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Eine der häufigsten Stoffwechselerkrankungen ist der Diabetes mellitus, allein bundesweit gibt es ca. 5 Millionen Diabetiker. Die Autoren informieren einfach, klar und sachkundig: Wie entsteht der Diabetes? Welche Formen gibt es und wie werden sie diagnostiziert? Welche weiteren gesundheitlichen Risiken birgt die Krankheit? Welche Therapien sind empfehlenswert und was bedeutet die Erkrankung für den Alltag des Betroffenen? Diabetiker erhalten wertvollen Rat, was jeder für sich tun kann, um auch mit der Krankheit ein Leben voller Vitalität und Lebensfreude zu führen.
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Seitenzahl: 158
Veröffentlichungsjahr: 2016
Die Ratschläge in diesem Buch sind von Autoren und Verlag sorgfältig geprüft, dennoch kann keine Garantie übernommen werden. Jegliche Haftung der Autoren bzw. des Verlages und seiner Beauftragten für Gesundheitsschäden sowie Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
© für die Originalausgabe und das eBook:2013 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel
eBook-Produktion: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger & Karl Schaumann GmbH, Heimstetten
ISBN 978-3-7766-8162-8
www.herbig-verlag.de
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Diabetes: Ursachen und Typen
So funktioniert der Stoffwechsel bei gesunden Menschen
Der lange Weg der Glucose
Die Nierenschwelle
Typ-1-Diabetes – wenn das Immunsystem die eigenen Zellen angreift
Weitere genetisch bedingte Diabetesformen
Typ-2-Diabetes – die Folgen des metabolischen Syndroms
Der Schwangerschaftsdiabetes
Weitere Diabetesformen
Diabetes erkennen und diagnostizieren
Wie erkenne ich, dass es Diabetes ist?
Diagnose Diabetes
Zuckergedächtnis und Diagnosemarker im Blut: der HbA1c-Wert
Wie Schwangerschaftsdiabetes diagnostiziert wird
Was Sie selbst gegen Diabetes tun können
Den Diabetes akzeptieren
Miteinander am Erfolg arbeiten
Ein individuelles Therapieziel
Essen Sie (sich) gesund
Goldene Regeln fürs Essen
Auf das Gewicht kommt es an
Das Medikament Bewegung
Liegen, essen, schlafen
Sport und Diabetes
In der Gruppe steigt der Spaßfaktor
Hochleistungssport für Diabetiker
Wenn Diabetiker in die Schule gehen
Der nächste Schritt: Tabletten und Spritzen
Metformin – ein Medikament, vielfältige Wirkung
Auf den Spuren der Alpha-Glucosidase-Hemmer
Die Bauchspeicheldrüse anregen
Gliptine – die fleißigen Helfer im Dünndarm
Medikamente, die wie Darmhormone wirken
Achtung: Nebenwirkungen
Zimt, Kurkuma, Ginseng: Wenn Heilpflanzen den Blutzucker senken
Unterstützung aus der Natur
Stevia – kein Wundermittel
Die Forschung geht neue Wege
Die Insulintherapie
So wirkt die Insulintherapie
Lange Wirkung, kurze Wirkung
Was wird wann gespritzt?
Wie funktioniert die Insulinspritze?
Erst prüfen, dann stechen!
Die Ziele der Therapie
Ein Blick in die Zukunft
Die Blutzuckermessung
Wie geht’s, was gibt’s, was brauche ich?
Stechhilfen – ein kleiner Pikser tut nicht weh
Mit einem Stich direkt zum Ziel
Geräte, die den Blutzucker messen
I-Phone mit integriertem Messgerät
Technische Neuheiten erleichtern die Messung
Messqualität und -fehler
Alles parat? Die Blutzuckermessung in Einzelschritten
Pflichtprogramm für Typ-I-Diabetiker
Messen als Typ-2-Diabetiker
Zu oft messen kann auch stressen
Leben mit der Zuckerkrankheit
Unterzuckerung rechtzeitig erkennen
Wenn die Psyche Probleme macht
On the road again – Diabetiker auf Traumreise
Herausforderungen im Ferienparadies
Mein Führerschein gehört mir
Folgeerkrankungen und Spätschäden
Schäden an den großen Blutgefäßen
Die fatalen Folgen des Schlaganfalls
Schaufensterkrankheit und Offenes Bein
Wenn die Nieren Schaden nehmen
Das kann ins Auge gehen
Zehe für Zehe – die Füße sind gefährdet
Manchmal spielen die Nerven verrückt
Die Last mit der Lust
Galle, Zähne, Schilddrüse – weitere mögliche Folgeschäden
Anhang
Serviceadressen
Glossar
Vorwort
Jeder dritte Patient, der in deutschen Krankenhäusern behandelt wird, hat Diabetes. Nach den Zahlen der Internationalen Diabetes Föderation steht Deutschland in Europa an der Spitze und hat die meisten Diabetiker. Bei uns sind 12 % der 20- bis 79-Jährigen betroffen, insgesamt sind das 7,5 Millionen Menschen.[1]
Doch viele Menschen wissen nicht, was für eine Krankheit Diabetes ist, wie sie entsteht, wer gefährdet ist, was bei einer Diagnose bedacht werden muss. Dieser Ratgeber informiert umfassend über die Krankheit, über Behandlungsmöglichkeiten und darüber, wie man im Alltag mit Diabetes umgehen sollte. Das Buch enthält Begriffserklärungen, Erläuterungen der Stoffwechselvorgänge und eine Darstellung der unterschiedlichen Diabetes-Typen. Auch erfahren Sie Wissenswertes über nicht medikamentöse und medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten inklusive der Wirkung von Heilpflanzen, über mögliche Spätfolgen der Stoffwechselstörung und deren Vorsorgemöglichkeiten.
Sowohl als medizinischer Laie als auch als Betroffener und Angehöriger erhalten Sie bei der Lektüre unseres Buchs viele praktische Tipps: z. B. wann, wo und wie der Blutzucker gemessen wird, wie die Utensilien fachgerecht entsorgt werden, welche Messfehlerquellen es gibt und wie hoch der Blutzuckerwert sein sollte. Hinzu kommen Informationen für den Alltag: Hinweise auf Gefahrensituationen und wie damit umzugehen ist, Diabetes und Ernährung, Diabetes und Reisen, Diabetes und Sport etc. Wir zeigen anhand von Fallbeispielen aus der allgemeinärztlichen Praxis, dass ein Alltagsleben in hoher Lebensqualität möglich ist.
Wie Sie dieses Buch und die darin enthaltenen Informationen nutzen, hängt auch von Ihren eigenen Zielen und der Zeit ab, die Ihnen zur Verfügung steht. Vielleicht haben Sie gerade erfahren, dass Sie Diabetiker sind und erwarten wichtige Basisinformationen? Vielleicht wissen Sie schon lange von Ihrer Krankheit und möchten Ihr Hintergrundwissen vertiefen? Vielleicht sind Sie auch Angehöriger oder interessieren sich ganz allgemein für eine Erkrankung, die in dramatischer Weise nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Teilen der Welt für negative Schlagzeilen sorgt, weil immer mehr Menschen betroffen sind.
Eines sollten Sie nicht vergessen: Dieses Buch kann Ihnen Hintergrundinformationen liefern und kann Sie vielleicht auch motivieren, sich mit diesem oder jenem Teilaspekt der Erkrankung ausführlicher zu beschäftigen. Wenn Sie Diabetiker sind, führt allerdings kein Weg an einer engen Abstimmung mit Ihrem behandelnden Arzt vorbei. Suchen Sie immer wieder das Gespräch mit ihm, klären Sie mit ihm Ihren Umgang mit der Erkrankung und das richtige Verhalten in Notsituationen. Nur dann sind Sie auf der sicheren Seite.
Anmerkung
[1] Die Bestandsaufnahme Deutscher Diabetesbericht 2011, vorgelegt von diabetesDE, www.diabetesde.org
Einleitung
Das Wichtigste zuerst: Ein Diabetiker, der gut eingestellt und behandelt ist, ist gesund unter der Bedingung, dass seine Stoffwechselführung stimmt. Das sagt ein Mann, der von Experten als »Beckenbauer« seines Fachs bezeichnet wird: Professor Dr. Hellmut Mehnert, ehemaliger Chefarzt der Medizinischen Klinik des Krankenhauses München-Schwabing, weiß, wovon er spricht. Mehr als 50 Jahre seines beruflichen Lebens hat sich der 1927 geborene Hormonspezialist mit Diabetes beschäftigt.
In dieser Zeit ist die Zahl der an Diabetes Erkrankten signifikant gestiegen. Jeder fünfte Patient, der heute die Praxis eines Allgemeinmediziners besucht, ist Diabetiker. 95 % davon sind Typ-2-Diabetiker. Nach Zahlen der Internationalen Diabetes Föderation liegt Deutschland damit in Europa auf Platz 1.
Dabei wäre es eine für viele vermeidbare Erkrankung, denn eigentlich wissen wir es, wollen es aber nicht immer hören: Hauptursachen des Typ-2-Diabetes sind vor allem Übergewicht und Bewegungsmangel. Fettleibigkeit breitet sich explosionsartig aus, in den Mitgliederstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung war bereits im letzten Jahr im Schnitt jeder Zweite übergewichtig und jedes dritte Kind zu dick.
Bei uns in Deutschland brachten 2010 60 % der Männer und knapp jede zweite Frau (45 %) nach der Definition der WHO zu viele Kilo auf die Waage. Nach WHO-Definition ist ein Erwachsener mit einem Body-Mass-Index (BMI) zwischen 25 und 30 übergewichtig; was darüber liegt, fällt in die Kategorie Fettleibigkeit. Der BMI berechnet sich aus dem Gewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Die deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGE) differenziert weiter und unterscheidet zwischen Frau und Mann: Wegen der höheren Muskelmasse setzt sie die Grenze für Übergewicht beim Mann bei 25, bei der Frau bei 24.
Inzwischen liest man in der Presse Berichte, nach denen Übergewicht und gering gradige Adipositas sowohl bei Patienten, die bereits chronisch erkrankt sind, als auch bei älteren Menschen offenbar schützend wirken. In der Ärzteschaft werden diese Berichte zum jetzigen Zeitpunkt kontrovers diskutiert. Klar ist: Wenn die Zuckerkrankheit in jungen Jahren oder im mittleren Lebensalter neu entdeckt wird, dann sind Normalgewicht und ausreichende körperliche Bewegung wichtige Eckpfeiler, um Folgeerkrankungen zu verzögern oder gar zu verhindern.
Dass Diabetes eine große medizinische und gesellschaftliche Herausforderung ist, zeichnet sich seit Langem ab. Bereits im Oktober 1989 trafen sich Vertreter der Gesundheitsministerien der europäischen Länder bei einer von der WHO organisierten Konferenz im italienischen St. Vincent, um eine Strategie gegen die Volkskrankheit Diabetes und seine Spätfolgen zu entwickeln.
Inzwischen schlägt auch die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit in Europa (OECD) Alarm. »Allein in Europa erreichen die Ausgaben zur Therapie von Diabetes und daraus resultierender Komplikationen 90 Milliarden Euro jährlich«, warnte Mitte 2012 OECD-Generaldirektor Yves Leterme. Er will negative Auswirkungen auf die Beschäftigung und den Wohlstand in Zukunft nicht ausschließen. 83 Millionen Menschen leiden derzeit in den OECD-Ländern an Diabetes; 2030 könnten es 100 Millionen sein. Und das Kernproblem ist überall gleich: Übergewicht.
Die gesundheitspolitische Diskussion um Diabetes als Volkskrankheit geht weiter. Im September 2012 hat die Deutsche Diabetologische Gesellschaft auf die extrem hohe Zahl von Amputationen in Deutschland hingewiesen. 40 000 von insgesamt 60 000 Amputationen pro Jahr seien die Folge von Diabetes, »die meisten ließen sich vermeiden«.[2]
Aus Expertensicht gilt Diabetes als einer der größten Kostentreiber im Gesundheitssystem. Angesichts dieser Zahlen und Warnungen gewinnt das Thema Prävention, also die Frage, wie es gelingen kann, Diabetes zu verhindern, zunehmend an Bedeutung. Wer aber steht in der Pflicht zu handeln? Die Politik und/oder die Krankenkassen? Oder doch der Einzelne? Immer wieder diskutiert wird die Idee einer Nationalen Diabetes-Strategie, mit der alle Kräfte gebündelt werden könnten. Befürworter versprechen sich dabei vor allem Impulse mit Blick auf die Früherkennung des Typ-2-Diabetes.
Bei der Debatte wird immer wieder deutlich, dass es bei vielen Menschen zum Teil eklatante Informationsdefizite gibt, wenn es um das Thema Diabetes geht. Dieser Ratgeber will mit dazu beitragen, dass sie abgebaut werden. Wir wollen informieren, Ängste nehmen und vermitteln, dass ein Alltagsleben in hoher Lebensqualität möglich ist – wenn die Einstellung des Stoffwechsels stimmt und die Erkrankung vom Patienten akzeptiert wird. Eine Grundbotschaft dieses Ratgebers ist die Motivation zur Lebensstiländerung, um subjektives Wohlbefinden, Vitalität und Fitness »leben und genießen zu können«.
Anmerkung
[2]www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/, Pressemitteilung vom 28.9.2012
Diabetes: Ursachen und Typen
Diabetes mellitus ist eine Störung des Energiestoffwechsels. Das Leitsymptom ist der dauerhaft erhöhte Zuckerspiegel im Blut (Hyperglykämie). Die Ursachen sind ganz unterschiedlich: Nach der Ursache hat die Weltgesundheitsorganisation die Stoffwechselerkrankung in unterschiedliche Typen eingeteilt: In 5–10 % der Fälle liegt ein Typ-1-Diabetes vor. Weil diese Form überwiegend im Kinder-, Jugend- oder jungen Erwachsenenalter auftritt, heißt der Typ auch jugendlicher oder »juveniler« Diabetes. Viele dieser Patienten erkranken im Alter zwischen zehn und 15 Jahren. Im Kindesalter ist der juvenile Diabetes eine der häufigsten Erkrankungen. Von 1000 Kindern sind im Durchschnitt etwa drei betroffen.
Das Gros der Zuckerkranken zählt zur Gruppe der Typ-2-Diabetiker, das sind mehr als 90 % aller Betroffenen. Der Typ-2-Diabetes tritt auf, wenn bei oft gleichzeitig vorliegender genetischer Veranlagung Übergewicht, hohe Blutfette, Blutdruckerhöhung und erhöhte Harnsäurewerte hinzukommen. Die Ärzte nennen diesen Symptomenkomplex das metabolische Syndrom oder auch Wohlstandssyndrom.
So funktioniert der Stoffwechsel bei gesunden Menschen
Um zu verstehen, was Diabetes ist, ist es wichtig, die Stoffwechselvorgänge zu kennen. Für jeden Körper ist Zucker lebenswichtig. Ohne diesen Energielieferanten wäre keine Körperfunktion dauerhaft möglich. 14 Esslöffel Zucker verbrennt allein das Gehirn pro Tag, das sind rund 140 Gramm Traubenzucker.
Zucker wird dabei aus Kohlenhydraten gewonnen. Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße – das sind die Nährstoffe, die bei der Verdauung im menschlichen Darm in einzelne Bausteine gespalten werden: Fette in Glycerin und Fettsäuren, Eiweiße in Aminosäuren und Kohlenhydrate in Glucose, den Brennstoff- und Energielieferanten.
Kohlenhydrate setzen sich aus einzelnen Bausteinen zusammen. Einfachzucker (Glucose, Fructose) bestehen aus einem Baustein. Zweifachzucker sind aus Einfachzucker zusammengesetzt (z. B. Haushaltszucker). Mehrfachzucker bestehen aus mehreren hundert Einfachzuckern.
Wie aufwendig die Kohlenhydratverdauung ist, hängt davon ab, wie viele Bausteine der Zucker jeweils hat. Je kleiner, je einfacher der Baustein ist, desto leichter kann er ins Blut und von dort in die Zellen gelangen. Dort liefert er die Energie.
Am einfachsten funktioniert das mit der Glucose, einem Einfachzucker. Aber auch bei der Fructose (Fruchtzucker) ist die Umwandlung wenig aufwendig. Das bedeutet: die Kohlenhydrate Glucose und Fructose schaffen es ruck zuck, über den Darm ins Blut und von dort ins Gehirn zu wandern. Genauso schnell funktioniert das mit dem Haushaltszucker, der zu gleichen Teilen aus Glucose und Fructose besteht.
Komplizierter wird es zum Beispiel bei Brot oder Nudeln. Sie bestehen aus einer Kette von Glucosebausteinen, und die müssen in den Schleimhäuten des Dünndarms zunächst in Einfachzucker gespalten werden.
Wie schnell diese Arbeit im Dünndarm abläuft, hängt von mehreren Faktoren ab. Hatten Sie eine Mahlzeit mit viel Fett auf dem Esstisch, dauert es entsprechend länger, denn dann wandert der Speisebrei recht langsam durch Magen und Darm. Auch wenn Sie Ihren Teller reichlich gefüllt und beim Essen richtig zugeschlagen haben, müssen Sie danach mit zeitlichen Verzögerungen rechnen, bis die Glucose das Blut erreicht. Magen und Darm haben unter diesen Bedingungen einfach mehr zu tun.
Der lange Weg der Glucose
Ob langsam oder schnell: Am Ende kommt die Glucose im Blut an. Gesunde Menschen kommen im nüchternen Zustand auf 80 bis 100 mg Traubenzucker pro 100 ml Blut. Nach einer Mahlzeit steigt der Blutzuckergehalt auf etwa 140 mg Traubenzucker pro 100 ml Blut an.
Meistens nimmt man mehr Zucker zu sich als nötig. Ein Teil dieses Überschusses wird in einer Speicherform, dem Glykogen, in Muskeln und Leber eingelagert. Darüber hinaus wird Glucose auch in Fettzellen gespeichert und dazu in Speicherfett umgewandelt.
Nachts im Schlaf verbraucht jeder Mensch Energie, und auch bei sportlicher Aktivität braucht der Körper seinen Speichervorrat. Er holt sich dann das in der Leber gespeicherte Glykogen zurück, das wieder zu Glucose aufgespalten wird. Die Muskelzellen sind weniger freigiebig, sie nutzen das Glykogen ausschließlich zur Deckung ihres eigenen Energiebedarfs.
Damit der komplexe Zuckerstoffwechsel reibungslos funktionieren kann, sind Helfer-Hormone notwendig: Das Hormon Insulin bewirkt, dass die Zellen in den Geweben Glucose aus dem Blut aufnehmen. Es wird in den Langerhans’schen Inseln (auch Inselzellen oder Beta-Zellen genannt) der Bauchspeicheldrüse (das Pankreas) gebildet. In dieser etwa 60–100 Gramm schweren und 15–20 Zentimeter langen Drüse werden auch noch andere Hormone produziert. Zum Beispiel das Glucagon. Es ist der Gegenspieler des Insulins.
Ein gesundes Pankreas eines Erwachsenen hat etwa eine Million Inselzellen. Nach einer Mahlzeit schüttet das Pankreas Insulin ins Blut aus. Es dockt an den Rezeptoren der Zielzellen an, sodass die Glucose die Zellwand passieren kann. Nicht nur Muskelzellen verfügen über diese Rezeptoren, sondern auch Fettzellen. Hier wird Glucose zu Fett umgebaut. Gleichzeitig bewirkt das Insulin, dass das Speicherfett langsamer abgebaut wird. Nur Nervenzellen und rote Blutkörperchen können den Traubenzucker ohne Insulin aus dem Blut aufnehmen.
Funktioniert dieser Mechanismus nicht, dann gibt es über kurz oder lang große Probleme: Ohne Insulin bleibt die Glucose im Blut – kann also die Zellen nicht mit Energie versorgen.
Die Nierenschwelle
Der Anteil der Glucose im Blut wirkt sich unmittelbar auf die Arbeit der Nieren aus. Jeden Tag filtern die Nieren etwa 170 Liter an Primärharn aus dem Blut. Am Ende bleiben allerdings nur etwa ein bis zwei Liter übrig, die dann tatsächlich als Sekundärharn in die Blase wandern und ausgeschieden werden. Die größere Menge wird von der Niere »rückresorbiert«, also dem Blutkreislauf wieder zur Verfügung gestellt. Bei diesem Prozess wird auch Glucose zurückgeholt. Menschen mit intakter Insulinfunktion und normalen Blutzuckerwerten, haben wenig Zucker im Urin.
Ab einer bestimmten Menge an Glucose verweigern die Nieren allerdings die Rückführung. Das ist die Nierenschwelle. Man könnte sie als eine Art Überdruckventil bezeichnen. Die Schwelle beginnt normalerweise bei Blutzuckerwerten von etwa 160–180 mg/dl (8,9–10 mmol/l). Ist die Schwelle überschritten, wird mehr Glucose mit dem Urin ausgeschwämmt.
Wird ein entsprechender Farbteststreifen in Urin gehalten, kann man orientierend Auskunft gewinnen, ob überhaupt und wenn ja, wie viel Zucker im Urin ist. Die Diagnose Diabetes kann man mit dem Teststreifen nicht stellen, er liefert nur eine grobe Information. Bei normaler Stoffwechselfunktion und ohne »Zuckerexzesse« erwartet man ein negatives Testergebnis. Das heißt: kein Zuckernachweis im Urin. Bei dauerhaft hohen Blutzuckerspiegeln ist auch der Zuckergehalt im Urin positiv. Und dann ist auch der Test positiv.
Sind die Nieren bereits durch die Zuckererkrankung geschädigt, kann man diesen Test nicht mehr werten. Und bei Schwangeren wird sogar ein positives Testergebnis erwartet, weil bei ihnen bereits bei niedrigeren Blutzuckerspiegeln Zucker im Urin ausgeschieden wird. Das ist bei werdenden Müttern ganz normal und per se nicht krankhaft.
Die Glucose zieht immer auch Wasser mit sich, das zusätzlich über den Urin ausgeschieden wird und dem Körper damit verloren geht. Bei hohen Blutzuckerspiegeln wird also auch viel Wasser »mitgerissen«. Die Folgen sind häufiges Wasserlassen und ständiges Durstgefühl.
Hinzu kommt: Der mit der Mahlzeit angestiegene Blutzuckerspiegel bleibt bei Diabetikern hoch. Das macht auf Dauer krank. Doch wie kommt es dazu?
Typ-1-Diabetes – wenn das Immunsystem die eigenen Zellen angreift
Beim Typ-1-Diabetes greift das körpereigene Immunsystem die Hormon produzierenden Zellen an und zerstört sie. Es handelt sich um eine Autoimmunkrankheit. Dabei reagiert der Körper mit einem Entzündungsprozess gegen das eigene Gewebe. Es kommt zum Zelltod der Hormon produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse.
1869 hat der deutsche Pathologe Paul Langerhans in der Bauchspeicheldrüse die Inselzellen entdeckt. Weil das blutzuckersenkende Hormon aus diesen Zellinseln stammt, heißt es auch so: Insulin. Die Langerhans-Inseln machen nur etwa zwei Prozent des gesamten Gewebes unserer Bauchspeicheldrüse aus. Hier gibt es mehrere Zelltypen. Etwa drei Viertel davon sind Betazellen, die das blutzuckersenkende Hormon produzieren. Knapp jede fünfte Inselzelle ist eine Alphazelle, die den Hormongegenspieler liefert. Außerdem produziert die Bauchspeicheldrüse noch Hormone, die Wachstum und Appetit anregen.
Sterben beim Typ-1-Diabetes die Inselzellen ab, kann der eigene Körper nicht mehr für eine ausreichende Insulinproduktion sorgen. Es kommt zu akutem Hormonmangel und dauerhaft hohem Blutzucker. Diese Form der Zuckererkrankung beginnt meist sehr plötzlich und führt unbehandelt zum Tod.
Schon gewusst?
Kinder aus Typ-1-Diabetikerfamilien, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen, werden häufiger zuckerkrank als Babys, die auf ganz normalem Weg ins Leben reisen. Wissenschaftler vermuten, dass die Kleinen im Geburtskanal Bakterien schlucken, die ihr Immunsystem stärken.[3]
Etwa jeder vierte Typ-1-Diabetiker hat einen nahen Angehörigen mit dieser Erkrankung. Bei 90 % der Typ-1-Diabetiker kann man spezielle genetische Merkmale im Blut nachweisen. Mit teuren Spezialuntersuchungen lassen sich zudem Stoffe im Blut nachweisen, die gegen das eigene Körpergewebe gerichtet sind und die insulinproduzierende Bauchspeicheldrüsenzellen entzünden und zerstören. Allerdings sind noch nicht alle Prozesse bis ins Detail entschlüsselt.
In Gewebeproben aus der Bauchspeicheldrüse können Experten unter dem Mikroskop die entzündeten Bauchspeicheldrüsenzellen beim Typ-1-Diabetiker sehen.
Allerdings wurde noch nicht herausgefunden, warum es zum Typ-1-Diabetes kommt. Diskutiert wird da einiges. Es wird vermutet, dass bestimmte Viren, akute Erkrankungen und/oder Umweltgifte einzeln oder aber auch kombiniert die Auslöser sein könnten.
Weitere genetisch bedingte Diabetesformen
Der Typ-1-Diabetes tritt meist im frühen Lebensalter in Erscheinung. Bei einer selteneren Sonderform des Typ-1-Diabetes (LADA) ist der Blutzucker erst später nach dem 25. Lebensjahr oder im Seniorenalter zu hoch, weil der Hormonmangel sich nur schleichend entwickelt. Die Abkürzung LADA steht für die englische Bezeichnung »late onset autoimmunity diabetes in the adult«. Ins Deutsche übersetzt bedeutet das: verzögert auftretender, autoimmun bedingter Diabetes beim Erwachsenen. Im ersten halben Jahr kommt der Körper bei dieser Form der Zuckererkrankung meist noch ohne eine zusätzliche Bauchspeicheldrüsenhormongabe zurecht.
Ende der 1970er-Jahre wurde diese verzögert auftretende Form des Typ-1-Diabetes zum ersten Mal beschrieben. Erst in den letzten Jahren haben Wissenschaftler festgestellt, dass sich diese Variante der Zuckerkrankheit prinzipiell zu jedem Zeitpunkt im Erwachsenenalter zeigen kann. Zunehmend wird diese Diagnose heute auch bei älteren Erwachsenen und Senioren gestellt. Insgesamt nimmt die Zahl der Typ-1-Diabetiker in den letzten Jahren zu. Auch die Altersmediziner wissen heute: Bei ihren Diabetespatienten ist dieser Typ der Zuckererkrankung in etwa 5–15 % die Ursache.
Vereinzelt gibt es eine weitere erbliche Diabetesvariante mit mehreren Unterformen, bei der die insulinproduzierende Bauchspeicheldrüsenzelle defekt ist. Dieser Erkrankungstyp liegt bei etwa 1 % der Zuckerkranken vor. Wo der Fehler im Einzelnen liegt, kann man heute mit Spezialuntersuchungen im Blut genau zeigen. Kranke Gene sind auch manchmal die Diabetesursache, wenn das Hormon Insulin nicht so an der Zielzelle wirken kann, wie es eigentlich soll.
Typ-2-Diabetes – die Folgen des metabolischen Syndroms
