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Elizabeth: Manchmal frage ich mich, wie viele Kämpfe ein Mensch verlieren kann, bevor nichts mehr von ihm übrig bleibt. Ich habe mich aus der Hölle gekämpft und mein altes Leben hinter mir gelassen – und ich werde nie wieder dorthin zurückkehren. An diesen Gedanken klammere ich mich jeden Tag. Doch ein Moment der Leichtsinnigkeit reicht, und meine Vergangenheit holt mich ein: Mein ehemaliger Peiniger Caleb ist zurück. Mächtiger. Besessener. Gefährlicher. Und er weiß genau, wie er mich zwingen kann, mich ihm wieder zu beugen. Ich weiß, dass ich allein nicht mehr lange durchhalte. Aber Hilfe annehmen? Niemals. Nicht nach allem, was ich erfahren musste. Dann steht Hunter vor mir: ein Mann aus der gleichen Welt wie Caleb – und trotzdem so anders. Der Mann, der mich sieht, obwohl ich alles tue, um unsichtbar zu bleiben. Aber was, wenn ich ihn zu nah heranlasse? Verliere ich dann das Einzige, was mir noch geblieben ist – die Kontrolle über mein Herz? Kann ich es mir wirklich leisten, noch einmal alles zu verlieren? Hunter: Ich bin kein Held. Ich habe schon viele Menschen kämpfen, bluten und fallen gesehen. Und ich erkenne den Blick von jemandem, der kurz davor ist. Elizabeth tut alles, um mich auf Abstand zu halten, trotzdem zieht sie mich an wie keine Frau vor ihr. Ich weiß, sie hat Geheimnisse. Und ich weiß, dass jemand sie längst im Würgegriff hat. Aber ich schwöre, dass ich jeden aus dem Weg räumen werde, der ihr zu nahe kommt. Vielleicht bin ich genau derjenige, den sie braucht. Sogar wenn ich dabei gegen ein Monster kämpfen muss, das glaubt, sie gehöre ihm. Mach dich bereit für die nächste explosive Fahrt mit dem Devil's Wheels MC - Teil 2 der leidenschaftlichen Reihe über verlorene Seelen und dunkle Geheimnisse.
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Seitenzahl: 647
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Emma Snow
Devil’s Wheels MC Teil 2: Hard to Resist
© 2026 Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels
www.plaisirdamour.de
© Covergestaltung: Sabrina Dahlenburg
(www.art-for-your-book.de)
ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-799-4
ISBN eBook: 978-3-86495-800-7
Alle Rechte vorbehalten. Dies ist ein Werk der Fiktion. Namen, Darsteller, Orte und Handlung entspringen entweder der Fantasie der Autorin oder werden fiktiv eingesetzt. Jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlichen Vorkommnissen, Schauplätzen oder Personen, lebend oder verstorben, ist rein zufällig.
Widmung
Inhaltswarnung
Der Devil’s Wheels MC
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Epilog
Autorin
Für S.
Danke, dass ich die Namen deiner Brüste verwenden durfte – und dafür, dass du mir immer wieder Kraft gibst, weiterzumachen.
Dieser Roman enthält Darstellungen von Gewalt, Entführung, psychischer und körperlicher Misshandlung sowie sexualisierter Gewalt. Zudem werden die emotionalen und körperlichen Folgen traumatischer Erfahrungen, einschließlich Angst, Kontrollverlust und posttraumatischer Belastung, thematisiert.
Die entsprechenden Szenen dienen der Geschichte und der emotionalen Entwicklung der Figuren, können jedoch belastend sein.
Wer wirklich hinter dem Patch steckt.
Sie leben nach Regeln, die keiner kennt.
Jeff – Präsident
Der Kopf des Clubs.
Der, der alles sieht – und nichts vergisst. Seine Stimme ist Gesetz.
„Ich höre mehr, wenn du schweigst, als wenn du redest.“
Jackson Hayes – Vize-Präsident & Club-Doc
Repariert gebrochene Knochen – und verbirgt eigene Narben hinter kalter Disziplin.
Niemand kennt den Tod besser. Und keiner fürchtet ihn mehr.
„Die schlimmsten Narben sieht man nicht. Die spürt man nachts.“
Riley „Hunter“ Hayes – Sniper
Der Mann für die ganz stillen Jobs – mit dem Blick eines Adlers und dem Charme eines Engels.
Frauen liegen ihm zu Füßen, Kugeln folgen seinem Befehl.
„Ziele treffen kann ich überall. Auch im Schlafzimmer.“
Finn Holt – IT & Tech
Hinter dem Bildschirm ein Genie.
Findet dich, selbst wenn du glaubst, du wärst unsichtbar.
„Ich brauche keine Waffe. Ich brauche nur WLAN.”
Van Carver – Road Captain
Lebt für Präzision, Planung und perfekte Routen.
Der Typ, der zuerst guckt, ob alle Brüder sicher sind – und erst dann aufs Gas tritt.
Loyal bis zur letzten Schraube.
„Ich habe für jeden eine Route. Außer für mich selbst.“
Stone – Enforcer
Teste ihn nicht.
Wenn er kommt, hast du mehr als ein Problem.
„Ich habe nur zwei Modi: Beobachten und Beenden.“
Liam – Mechaniker
Er repariert alle Bikes. Aber kostet seine Brüder regelmäßig den letzten Nerv.
„Ich nehme die Dinge leicht. Das heißt nicht, dass ich sie locker sehe.“
Nathan „Nate“ – Türenöffner
Jung genug, um unterschätzt zu werden. Still genug, um es zu nutzen. Seine Vergangenheit hat ihm beigebracht, wie man überlebt, ohne gesehen zu werden.
„Fertig.“
Connor – Prospect
Noch ohne Patch. Aber bereit, für alle durch die Hölle zu gehen.
„Ich weiß, ich bin der Neue. Aber ich stehe hinter euch. Immer.“
Nora Steele – IT-Spezialistin auf Bewährung
Sie dürfte gar nicht Teil des Clubs sein, und doch spürt sie bei den Wheels, dass Loyalität mehr ist als Pflicht.
„Ich bin hier, weil ich lernen will, was Familie bedeutet.“
Samantha „Sam“ – Barchefin & gute Seele des Clubs
Die Mutter der verlorenen Jungs.
Kennt alle Drinks und alle Dämonen
Elizabeth
Der Friedhof ist trostlos und so still, dass es fast unerträglich ist. Selbst der Wind scheint innezuhalten, als wollte er uns nicht direkt wieder verjagen.
Kein Blumenkranz schmückt die Erde auf dem frisch zugeschaufelten Grab, kein Zeichen, dass hier jemand trauert. Die Szene passt zu dem Leben meiner Mutter, das sie bis zuletzt geführt hat – vergessen, verlassen und vernachlässigt.
Zoey steht dicht neben mir, ihr Arm verschlungen mit meinem. Stumm blicken wir auf das Grab unserer Mutter, um Abschied zu nehmen, aber ob wir wirklich trauern, kann ich schwer sagen. Zu lange habe ich die Gefühle, die ich gegenüber meiner Mutter empfand, einfach ausgeblendet.
Vorsichtig sehe ich zu Zoey rüber, um in ihrer Haltung einen Hinweis darauf zu finden, was in ihr vorgeht. Doch sie wirkt genauso teilnahmslos wie ich. In meinen Augen ist sie immer noch so zart, so verletzlich. Manchmal vergesse ich, dass sie längst erwachsen ist. Für mich wird sie immer das kleine Mädchen bleiben, das ich damals aus dem Albtraum, den unsere Mutter über uns gebracht hatte, herausgezogen habe.
Zoey zittert leicht, obwohl die Luft nicht kalt ist. „Das war ein Fehler, Liz“, flüstert sie. Ihre Stimme ist brüchig, ein Vorwurf und ein Flehen zugleich. „Wir hätten nicht herkommen sollen.“ Ihr Blick wendet sich von dem Grab ab, als würde etwas Abscheuliches darin lauern. Obwohl ich vor Zoey nie schlecht über unsere Mutter gesprochen habe, muss sie gespürt haben, dass sie uns längst aufgegeben hatte.
Den Schmerz und Kummer, der auf den Verlust unseres Vaters gefolgt war, betäubte meine Mutter auf eine Weise, die keinen Platz mehr für uns ließ. Drogen und Alkohol veränderten sie vollkommen. Es war, als wäre sie mit unserem Vater gestorben, und wir blieben zurück – allein und auf uns gestellt.
„Vielleicht“, murmle ich und fühle die Last der Wahrheit in ihrem Vorwurf. „Aber sie war trotzdem unsere Mutter.“
„War sie das?“ Zoey schnaubt bitter, ihre Stimme nur ein leises Hauchen.
Ich habe keine Antwort darauf, aber irgendetwas in mir hat mich hergezogen. Vielleicht war es ein Pflichtgefühl oder aber die Hoffnung auf einen Abschluss. Wahrscheinlich bin ich aber nur gekommen, um herauszufinden, ob ich noch irgendetwas fühle. Aber das tue ich nicht. Mein Herz ist seit Jahren leer und wird wohl immer verschlossen bleiben. Es gibt nur meine Schwester für mich. Und jetzt ist nichts mehr übrig, das uns an die dunkle Zeit erinnert, vor der wir aus Angst um unser Leben geflohen sind und die wir so verzweifelt verdrängen.
Ich lege meinen Arm um Zoeys Schulter und drücke sie leicht. „Geh schon mal zum Auto“, sage ich sanft, als die Stille zwischen uns zu schwer wird. „Ich will nur noch einen Moment bleiben.“
Zoey hebt den Kopf, ihre dunklen Augen voller Sorge. „Liz …“
„Es ist okay. Ich komme sofort nach.“
Sie zögert, nickt dann aber und macht sich langsam auf den Weg zurück zu unserem alten Kombi, der am Rand des Friedhofs steht. Ihr Blick wandert immer wieder über ihre Schulter zu mir, als wollte sie sicherstellen, dass ich nicht verschwinde.
Ich atme tief ein, bevor ich in die Hocke vor dem Grab gehe. „Also, Mom“, flüstere ich, „wir haben es allein geschafft. Uns geht es jetzt gut. Es tut mir leid für dich, dass du es nicht aus diesem Sumpf geschafft hast.“
Am Telefon haben sie mir als Todesursache eine Überdosis Heroin genannt. Auch wenn ich mir für sie etwas Besseres gewünscht hätte, überrascht es mich nicht. Sie kam nie von dem Zeug los, vermutlich genauso wenig wie von den Männern, die es ihr verschafft haben. Sie haben sie in einem Teufelskreis aus Schulden und Abhängigkeit gefangen gehalten. Ein Strudel, dem ich entkommen bin – aber dafür mussten Zoey und ich alles hinter uns lassen.
Der Neuanfang war hart: eine fremde Stadt, unzählige kleine Nebenjobs in den Abendstunden, tagsüber der Schulabschluss und später das Medizinstudium. Das alles kostete mich viel Kraft und Disziplin. Aber es war jede schlaflose Nacht und jeden Tropfen Schweiß wert. Denn wir haben es geschafft: Ich konnte Zoey seit unserer Flucht ein friedliches und angstfreies Leben bieten, und ich habe meine Bestimmung in meinem Beruf als Kinderchirurgin gefunden.
Ich nehme mir noch einen Moment, um meine Mutter für immer gehen zu lassen. Dabei lasse ich die Stille auf mich wirken. Der Wind trägt das Rascheln der Blätter zu mir, was fast beruhigend ist.
Doch diese Ruhe hält nur einen Moment, bevor sie abrupt zerstört wird. Ein dumpfes Brummen dringt an meine Ohren – tief, vibrierend und vertraut. Das Geräusch von Motoren. Mein Herz setzt aus, mein Blick wendet sich sofort zu Zoey.
Sie erstarrt mitten im Schritt und wirbelt zu mir herum, die Panik in ihren Augen ist unmissverständlich. Die Angst sitzt doch tiefer in uns beiden, als ich mir eingeredet habe.
„Liz?“ Zoeys Stimme zittert und ist kaum mehr als ein Flüstern.
„Es ist alles gut, Zoey“, sage ich, doch mein Puls hämmert so laut in meinen Ohren, dass ich meine eigenen Worte kaum höre.
Zoey macht einige Schritte auf mich zu, ihre Finger ballen sich um den Saum ihres Cardigans, als könnte sie sich daran festhalten. „Was ist, wenn sie es sind?“ Ihre Stimme bricht, und ihr Atem geht unnatürlich schnell.
Ich hebe die Hände, um sie zu beruhigen, obwohl mir bei diesem Gedanken selbst übel wird. „Seit zwölf Jahren konnten sie uns nicht finden …“
„Ja, weil wir dieser gottverdammten Stadt den Rücken gekehrt haben“, unterbricht mich Zoey. Sie schreit, obwohl wir uns längst wieder gegenüberstehen, und in ihren Augen glänzt eine Mischung aus Wut und Verzweiflung. „Aber du musstest ja unbedingt hierherkommen!“
Ich weiß, dass es kein ernst gemeinter Vorwurf ist. Es ist Angst.
Und ich habe keine Ahnung, wie ich meine Schwester beruhigen soll. Denn ich kämpfe gerade selbst verzweifelt dagegen an, dass die düsteren Gedanken in meinem Kopf die Oberhand gewinnen.
Vielleicht sind es nur Motorradfahrer auf der Durchreise, und es ist nicht meine Vergangenheit, die mich einholt? Bislang war es immer so, doch hier und heute – in unserer Heimatstadt – ist die Hoffnung nicht stark genug, um mir Halt zu geben.
Das Dröhnen der Motoren kommt näher, und tief in mir weiß ich, dass das kein Zufall ist.
„Hör mir zu“, sage ich und bemühe mich, so ruhig wie möglich zu klingen. „Geh zum Auto. Schließ die Türen ab. Ich werde das regeln. Sollte jemand zum Auto kommen, fährst du los, ohne zu zögern. Du wirst nicht auf mich warten.“
„Liz, nein …“ Zoeys Stimme bricht, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Sie greift nach meinem Arm, ihre Finger umklammern mich wie eine letzte Verbindung, die sie nicht aufgeben will.
Mein Herz zieht sich zusammen, aber ich zwinge mich, hart zu bleiben. „Zoey!“ Meine Stimme ist schärfer, als ich beabsichtigt habe, doch sie muss jetzt auf mich hören. „Bitte“, sage ich und lege meine Hände auf ihre Schultern. „Vertrau mir. Ich kümmere mich darum. Es wird alles gut.“
Sie zögert und sieht mich an, ihre Augen suchend, als wollte sie sicherstellen, dass ich es ernst meine – aber ich weiß selbst nicht, ob ich dieses Versprechen hundertprozentig halten kann.
Bevor sie die Zweifel in meinen Augen erkennen kann, schubse ich sie in Richtung Auto, damit sie endlich losläuft.
Ich bleibe stehen, die Muskeln meines Körpers angespannt, als die Motorengeräusche immer näher kommen. Und dann sehe ich sie. Fünf Motorräder rollen langsam heran und parken zum Glück auf der anderen Seite des Friedhofs – weit genug weg von Zoey.
Ich atme tief ein und sammele die letzten Fetzen meiner Nerven.
Die Männer kommen in gemächlichem Tempo auf mich zuspaziert, als würden sie es genießen, mich in Schrecken zu versetzen.
Aber es ist der Mann an der Spitze, der all meine Gedanken lähmt.
Caleb.
Sein Gesicht hat sich kaum verändert, allerdings haben die Jahre ihm nicht gut zugespielt, tatsächlich lassen die Falten und die Tattoos, die sich mittlerweile über seinen ganzen Hals bis zum Kiefer hinaufstrecken, seine scharfen Züge noch gefährlicher wirken. Genau wie die Narbe, die sich quer über seine Wange zieht. Seine stahlgrauen Augen fangen meinen Blick ein, so wie damals. Doch jetzt ist da nichts mehr von der verführerischen Wärme, die mich mit siebzehn so hoffnungslos angezogen hat. Nein, in seinen Augen liegt nur Kälte. Und Rache.
Seine Männer bleiben stehen, und er schlendert mit einer arroganten Lässigkeit auf mich zu, die mich in meiner Verzweiflung beinahe zum Lachen bringt. Alles an ihm wirkt heute mehr denn je wie ein Klischee und wie ein Ausdruck von Überheblichkeit auf mich. Innerlich ist er vermutlich ein verunsichertes Kind, das nur um sich schlägt, weil es keinen anderen Weg kennt, um Gehör zu finden. Diese Erkenntnis weckt jedoch kein Mitleid in mir. Dafür war das, was er mir angetan hat, zu grausam. Außerdem muss ich mich vorsehen, ihn nicht zu provozieren – weil ich Zoey nicht gefährden will. Es geht hier immerhin nicht nur um mein Leben.
„Lizzy“, sagt er mit einem schiefen Grinsen, mit dem er mich früher in seinen Bann und damit in seine gefährliche Welt gezogen hat. „Lange nicht gesehen.“
„Was willst du, Caleb?“, unterbreche ich direkt diese standardisierten Floskeln, die sich aus seinem Mund vollkommen falsch anhören. Ich bemühe mich, meine Stimme fest klingen zu lassen, auch wenn sich in mir alles dreht.
Er bleibt vor mir stehen, viel zu nah. „Was ich immer wollte“, erwidert er leise. „Dich.“ Er versucht, nach meinem Gesicht zu greifen, aber ich wende den Kopf ab. „Ich will, dass du endlich nach Hause kommst.“
„Ich habe kein Zuhause bei dir“, sage ich und kann den angewiderten Ton nicht unterdrücken.
Sein Grinsen verblasst, und ein gefährliches Flackern tritt in seine Augen. „Oh, aber das hattest du mal. Du bist die Einzige, die je dachte, sie könnte mir den Rücken kehren. Weißt du, wie lange ich darauf gewartet habe, dir das auszutreiben?“
Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Also ist das hier wirklich keine zufällige Begegnung. Er ist meinetwegen hier, und ich bin in seine Falle getappt.
„Ich bin nicht mehr das Mädchen von damals, das du einschüchtern und herumkommandieren kannst.“ Meine Stimme ist so kalt wie seit Jahren nicht mehr. Ich habe mir eine Leichtigkeit zurückerkämpft, die mich endlich glücklich und ausgeglichen macht. Ich kann wieder scherzen und bin zufrieden mit meinem Job – mit meinem Leben. Doch Caleb ist wie ein Schatten, der sich plötzlich über alles legt.
Caleb lacht – ein dunkles, bedrohliches Geräusch, das mir noch abscheulicher vorkommt als vor zwölf Jahren. Wie konnte ich ihn jemals anziehend finden? Früher wirkte der Altersunterschied von zehn Jahren aufregend, fast wie eine verbotene Sünde. Heute sehe ich nur noch einen verbrauchten Mann, dessen innere Hässlichkeit sich nicht verändert hat. Damals habe ich sie nicht erkannt und den Moment verpasst, in dem er sich veränderte – als er aufhörte, das Licht in meiner Dunkelheit zu sein. Zu lang sah ich in ihm einen Beschützer, jemanden, der mich auffing, wenn meine Mutter versagte. Doch irgendwann wurde er selbst zur Dunkelheit, die mein Leben verschlang. Heute weiß ich, dass er und seine sogenannten Brüder der eigentliche Grund für den Untergang meiner Mutter waren und sie in den Sumpf der Abhängigkeit gezogen haben.
„Oh, ich weiß, Lizzy“, meint er selbstzufrieden und beugt sich näher zu mir, bis ich seinen heißen Atem an meinem Ohr spüre. Mir wird schlecht, als er weiterspricht. „Du bist besser als damals. Eine Chirurgin, habe ich gehört. Das ist praktisch. Meine Jungs könnten deine Dienste sicher gut gebrauchen.“
„Vergiss es“, entfährt es mir sofort. Nie wieder werde ich ihm nachgeben oder mich zu etwas zwingen lassen, das ich nicht will.
Das Lächeln verschwindet aus seinem Gesicht, sein Blick wird hart und kalt wie Stahl. Eine unheilvolle Stille breitet sich aus, und ich begreife, dass ich seine Geduld aufgebraucht habe.
„Natürlich“, murmelt er und lässt seine Stimme fast beiläufig klingen, während er einen Schritt zurücktritt. Doch die Spannung in der Luft bleibt. „Ich habe mir schon gedacht, dass du nicht freiwillig mitspielst. Aber da gibt’s ja noch deine kleine Schwester. Zoey, nicht wahr?“
Mein Herz setzt für einen Moment aus, dann rast es so schnell weiter, dass ich fast das Gleichgewicht verliere. „Lass sie aus deinem dreckigen Spiel raus.“ Meine Stimme bricht fast, doch ich zwinge mich, stark zu sein und den Blick nicht abzuwenden.
„Sie sieht dir so ähnlich, Lizzy. So süß, so unschuldig. Aber vielleicht bricht sie nicht so leicht wie du?“ Seine Worte schneiden tief, und ich spüre, wie sich meine Wut mit Angst vermischt. „Sie würde sicher gut aussehen an meiner Seite. Vielleicht bin ich aber auch nicht so egoistisch …“ Seine Stimme wird leiser, bedrohlicher, während ein kaltes, teuflisches Lächeln auf seinen Lippen erscheint. „Du erinnerst dich sicher noch, wie gerne ich meine Spielzeuge mit meinen Brüdern teile.“
Ich schlucke schwer, das Blut rauscht in meinen Ohren. Der Klang seiner Worte zieht mich zurück in die Hölle, aus der ich vor Jahren geflohen bin. Ich spüre, wie meine Knie nachzugeben drohen, als die Erinnerungen an jene Nächte versuchen, von mir Besitz zu ergreifen. Aber diesmal geht es nicht nur um mich – diesmal zieht er Zoey mit rein.
Mein Blick wandert instinktiv in Richtung meines Autos. „Du lässt sie in Ruhe“, zische ich und balle die Fäuste, meine Nägel graben sich in meine Handflächen. Jeder Muskel in meinem Körper ist angespannt, aber ich zwinge mich, stark zu bleiben. Für Zoey.
Ich wende mich Caleb zu, halte seinem kalten, berechnenden Blick stand. Doch mein Herz schlägt so laut, dass ich befürchte, er könnte es hören.
„Das liegt ganz an dir, Schatz.“ Seine Stimme trieft vor falschem Charme. Er schließt den Abstand zwischen uns wieder. Sein Geruch – eine Mischung aus Zigaretten, Leder und billigem Rasierwasser – überflutet meine Sinne. „Sei ein braves Mädchen und hilf mir. Sonst nehme ich mir einfach, was ich will.“
Seine Hände packen meine Hüften und ziehen mich mit einem Ruck gegen seinen Körper. Ich ersticke fast an der Nähe. Dann spüre ich seine Erektion. Eine harte, widerliche Bestätigung seiner Machtfantasien. Mein Magen zieht sich zusammen, ich bin kurz davor, mich zu übergeben.
„Lass mich los!“, stoße ich hervor und stemme meine Hände gegen seine Brust. Ich drücke, kratze, versuche, ihn von mir wegzuschieben, aber er bewegt sich keinen Millimeter.
Sein Griff wird für einen Sekundenbruchteil fester. Eine schmerzhafte Warnung.
Erst als ich nach Luft schnappe, lässt er mich los. Nicht, weil ich etwas gegen ihn hätte ausrichten können, sondern weil er entschieden hat, dass es genug ist.
Sein Blick bleibt auf mir liegen. Kalt. Leer. Vollkommen reglos. In seinen Augen liegt nichts Menschliches.
„Fass mich nie wieder an!“ Meine Stimme bricht, und ich schlucke heftig, um die aufsteigende Übelkeit zu unterdrücken.
Caleb grinst, als hätte er bereits gewonnen, und greift hinter sich in die Hosentasche.
Mein Atem stockt. Das war’s. Jetzt zieht er seine Waffe und beendet mein Leben.
Doch das wäre zu gnädig für ihn. Es wäre eine Erlösung im Vergleich zu dem, was er noch alles für Zoey und mich geplant haben könnte. Aber ich kann meine Schwester nicht allein lassen. Also spüre ich beinahe Erleichterung, als er nur ein Handy hervorzieht.
„Mit der Zeit wirst du von selbst zurück in mein Bett kriechen.“ Seine Stimme ist leise, aber jede Silbe fühlt sich wie ein Messerstich an, der meine Seele verstümmelt. „Fürs Erste reicht es mir, wenn du tust, was ich von dir verlange.“ Er hält mir das Telefon hin. „Du wirst rangehen, wenn ich dich anrufe. Sofort.“
Ich sehe zu dem Handy, greife aber nicht danach.
„Deine Schwester“, er macht eine bedeutungsvolle Pause und ein sadistisches Lächeln verzieht seine Lippen, „wird es sicher genauso genießen wie du damals.“ Er wirft das Handy vor mir ins Gras. Dann beugt er sich zu mir vor und flüstert die letzten Worte direkt in mein Ohr: „In jedem Loch ein Schwanz.“
Die Worte brennen sich erbarmungslos in meine Seele. Genau wie das Lachen der Männer hinter ihm. Jede Faser meines Körpers schreit, wegzulaufen, aber ich kann nicht. Zoey steht an oberster Stelle. Ich habe keine Wahl.
Langsam bücke ich mich, um mit zitternden Fingern das Handy aufzuheben. Damit gebe ich meinen letzten Widerstand auf und unterwerfe mich Calebs Forderungen erneut.
Tränen steigen mir in die Augen.
Ich habe verloren.
Und Caleb wusste es von Anfang an.
Hunter
Drei Wochen später
Elizabeth schläft im Sessel neben Finns Bett. Sie muss vollkommen erschöpft von der mehrstündigen Operation sein. Und das zu Recht. Sie und Jack haben Finn gerettet – das kann niemand bestreiten. Jack hätte das niemals allein geschafft. Ohne Elizabeth wäre unser Freund jetzt nicht mehr am Leben. Und trotzdem schläft sie hier, als wäre das, was sie geleistet hat, nichts Besonderes.
Vor etwa einer halben Stunde war Finn stabil genug, um ihn aus dem OP-Raum in eine der Baracken zu bringen.
Die Gebäude haben wir wie kleine Wohnungen eingerichtet – für die Clubmitglieder, die von weit herkommen, wenn es brennt, oder was noch wichtiger ist: wenn wir unsere größeren Clubfeiern ausrichten.
Jack und Elizabeth haben Finn noch an die Überwachungsgeräte angeschlossen. Erst danach ist mein Bruder aufgebrochen, um zu Lily zu fahren.
Meine beste Freundin wartet sicher schon wie auf heißen Kohlen und ist krank vor Sorge, weil wir uns noch nicht gemeldet haben.
Lily und Jack sind … füreinander bestimmt. Immer wenn ich die beiden beobachte, wie sie sich gegenseitig Halt geben, schleicht sich eine Eifersucht an, die still und leise an mir nagt. Sie haben sich verändert. Ihre Liebe macht sie stärker – auf eine Weise, die ich mir nicht mal vorstellen kann. Ich habe es schon immer gesehen, aber nie verstanden. Weil ich selbst nie das Verlangen nach einer tiefgründigen Beziehung verspürt habe. Für mich stand immer nur das Körperliche im Vordergrund. Ich bin für alle nur der Typ, der den kurzen Spaß sucht. Doch mittlerweile habe ich immer öfter den Wunsch nach mehr. Ich will jemanden in den Armen halten, zusammen lachen, Trost spenden, einfach den ganzen bescheuerten Pärchenkram durchziehen. Aber ich will das nicht mit irgendjemand. Immer wenn solche Bilder in meinem Kopf aufflackern, sehe ich Elizabeth in meinen Armen.
Sie geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf, seit ich sie aus Jacks Haus kommen sah, nachdem sie Lily nach ihrer Entführung durchgecheckt hatte. Der Drang, sie für mich zu gewinnen, lässt mich einfach nicht mehr los. Und doch bin ich immer derjenige, der nur abweisende Blicke von ihr erntet. Falls sie mich überhaupt beachtet. Selbst als ich nach der Explosion im Diner, das die Snakes angezündet hatten, verletzt im Krankenhaus lag, hat sie nur auf Jacks Bitte hin nach mir gesehen. Professionell, distanziert, ohne ein Wort zu viel. Sie brachte mir meine Sachen, die die Schwestern an sich genommen hatten, nachdem ich bewusstlos eingeliefert worden war. Und damit war das Thema erledigt. Keine Chance, dass sie mir ihre Nummer gegeben hätte – obwohl jede andere Frau genau das getan hätte.
Aber Elizabeth ist anders. Sie ändert alles.
Ein Blick auf sie hat gereicht, um etwas in mir zu wecken, das ich nicht einordnen kann. Ein Gefühl, das mich zu ihr hinzieht, stärker, als ich es je bei jemandem gespürt habe.
Vielleicht ist es ihr Blick, der so entschlossen und stark ist? Sie ist nicht einfach nur eine Ärztin, die uns in der Not geholfen hat. Nein, sie ist die Frau, die trotz all der Brutalität und all des Chaos in unserem Leben jedes Mal ohne Zögern kam, wenn Jack sie rief.
Sie stellte auch in der vergangenen Nacht keine Fragen, sie hat einfach alles gegeben, als wäre es ihre einzige Aufgabe, Finn zu retten. Alles um sie herum schien zu verschwinden – alles außer ihrem Ziel. Das hat mich beeindruckt. Mehr noch: Es hat mich einmal mehr umgehauen.
Aber Finns Rettungsaktion und die anschließende Operation forderten mehr Zeit und Kraft, als wir anfangs dachten. Dafür ging die Nacht aber auch besser aus als gehofft. Wir konnten alle aus dem Loch der Snakes entkommen, und Finn lebt. Das allein zählt.
Dennoch sieht Van unzufrieden aus, als auch er sich verabschiedet. Er legt Finn eine Hand auf die Schulter, bevor er die Geste bei mir wiederholt. „So, wie du sie die ganze Zeit anstarrst, nehme ich an, dass du dich um sie kümmern wirst?“ Er deutet mit einer Kopfbewegung auf Elizabeth, die immer noch tief im Sessel schläft. „Oder soll ich jemanden rufen, der sie nach Hause fährt?“
„Lassen wir sie noch etwas schlafen“, sage ich schließlich und versuche, die Nervosität in meinem Bauch zu ignorieren.
Van mustert mich einen Moment, dann nickt er und öffnet die Tür. „Wie du meinst, Bruder.“ Sein Tonfall ist neutral, aber ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, dass er seine eigenen Schlüsse gezogen hat.
Die Tür fällt leise ins Schloss, und ich bleibe mit Finn und Elizabeth allein.
Ich setze mich ans Fußende von Finns Bett. Der Monitor neben ihm piept in einem beruhigenden Rhythmus, ein Zeichen dafür, dass alles stabil ist.
Trotzdem finde ich einfach keine Ruhe. Mein Blick wandert unwillkürlich zu Elizabeth.
Sie sieht selbst jetzt, im Schlaf, schön aus – diese Art von Schönheit, die ganz natürlich ist, ohne jeden Versuch, jemanden zu beeindrucken. Doch die Ringe unter ihren Augen entgehen mir nicht. Sie wirken jedes Mal, wenn ich sie sehe, noch ein wenig dunkler.
Ich stoße ein leises Schnauben aus. Ist schon verrückt, wie eingehend ich sie beobachte, damit mir sogar dieses kleine Detail auffällt.
„Verdammt, mich hat’s echt erwischt“, meine ich in Finns Richtung, auch wenn ich weiß, dass er mich nicht hören kann. „Wach schnell wieder auf, Alter. Ich brauche jemanden zum Reden.“
Ich starre wieder Elizabeth an, unfähig, den Blick von ihr abzuwenden. Irgendetwas hat sich verändert. Bislang schien sie immer so stark, so fokussiert, als könnte sie die Last der ganzen Welt auf ihren Schultern tragen. Doch jetzt wirkt sie müde, unruhig, beinahe unzufrieden. Nicht nur die Augenringe deuten darauf hin, auch der Glanz in ihren Augen, wenn sie im Krankenhaus mit den Kindern arbeitet, schwindet immer mehr. Und sobald sie das Krankenhaus verlässt, scheint er vollständig zu verblassen.
Ich fahre mir mit der Hand durch die Haare. „Scheiße“, fluche ich leise. Ich sollte wirklich aufhören, ohne Grund zum Krankenhaus zu fahren, nur um sie zu sehen.
Ich habe sie in der vergangenen Woche mehrmals aus der Ferne beobachtet – wie ein Idiot, der zu feige ist, eine Abfuhr hinzunehmen.
Wenn sie wüsste, was ich da abziehe, würde sie mich vermutlich für einen Stalker halten und sich wünschen, mich hinter Gittern zu sehen.
Elizabeths Handy klingelt und reißt mich aus meinen Gedanken. Bereits während der Operation hat es ununterbrochen geklingelt, aber niemand hatte die Zeit oder die Nerven, darauf zu reagieren.
Jetzt, in der Stille des Raums, wirkt das Geräusch schrill und unangenehm. Ich beobachte Elizabeth einen Moment, doch sie regt sich nicht.
Ich zögere. Sie braucht Ruhe, das ist offensichtlich, aber das verdammte Handy wird sie früher oder später aufwecken.
Mit einem leisen Seufzen greife ich in ihre Tasche, auch wenn ich genau weiß, dass ich wieder einen dieser abfälligen Blicke ernten würde, wenn sie es mitbekäme. Privatsphäre und so. Trotzdem – die Frau muss schlafen. Alles andere kann warten.
Meine Finger ertasten ein Gerät, und ich ziehe es hervor. Doch das Handy in meiner Hand ist stumm. Der Klingelton hallt weiterhin durch den Raum. Verwirrt wühle ich weiter und finde schließlich ein zweites Handy. Zwei? Warum hat sie zwei Telefone?
Ein kurzer Gedanke huscht durch meinen Kopf, und er bringt eine Welle aus Frust und leiser Bitterkeit mit sich: Sie hat zwei Handys. Sie hätte mir also im Krankenhaus wenigstens eine Nummer geben können. Ein kleiner Zettel, ein Lächeln, irgendwas. Aber nein. Sie hat mich behandelt, als wäre ich nichts. Oder schlimmer, als wäre ich ein Problem, das sie so schnell wie möglich in diesem verdammten Krankenhausrollstuhl aus dem Weg schieben musste.
Ich schließe kurz die Augen und atme tief durch. Normalerweise hätte ich längst einen Weg gefunden, zu bekommen, was ich will. Aber bei Elizabeth weiß ich, dass ich damit kein Stück weiterkommen würde. Sie lässt mich nicht nur zappeln, sie behandelt mich, als wäre ich der verdammte Teufel persönlich. Und das Schlimmste daran ist, dass ich absolut keine Ahnung habe, was ich ihr getan habe, um das zu verdienen.
Ich schalte das Handy auf lautlos und betrachte das Display. Als Anrufername sticht mir das Wort Hölle ins Auge.
Sie nennt jemanden Hölle?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ihren Arbeitsplatz im Krankenhaus so nennen würde. Dort wirkt sie immer so, als wäre sie genau da, wo sie hingehört. Ruhig, souverän, einfach … zufrieden.
Ich bin versucht, ranzugehen, nur um herauszufinden, wer sie mit unzähligen Anrufen belästigt. Der Drang sie vor dem zu schützen, was auf der anderen Seite der Leitung lauern könnte, ist beinahe übermächtig. Doch bevor ich mich entscheiden kann, bricht der Anruf ab.
Auf dem Display springt die Zahl der verpassten Anrufe auf zwölf.
Fuck. Da stimmt etwas ganz und gar nicht.
Elizabeth regt sich im Sessel, stöhnt leise auf, als würde sie gegen einen unwillkommenen Traum ankämpfen. Mein Atem stockt für einen Moment, dann stopfe ich eilig beide Handys zurück in ihre Tasche.
Scheiße, Hunter. Was machst du da?
Ich habe kein Recht, mich einzumischen. Elizabeth hat nicht um meine Hilfe gebeten, und so, wie sie sich mir gegenüber bewusst distanziert, würde sie das auch niemals tun.
Unruhig schiebe ich die Hände in die Taschen meiner Jeans und starre sie an. Ein Teil von mir sagt, ich sollte es einfach dabei belassen und endlich gehen. Aber ein anderer Teil – der lautere, unvernünftige Teil – pocht darauf, dass ich etwas tun muss.
Allein der Gedanke, sie hier im Sessel zu lassen, fühlt sich falsch an. Das Ding mag bequem aussehen, aber sie braucht richtigen Schlaf. Erholung. Und bevor ich mir die Sache zu Ende überlege, handle ich schon. Ich schnappe mir ihre Tasche, dann beuge ich mich zu Elizabeth hinunter. Ich schiebe einen Arm unter ihre Kniekehlen, den anderen unter ihren Rücken und hebe sie vorsichtig hoch.
„Was machst du da?“
Jeffs Stimme lässt mich zusammenzucken. Unser Präsident steht plötzlich hinter mir, die Stirn in Falten gelegt, doch die Neugier in seinen Augen verrät ihn. Er versucht, ernst zu wirken, aber ich sehe das Grinsen, das er zu verbergen versucht.
„Ich bringe sie in mein Zimmer“, erwidere ich, ohne zu zögern. „Sie muss schlafen.“
„In deinem Bett?“ Seine Augenbrauen wandern in die Höhe, während er mich kurz mustert. Doch bevor ich etwas entgegnen kann, gibt er ein amüsiertes Schnauben von sich. Es ist klar, dass er keine ernsthafte Antwort erwartet. „Na schön, mein Junge“, meint er schließlich mit einem nachsichtigen Lächeln. „Ich übernehme hier.“ Jeff lässt sich in den Sessel fallen, in dem Elizabeth gerade noch gelegen hat. Er lehnt sich zurück und streckt die Beine aus. „Nora wird bald hier sein, um den Platz an Finns Seite einzunehmen“, fügt er hinzu und nickt in Richtung des Bettes. „Bis dahin halte ich Wache.“
Sein Blick bleibt auf Finn haften, der reglos im Bett liegt. Sein Lächeln verblasst, und eine tiefe Sorge schleicht sich in seinen Ausdruck.
„So schlimm sah es noch nie für einen von uns aus“, sagt er leise, mehr zu sich selbst als zu mir. „Aber er ist zäh. Er wird es überstehen.“ Seine Stimme klingt entschlossen, doch der Hauch von Unsicherheit, der in seinen Worten mitschwingt, lässt keinen Zweifel daran, wie sehr ihn Finns Zustand belastet.
„Jetzt mach, dass du wegkommst.“ Jeff richtet seinen Blick wieder auf mich. „Aber sieh zu, dass du auch etwas Schlaf bekommst. Für deine Verhältnisse siehst du ziemlich kacke aus.“
Seine Worte sind rau, doch ich erkenne die Fürsorge darin. Ich zögere, dann nicke ich und sage leise: „Danke, Prez.“ Es ist mehr als nur ein Dankeschön für den Moment. Es ist für alles – für das, was er für Finn getan hat, für den Rückhalt, den er uns gibt, und für die Tatsache, dass er uns trotz allem immer einen Ort der Zuflucht bietet.
Er schaut zu mir hoch, blinzelt überrascht, bevor er grunzt: „Hör auf mit dem Quatsch, Junge. Ich hab’s nicht so mit diesen rührseligen Nummern.“ Doch sein schwaches Grinsen macht deutlich, dass er es angenommen hat. Jeff hat ein weiches Herz, auch wenn er sich meist bemüht, es hinter seiner rauen Fassade zu verstecken.
Jack hat mir vorhin erzählt, was Jeff alles auf sich genommen hat, um Finn zu helfen – trotz des Verrats, der zwischen uns steht. Finn hatte Lily in Gefahr gebracht, um an ein Medikament für seine kranke Tochter Harper zu kommen. Doch er war in eine Falle getappt. Lily blieb zwar unversehrt, aber Finn wurde verschleppt und von ein paar Wichsern des Satan’s Snakes MC halb zu Tode gefoltert.
Und gestern tauchte Nora Steele einfach in unserem Clubhaus auf und flehte uns verzweifelt an, ihn zu retten. Keiner von uns weiß, wie die beiden wirklich zueinander stehen. Wir wissen nur, dass sie Harpers Mutter ist. Finn hat Nora jahrelang vor uns verborgen, weil sie keine Geringere als die Tochter von Vincent Steele ist, dem Präsidenten des Satan’s Snakes MC. Ausgerechnet des Clubs, der uns in letzter Zeit das Leben ziemlich verkompliziert.
Nora scheint etwas in Jeff berührt zu haben. Vielleicht war es ihr Mut, ihre Aufopferung – oder einfach die Tatsache, dass sie bereit war, alles zu riskieren, um Finn zu retten, obwohl sie wusste, dass sie damit ihren Vater und ihren eigenen Club gegen sich aufbringen würde.
Damit hat sie Jeff beeindruckt. Uns alle, irgendwie. Nora gab uns den letzten Schubs, um unseren Freund aus den Fängen der Snakes zu befreien. Auch wenn es gegen unseren Kodex spricht. Einen Verräter zu retten und ihn zurück in unsere Reihen zu holen? Das wäre unter anderen Umständen undenkbar gewesen.
Doch Jeff hat einen Weg gefunden, das Chaos einzudämmen, bevor es unsere Bruderschaft zerrissen hat. Zumindest hoffe ich das. Aber damit beschäftigen wir uns, sobald Finn wieder für sich selbst reden kann.
Sobald er aufwacht, werde ich ihm ordentlich in den Arsch treten, damit er nie wieder so eine Scheiße abzieht. Außerdem brennt es mir unter den Nägeln, ihm jedes noch so kleine Detail über seine Beziehung zu Nora aus der Nase zu ziehen.
„Noch eine Sache, mein Junge“, unterbricht Jeff meine Gedanken. „Ich weiß nicht, ob ich gerade noch einen liebestollen Kerl in unseren Reihen ertrage.“ Seine Stimme klingt belustigt, aber auch warnend. „Also verlieb dich nicht zu schnell in den Doc. Diese Art von Frauen zermürbt eure Köpfe. Wir hatten in den letzten Tagen genug Unruhe in unserem idyllischen Clubleben.“
Idyllisch? Das Wort lässt mich fast lachen. Idyllisch war es hier noch nie. Harmonisch, ausgelassen und von echter Freundschaft geprägt – ja, das schon. Aber ruhig? Keine Chance. Der Club war immer laut, chaotisch und manchmal an der Grenze des Zumutbaren. Doch gerade deswegen liebe ich ihn so sehr. Dieses geordnete Chaos, in dem jeder von uns seinen Platz hat, in dem wir uns gegenseitig respektieren, unterstützen und notfalls in den Hintern treten, wenn es nötig ist.
Ich drehe mich halb zu ihm um und sehe, wie er sich mit einer bedächtigen Geste durch seinen leicht ergrauten Bart streicht.
„Ich habe alles im Griff“, entgegne ich knapp. Doch der Blick, den er mir zuwirft, lässt keinen Zweifel daran, dass er längst durchschaut hat, was in meinem Kopf vorgeht.
Ich widerstehe dem Drang, mehr zu sagen, und gehe hinaus.
Der Weg zum Haupthaus ist kurz, und ich genieße die kühle Morgenluft, die meine Gedanken klärt.
Das Zimmer, in das ich Elizabeth bringe, ist spartanisch eingerichtet. Finn hatte es für mich vorbereitet, bevor er … verschwand. Aber es wird für den Moment genügen. Und immerhin hat es ein eigenes Bad. Das haben nicht alle im Haus.
In den nächsten Tagen sollte ich endlich meine Sachen aus Jacks Haus holen und mich hier einrichten. Dann können er und Lily voll in ihrem Liebesglück aufgehen, und ich muss kein unfreiwilliger Zeuge werden, wenn sie übereinander herfallen.
Mit einem leichten Tritt stoße ich die Tür hinter mir zu und gehe zum Bett. Behutsam lege ich Elizabeth darauf ab, als könnte sie mir bei einer falschen Bewegung zerbrechen. Ihre Arme fallen schlaff an ihre Seiten, ihr Atem bleibt gleichmäßig. Ich lege ihre Tasche auf dem Nachttisch ab, bevor ich die Decke über sie ziehe und dann schnell einen Schritt zurücktrete. Ich muss dem Impuls widerstehen, ihr eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Meine Hände ballen sich unwillkürlich zu Fäusten.
Nicht jetzt, Alter. Nicht bei ihr.
Noch nicht …
Ich ziehe den Vorhang zu, um die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne auszusperren, dann lasse ich mich in den Sessel neben dem Fenster sinken. Ich sollte ebenfalls schlafen, aber mein Kopf ist ein einziges Chaos. Der pochende Schmerz in meinem Arm macht das nicht besser und zeigt deutlich, dass die Nacht auch an mir nicht spurlos vorbeigezogen ist. Immerhin ist mein angeknackstes Bein wieder verheilt und ich muss nicht mehr humpeln. Dafür erinnert mich mein geprellter Ellenbogen bei jeder Bewegung daran, dass ich die Schlinge, die mir im Krankenhaus gegeben wurde, viel zu früh abgelegt habe. Das Teil hat genervt, und während der Rettungsaktion wäre es ohnehin nur im Weg gewesen. Doch jetzt bereue ich es. Mein linker Arm zittert unkontrolliert, und ich massiere die schmerzenden Muskeln, um das Stechen zu lindern.
Zum Glück ist es nicht mein Schießarm. Das wäre ein echtes Problem. Als Sniper des Clubs trage ich Verantwortung – für meine Brüder und für unseren Erfolg bei den Einsätzen. Ich bin nicht hier, um ein Risiko oder eine Belastung zu sein, sondern um ihnen den Rücken freizuhalten. Dafür wurde ich rekrutiert. Und ich habe nicht vor, meine Brüder zu enttäuschen oder in Gefahr zu bringen, nur weil ich nicht zu hundert Prozent einsatzfähig bin.
Aber es ist nicht nur das. Wenn dieses Zittern bleibt, würde es mich nicht nur im Club, sondern auch in meinem Beruf als Ink Artist beeinträchtigen.
Seufzend starre ich auf meine Hände. Als die linke nicht aufhören will, zu zittern, balle ich sie zur Faust, um die Kontrolle zurückzugewinnen. Wenn ich durch diese Beeinträchtigung keine sauberen Linien mehr ziehen kann, muss ich mein Studio dichtmachen. Das wäre nicht nur ein finanzieller Schlag, sondern würde auch eine Geschichte beenden, die ich Finn zu verdanken habe.
Ich kann mich noch genau erinnern, wie es dazu kam, dass ich mein eigenes Studio aufgemacht habe. Finn war mein erster Kunde – wenn man das so nennen kann. Wir hatten zu viel getrunken, und ich zerrte ihn mitten in der Nacht in das Studio meines damaligen Chefs. Ich hatte noch kein einziges Tattoo auf Haut gestochen, sondern immer nur zugesehen und die langweiligen Aufgaben im Studio erledigt.
Jack hatte darauf bestanden, dass ich etwas dazuverdiene, nachdem er mich nach der Militärausbildung zum Scharfschützen zurück nach Hause geholt hatte. Wir waren damals noch nicht gut aufeinander zu sprechen, also nutzte ich jede Möglichkeit, um aus seinem Haus zu kommen. Doch zu den Partys, zu denen Jack eingeladen wurde, ging ich natürlich trotzdem mit. Dort fand ich schnell Gefallen an den willigen Frauen und dem Alkohol – beides half mir, die bitteren Gedanken in meinem Kopf auszublenden.
Finn und ich waren schnell auf einer Wellenlänge. Er war dem Club kurz nach dem Studium beigetreten und hatte längst das Prospect Patch abgegeben, als ich ihn das erste Mal traf.
Er ist genauso verrückt und abgedreht wie ich, kein Wunder also, dass er damals sofort dabei war, als ich ihm ein Tattoo stechen wollte. Trotz unseres hohen Alkoholpegels sah mein Werk erstaunlich gut aus. Finn war begeistert, im Gegensatz zu meinem Chef, der uns – noch immer sternhagelvoll – am nächsten Morgen im Studio erwischte. Natürlich hat er mich direkt gefeuert. Tattoos während eines Besäufnisses? Das war nicht gerade das Aushängeschild seines Studios. Aber im Nachhinein war es das Beste, was mir passieren konnte. Der Gedanke, jemanden über mir zu haben, hat mir ohnehin nie gefallen. Dieses Konzept von Hierarchien, die nur auf Gehaltsschecks und Anweisungen basieren, ist nicht mein Ding. Ich habe meinen eigenen Laden eröffnet, nicht nur, weil ich musste, sondern weil ich es wollte. Ich wollte frei sein, die Regeln bestimmen, mein eigener Boss sein. Und Finn hat mich von Anfang an unterstützt und an mich geglaubt. Er ist nicht nur mein Clubbruder. Er ist einer meiner besten Freunde.
Im Club gibt es zwar auch eine gewisse Ordnung – aber das ist anders. Bei uns geht es nicht um Befehle oder darum, wer oben oder unten in einer Hierarchie steht. Es geht um Respekt. Um eine Familie, die sich aufeinander verlässt und einander den Rücken freihält. Das ist ein Prinzip, das ich verstehen und leben kann.
Ich lasse meinen Kopf gegen die Sessellehne sinken und schließe die Augen, versuche, die Gedankenflut zu bremsen. Aber es ist unmöglich. Finn, Elizabeth, der Club, mein Arm, das Studio – alles drängt sich auf einmal in meinen Kopf, und ich habe keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll.
Doch eines weiß ich: Ich schulde Finn eine Menge. Und wenn er endlich aufwacht, werde ich dafür sorgen, dass wir auch sein Chaos gemeinsam durchstehen – so wie wir alles andere bislang auch zusammen geschafft haben.
Bis dahin werde ich meinen Arm schonen, und in ein paar Tagen wird das alles verheilt sein. Hoffentlich.
Um mich für heute von den Gedanken an Finn zu lösen, wende ich mich wieder einem anderen Schlachtfeld in meinem Kopf zu und hefte meinen Blick auf Elizabeths Gesicht. Ihr Atem ist ruhig, ein leises Auf und Ab ihrer Brust. Es ist fast hypnotisch, und ich spüre, wie die Erschöpfung nach mir greift. Doch ich will nicht schlafen. Nicht jetzt. Es ist selten genug, dass ich sie so ansehen kann, ohne dass sie mich mit ihren Blicken durchbohrt, als wäre ich das Letzte, was sie in ihrem Leben haben will.
Diese Distanz zwischen uns … sie macht mich verrückt. Immer ist da diese Mauer, von der ich noch nicht weiß, wie ich sie überwinden kann. Vielleicht ist es das, was mich am meisten an ihr reizt – und gleichzeitig lähmt.
Klar wäre es einfacher, aufzugeben, sie in Ruhe zu lassen. Aber selbst der Gedanke daran fühlt sich falsch an.
Ich schließe die Augen und atme tief durch. Ihr Geruch füllt den Raum, eine Mischung aus Seife, Desinfektionsmittel und etwas Süßem, das nur sie ausmacht. Alles an ihr zieht mich an. Auch der untere Teil meines Körpers reagiert auf sie, obwohl ich ihn zur Vernunft zwingen will.
Diese körperliche Sehnsucht … sie ist fast unerträglich. Seit knapp zwei Wochen interessiert mich keine andere Frau mehr – und das ist neu. Unerträglich neu. Davor war es einfach: Ich wollte etwas, und ich habe es bekommen. Ende der Geschichte.
Aber jetzt?
Diese selbst auferlegte Abstinenz zermürbt mich – und trotzdem halte ich daran fest. Weil ich Elizabeth will. Nur sie. Auf eine Weise, die über körperliches Verlangen hinausgeht.
Sie hat mich in ihren Bann gezogen, und seitdem bekomme ich sie einfach nicht mehr aus meinem Kopf. Und ich will es auch gar nicht.
Immer wieder frage ich mich, wer sie wirklich ist. Was hinter diesem Blick steckt, mit dem sie sich offensichtlich vor etwas zu schützen versucht. Aber vor allem will ich wissen, wie sie ist, wenn sie jemanden an sich ranlässt.
Scheiße! Ich will doch nur, dass sie mich ansieht und etwas spürt. Nur ein Funken von dem, was sie in mir auslöst.
Also warum zum Teufel zögere ich?
Ich muss doch nur herausfinden, was zwischen uns steht – und es aus dem Weg räumen. Dann könnte sie – wie ich – sehen, dass es kein Zufall war, dass sich unsere Wege gekreuzt haben.
Klingt easy. Wie ein Kinderspiel.
Zumindest wenn man darauf steht, sich selbst ein Messer in die Brust zu rammen.
Elizabeth
Ein leichtes Knarren weckt mich, doch ich bleibe still liegen.
Etwas ist anders. Die Matratze unter mir ist ungewohnt, ebenso wie die leichte Decke, die mich umhüllt. Der Duft von Sandelholz liegt in der Luft, warm und beruhigend. Diesen Geruch habe ich bisher nur bei einer Person wahrgenommen: Jacks Bruder Riley.
Ich reiße die Augen auf, und mein Blick wandert durch den Raum, bis er ihn findet.
Er sitzt in einem Sessel, die Beine ausgestreckt, der Kopf nach vorn gesunken. Die Arme hat er vor der Brust verschränkt, und seine wirren Locken fallen ihm wie ein goldener Heiligenschein ins Gesicht. Für einen Moment sehe ich ihn einfach nur an. Es ist fast unheimlich, wie jemand im Schlaf so friedlich aussehen kann und gleichzeitig diesen Hauch von gequälter Verzweiflung mit sich trägt. Das war schon im Krankenhaus so. Selbst da, völlig erschöpft und unter Schmerzmitteln, hatte er etwas an sich, das einen nicht losließ.
Seine Locken erinnern mich an die eines Engels. Auf einem Kinderfoto in Jacks Spind habe ich ihn sogar mit einem Mädchen verwechselt.
Aber ein Engel? Kaum zu glauben, dass mir dieser Vergleich überhaupt in den Sinn kommt. Engel retten Leben. Engel bringen keine Menschen um. Und sie brechen erst recht keine Herzen.
Hier im Club nennen sie ihn Hunter – so viel habe ich schon mitbekommen. Ein Name, der wesentlich besser zu ihm passt – und gleichzeitig eine sichere Distanz schafft. Ihn bei seinem richtigen Namen zu nennen, würde eine Nähe andeuten, die es zwischen uns nicht gibt. Und auch nie geben wird.
Hunter mag aussehen, als wäre er vom Himmel geschickt worden, aber ich kenne Männer wie ihn. Männer, die mit einem einzigen Lächeln alle Mauern zum Einsturz bringen können, nur um zu zeigen, dass sie dahinter nichts als Zerstörung hinterlassen. Gut aussehend, charmant – und am Ende die hässlichsten Monster, die man sich vorstellen kann. Mein Untergang.
Ich reiße den Blick von ihm los und entdecke meine Tasche auf dem Nachttisch. Eilig, aber leise, greife ich danach und ziehe das Handy von Caleb heraus. Ein schneller Blick auf den Bildschirm und mir wird fast schlecht: unzählige verpasste Anrufe von meiner persönlichen Hölle. Ich habe Caleb unter diesem Namen eingespeichert, weil er genau das ist: die Hölle auf Erden. Und in diese Hölle werde ich in letzter Zeit viel zu oft gezogen.
Mein Magen dreht sich um und meine Hände zittern, als ich mich vom Bett aufrappele.
Ich muss hier raus. Sofort.
Die kühle Morgenluft schlägt mir entgegen, als ich aus dem Haus stürme. Mein Herz rast, während ich mein privates Handy entsperre und die Nummer meiner Schwester wähle. Es klingelt. Einmal, zweimal, dreimal – doch sie geht nicht ran.
„Bitte, Zoey, geh ran“, flüstere ich, während die Panik immer weiter in mir aufsteigt.
Er hat ihr etwas angetan. Ich weiß es. Caleb hat geschworen, dass er sie leiden lassen wird, wenn ich nicht sofort ans Telefon gehe. Das Gefühl kriecht wie Gift durch meine Adern und schnürt mir die Luft ab.
Ich erreiche mein Auto, reiße die Tür auf und lasse mich auf den Fahrersitz fallen. Mein Atem geht flach, meine Hände umklammern das Lenkrad so fest, dass meine Knöchel weiß werden. Die Tränen kommen wie eine Flutwelle, die ich nicht aufhalten kann.
„Zoey. Bitte nicht“, flehe ich. Zoey ist meine Zuflucht, mein Anker, und jetzt hat Caleb sie vermutlich in seinen Fokus gerückt. Ich will gar nicht daran denken, dass er ihr bereits etwas angetan haben könnte.
„Dieser verdammte Scheißkerl!“ Meine Stimme ist ein wütender, verzweifelter Schrei in der Stille. Ich schlage mit den Händen gegen das Lenkrad, immer wieder, bis der Schmerz durch meine Handflächen zieht. Mein Kopf sinkt nach vorn, die Stirn gegen das kalte Leder gepresst.
Ein Klopfen am Fenster lässt mich aufschrecken. Ich blinzle durch die Tränen und sehe eine Frau mit blonden Haaren, die mich besorgt ansieht. Hastig wische ich die Tränen von meinen Wangen und öffne das Fenster einen Spalt.
„Alles okay bei dir?“, fragt sie. Ihre Stimme ist sanft, fast vorsichtig. „Muss ich Hunter die Ohren lang ziehen? Hat er dich einfach rausgeschmissen?“
Ich blinzle sie verwirrt an. „Was?“
„Na, du hast doch bei ihm geschlafen, oder? Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass er dich nicht wie eine Göttin behandelt hat.“ Sie grinst, als wäre das ein kleiner Insiderwitz.
Ich brauche einen Moment, um ihre Worte zu verarbeiten. Schließlich sage ich: „Ja, ich glaube, es war sein Bett. Aber er hat in einem Sessel geschlafen.“
„Ach wirklich?“ Sie hebt eine Augenbraue, und ihr Grinsen wird noch breiter, als wüsste sie etwas, das mir entgangen ist. Doch mir fehlt die Energie, darauf einzugehen.
In diesem Moment vibriert mein Handy, und eine Nachricht erscheint auf dem Bildschirm – von Zoey. Mein Herz bleibt fast stehen, als ich auf den Bildschirm tippe, um sie zu öffnen.
Zoey: Alles okay bei dir? Ich bin in einer Vorlesung, melde mich später. Hab dich lieb.
Ein zittriger Atemzug entweicht mir, als die Erleichterung meinen Körper entspannt. „Gott sei Dank“, flüstere ich, während ich das Handy an meine Brust drücke.
„Hier“, sagt die Frau, die immer noch neben meinem Fenster steht. „Kaffee.“ Sie beugt sich etwas herunter und hält einen Pappbecher vor die Scheibe. „Ich habe noch nicht daraus getrunken, keine Sorge. Du siehst aus, als könntest du ihn gebrauchen.“
Ich öffne das Fenster weiter, nehme den Becher zögernd entgegen und blicke sie an. Ihre Augen sind freundlich, und etwas in ihrer Haltung strahlt eine Wärme aus, die mich überrascht. Ich bin diese Art von Freundlichkeit nicht gewohnt, schon gar nicht in solch einer Umgebung.
„Danke“, murmle ich, während ich den herrlichen Geruch des Kaffees in mich aufsauge. Das ist wirklich genau das, was ich jetzt brauche.
„Kein Problem.“ Sie steckt die Hände in die Taschen ihrer Lederjacke und lehnt sich lässig an die Autotür. „Ich bin übrigens Sam. Ich arbeite hinter der Bar im Clubhaus.“
Ich nicke nur, den Blick auf den Becher in meinen Händen gerichtet. Ich will nicht mehr reden, will nicht mehr hier sein, aber ihre Stimme hat etwas Beruhigendes.
„Komm bald mal wieder vorbei“, sagt sie, und ich höre das Lächeln in ihrer Stimme. „Am besten, wenn kein Notfall ansteht. Dann haben wir mehr Zeit, uns kennenzulernen.“
„Vielleicht“, antworte ich mechanisch, obwohl ich weiß, dass das eine Lüge ist. Ich will nicht wiederkommen. Ich will nichts mit Bikern zu tun haben, mit diesem chaotischen Leben, das immer nur Schmerz und Probleme bringt. Für mich stehen diese Clubs für alles, was falsch in der Welt läuft: illegale Geschäfte, Drogenhandel, Gewalt, Frauenmisshandlung – die tiefsten Abgründe der Gesellschaft. Genau wie Caleb.
Dieser abscheuliche Mann hat mich gelehrt, was Biker wirklich sind. Sie sind egoistische, grausame Monster, die nur nehmen und nie geben. Seit er am Tag der Beerdigung meiner Mutter wieder in mein Leben getreten ist, hat er jedes dieser Vorurteile bestätigt. Seine Kontrolle und seine Drohungen sind zu einem ständigen Schatten geworden. Ich habe mir geschworen, nicht wieder in solche Abhängigkeit zu geraten. Aber trotzdem … zweimal die Woche stehe ich vor Caleb und tue, was er verlangt.
Es ist widerlich. Illegale Käfigkämpfe, die er in einer verfallenen Lagerhalle organisiert. Sein Geschäft blüht, und ich bin Teil davon, als wäre ich in einer grausamen Parallelwelt gefangen. Während sie um mich herum ihre Partys feiern, tanzen, lachen und sich besaufen, ist es meine Aufgabe, seine Männer nach den Kämpfen wieder zusammenzuflicken. Egal, wie schlimm ihre Verletzungen sind, egal, ob ich dabei mein eigenes Leben riskiere, weil irgendein Muskelprotz im Adrenalinrausch nicht stillhalten will. Ich bin nicht da, um zu heilen. Ich bin da, um seine Männer kampffähig zu halten, damit sie weitermachen können.
Es ekelt mich an. Und doch gehe ich hin, jedes verdammte Mal. Er will immer mehr von mir. Meine Zeit, meine Energie. Es fühlt sich an, als wäre ich einen Pakt mit dem Teufel eingegangen. Caleb sagt, es sei ein fairer Deal: Ich helfe ihm, er hält sich von meiner Schwester fern. Bislang hat er sein Wort gehalten, doch nun habe ich zum ersten Mal seine Anrufe verpasst.
Es war nur eine Frage der Zeit, wie lange ich allem gerecht werden konnte. Meinem Job, meiner Schwester, Caleb – und jetzt auch noch Jack und seine Brüder, die es irgendwie geschafft haben, sich in mein Leben zu schleichen.
Ich sollte mich von all dem fernhalten. Von diesem Club. Von Jack. Von Hunter.
Vor allem von Hunter. Jedes Mal, wenn er mich ansieht, fühle ich mich, als würde ich gegen einen inneren Sturm ankämpfen. Aber was mich wirklich frustriert, ist die Tatsache, dass sich unsere Wege immer wieder kreuzen – egal, wie sehr ich versuche, es zu vermeiden und ihn mit einem distanzierten Blick auf Abstand zu halten. Ich tue es nicht aus Boshaftigkeit oder Abneigung, sondern weil ich ihn fernhalten muss. Von mir. Von meinen Gedanken. Von meiner Welt. Denn alles, was er symbolisiert, ist das Gegenteil von dem, was ich will.
Als Sam im Haupthaus verschwindet, lasse ich den Kopf gegen die Kopfstütze des Fahrersitzes sinken und schließe die Augen.
Ich mag Jack als Kollegen wirklich. Er ist zuverlässig und hilfsbereit – auch wenn er oft schweigsam und verschlossen wirkt. Die Kinder im Krankenhaus lieben ihn, und ich habe mich in seiner Gegenwart auch immer wohlgefühlt. Umso größer war der Schock, als ich herausfand, dass er ein Biker ist. Und dann sollte ich in seinem Haus auch noch eine Frau versorgen, die vermutlich vergewaltigt wurde. Das brachte Erinnerungen hoch, die ich seit Jahren zu vergessen versuche. Die Panik, die Dunkelheit, die Hilflosigkeit – all das kam zurück, lebhafter, als es Calebs Rückkehr geschafft hatte. Und ich spürte, wie der Hass auf alles, was mit diesen Clubs zu tun hat, über mich hereinbrach, selbst wenn ich nicht in Calebs Nähe war.
Anfangs habe ich mich mit Jack nur gut gestellt, weil ich keinen Ärger wollte. Doch mit der Zeit hat sich das geändert. Irgendwann habe ich bemerkt, dass ich ihm außerhalb des Krankenhauses nicht helfe, weil ich muss, sondern weil ich es möchte. Wir sind Freunde geworden, denke ich. Oder so etwas in der Art. Es fällt mir schwer, das einzugestehen, weil Vertrauen nichts ist, was ich leichtfertig vergebe. Und doch vertraue ich ihm. Er ist nicht Caleb.
Als Lily, die Frau, die ich versorgt hatte, vor ein paar Tagen quicklebendig vor mir stand, wurde mir endgültig klar, wie ungerecht es gewesen war, meinen Hass auf Jack zu spiegeln. Er hatte geholfen, sie zu retten. Er hatte dafür gesorgt, dass sie lebt.
Aber trotzdem … Jack und sein Club stecken bis zum Hals in üblen Sachen. Es ist unmöglich, das zu leugnen, nach allem, was ich gesehen habe.
Ich weiß nicht, was sie tun, und will es auch gar nicht wissen, aber die Verletzungen von Finn, dem Mann, den ich in der vergangenen Nacht operiert habe, sind eindeutig. Seine Wunden waren nicht die Folge eines einfachen Unfalls oder eines Unglücks. Das war Folter. Brutale, systematische Folter.
Ich weiß, dass ich schleunigst das Weite suchen sollte. Und doch hat sich etwas verändert. Vielleicht, weil ich so lange um Finns Leben kämpfen musste.
Ich habe etwas gespürt. Eine Verbindung.
Keine persönliche, sondern eine, die aus der Rolle als Ärztin heraus entsteht. Verantwortung, Mitgefühl – mehr ist das nicht. Das versuche ich mir zumindest einzureden.
Dass ich einschlafe, während ich nur abwarten wollte, ob er weiterhin stabil bleibt, war nie Teil des Plans. Ich wollte mich nur kurz ausruhen und dann verschwinden. Doch jetzt sitze ich hier, in meinem Auto, auf dem Hof eines Motorradclubs, und frage mich unaufhörlich, wie es Finn geht.
Mein Blick fällt auf den Kaffeebecher, den Sam mir gegeben hat. Die Freundlichkeit dieser Frau war unerwartet, fast verstörend. Sie gehört auch zu dieser Welt. Und doch war sie nett und wirkte zufrieden, hier zu sein. Genau wie Jack.
Ich fluche leise, bevor ich die Wagentür aufstoße und mich zu der Baracke aufmache, in der Finn liegt. Mein Patient – mehr nicht. Ich kann nicht einfach wegfahren, ohne noch einmal nach ihm zu sehen, auch wenn das bedeutet, dass ich damit noch tiefer in dieser Welt versinke.
In dem Zimmer ist es still. Der leichte Duft von Desinfektionsmittel beruhigt mich, weil er eine Vertrautheit ausstrahlt, auch wenn ich nicht hier sein sollte.
Finns Zustand ist weiterhin stabil. Ich wechsele routiniert einen Tropf und überprüfe die Werte.
Mein Blick wandert immer wieder zu ihm. Er liegt mittlerweile nicht mehr allein in seinem Bett. Eine Frau hat sich dicht an seine Seite geschmiegt, als wäre sie ein Teil von ihm. Das Bett ist klein, und mit einem Mann wie Finn darin bleibt kaum Platz. Trotzdem sieht sie aus, als wollte sie nirgendwo auf der Welt lieber sein. Ihr Gesicht ist friedlich, obwohl es Anzeichen von Erschöpfung zeigt. Dunkle Ringe unter den Augen, eine angespannte Haltung selbst im Schlaf – sie hat sicher auch ihre Kämpfe durchgestanden.
Ich arbeite leise, so leise wie möglich, um sie nicht zu wecken. Doch innerlich fühle ich mich wie ein Eindringling. Die Intimität dieser Szene trifft mich an einem verwundbaren Punkt. Als ich fertig bin, verlasse ich die Baracke genauso leise, wie ich gekommen bin.
Gerade als ich mein Auto auf dem Schotterplatz wieder erreiche, fährt Jack mit einer Frau auf seinem Motorrad ein. Der Motor verstummt, und noch bevor die Maschine vollständig zum Stehen gekommen ist, springt die Frau herunter. Als sie den Helm abnimmt, erkenne ich sie. Lily.
„Zum Glück, du bist noch da!“, ruft sie und rennt ohne zu zögern auf mich zu. „Ich bin Lily, Jacks Freundin. Es tut mir leid, dass ich noch nicht dazu kam, mich richtig vorzustellen und zu bedanken.“
Bevor ich antworten kann, schlingt sie ihre Arme um mich und drückt mich fest. Die Umarmung ist so unerwartet, dass ich einen Moment brauche, um darauf zu reagieren.
„Danke für alles, was du für Riley, Finn und mich getan hast“, sagt sie mit warmer, ehrlicher Stimme.
„Und für mich.“ Jack tritt hinzu, legt eine Hand auf meine Schulter und zieht mich in eine sanfte Umarmung. Bevor ich etwas sagen kann, spüre ich seine Lippen auf meinem Scheitel. Anscheinend hat die vergangene Nacht sämtliche Grenzen zwischen uns eingerissen. „Danke, dass du das mit mir durchgestanden hast“, flüstert er. Seine Stimme klingt rau, und er sieht genauso erschöpft aus, wie ich mich fühle. „Ohne dich hätten wir Finn verloren.“
Ich spüre, wie mir erneut Tränen in die Augen steigen. Die aufrichtige Dankbarkeit und die tiefe Bindung zwischen diesen Menschen sind überwältigend. Eilig wische ich die Tränen weg und trete einen Schritt zurück, um wieder etwas Distanz zu gewinnen.
Ich denke an Zoey. An die Nächte, in denen wir uns gegenseitig Mut zugesprochen haben, die schweren Zeiten durchgestanden haben. Unsere Bindung ist stark, ja. Aber diese Art von Gemeinschaft, diese fast greifbare Loyalität, die Jack, Lily und die anderen ausstrahlen, fühlt sich an, als würden sie alles zusammen durchstehen können – während ich eine Einzelkämpferin bin, um die einzige Familie, die ich noch habe, zu schützen.
Aber ich darf mich nicht blenden lassen.
Sie mögen sich in ihren Momenten der Schwäche zwar menschlich und nahbar zeigen, doch ich habe diese Welt aus gutem Grund hinter mir gelassen. Und nur weil sie mir eine andere Seite zeigen, heißt das nicht, dass die Dunkelheit hier nicht trotzdem existiert.
„Die sind für dich.“ Lily drückt mir einen kleinen Papierbeutel in die Hand. Der süße Duft von frisch gebackenen Muffins steigt mir sofort in die Nase. „Ich habe sie heute Morgen schnell gebacken, damit wir alle etwas für die Nerven haben.“
„Danke.“ Ich nehme den Beutel zögernd an mich.
Lily hebt zwei weitere Beutel. „Ich gehe rein und verteile die restlichen.“
Jack küsst sie flüchtig, doch ihre Hände lösen die beiden nur langsam voneinander, als wollten sie den Abschied noch hinauszögern.
„Ich gehe zu Finn“, meint Jack halb zu mir, halb zu seiner Freundin, bevor er sich mir vollständig zuwendet. „Danke, dass du schon bei ihm warst.“
Meine Güte, wann hören sie endlich auf, sich ständig zu bedanken? Langsam wird es nervig.
„Der Tropf ist frisch, und alles sieht stabil aus“, erkläre ich routiniert und bemühe mich, dabei nicht zu seufzen. „Aber es schadet sicher nicht, wenn du selbst noch mal nach ihm siehst.“
„Alles klar“, sagt Jack ernst, und in seinen Augen liegt etwas Zögerliches, als wüsste er nicht, wie er sich verabschieden soll.
Um diese seltsame Stille zu beenden und ihn endlich zum Gehen zu bewegen, boxe ich ihm leicht gegen die Schulter. „Wir sehen uns bei der Arbeit.“ Ohne weiter zu warten, gehe ich die letzten Schritte zum Auto.
Lily winkt mir noch aus der Ferne zu.
Ich nicke kurz zurück, bevor ich einsteige.
