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Die Autorin Lenka Sochor informiert in diesem Ratgeber über alle Aspekte der Onkologie bei Hunden: die Entstehung von Krebs, die Diagnostik, Behandlungsmöglichkeiten in der Veterinärmedizin und in der Naturheilkunde, adjuvante und komplementäre Therapien, palliative Behandlungen und Schmerzmanagement. Für Laien leicht verständlich zusammengefasst hilft dieses Buch mit vielfältigen Informationen durch die emotionale Zeit.
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Für mich brach eine Welt zusammen. Mein Riesenschnauzerrüde Faxe war (m)ein Traumhund. Gerade sechs Jahre alt und in der Blüte seines Lebens. Sein Züchter arbeitete sehr gewissenhaft, die Rasse galt als äußerst robust. Mein Großer war von sensiblem Wesen, aber bislang nie ernsthaft krank gewesen. Wir wohnten auf dem Land mit ausreichend Bewegung und Beschäftigung, er wurde geliebt und gebarft und ich hielt mich insgesamt für einen gesundheitsbewussten Hundebesitzer. Wie konnte das sein?
Die Prognose zur Überlebenszeit bei »unserer« Tumorart – ein amelanotisches Melanom der Maulschleimhaut, die seltene, aber äußerst aggressive Ausprägung eines oralen Tumors – betrug laut onkologischer Fachliteratur maximal zwölf Wochen. Der konsultierte Tierarzt sagte nur: »Es gibt kaum eine Erfolg versprechende Therapie. Am besten, Sie machen sich Gedanken zur Euthanasie.« Angst und Erschütterung machten sich breit. Nach vielen schlaflosen Nächten, noch mehr Tränen und ausgiebigen Recherchen war klar: Nein, das wollte ich nicht. Ich würde meinen Kumpel nicht einfach so aufgeben und dem Krebs etwas entgegensetzen!
Es wurde eine Reise über knapp zwei Jahre, die mich eines lehrte: Krebs bei Hunden ist – genauso wie beim Menschen – nicht automatisch ein Todesurteil. Nur leider kennen sich verdammt wenige so gut damit aus, dass sie betroffene Tierbesitzer angemessen begleiten können. Bei der Beschäftigung mit passenden Behandlungsmöglichkeiten fand ich einen Flickenteppich an einigen wenigen schulmedizinischen und zahlreichen, aber unzusammenhängenden komplementärmedizinischen Angeboten vor. Offenbar war es auch so, dass die Forschung in der Veterinärmedizin – trotz signifikant steigender Statistiken bei Krebserkrankungen von Kleintieren – noch weit hinter den Fortschritten der Onkologie in der Humanmedizin hinterherhinkte (und uns zudem die USA und Schweiz in einigen Aspekten weit überlegen waren). Zusätzlich musste ich erfahren: Die beiden Disziplinen arbeiteten meist nicht zusammen! Oft belächelten Veterinäre die Kollegen Tierheilpraktiker, und diese wiederum schimpften auf radikale Therapieansätze und gedankenlose Anwendung karzinogener Stoffe der konventionellen Tiermedizin. Irgendwo dazwischen war auch noch die von monetären Interessen geprägte Welt der Pharma- und Tierbedarfsindustrie mit im Spiel. In diversen privaten Internetforen für Tiere kursierten unter der Rubrik »Krebs« teils haarsträubende Empfehlungen für Hausmittel, Ferndiagnosen, kopierte Therapiepläne, esoterische Konzepte oder ellenlange Belehrungen zum vermeintlich ethisch korrekten Umgang mit Krebserkrankungen bei Tieren.
Nicht nur aus medizinischer Sicht waren Entscheidungen zu treffen, sondern auch mit all den ethischen Fragestellungen wurde man rasch konfrontiert. Ich fühlte mich alleingelassen und mehr als verwirrt … Was waren Tatsachen und wirksamkeitsgeprüfte Methoden und was nicht? Weshalb gab es nirgends einen Überblick für betroffene Halter? Was wäre das Beste für mein Tier? Wie finde ich Informationen und wo neutrale und kompetente Unterstützung?
Nur eines wusste ich ganz sicher: Ich würde mir und meinem Hund selbst helfen müssen – und vielleicht anderen Tierbesitzern ebenso. Denn durch die Erfahrungen, die Faxe und ich auf unserem Weg machten, ist die Idee zu diesem Ratgeber entstanden.
Danke,
schwarzer Ganove
Dieser Ratgeber ist ein persönlicher Erfahrungsbericht.
Er stellt eine erste inhaltliche und emotionale Orientierung bei Krebserkrankungen von Hunden dar. Unsere Geschichte soll Ihnen helfen, sich im weiten und unübersichtlichen Feld der Therapieoptionen zurechtzufinden und den steinigen Weg im emotionalen Chaos nach der Diagnose »Krebs« etwas leichter gestalten.
Der Bericht hat keinerlei wissenschaftlichen Anspruch oder behauptet, vollständig bzw. tagesaktuell zu sein. Die Erkenntnisse innerhalb der onkologischen Veterinärmedizin und der alternativen Krebsheilkunde unterliegen einem laufenden Wandel durch Forschung, klinische Erfahrung und sich ständig erweiterndem Erfahrungswissen. Auch ist die Veterinärmedizin im Fachgebiet Onkologie noch lange nicht auf dem Stand der humanen Schulmedizin, sodass viele Ansätze und Therapieformen für unsere Vierbeiner leider einfach (noch) nicht zur Verfügung stehen. Die »Kategorisierung« der vorgestellten Themen und Kapitel mag subjektiv sein, was weder deren Existenzberechtigung noch deren Relevanz in Frage stellen soll.
Die Autorin übernimmt keine Garantie auf Heilungserfolge oder auf ein Anschlagen einer bestimmten Vorgehensweise bzw. Therapie. Weiterhin dürfen die gesammelten Informationen nicht als Aufforderung zu einer bestimmten Behandlung oder Nichtbehandlung verstanden werden.
Nichtsdestotrotz fühle ich mit Ihnen und Ihrem erkrankten Schützling und drücke alle Daumen bzw. Pfoten für Ihren weiteren, gemeinsamen Weg.
Sollten Sie Fragen oder Anregungen zu diesem Ratgeber haben, so freue ich mich auf Ihre E-Mail an: [email protected]
Folgt man tiermedizinischen Studien, so entwickelt nahezu jeder vierte Hund und jede sechste Katze im Lauf ihres Lebens einen Tumor. Fast jeder zweite Hund in einem Alter von über zehn Jahren verstirbt an dieser Erkrankung, sofern sie bösartig ist. Krebserkrankungen sind somit die häufigste Todesursache bei unseren Heimtieren.
Dies lässt zunehmend die Frage nach dem »Warum?« lauter werden. Sicherlich trifft es zu, dass Tiere dank verbesserter Pflege im Vergleich zu früheren Zeiten ein höheres Alter erreichen und somit allein die Wahrscheinlichkeit einer malignen Erkrankung steigt. Auch die Fortschritte in der tierärztlichen Diagnostik sind ein Faktor. Die Technik macht es heute möglich, kleinste Geschwüre frühzeitig zu erkennen – denn noch vor 50 Jahren starben Hunde an Krebs, ohne dass man wusste, was der Vierbeiner nun eigentlich hatte. Aber auch wir Menschen und unsere Umweltbedingungen spielen eine große Rolle für das steigende Krebsrisiko unserer Lieblinge. Es gibt also viele Aussagen hierzu, aber eine richtige und klare Antwort werden Sie nicht bekommen. Denn genauso wie in der Humanmedizin versteht bis heute niemand umfassend, wann und weshalb Krebs bei Tieren entsteht. Dennoch gibt es einige Faktoren, die eine Tumorbildung nachweislich begünstigen. Da Krebs immer ein multifaktorielles Geschehen ist, gelten die folgenden Ursachen als mögliche »Trigger«:
Alterung eines Organismus, d. h. Fortschreiten des Lebensalters und die damit verbundenen physiologischen und biologischen Veränderungen in Stoffwechsel, Gewebe, Organen und Zellen
Kontakt mit Umweltgiften, Schadstoffen, Schwermetallen oder Strahlung wie beispielsweise mit Blei, Arsen, Cadmium, Nickel, Quecksilber, Elektrosmog u.v.m.
Belastung des Organismus mit Toxinen oder Unverträglichkeiten der Medikation im Rahmen veterinärmedizinischer Behandlungen
Stress und Überlastung durch nicht artgerechte Haltung, ungünstige Lebensumstände, ungeeignetes Umfeld
Traumata und/oder seelische Blockaden, vor allem auch solche, die das Tier vom Halter übernimmt
Fehlernährung oder Futtermittel mit minderwertigen, chemisch belasteten und krebsfördernden Inhaltsstoffen
Chronische Entzündungsprozesse, folglich eine Schwächung des Immunsystems und die vermehrte Bildung freier Radikale
Mängel des körpereigenen Abwehrsystems (Immunsystem)
Störungen im Vitalstoffhaushalt, in den Entgiftungs- und Ausscheidungsfunktionen oder im Säure-Basen-Gleichgewicht
Störungen der Darmtätigkeit bzw. des Verdauungssystems
Störungen im Hormonsystem
Blockaden in den Zellatmungsfunktionen bzw. deren Mangelversorgung, Zellmutationen/DNA oder genetische Disposition
Belastung durch Viren oder Bakterien
Wenn die Diagnose »Krebs« gestellt wird, fällt man als Tierhalter zunächst in ein tiefes Loch. Krebs macht Angst und Panik, es lähmt einen – es kreisen nur noch die Gedanken darum, dass mein Schützling sterben wird. Doch halt! Krebs ist nicht unbedingt ein Todesurteil und ein Therapieversuch sollte auf jeden Fall eine Überlegung wert sein. Erkrankte im Jahr 1970 ein Hund an einem Osteosarkom der Vordergliedmaßen, betrug seine Überlebenszeit nach Amputation etwa einhundert Tage. Heute könnte dieser Hund mit Gliedmaßen erhaltender und adjuvanter Therapie an die drei Jahre überleben. (*Quelle: »Tumorprognosen häufiger Tumoren bei Haustieren«, Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Grades eines Dr. med. vet. beim Fachbereich Veterinärmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen) Dieser Unterschied ist beachtlich und für viele Tierbesitzer von wachsendem Interesse. Aufgrund des steigenden Wohlstands und der soziologischen Entwicklung hat sich die Beziehung zu unseren Haustieren längst gewandelt. Sie werden nicht mehr als Nutztiere, sondern als Familienmitglied und gleichwertiger Sozialpartner angesehen. Um das Leben des Tieres zu verlängern, wächst deshalb auch die Akzeptanz, sich zu informieren und unter Umständen moderne Behandlungen in Betracht zu ziehen.
Nur musste ich lernen: Die Verunsicherung mangels unzureichender oder falscher Informationen ist hier groß. Auch kann es in dieser Situation – alleingelassen und unter vermeintlichem Zeitdruck – schnell dazu kommen, dass keine vernünftigen und den Umständen entsprechend geeigneten Entscheidungen und Maßnahmen getroffen werden. Die Veterinärmedizin sorgt in ihrer Beratung vielfach dafür, dass rein wissenschaftlich bewiesene Fakten und eine gewisse Härte im Umgang mit der Hoffnung der Tierhalter vorherrschen, z. B. bei der Ermutigung zu einem Therapieversuch. Zudem werden integrative Ansätze und naturheilkundliche Möglichkeiten – auch die nachweislich erfolgreichen – oftmals ignoriert oder belächelt.
Beispiel gefällig? Der mit Faxe für die Zweitmeinung konsultierte Tierarzt meinte lapidar: »Ach wissen Sie, Krebs. Selbst bei Einleitung einer Ersttherapie wird es ja schon zu spät sein. Im Prinzip werden Mikrometastasen bei jedem Herzschlag, den wir uns jetzt hier unterhalten, durch die Blutbahn des Hundes gepumpt. Die konventionelle Behandlung Ihres Falles würde Zigtausende Euros verschlingen; man müsste ein Viertel Kiefer entfernen und der Hokuspokus der Alternativmedizin interessiert bei dieser schweren Diagnose nicht. Da macht doch kein Hundehalter mit Überlebensprognose von drei Monaten noch irgendetwas.«
Was meinen Sie, wie hilfreich mir diese unempathische und rigorose Aussage bei einer Entscheidung war?
Um es vorwegzunehmen: Bei dieser Entscheidung – pro oder contra einer Behandlung – gibt es keinen richtigen oder falschen Weg. Auch wenn man durch sein Umfeld, die veterinär-onkologische Szene oder soziale Medien manchmal den Eindruck gewinnt, dass es alle anderen besser wissen. Es gibt nur Ihren eigenen Weg und den Ihres Tieres. Die Entscheidung für oder gegen eine Therapie muss deshalb jeder betroffene Halter unter den gegebenen Umständen, den eigenen Ressourcen und der persönlichen Haltung selbst fällen. Ich wusste noch nicht recht, wie und welche, hatte mich aber bei meinem Hund relativ schnell für die Einleitung einer Behandlung entschieden. Bei seiner Krebsart wurde leider offensichtlich nicht allzu viel Restlebenszeit erwartet und eine rein palliative Behandlung empfohlen. Und wir waren einfach noch nicht so weit, um uns voneinander zu verabschieden.
Eine interessante Frage – deshalb möchte ich diese Überlegung aus dem Buch von Norbert Kilian, »Krebs bei Hunden erfolgreich behandeln«, aufgreifen. Leider beschäftigt sich das Werk ziemlich dogmatisch mit der Behandlung via Vitamin B17, sodass ich mich hier auf die Frage konzentrieren möchte: Kann man feststellen, ob eine Krebstherapie notwendig ist, erfolgreich war und, falls ja, was genau dabei Erfolg bedeutet? Wenn man die Medizin befragt, können in der Onkologie zwar sogenannte »Tumormarker« benannt werden. Das sind Substanzen, die bei einem bösartigen Geschehen vermehrt im Körper anfallen. Sie werden aber vor allem bei der Verlaufskontrolle einer Krebserkrankung bestimmt und sind nur selten hilfreich bei der Diagnostik. Zunächst einmal ist da also die Frage nach der zutreffenden Diagnose (dazu später auch mehr) – sprich, ob überhaupt Malignität vorliegt. Manche Krebsarten treten bei Tieren nur an bestimmten Körperstellen auf oder kommen im fortgeschrittenen Alter nachweislich häufiger vor. Aber auch wenn es Symptome und Hinweise gibt, die auf eine bösartige Veränderung schließen lassen: Krebs lässt sich weder vorhersehen noch in irgendeiner Form »testen« (die Diagnose von Leukämie bildet hier eine Ausnahme). Die einzige Möglichkeit besteht also darin, den Tumor oder Teile davon im Labor untersuchen zu lassen, was eine Biopsie bzw. Operation voraussetzt.
Und selbst hierbei musste ich bei der Prüfung eines zweiten Rezidivs von Faxe die Erfahrung machen, dass ein ehemalig maligne zugeordnetes Material rasch dazu führen kann, dass auch nachfolgende Gewebeproben vorschnell klassifiziert werden. In unserem Fall wahrscheinlich falsch. Freie Übersetzung des pathologischen Berichts: »… da es vor einem halben Jahr so und so zugeordnet wurde … muss auch bei dieser Probe mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass es sich um ein Rezidiv des Tumors xy handelt …«
Des Weiteren muss man sich klar sein, wie man den Erfolg einer Therapie beurteilen will. Wenn der Tumor im Guten entfernt werden konnte? Wenn keine neuen Veränderungen, Rezidive oder Metastasen auftreten? Wenn man Lebensqualität oder Zeit gewonnen hat? Wenn man das Gefühl hat, es gehe dem Tier besser als vorher? »Patienten sind erst vom Krebs geheilt, wenn sie an einer anderen Krankheit sterben« – so lautet ein Witz unter (menschlichen) Onkologen. Auch wenn es etwas morbide klingt, ist leider Wahrheit enthalten. Denn Krebs ist ein chronisches Geschehen und die Frage, ob das geplagte Tier nach einer Therapie davon geheilt ist, kann höchstwahrscheinlich nicht beantwortet werden. Und da es keinen verlässlichen »Krebstest« gibt, gibt es folglich auch keine Möglichkeit festzustellen, ob eine Behandlung erfolgreich abgeschlossen ist.
Dieser generelle Vertrauensverlust in die Gesundheit ist übrigens ein Punkt, der mir persönlich außerordentlich schwergefallen ist. Nach der ersten Operation war die Krebsgeschwulst erst einmal weg – die damit verbundenen Ängste allerdings nicht. Einmal von Krebs betroffen, führt dies oft zu einer lebenslangen Prädisposition und bei Mikrometastasen weiß man nie. Es galt also fortan die Ungewissheit auszuhalten, ob mit meinem Dicken alles in Ordnung ist und bleibt oder nicht. Ob und wann die prognostizierten Rezidive und Metastasen auftreten, die Angst bei jeder Nachuntersuchung. Ständig war ich nun auf der Hut und sensibel für anderweitig auftretende Symptome, die eventuell gar nichts mit der Primärerkrankung zu tun hatten. Man ist gut beraten, sich in dieser Situation selbst zu reflektieren, damit man besser erkennt, woher diese Ängste stammen. Sind sie aus medizinischer Sicht realistisch oder nicht? Beruhen sie auf einer anderen Erfahrung – im sozialen Umfeld der Familie oder Freunde oder aus Erfahrungen mit anderen Tieren –, sind also eventuell eine Projektion? Bin ich ein besonders (über-)fürsorglicher Typ, verdränge ich Themen wie Krankheit und Tod, welchen Anspruch habe ich an die Verantwortung gegenüber meinem Tier?
Mein Fazit: Als Halter kann man nicht eindeutig und zweifelsfrei erkennen, ob eine Therapie im Sinne der konventionellen Medizin erfolgreich ist. Man kann nur subjektiv bewerten, ob es seinem Schützling unter oder nach der Therapie besser beziehungsweise in der Gegenwart gut geht. Und dafür sorgen, dass man selbst mit dieser fiesen Erkrankung bestmöglich zurechtkommt – mehr dazu im Kapitel »Psychoonkologie für Tierhalter«.
Die Entscheidung für einen Therapieversuch bei meinem schwarzen Dieb war nach zahlreichen Recherchen, Telefonaten mit einer renommierten Tierklinik und dem Schock beim Einholen der Zweitmeinung gefallen. Nur – welche Therapie wäre die richtige? Im Gegensatz zu vielen anderen Krankheiten gibt es zur Behandlung von Krebs kein einheitliches Verfahren. Denn die Krebsart, ihr Ausmaß, das betroffene Körperteil beziehungsweise das betroffene Organ wie der Allgemeinzustand des Patienten stellen wichtige Parameter für die Wahl einer Behandlungsstrategie dar.
Viele der Therapien, die es in der Humanmedizin bei Krebserkrankungen gibt, stehen inzwischen auch unseren Tieren zur Verfügung. In spezialisierten Praxen oder Tierkliniken sowie Zentren mit entsprechendem Schwerpunkt hat die moderne Onkologie in der Veterinärmedizin längst Einzug gehalten.
Die Meinung vieler Tiermediziner ist dabei meist recht eindeutig und kalkulierbar. Was therapierbar ist, wird nach vorliegenden klinischen Studien entschieden und empfohlen. Was aussichtlos erscheint, wird palliativ oder durch Euthanasie unterstützt. Auf komplementäre oder gar alternative Therapien angesprochen, hört man aus dieser Riege meist den Satz: »Tun Sie es nicht, es ist nicht erwiesen.« Eine große Zahl der Naturheilkundler wiederum setzt sich dafür ein, als alternativ-medizinisches Pendant und, wenn schon nicht das, zumindest als ergänzende Disziplin von der klinischen Onkologie anerkannt zu werden. Oft jedoch verurteilt sie dabei konventionelle Maßnahmen aufgrund ihrer radikalen Ansätze und den meist toxischen Eingriff in den Organismus. Vielfach wird auch beklagt, dass Naturheilmethoden in Kombination mit der Schulmedizin nicht richtig wirken könnten oder viel zu spät in Anspruch genommen werden, um wirksam zu sein. Ein entsprechender emotionaler Druck ist also auch hier schnell aufgebaut.
Unter Umständen kann man nicht zuletzt durch soziale Medien oder einschlägige Internetforen in die Irre geleitet werden. Diese haben das Thema Krebs bei Tieren längst in diversen Blogs aufgegriffen. Die Mehrzahl der Mitglieder ist einfach nur auf der Suche nach Austausch. Leider tummeln sich dort aber auch all jene, die eine solide Bewertung der Situation mit Glaubenssätzen und persönlichen Werturteilen verwechseln: konventionelle Therapien (der Klassiker: Chemo) sollte man krebskranken Tieren auf keinen Fall antun, man müsse die Krankheit akzeptieren, eine schöne Restlebenszeit bereiten und dann »loslassen«. Oder umgekehrt: Man sollte aus allen verfügbaren Rohren schießen und unbedingt behandeln, denn das Tier einfach seinem Schicksal zu überlassen, das ginge ja wohl gar nicht. Man dürfe auf gar keinen Fall dies und das … Leute, ein dringender Appell: Was soll das? Hört auf damit! Es hilft keinem der betroffenen Tierbesitzer weiter. Sie haben sich offensichtlich an die Öffentlichkeit gewendet, um nach einer lebensbedrohlichen Diagnose praktische oder emotionale Hilfe zu suchen, nicht um dogmatische Diskussionen zu führen oder fertiggemacht zu werden. Bitte lernt doch endlich zu unterscheiden zwischen der eigenen Meinung und dem vorgetragenen Anliegen der fragenden Person.
Als betroffener Halter ist es zunächst einmal nachvollziehbar, dass man bei Krankheiten, die seitens der Schulmedizin als »unheilbar« gelten und für die es kein Standardtherapeutikum gibt, das unter Garantie heilt, neben den standartisierten Wegen auch alternative Pfade gehen möchte, um seinem Schützling eine möglichst hohe Überlebenschance zu sichern. Des Weiteren ist es auch logisch, dass man die Aussage eines Tierarztes, die häufig lautet: »Es tut uns leid, wir können nichts mehr für Ihren Hund tun …«, nicht zwangsläufig zum Anlass nehmen muss, um nach Hause zu gehen und auf das Eintreten des Todes zu warten. Heute denke ich, dass eine angemessene Behandlungsstrategie – sofern man ein Überleben seines Tieres erreichen möchte – irgendwo in der goldenen Mitte zwischen den beiden Disziplinen »Schulmedizin« und »Naturheilkunde«, also in ihrer zielgerichteten Kombination liegt. Der Begriff der integrativen Medizin beschreibt es sehr schön: Der Therapeut verschafft sich einen Überblick und bedient sich aus einer Vielzahl an Behandlungsoptionen aus den Feldern der Schul- und Naturmedizin, wie zum Beispiel Arzneimittel, Chemotherapie, Physiotherapie, Chiropraktik, Akupunktur, Phytotherapie, TCM, Anthroposophische Medizin, Homöopathie, Biologische Tierarzneimittel etc. – und wählt aus all diesen Methoden die für den tierischen Patienten geeigneten Therapieformen aus. Das kann ein operativer Eingriff in Kombination mit konventionellen Arzneimitteln sein, das kann eine Chemotherapie in Begleitung mit Akupunktur sein, das kann aber auch die alternative Monotherapie mit einem Phytotherapeutikum sein. Nicht die Therapieform steht im Mittelpunkt, sondern der Patient, und für diesen wird das Optimum zusammengestellt. Bevor jedoch diese – mitunter sehr aufwendigen und offenbar teilweise auch umstrittenen – Therapien in Anspruch genommen werden, ist es notwendig und sinnvoll, die Erkrankungsphase und den Zustand des Patienten genau abzuklären. Die Frage nach der »richtigen« Therapie lässt sich also nur durch eine gute Diagnostik beantworten.
