion der Bundesregierung, die ein Jahr zuvor die Ausweisung aller Bürger ohne deutschen Pass beschlossen hat. An manchen Stellen blicken Schaulustige von den Brücken auf die endlosen Kolonnen voll bepackter Autos, die sich Stoßstange an Stoßstange Richtung Grenze schieben. Es gebe zahlreiche Anreize zu einer freiwilligen Ausreise, betont ein Regierungssprecher im Radio. Es gehe um Chancengerechtigkeit und die Sicherung des Wohlstandes für die deutsche Kernbevölkerung. Man sei zuversichtlich, dass die einjährige Vorbereitung der Maßnahme nun zum Erfolg führe und alle Ausländer freiwillig das Land verließen.
Von einer Vertreibung oder gar »Deportation«, wie radikale Kritiker behaupten, könne indes keine Rede sein. Man habe alles in der Kraft der Regierung Stehende getan, um die Ausreise so human wie möglich zu gestalten. Die Regierung setze damit in beispielhaft demokratischer Weise den originären Willen des deutschen Volkes um, das in einem Referendum mit klarer Mehrheit für diese Lösung votiert habe. Nach dem Zusammenbruch mehrerer deutscher Banken im Zuge der Finanzkrise, nach der anschließenden Rezession und der Währungsreform nach dem Ende des Euro, der hohen Arbeitslosigkeit und den Rentenkürzungen müsse Deutschland sich nun ganz auf die Förderung seiner Kernbevölkerung konzentrieren.
Der Tag, an dem die Ausländer verschwinden, ist sonnig und warm. Die Rapsfelder längs der Autobahn leuchten gelb. Als am Sonntagabend die meisten Ausländer mit ihren bepackten Autos die Landesgrenze überquert haben, steht die Luft noch in den Straßen der Städte. Aus vielen Fenstern hängen anlässlich des bedeutsamen Tages kleine und große Deutschlandfahnen. Vereinzelt werden Feuerwerkskörper gezündet. Baumärkte haben palettenweise schwarz-rot-goldene Fähnchen nachbestellen müssen, weil die Nachfrage so groß war.
Durch die Straßen bestimmter Viertel sieht man Polizeifahrzeuge mit Blaulicht fahren. Wo es Demonstrationen gibt oder Gegenwehr, rücken spezielle Polizeikräfte mit Schutzschilden und Tränengas an. Barrikaden im Hamburger Schanzenviertel und in Berlin-Kreuzberg werden mit Räumfahrzeugen beseitigt, einige aus Protest gelegte Brände von der Feuerwehr gelöscht. Hubschrauber kreisen die ganze Nacht mit ihren Scheinwerfern über den Problembezirken.
Am ersten Tag, nachdem die Ausländer verschwunden sind, meldet der Deutschlandfunk die offiziell festgestellten Ausreisezahlen: 4,5 Millionen Ausländer seien bereits vor dem Stichtag freiwillig ausgereist, zwei Millionen hätten aktuell mit Zügen, Flugzeugen und Autos freiwillig das Land verlassen oder warteten an den Grenzstationen auf ihre Abfertigung. Rund 10.000 Ausländer seien »begleitet« ausgereist, das heißt von Behörden per Bus, Zug und Flugzeug außer Landes gebracht worden. Rund 900.000 bisher legal registrierte Ausländer seien ihrer Pflicht zur Ausreise noch nicht nachgekommen, heißt es. Mehrere Tausend befänden sich bundesweit in Gewahrsam.
Die Namen der verbleibenden Ausländer würden nun in die Fahndung gegeben, die Menschen von der Polizei gesucht. Kontrolliert würden insbesondere die Haushalte, in denen Deutsche mit Ausländern zusammengelebt hatten, ist aus Sicherheitskreisen zu erfahren. Damit wolle man kein Misstrauen ausdrücken oder diese Menschen gar diskriminieren. Vielmehr sei die Annahme aus der Lebenserfahrung gespeist, dass gerade die mit Deutschen verheirateten Ausländerinnen und Ausländer vielfach entgegen der gesetzlichen Vorschrift in ihren Familien geblieben sein könnten. In vielen Fällen bestehe der Verdacht, dass die Lebensgemeinschaft – möglicherweise nach einer kurzen Scheinausreise des Ausländers – auf deutschem Boden fortgesetzt werden solle.
Auch ausländische Eltern, deren Kinder mit deutschem Pass zum Bleiben berechtigt sind, stünden im Verdacht, das Land nicht rechtzeitig verlassen zu haben. Dabei seien eigens Kinderbetreuungseinrichtungen geschaffen worden, in denen diese deutschen Kinder Unterkunft hätten finden können. Speziell geschultes Personal von Deutschen mit Migrationshintergrund solle ihnen die Eingewöhnung erleichtern. Die Nachfrage der ausländischen Eltern bleibe aber weit hinter den Erwartungen zurück.
An den Ausreisestellen wird registriert, dass sich neben den Ausländern auch vier Millionen Deutsche außer Landes befinden. Der allergrößte Teil davon seien zwar Urlauber, wie immer zu dieser Jahreszeit. Bei mehreren Hunderttausend handele es sich nach Angaben der Behörden allerdings um Frauen und Männer, die ihre ausländischen Partner und Partnerinnen in deren neue Heimat begleiteten, und um deutsche Kinder von Eltern aus aller Herren Länder.
Man bedaure den Wegzug jedes Deutschen, betont ein Regierungssprecher. Man werde aber sehr genau verfolgen, ob diese Einheimischen versuchen würden, bei einer Rückkehr ihre ausländischen Familienangehörigen mit nach Deutschland zu bringen.
Vom plötzlichen Verschwinden der Ausländer wären vor allem die Ballungszentren der Republik betroffen. In Ostdeutschland wäre der Verlust mit jedem 50. Einwohner überschaubar – zudem hat man sich hier in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, mit leerstehenden Häusern und verwaisten Geschäften umzugehen. Denn die Abwanderung von Ost nach West hat bereits tiefe Lücken in den Ortschaften gerissen, unabhängig von der Zahl der Ausländer. Im Westen sieht es ganz anders aus.
Von den Flächenstaaten erlitten vor allem Baden-Württemberg (11,9 Prozent), Hessen (11,2 Prozent) und Nordrhein-Westfalen (10,5 Prozent) mit dem Weggang der Ausländer einen Exodus. Allein aus NRW zögen mit einem Mal 1,9 Millionen Menschen weg. In den Stadtstaaten würde sich das Verschwinden der Ausländer noch drastischer auswirken. Von Berlins Einwohnern sind rund 470.000 Menschen Ausländer, 13,6 Prozent. In Hamburg sind es 13,5 Prozent, nämlich gut 240.000 Menschen. Aber damit sind diese beiden Großstädte weit entfernt von den Regionen, die die größten Verluste erfahren würden. Frankfurt büßte mehr als ein Viertel seiner Bevölkerung ein – 25,1 Prozent. Stuttgart ginge mehr als jeder fünfte Einwohner verloren (23,1 Prozent), ebenso sähe es in München (23 Prozent) und in Nürnberg (20,1 Prozent) aus.3
Fast menschenleere Viertel gäbe es auch in Ludwigshafen, Köln, Düsseldorf, Augsburg – vor allem wenn nicht nur Ausländer weggingen, sondern auch Familienangehörige und Freunde, die einen deutschen Pass besitzen. Mit anderen Worten: Menschen mit Migrationshintergrund – dazu zählen in Frankfurt 278.000 Menschen oder 42 Prozent der Einwohner. In Augsburg liegt die Zahl bei gut 39 Prozent, in Nürnberg und Stuttgart bei knapp 38 Prozent.
Denken Sie kurz einmal an Ihre Umgebung, an Ihr Wohnviertel, Ihre Stadt, Ihr Bundesland. Machen Sie sich im Geiste ein Bild über Ihr Lebensumfeld mit allen Personen, die dazugehören – von Ihrem Partner bis zum Postboten. Lassen Sie alles, wie es ist, aber nehmen Sie nun die Ausländer heraus. Was bleibt? Wie würde sich Ihr Umfeld verändern, wenn plötzlich alle Ausländer weg wären? Was würde an Ihrem Arbeitsplatz passieren, was in Ihrem Freundeskreis, was in Ihrer Stadt? Würde es kaum auffallen? Oder begänne am ersten Tag des Verschwindens schon eine Katastrophe? Zum Beispiel weil Sie mit einem Ausländer verheiratet sind? Oder weil eine Ausländerin Ihre Kinder betreut oder Ihre kranken Eltern pflegt? Wie würden Firmen, Städte und Dörfer aussehen? Was wäre nach einer Woche, nach einem Monat, nach einem Jahr?
Wir denken in diesem Buch mehr als sieben Millionen Menschen weg und beschreiben ein Deutschland ohne sie. Eine Wunschvorstellung von vielen – doch wie sähe sie wirklich aus? Es gibt statistische Fakten, anhand derer man beschreiben kann, was unvermeidlich einträte. Es gibt berechenbare Effekte auf den Arbeitsmarkt, auf die Bevölkerungsentwicklung. Doch die Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft lassen sich nicht nur berechnen. Um sie zu ermessen, braucht es Vorstellungskraft. Wie würde sich das Zusammenleben der verbliebenen Menschen verändern? Welche Auswirkungen hätte das Fehlen dieser Menschen auf die Kultur und den Sport, auf die Gastronomie und die Wirtschaft, auf das Alltagsleben und das Verhältnis zum Rest der Welt?
Wir erzählen von dem Tag, an dem die Ausländer verschwanden, und von den folgenden Tagen, Monaten und Jahren. Vom Verschwinden der Ausländer und von den Folgen des Verschwindens. Wie in jedem Szenario gibt es verschiedene Optionen und Gabelungen. Wir haben uns ausgehend von den Fakten für eine Ausformung dieses Szenarios entschieden.
Es beginnt mit einem warmen Sommertag – dem Tag, an dem die Ausländer verschwinden, weil eine Mehrheit der Deutschen wollte, dass sie das Land verlassen. Weil eine Mehrheit der Deutschen sich ökonomisch immer unsicherer fühlte. Weil der Euro zerbrochen ist und weil bei der folgenden Währungsreform viele einen Teil ihrer Ersparnisse verloren haben. Weil eine Mehrheit der Deutschen den etablierten Parteien und ihren Politikern nicht mehr glaubte und schon gar nicht vertraute. Weil eine Mehrheit den Thesen des Buches »Deutschland schafft sich ab« von Thilo Sarrazin zustimmte und ebenso wie der frühere Berliner SPD-Finanzsenator und spätere Bundesbanker die Sorge hatte, dass »Staat und Gesellschaft im Laufe weniger Generationen von den Migranten übernommen«4werden könnten. Und weil diese Mehrheit, die es immer gegeben hatte, in unserem Szenario genügend Einfluss erlangt hatte, um ihren Willen auch durchzusetzen. Nicht mit Gewalt, nicht mit einem Putsch. Sondern ganz demokratisch. Als neue Bürgerbewegung, als neue Partei. Mit neuen, charismatischen Protagonisten.
Mit Politikern, die versicherten, die Ängste der Menschen endlich ernst zu nehmen. Die versprachen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Sicherheit, den Wohlstand, das Vorankommen der Deutschen. Die neue Partei war erfolgreich. Sehr erfolgreich. Sie kam ganz rechtsstaatlich an die Macht, in einer Bundestagswahl. Sie setzte ihre Positionen durch, mit der Neubesetzung einiger Verfassungsrichterposten. Ganz einfach war das nicht. Wie bei jedem Aufstieg einer neuen Kraft gab es auch Widerstände, Intrigen und unerwartete Probleme. Doch die neue Partei konnte sich behaupten. Und erreichte ihr Ziel schließlich. Nach einer Volksbefragung zum Thema: »Sollen alle Ausländer ohne deutschen Pass das Land verlassen?«, die von 52 Prozent der Deutschen mit Ja beantwortet wurde, legte sie einen Stichtag zur Ausreise der Ausländer fest. Diese Stimmung der Bevölkerung kam nicht aus dem Nichts. Sie hatte sich über lange Zeit aufgebaut.
Forscher haben diese Welle der Abneigung oft analysiert. Heute findet die Hälfte der Deutschen, dass zu viele Ausländer in Deutschland leben. Wissenschaftler messen die Ablehnung seit Jahren. Wie Erdbebenforscher verzeichnen sie Spannungen, Risse und Erschütterungen. Doch ihr Forschungsgebiet sind nicht Erdplatten, sondern Gesellschaftsschichten. Gruppen von Menschen, die wenig miteinander zu tun haben wollen. Die in Spannung untereinander leben. Einer Spannung, die sich gefährlich entladen kann. Deshalb sind die Zahlen der Gesellschaftswissenschaftler wie die Warnhinweise von Geologen: Lange vor dem verheerenden Erdbeben stellen sie ein Ziehen und Knirschen fest, ein bedrohliches Brodeln.
Ein paar Beispiele: Im Jahr 2004 ergibt eine Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF einen Wert von 52 Prozent der Deutschen, die der Ansicht sind, es lebten zu viele Ausländer in Deutschland. Diese Angabe entspreche dem Bild der deutschen Wahlberechtigten in den letzten Jahren, teilen die Wissenschaftler mit. Die Forscher vom Allensbach-Institut legen 2008 eine Umfrage vor. Ergebnis: 53 Prozent der Deutschen finden, es lebten hierzulande zu viele Ausländer. Anders als die Studie der Forschungsgruppe Wahlen beobachtet Allensbach allerdings, dass dieser Anteil seit 1984 von 79 Prozent zurückgegangen sei. Trotz des Rückgangs in der Ablehnung bei gleichzeitig steigenden Ausländerzahlen registrieren die Forscher »ein deutliches Befremden, besonders gegenüber den türkischen Einwanderern«5 Die Meinungsforscher von TNS Emnid stellen die gleiche Frage im September 2010, nach der Debatte um die Thesen von Thilo Sarrazin. Wieder lautet das Resultat: »Die Hälfte der Bundesbürger hält die Zahl der Migranten im Land für zu hoch.« In Ostdeutschland verträten 55 Prozent der Befragten diese Auffassung, im Westen 48 Prozent.
Zuweilen stoßen Forscher auch auf noch stärkere Ausländerablehnung. Zum Beispiel das Sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut Berlin-Brandenburg, das im Jahr 2009 mehr als 2000 repräsentativ ausgewählte Deutsche befragt. 71 Prozent der Menschen stimmen der Aussage zu, dass in Deutschland zu viele Ausländer lebten. »Ausländer werden wieder als eine keineswegs unbedeutende Ursache für fehlende Arbeitsplätze, für niedrige Löhne, für die sozialen Probleme charakterisiert«, resümieren die Sozialforscher.6 Wie in der Emnid-Umfrage liegt auch hier der Wert für Ostdeutschland mit 75 Prozent noch ein bisschen höher als der Wert im Westen mit 69 Prozent. Im Großen und Ganzen aber stimmen die Ansichten über Ausländer in Ost und West überein – trotz vollkommen unterschiedlicher Gegebenheiten. Denn insgesamt beträgt der Anteil von ausländischen Bürgern in Westdeutschland 9,9 Prozent, in Ostdeutschland aber nur 2,3 Prozent (Stand 2009).
»Es gibt zu viele Ausländer hier«: So lautet eine konstante Einstellung in der deutschen Bevölkerung, eine gleichbleibende Meinung einer großen Zahl von Menschen, die nahe an der Mehrheit liegt und oft sogar darüber. Beständig wie deutsche Produkte und tief verwurzelt im Wertegefüge der Nation wie die Eiche im deutschen Wald. Wie kommt das? Und welche Schlüsse sind daraus zu ziehen? Niemand hat diese Ansichten in Deutschland genauer untersucht als der Bielefelder Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer.
Zehn Jahre lang, von 2002 bis 2011, hat Heitmeyer mit zahlreichen Mitarbeitern in einem groß angelegten Forschungsprojekt ermittelt, welche Gruppen in Deutschland auf Ablehnung stoßen. Die Umfragen mit jeweils 2000 Befragten waren repräsentativ für die Bundesrepublik, die Befragungsmethode so konzipiert, dass jede Gemeinde mit mehr als 5000 Einwohnern vertreten war.7 Die wissenschaftliche Seriosität dieser Studie ist über jeden Zweifel erhaben und das Ergebnis ist eindeutig: 47 Prozent aller Deutschen sagen in der jüngsten Folge der Erhebung im Jahr 2011: »Es leben zu viele Ausländer in Deutschland.« Es gab in Heitmeyers Studie auch schon höhere Zustimmungsraten zu diesem Satz. Im Jahr 2004 etwa bejahten diese Aussage 59 Prozent.8
Je nachdem, wie man rechnet, empfinden also rund 30 bis 40 Millionen Deutsche ausländische Menschen als Störung im eigenen Land. Viele vertreten auch andere Thesen: Ausländer nähmen Deutschen die Arbeitsplätze weg, gefährdeten die Sicherheit, vermehrten sich zu stark. Immerhin knapp 30 Prozent der Befragten stimmten im Jahr 2011 der Aussage zu: »Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die in Deutschland lebenden Ausländer wieder in ihrer Heimat zurückschicken.«9 Allerdings kann dieser Anteil in Krisenzeiten deutlich wachsen. Je schlechter es den Deutschen ökonomisch geht, desto eher sehen sie die Ausländer als Störfaktor, auch das zeigen Heitmeyers Studien.10
Umfragen in den späten 1990er-Jahren zu Einstellungen gegenüber den Minderheiten in Deutschland lassen eine ethnische Hierarchisierung erkennen: Zuwanderern aus Italien oder Griechenland wurde größere Sympathie entgegengebracht als »deutschstämmigen« Aussiedlern; diese wiederum erzielten deutlich höhere Sympathiewerte als Migranten aus Osteuropa (Russen), der Türkei, aus Asien (Vietnamesen) und Afrika. Solche Rangordnungen, die den sozialen Status von ethnischen Gruppen spiegeln, sind gesellschaftlich bis heute weit verbreitet. Nicht nur wenn Araber als verschlagene Terroristen dargestellt werden oder Türkinnen als angeblich dumme Kopftuchmädchen.
Der Blick in die Studien zeigt, was sehr viele Deutsche meinen: In Wahrheit wäre vieles besser, wenn die Ausländer nicht da wären. Wenn die Deutschen unter sich wären. Doch was bedeutet das konkret? Was heißt »unter sich« sein, wenn alle Ausländer weg wären? Wie sähe dieses Land dann aus? Würden die Deutschen dann sicherer, wohlhabender und friedlicher leben oder viel ärmer, unsicherer, bedrohter?
Ein paar Fakten helfen, den gewaltigen Unterschied zu verstehen. Bis gestern hatte Deutschland 81.830.839 Einwohner. Am Morgen, als die Ausländer die Bundesrepublik verlassen haben, sind es sieben Millionen und 369.909 Menschen weniger.11 Übrig bleiben gut 74 Millionen Deutsche. Mehr als sieben Millionen Menschen – einfach weg. Davon war jeder Fünfte in Deutschland geboren. Diese Jungen und Mädchen, Frauen und Männer sind jetzt in ein Land jenseits dieser Heimat gezogen.
Das Szenario beschreibt keine Rückkehr zu angeblich guten alten Zeiten, in denen die Deutschen noch unter sich waren, wie es mancher Fantast glauben machen will. Ein Deutschland ohne Ausländer hat es nie gegeben. Schon im Kaiserreich lebten Menschen aus fremden Staaten hier, wenn auch relativ wenige. So registrierten die Behörden im Jahr 1871 insgesamt 206.800 Ausländer mit Wohnsitz im Deutschen Reich. Die machten allerdings nur 5 Promille der Bewohner aus.12 Kurz vor dem Ersten Weltkrieg, 1910, waren es immerhin schon 1,3 Millionen Ausländer und damit fast 2 Prozent der Bevölkerung.
Zwischen den beiden Weltkriegen, insbesondere zur Zeit des rassistischen Nazi-Deutschland, schrumpfte der Anteil der Ausländer deutlich. Und daran veränderte sich auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst nichts. Noch 1961 waren Ausländer in der Bundesrepublik exotisch. Die Statistiker registrierten weniger als 700.000 Ausländer in Deutschland, was gerade einmal 1,2 Prozent der Bevölkerung ausmachte. Dabei hatte 1955 schon die Anwerbung von Gastarbeitern, zunächst aus Italien, begonnen.
Erst mit einem kräftigen Arbeitskräftezuzug wurden Ausländer in Deutschland zur Normalität. Im Jahr der Wende in der DDR, 1989, lebten mehr als fünf Millionen Ausländer in der Bundesrepublik. Ein Jahr später lag die Zahl im vereinigten Deutschland bereits bei 5,582 Millionen Menschen mit fremdem Pass – von denen 200.000 in der DDR gelebt hatten. Bis in die 1990er-Jahre kletterte die Zahl über sieben Millionen Menschen.
Damals, vor 20 Jahren, berechnete die Stadt Düsseldorf für die eigene Kommune, welche Effekte es auf Arbeit, Bevölkerungsstruktur und Wohnungsmarkt hätte, wenn die Ausländer von einem Tag auf den anderen fehlen würden. Sie stellte Fakten und Daten zusammen, und ihr Fazit lautete: »Die Konsequenzen wären zusätzliche harte wirtschaftliche Nachteile und Einschränkungen der sozialen Infrastruktur und damit eine erhebliche Minderung der Lebensqualität und Attraktivität der Landeshauptstadt. In einigen Bereichen ginge in dieser Stadt buchstäblich das Licht aus.«13
In Düsseldorf ging es um den Verlust von 79.685 Ausländern. Wir reden in unserem Szenario von der hundertfachen Größenordnung. Deutschland ohne sieben Millionen Menschen. Ohne sie läge die Wirtschaft schnell am Boden. 3,371 Millionen Ausländer in Deutschland sind erwerbstätig. Ihre Arbeitskraft am Bau und in der Industrie, in den Gaststätten und Banken ginge auf einen Schlag verloren – und damit fast ein Zehntel der knapp 39 Millionen Menschen, die in der Bundesrepublik einer regulären Beschäftigung nachgehen, die Steuern und Abgaben zahlen.
Weit mehr als eine halbe Million ausländische Kinder und Jugendliche besuchen in Deutschland die Schule. Eine immense Zahl. Wenn auch noch die deutschen Kinder ausländischer Eltern mit ihren Müttern und Vätern gingen, leerten sich die Schulbänke noch weiter. Deutschland ohne Ausländer wäre innerhalb kürzester Zeit ein Deutschland der leeren Klassenzimmer und der geschlossenen Schulen.
Jungen und Mädchen, Männer und Frauen jeden Alters müssten das Land verlassen. Fast 2,9 Millionen Menschen allein im besten Arbeitsalter zwischen 25 und 45 Jahren.14 In dieser Altersgruppe wäre der Verlust am größten. Es fehlten aber auch mehr als 600.000 Kinder bis 15 Jahren und ebenso viele ältere Menschen von 65 Jahren oder mehr.
Deutschland gingen knapp 3,6 Millionen Mädchen und Frauen verloren, dazu fast als 3,8 Millionen Jungen und Männer. Die weibliche Mehrheit in Deutschland wüchse damit noch deutlicher als zuvor, denn die ausländischen Männer und Jungs könnten sie nicht mehr ausgleichen. Es blieben 38 Millionen deutsche Frauen gegenüber knapp 36,4 Millionen deutschen Männern zurück.15
Es gibt Länder, aus denen fast nur Frauen in der Bundesrepublik leben, die ausreisen müssten – Thailand zum Beispiel, die Philippinen oder Brasilien. Aus anderen Staaten sind vornehmlich die Männer in Deutschland: Indien zählt dazu, ebenso Großbritannien.
Etliche Stadtviertel würden veröden – dort, wo bisher besonders viele Ausländer wohnen. Allein 1,6 Millionen Türken würden fehlen. Dazu 2,6 Millionen Menschen aus Staaten der Europäischen Union, davon die meisten Italiener (mehr als eine halbe Million), gut 400.000 Polen und knapp 300.000 Griechen. Außerdem mehr als 220.000 Kroaten und fast 200.000 Russen. Mehr als 100.000 Franzosen, US-Amerikaner und viele andere. Außerdem 482 Malteser.16
Viele Ausländerinnen und Ausländer sind bereits sehr lange hier, mehr als zwei Drittel von ihnen bereits zehn Jahre oder länger. 2,6 Millionen ausländische Frauen und Männer leben schon seit mehr als 20 Jahren in Deutschland.17 Sie haben sich hier eingerichtet für die Gegenwart und die Zukunft. Insbesondere die Slowenen und die Kroaten, die im Schnitt schon 30 Jahre lang in der Bundesrepublik zugebracht haben. Und die anderen, die ebenfalls seit den 1950er-Jahren als Gastarbeiter angeworben oder als Familienangehörige hinterhergezogen waren. Griechen, Spanier, Italiener, die durchschnittlich 27 Jahre in der Bundesrepublik verbracht haben: ein halbes Leben lang. Mehr als 600.000 Türken sind auch schon 30 Jahre oder länger in Deutschland. Anders bei Rumänen, Polen oder Russen, die in der Mehrzahl erst seit kurzer Zeit in der Bundesrepublik leben.
Wer glaubt, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Ausländer nach Deutschland gekommen seien, der täuscht sich. Der Höhepunkt war bereits 1996 erreicht, mit 7,5 Millionen – genauer: 7.419.700.18 Nie lebten so viele Menschen mit fremdem Pass hier, seither ist die Zahl immer weiter zurückgegangen. Auch der Stand von 9,13 Prozent an der Gesamtbevölkerung aus dem Jahr 1996 ist nie wieder erreicht worden. Seitdem nahmen die Zahlen fast jedes Jahr langsam, aber stetig ab, bis sie 2010 wieder anstiegen.
In den Jahren zuvor sank ihre Zahl in Deutschland durch Einbürgerungen, aber auch durch Wegzüge. Zwischen knapp 100.000 und knapp 200.000 Ausländern nahmen jährlich die deutsche Staatsbürgerschaft an.19 Zugleich kehrten Jahr für Jahr rund eine halbe Million Ausländer der Bundesrepublik den Rücken. Das waren fast genauso viele wie jene 550.000 bis 600.000, die jeweils neu ins Land kamen.
Von den Deutschen zogen ebenfalls viele weg. Insgesamt hat die Republik damit Menschen verloren, nicht nur wegen ihrer relativ geringen Geburtenrate, die weit unter den Sterbezahlen liegt. Sondern auch durch die negative Einwanderungsbilanz. Seit 2006 verließen jedes Jahr mehr Menschen das Land, als nach Deutschland kamen. 2010 etwa verabschiedeten sich 733.800 Frauen, Männer und Kinder ins Ausland, während 721.000 Menschen in die Bundesrepublik zogen.20
Mehr als sieben Millionen Ausländer verlassen in unserem Szenario die Bundesrepublik. Doch bald wird klar: Deutschland wird darin um deutlich mehr Menschen ärmer. Denn es gibt viele enge familiäre Bindungen zwischen Menschen mit und ohne deutschen Pass. Im Jahr 2010 etwa haben sich Partner aus Deutschland und einem anderen Staat fast 44.000-mal in der Bundesrepublik das Ja-Wort gegeben. 25.000-mal heirateten deutsche Männer eine Partnerin mit ausländischem Pass, 19.000-mal kam der Mann aus dem Ausland und die Frau aus der Bundesrepublik, zählt der Verband binationaler Familien und Partnerschaften. Oft heirateten deutsche Männer polnische Frauen oder deutsche Frauen gingen die Ehe mit einem türkischen Mann ein.21
Alles spricht dafür, dass nicht nur die Ausländer wegziehen würden, sondern ihre Ehepartner und -partnerinnen gleich mit. Oder aber die Betroffenen suchten einen Weg am Rande der Legalität, um in Deutschland zu bleiben. Es gibt laut Statistischem Bundesamt 1,4 Millionen deutsch-ausländische Paare in der Republik. Viele von ihnen haben im Laufe der vergangenen zehn, fünfzehn Jahre die Ehe geschlossen. Die Zahl stieg seither laufend. Noch 1996 hatte es gerade mal halb so viele binationale Paare gegeben wie 2010.22Man kann also davon ausgehen, dass fast 1,4 Millionen Deutsche mit ihren ausländischen Ehepartnern zusammen weggehen würden. Ganz zu schweigen von den unverheirateten Paaren. Schon fehlen nicht mehr nur 7,4, sondern rund 8,8 Millionen Menschen in Deutschland.
Doch die Ausweisung der Ausländer würde nicht nur deutsch-ausländische Paare gemeinsam in die Flucht treiben, sondern auch deutsche Kinder mit ihren ausländischen Eltern. 1,2 Millionen Paare lebten in Deutschland, bei denen beide Partner Ausländer sind. Ihre Kinder sind zum erheblichen Teil Deutsche, auch wenn sie oft noch eine zweite Staatsangehörigkeit besitzen. Nach der Reform des Staatsbürgerschaftsrechts, die 2005 in Kraft trat, besitzen die meisten der seit dem Jahr 2000 in Deutschland geborenen Kinder den Anspruch auf die deutsche Staatsbürgerschaft. Allerdings müssen sie sich, wenn sie volljährig sind, zwischen ihren Staatsbürgerschaften entscheiden. Zumindest gilt das für viele Kinder, etwa die von türkischen Eltern. Für andere, die neben der deutschen noch eine andere EU-Staatsbürgerschaft besitzen, gilt dies nicht. Sie dürfen die doppelte Staatsbürgerschaft haben. Dieses Recht haben auch jene, deren zweiter Heimatstaat sich weigert, eine Staatsbürgerschaft aufzuheben – wie das etwa beim Iran der Fall ist. Auch dann akzeptiert Deutschland die doppelte Staatsangehörigkeit.
All diese Kinder und Jugendlichen stünden ohne Eltern da, wenn alle Ausländer ausreisen und alle Deutschen bleiben würden. Wahrscheinlicher allerdings wäre die andere Variante: Deutschland würde einen Großteil seines Nachwuchses verlieren, weil die ausländischen Paare ihre Kinder mitnehmen würden. Allein 2007 wurden 164.000 Kinder in Deutschland geboren, die einen oder zwei ausländische Elternteile hatten: fast jedes vierte Kind, das in der Bundesrepublik zur Welt kam. Bei 97.000 Jungen und Mädchen besaß zumindest ein Elternteil die deutsche Staatsbürgerschaft. Die anderen 67.000 Kinder aus dieser Gruppe hatten ausländische Väter und Mütter.
Insgesamt liegt die Zahl der sogenannten Optionskinder, die als Jugendliche noch zwei Staatsbürgerschaften besitzen und sich als Erwachsene entscheiden (»optieren«) müssen, über einer halben Million. Würden auch sie mit ihren ausländischen Eltern weggehen, läge der Verlust noch höher. Dann wären wir schon bei einem Deutschland mit neun Millionen Menschen weniger.
Andererseits: Die Zahl der Ausländer in Deutschland könnte schon in den Monaten vor jenem heißen Julitag drastisch sinken, weshalb auch die Zahl der Ausgewiesenen um Hunderttausende, wenn nicht Millionen niedriger ausfallen könnte. Das Zauberwort heißt Einbürgerung. Ausländer könnten zu Deutschen werden. Und zwar keineswegs nur Fußballstars und andere Prominente, die das mit dem augenzwinkernden Wohlwollen der Behörden tun. Sondern auch ganz normale Frauen und Männer.
Die Zahl der Einbürgerungen war in den vergangenen Jahren immer gering. Weniger als 2 Prozent der Ausländer, etwas mehr als 100.000 Menschen, ließen sich in den meisten Jahren einbürgern; im Jahr 2009 waren es sogar weniger als 100.000. Dabei leben hier viel mehr Menschen, die Deutsche werden dürften. »In Deutschland gibt es ein beträchtliches Einbürgerungspotenzial«, stellt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge fest. »Nur ein geringer Prozentsatz der hier lebenden Ausländer erwirbt trotz ausreichender Aufenthaltsdauer den deutschen Pass.«23 Ziemlich wahrscheinlich, dass sich das angesichts einer bevorstehenden Ausweisung drastisch ändern würde – vorausgesetzt, die Politik einer rechtspopulistischen Regierung würde dem keinen Riegel vorschieben.
Die wichtigste Regel für Ausländer, die Deutsche werden wollen, lautet: Sie müssen mindestens acht Jahre lang regulär in Deutschland gelebt haben. So sieht es das Staatsangehörigkeitsgesetz in Paragraf 10 vor. Viele, sehr viele Ausländerinnen und Ausländer erfüllen diese Voraussetzung – und könnten auf der Stelle den deutschen Pass beantragen, wenn sie wollten. Das Statistische Bundesamt nennt eine Zahl von 4,8 Millionen und damit rund 70 Prozent der Ausländer, welche »die notwendige Aufenthaltsdauer für eine Einbürgerung erreicht« hätten.24
Ein Deutschland ohne Ausländer könnte also theoretisch auch entstehen, wenn nur 2,5 Millionen Menschen das Land verließen – und die anderen einfach Deutsche würden. Doch das dürfte wohl kaum im Sinne der Rechtspopulisten sein; eher würden sie die Gesetze und Verwaltungsvorschriften ändern, als einen solchen Run auf die deutsche Staatsangehörigkeit zuzulassen.
Zum anderen würden sehr viele Ausländerinnen und Ausländer den Weg nicht gehen. Schon heute zeigt sich, dass die deutsche Staatsbürgerschaft für etliche, die Deutsche werden könnten, nicht attraktiv ist. Eine groß angelegte Befragung, der Sozio-Ökonomische Panel (SOEP), hat das sehr deutlich zutage gefördert. Auf die Frage, ob sie innerhalb der nächsten zwei Jahre Deutsche werden wollen, antwortet mehr als die Hälfte der Ausländer in Deutschland (54,1 Prozent): ganz sicher nicht. Ein weiteres Viertel (25,9 Prozent) sagt: eher unwahrscheinlich.25 Besonders ausgeprägt sei die Abneigung gegen eine Einbürgerung bei den Italienern, stellen die Forscher fest. Dagegen seien Türken oder Menschen aus dem früheren Jugoslawien eher bereit, Deutsche zu werden.
Eine weitere Untersuchung hat sich mit den Motiven der Ausländer beschäftigt, die nicht Deutsche werden wollen. Für den allergrößten Teil von ihnen ist der Grund klar: »Ich will meine jetzige Staatsangehörigkeit behalten«, sagen mehr als 55 Prozent.26Eine andere Gruppe begründet ihr Nein zu einer Einbürgerung mit dem Satz: »Mein Aufenthalt ist ohnehin gesichert.« Für diese 21,7 Prozent dürfte es attraktiv sein, sich einbürgern zu lassen, wenn sie andernfalls Deutschland verlassen müssten. Weitere 19,3 Prozent sind bisher nicht am deutschen Pass interessiert, weil sie ohnehin EU-Bürger sind. Würde Deutschland aber selbst EU-Bürger ausweisen, dann könnten sich auch Menschen aus dieser Gruppe entschließen, Bürger der Bundesrepublik zu werden. Es scheint also realistisch zu sein, dass etwa die Hälfte der Ausländer mit Berechtigung zur Einbürgerung auch versuchen würde, davon Gebrauch zu machen.
Ein Run von mehr als zwei Millionen Menschen auf die Passstellen und Bürgerämter des Landes wäre die Folge. Ein Andrang zugleich, den eine rechtpopulistische Regierung ganz im Sinne eines Großteils der Deutschen stark abbremsen würde. Wie so etwas geht, ist in den vergangenen Jahren häufig genug diskutiert worden. Wer Deutscher werden will, muss dann härtere Prüfungen bestehen als heute.
Seit 2008 unterzieht die Bundesrepublik Ausländer einem Test, bevor sie sie zu Deutschen erklärt. 33 Fragen müssen die Einbürgerungswilligen beantworten, allerdings nur 17 davon richtig. Diese Hürde nehmen fast alle und die Erfolgsquote liegt bei über 98 Prozent.27
Es liegt auf der Hand, dass dieses Ergebnis nicht im Sinne einer rechtspopulistischen Einbürgerungspolitik wäre. Sie würde die Anforderungen drastisch hochschrauben. So hoch, dass nicht Millionen eingebürgert würden, sondern bestenfalls einige Hunderttausend.
Dabei könnte sie sich problemlos auf den Willen der Bevölkerung berufen. Denn wenn Deutsche befragt werden, nach welchen Kriterien die Staatsbürgerschaft ihres Landes vergeben werden soll, antworten sie zu mehr als 90 Prozent: Die neuen Deutschen müssen die deutsche Sprache beherrschen und sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen. Und vier von fünf Deutschen fordern außerdem die Bereitschaft der Ausländer, sich an den Lebensstil der Deutschen anzupassen.28
Der Tag, an dem die Ausländer samt ihren deutschen Angehörigen ausreisen, geht mit Sommergewittern und Regengüssen zu Ende. Bis in die Nacht hinein stehen die Autofahrer auf den Ausfallstraßen der großen Städte im Stau. Raststätten sind überlaufen von Familien mit Kindern und älteren Ausländern, die Regale leer gekauft. Auf den Parkplätzen rasten entnervte Autofahrer im Freien. Die Toilettenanlagen versagen unter dem Ansturm.
Wir haben von ADAC-Experten für Straßenverkehrsplanung berechnen lassen, dass über die deutschen Autobahnen maximal etwa 2,3 Millionen Fahrzeuge pro Tag über die Grenzen gelangen könnten, mit fünf bis sieben Millionen Menschen, wenn im Schnitt zwei oder drei Personen im Auto sitzen – doch dies ist eine Berechnung bei 24 Stunden »Volllast«. Das bedeutet im Klartext, dass sich eine endlose Blechlawine Stoßstange an Stoßstange auf den Autobahnen Richtung Grenze schieben würde. Doch das stelle eine reine Verkehrssimulation am Computer dar, sagen die ADAC-Experten. In der Realität müsse man noch ganz andere Faktoren hinzurechnen, die zu schwer kontrollierbaren Zuständen auf den Straßen führen könnten. Schon bei Messen in deutschen Großstädten mit mehr als 10.000 Besuchern sei die Verkehrslage kaum noch beherrschbar.
